Herbert Lewin und seine Amme Frau Schaller

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Frau Schaller war meine Amme und ich habe sie sehr geliebt. Solange ich in Osterode lebte, habe ich sie besucht und fand immer ein offenes Haus. Frau Schaller hat bei der Post als Aufräumefrau gearbeitet und die älteste Tochter war bei uns Stubenmädchen. Die haben am Stadtrand von Osterode gewohnt. Da gab es noch kein elektrisches Licht. Ich war ein Jahr arbeitslos. Sonntags bin ich mit dem Radl zu den Schallers gefahren, obwohl ich manchmal nicht wußte, ob ihr Sohn, mein Milchbruder Hans zu Hause ist. Hans war mein bester Freund. Ich hab gewußt, unter der Matte ist immer der Wohnungsschlüssel. Ich bin dort rein gegangen, hab mich zum Fenster gesetzt, die haben nur ein Fenster gehabt zum Hof raus. Beim Fenster ist der Radioapparat gestanden, da hab ich mir Radio Warschau eingestellt, denn da gab es Sonntagmittag immer ein schönes Konzert. Dort hab ich meine Seele baumeln lassen. Ich hab gewußt, es kann mir nichts passieren, weil rundherum Proletarier, lauter Kommunisten und Sozialdemokraten waren.

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Interviewee

Herbert Lewin