Elisabeth Horsky

Elisabeth Horsky mit ihren Töchter Anne-Marie Javor und Daniela Segenreichwien, Österreich

Wien

Österreich
Datum des Interviews: Januar 2002/ Dezember 2007/Januar 2008
Name des Interviewers: Arthur Schnarch/Tanja Eckstein

Elisabeth Horsky hat sich nach reichlichem Überlegen entschlossen, für unser Projekt ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Sie empfängt mich sehr herzlich in ihrer Wiener Wohnung. Es fällt ihr nicht leicht, denn ihre behütete Kindheit und Jugend endet schlagartig 1938. Nach sechs schweren Jahren wird sie 1944 mit ihren Eltern, Verwandten und Freunden nach Polen, ins KZ Auschwitz-Birkenau, deportiert. Noch heute ist es ihr nicht möglich, genauer darüber zu berichten. Sie ist eine gute Gesprächspartnerin, und ich freue mich jedes Mal auf ein Wiedersehen mit ihr.

Den Großvater Josef Mermelstein hab ich kaum gekannt. Ich kann mich aber noch an die Schiwe [1] im Jahre 1929 erinnern. Damals war ich sechs Jahre alt. Das Wohnzimmer war verdunkelt und es stand ein Darrebrett [Totenbahre] an die Wand gelehnt. Das war richtig unheimlich. Die Großmutter Gittl, die wir immer nur Babe [Anm.: jiddisch für Großmutter] gerufen haben, ist nach dem Tod des Großvaters zu meiner Tante Rosi ins Haus gezogen. Wir haben sie dort oft besucht, und ich habe von der Babe jedes Mal selbstgebackene Plätzchen bekommen. Sie ging immer mit einem Kopftuch und war sehr lieb und geduldig mit mir. Ob sie einen Scheitl [2] getragen hat, kann ich nicht sagen. Im Jahr 1938 wurde sie sehr krank. Mein Vater ist immer nach der Arbeit zu ihr gegangen, und sie ist noch im selben Jahr gestorben.

Mein Vater Simon Mermelstein wurde am 12. Dezember 1883 in Munkács [Anm.: In den Friedensverträgen nach dem 1. Weltkrieg, im Jahre 1919, geht Munkács, das zum Königreich  Ungarn gehörte, an die Tschechoslowakei. 1938 wird es an Ungarn zurück gegeben, nach dem 2. Weltkrieg gehört die Stadt zur Ukraine] geboren. Er hatte sechs Geschwister: Rosa Jakubovic, bei der meine Großmutter nach dem Tod des Großvaters gewohnt hat, hatte vier Söhne und zwei Töchter. Die sechs Kinder der Tante, Nandor, Jenö, Micky, Bözsi, Manci und Schani, waren wunderschön - ein Kind war schöner als das andere.

Nandor hat in Prag Medizin studiert. Als die Deutschen Prag 1939 besetzten, ist er nach Palästina geflüchtet. Aber er konnte im damaligen Palästina nicht weiter studieren. Er hat aber eine gute Partie gemacht, zwei Kinder bekommen und in Haifa eine Eisenwarenhandlung betrieben. Ich habe ihn in Israel noch besucht, er ist sehr jung, mit 41 Jahren, an einem Herzinfarkt gestorben.

Jenö hatte das Lebensmittelgeschäft seines Vaters übernommen und war in der Familie als Geldausgeber bekannt. Er hatte in den frühen 1930er-Jahren eine Weltreise gemacht, die ihn bis Honolulu gebracht hat. Am Rückweg seiner Weltreise ist er nach Monte Carlo gefahren und hat dort sein ganzes Geld verspielt. Er hat dann von dort öfters telegrafiert, dass er Geld braucht, bis Tante Rosi, seine Mutter, genug hatte. Er hat sich aber, als sein Vater krank wurde, und er das Geschäft übernommen hat, etwas beruhigt und sich sehr bemüht, aber wie der Vater war er nicht. Er hat Lilli, aus Michalovce in der Slowakei, geheiratet, aber Kinder haben sie keine gehabt. Lilli war mit mir im KZ Auschwitz Birkenau [3]und hatte, da sie aus derselben Stadt wie die Lagerälteste des C-Lagers war, einige Vergünstigungen und konnte mir dadurch sehr helfen. Lilli war in der Schreibstube - das war eine sehr gehobene Position im Lager. Sie konnte Ballett tanzen und hat in Birkenau an einem Abend eine ganz wundervolle Vorstellung gegeben. Jenö war im Arbeitslager und ist nach dem Krieg verwundet zurückgekommen. Er hatte dann mit meinem Bruder in Karlsbad ein Geschäft und ist 1948 mit Lilli nach Israel gegangen und dort relativ jung gestorben.

Der drittälteste Bruder war Micky. Er ist nach Jugoslawien geflüchtet, hat sich dort den Partisanen angeschlossen und wurde von den Deutschen umgebracht. Es gibt in der Gegend irgendwo eine Gedenktafel mit seinem Namen.

Bözsi hatte einen Arzt, den Dr. Szász in Uzhorod [heute Ukraine] geheiratet. Als die Deutschen kamen, haben sie mit ihrem Sohn Selbstmord begangen.

Manci und ihr Mann, der Herr Gutman, hatten ein Farbengeschäft. Damals haben die Leute der Umgebung, es waren viele Dörfer in der Nähe, ihre Häuser selbst gestrichen. In dem Geschäft gab es auch Klebstoffe, Pinsel und alles was man braucht, wenn man etwas streicht oder renoviert. Der Sohn Peter war ein wunderschönes Kind. Manci und Peter sind im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet worden. Mancis Mann hat überlebt und ist nach dem Krieg nach Amerika zu Verwandten emigriert.

Rosis jüngster Sohn Schani wurde deportiert und ermordet.

Ein Bruder meines Vaters, der Moritz, hatte zwei Söhne und lebte in dem Kurort Daruvar [heute Koatien]. Er arbeitete als Uhrmacher und Juwelier. Er und seine Familie sind von den Deutschen umgebracht worden.

Die Tante Tubi hatte einen Jugoslawen geheiratet und lebte auch in Daruvar. Sie haben uns immer in Munkács besucht. Auch sie und ihr Mann wurden von den Deutschen ermordet. 

Der älteste Bruder meines Vaters, Onkel Mechel, kam 1926 oder 1927 mit viel Geld aus Amerika zurück. Er hat ein Haus gekauft und einen Kolonialwarenhandel betrieben. Seine Frau - die Tante Schari - sah sehr resolut aus und war es auch. Sie hatten drei Töchter, von denen die Ilonka sich nach Amerika retten konnte. Alle anderen sind im Lager [Anm.: KZ Auschwitz-Birkenau] umgekommen.

Tante Piroska hatte Lajos Schönberger geheiratet, mit dem sie eine Buchhandlung 40 Kilometer östlich von Munkács, in Beregszasz [ukr. Berehowe: liegt heute zum kleineren Teil in Ungarn, zum größeren Teil in der Ukraine] betrieben hat. Sie kam uns oft besuchen, und ich war auch manchmal bei ihnen zu Besuch. Sie hatten zwei Kinder, einen Buben und ein Mädel. Alle sind, gemeinsam mit der Schwiegermutter, im KZ umgekommen.

Und dann war noch die Tante Berta. Sie hatte den Dr. Rosner, einen Zahnarzt aus Humene, in der Slowakei, geheiratet und hat mit ihm bei Bauern versteckt überlebt. 1948 sind sie nach
Amerika emigriert.

Mein Großvater mütterlicherseits hieß Simon Blum. Er war ein sehr angesehener Mann in der Stadt. Er war sehr religiös, aber damals war jeder Jude in Munkács religiös. Mein Großvater trug aber weder Kaftan noch Streimel [jiddisch: Mütze mit Pelz besetzt]. In der damaligen Zeit wurden die meisten Streitereien unter Juden nicht bei einem städtischen Gericht, sondern mittels eines Beth Din [Rabbinergericht; wörtlich ‚Herr des Hauses der Gerechtigkeit’] geregelt, und mein Großvater war, Dank seines Wissens und Ansehens, oft als Beisitzer dabei.

Dem Großvater gehörten ein großes Wirtshaus mit separatem Gästezimmer, in dem die Leute Billard spielten und ein Weinkeller. Sein Wein war sehr gut, denn er hatte Bestellungen aus der ganzen Umgebung. Im Wirtshaus gab es einen Apparat, in den man Geld hinein werfen konnte, und es kam Musik heraus. Auch ein Grammophon, das war ein Riesenkasten mit Platten, besaßen die Großeltern. Mein Onkel Moritz, der Bruder meiner Mutter, war lange vor dem Krieg nach Amerika ausgewandert und hatte das Grammophon geschickt.

Einen Bruder meines Großvaters habe ich gekannt, ich kann mich aber an seinen Namen nicht mehr erinnern. Er war ein reicher Mann mit einem großen Möbelhaus in Munkács, in dem Möbel, Teppiche und andere Dinge verkauft wurden. Das Geschäft lag am Korso und war so groß wie ein Warenhaus. Es gab auch Filialen - eine zum Beispiel in Uzhorod. Dieser Teil der Familie des Großonkels war für seine großen Nasen bekannt, und eine Tochter des Großonkels, die Manya, war die Erste, von der ich je gehört habe, die sich einer Nasenoperation unterzogen hat. Mein Großonkel saß immer mit einer langen Pfeife vor seinem Geschäft, und wenn ich im Winter vorbeikam, hat er mir immer eine Krone fürs Eislaufen gegeben. Das war viel Geld, um fünf Kronen hat man damals schon ein gutes Mittagessen bekommen. Danach bin ich zum Teich gegangen, das war ein ziemlich weiter Weg. Dort standen Bänke, auf die man sich gesetzt und mit einem Schlüssel die Eisen auf die Schuhe montiert hat. Der Teich war geräumt, so war das Eis schön glatt, und wir sind bis zum Abend geblieben. Einmal ist mein Vater uns holen gekommen, weil wir die Zeit vergessen hatten und es schon finster war. Eine Uhr hatte ja keiner, und die Glocken hat man da draußen nicht gehört. Der Bruder meines Großvaters wurde im Lager [Anm.: KZ Auschwitz-Birkenau] umgebracht. Eine seiner Töchter war mit einem Dr. Gross verheiratet. Sie hatten eine Tochter, die habe ich auch gekannt. Dr. Gross hat den Krieg nicht überlebt. Mutter und Tochter sind nach dem Krieg nach Israel ausgewandert. Es ging ihnen dort nicht sehr gut, und ich habe manchmal Pakete geschickt.

Meine Großmutter mütterlicherseits hieß Ida Blum - gerufen wurde sie Eidel. Sie war aus der großen Munkácser Familie Ackermann. Sie war sehr fromm und trug immer einen Scheitl. Von ihren zahlreichen Geschwistern habe ich einige kennen gelernt: Da gab es eine Großtante, die hieß Roth. Sie wohnte ganz in unserer Nähe. Sie besaßen eine Papierfabrik. Mit ihrer Tochter Miriam war ich befreundet, sie war nur ein paar Jahre älter als ich. Sie lebt jetzt mit ihrer Tochter in Los Angeles [USA]. Eine andere Tochter der Roths war mit dem Rechtsanwalt Katz verheiratet. Sie wurde auf der Flucht vor dem Holocaust nach Budapest mit ihrem Sohn erwischt und ist so umgekommen. Eine weitere Tochter der Roths hat nach Rumänien geheiratet. Sie hat den Krieg überlebt, aber ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist. Dann gab’s noch eine Schwester von Großmutter Eidel - ich kann mich an den Namen nicht erinnern - die hatten ein Schuhgeschäft. Eine andere, Großtante Goldstein, hatte einen Lebensmittelgroßhandel, und wir sind oft am Schabbes [4] mit ihr spazieren gegangen. Sie ist mit mir, meiner Mutter, der Großmutter Eidel und meiner Tante Flora und ihrem Sohn Otto in Polen, im KZ Auschwitz-Birkenau in einer Reihe gestanden. Nur ich wurde auf die andere Seite geschickt, alle anderen wurden ermordet.

Meine Mutter, Serena Mermelstein, geborene Blum, wurde im Juni 1890 in Munkács als eines von sieben Geschwistern geboren. Sie hatte drei Schwestern und drei Brüder. Der Ignaz und der Marton waren Zwillinge, was ich lange nicht gewusst habe, da sie sich überhaupt nicht ähnlich sahen. Marton hatte eine Tochter und einen Sohn. Als ich noch ganz klein war, hat der Großvater meiner Mutter, der schon sehr krank war, bei Marton gewohnt. Onkel Marton hat seine Familie im KZ verloren und ist nach dem Krieg in Munkács gestorben. Ignaz hat seinen jüngeren Sohn Schani im Lager [Anm.: KZ Auschwitz-Birkenau] verloren und ist mit seiner Frau und dem älteren Sohn Gyuszi nach Amerika emigriert. Gyuszi lebt in South Carolina [USA] und hat drei Söhne, die mich schon in Wien besucht haben.

Tante Marischka, sie war eine sehr schöne Frau, war mit dem sehr frommen Schulem Beer verheiratet. Dieser Schulem Beer war die beste Partie in der Stadt. Irgendwie haben sie aber das ganze Geld ausgegeben und sind dann nach New York ausgewandert. Ich weiß nur, dass Marischka in New York Krawatten genäht hat. Sie hatten zwei Söhne, den Berl und den Moische, die ungefähr in meinem Alter waren. Niemand hat mehr was von ihnen gehört.

Tante Flora war mit Tuniu Grünwald verheiratet. Tuniu Grünwald war der Kompagnon des Farbengeschäfts von Tante Mancis Mann, dem Herrn Gutman. Sie hatten einen Sohn Otto. Tante Flora war mit mir im KZ und ist dort mit ihrem Sohn Otto umgebracht worden. Ihr Mann ist nach dem Krieg nach Munkács zurückgekommen. Er ist dann nach Amerika zu Verwandten ausgewandert und war immer mit meinem Bruder in Kontakt. In Amerika hat er noch einmal geheiratet und hatte mit seiner Frau noch eine Tochter. Er ist früh gestorben, ich glaube in den 1960er Jahren. Seine Frau hatte eine Schwester in Budapest, und ich habe sie einmal in Wien getroffen.

Tante Feigusch war mit Berkovic verheiratet und hatte zwei Töchter, die Marika und die Edith. Sie hatten eine Druckerei in Beregszasz [heute Ukraine]. Keiner ist aus dem KZ zurückgekehrt.

Onkel Moritz war der jüngste. Ich habe ihn erst nach dem Krieg in Amerika kennen gelernt, da er schon vor dem Krieg nach New York ausgewandert war. In New York hat er ein Restaurant besessen. Er hatte eine Tochter Elaine, die eine Tochter und einen Sohn hat. Ich war bei Elaines Hochzeit. Moritz war mit meinem Bruder Gyuszi in Kanada in regem Kontakt, und wir haben uns alle zur Bar Mitzwa [5] von Gyuszis Sohn in Kanada getroffen. Moritz ist 1973 in New York verstorben.   

Am 1. April 1921 ist mein Bruder Julius zur Welt gekommen. Wir haben ihn alle immer Gyuszi genannt. Ich bin am 24. Dezember 1923 geboren und wurde immer Erzsi genannt.

Bis zu meinem 20. Lebensjahr habe ich in Munkács gelebt. Es gab in der Stadt sehr viele Juden, Ruthenen und Schwaben, aber auch Tschechen, Ungarn und Polen. Alle Nationalitäten hatten ihre eigenen Schulen, und es gab ein Theater in der Stadt, in dem immer wieder Gastspiele von ungarischen Operetten aufgeführt wurden. Manchmal kam auch ein jiddisches Theater auf Gastspiel. Die Deutschen, die dort lebten, waren Schwaben, und sie haben ein ganz besonderes Deutsch gesprochen. Sie sind immer in die Stadt arbeiten gekommen, meistens im Winter nach der Ernte, da hatten sie nichts zu tun. Auch als unser Haus gebaut wurde, waren schwäbische Arbeiter dabei, mit denen mein Bruder Julius und ich uns unterhalten haben. Zu den anderen Volksgruppen hatten wir, außer im Geschäft meine Vaters, kaum Kontakt.

Vierzig Prozent aller Bewohner in Munkács waren Juden. Es waren auch orthodoxe Juden wie heute in Bnei Brak [Anm.: Stadt in Israel, nordöstlich von Tel Aviv, wo ultraorthodoxe Juden leben], da kann man sich gar nicht vorstellen, wie religiös die waren! Sie haben in einem eigenen Viertel gewohnt, dort war die Mikwe [6] und dort waren ihre Geschäfte. In der Nähe hat der Rabbiner gewohnt, der Munkácser Rebbe. Ich hab´ nur gehört, wie man erzählt hat, dass jeden Freitagabend die Chassidim [7] des Munkácser Rebben zu ihm gegangen sind ’Schreiem essen’: Was der Rebbe uns überlässt, ist eine Mizwe [8], eine verdienstvolle Handlung, und bei ihm zu sein, war eine große Ehre. Es war nicht so einfach, zu ihm zu kommen. Bei seinem Begräbnis war die Straße schwarz vor Menschen, es waren Tausende. Ich hatte aber zu diesen streng Orthodoxen keinen Kontakt. In der Stadt hat man sie höchstens am Shabbes, wenn sie vom Tempel gekommen sind, mit dem Streimel gesehen. Einer der Religiösen war der Teichmann, der hat nicht weit weg von uns gewohnt. Er hat nach dem Krieg in Wien gelebt, ist aber bereits gestorben. Wenn ich gekommen bin, ist er immer vom Trottoir hinunter gegangen. Da hab ich immer gefragt: ‚Mutter, warum tut er das? Was hab ich ihm getan? Warum geht der runter vom Trottoir?’ Da hat sie mir erklärt, dass er so religiös ist und nicht anders kann. Ich hatte ja ein Kleid an, vielleicht mit kurzen Ärmeln oder so.

Es gab in Munkács sehr reiche Juden, die sich Häuser gebaut haben und dann geschaut haben, wer edlere Bäume im Garten hat. Sie haben sich sehr schöne Kleider aus Budapest bestellt und Bälle im Hotel Csillag [ungarisch: Stern] gegeben. Es gab auf der anderen Seite aber auch eine riesige Armut. Aber für die armen Juden wurde gesorgt. Jeden Donnerstag sind sie betteln gekommen - aus der ganzen Umgebung. Da war immer das Geld hergerichtet, und jeder hat sich etwas genommen. In den Geschäften gab es zum Beispiel einen Teller mit Kleingeld, und wer arm war, durfte sich davon nehmen. Es waren sehr viele alte Juden unter den Bettlern, aber die Juden haben irgendwie zusammengehalten.

Wenn die Leute vom Land in die Stadt kamen, meistens sind sie mit einem Fuhrwerk gekommen oder zu Fuß, sind sie barfuss gegangen, weil es schade war um die Schuhe. Sie haben sich die Schuhe um den Hals gehängt, und bevor sie in die Stadt gekommen sind, haben sie sich die Schuhe wieder angezogen. Das war eine richtige Armut, das kann man sich nicht vorstellen. Wenn der Winter gekommen ist, konnten viele Kinder nicht in die Schule gehen, weil sie keine Schuhe hatten.

In Munkács lebten einige ziemlich verrückte Typen. Einen hat man immer Meier Ziz gerufen. Meier hat er geheißen, aber die Leute haben ihn ärgern wollen. Er hat damals bei uns im Haus ganz rückwärts gewohnt. Da lebte er mit seiner Mutter und zwei Schwestern zusammen. Er ist so komisch gegangen und hatte dabei immer die Hände in den Hosentaschen, und er hat immer hin -und hergeschaut, ob jemand kommt. Und wenn er gekommen ist, haben die Leute geschrieen: ‚Meier Ziz!’ Dann hat er irgendwas herum geschrieen. Es gab auch einen Typen, der war sehr groß. Und wenn er einen Anfall gekriegt hat, ist er mit riesengroßen Schritten, wie eine Gazelle, über die Straße gerannt. Und plötzlich war er wieder normal. Den haben die Leute aber in Ruhe gelassen. Er hatte zwei Schwestern, mit denen war ich im Lager [Anm.: KZ Auschwitz-Birkenau]. Die eine war Blanca, die hat nach dem Krieg in Brüssel gelebt. Dort hab ich sie einmal getroffen. Dann gab es noch den Herschele Kakas, dem die Leute Herschele Kakas Kukuriku nach geschrieen haben. Er war Angestellter in einer Bank und hatte ganz normal gearbeitet. Und plötzlich ist er verrückt geworden. Er trug immer ein weites Sakko mit riesengroßen Taschen, und die Taschen waren voll mit Papieren. Er hat sich eingebildet, dass diese Papiere für ihn sehr wichtig sind. Und die Leute haben sich mit ihm unterhalten über diese Papiere. Der ist nur so rumspaziert in der Stadt und hat niemanden etwas getan. Die Leute haben auch ihn geneckt, aber er hat nicht darauf reagiert, weil er geglaubt hat, dass sie ihn Ernst nehmen. Weil er eine so interessant aussehende Figur war mit diesem Sakko und den Papieren in den Taschen, er war nicht sehr groß und durch die Papiere sah er sehr dick aus und er ist immer mit einem Stock herumgegangen, war er irgendwie so eine Witzfigur, und es kamen immer wieder Maler, denn es gab bei uns einige junge Künstler, die in München, das war damals eine Künstlerstadt, studiert haben, die ihn gemalt haben. Man hat die Leute, die studiert haben bewundert, man hatte so eine Sehnsucht, auch irgendwo wegzufahren, denn das war damals nicht so einfach. Und die haben dann auch andere mitgebracht, die den Herschele Kakas gemalt haben. Ich habe sogar in einem Schaufenster ein gemaltes Porträt von ihm gesehen. Es war zum Verkauf ausgestellt.

Ein Munkácser, der in Paris gelebt und studiert hat, der war für uns ein Übermensch, denn das haben sich nur wenige leisten können. Manche Munkácser haben nach 1938 in Debrecen studiert, denn Munkács gehörte ab 1938 zu Ungarn. Eigentlich wurden Juden ja dann zum Studium nicht zugelassen, aber die hatten das irgendwie geschafft. Es waren zwei Söhne eines Arztes, und irgendein Verwandter dieser Familie, die in Debrecen Medizin studiert haben. Und ich glaub, sie haben es sogar geschafft, vor dem Einmarsch der Deutschen in Ungarn, das war im März 1944, mit dem Studium fertig zu werden. Ich hab sie einmal in Prag getroffen. Aber nur ganz kurz, ich hatte leider keine Zeit, viel mit ihnen zu sprechen.

Als ich klein war, haben wir ein bisschen entfernt der Stadt gewohnt. Eine Nachbarin war eine Jüdin, aber in der Umgebung gab es nicht viele Juden. Die meisten haben in der Stadt gelebt. Ich hatte damals gemeinsam mit meinem Bruder ein Zimmer. Das Haus war ein Zweifamilienhaus, und es gab einen riesigen Garten. Unser Garten war so groß, dass ich mich gar nicht getraut habe, nach rückwärts zu gehen, weil ich Angst vor Schlangen hatte. Ich hab mir eingebildet, dass es da bestimmt irgendwelche Schlangen gibt. Aber ich hab nie eine gesehen. Sehr, sehr viele Freunde hatten wir dort. Wir haben uns regelmäßig getroffen und waren von früh bis abends beschäftigt. Meistens haben wir bei irgendjemandem auf dem Hof oder in unserem Garten gespielt. Da gab es auch wunderbare Nussbäume, die ganz alt und riesig waren. Wir sind auf Bäumen herum geklettert und haben grüne Zwetschgen gegessen. Die sollten wir natürlich nicht essen, weil man davon Durchfall bekommen kann. Wir haben sie trotzdem immer gegessen, aber Durchfall haben wir selten bekommen. Wenn wir gehört haben, dass die Glocken um 12 Uhr läuten, haben wir gewusst, jetzt müssen wir essen kommen. Was mit den vielen Kindern passiert ist, mit denen ich damals gespielt habe, weiß ich nicht, weil wir dann in die Stadt übersiedelt sind. In der Stadt ist mir das alles sehr abgegangen, diese Freiheit, die wir dort gehabt haben.

Es gab einen tschechischen Kindergarten in der Nähe, in dem auch Weihnachten gefeiert wurde. Der Kindergärtnerin des tschechischen Kindergartens waren die jüdischen Kinder aber nicht sehr willkommen, und deshalb wurden jüdische Kinder nicht in den Kindergarten geschickt.

Meine Mutter war der Meinung, ich soll in die tschechische Volksschule gehen, damit ich Tschechisch lerne. Ich hatte keine Ahnung von der tschechischen Sprache, denn wir haben ja ungarisch gesprochen. Tschechisch habe ich dann von meinem Bruder gelernt, der zwei Jahre älter war als ich und schon in diese Schule ging. Ich habe oft seine Hefte genommen, so dass ich, als ich in die Schule gekommen bin, schon tschechisch lesen und schreiben konnte.

Mein Bruder und ich sind in jüdische Organisationen gegangen. Wir waren im Haschomer Hatzair [9]. Es gab noch den Betar [10], aber da durften wir nicht hin. Im Schomer hat man Geschichten erzählt, man hat ein bisschen Hebräisch gelernt, man hat getanzt und israelische Lieder gesungen. Meinem Vater haben wir das lange verheimlichen müssen, denn er mochte die Zionisten nicht. Man hat damals gehofft, dass die Juden im Land bleiben, aber wir waren Kinder, viel hat nicht passieren können.

Mein Vater hat in den 1920er-Jahren das alte Rathaus von Munkács gekauft. In dem alten Rathaus wohnten polnische Juden. Die wohnten alle schon sehr lange in dem Haus, denn es wurde nicht mehr als Rathaus verwendet, deshalb haben sie es auch verkauft. Die alten Mieter wollten keine Miete zahlen. Einer hat gesagt: ‚Ich habe soviel Miete hier gezahlt, das Haus gehört schon mir.’ Und nach mehreren Jahren, mein Vater ist mit denen nicht fertig geworden, wollten wir das Haus renovieren lassen, denn es war in einem sehr schlechten Zustand. Die Mieter haben sich wahnsinnig dagegen gesträubt und sind zu verschiedenen Behörden gerannt, damit die das nicht erlauben. Die zuständige Behörde hat sich dann damit befasst und ist draufgekommen, dass man das Haus wirklich in Ordnung bringen muss. Aber es hat sich alles jahrelang hingezogen, es gab viele Prozesse. Doch dann wurden die Mieter delogiert, und sie wurden unsere größten Feinde. Als sie delogiert waren, haben wir gesehen, dass das Haus in einem schrecklichen Zustand ist. Damals war ein Gesetz, wenn man ein neues Haus baut, ist es 20 Jahre steuerfrei. Und daraufhin haben wir das Haus abreißen lassen und an derselben Stelle neu aufgebaut. Das muss dann so um 1933 gewesen sein. Die alten Mieter sind dann auf ewig unsere Feinde geblieben. Zum Beispiel war in dem alten Haus unten ein Gasthaus. Dort war in der Nähe eine Autobushaltestelle, da sind auch die Pferdewagen angekommen. Das war ein sehr guter Platz für ein Gasthaus. Der Gastwirt war sehr böse, dass er weggehen musste. Aber er hat gehofft, dass, wenn das neue Haus fertig gebaut ist, er eventuell zurückkommen kann. Als der Munkácser Rebbe gestorben war, war das ein Riesenbegräbnis. Jeder hat irgendwie diesen Sarg begleiten wollen, das ist üblich, und sie haben bei uns vorbei gehen müssen zum Friedhof. Und der Gastwirt ist zu uns gekommen und hat gesagt: ‚Ich möchte schon endlich sehen, dass man Sie so trägt!’ Meine Mutter ist in Tränen ausgebrochen, praktisch haben wir ihm nichts getan. Sie hatten sich das selber eingebrockt, sie hatten schließlich damit begonnen. Als das Haus dann fertig war, ist er auch nicht mehr zu uns gekommen, um nach einem Lokal zu fragen. Da war eine ältere Dame, mit der ich mich immer gut unterhalten hab. Ich habe geglaubt, sie ist uns gut gesinnt, und ich habe sie in ihrer neuen Wohnung besucht. Sie und ihre Tochter waren Schneiderinnen. Aber sie hatten im Haus keine Schneiderwerkstatt, denn damals hatte man nicht soviel Geld. Eine Werkstatt konnte sich nicht jeder leisten. Und ich bin sie besuchen gegangen, und wir haben gesprochen wie es war und wie es ist. Und plötzlich sagte sie: ‚Verbrennen! Verbrennen soll es!’ Sie hat das Haus gemeint. Manche ehemalige Mieter sind meiner Mutter nachgerannt und haben sie beschimpft. Munkács war halt eine kleine Stadt. Aber wir wollten ja das Haus viele Jahre renovieren lassen, und sie hatten sich geweigert, denn wenn es renoviert worden wäre, hätten sie bleiben können, aber mehr Miete zahlen müssen. Und das wollten sie nicht. Sie hatten sich das selber eingebrockt! Wir haben, bis das neue Haus fertig war, im umgebauten Hofgebäude, das früher das Gefängnis war, gewohnt. Dann sind wir in das neue Haus gezogen. In dem neuen Haus waren neun Geschäfte: ein Restaurant, ein Friseur, die Kolonialwarenhandlung meines Vaters, eine Buchhandlung, ein koscheres Lokal, das nur milchige Sachen hatte - Milch und Topfen [dt.: Weißkäse oder Quark] und solche Dinge - und man konnte dort eine Kleinigkeit essen, ein Schneider und ein Büro von der Henlein [11] Partei. Henlein war sudetendeutscher Politiker und später ein hoher Nazi. Die sind gekommen, dieses Lokal war noch frei, und wir hätten nicht sagen können: wir vermieten es Ihnen nicht. Ich weiß nicht, was genau sie dort gemacht haben, aber das Lokal war nicht sehr groß. Und dann war da noch ein Schuster.

In der Kolonialwarenhandlung meines Vaters gab es Zucker, Seife, Waschpulver, verschiedene Gewürze, Streichhölzer, Reis, Kaffee, Salz, Kerzen bis Schuhbänder - mit allem ist gehandelt worden. Montag, Mittwoch und Donnerstag sind die Leute aus der Umgebung einkaufen gekommen, da war immer sehr viel zu tun.

Es war damals anders als heute. Wir haben unsere Eltern und Großeltern gesiezt und mit ihnen in der dritten Person gesprochen. Nur mit den Tanten und Onkeln waren wir ‚per du’. Mein Vater war streng, und wir hatten großen Respekt vor ihm. Meine Mutter hat im Geschäft mitgearbeitet. Wir hatten immer ein Mädchen im Haus, das der Mutter mit dem Haushalt geholfen hat. Die Anni zum Beispiel hatte ihre Mutter geschickt, damit sie Kochen und Wirtschaften bei uns lernt. Das waren andere Verhältnisse als heute: Die Wäsche wurde zu Hause gewaschen und gebügelt, und die Teppiche wurden hinuntergeschleppt zum Klopfen. Die Bettwäsche wurde zuerst eingeweicht - das Mädchen hat bei uns geschlafen - drei Tage wurde Wäsche gewaschen. Zum Schluss wurde sie aufgehängt – je nach Wetter: wenn schönes Wetter war draußen, sonst am Dachboden. Jedes Zimmer wurde separat mit Kachelöfen geheizt. Man hat speziell Holz für die Öfen gekauft. Das Holz ist den ganzen Sommer im Hof gestanden, dann ist ein Arbeiter gekommen, der das Holz zersägt und geschnitten hat. Teilweise war es auch so geschnitten, dass es für Kachelofen gepasst hat, rund und dick. Das hielt dann zwei Stunden oder mehr die Wärme.

Jeden Samstagnachmittag waren wir bei den Großeltern mütterlicherseits. Sie wohnten in einem Haus mit Garten. Im Garten stand im Sommer immer ein großer Tisch. Die Eltern und Großeltern saßen an dem Tisch und haben alles besprochen, was während der Woche passiert war, und alle Kinder und Enkelkinder liefen im Garten umher und spielten miteinander. Wir haben auch jedes Purim [12] bei den Großeltern gefeiert. Die Großeltern haben Leute bestellt, die verkleidet gekommen sind und uns Kindern Purim Geschichten erzählt haben. Wir Kinder, ich hatte viele Cousins und Cousinen, die ungefähr in meinem Alter waren, hatten dreieckige Fahnen und Ratschen, mit denen wir viel Krach gemacht haben. Das war immer sehr lustig. Von meinen Cousins und Cousinen haben sehr wenige den Krieg überlebt.

Einmal im Jahr sind meine Mutter und meine Großmutter zusammen zur Kur nach Karlsbad [heute Tschechien] gefahren. Welcher Jud hat damals keine Gallensteine gehabt - alles wurde mit Gänseschmalz gekocht, denn das Gänseschmalz war koscher. Immer wenn der Zug durch den Tunnel gefahren ist, hat meine Großmutter gebetet vor Angst.

Mein Vater war fromm und ist jeden Tag ins Bethaus zum Morgengebet gegangen. Wenn er zurückgekommen ist, hat er mit uns gefrühstückt bevor er ins Geschäft gegangen ist. Mein Bruder Julius hat immer zu Hause gebetet und Tefillin [13] gelegt. Am Shabbes ist man nicht gefahren - Autos gab es keine, man ist immer alles zu Fuß gegangen. Mein Vater war immer mit dem Fahrrad unterwegs. Nur zum Bahnhof hat man sich einen Fiaker genommen. Aber am Shabbes ist er natürlich auch nicht mit dem Fahrrad gefahren, und das Geschäft war geschlossen. In unserer Nähe standen zwei gegenüberliegende Synagogen. Eine hat man ‚Schil’ genannt, und die andere war ein Tempel. Was der Unterschied war, weiß ich nicht. Beide Synagogen waren sehr groß. Der Tempel war etwas düster. Die Schil war schön, mit farbigen Fenstern. Mein Vater war im Tempel, und meine Mutter ist in die Schil gegangen, weil die Großmutter Eidel auch in die Schil gegangen ist. Der Großvater Simon war auch im Tempel wie mein Vater; alle hatten feste Sitzplätze. Im Tempel wurde über alles geredet, man hat sich erzählt, was in der Stadt passiert ist: wem es gut geht, wem es schlecht geht, wer kein Geld hat und wer viel Geld hat.

Eine meiner engen Freundinnen war die Judith Hausmann, die hat, als wir noch jung waren, geheiratet. Ich glaub, sie war 18, ein oder zwei Jahre älter als ich und meine anderen Freundinnen. Als sie geheiratet hat, wollten wir auch heiraten. Es hat uns so gut gefallen, wie der Bräutigam, der sehr fesch war, gekommen ist und sie umsorgt hat. Sie hatten sich in Budapest kennen gelernt, denn Judiths Schwester Erzsi war in Budapest Klavierlehrerin und die Schwester des Bräutigams war eine sehr bekannte Kosmetikerin in Budapest, deren Namen ich aber vergessen hab. Geheiratet haben sie dann in Tschop [heute Ukraine]. Das ist eine kleine Stadt, die heute im Dreiländereck von Ungarn, der Slowakei, und der Ukraine liegt. Tschop war nicht weit von Munkács entfernt. Man hat deshalb nicht zu Hause die Hochzeit gemacht, weil zu viele Leute gekommen wären. Munkács war eine kleine Stadt, jeder hat jeden gekannt, und dann wären natürlich alle gekommen. Darum sind sie nach Tschop ausgewichen. Judith hat dann mit ihrem Mann in Budapest gewohnt. Der Mann hat den Krieg nicht überlebt, Judith war während des Krieges in Budapest versteckt. Nach dem Krieg ist sie nach Amerika zu seinen Verwandten gegangen, und hat irgendwo in der Nähe von New York gewohnt. Dort habe ich sie einmal besucht. Ihre Schwester ist 1956, während des Ungarnaufstands [14], mit ihrem Mann und ihrer Tochter nach Österreich geflüchtet. Der Mann war Rechtsanwalt und konnte in Österreich in seinem Beruf nicht arbeiten: Darum sind sie nach einiger Zeit wieder nach Ungarn zurückgegangen. Die Tochter ist aber in Österreich geblieben und hat dann nach Südamerika geheiratet. Nach dem Krieg haben wir, meine Freundin Zsusi und meine Freundin Miriam, die mit mir im KZ waren und jetzt in Amerika leben, Judith in Budapest besucht. Wir waren alle vom KZ noch kahl geschoren. Als Judith mich gesehen hat, hat sie gesagt: ‚Wo sind deine schönen Haare?’ Das war wie ein Messerstich. Man hat ja selber nicht ständig daran gedacht. Also diese Sachen, die wir erlebt haben, die haben die anderen nicht verstanden.

Das wichtigste Vergnügen für uns war das Kino, das es in Munkács gab. Als ich klein war, ging ich immer am Sonntagvormittag zur Micky Maus Vorstellung. Später habe ich dort herrliche Filme gesehen, die ich jetzt noch nacherzählen könnte. Die Revuefilme mit Jeannette Mc. Donald und Edi Nelson, Shirly Temple, Tarzan mit Johnny Weissmüller, King Kong, Erol Flynn, viele Western und natürlich die französischen Filme mit Jean Gabin und Michèle Morgan haben dafür gesorgt, dass es außer mit Protektion fast unmöglich war, Karten für die Vorstellungen zu bekommen. Gott sei Dank, gab es den Benkö, einen der Schulkollegen meines Bruders, der der Sohn des Kinobesitzers war. So konnten wir an Karten herankommen. Alle Filme waren damals in Originalsprache mit ungarischen Untertiteln.

Wir haben zu Hause immer ungarisch gesprochen, aber man hat auch überall sehr viel Jiddisch gehört, das war gar nicht verpönt. Das Selbstbewusstsein der Juden war damals sehr hoch. Es gab keine jüdische Schule, aber natürlich mehrere Cheder [15], die keine richtige Schule sind. Aber es gab ein jüdisches Gymnasium. Alle Lehrkräfte im jüdischen Gymnasium waren Juden. Es war eine sehr niveauvolle Schule, und man hat alles auf Hebräisch gelernt. Aber den religiösen Juden war diese Schule irgendwie verpönt, da es eine zionistische Schule war, und mein Vater war ja auch nicht sehr für die Zionisten, weil das frei denkende Menschen waren. Es gab auch eine deutsche Schule. Wir hatten Nachbarn, die waren sehr religiös, sie haben sogar die Mikwe [16] gemietet, also sie waren wahnsinnig religiös. Und die sind zum Rabbiner gegangen und haben gefragt, ob sie das Kind ins jüdische Gymnasium schicken sollen oder in die deutsche Schule. Und der Rabbiner hat gesagt: besser in die deutsche Schule. Wir waren damals schon verwundert. Aber sehr viele der Kinder unserer Nachbarn und Bekannten sind auch in die jüdische Schule gegangen. Ich hatte eine Freundin, die ist ins jüdische Gymnasium gegangen, und als 1938 die Ungarn nach Munkács gekommen sind, haben die Eltern sie rausgenommen und in eine ungarische Schule gegeben. Sie waren mit der jüdischen Schule nicht so glücklich, ihr Vater war Arzt, und sie hatten Angst, dass sie vielleicht irgendwelche Schwierigkeiten kriegen. Jeder hat jeden gekannt und Angst gehabt, weil man damals geprüft hat, wer Ungar ist. Wer gegen Ungarn war, als die Ungarn reingekommen sind, dem hat man den Gewerbeschein weggenommen. Meine Mutter hat das dann irgendwie für unser Geschäft erledigt. Viele haben sich einen Strohmann genommen, der seinen Namen gegeben hat, und auf diesen Namen sind die Geschäfte weitergeführt worden.

1939, nach der Hauptschule, bin ich in die ungarische Handelsakademie gekommen und Gyuszi zuerst ins tschechische Gymnasium. In der fünften Klasse sind alle durchgefallen, alle bis auf fünf Studenten. Wegen fünf Studenten wollte man aber keine Klasse erhalten. Da wurde die Klasse annulliert. Meine Eltern wussten dann nicht, in welche Schule mein Bruder gehen sollte. In Chust [heute Ukraine] gab es eine tschechische Schule. Sie haben sich aber dann so entschieden, dass sie das Kind nicht wegschicken, und dann ging mein Bruder ins russische Gymnasium und hat russisch gelernt.

Die Juden sind fast nirgendwo mehr hingegangen. Vorher hat man Bälle besucht und ist ausgegangen. Wir nicht, aber wir haben von Verwandten gehört, auf was für Bälle sie gegangen sind. Jeder hat sich dann zurückgezogen. Die Stimmung war gedämpft. Man wollte nicht auffallen. Die Ungarn wollten Geld von den Juden. Sie hatten Adressen und haben die Juden abgeholt und mitgenommen. Meinen Vater haben sie auch mitgenommen. Sie haben ihn auf das Schloss Cohner gebracht, und nach einer Woche ist er nach Zahlung einer hohen Geldsumme wieder zurückgekommen. Aber wir haben geglaubt, was die Ungarn machen, ist nicht legal, und wir haben vielleicht sogar irgendwie Glück.

Ich habe dann die Schule wegen des ausbrechenden Antisemitismus abbrechen müssen, und habe den Eltern im Geschäft geholfen. Viele Kinder sind später doch wieder in die Schulen gegangen, aber mein Vater hat gesagt, dass ich die Schule nicht mehr brauche. Das war ganz normal für ein Mädchen, ich sollte ja schließlich heiraten. Aber mir hat die Schule gefehlt, und mir haben meine Freundinnen gefehlt. Ich habe dann bei einer Privatlehrerin Französisch gelernt. Man ist sich irgendwie so minderwertig vorgekommen. Wenn ich auch im Geschäft war, oder verreist war oder irgendetwas, egal, ich wäre viel lieber in die Schule gegangen. Es war nicht notwendig, dass ich überhaupt aufhöre. Darum habe ich dann Französisch gelernt. Ich bin zu meiner Französischlehrerin gekommen und hab das erst einmal nicht so ernst genommen. Da hat sie gesagt: ‚Hör mal zu, wenn du nichts lernst, dann brauchst du nicht mehr zu kommen. Schau dass du richtig lernst oder du kommst nicht mehr’. Sie war die Frau eines Journalisten und hatte einen Sohn. Sie musste unterrichten; sie hatte kein Einkommen. Ich glaube, sie hat auch Englisch unterrichtet. Ich habe dann besser gelernt. Und als ich nach dem Krieg nach Belgien geflüchtet bin, hatte ich bereits eine gewisse Basis für die französische Sprache. Meine Freundin Zsuzsi hat damals Englisch gelernt. Sie hatte einen Englischlehrer, der zu ihr ins Haus gekommen ist. Aber ich bin immer zu meiner Lehrerin nach Haus gegangen.

Das Leben ist schwerer geworden, aber man hat sich halt zurückgezogen, und man hat überleben können. Ich habe teilweise im Geschäft mitgearbeitet, aber wir hatten wenig Ware. Alles war nur auf Lebensmittelkarten erhältlich. Jüdische Händler bekamen nur 40% der Waren, die sie vorher gekauft hatten. Streichhölzer und verschiedene andere Dinge haben wir überhaupt nicht mehr bekommen. Wenn wir zum Beispiel einen Waggon Erbsen oder Bohnen gekauft haben, sind sie in ein Lager der Bank gekommen, und immer wenn wir einen Teil geholt haben, mussten wir dafür bezahlen. Ich bin damals oft nach Budapest gefahren, um Waren einzukaufen. Man hat den Firmen irgendwelche Geschenke oder Lebensmittel mitgebracht und hat so einiges kaufen können - Butter oder Gänseleber waren besonders begehrt. Alles wurde natürlich zum überhöhten Preis verkauft, weil das ja illegal war. Ich bin immer mit der Arpad Bahn direkt von Munkács nach Budapest gefahren. Da musste man nicht stehen, denn es wurden nur soviel Karten verkauft, wie es Sitze gab. Im Zug hab ich manchmal die ganze Strecke stehen müssen. Einmal bin ich mit dem Zug angekommen, da sind Polizisten am Bahnhof gestanden. Sie haben die Leute beobachtet. Und es stiegen auch Frauen mit Perücken aus. Die Polizisten haben sich diese Frauen geschnappt, weil sie wussten, dass das Jüdinnen sind und nachschauen wollten, was die alles in ihren Taschen hatten. Und ich hab´ so geschaut. Da zeigte ein Polizist auf eine Frau und sagte zu mir: ‚Schau´ sie dir an. Sie hat die Tasche voller Waren.’ Und ich dachte: Wenn du wüsstest, was ich alles hab. Ich mit meinen blonden Haaren war nicht gefährdet. Mein Bruder ist auch nach Budapest einkaufen gefahren, er war auch immer sehr geschickt.

Im Weingarten meiner Freundin Zsuzsi Bernstein habe ich viele glückliche Stunden verbracht. Am Hang wuchs der Wein, und unten waren eine Wiese, ein paar Bäume und ein Haus. Und natürlich gab es einen Weinkeller. Wenn wir da hineingegangen sind, waren wir schon von der Luft beschwipst. Ab 1938 war auch Magda dabei. Magda war aus der Slowakei geflüchtet, als diese sich selbständig gemacht hatte und ein faschistischer Staat wurde. Sie hatte in Munkács eine Tante und hat dann mit falschem Namen überlebt, weil sie zum katholischen Glauben konvertiert ist. Als die Deutschen kamen, hat man sie versteckt. Ich hab sie einmal zufällig in Prag getroffen. Als ich durch einen Park gegangen bin, hat sie da auf einer Bank gesessen. Sie hat mir dann alles erzählt. Nach dem Krieg ist sie wieder Jüdin geworden.

Es gab 1939 Juden, die nach Munkács gekommen sind. Das war an und für sich eine sehr traurige Sache, weil wir von draußen sehr schlechte Nachrichten gehört haben. Wir haben nicht gewusst was passiert, und wurden Freiwild. Ab 1940 sind wir so wenig wie möglich raus gegangen, meistens blieben wir zu Hause. Einkaufen konnte man aber auf dem Markt. Unser Geschäft lief nach wie vor. Meine Großeltern wurden aus ihrer Wohnung geworfen, aber sie hatten im Haus eine kleinere Wohnung. Man hat nur die, die keinen Gewerbeschein hatten, delogiert. Es gab aber auch die Verordnung, dass man nicht beim Juden kaufen durfte. Das war eine sehr schwierige Zeit. Mit 21 Jahren, das war 1942, musste mein Bruder, statt zum Militär, ins Arbeitslager. Wir durften ihn dort nicht besuchen, aber meine Mutter hat es geschafft, dass er ein Mal innerhalb von zwei Monaten nach Hause kommen durfte. Die Mutter war sehr tüchtig; sie hatte Verbindungen und hat immer Geld dafür gezahlt, dass er nach Hause kommen konnte. Wir haben ihm auch Pakete mit Essen und Wäsche geschickt. Wenn er zu Hause war, war er aber ständig bei seiner großen Liebe Genia. Genia ist nach dem Krieg nach Schweden gegangen und hat meinem Bruder von dort geschrieben. Sie wollte zu ihm zurückkommen, aber er wollte nicht. Er hat dann seine frühere Freundin Libuse geheiratet.

Wirklich ernst wurde es, als 1944 die Deutschen kamen. Die Deutschen haben die Befehle gegeben, und das ungarische Militär hat das ausgeführt. Die waren sehr motiviert, schlimmer als die Deutschen. Zuerst wurden alle Juden, die am Land gelebt haben, in einer Ziegelfabrik gesammelt. Nach und nach, schön langsam, wurden sie deportiert. Als alle weg waren, waren die Juden in Budapest dran. Viele sind nach Russland geflüchtet, aber 90 Prozent von denen haben es nicht geschafft, weil die Russen sie als Spione erschossen haben. In Munkács wurde ein Teil der Stadt zum jüdischen Ghetto erklärt. Das Haus meiner Tante Rosi stand im Ghetto, also sind wir zur Tante gegangen. Dort haben wir ein kleines Zimmer gehabt. Von dort wurden wir dann zur Ziegelfabrik gebracht. Das war ein weiter Fußmarsch, und jeder hat ein schweres Bündel getragen. Ich konnte nicht mehr und habe meines am Weg liegen gelassen. In der Ziegelfabrik haben wir am Boden gelebt - wie die Schweine. Dann wurden wir einwaggoniert und ins KZ Auschwitz-Birkenau nach Polen verschickt. Wir hatten keine Ahnung was uns erwartet! Wir haben geglaubt, wir kommen in ein Lager, wo die Jungen arbeiten, und die Alten zu Hause bleiben. Meine Freundin Miriam, die Tochter meiner Großtante Roth, die mit mir in der Ziegelfabrik war, hat mich damals überreden wollen, dass ich mit ihr nach Budapest flüchte. Ich hab gesagt: ‚Ich kann nicht flüchten. Ich kann nicht meine Eltern dalassen und weggehen. Ich mach das nicht.’ Sie hat gesagt: ‚Du kannst eh deinen Eltern nicht helfen.’ ‚Ich kann oder kann nicht. Mein Bruder ist nicht da, es ist niemand da. Ich kann nicht.’ Es haben sich viele in Budapest können, denn da gab es unter anderem auch eine zionistische Organisation zu der man gehen konnte und Papiere von christlichen Verstorbenen bekommen hat.

Am 23. Juni 1944 sind wir im KZ Auschwitz-Birkenau angekommen. Ich stand dort in einer langen Reihe mit meiner Mutter, Großmutter Eidel, Großtante Goldstein und Tante Flora mit ihrem Sohn Otto. Mich haben sie herausgeholt und auf die andere Seite gestellt. Die anderen habe ich nie wieder gesehen.

Ich hatte dort vier Freundinnen: Zipora, Gisi, Rosa und Kathi. Alle waren große Zionistinnen. Mit ihnen zusammen und auch mit der Lili, wurde ich im Dezember 1944 nach Zittau [Deutschland] zu den Junkers Flugzeug - und Motorenwerken gebracht. Da hat man schon gehört, dass die Russen kommen, und das KZ Auschwitz-Birkenau wurde geräumt. Man hat dort gefragt, wer schon in einer gehobenen Position gewesen war, und so ist die Lili wieder in die Schreibstube gekommen - sie hat sich damit ja schon ausgekannt. Wir haben Flugzeugmotoren mit Schraubenziehern zusammengeschraubt. Diese Schrauben hatten Zacken, und alles war immer voller Öl. Wir haben uns dauernd die Finger an den Zacken aufgerissen und dann eine Ölvergiftung bekommen. Trotzdem, die erste Zeit war das ein Luxushotel für uns. Dort hatte jeder ein Bett. Und es gab eine Zentralheizung und einen Waschraum, wo man sich waschen konnte. Wir haben Kübel organisiert, die Kübel mit Wasser auf die Zentralheizung gestellt, und so hatten wir abends warmes Wasser. Dadurch konnten wir unsere Sachen waschen. Dann ist es ein bisschen schlimmer geworden, weil Männer gekommen sind, mit denen wir teilen mussten. Wir haben zwölf Stunden am Tag gearbeitet. Später war es weniger, weil da der Krieg fast zu Ende war. Im Januar, Februar wurde bereits bombardiert. Es gab nichts mehr zu essen, es war auch nichts mehr zu organisieren.

Die Russen haben uns befreit, der Krieg war zu Ende. Eine Woche waren wir mit Zügen unterwegs nach Budapest. Wir sind umsonst gefahren, und da wir kein Geld hatten, gab es immer wieder Ausspeisungen auf den Bahnhöfen.

In Budapest habe ich dann mit Zipora und Kathi in der Rozsa Utca Schule geschlafen, dort hat man auch Essen bekommen, wenn man sich Besteck organisiert hatte. Von dort hat mich die Kathi zu ihrer Tante mitgenommen. Ich bin dann mit der Bahn nach Munkács gefahren, ohne zu wissen, dass diese Karpaten schon Ukraine sind. Ich mußte mich dann zum Arbeitsdienst melden. Der Stiefvater meiner Freundin Susi Bernstein, der Arzt war, hat mir aber eine Bestätigung geschrieben, dass ich krank sei. Und eines Tages, um fünf Uhr in der Früh, läutete es an der Tür: Zwei russische Soldaten standen da und wollten mich mitnehmen. Ich hatte aber das Papier von Doktor Meisels, habe es ihnen gezeigt und das hat mich gerettet. 

Die Leute in Munkács waren gehässig und schlecht, und Juden waren auch keine mehr dort. Zuerst habe ich mit meinem Onkel Ignaz, seiner Frau Serena und dem älteren Sohn Gyuszi zusammengewohnt. Sie sind dann aber nach Deutschland gegangen, wo Gyuszi erfolgreich studiert hat. Dann ist er mit einem guten Stipendium nach Amerika gegangen. Seine Eltern sind ihm gefolgt. Als die Leute, die in unsere Wohnung gezogen waren, wieder ausgezogen sind, natürlich haben sie dann alles mitgenommen, habe ich wieder zu Hause gewohnt. Mein Bruder ist einige Monate nach mir zurückgekommen. Wir hatten bei vier Familien Sachen hinterlegt, und nur von einer habe ich etwas zurückbekommen. Alle anderen haben gesagt, die Russen hätten es gestohlen. Das war mir aber dann egal, ich hatte soviel verloren, das hat mich auch nicht mehr interessiert. Aber ich habe gesehen, wie schlecht diese Leute waren und wie es ihnen gefallen hat, was mit uns Juden passiert war. Ich habe immer gespürt, dass es ihnen Leid tat, das wir zurückgekommen sind.

Ich bin dann mit meiner Tante Berta, die in Munkács war, weil sie auf den Friedhof gegangen ist, nach Humene, in die Tschechoslowakei gezogen. Ich fuhr im Zug, und prompt kamen zwei Russen, und ich sollte ihnen meine Bewilligung zeigen, dass ich die Sowjetunion, zu der ja die Ukraine gehörte, verlassen darf. Ich habe ihnen dann mein Anmeldeformular für den Arbeitsdienst hingehalten. Das war ein Riesenpapier mit vier oder fünf Stempeln. Ich glaube, die haben nicht lesen können. Die haben nur die Stempel gesehen und gesagt, es sei gut. Wenn ich dieses Papier nicht gehabt hätte, wäre ich in Sibirien gelandet.

Mein Bruder war zu der Zeit in Prag und hat versucht, sich ein Geschäft aufzubauen. Er hat dann mit unserem Cousin Jenö ein Geschäft mit Importwaren in Karlsbad eröffnet. Ich bin zu meinem Bruder nach Karlsbad gezogen und habe in einem Damenmodegeschäft gearbeitet. Da habe ich fast nichts verdient, aber mein Bruder hat für mich gesorgt. Ich glaube, mein Bruder hätte studiert, wenn er nicht für mich verantwortlich gewesen wäre. Ob er dann erfolgreicher gewesen wäre, weiß ich nicht.

Im Hotel Pupp habe ich dann meinen Mann Maximilian Grünberger kennen gelernt. Er war geschäftlich in Prag und ist manchmal, am Wochenende, nach Karlsbad gekommen. So sind wir uns begegnet. Er ist dann öfter gekommen und 1947 haben wir in Prag, im koscheren Restaurant Groß, auf der Terrasse unter der Chuppa [17], geheiratet. Mein Bruder und der Schuli [Salomon] Weiss, ein Freund aus Munkács, der später nach Israel ausgewandert ist, waren unsere Trauzeugen. Es waren ungefähr 25 Gäste, der Bruder meines Mannes, mein Bruder, unser Cousin Jenö und einige Freunde.

Mein Mann war 15 Jahre älter als ich und hatte im Krieg seine Frau und seine zwei Kinder verloren. Er war erst im ungarischen Arbeitslager Sarospatak und dann im KZ Mauthausen. Er hatte sieben Brüder, aber nur zwei haben überlebt: Der Älteste hieß Izso und hat überlebt, weil er vor dem Krieg nach Amerika ausgewandert war. In Amerika hat er sich dann Greenberg genannt. Sein Bruder Jenö hatte bis 1939 in Bratislava Medizin studiert und hat dann mit seiner Frau Aranka und den Töchtern Vera und Eva bis 1963 als Augenarzt in Prag gelebt. Dann ist er mit seiner Familie nach Israel emigriert und hat in Netanyia auch als Augenarzt gearbeitet. Die Eltern meines Mannes, Josef Grünberger und Esther, geborene Schwarz, waren auch im KZ umgekommen. Sie hatten in Lekard gewohnt, wo auch mein Mann aufgewachsen ist. Mein Mann, den ich immer Miksa nannte, wurde 1929 für drei Jahre zum Militär eingezogen. In der Tschechoslowakei waren auch Juden für den Wehrdienst tauglich. Vor dem Krieg besaß er in Uzhorod [heute Ukraine] ein Geschäft für Getreidehandel und er hat Dreschmaschinen ausgeliehen. Nebenbei hatte er noch mit Rapsöl gehandelt. Nach dem Krieg haben er und sein Bruder Jenö den Namen auf Horsky geändert. Viele Juden haben damals ihre Namen tschechisiert.

In der Tschechoslowakei haben die Kommunisten durch einen Staatsstreich 1948 die Regierung übernommen. Mein Bruder hat sein Geschäft aufgeben müssen, ist nach Brüssel gegangen und von dort nach Kanada emigriert. Zuerst hat er in Montreal als Angestellter gearbeitet. Dann hat er sich in Quebec City mit Alteisen selbstständig gemacht. Er hat sortiert und Recycling gemacht. Er war mit Libuse verheiratet und hatte drei Kinder, Andre, Anni und George. 1991, kurz bevor er gestorben ist, habe ich ihn dort noch besucht.

Ende der 1940er-Jahre war mein Mann gerade in Belgien. Ich bin dann aus der Tschechoslowakei zu ihm nach Belgien geflüchtet, obwohl ich einen Pass hatte. Aber man hat bei den Kommunisten nicht gewusst, ob der Pass gültig ist. Wir hatten einen Bekannten, der ein rumänischer Diplomat mit einem riesigen diplomatischen Wagen war. Er hat mich mitgenommen als seine Frau, mit dem Pass seiner Frau. Wir sind aus Prag so weggefahren, dass wir an der Grenze waren, solange es noch dunkel war. Er hat gesagt, ich soll so tun, als würde ich schlafen. Die Kommunisten damals haben sehr stark kontrolliert, aber sie haben nur in den Wagen und in den Kofferraum hineingeschaut, und dann durften wir weiter.

Mein Mann und ich haben dann in Brüssel gelebt. Es war eine wunderschöne, sehr reiche Stadt - da war während des Krieges fast nichts kaputtgegangen. Ich bin oft im Kaffeehaus auf der Terrasse gesessen und hab die mir die Leute angeschaut.

Am 16. März 1949 ist in Brüssel meine erste Tochter, Anne-Marie, geboren, wobei die Namensgebung eine eigene Geschichte ist: Ich wollte sie Monique Aimée, nach der französischen Schauspielerin Anouk Aimée nennen und habe meinem Mann den Namen für die Anmeldung im Rathaus aufgeschrieben. Unterwegs hat er aber einen Freund, den Pityu, getroffen, der gemeint hat: ‚Das ist doch kein Name, nenn sie Anne-Marie nach meiner Freundin, die ist ein tolles Mädchen.’ Meinem Mann war es egal, und so wurde sie als Anne-Marie eingetragen. Wir haben sie sowieso immer nur Cica, was auf Ungarisch Kätzchen heißt, genannt. Also, so schlimm war es dann doch nicht.

Wir konnten nicht in Belgien bleiben, man hatte zur damaligen Zeit für Flüchtlinge überhaupt nichts organisiert. Die wollten immer, dass die Leute nach Deutschland gehen. Man musste ständig Geld bezahlen, damit das Visum verlängert wird. Trotzdem lebten wir von 1948 bis 1953 in Belgien. Mein Mann hat wenig Geschäfte machen können, und so haben wir dort von Bargeld gelebt, aber das wurde langsam immer weniger. Wir haben überlegt, nach Amerika oder sonst wohin zu gehen. Dann haben wir gehört, dass wir österreichische Staatsbürger werden könnten. Wir waren staatenlos, hatten keine Papiere und keine Rechte. So sind wir nach Wien gekommen, haben uns erkundigt und sind geblieben.

Wir haben in der Jasomirgottstraße ein Textilgeschäft aufgemacht und sind dann zum Rudolfsplatz Nummer 5 übersiedelt. Da haben wir Textilien von einem Freund aus Amerika importiert. Ich habe mit meinem Mann zusammen gearbeitet, bis ich am 1. August 1959 meine zweite Tochter Viviane Daniela geboren habe. Sie wird von uns allen Dani genannt.

Mein Mann wollte immer einen Sohn, aber das wurde ihm erst von der Cica, die den Erwin Javor geheiratet hat, erfüllt. Erst kam am 21. Juni 1973 unsere Enkelin Nicole zur Welt und dann wurde 16 Monate später, am 17. Oktober 1974 der Marcel geboren. Endlich ein Mann in der Familie, denn die Dani hat mit ihrem Mann Ben Segenreich auch zwei Mädchen: Die Timna, die 1992 geboren wurde und die Noa, die 1995 geboren wurde. Die zwei hat mein Mann gar nicht mehr erlebt, weil er schon 1986 gestorben ist. Die Dani ist in den 1980er-Jahren nach Israel ausgewandert, deswegen haben die Enkel israelische Namen. 

Mein Mann hat das Lokal dann an den Wittmann verkauft, der neben uns ein Geschäft mit Bettzeug hatte.

Ich war jetzt in Dresden [Deutschland]. Dresden wurde von den Amerikanern im Februar 1945 total zerstört. Ich frage mich immer: Warum haben die Amerikaner und die Engländer alles bombardiert, nur nicht die Schienen, die nach Auschwitz geführt haben? Dann hätten die Juden nicht mehr nach Auschwitz deportiert werden können. Ich verstehe das bis heute nicht. Die Amerikaner hatten viele Jahre die Möglichkeit, die Schienen nach Auschwitz zu bombardieren. Sie haben sehr genau gewusst, was dort passiert. Sie haben ja sogar Juden, die sich nach Amerika retten wollten, zurückgeschickt. Niemand wollte die Juden, bis zum heutigen Tag will man sie nicht.

Heute hab ich eine Sendung im Radio gehört. Henryk Broder [18], hat gesagt, dass der 3. Weltkrieg eigentlich schon begonnen hat, nämlich am 11. September 2001 [19]. Das ist sehr erschreckend. Ich fahre regelmäßig nach Israel zu meiner Tochter Dani und ihrer Familie. Wenn man sich den Atlas nimmt und anschaut wie groß ganz Israel ist und wie viele arabische Länder neben Israel sind, kann man Angst bekommen.

Ich verbringe fast jeden Shabbes bei meiner Tochter Cica und den Enkelkindern und spiele mehrere Male in der Woche Bridge. Gott sei Dank geht es mir gesundheitlich so gut, dass ich mein Leben ohne fremde Hilfe führen kann. Ich habe mich in allen Familien Angelegenheiten auf meinen Bruder Gyuszi verlassen. Jetzt, wo ich versuche diese Geschichte zu erzählen, muss ich immer wieder sagen: ‚Mein Bruder hätte das gewusst’, aber leider kann ich ihn nicht mehr fragen.

Glossar

[1] Schiwe- Sitzen: Othodoxe Juden sitzen nach dem Tod eines nahen Verwandten sieben Tage Schiwe und sagen täglich ein Jahr Kaddisch [Jüdisches Gebet zur Lobpreisung Gottes. Das Kaddisch wird auch zum Totengedenken gesprochen].

[2] Scheitl [Scheitel]: Die von orthodox-jüdischen Frauen getragene Perücke.

[3] KZ Auschwitz-Birkenau: In Auschwitz [poln. Oświęcim], etwa 60 Kilometer westlich von Krakau, befand sich der größte Komplex von deutschen Konzentrationslagern und ein Vernichtungslager während des Nationalsozialismus. Dort wurden insgesamt mehr als 1,3 Millionen Menschen aus ganz Europa deportiert. Davon wurden hier geschätzte 1,1 Millionen Menschen ermordet, eine Million davon Juden. Etwa 900.000 der Deportierten wurden direkt nach ihrer Ankunft in die Gaskammern geschickt oder erschossen. Weitere 200.000 Menschen starben durch Krankheit, Unterernährung, schwerste Misshandlungen, medizinische Versuche oder Vergasung.

[4] Schabbat, jidd. Schabbes [hebr.: Ruhepause]: Der siebente Wochentag, der von Gott geheiligt ist, erinnert an das Ruhen Gottes am siebenten Tag der Schöpfungswoche. Am Schabbat ist jegliche Arbeit verboten. Er soll dem Gottesfürchtigen dazu dienen, Zeit mit Gott zu verbringen. Der Schabbat beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend.

[5] Bar Mitzwa: [od. Bar Mizwa; aramäisch: Sohn des Gebots], ist die Bezeichnung einerseits für den religionsmündigen jüdischen Jugendlichen, andererseits für den Tag, an dem er diese Religionsmündigkeit erwirbt, und die oft damit verbundene Feier. Bei diesem Ritus wird der Junge in die Gemeinde aufgenommen.

[6] Mikve - das rituelle Bad, das mit mayim chaim [‚lebendiges’, nicht-stehendes Wasser] gefüllt ist, hat für die meisten Jüdinnen und Juden heute etwas Rätselhaftes. Denn über die Mikve spricht man nicht. Das gilt zumindest, sofern man sie erstens ausschließlich als Instrument ehelicher Reinheit versteht - und sie zweitens überwiegend mit der Frau in Verbindung bringt. Denn in tsniouth [Zurückhaltung, Verbergen] soll sich die jüdische Frau üben - dazu gehört auch, dass sie über ihre Sexualität nicht spricht. Wenn sie aber erklärt, sie gehe in die Mikve - noch dazu, wenn sie nicht verheiratet ist! - gesteht sie indirekt ein, eine solche zu haben. Daher das diskrete Schweigen über die uralte Tradition.

[7] Chassid, Pl. Chassidim [hebr: ‚der Fromme‘]: Anhänger des Chassidismus, einer mystisch-religiösen jüdischen Bewegung, die im 18. Jahrhundert in Polen entstand.
Neben dem Torastudium rücken im Chassidismus das persönliche oder gemeinschaftliche religiöse Erleben - in Gebet, Liedern und Tänzen - und die ekstatische Begeisterung ins Zentrum.

[8] Mizwe: Für einen Guten Zweck

[9] Haschomer Hatzair [hebr.: ‚Der junge Wächter‘]: Erste Zionistische Jugendorganisation, entstand 1916 in Wien durch den Zusammenschluss von zwei jüdischen Jugendverbänden. Hauptziel war die Auswanderung nach Palästina und die Gründung von Kibbutzim. Aus den in Palästina aktiven Gruppen entstand 1936 die Sozialistische Liga, die sich 1948 mit der Achdut Haawoda zur Mapam [Vereinigte Arbeiterpartei] zusammenschloss.

[10] Betar: revisionistische zionistische Jugendbewegung. Betar ist eine Abkürzung und steht für ‚Brit Josef Trumpeldor‘. Die Bewegung wurde im Jahr 1923 in Riga [Lettland] gegründet.

[11] Henlein, Konrad [1898 bis 1945]: Sudetendeutscher Politiker, späterer Nationalsozialist und SS-Obergruppenführer.

[12] Purim: Freudenfest, das an die Errettung des jüdischen Volkes aus drohender Gefahr in der persischen Diaspora erinnert. Nach der Überlieferung versuchte Haman, der höchste Regierungsbeamte des persischen Königs, die gesamten Juden im Perserreich auszurotten. Der [jüdischen] Königin Ester gelang es jedoch, den König von den unlauteren Absichten Hamans zu überzeugen und so die Juden zu retten.

[13] Tefillin: lederne ‚Gebetskapseln‘, die im jüdischen Gebet an der Stirn und am linken Arm getragen werden und Texte aus der Torah enthalten.

[14] Ungarnaufstand: Im Ungarischen Volksaufstand versuchten die Ungarn im Oktober 1956, sich von der sowjetischen Unterdrückung zu befreien. Er begann am 23. Oktober 1956 mit einer Großdemonstration in Budapest und endete am 4. November 1956 durch den Einmarsch der Roten Armee.

[15] Cheder [hebr:Zimmer]: die Bezeichnung für die traditionellen Schulen, wie sie bis Beginn des 20. Jahrhunderts im osteuropäischen Schtetl üblich waren. Der Unterricht fand im Haus des Lehrers statt, der von der jüdischen Gemeinde bzw. einer Gruppe von Eltern finanziert wurde, und war in der Regel nur Jungen zugänglich. Der Unterricht fand in kleinen Gruppen mit Jungen verschiedener Altersgruppen statt.

[16] Mikve - das rituelle Bad, das mit mayim chaim [‚lebendiges’, nicht-stehendes Wasser] gefüllt ist, hat für die meisten Jüdinnen und Juden heute etwas Rätselhaftes. Denn über die Mikve spricht man nicht. Das gilt zumindest, sofern man sie erstens ausschließlich als Instrument ehelicher Reinheit versteht - und sie zweitens überwiegend mit der Frau in Verbindung bringt. Denn in tsniouth [Zurückhaltung, Verbergen] soll sich die jüdische Frau üben - dazu gehört auch, dass sie über ihre Sexualität nicht spricht. Wenn sie aber erklärt, sie gehe in die Mikve - noch dazu, wenn sie nicht verheiratet ist! - gesteht sie indirekt ein, eine solche zu haben. Daher das diskrete Schweigen über die uralte Tradition.

[17] Chuppe [jidd.; hebr.: Chuppa]: der Traubaldachin bei einer jüdischen Hochzeit – bedeutet das „Dach über dem Kopf“ und besagt, das ein Haus gegründet wird.

[18] Broder, Henryk - deutscher Journalist und Schriftsteller, entstammt einer polnisch-jüdischen Familie. Broder schrieb mehrere Bücher über das deutsch-jüdische Verhältnis und über Antisemitismus und Antiamerikanismus in der deutschen Gesellschaft. Broder betrachtet den Antizionismus als eine Form des Antisemitismus.

[19] Die Terroranschläge am 11. September 2001 - auch Anschläge vom 11. September genannt - waren eine Reihe von Selbstmordanschlägen auf zivile und militärische Gebäude in den USA, die vom islamistischen Terrornetzwerk Al Kaida geplant, koordiniert und ausgeführt wurden.

Stadt: 
wien

Interview details

Interviewte(r): Elisabeth Horsky
Interviewt von:
Arthur Schnarch
Monat des Interviews:
Jänner
Jahr des Interviews:
2002
wien, Austria

HAUPTPERSON

Elisabeth Horsky
Jüdischer Name:
Jiddl
Geburtsjahr:
1923
Geburtsort:
Munkács
Geburtsland:
Tchechoslowekei
Beruf
Vor dem 2. Weltkrieg:
Verkäuferin
nach dem 2. Weltkrieg:
Hausfrau
Familiennamen
  • Vorheriger Familienname: 
    Mermelstein
    Jahr der Namensänderung: 
    1947
    Grund der Namensänderung: 
    Heirat
  • Vorheriger Familienname: 
    Grünberger
    Jahr der Namensänderung: 
    1947
    Grund der Namensänderung: 
    Assimilation

AUDIO - INTERVIEW

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