Irene Bartz

Wien, Österreich

Irene Bartz
Wien
Österreich
Datum des Interviews: Juli 2005/März 2008
Name des Interviewers: Tanja Eckstein

Irene Bartz empfängt mich in ihrer modern eingerichteten Zweizimmerwohnung im 9. Wiener Gemeindebezirk. Ich habe sie viele Jahre früher einmal in einer Innenstadtbuchhandlung gesehen und erinnere mich sofort an ihre elegante und aufrechte Haltung. Diese Haltung, äußerlich wie innerlich, hat sie ihr Leben lang, trotz ihrer unglaublich tragischen Biografie, bewahrt. Sie lebt im hier und heute, besucht regelmäßig Konzerte und Ausstellungen, geht genauso gern ins Theater wie in Kaffeehäuser, und sie ist eine Pionierin des Gehens, vielleicht einmal aus Not, inzwischen aus Prinzip….alles, was sie zu Fuß erreichen kann, geht sie zu Fuß, jeden Tag! Und das mit fast 85 Jahren!

 

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Während des Krieges
Nach dem Krieg
Glossar

 

Meine Familiengeschichte

Meinen Großvater väterlicherseits habe ich nicht gekannt. Wahrscheinlich war er schon tot, als ich 1923 in Krakau geboren wurde. Die Großmutter, ich weiß nicht, wie sie geheißen hat, lebte in Podgórze, das ist ein Bezirk von Krakau, so ähnlich wie Grinzing, nur nicht so schön. Ihre Wohnung war nicht sehr groß, aber sie hatte viele Antiquitäten. Ich habe die Großmutter selten gesehen, meist zu den Feiertagen. Trotzdem kann ich mich an sie gut erinnern. Sie war klein und zart und sehr gebrechlich. Sie hatte sehr schöne Augen, obwohl sie damals schon ziemlich alt gewesen sein wird. Sie hat die Musik sehr geliebt und oft Opern und Operetten gehört. Ich kann mich erinnern, wenn ich mit meinen Eltern zu ihr gekommen bin, hat sie uns immer Zuckerln gegeben, und sie hatte immer sehr guten Kuchen für mich. Ich weiß, es gab eine Hausangestellte, Marischa hat sie geheißen. Aber wenn ich am Nachmittag die Großmutter besucht habe, war sie nie da. Wann und wie meine Großmutter gestorben ist, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass sie in der Nazizeit nicht mehr gelebt hat.

Die Großmutter hatte drei Söhne und zwei Töchter. Salomon [Zacharias] Geduldig, der Älteste, wurde 1865 in Krakau geboren, Leo [Löb], wurde 1876 geboren, und mein Vater Roman Abraham wurde am 22. Juni 1882 geboren. Beide Schwestern meines Vaters lebten in Krakau. Nur eine habe ich gekannt, ich war sogar mit meiner Schwester nach dem 1. September 1939 eine Nacht oder zwei Nächte bei ihr versteckt. Diese Tante hat nach dem Tod des Großvaters die Großmutter betreut. Ich hatte sie sehr gern, sie war eine liebe Frau. Sie war anders als ihre Mutter, hatte nicht mehr dieses Flair, die Musik usw., sie hatte andere Interessen. Sie hat nicht standesgemäß geheiratet, das weiß ich. Sie hat aus Liebe geheiratet. Das war nicht gut angesehen und sogar eine Katastrophe für die Familie. Aber zu dieser Zeit habe ich bereits in Wien gelebt. Da war der Kontakt ziemlich locker.

Mein Vater und seine Geschwister sind in Krakau geboren. Krakau gehörte damals zur k. u. k. [1] Monarchie, dessen Hauptstadt Wien war. Wann die Familie nach Wien übersiedelt ist, weiß ich nicht.

Der Salomon, der Leo und mein Vater besaßen in Wien Geschäfte, und mein Vater hatte auch zwei Saisongeschäfte in Bad Gastein. Den Onkel Leo und den Onkel Salomon habe ich erst in Wien kennen gelernt, als ich schon älter war. Sie waren mit Wiener Jüdinnen verheiratet. Die Frau vom Salomon, Salo genannt, hieß Franziska Helene Pollak und die Frau vom Leo hieß Hanni Reisner.

Mein Onkel Leo und seine Familie waren hochkultivierte Menschen, die Elite zu dieser Zeit. Er hat im 1. Bezirk, in der Rotenturmstrasse 19 gewohnt, gleich wo das Kino Imperial war. Im selben Haus war sein Juwelengeschäft. Ein Haus weiter, auf der Nummer 21, befand und befindet sich noch heute das 'Süßes Mädel' Geschäft [Kindermoden]. Onkel Leo und seine Frau hatten zwei Kinder, den Edi, sein Geburtsname war Markus, aber er wurde nur Edi genannt, und die Luzie. Beide sind in Krakau geboren. Edi 1900 und Luzie 1903. Später hat Edi das Geschäft seines Vaters übernommen. Er hat sich noch ein Geschäft auf der Kärntnerstrasse, dort, wo heute der ‚Fürnkranz’ [Modegeschäft] ist, eröffnet, und als seine Schwester Luzie den Herrn Altmann geheiratet hat, der auch aus der Branche war, haben sie das dritte Geschäft in der verlängerten Operngasse eröffnet. Der Edi hat mit seiner Frau in der Silbergasse, im 19. Bezirk, gewohnt. Kinder hatten sie keine. Als ich 1957 nach Wien zurückgekommen bin, hing noch die Uhr über dem Geschäft in der Kärntnerstrasse, und es stand noch der Name Geduldig da. So hat man mich überhaupt in Polen gefunden. Das erzähle ich aber später.

Edi und seine Frau Maria Schrott, sie wurde Mimi genannt, haben in Wien, im Stadttempel in der Seitenstettengasse, geheiratet. Und als sie irgendein Jubiläum hatten, vielleicht waren sie 50 Jahre verheiratet, sind sie nach Wien gekommen, um hier im Tempel zu beten. Sie sind jedes Jahr gekommen, aber das war ein spezieller Anlass. 
Onkel Leo hat viel gearbeitet, aber sie besaßen keine Reichtümer. Der Edi war, bevor er das Geschäft übernommen hat, Bankbeamter in Wien. Er hat gewusst, wie man Geld anlegen muss. Der Leo, sein Vater, hatte das nicht so gut verstanden, der Edi war derjenige, als er die Geschäfte vom Vater übernommen hatte.

Die gesamte Familie konnte rechtzeitig fliehen. Zuerst Edi und seine Frau Mimi. Sie sind in die Schweiz geflüchtet und dann nach New York. Die zwei wurden von der Schweizer Uhrenfirma Marvin, mit der sie zusammengearbeitet hatten, aus Wien herausgeholt, indem ihnen die Firma eine Einladung geschickt hat. Mein Onkel Leo mit seiner Frau wurde etwas später von einer Schweizer Firma in Schaffhausen eingeladen. Ich weiß ja die Geschichten nur vom Edi. Der Edi hat mir erzählt, seine Eltern haben die Ausreise bekommen, es hat ihnen die Schweiz geholfen. Sie sind aber nicht in die Schweiz, ich glaube, sie sind nach Frankreich geflüchtet. Dann sind sie nach Israel, und dort waren sie todunglücklich und sind dann weiter nach New York. Und der Edi und die Mimi, die schon in New York waren, haben sie aufgenommen. Der Edi hatte in einem Warenhaus einen Tisch mit Uhren, die Mimi hatte in demselben Warenhaus einen Tisch mit Wiener Handschuhen. Früher hatte man so gehäkelte Handschuhe. Da waren Knöpfe drauf gestickt. Das waren Spezialitäten, das hat man früher getragen. Die Mimi hat diese Handschuhe selber gehäkelt. Dann, nach ein paar Jahren, haben sie sich emporgearbeitet. Die Ware vom Edi war sehr gut, und nach dem Krieg haben sie das erste Geschäft in der 5th Avenue eröffnet. Der Edi hatte in Wien Arbeiter, die für ihn vor dem Krieg gearbeitet haben, und die hat er angeschrieben. Er ist dann gleich, als es möglich war, nach Wien gekommen, hat die Ware hier bestellt und mitgenommen. Das waren besondere Arbeiten, die man in Amerika nicht gekannt hat. Der Edi war schon vor dem Krieg in Wien ein richtiger Opernfanatiker. In New York hatte er einen Sitz in der Metropolitan Opera und als das erste Opernhaus dann 1967 abgerissen wurde, hat er seine Nummer vom Sessel und ein Stück vom Vorhang bekommen.

 

Mein Onkel Leo war in Amerika nicht glücklich. Edi und Mimi haben gearbeitet, und er und seine Frau hatten in New York keine Freunde und keine Bekannten. Da sind sie dann weiter gefahren zu ihrer Tochter Luzie nach Australien. Luzie und Herr Altmann waren nach Australien geflüchtet. In Sidney haben sie nach einiger Zeit auch ein Juwelengeschäft eröffnet. Sie hatten einen Sohn Jim, der in Australien geboren wurde. Alle zwei Jahre kommt er mit seiner Familie nach Wien. Eigentlich weiß ich nicht, ob er zu Wien eine Beziehung hat, vielleicht zu den Stätten, wo seine Eltern gewohnt haben. Er singt in Sidney im Opernchor. Seine zwei Töchter haben nichtjüdische Männer geheiratet, aber in einer Reformsynagoge unter der Chuppe [2]. Ich habe mir die Videos von den Hochzeiten sicher ein Dutzend Mal angeschaut. Die eine hat einen Musiker, einen Assyrer, geheiratet. Er war jetzt auch in Wien zu Besuch. Die andere hat einen Tierarzt geheiratet. Sie ist auch Doktor. Mein Onkel Leo ist 1950 in Sidney gestorben, die Luzie, seine Tochter, 1987. Edi und Mimi sind in New York gestorben, der Edi 1985 und die Mimi 1995.

Mein Onkel Salomon, sein Geburtsname war Zacharias, der andere Bruder meines Vaters, ist am 7. Mai 1865 in Krakau geboren. Er war mit Franziska Helene Pollak verheiratet. Ausgeschaut hat sie wie zehn Christinnen, aber sie war Jüdin. Er war Goldarbeiter und hatte eine Werkstatt in der Blumauer Gasse 20, im 2. Bezirk, in der er für das Geschäft seines Bruders Leo gearbeitet hat. Die Familie hat im selben Haus gewohnt, in dem auch die Werkstatt war. Sie hatten fünf Kinder: den Joseph, den Fabian, den Heinrich, die Lilly und Karola Beila. Heinrich, Joseph und Fabian blieben ihr Leben lang unverheiratet und eng miteinander verbunden. Karola, die ich gut gekannt habe, war verheiratet mit Pinkas Dubs. Sie hatten eine Tochter, die hieß auch Lilly, wie ihre Schwester. Sie haben im haus der Eltern gewohnt, und Pinkas hat mit Onkel Salomon zusammen gearbeitet. Die Familie Dubs wurde am 2. Juni 1942 von Wien nach Maly Trostinec [3] [heute Weißrussland] deportiert und ermordet.

Lilly, die Schwester von Karola, hat an der Universität in Wien studiert. Was sie studiert hat, weiß ich nicht, aber auf der Universität hat sie Ali, einen Inder, kennen gelernt. Ali hat Medizin studiert und wurde Augenarzt. Sie haben nach dem Einmarsch der Deutschen im Jahre 1938 in Wien geheiratet, und er hat sie nach Indien mitgenommen. Ali war der Sohn eines sehr reichen Maharadschas. Sein Vater war von der Wahl seines Sohnes nicht begeistert, aber Lilly war Alis große Liebe. Ali war ein sehr sozialer Mann, er und Lilly haben für Lillys Mutter Franziska und für Lillys Brüder Einreisevisa nach Indien geschickt, der Onkel Salomon hat zu dieser Zeit nicht mehr gelebt. Er ist am 23. April 1932 an Angina Pectoris gestorben. Die ganze Familie, außer Karola mit ihrer Familie, ist nach Bombay [heute Mumbai] emigriert. Dann hat sich aber Bombay 1947 geteilt, ein Teil gehörte nach der Teilung zu Pakistan und der andere Teil zu Indien. Weil Ali Pakistani war, ist er nach Pakistan, nach Karatschi mit der Lilly gezogen, der damaligen Hauptstadt Pakistans. Die anderen sind in Indien geblieben. Ali hat in Karatschi als Augenarzt gearbeitet, und was Lilly gemacht hat, weiß ich nicht. Kinder hatten sie keine. Sie waren nach dem Krieg zweimal in Wien, da habe ich den Ali kennen gelernt. Das zweite Mal war nach irgendeinem Krieg in Israel. Anscheinend waren sie Moslems, ich kann mir das nur so vorstellen, weil Ali mich nicht sehen wollte, obwohl ich sie das erste Mal mit allen Ehren empfangen hatte. Das zweite Mal habe ich sie nur von weitem gesehen, wir haben uns zugewinkt, wir waren uns zufällig im Volksgarten [großer Park in Wien, Anm.] begegnet. Sie sind nicht zu mir gekommen, ich bin nicht zu ihnen gegangen. Der Ali ist am selben Tag wie Lillys Bruder Fabian gestorben.

Lillys Bruder Heinrich war von Beruf Buchhalter. Er war nie verheiratet und hatte auch kein Kind. Aber er hatte in Indien eine Lebensgefährtin. Was er dort gearbeitet hat, weiß ich nicht. Ich glaube, er ist in den 1950er Jahren in Indien gestorben.

Der zweite Bruder, der Joseph, war auch Buchhalter. Er wurde am 9. Juni 1904 in Krakau geboren. Joseph ist nach dem Tod seiner Mutter und des Bruders Heinrich zusammen mit seinem Bruder Fabian nach San Fransisco übersiedelt. Dort haben beide den Namen Goudell angenommen und Joseph hat wieder als Buchhalter gearbeitet. Er war viel mit seinem Bruder Fabian zusammen. Beide waren nicht verheiratet und hatten keine Kinder. Ich weiß, dass Joseph irgendwann zu Besuch nach Wien kommen wollte, er wollte mich besuchen, aber kurz vorher bekam er einen Herzinfarkt und ist im Oktober 1964 in San Francisco gestorben.

Fabian wurde am 1. Juli 1900 in Krakau geboren. Er war Fensterdekorateur und hat in Wien im Kaufhaus ‚Zwieback’, in der Kärntnerstrasse, gearbeitet. Auch in Linz war er in einem Kaufhaus Fensterdekorateur, und er hat wunderbare künstlerische Fotos gemacht. Er hatte eine christliche Freundin, die ihn nach 1938 [4] denunziert hat, und er musste bei Nacht und Nebel abhauen. Aber er hat sich retten können, ist zuerst in Wien untergetaucht, und dann ist er irgendwie nach Indien gekommen. Nachdem er mit seinem Bruder Joseph nach San Francisco gegangen ist, hat er in einem Sportgeschäft als Schaufensterdekorateur gearbeitet. Er war ein großer Sportsmann und hat sogar den Himalaja bestiegen. Darauf bin ich sehr stolz! Nach Josephs Tod ist Fabian nach Wien zurückgekommen. Er hat sich eine Wohnung im 15. Bezirk, am Mariahilfer Gürtel Nummer 8 gemietet und wollte seine letzten Jahre mit uns zusammen sein. Wir haben das sehr genossen, der Edek und ich, denn ich bin ein Familienmensch, und wir hatten ja niemanden mehr in Wien. Fabian starb am 16. Oktober 1968. Seine Urne wurde auf dem Zentralfriedhof im Grab seines Vaters beigesetzt.

Meine Tante Franziska Geduldig und ihr Sohn Heinrich wurden in Indien begraben, Lilli in Pakistan, Joseph in San Fransisco, Fabian und sein Vater Salomon in Wien. Karola, die Schwester von Lilli, Heinrich, Joseph und Fabian wurde mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Maly Trostinec, in Weißrussland, ermordet. Das ist das Schicksal einer europäischen jüdischen Familie im 20. Jahrhundert.

Meine Eltern haben sich, soviel ich weiß, während des Ersten Weltkriegs kennen gelernt. Meine Mutter hat Verwundete betreut, und wahrscheinlich war mein Vater verwundet. Das war eine große Liebe. Geheiratet haben sie dann im Jahre 1921. Ich bin 1923, also spät gekommen, denn meine Mutti und mein Papa waren nicht mehr so jung. Vielleicht auch deshalb, weil meine Mutti lungenkrank war. Sie hat eine Zeitlang in Davos, in der Schweiz, in der bekannten Lungenheilanstalt verbracht. Man hatte ihr eine Lunge verödet. Sie hat mir die Einbuchtung gezeigt, die sie dort gehabt hat. Deshalb weiß ich das so genau.

Meine Kindheit

Meine Eltern hatten in Krakau eine Wohnung auf der Juljusza Lea Strasse, aber ich weiß nicht, ob sie dort je zusammen gelebt haben oder gleich nach ihrer Hochzeit nach Wien gekommen sind. In meiner Erinnerung haben sie immer schon in Wien gelebt. Die Mutti war nur oft zu Besuch in Krakau bei ihren Eltern. Ich bin zu früh auf die Welt gekommen und deshalb in Krakau geboren. Wie lange meine Mutti in Krakau bei ihren Eltern nach meiner Geburt geblieben ist, weiß ich nicht. Ich habe mit meinem Kindermädchen, einer Bonne, bei meinen Großeltern gelebt. Das Kindermädchen war eine Deutsche, die trug immer einen weißen Schleier. Ich hatte sie noch in der zweiten Klasse Volksschule. Das war mir natürlich schrecklich peinlich, weil sie mich mit dem Schleier, so wie eine Nonne, auch in die Schule gebracht und von der Schule abgeholt hat. Ich kann mich noch erinnern, wie ich zum lieben Gott gebetet habe, er soll sie zu sich nehmen, ich wolle sie nicht mehr. Sowie ich im Bett gelegen bin, habe ich gesagt: lieber Gott, kannst du sie nicht zu dir nehmen, damit ich sie endlich los bin?

Die ersten zweieinhalb Volksschulklassen bin ich in Krakau in die evangelischen Schule gegangen. Dort wurde Deutsch gesprochen. Mit meinen Großeltern habe ich Polnisch und Deutsch gesprochen. Ich bin sehr oft von Krakau nach Wien und von Wien nach Krakau gefahren. Das war kein Problem. Man hat damals für diese Strecke vier Stunden gebraucht. Wenn ich nach Wien gefahren bin, hat mich entweder die Mutti abgeholt und mitgenommen oder der Papa hat mich abgeholt.

Mein Großvater mütterlicherseits hieß Lazar Hamburger, die Großmutter hieß Sarah. Sie waren sehr orthodox. Der Großvater hatte einen kleinen Bart und ganz kleine Schläfenlocken. Er war ein wunderbarer Mensch! Von Beruf war er, glaube ich, Uhrmacher. Er war orthodox und trotzdem modern. Bei den Großeltern war alles koscher und Milchiges und Fleischiges wurden getrennt. Die Angestellten wussten, was die Religion vorschreibt. Ich kann mich noch genau an die Kuchen, die zu den Feiertagen gebacken wurden, erinnern. Das waren Mohnkuchen, Topfenkuchen, Kuchen mit Germ. Ich habe Kuchenstücke sogar in mein Bett gekriegt, da habe ich immer aus den Kuchen die Fülle heraus gegessen.

Meine Mutti, Regina Hamburger, die 1893 in Krakau geboren wurde, hatte einen Bruder und eine Schwester. Die Schwester hieß Amalia, der Bruder hieß Heinrich. Heinrich war der Älteste, dann kam meine Mutti, und die Jüngste war die Amalia. Amalia war eine große, sehr interessante Frau. Alle in der Familie waren groß, außer meiner Mutti. Amalia war etwas Besonderes, sie war total modern! Sie hat sich der Tradition des Hauses angepasst, aber sie hat es nicht im Herzen gehabt. Sie hat’s gehalten, weil sie die Eltern geliebt hat. Sie war als Kind und Jugendliche beim Hashomer Hatzair [5], und sie ist schon in den Vorkriegsjahren mit dem Schiff nach Israel gefahren. Sie wollte Israel sehen! Sie hatte einen Zopf, der sooo lang war und ganz dick. Und wie sie am Schiff in ihrer Kabine war, damals gab es doch noch keine Aircondition, da gab es die Ventilatoren, hat sie ihren Zopf geöffnet und ihr Haar ist in einen Ventilator geraten. Aber das Personal hat mitbekommen, dass in ihrer Kabine etwas nicht stimmt, und sie sind gekommen und haben schnell ihr Haar abgeschnitten. Dann ist sie mit kurzen Haaren nach Hause gekommen. Sie war von Israel begeistert, aber ich kann mich nicht erinnern, dass sie noch einmal hingefahren wäre. Sie hat in Krakau auf der Universität studiert. Das war für eine Jüdin nicht so einfach, weil der Antisemitismus ziemlich groß war. Die Großmutter Sarah und Amalia hat in Krakau, Grotzka 1, ein Hutgeschäft und eine Werkstätte besessen, in der Kleider fürs Theater und für Bars genäht wurden. Damals war Flitter sehr modern. Man hat die Kleider mit Flitter getragen. Sie haben aber auch richtige Theater Hüte genäht. Amalia hat dort mitgeholfen, vielleicht auch meine Mutter, aber das weiß ich nicht. Als ich 1946 aus Kasachstan nach Krakau gekommen bin, war in dem Gebäude die österreichische Handelsvertretung. Das Gebäude war aber zugesperrt. Ich müsste noch einmal nach Krakau fahren.

An den Feiertagen habe ich den Opapa immer von der Schil, vom Tempel, abgeholt. Eine Schil ist ein Tempel. Nicht, dass er mich je dazu gezwungen hätte! Er hat mich nie zu etwas gezwungen. Er hat auch nicht gesagt, dass ich beten muss, oder dass ich lange Ärmel tragen muss, oder sonst etwas. Mein Großvater hat für mich alles getan - das war eine große Liebe zwischen uns, denn auch ich habe ihn abgöttisch geliebt, mehr als die Großmutter. Ich kann mich erinnern, dass er immer für jeden da war. Er war auch sehr klug, und er wurde oft um Rat gefragt. Und er war immer hilfsbereit zu jedem. Ich erinnere mich, wie man in seinem Haus die Torah [Die Torah besteht aus den fünf Büchern Mose [Pentateuch]. Mit ‚Torah‘ wird oft die Torahrolle gemeint. Dies ist eine große Rolle aus Pergament, auf der die fünf Bücher Mose in Hebräisch von Hand aufgeschrieben sind] fertig geschrieben hat und sie dann mit dem ganzen Aufputz und mit der ganzen Begleitung in den Tempel gebracht wurde.

In der Zeit, als ich bei den Großeltern gewohnt habe, bin ich in eine Ballettschule gegangen. Ich war sehr musikalisch, ich bin dann später in Wien in die Opernballettschule gegangen. In Krakau hat mich der Großvater immer in die Ballettstunde gebracht. Und er hat mich auch zur Musikstunde begleitet. Ich habe auch einem jüdischen Turnverein angehört. Auch dorthin hat er mich begleitet. Später, als ich mit meiner Mutti und meiner Schwester Vera in Polen gelebt habe, bin ich in einen Sportclub gegangen, und da hat er immer gesagt: ‚Du musst kommen um 9 Uhr nach Hause’. Wenn ich später gekommen bin, dann ist er schon am Fenster gestanden und hat auf mich gewartet. Aber da war ich schon älter, und der Hitler war schon da.

Die Wohnung der Großeltern hatte dreieinhalb Zimmer. Da wohnte die Amalia, die Schwester meiner Mutti, ich habe bei der Amalia geschlafen, da hatte ich mein Bett, die Großeltern hatten ein Schlafzimmer, und mein Kindermädchen hat im Kabinett geschlafen. Und dann gab es die Küche, das Speisezimmer, ein Vorzimmer, ein großes Badezimmer mit einem Badezimmerofen, den man noch heizen musste. Und zwei Balkone hatte die Wohnung, vorn einen und hinten einen. Ich war vor fünf Jahren dort, da waren zufällig Leute am Balkon, die haben mich bös angeschaut. Mich hat’s gerissen, als ich die Leute am Balkon gesehen habe.

Ich war ein wahnsinnig bewegliches Kind, am liebsten bin ich auf alle Bäume geklettert. Ich war aber immer sehr elegant angezogen, immer mit Gamaschen und Handschuhen, und ich habe darunter schrecklich gelitten, denn ich wollte laufen wie die Buben. Eines Tages hat mir die Mutti aus Wien ein Kleidchen gebracht, wahrscheinlich aus dem Geschäft ‚ Süßes Mädel’ Kindermoden auf der Rotenturmstrasse. Ich weiß genau, es war rostfarben und hatte drei Franserln mit Quasten. Es war ein schönes Kleid, und ich musste das immer anziehen, wenn ich mitgenommen wurde. Ich habe das Kleidchen gehasst, die Quasten an den Fransen haben immer so gebimmelt. Eines Tages habe ich die Schere genommen und die Quasten abgeschnitten, aber natürlich mit dem Stoff. Der Großpapa hat zu mir gesagt: du bist wirklich ein Schlingel, da nähen wir jetzt Knöpfe an, damit die Mama das nicht sieht.

Ich hatte in Krakau viele Freundinnen und Freunde, denn meine Mutti hatte sehr viele Freunde in Krakau, und ich habe mit deren Kindern und Kindeskindern gespielt. Die Kinder haben mich in der Wohnung besucht, auf der Strasse habe ich nie spielen dürfen.

Freitagabend, am Schabbat [6], waren Gäste zum Essen bei den Großeltern und Samstagabend zum Kiddusch [7] auch. Ich kann mich noch genau an die geflochtene Kerze erinnern, die am Samstagabend gezündet wurde. Samstag haben wir mit dem Essen immer gewartet bis der Opapa vom Tempel gekommen ist. Das Mädel hat den Tscholent [8] vom Bäcker geholt und dann alles in einem speziellen Ofen gewärmt, man durfte ja nichts arbeiten. Es gab auch immer jüdische Fische, das sind die Karpfen, das gehört zur Tradition. Auch zu Pessach [9] waren Gäste da. Ich kann mich gut an Pessachabende erinnern: Der Großvater saß in einem langen Hemd, und ich habe das ‚ma nischtane halajla haseh’ [Was zeichnet diese Nacht vor allen Nächten aus? Frage am Sederabend zu Beginn der Haggadah, gestellt vom jüngsten Kind, Anm.] gesungen, denn ich war die Jüngste. In Krakau war die Armut unter den armen Juden sehr groß. Ich kann mich genau erinnern, wir haben Essen ins jüdische Armenviertel gebracht. Diese armen Juden haben in Baracken, nicht weit von der Weichsel [Fluss, Anm.], die waren schrecklich arm. Und wenn Essen übergeblieben ist, hat meine Großmutter mich geschickt, wir sollten es hinbringen. Da ist weder der Großvater gegangen noch sie, sondern ich bin gegangen mit dem Mädel. Manchmal ist auch meine Tante Amalia gegangen. Wir waren auserkoren für solche Sachen. Also, das alles sind die Erinnerungen, die ich aus der Zeit habe.

Mein Onkel Heinrich, der Bruder meiner Mutter, war von Beruf Kürschner. Es ist komisch, meine Großeltern waren doch sehr fromm, aber auch Onkel Heinrich hat nur die Tradition gehalten. Er war verheiratet mit Genia Stillmann, einer Jüdin. Die Stillmanns besaßen in Bochnia, das ist nicht weit von Krakau entfernt, einen Holzhandel. Sie wohnten in einem villenartigen Haus mit einem Garten, in dem es auch Hühner gab. Ihre Tochter hieß Ewa, Wisia [ausgesprochen: Wischa, Anm.] wurde sie genannt. Tante Genia hat wahnsinnig gut gekocht, daran erinnere ich mich noch sehr gut. Der Onkel Heinrich hat sich aber nicht viel aus Essen gemacht und hat immer zu ihr gesagt: ‚Sag mir, wenn du die Rosinen und die Äpfel in den Strudel gibst, dann kann ich sie vorher essen, da brauchst du keine Strudel zu machen.’ So ist es da zugegangen. Mit denen war ich immer in Kontakt, ich bin auch oft nach Bochnia gefahren, und sie waren oft in Krakau.

Wisia war etwa sechs Jahre älter als ich, sehr schön und intelligent, dafür habe ich sie sehr bewundert. Sie hat wiederum mich bewundert, weil ich so gut tanzen konnte. Sie wollte unbedingt nach Israel und war in Krakau auf Hachschara [10]. Da hat sie einen jungen Mann kennen gelernt, der war ihre große Liebe. Als sie damals in Krakau war und diesen Freund hatte, sollte ich immer auf sie aufpassen. Aber sie hat sich mit ihrem Freund getroffen und mich versetzt, und ich habe allein nach Haus gehen müssen. Wenn sie spät nach Hause gekommen ist, hat mich der Onkel Heinrich umbringen wollen. Er hat mir deshalb sogar ein Mal eine Watschen gegeben, die einzige, die ich in meinem Leben bekommen habe. Das habe ich Wisia bis zu Ihrem Tod vorgeworfen. Der Onkel Heinrich ist vor dem Krieg gestorben, er hatte eine Wunde und hat eine Infektion bekommen, eine Sepsis nennt man das. Er wurde in Krakau beerdigt. Die Tante Genia hat dann in Rabka eine Zeit lang eine Pension geführt. Rabka ist ein Kurort in Polen. Dort haben sie gelebt, bis die Deutschen in Polen einmarschiert sind. Wisias Freund ist mit der Hachschara nach Israel gegangen, und Wisia ist bei der Mutter geblieben. Beide sind dann nach Lemberg geflüchtet, da haben wir sie getroffen. Ob sie dann geflohen sind, als die Deutschen kamen, oder ob die Russen sie mit einem Transport weggebracht haben, das weiß ich nicht. Ich weiß, sie sind dann in Russland gewesen, denn in Russland hat meine Cousine Wisia ihren Mann Tolak kennen gelernt. Er hieß Theodor Roisentul, und sie haben den Namen in Rostowitsch geändert. Tolak war Anwalt und sehr klug, ein Genie.

In Wien hatten meine Eltern eine Wohnung in der Porzellangasse, ich glaube auf Nummer 49. Die Wohnung meiner Eltern hatte, soviel ich mich erinnere, 3 ½ Zimmer. Das Badezimmer und die Toilette waren in der Wohnung. Die Möbel waren eher antik. Daran kann ich mich noch genau erinnern. Ich kann mich auch an das Schlafzimmer erinnern, dass so alte Betten hatte.
Sie haben aber zwei Mal die Wohnung gewechselt zu dieser Zeit. Während der dritten Klasse Volksschule bin ich dann zu meinen Eltern nach Wien gezogen, aber ich bin regelmäßig zu den Großeltern nach Krakau gefahren - es war kein wirklicher Abschied.

Mein Papa war Goldarbeiter. Seine Werkstatt war im zweiten Bezirk. Er hat aus Gold Schmuck gemacht, und er hat Reparaturen für die Geschäfte der anderen Geduldigs gemacht. Er war auch beteiligt an den Geschäften seiner Brüder, aber wie die Verknüpfung war, weiß ich nicht. Ich glaube, mein Vater war etwas ärmer als seine Brüder, denn die hatten offene Geschäfte. Der Papa war nur beteiligt an den Geschäften, darum nehme ich an, dass er nicht so betucht war wie sie. Ich weiß nur, dass der Edi, sein Cousin, mir nach dem Krieg ein Sackerl mit Schmuck gebracht hat, das meinen Eltern gehört hatte. Ich habe mich an einiges erinnern können, obwohl es nicht mehr die Originale waren, aber das war auch egal. Er hatte den Schmuck wahrscheinlich gebraucht und deshalb auseinander genommen.

In den Sommerferien war ich immer mit den Eltern in Bad Gastein, weil sie dort Geschäfte hatten. Das waren Saisongeschäfte, und meine Eltern haben den Sommer dort gearbeitet. Die Mutti hatte ein Galanteriegeschäft, also Taschen und Kunstschmuck und der Vater daneben ein Juwelengeschäft. Ich habe zu dieser Zeit kein Kindermädchen mehr gebraucht, ich war schon acht Jahre alt. Ich habe in Bad Bruck bei einer Bäuerin gewohnt, weil ich die Höhe von Bad Gastein nicht vertragen habe. Bad Bruck liegt tief unten, und da hatte ich keine Atem Schwierigkeiten. Die Eltern haben mich immer dort gelassen. Das war natürlich herrlich: ein Garten, Hühner, Kühe … Kinder gab es dort auch. Das war ein richtiger Landaufenthalt, und ich bin dann bei Tag oft hinauf zu den Eltern gefahren zu Besuch, oder sie sind zu mir herunter gekommen. Und die Verwandten, die Cousins meines Vaters, sind an den Wochenenden auch oft zu Besuch gekommen. In Bad Gastein habe ich mich aber auch amüsiert, ich habe zum Beispiel die Bälle am Tennisplatz zusammengeklaubt und begonnen selber Tennis zu spielen.

Ich bin im 9. Bezirk in Wien, in der Glasergasse, noch ein Jahr in die Volksschule gegangen, dann bin ich in die Hauptschule in der Grünentorgasse gekommen. Ich habe Freundinnen kennen gelernt, und ich bin auch in Wien Turnen und Tanzen gegangen. Ich hatte auch christliche Freundinnen. Die einen waren die jüdischen Freundinnen, die ich im Tempel getroffen habe und bei der Religionsstunde, und meine Klassenkolleginnen waren jüdische und christliche Freundinnen. Ich durfte sie alle mit nach Hause nehmen, das war völlig in Ordnung. Ich war ein Kind wie alle anderen. Ich habe mit meinen armen Freundinnen mein Schulfrühstück geteilt, es gab genug Arme in der Klasse, die keines hatten. Da habe ich meine Semmel geteilt, wenn ich sie nicht sogar ganz gegeben habe.

Als ich zehn Jahre alt war, wurde meine Schwester Vera geboren. Ich weiß, dass meine Eltern etwas unvorbereitet auf ein Baby waren, sie hatten nicht mehr damit gerechnet. Ich kann mich erinnern, wie mein Papa und ich die Mutti vom Krankenhaus abgeholt haben. Meine Schwester Vera war ein sehr schönes Baby, und ich war wahnsinnig eifersüchtig. Alles hat sich nur noch um das Baby gedreht. Sie war ja auch so putzig, so klein. Ich war so eifersüchtig, dass ich krank geworden bin, und die Eltern mich für kurze Zeit wieder zu den Grosseltern nach Krakau schicken mussten. Als ich zurückgekommen bin, hatte ich mich mit Veras Existenz abgefunden. Meine Eltern haben mir erklärt, dass es sehr schön ist, dass ich nie allein auf dieser Welt sein werde. Ich werde immer meine Schwester haben. Zuerst war ich eifersüchtig auf sie, dann hat sie mich, die große Schwester, immer bewundert. Sie hat immer zu mir aufgeschaut. Sie wollte auch immer meine Sachen tragen, sie haben ihr eh nicht gepasst, aber anziehen wollte sie sie. Aber ich war unmöglich! Ich bin Eislaufen gegangen im Eislaufverein. Meine kleine Schwester hatte ich fast immer dabei. Wenn ich einen Jungen getroffen habe, habe ich zu ihr gesagt: ‚Du erzählst aber nichts der Mama und nichts dem Papa, sonst nehme ich dich nicht mehr mit.’ Und sie hat wirklich nie etwas erzählt. Meine Mutti wurde wieder krank. Ich weiß nicht genau was es war, ich habe sie nachher nie gefragt. Vielleicht war die Lungenkrankheit wieder ausgebrochen, denn die kleine Vera wurde eine Zeitlang in einem Kinderheim, das war ein nobles Kinderheim im 19. Bezirk, untergebracht.

Meine Eltern hatten sehr viele Freunde, man hat eingeladen, und man wurde eingeladen. Sie sind auch oft ins Theater, in die Oper und in Konzerte gegangen. Am Abend hatten wir gemeinsam das Nachtmahl, und dann sind sie ausgegangen. Die Mutti war zauberhaft. Sie war fortschrittlich, sie war gesellschaftsfähig, sie war aufgeschlossen, sie war modern. Sie hat gesungen, sie hat leidenschaftlich getanzt, sie war immer der gesellschaftliche Mittelpunkt, und immer hat man sich – ich kann mich erinnern - gefreut, wenn sie gekommen ist. Sie war so ein Sonnenschein und hat immer Wärme ausgestrahlt. Eigentlich bin ich meiner Mutti sehr ähnlich. Der Papa war sehr groß und fesch – ich würde sagen, die Männer dieser Zeit haben alle ausgeschaut wie der Schriftsteller Stefan Zweig. Er hat sehr gut getanzt und wurde umschwärmt von den Frauen. Die Mutti hat aber immer gesagt, sie umschwärmen ihn, weil sie ihn nicht kennen. In meiner Erinnerung war er kalt und beherrscht. Aber die Ehe meiner Eltern war gut. Es gab nie einen Streit. Die Mutti hat immer alles ausgeglichen.

Meine Mutti war zu Hause. Sie hat sich intensiv um uns gekümmert. Aber ein Dienstmädel gab es bei uns immer, und wenn Leute eingeladen wurden ist auch eine Köchin gekommen. Sonst hat das Mädel gekocht. Die Mutti hat immer gesagt, der Papa hat die Allüren von Rothschild [Eine der einflussreichsten Bankiersfamilien im 19. Jahrhundert, Anm.], denn er war immer elegant - mit Stock und Gamaschen - und die Anzüge von Knize [sehr teures Herrengeschäft in Wiens Innenstadt, am Graben, Anm.] hat er getragen, obwohl er sich das nicht wirklich leisten konnte, denn die Geschäfte sind nicht immer gleich gut gegangen. Er war auch sehr penibel. Es gab kein Dienstmädel, das ihm die Schuhe gut genug geputzt hätte. Er hat sogar die Sohlen der Schuhe geputzt. Aber er war Sozialist und für alles Soziale und hätte es am liebsten gehabt, wenn das Dienstmädel mit uns am Tisch gesessen hätte. Der Cousin meines Vaters, der Edi Geduldig, war meinem Vater sehr ähnlich. Als ich den Edi nach dem Krieg wieder gesehen habe, hat es mir die Sprache verschlagen. Er hat ausgeschaut wie eine Miniatur meines Vaters, als wäre er sein Bruder, nicht sein Cousin. Auch die Charaktere der beiden ähnelten einander.

Mein Papa muss eine höhere Ausbildung gehabt haben, denn er war nicht nur kunstinteressiert, er hat auch sehr viel über Kunst gewusst. Er hat viel gelesen, und er hat viel Musik gehört. Jeden Morgen hat er mit Tallit [11] und Tefillin [12] gebetet, daran kann ich mich noch erinnern, das habe ich gesehen. Alle in unserer Familie waren religiös, das heißt, sie haben alle Feiertage gefeiert, sie waren koscher und haben Milchiges von Fleischigem getrennt. Und Freitag wurde der Schabbat gefeiert, da war immer Familienabend mit Kerzen auf dem Tisch und mit Fisch. Die hohen Feiertage - Pessach, Rosch Haschona [13], Jom Kippur [14] - wurden nicht mit der ganzen Familie gefeiert, denn es waren ja sehr viele. Aber man hat’s gefeiert, man hat’s gehalten. Ich kann mich an keinen Sederabend in Wien erinnern, aber ich weiß, dass wir sehr oft zum Seder nach Polen zur Familie gefahren sind. Einen Nachmittag in der Woche bin ich in den Religionsunterricht in die Schule gegangen und am Samstag in den Stadttempel zum Kindergottesdienst. Daran kann ich mich genau erinnern, weil wir Kinder immer eine Karte bekommen haben, wenn wir beim Gottesdienst waren. Die Karten haben wir gesammelt. Ich kann mich auch noch an Purimfeste [15] mit vielen Kindern erinnern, das war alles sehr schön.

Während des Krieges

Den Einmarsch der Deutschen im März 1938 habe ich nicht in Wien erlebt, weil meine Mutti und ich gerade zu dieser Zeit in Polen waren. Die Großmutti war sehr krank, und man hat gewusst, dass sie nicht mehr lange leben wird. Die Mutti hat mich mitgenommen, wir sind zusammen nach Krakau gefahren. Meine Schwester ist in Wien geblieben. Aber als die Großmutti gestorben ist, war ich nicht dabei. Ich war bei der Schwester meines Vaters, und auch zur Beerdigung hat man mich nicht mitgenommen. Mein Vater war ganz kurz zur Beerdigung in Krakau, ist dann aber wegen der Geschäfte nach Wien zurück gefahren. Er musste ja liquidieren, er konnte doch nicht so einfach wegfahren. Meine Mutti ist Schiewe [16] gesessen. Danach sind wir nicht mehr nach Wien zurückgefahren. Der Papa hat die Vera dann nach Krakau geschickt, er hat sie Leuten anvertraut, die im Zug gesessen sind und die auch nach Krakau gefahren sind. Da war sie so ein putziges fünfjähriges Kind mit einem kleinen Kinderwagerl. Meine Mutti und ich haben sie vom Bahnhof abgeholt.

In Krakau haben meine Mutti, meine kleine Schwester und ich beim Großvater gewohnt. Ich bin in eine jüdische Gewerbeschule gegangen Ich hatte dort normalen Unterricht und habe aber außerdem Nähen gelernt. Ich war sehr begabt, es hat mir gefallen. Ich habe auch noch eine Privatschule besucht, in ich Zuschneiden gelernt habe. Meine Mutti wollte das so, denn sie hat gesagt, man weiß nicht, was das Leben bringt. Ich habe damals schon für eine Baronin Kleider entworfen. Sie war Kundin im Hutgeschäft meiner Grosseltern, und ich habe für sie Abendkleider entworfen. Genäht wurden die Kleider dann in der Privatschule. Ich bin auch in den jüdischen Turnverein gegangen. An meinem 15. Geburtstag gab es für mich eine Party. Ein junger Mann aus dem Turnverein war Goldschmied, und er hat mir ein Silberherz geschenkt, das er selber gemacht hatte. Das besitze ich noch heute. 

Da wir Österreicher waren und der Staat Österreich seit dem Einmarsch der Deutschen nicht mehr existierte und zu Deutschland gehörte, waren wir Deutsche. Eines Tages wurde die Mutti abgeholt und interniert. Ich glaube, das war am 5. September 1939, also wenige Tage nach dem Überfall der Deutschen auf Polen, dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Vera und ich wurden zur Schwester meines Vaters geschickt, damit die Polen uns nicht finden. Ich bin in der Früh aufgestanden und hatte eine graue Strähne im Haar. Ich habe ja die Mutti sehr lieb gehabt. Ich hatte immer Angst um sie. Die Mutti war sehr kurzsichtig, sie hatte immer mit den Augen zu tun. Und wenn sie geschlafen hat, hatte ich oft Angst, dass sie nicht mehr aufwacht. Nach drei Tagen wurde sie freigelassen, weil sie in Krakau beheimatet war. Eine Woche später mussten wir ein paar Sachen zusammenpacken und uns irgendwo einfinden. Wir wurden mit dem Zug an die russisch-polnische Grenze deportiert. Mein Großvater und die Tante Amalia blieben in Krakau zurück. Auch die zwei Schwestern von meinem Papa. Ich habe sie nie wieder gesehen.

Wir waren eine Gruppe von vielleicht zehn Personen. Darunter befand sich auch eine Frau mit einem behinderten Mädel. Unser Zug wurde ständig bombardiert, und wir mussten immer aus- und wieder einsteigen. In dieser Zeit hätten wir fliehen können, aber das ist uns nicht einmal eingefallen. Wir waren eine Woche unterwegs. Als wir ankamen, wurden wir in ein ukrainisches Dorf gebracht. Die Vera, sie war sechs Jahre alt, hatte Furunkel an den Füssen bekommen und konnte nicht mehr gehen. Ich habe sie auf den Schultern getragen. Wir hatten zuerst keine Verbände und keinen Arzt, die Furunkel haben schrecklich geeitert. Von irgendwo haben wir dann Verbände bekommen, und ich habe die der Vera um die Furunkel gewickelt und mit einer Sicherheitsnadel festgesteckt. Die Sicherheitsnadel ist ihr dann in die Haut eingedrungen. Meine Mutti hatte noch etwas Geld und Schmuck, und sie hat einen Heuwagen gemietet und in der Nacht sind wir dann nach Kostopol [heute Ukraine], das lag im sowjetisch besetzten Teil Polens [Hitler-Stalin Pakt, Anm.] [17]. Als wir in Kostopol ankamen, hat uns eine jüdische Organisation in Empfang genommen. Wir haben ein Zimmer mit Verpflegung bei Leuten bekommen, und es wurde ein Arzt geholt. Vera hatte inzwischen Fieber bekommen, aber die jüdischen Ärzte, dort waren ja viele Juden, haben ihr geholfen. Sie hat Bäder bekommen, und wir konnten sie mitnehmen und pflegen, bis die Furunkel verschwunden waren. Dass sie keine Narben davon getragen hat, das ist ein Wunder. Der Krieg war für uns erst einmal beendet, weil sich die Russen und die Deutschen Polen geteilt hatten. Die Grenze war der Fluss San und Kostopol lag im russischen Bereich. Aber die Ukrainer, die dort gelebt haben, haben uns jeden Tag gesagt, dass sie uns umbringen werden, weil wir Juden sind.

Von Kostopol sind wir mit dem Zug nach Lemberg gefahren. Die jüdische Organisation hat uns auch dabei geholfen. Die Deutschen waren für uns noch immer ein kultiviertes Volk, obwohl man schon mehr hat wissen müssen, weil sie ja bereits die Juden angegriffen hatten, als Hitler an die Macht gekommen war. Aber irgendwie haben wir uns das nicht vorstellen können. Die Mutti wollte sogar eine Zeit lang über die San nach Krakau zurück. Sie hat sich eingebildet, der Papa wird nach Krakau kommen, und die Schwester ist dort, es kann nicht viel passieren. Aber es ist nicht mehr gegangen. Die Grenzen waren geschlossen.

Lemberg war eine große, moderne und wunderschöne Stadt. Die Mutti traf Freunde und Bekannte wieder, die auch geflüchtet waren. Wir haben eine Wohnung bekommen, in die man dann aber auch noch einen Russen einquartiert hat. Ich weiß nicht warum, aber so war es. Ich habe Gelbsucht bekommen. Seit ich mit der Mutti in Krakau gelebt habe, hatte ich durch das fette Essen dort einen Gallenstein. In Krakau hatte ich meine erste Gallenkolik, da war ich erst 14 Jahre alt. In Lemberg hatte ich dann die zweite Kolik. Als die Kolik vorüber war, haben wir eine Cousine meiner Mutter aufgesucht, eine Ärztin, die auch nach Lemberg geflüchtet war. Sie hat gesagt, dass ich eine vergrößerte Leber habe, es muss also von der Galle kommen. Ich habe dann Injektionen bekommen, damals waren Injektionen modern, und es hat sich gegeben. Ungefähr ein halbes Jahr haben wir in Lemberg gelebt. Ich habe als Babysitter gearbeitet, ich wollte etwas für unseren Lebensunterhalt verdienen. Die Mutti hat den Schmuck und Sachen verkauft, die sie mitgenommen hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, was noch kommen kann. Die heutigen Kinder wissen alles, so wie ich erzogen wurde, habe ich einen Dreck gewusst.

Eines Nachts hat es an unserer Tür geklopft. Russen standen da und haben gesagt, wir sollen zusammenpacken. Das war 1940. Man hat uns von Lemberg zum Ural gebracht. Die Reise in Viehwaggons hat drei bis vier Wochen gedauert. Wo wir genau angekommen sind, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass wir dann mit einer Schmalspurbahn viele Kilometer gefahren sind, mitten in den Wald. Dort war ein Lager, aber es war nicht eingezäunt, und es gab auch keine Aufpasser. Neben unserem Lager war noch ein Lager mit Russen. Unser Lagerarzt zum Beispiel war ein russischer Häftling. Was er angestellt hatte, weiß ich nicht. Für das Lager war der Wald gerodet worden, und auf der gerodeten Fläche standen Holzbaracken, größere und kleinere. In den Baracken waren drei- oder Vierbettzimmer. Die Zimmer waren groß genug, dass die Betten nicht dicht nebeneinander stehen mussten. Es war Sommer als wir ankamen, und um uns herum war nichts als Wald. Es gab einen herrlichen Brunnen, von dem wir Wasser schöpften konnten, ansonsten gab es nichts - ich kann mich an keine Kantine, an kein Geschäft erinnern. Ich weiß auch nicht, wie die Lebensmittel zu uns gekommen sind. In jeder Baracke gab es eine Kochmöglichkeit und einen Herd, den man mit Holz heizen konnte. Verköstigen mussten wir uns allein. Ich weiß, meine Mutti ist einige Male mit der Schmalspurbahn ins Städtchen gefahren, um Sachen zu verkaufen oder einzutauschen für Lebensmittel.

Zuerst haben wir in einem Zimmer gewohnt, später in einer größeren Baracke zusammen mit zwei Familien, aber das hat uns nicht gestört. Faszinierend waren die berühmten Weißen Nächte im Sommer, die es am Ural gibt, da ist es taghell.

Wir mussten arbeiten. Ich habe immer für die Mutti und für mich gearbeitet, denn meine Mutti war ja nicht gesund. Die erste Zeit habe ich am Bau der Eisenbahnlinie gearbeitet. Die Schmalspurbahn wurde weiter in den Wald hineingebaut. Mit der Schmalspurbahn wurde auch gefälltes Holz in die Stadt transportiert. Früh am Morgen wurden wir unter Bewachung russischer Soldaten zur Arbeit in den Wald gebracht, und abends wurden wir wieder zurück gebracht. Das waren je vier Kilometer. Auch viele junge russische Gefangene aus dem Lager neben unserem haben mitgearbeitet, ich glaube jedenfalls, dass sie alle Gefangene waren. Die Arbeit war schwer. Es wurden Kieselsteine mit der Bahn gebracht, die für das Schienen legen gebraucht wurden und die wir abladen mussten. So lang wir noch am Bau der Eisenbahnlinie gearbeitet haben, ging es halbwegs, aber dann wurden wir in den Wald zum Arbeiten geschickt. Es war ein Wald mit Birken und Tannen. Wir hatten Brigadiere, die haben gesagt, welcher Baum gefällt werden soll. Wir haben von den Birken den Saft abgezapft und getrunken. Das hat man eigentlich nicht dürfen, weil man den Baum kaputt gemacht hat damit.

Im Birkenwald war der Boden immer feucht und schlammig. Wir hatten den Schlamm auch in den Schuhen, weil es keine richtige Arbeitskleidung gab. Und weil es immer feucht war, gab es viele Gelsen, die uns gefressen haben. Manches Mal sind wir nach Hause gekommen und hatten völlig geschwollene Hände und Gesichter. Nach drei Wochen haben wir einen Koller bekommen. Diese Enge hat sich psychisch auf alle ausgewirkt. Das hat man Waldkoller genannt, wir sind einfach durchgedreht, weil wir nur die Birken und Tannen gesehen haben. Da haben uns die Russen an einen See gebracht, der vier Kilometer weit weg war. Das war ein herrlicher See mitten im Wald, riesengroß, da durften wir auch baden. Von dem See wurden wir dann ins Lager gebracht.

In den Mittagspausen gab es immer Hagebuttentee und Brot. Der Tee wurde in einem großen Kessel zu uns transportiert. In diesen Mittagspausen habe ich auch meine ersten Liebespaare gesehen. Das waren russischen Pärchen, die plötzlich verschwunden sind. Da wir auch Holz für die Öfen zum Kochen gesammelt haben, habe ich sie gesehen. Ich wusste nicht, wieso die verschwinden und was die machen. Aber es hat mich fasziniert.

So dünn ich war, so stark war ich auch. Ich versteh das selber nicht! Ich war vor dieser schrecklichen Zeit ein besonders behütetes Kind - wie habe ich das alles nur geschafft? Im richtigen Moment war ich stark. Vielleicht war das so, weil ich das alles gemacht habe, damit meine Mutti nicht arbeiten muss.

Dann kam der Herbst, und wir bekamen gesteppte Jacken, wie sie jetzt modern sind. Aber ich hatte nur Halbschuhe. Man brachte uns große Sandalen aus Stroh und Stoffstücke, die ausgeschaut haben wie Abwaschtücher. Die hat man sich um die Füße gebunden. Und dann ist der Winter gekommen. Der Winter war schlimm, bis zu Temperaturen von -38 Grad haben wir gearbeitet. In der Früh wurden wir von den Russen abgeholt. Wir bekamen Fackeln, denn es gab Wölfe in den Wäldern. Und so sind wir mit der Hacke und der Säge auf der Schulter gegangen, um die Bäume abzusägen. Zuerst musste man den Schnee von den Bäumen abtreten, damit man tief genug sägen konnte. So lange es Birken waren, war es halb so schlimm, die sind nicht so dick. Aber die Tannen hatten Äste, die dicker waren als mein Arm. Zuerst habe ich nur die Äste der Bäume abgehackt, zusammengetragen und sie auf einen Haufen gelegt. Das war meine Arbeit. Die Tannen waren leichter zu fällen im Winter, weil das Harz nicht herunter geronnen ist. Jeden Tag haben wir hunderte Bäume abgesägt. Eines schönen Tages habe ich eine Sandale verloren. Ich hab das nicht gespürt, wir haben im tiefen Schnee gearbeitet, und im Schnee ist es nicht kalt. Die Brigadiere haben immer nach unserer Arbeit ein Lagerfeuer gemacht. Wasser wurde vom Pripjat [Fluss] geholt und gewärmt. Das Brot, das wir zu essen bekamen, war so steif gefroren, dass wir es aufgespießt und über das Feuer gehalten haben, damit man es überhaupt essen konnte. Der Brigadier hat am Lagerfeuer bemerkt, dass meine eine Sandale fehlt.‚Irina Romanovna, wo hast du die Sandale?’ hat er mich gefragt. Sie war weg, ich habe sie nicht mehr finden können. Man hat mich am Feuer sitzen lassen, aber ich musste ja nach Hause, das waren vier Kilometer. Da habe ich mir die Zehen abgefroren. Und ich habe mir auch die Hände erfroren. Ich bekam Knötchen an den Händen, aber ein Arzt hat mich gepflegt.

Zuerst hat man mir gesagt, dass man die Zehen amputieren muss, aber der Arzt hat gesagt, dass ich dazu zu jung bin. Ich war 16 Jahre alt, und er hat mit Petroleum und mit verschiedenen Salben, die er gebracht hat, meine Zehen gerettet. Dann durfte ich zwei Monate nicht arbeiten. Er hat mir auch spezielle Handschuhe gebracht, damit ich nicht so an den Händen friere. Und ein Russe, ein Brigadier, hat mir eine Kappe gebracht. Über die Kappen hatten wir noch Tücher, so dass praktisch nur die Augen herausgeschaut haben. Dann habe ich Filzschuhe bekommen, weil ich nur Halbschuhe hatte, die durch die Arbeit durch die Nässe bei den Birken kaputt waren. So war mir dann nicht mehr kalt.

Die Russen waren anständig zu uns. Es hat uns nie einer angerührt, wir wurden nie geschlagen. Ob jemand vergewaltigt wurde, das weiß ich nicht. Aber das glaube ich nicht, die Russen hatten alle Familien.

Dann ist wieder der Frühling gekommen, und der Krieg ist näher gerückt. Das war im Juni  1941, die Deutschen hatten die Sowjetunion überfallen.

Alle Flüchtlinge, die aus Deutschland und Österreich gekommen waren, also alle deutschen Staatsbürger, wurden interniert. Die erste Station war nach drei Wochen. Ich weiß, wir waren ein paar Tage in einem Zwischenlager, aber wo das war, habe ich nie gewusst. Da waren wir mit einer Frau Frankl und ihrer Tochter und einer Frau Wang und ihrem Sohn zusammen eingesperrt. Die Frau Frankl war eine Bekannte von der Mutti. Man hatte uns alle Sachen weggenommen. Nur eine kleine Tasche und was wir am Leib hatten, durften wir behalten. Weil man uns von der Mutti getrennt hatte, habe ich die Vera gebeten, sie soll laut weinen, damit man auf uns aufmerksam wird. In den Zellen neben uns waren russische Häftlinge, die haben versucht, die Vera zu beruhigen. Aber das war nur eine Nacht, und dann durfte die Mutti zu uns kommen. Nach kurzer Zeit wurden wir zum Bahnhof gebracht, und wir fuhren nach Sibirien, irgendwo hinter Novosibirsk. Das war die nächste Etappe.

In Novosibirsk sind die Juden aus Riga dazu gekommen. Einige Österreicher hatten es geschafft, nach Riga zu flüchten. Auch Lotte Hajek, eine Freundin meiner Mutti aus Wien, haben wir dort getroffen und Rosel Grünwald mit ihrem Mann Victor, Wiener Juden und viele andere. Es waren auch Wiener Ärzte dort. In dem Internierungslager befanden sich ungefähr 1 000 Flüchtlinge. Das Gebiet war umzäumt, und es gab Häuschen für die Bewacher. Für mich war das schrecklich - ganz furchtbar. Plötzlich waren wir sichtbar eingesperrt. Untergebracht waren wir in Baracken. Es gab eine Küche, in der für uns gekocht wurde. Es gab nicht genug zu Essen, aber wir mussten nicht verhungern. Wir haben verlangt, dass man uns Arbeit gibt, und da hat man uns Schafwolle gebracht und Spinnräder. Wir haben die Wolle gesponnen und mit Stricknadeln, die man uns gebracht hat, haben die Frauen Socken und Handschuhe für Soldaten gestrickt. Ich habe Netze für Fischer geknüpft. Das war nicht schwer, das ist eine Handfertigkeit. Nach zirka einem Jahr ist der Krieg näher gekommen. Was haben wir damals gewusst? Wir wussten, dass Krieg ist, aber sonst wussten wir nichts. Und wir hatten irgendwie erfahren, dass mein Vater in Frankreich war.

Im Juli 1942 hat man uns alle zusammengepackt, in Waggons verfrachtet und nach Kasachstan gebracht. In Viehwaggons, unter ziemlich schweren Bedingungen, fuhren wir vier Wochen in das Lager Spask. Ab der letzten Eisenbahnstation ging es noch zirka vier Stunden mit dem Autobus durch eine völlig leere Gegend. Nichts, nicht ein Baum, nicht ein Strauch, nichts! Dann hielt der Autobus. Eltern mit ihren Kindern wurden auf Autos geladen. Der Rest musste zu Fuß gehen, auch ich. Wenn die Autos die Leute im Lager abgeladen hatten, kamen sie zurück und haben die nächsten geholt. Es war wahnsinnig heiß. Die Sonne brannte. Karaganda liegt 500 Meter über dem Meeresspiegel, auf jeden Fall ist das ein mörderisches Klima. Im ersten Jahr haben sehr viele das nicht vertragen. Wir waren ja geschwächt von dem Jahr in Sibirien. Ich bin auf einer kleinen Rast eingeschlafen. Und als sich alle zum Weitergehen aufgestellt haben, hatte man mich übersehen. Als ich wach wurde, sah ich den Dr. Wohlgemuth, das war auch ein Lagerinsasse, über mir beten. Er war Rabbiner, vielleicht hat er gedacht, ich sei gestorben. Also bin ich aufgestanden, die Mutti und die Vera hatte man schon aufgeladen, und ich bin weiter gegangen, bis unsere Gruppe auf das Auto gekommen ist.

Als ich unser Lager sah, dachte ich, ich sehe eine Oase wie bei Karl May vor mir. Eine Oase in der Wüste. Ringsherum absolut nichts, Steppe, dann war ein runder Teil eingezäunt und da standen Baracken. In der Mitte gab es einen Brunnen. Bevor wir kamen, war das Lager ein Strafgefangenenlager. Es war umgeben von doppeltem Stacheldraht, und es waren Aufsichtshäuschen für die Soldaten an jeder Ecke; vier Ecken und vier Aufsichtshäuschen, in denen die Soldaten, die von der Front gekommen und nicht mehr kampffähig waren, auf uns aufgepasst haben. Das große Tor war zu. Außerhalb des Lagers waren ein paar Baracken mit Leuten, die die Schafe gehütet haben, aber sonst war nichts. Wie weit man geschaut hat war nichts außer der Steppe. Es waren Uranlager in der Nähe, aber die waren nicht sichtbar für uns.

Jeden Morgen und Abend mussten wir uns aufstellen, und man hat uns gezählt. Aber wir führten dort im Lager ein einigermaßen menschliches Dasein an dem gemessen was wir gehört haben, als wir zurückgekommen sind - KZs, Vernichtung. Immerhin haben wir überlebt, wenn auch viele gestorben sind. Es war Glücksache, ob man überlebt hat oder nicht. Aber man hat uns weder geschlagen noch schlecht behandelt. Im Gegenteil: Wir haben etwas mehr gehabt als die, die draußen waren - die Russen. Das Essen wurde von der Küche in die Baracken getragen und dort verteilt. Drei Mal am Tag gab es Suppe und ein Mal am Tag 400 Gramm Brot. Das Brot war eine schwere und klebrige Masse. Wir hatten auch einen Karzer, also ein kleines Gefängnis, und wenn man sich nicht nach den Regeln benommen hat, zum Beispiel, man wollte nicht arbeiten, man hat einen mit einem Mädchen erwischt, oder man hat im Feld gestohlen, hat man uns hineingesteckt. Aber wir haben trotzdem fleißig gestohlen: Karotten, rote Rüben, das Kraut und alles Essbare - wir wollten ja überleben! Ich muss sagen, ich habe überhaupt kein Problem mit den Russen.

Wir waren in den Baracken untergebracht, Frauen und Kinder separat und die Männer separat und haben begonnen, uns einzurichten. In einem Zimmer wurden vier bis fünf, bei den Männern etwas mehr Internierte, untergebracht. Ich hatte ein Zimmer mit meiner Mutti und mit meiner Schwester, einer Frau Kaiser aus Polen und ihrem Kind. Ich habe Matten aus Stroh für Treibhäuser geflochten. Man hat die Treibhäuser mit den Strohmatten gedeckt, und wir haben in die Treibhäuser Setzlinge für den Frühling, für draußen, gesetzt. Dort war nur Steppe, das Land lag brach. Man muss sich das vorstellen, es waren Hügel, keine Bäume, nichts - nur die Steppe. Es war ein riesengroßes Gebiet. Als wir gekommen sind, waren sieben Hektar, und als wir weggefahren sind, hatten wir 70 Hektar urbar gemacht.

Es existierte eine Kommandantur mit allem drum und dran. Unser erster Kommandant des Lagers hat gesehen, dass die Überlebenschancen gering sind. Er hat befohlen, dass ums Lager herum Bäumchen gepflanzt wurden, alle Strohsäcke, auf denen wir schliefen verbrannt wurden und frische Strohsäcke herangeschafft wurden. Er hat alles desinfizieren lassen, weil wir Läuse und Flöhe hatten. Den Männern wurden so eine Art Militärhemden gebracht und Teile von Militärausrüstungen, und den Frauen hat er gesagt, sie sollen den Männern auf die Hemden die Krägen aufnähen, weil sie dann V- Ausschnitte bekamen, wie Männernachthemden, denn so hat man das in Russland getragen.

Der Winter war ein Erlebnis, weil es dort Schneeverwehungen gab und der Schnee höher war als unsere Baracken. Wenn ein Schneesturm im Anzug war, läutete eine Glocke. Dann durfte man die Baracken nicht mehr verlassen. Wenn es vorbei war, sind Equipen gekommen und haben zu den Häusern einen Weg geschaufelt, wobei die Schneehaufen höher waren, als die Baracken. Die Einheimischen, die dort außerhalb des Lagers gewohnt haben, waren Usbeken, die Schäfer waren. Wenn der Winter gekommen ist und sie die Schafe nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatten, ist es vorgekommen, dass sie eingeschneit wurden und erfroren sind. Ich kann mich erinnern, dass sie einmal nur überlebt haben, weil sie durch die Schafe gewärmt wurden, ansonsten hätte es keine Überlebenschance gegeben. Der Boden in unseren Baracken bestand aus Lehm, die Betten waren Holzliegen auf hohen Füssen, und wenn dann das Tauwetter kam, ist das Wasser in die Häuser herein geronnen. Da sind wir in der Früh im Wasser gestanden. Wir haben den Schnee versucht weit wegzuschaufeln, aber das hat nichts genützt.

Der Frühling dauerte vier bis fünf Tage, da hat alles getaut. Dann kam der heiße Sommer. Wir haben mit Schaufeln auf den Feldern gearbeitet, vollkommen primitiv. Wir haben Setzlinge, Samen, Kraut, Tomaten, Melonen und irgendeine Art von Gerste bekommen und gesetzt und gepflanzt. Begonnen hat die Arbeit um fünf Uhr in der Früh, damit die Sonne nicht alles kaputt macht. Im Winter wurde der Schnee von den Männern in riesengroße Blocks geschnitten, und die Blocks wurden neben einem ausgetrockneten See gestapelt. Im Frühling ist der Schnee getaut, und mit dem Wasser wurde das Feld bewässert. Ich bin einmal an so einem See spazieren gegangen als wir Ausgang hatten und habe gesehen, wie hoch die Blöcke gestapelt waren. Das Wasser ist dann herunter geronnen in den See, und man hat es durch kleine Kanäle auf die Felder geleitet. Natürlich ist es auch passiert, dass das ganze Feld überflutet wurde, und man musste die Setzlinge neu einzusetzen. Aber die Erde war fruchtbar, überhaupt nicht verbraucht, und die Ernte war sehr reich. Wenn man eine kleine Kartoffel in die Erde gelegt hat, konnte man ein Kilo Kartoffeln ernten. Zwiebeln und Knoblauch sind dort wild gewachsen. Wir haben die dann sozusagen domestiziert und haben sie neu gesetzt. Meine Schwester hat nicht gearbeitet, sie war zu jung, und ich habe wieder für meine Mutti mitgearbeitet und darum immer zwei Schichten übernommen. Ich hatte ein ganz verbranntes Dekollté von der Sonne, das bin ich nie mehr losgeworden. Wir haben in Kleidern gearbeitet, die Sonne hat gebrannt, Bäume gab es nicht.

Die Männer im Lager, insgesamt waren es 1360, waren Deutsche, Österreicher, Wolgadeutsche, das sind Russen deutscher Abstammung, eine Schiffsmannschaft Dänen, die Odessa angefahren hatte, und dann durch den Ausbruch des Krieges nicht mehr zurück konnte, weil es zu gefährlich gewesen wäre, dann Kommunisten aus dem Spanischen Bürgerkrieg, die mit der ‚Ibarruri’ [Schiff] nach Odessa gekommen waren und Polen. Die Polen waren polnische Offiziere, unter denen war auch mein Mann. Hitler hatte sich 1939 mit den Russen Polen geteilt. Das war der Hitler - Stalin - Pakt. Die polnische Armee hatte versucht, Polen zu verteidigen. Sie hatten gekämpft und wurden geschlagen. Die Russen haben viele der Offiziere und Soldaten, aber auch Zivilbevölkerung ermordet, aber einige wenige Offiziere wurden in Züge gesetzt und nach Russland deportiert. Das ist in der Stadt Katyn geschehen, das kann man alles nachlesen. Die Russen haben behauptet, dass die Deutschen diese vielen Polen ermordet hätten. Aber das stimmte nicht. Jetzt weiß man die Wahrheit, weil sie die Leichen gefunden und untersucht haben.

Die Polen im Lager waren sehr tüchtig, sie haben viel gearbeitet. Alles haben sie gemacht, sogar Schusterarbeiten. Das hat sich im Lager entwickelt. Nach einiger Zeit haben wir Erste Hilfe Pakete aus Amerika bekommen, in denen waren Konserven. Aus den leeren Dosen haben die Polen Töpfe und Tassen hergestellt. Die Männer haben in extra Baracken gewohnt. Sie haben aber zusammen mit uns gearbeitet, so haben wir sie kennen gelernt.

Die Mutti ist krank geworden. Ein Kind hatte mit Steinen geworfen und die Mutti an der Schläfe getroffen. Sie hatte einen Bluterguss, der begonnen hat zu wandern. Der Arzt hat mir gesagt, wenn der Bluterguss zum Herzen gelangt, muss sie sterben. Es gab keine Möglichkeit, ihn zu stoppen. Aber die Mutti war auch schon sehr geschwächt. Sie hatte ein Jahr davor einen schrecklichen Durchfall. Sie ist in einer Krankenbaracke gelegen, und – das hat sie mir nachher erzählt - sie hat gesehen, wie ich an ihrem Bett geweint habe. Ich war ja fast noch ein Kind, und meine Schwester war noch so klein. Da hat sie sich plötzlich gesagt: Ich muss überleben, ich muss bei meinen Kindern bleiben. Und das hat sie irgendwie aufgebaut, und sie hat’s auch wirklich überlebt. Ein Jahr haben wir noch zusammen in der Baracke in Karaganda gelebt. Dann ist sie gestorben. Das war 1943. Meine Mutti ist wahrscheinlich dort auf dem Friedhof begraben, denn bestimmt ist dort ein Friedhof, weil es ja Einheimische gab .Ich weiß aber nicht, wo genau das ist, weil ich aus dem Lager nicht heraus konnte. Ich habe mir vor einiger Zeit extra eine Karte gekauft, um Spask zu suchen. Spask war der Lagername, eine Stadt war da keine. Das Lager war 60 km von Karaganda entfernt, das war die letzte Eisenbahnstation. Einmal habe ich eine Riesenkarte in einem Büro gesehen, wo Karaganda drauf war, nichts weiter, nur Karaganda. Ein Lagerkollege hat ein Buch über die Zeit geschrieben, er wird vielleicht wissen, wo das ist. Ein anderer Lagerkollege ist nach Amerika ausgewandert und war dann im Militär. Der wurde einmal mit einem diplomatischen Auftrag in die Sowjetunion geschickt. Man hat ihn dort gefragt, ob er was Besonderes sehen möchte, und er hat gesagt, dass er nach Spask wolle, wo er in den Kriegsjahren war. Man hat ihn mit dem Helikopter hingebracht. Das ist jetzt ein Militärlager, es existiert jedenfalls. Ich nehme an, ich hätte nie von den sowjetischen Behörden die Erlaubnis bekommen, dorthin zu fahren, aber vielleicht wollte ich’s auch gar nicht. Das war damals so ein Schock für mich und wäre sicher auch heute noch ganz furchtbar. Ich war 16 Jahre alt und meine Schwester war sechs. Ich hatte im Lager die Alma Picker wieder getroffen, mit der ich in Wien in die Schule gegangen bin. Das war so: als wir in Spask ankamen, ging das Tor zum Lager auf, und vor mir stand die Alma aus meiner Schulklasse in Wien. Ihr Vater war nach dem Krieg der Besitzer vom Wiener Kabarett Simpl, und sie haben mir dann in Wien sehr geholfen. Aber ich kann nicht sagen, dass sich damals, als meine Mutti gestorben ist, eine andere Familie unserer angenommen hätte, das war nicht möglich.

 

Eines Tages hat der Oberkommandant des Lagers einen Tanzklub geschaffen. Es wurde eine Riesenbaracke aus Lehm gebaut. Die Ziegel wurden mit Lehm und Stroh vermischt und in der Sonne getrocknet. Da gab es dann Tanzabende und Vortragsabende. Dadurch, dass wir die Musik und den Tanz hatten, dass man uns erlaubt hat, mit den Männer zusammen zu kommen, sind natürlich auch Kinder zu Welt gekommen. Es war dann auch so, dass ein Teil der Internierten aus dem Lager herausfahren konnte. Sie bekamen einen Ausgangsschein und durften das Lager verlassen, um unsere Ernte gegen andere Waren in Karaganda zu tauschen. Dann sind sie wieder zurückkommen. Und wenn wir unter denen, die hinaus konnten Freunde hatten, wurden wir manchmal mitgenommen, damit wir einen Spaziergang ums Lager machen konnten, ein bisschen ins Freie.

Im Lager entstand auch so etwas wie eine Schule. Die Kinder haben Schreiben auf Holztafeln gelernt, denn es gab kein Papier. Einige Bleistifte haben uns die Russen gebracht. Eine Rabbinerin aus Riga, Bella hieß sie, war eine der Lehrerinnen. Sie hatte ein Kind, das irgendwo unterwegs zur Welt gekommen war. Man hatte sie von ihrem Mann, Adler hieß er, den Vornamen weiß ich nicht mehr, der Rabbiner war, getrennt. Aber glücklicherweise hat sie den Mann nach dem Krieg gefunden, und sie sind wieder zusammengekommen. Sie war aus Riga, woher ihr Mann ursprünglich war, weiß ich nicht. Er war nicht in unserem Lager. Aber die Heimreise hat sie anders angetreten. Wie sie das gemacht hat, weiß ich nicht. Sie konnte gut Russisch sprechen, und sie sind nach dem Krieg in die Schweiz geflüchtet und haben dann in der Schweiz gelebt. Ich bin nach dem Krieg mit ihr in der Schweiz, in Basel, oft zusammen gekommen. Ihr Mann war ein wunderbarer Mensch - orthodox, aber mit den Anschauungen eines normalen Menschen. Er hat zum Beispiel gesagt: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott! Solche Sprüche hat er gehabt. Er war hoch intelligent, er war wirklich etwas Besonderes. Und sie war ein feiner Kerl.

Jede Woche ist ein Politruck [Politkommissar, Anm.] gekommen. Das war ein Russe, der uns die politische Lage erklärt hat. Aber wir haben nicht geglaubt, was er gesagt hat. Wir haben nicht glauben können, dass es Lager gibt, in denen man die Menschen einfach ermordet. Er hat es uns erzählt, und niemand von uns hat es geglaubt. Nicht die Polen, nicht die Deutschen, Niemand! Dass man tötet, das konnte sich niemand vorstellen.

Mein Mann war 10 Jahre älter als ich, aber damals war es kein so großer Unterschied. Er war aus Posen [polnisch Poznan] und schon Magister der Chemie. Im Lager hat er eine kunstgewerbliche Werkstätte geleitet.

Bevor Edek auf die Welt gekommen ist, habe ich in der Küche gearbeitet, weil ich schwanger nicht mehr ins Feld konnte. Es gab zwei Ärzte im Lager, auch die Russen aus dem Nebenlager sind zu uns gekommen, wenn sie krank waren. Und es gab eine Krankenbaracke. Die Kranken wurden von unseren Frauen betreut, eine oder zwei waren sogar richtige Krankenschwestern, die anderen haben sich bemüht, Krankenschwestern zu sein. Medikamente hatten wir wenig. Nachdem ich den Edek im Herz 1946 bekommen habe, bekam ich Beulen an den Händen. Das war eine rheumatische Gelenksentzündung. Damals habe ich den Edek gestillt, der Krieg war schon aus, und ich hatte Angst, ihn von der Brust abzusetzen, denn was werde ich ihm geben, wenn ich unterwegs nach Hause bin?

Geheiratet haben Edeks Vater und ich auch. Aber das war ganz formlos. Wir haben dem Natschalnik [Bez. für Chef, Vorgesetzter, Vorsteher, Leiter] gesagt, dass wir zusammen sind, aber eine Heiratsurkunde hat man nicht bekommen. Man hat auch nicht zusammen wohnen können. Für die Vera war der Edek wie ihr Bruder. Ich habe sie gefragt, als er auf die Welt gekommen ist: ‚Na, gefällt er dir’, und sie hat gesagt ‚nicht sehr, er ist so verrunzelt’

Nach dem Krieg

Als der Krieg 1945 aus war, hatte man uns noch nicht nach Hause gelassen. Wir waren ja gute Arbeitskräfte. Was hätten sie machen sollen mit den 70 Hektar Land, das wir bebaut hatten? Wir haben doch die ganze Umgebung mit Lebensmitteln versorgt. Es waren riesige Betontonnen in die Erde hinein gebaut worden, und während der Erntezeit haben wir die Früchte dort eingesalzen für die Russen im Winter. Es waren Tonnen Gurken, Tomaten und Kraut. Wir waren gute Arbeitskräfte. Es waren wenige Menschen dort, die unsere Arbeit hätten weiter führen können.

Nicht alle Internierten wurden nach Hause geschickt, nur ungefähr 80 Prozent. Ein paar Leute sind da geblieben, die sich angeblich etwas hatten zu Schulde kommen lassen. Mein Mann hat uns dann nach Polen mitgenommen. Wir haben am 24. November 1946 das Lager verlassen. Ich wollte weg, und die Polen sind früher weggefahren als die Österreicher. Mein Mann hätte auch mit mir nicht nach Österreich fahren können, denn er war kein Österreicher.

Einen Monat sind wir gefahren, dann waren wir in Brest. Die Fahrt war fürchterlich! Ich war nicht die Einzige mit einem kleinen Kind. Zum Glück habe ich noch gestillt, ich hätte ihm ja nichts zum Essen geben können die vier Wochen. Die Russen haben uns begleitet und versorgt. Das Essen wurde in einem Waggon gekocht, aber es waren keine guten Lebensmittel. Milch hatte ich viel, nur wert war sie gar nichts. Ich kann heute gar nicht mehr sagen, wie furchtbar die Reise war, bis wir nach Brest kamen in ein Lager, wo es einen Ofen gab. In dem Lager in Brest waren Kriegsgefangene, ein Teil der Gefangenen waren 15 und 16jährige Kinder aus Deutschland und aus Österreich, die im letzten Moment eingezogen worden waren und die man nach Russland befördert hat. Die haben geweint, die wollten zu ihrer Mama. Ich habe so einem Kind, einem deutschen Burschen, der hungrig und ausgezehrt war, Brot gegeben. Wir hatten genug Brot, nicht zu viel, aber genug. Und am nächsten Tag ist er gekommen und hat mir ein Handtuch gebracht: Ich soll es doch nehmen, die Mutti hat es ihm mitgegeben. Ich habe es noch heute. Ich habe es nie verwendet, aber ich habe es nicht weggeben können. In Brest wurden auch Kriegsgefangene abgeladen, die zum Teil erfroren und gestorben sind. Das war alles unvorstellbar furchtbar. Ich habe heute noch vor Augen, wie man einen abgeladen hat, und der hat angefangen zu stöhnen. Und dort ist noch etwas passiert, was ich auch nie vergessen werde: Wir haben in einem kleinen Zimmer in einer Baracke gewohnt. Der Boden war aus Lehm und rutschig, weil es draußen nass war. Die Vera hat sich waschen wollen und hat einen Topf mit kochendem Wasser vom Ofen genommen. Sie ist damit ausgerutscht und hat das kochende Wasser auf eine Hand bekommen. Zum Glück war ein Arzt da, ein polnischer Arzt. Es ist eine Blase entstanden und der Arzt hat die aufschneiden wollen, aber ich habe gesagt, er soll die Blase aufstechen, damit das Wasser herauskommt, weil sie eine Blutvergiftung bekommen kann wenn die Schutzhaut weg ist, in dem Dreck, in dem wir gelebt haben. Es ist nur eine winzige Narbe geblieben, nicht mehr. Nach drei bis vier Wochen, fuhren wir in Viehwaggons weiter. In Polen waren zu dieser Zeit Wahlen. Das war im März, und die wollten uns nicht hinüber lassen.

Jeder ist dahin gekommen, wohin er wollte. Ich wollte nach Krakau, weil ich wusste, wenn ich Familie habe, wird sie mich dort suchen. Mein Mann ist nach Posen zu seiner Familie gefahren. In Krakau war ein Repatriationshaus, und dort habe ich Quartier mit Vera und Edek bekommen.

Meine Großmutti war ja vor dem Krieg an Krebs gestorben, und meine Tante Amalia hat meinen Großvater nach Auschwitz begleitet. Ich habe das in der Schule erfahren, in die ich vor unserer Deportation aus Krakau gegangen bin. Sie hat noch existiert, und ich habe dort meine damalige Lehrerin um meine Zeugnisse gebeten. Ich hatte die Schule nicht abgeschlossen, weil ich flüchten musste, aber ich wollte Zeugnisse für die Zeit, in der ich dort gelernt hatte. Diese Lehrerin hat mir erzählt, dass meine Tante Amalia, als sie schon im Ghetto war, ihr ein elektrisches Bügeleisen und etliche andere Sachen gebracht hatte. Das elektrische Bügeleisen war damals eine Rarität. Meine Tante hat diese Sachen für Essen bei ihr eingetauscht, und ich habe die Sachen aus der Wohnung meiner Großeltern bei ihr gesehen. Das wird schon so gewesen sein, sie hatte es sicher nicht gestohlen. Sie wollte mir die Sachen dann geben, aber ich habe sie nicht wollen. Damals hat sie mir auch erzählt, dass meine Tante den Großvater nicht allein lassen wollte und mit im zusammen ins KZ Auschwitz deportiert wurde. Das ist die Geschichte von meiner Tante Amalia.

Dann habe ich meinen Vater und meine ganze Familie gesucht. Ich weiß nur, der Papa hat es geschafft von Wien nach Südfrankreich zu kommen, da war der Hitler vielleicht ein halbes Jahr in Österreich. Ich weiß das genau, weil ich weiß, dass er mit seinem Kollegen Haber, dessen Frau und den zwei Kindern über die Grenze in die Schweiz mit einem Auto geflüchtet ist. Man hat sie an der Grenze beschossen. Frau Haber, die ich gut gekannt habe, wurde in den Rücken getroffen. Sie war tot. Sie waren aber schon in der Schweiz, und dann ist der Papa weiter nach Frankreich geflüchtet. Dort muss man ihn verhaftet haben, denn er wurde am 12. August 1942 von Drancy bei Paris, dort war ein Sammellager für französische Juden und Juden, die es aus anderen Ländern geschafft hatten zu flüchten, nach Auschwitz [18] deportiert. Zuerst hatte es geheißen, er ist auf ein Schiff gestiegen nach Amerika und das Schiff sei dann untergegangen. Aber wir haben gewusst, er ist in Frankreich. Und die Mutti hat immer Pläne gemacht, als wir in Russland waren: Wenn wir zurückkommen, fahren wir mit dem Papa nach Amerika und eröffnen eine kleine Bäckerei mit hausgemachten Kuchen. Sie wollte mich und meine Schwester in die Back - und Kochkunst einführen. Das war ihr Plan, und sie hat von allen Nationalitäten, die ihr in den verschiedenen Lagern begegnet sind, Backrezepte gesammelt.

Eines Tages bin ich in ein Geschäft gegangen, um Seife zu kaufen. Ich wollte den Edu [Kurzform für Edek, Anm.] baden. Sie haben mir so kleine Stückchen Seife gegeben, ich habe sie bezahlt und genommen. Als ich in mein Zimmer in der Baracke gekommen bin, ich habe mit noch einer Familie in dem Zimmer gewohnt, habe ich gesagt: ‚Ich habe Seife ergattert!’ Sie haben sich die Seife angeschaut und gesagt: ‚Das ist doch die Seife RJ, reines Judenfett!’ Man hat mir die Seife abgenommen und sofort begraben. Ich weiß nicht wer, vielleicht war es die Kultusgemeinde, hat dem Geschäft dann die ganze Seife abgekauft und am Friedhof begraben. Und so habe ich dann diese ganzen KZ Geschichten gehört.

Ich hatte noch zwei Erlebnisse in Krakau. Ich bin mit dem Edu auf dem Schoss in der Straßenbahn gesessen. Neben mir ist ein Mann gesessen, der Zeitung gelesen hat. An einer Haltestelle ist ein Mann eingestiegen. Der war groß und stämmig, und der stellte sich vor uns hin und sah sich den Mann neben mir über die Zeitung hinweg an. Plötzlich riss er ihm die Zeitung weg. Ich habe mit dem Kind auf dem Schoß einen Schreck gekriegt, und der Mann schrie:

‚Erkennst du mich? Weißt du, wer ich bin? Aber ich weiß, wer du bist!’ Er riss sich das Hemd herunter und hatte den ganzen Rücken und auch die Hände voller Brandnarben. Er hat den Mann neben mir gepackt und hat ihn geschlagen, hat ihn auf den Boden geworfen und ihn getreten. Die Straßenbahn ist stehen geblieben, die Polizei ist gekommen und hat beide mitgenommen. Es hat sich dann herausgestellt, der neben mir saß war in einem KZ ein brutaler Mörder, und der Mann hatte ihn erkannt. Es hingen dann überall so große Plakate, weil man noch mehr Zeugen gesucht hat, und man hat ihn nachher gehängt.

Und das zweite Erlebnis war so: Ich bin ich am Flohmarkt gegangen, um für den Edu einen Kinderwagen zu kaufen. Er hat spät angefangen zu gehen und war schon ziemlich schwer, ich konnte ihn nicht immer tragen. Endlich habe ich ein Wagerl bekommen, das billig war. Plötzlich sah ich einen Menschenauflauf. Da standen eine Frau und ein Mann, und sie umarmten sich. Ich bin stehen geblieben, und es hat sich herausgestellt, das waren Bruder und Schwester. Sie hat ihre Geschichte erzählt: Sie war in einem Vernichtungslager und alle mussten sich ausziehen und in die Gaskammer. Sie hatte Angst und hat sich unter den Haufen von den Kleidern versteckt. Sie hatte nicht gewusst was passiert, es war Intuition oder so etwas. In der Nacht sind Lastwagen mit Offizieren und Strafgefangenen gekommen, die Kleider aufgeladen. Ein Offizier ging durch die Kleider und plötzlich spürte er, dass unter den Kleidern jemand liegt. Er hat die anderen Leute weggeschickt, nahm die Kleider auseinander und fand das nackte Mädchen. Sie hat gesagt, dass sie sich in die Augen gesehen haben, ihr sind die Tränen geronnen, und der Offizier hat ‚Pssscht!’ gesagt, hat sie eingepackt in die Kleider, und auf den Wagen geworfen. Dann ist er allein mit dem Wagen aus dem KZ hinausgefahren und hat sie in den Wald gebracht. Dort hat er sie versteckt. Am nächsten Tag ist er mit einer deutschen Uniform und mit Brot gekommen. Dann ist er gekommen und hat Ausweise gebracht und hat sie zu seinen Eltern nach Deutschland mitgenommen. Er hat ihr sogar eine Perücke gebracht und seinen Eltern nicht gesagt, dass sie Jüdin ist. Sie hat den Krieg bei seinen Eltern überlebt, er ist an der Front gefallen. Als der Krieg aus war, hat sie den Eltern gesagt, dass sie Jüdin ist und sich von ihnen verabschiedet und gesagt, dass sie sie nie vergessen und immer besuchen werde. Das waren die drei Sachen, die ich in Krakau nach dem Krieg erlebt habe.

Wir hatten nichts - keine Kleider, keinen Besitz, nichts. Mittagessen hat man dort bekommen. Es gab Listen und in die Listen wurden die Leute, die zurückgekommen sind, eingetragen. So hat mich der Teil der Familie, die überlebt hatte und in Polen war, gefunden. Da war die Tante Mania, eine Verwandte meiner Mutter, die vor dem Krieg auch in Krakau, gleich neben meinem Großvater gewohnt hatte. Tante Mania hat in Warschau gelebt, als ich nach Krakau zurückgekommen bin. Sie hat in der Liste gelesen, dass ich lebe und ist sofort zu uns gekommen. Das ist ihre Geschichte: Tante Mania hatte drei Brüder, den Max Leinkram, den Moniek und den Gustav, aber ich weiß nicht mehr genau, ob er wirklich Gustav hieß, Und sie hatte eine Schwester, die Sara. Alle Brüder waren verheiratet und hatten Kinder. Der Gustav lebte mit seiner Frau in Warschau und hatte einen Sohn. Ich glaube, die Frau vom Gustav ist vor dem Krieg gestorben. 1939, nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen, ist Max zu seinem Bruder nach Warschau gefahren. Was aus seiner Frau wurde, weiß ich nicht. Nach dem Entstehen des Warschauer Ghettos [jüdisches Ghetto mitten in Warschau von Ende 1940-Mai 1943, Anm.], haben Max und Gustav, die außerhalb des Ghettos versteckt waren, regelmäßig Essen ins Ghetto gebracht. Eines Nachts hat Gustav das Essen ins Ghetto gebracht und ist nicht zurückgekehrt. Am nächsten Tag hat Max seinen toten Bruder in einem Graben im Ghetto gefunden. Max hat überlebt und ist Ende der 1940er Jahre nach Israel emigriert. Moniek besaß in Krakau ein kleines Geschäft mit Nähzubehör und Spitzen. Er hat mit seiner Frau und seiner Mutter versucht vor den Deutschen zu fliehen, sie wurden aber auf einem Bahnhof entdeckt und alle drei erschossen. Der Vater von Mania und ihren Geschwistern war vor dem Krieg gestorben. Nach dem Einmarsch der Deutschen hatte Mania alle Kinder der ganzen Familie, insgesamt ein Mädchen und zwei Buben, in Klöstern versteckt. Alle Kinder konnten so dem Holocaust entkommen und haben überlebt. Sie selbst ist mit ihrem Mann Flor nach Russland geflüchtet. Flor war Kommunist. Er wurde in Russland zum Militär eingezogen, und Mania hat nie wieder etwas von ihm gehört. Sie hat in Russland den Krieg überlebt, dort den Herrn Wistreich kennen gelernt und ist nach dem Krieg nach Polen zurückgekommen. Dann hat sie alle Kinder aus den Klöstern geholt. Gustavs Sohn emigrierte mit seiner Großmutter nach Australien, Mania ist mit ihrem Sohn und zweiten Mann nach Israel ausgewandert. Monieks Tochter haben sie nach Israel mitgenommen, sie ist dort geblieben. Mania und ihre Familie konnten aber in Israel nicht Fluss fassen und sind in die Türkei weiter gezogen. Warum in die Türkei, weiß ich nicht. Aus der Türkei sind sie dann nach Paris gegangen, wo der Sohn studiert hat. Er hat dann als Kontrolleur für die Wirtschaftshilfe für Dritte Weltländer gearbeitet. Sara, Manias Schwester, hatte vor dem Krieg in Krakau Botanik studiert und war als Doktor der Botanik nach Palästina gegangen, da sie als Jüdin in Polen nicht die Möglichkeit hatte zu arbeiten. 1939, als der Krieg ausgebrochen ist, war sie gerade das erste Mal aus Palästina zu Besuch in Krakau. Nach ein paar Tagen wurde sie von den Deutschen als Spionin verhaftet und zum Tode verurteilt. Aber die Engländer, Sara war englische Staatsbürgerin, konnten sie für einen anderen Spionen austauschen.

Dann hat mich die Tante Genia gefunden, das war die Frau vom Onkel Heinrich, dem Bruder meiner Mutter, der vor dem Krieg an Sepsis gestorben war. Sie hat mit ihrer Tochter Wisia in Waldenburg [poln. Wałbrzych] gelebt und hat sich sofort bei mir gemeldet. Sie ist zu mir nach Krakau gekommen, hat sich angeschaut wie wir leben und hat gesagt, dass ich nach Waldenburg kommen soll. Sie wird mir eine Unterkunft besorgen, und ich kann anfangen zu arbeiten. Ich habe ja nichts können, aber ich habe gesagt, dass ich komme. In der Zwischenzeit hatte ich meine Schwester vorübergehend in einem jüdischen Kinderheim untergebracht, damit sie die Schule besuchen konnte. Und ich wollte auch den Edek erst einmal ins Kinderheim geben, damit ich arbeiten kann. Aber der Edek hat es nicht geschafft. Er hat so geweint, dass meine Schwester ihn bei Nacht zurückgebracht hat. Also habe ich mich dann entschlossen, Krakau zu verlassen. Die Geschwister meiner Eltern waren nicht mehr da, ich habe niemanden finden können, und ich habe für mich auch keine Arbeitsmöglichkeit in Krakau gesehen.

Ich wollte erst einmal allein nach Waldenburg fahren, um mir alles anzuschauen. Aber das ist mir nicht gelungen. Wie die Vera gehört hat, dass ich wegfahren will, ist sie weinend mit den Koffern vor meiner Tür gestanden und hat gesagt: ‚Du hast mich zurücklassen wollen, ich will nicht allein bleiben.’ Ich habe gesagt:’ Vera ich will nur sehen, wie ich uns unterbringen kann. Hier habt ihr Essen und Trinken und ein Haus, ich weiß ja nicht, wie es dort ist.’ Aber es war nichts zu machen. Dann habe ich gesagt: ‚Gut, wir fahren zusammen, was passiert, passiert uns Dreien.’ Also sind wir zu dritt nach Waldenburg gefahren. Aber zum Glück hat die Tante Genia sofort ein Kindermädchen für den Edek gefunden, denn für so Kleine gab es damals keinen Kindergarten, und ich habe begonnen in einem jüdischen Kindergarten zu arbeiten. Die Kinder waren aus dem Krieg zurückgekommen, repatriiert, nicht nur aus Polen, von überall. Der Kindergarten war vom Staat akzeptiert. Wir konnten auch nichtjüdische Kinder aufnehmen, weil wir so einen guten Ruf hatten.

Dem Edek habe ich gesagt, dass wir Juden sind und dass der Papa kein Jude ist. In der ersten Zeit nach dem Krieg gab es keine Probleme, wenn man gesagt hat, dass man Jude ist. Nachdem der Edek den jüdischen Kindergarten besucht hat, ist er in Waldenburg in die Schule gegangen. Die Vera hat die Matura gemacht und ist dann auf eine chemische Hochschule gegangen. Zehn Jahre habe ich im jüdischen Kindergarten gearbeitet. Noch heute stehe ich in Verbindung mit den Kindern vom Kindergarten.

Mein Mann war in Posen und kam alle drei Wochen nach Waldenburg. Er hatte seine Eltern in Posen, er hat sofort eine Stelle auf der Universität bekommen, er war ja Magister, und hatte dort schon studiert, und man hat ihn mit offenen Armen aufgenommen, weil er ein sehr guter Chemiker war. Als er eine Wohnung von der Universität bekommen hat, hat er mir geschrieben, ich soll kommen und mir das anschauen. Ich hatte in der Zwischenzeit eine nette Wohnung mit zwei Zimmern bekommen. Diese Wohnung lag in einem sehr schönen Viertel. Ich bin nach Posen gefahren, da waren seine Eltern in der Wohnung. Sie waren volksdeutsche Polen, denn Posen gehörte einmal zu Deutschland.. Sie haben mich nicht gemocht. Wie sollten sie mich mögen? Was habe ich können, was war ich? Die Mutter war eine wunderbare Hausfrau, so eine schlanke Deutsche mit langem Rock, geschlossener Bluse mit Mascherl. Sie hatten eine Villa schon vor dem Krieg in Posen mit einem Garten. Es waren zwei Welten: Sie waren katholisch, ich war jüdisch. Sie waren auch in einem Lager, sie waren interniert als Volksdeutsche. Wie die Kinder sie herausgeholt haben, weiß ich nicht. Auf jeden Fall: gefragt war ich nicht. Und ich habe das auch gespürt, obwohl sie sehr nett waren. Mein Kind haben sie auch nicht gemocht. Also bin ich in Waldenburg geblieben.

Meine Cousine Wisia war mit dem Tola verheiratet, der in Waldenburg ein sehr angesehener Rechtsanwalt war. Es haben ihn auch sehr viele Polen gekannt, die ich nachher in Wien getroffen habe. Wisia war ein besonderer Mensch. Sie hat in Waldenburg als Lehrerin gearbeitet und eines Tages sind zwei Lehrer krank geworden. Der Direktor ist zu ihr gekommen und hat gesagt: Du musst die zwei Klassen übernehmen.’ Das waren dann fast neunzig Kinder, und die sollte sie beschäftigen. Und sie war sowieso ein bisschen überfordert. Daraufhin hat sie die Kinder in Gruppen eingeteilt: eine Löwengruppe, eine Tigergruppe, eine Kuhgruppe und eine Hundegruppe. Dann hat sie die Fenster vom Turnsaal geöffnet und hat gesagt, bei drei schreien alle so laut sie können: die Löwen, die Tiger, die Kühe und die Hunde. Die Kinder haben begonnen zu brüllen. Noch tagelang hat man in Waldenburg darüber gesprochen. Das war ihr letzter Tag als Lehrerin. Ich war viel mit meiner Tante Genia und der Familie von Wisia zusammen. Wisia hatte auch einen kleinen Sohn, den Henryk. Jeden Sommer haben sie in der Nähe von Waldenburg ein Haus gemietet, und wir haben sie auch dort besucht.

Nach der ersten antisemitischen Welle in Polen sind sie alle nach Israel ausgewandert. In Israel ist die Tochter Danuta geboren. Wisia hat Kurse belegt und wurde Röntgenschwester. Sie hat sich dann von ihrem Mann getrennt und ist unverheiratet geblieben. Ich habe sie mit dem Edek einmal besucht, und sie war zwei Mal in Wien bei mir. Das war meine Lieblingscousine und Freundin Wisia. Sie hat Parkinson bekommen und ist ungefähr 2004 gestorben.

Ich habe wegen meiner Verwandten an die Kultusgemeinde nach Wien geschrieben, weil wir in Wien gelebt haben und in Wien Geschäfte hatten; ich habe nie eine Antwort bekommen. Es ist aber auch möglich, dass die Briefe gar nicht eingelangt sind. Und dann ist etwas passiert, was wie ein Märchen klingt: Ich war in Waldenburg, ich war eine sehr gefragte Kindergärtnerin, auch für schwierige Kinder, und eines Tages ging ich zum Friseur. Da saß eine Dame mit einer Petit Point bestickter Handtasche. Petit Point ist eine Handarbeit, eine Pünktchenstickerei. Es wird fast ausschließlich zweifädig mit Seidengarnen und Seidengaze gearbeitet und mit freiem Auge sind nur kleine Pünktchen zu sehen. Darum heißt das so. Solche Taschen waren vor dem Krieg, zum Beispiel fürs Theater, große Mode. Jede Frau hat das haben müssen, die auf sich etwas gehalten hat. Und ich schaute und schaute und sie sagte: ‚Gefällt Ihnen die Tasche?’ Ich habe gesagt: ’Ja, sie erinnert mich an meine Heimat, an Wien.’ Sie sagte:’ Das ist Petit Point. Die Tasche ist aus Wien.’ So hat das Gespräch begonnen. Ich habe ihr meine Geschichte erzählt und sie sagte, dass ihr Mann in Waldenburg für eine Wiener Firma arbeitet, die Kessel für Bergwerke baut. Und dann sagte sie:’ Wissen Sie was, geben Sie mir den Namen Ihrer Familie, ich fahre in zwei Wochen nach Wien zurück, ich werde suchen.’ Ich habe ihr gesagt, dass ich schon soviel Briefe geschrieben, aber nie eine Antwort bekommen habe. Ich wäre ja sofort nach Wien gefahren, aber es war damals von Polen aus nicht möglich ins Ausland zu fahren; da musste man schon ein Diplomat sein. Durch meinen Mann war ich Polin und das war gut so, denn ich hätte als Österreicherin keine Überlebenschancen in Polen gehabt, ich hätte nicht arbeiten können. Ich wäre ein Feind gewesen, eine Deutsche!

Diese Frau ist zurück nach Wien gefahren, und ich habe die Sache vergessen. Und plötzlich, eines Tages, begegnete mir auf der Strasse eine Frau, ich weiß noch, dass es geregnet hat, und die rief mir zu, dass ich gesucht werde. Die Frau soundso suche mich, sie hat Adressen von meiner Familie. Diese Frau aus Wien war zu unserem Geschäft in der Kärntnerstrasse gegangen, und dort waren noch die Uhren mit der Firma Geduldig. Sie ist hineingegangen und hat die Besitzerin nach der Adresse der alten Besitzer gefragt. Sie wollte ihr die Adresse zuerst nicht geben, aber dann hat sie gesagt, dass es Familie in Polen gibt, die sie sucht. Sie war gekommen und hat mir die Adressen gegeben. Ich habe sofort Kontakt mit den Geduldigs in Amerika aufgenommen. Sie haben mir geschrieben und mich ein wenig unterstützt.

Diese Besitzerin war eine vormalige Verkäuferin, der das Geschäft von den Geduldigs übergeben worden war. Damals war die Kleiderfirma Stein daneben. Nachher ist es der Fürnkranz [Modehaus, Anm.] geworden. Als ich nach Jahren wieder in Wien war, rief mich eine Frau an und sagte, sie habe in der Zeitung über meinem Sohn gelesen. Und sie fragte mich, ob ich vielleicht mit den Geduldigs aus der Kärntnerstrasse verwandt sei. Das war eine Verkäuferin noch von der Kleiderfirma Stein.

Ich habe also im jüdischen Kindergarten in Waldenburg gearbeitet und mein Mann hat uns alle drei Wochen besucht. Das war unsere Ehe.

Bevor ich aus Polen weggefahren bin, war es so, dass die Lehrerin zum Edek gesagt hat, er soll ruhig nach Israel, damals gab es eine Auswanderungswelle der polnischen Juden nach Israel, fahren, wenn seine Mutter Jüdin ist. Damals begann eine antisemitische Welle in Polen. Das muss 1956 gewesen sein, denn ich bin 1957 nach Wien gekommen. Da hat sich der Edek auch einmal mit einem Kind auf der Strasse geschlagen, weil der ihm nachgerufen hatte ‚du Jud, du Jud, du Jud’, und da hat ihn der Edek verhauen, und ich habe mir gedacht: Jetzt ist es Zeit zu gehen!

Zuerst habe ich meine Schwester weggeschickt. Ich habe meinem Cousin Edi nach Amerika geschrieben, dass ich aus Polen weg will. Die Tante Genia war in Israel. Aber nach Israel wollte ich nicht. Irgendwie hatte ich Angst, ich hatte doch zwei Kinder. Ich habe gedacht, was mach ich in Israel, mit der Sprache, mit der Hitze? Die Vera hat schon als Kind Hitze nicht gut vertragen. Mein Cousin Edi hatte Freunde in Wien. Sie sollten mir eine Einladung schicken. So hat die Vera eine Einladung von einem Juwelier in Wien bekommen. Vera war Anfang 20 und ist nach Wien gefahren. Sie hat dann die Lotte Hajek gefunden, mit der wir im Lager in Kasachstan waren, und die eine der besten Freundinnen meiner Mutti war. Und sie hat die Alma Picker gefunden, die auch im Lager war, mit der ich vor dem Krieg in Wien in die Schule gegangen bin und deren Eltern nach dem Krieg die Besitzer des Kabaretts Simple waren.

Drei Monate später bin ich nach Warschau zum österreichischen Konsul gefahren, und ich habe gesagt: Ich bin die Irene Geduldig, und ich habe keine Papiere, aber die müssten in Wien zu finden sein. Nach drei Monaten habe ich die Antwort bekommen: es sei alles da, ich solle zu ihm kommen. Ich habe das Kind genommen, bin nach Warschau gefahren, und der Konsul hat gesagt, ich müsse aber noch heute über die Grenze: ’Fahren Sie sofort!’ Da habe ich meinen Mann angerufen, weil er mir die Erlaubnis geben musste, dass ich das Kind mitnehmen darf. Edek hatte seinen Vater nie in den Ferien besucht, denn ich habe ihn nicht zu dieser Familie nach Posen gelassen. Ich habe dann meinen Mann gefragt, ob er vielleicht mit uns nach Wien gehen will, weil es die Möglichkeit gab, dass er mitkommen konnte. Mein Mann hat vier Sprachen gesprochen: Deutsch fließend, Englisch und Französisch, und er war Chemiker. Es wäre sicher kein Problem gewesen, irgendwo Fuß zu fassen. Aber er wollte nicht, er hatte seine Familie in Posen und die Universität, mit der er verheiratet war. Und er hat nicht geglaubt, dass ich in Wien Fuß fasse. Er hat geglaubt, ich komm zurück. Er hat die Erlaubnis gegeben, hat uns zur Bahn begleitet, wir sind eingestiegen und nach Kattowitz gefahren. In Kattowitz sind wir umgestiegen und nach Wien gefahren. Wie ich das gemacht habe, mich das getraut habe, weiß ich bis heute nicht. Die Scheidung von meinem Mann habe ich erst nach vielen Jahren in Wien bekommen.

Am Südbahnhof hat mich nur die Vera erwartet. Wir sind dann zu ihr gegangen. Sie hatte ein Untermietzimmer.

Der Edek ist mit völlig kaputten Schuhen in Wien angekommen. Die Sohle war abgefallen, und ich konnte ihm kein paar Schuhe mehr kaufen, ich hatte sie mit einer Schnur zusammengebunden. Meine Freunde in Wien haben sofort Schuhe für ihn gekauft. Der Edek hat bei der Vera in der Wohnung übernachtet, aber die Vermieterin hat nicht erlaubt, dass ich auch dort übernachte. Das war ein großes Problem. Es war so eigenartig, alle wollten mich zum Essen einladen, aber übernachten hat mich niemand lassen, obwohl es meinen Freunden schon richtig gut gegangen ist. Sie hatten alle Wohnungen, drei Zimmer, vier Zimmer, niemand hat mir angeboten, dass ich bei ihm übernachten kann. Die Alma hatte eine Riesenwohnung im 3. Bezirk. Bei ihr durfte ich ein paar Nächte bleiben. Nach ein paar Tagen kam Almas Freund, und ich bin gegangen. Ich bin zum Westbahnhof gegangen, weil ich gedacht habe, dort kann ich vielleicht sitzen und auf den Morgen warten. Aber die Bahnhöfe waren zu, weil dort um eine gewisse Zeit zugemacht wird. Ich bin dann spazieren gegangen. Es war schon kalt, ich konnte nicht mehr auf einem Bankerl sitzen. Ich habe in der Früh meine Schwester angerufen, die hat gespürt, dass etwas nicht stimmt und ist schnell hinunter und hat mich hereingelassen, und dann haben wir in einem Zimmer geschlafen. Der Edu hat auf zwei Fauteuils geschlafen, die in der Nacht immer auseinander gefahren sind, aber er wollte nicht nach Polen zurückfahren. Vom ersten Tag, als wir angekommen sind, wollte er nicht mehr zurück. Ich habe gesagt: Du, wir sind ja nur zu Besuch, und er hat gesagt: Nein, ich bleib da. Aber es war eine schwere Zeit, und der Edek hat oft nur Brot mit Marmelade gegessen. Nicht einmal für die Butter hat es gereicht.

Die Lotte Hajek war ein wunderbarer Mensch. Sie war für mich eine Mischung aus einer Mutti und einer Freundin. Sie war eine Seele und meine große Stütze in Wien. Sie kam aus einer Ur-Wiener jüdischen Familie und war eine Ur-Wienerin. Bei ihr war das Haus der ‚Offenen Tür’, man hat nur anläuten brauchen. Wenn sie zu Hause war, hat man immer Kaffee und ein Stückel Kuchen oder eine Buttersemmel bekommen. Aber bei ihr wohnen konnte ich auch nicht, weil sie eine kleine Wohnung hatte. Ich habe sie oft zu ihren Gesellschaften begleitet und abgeholt. Und ich habe die Gesellschaft gekannt, die bei ihr zusammen gekommen ist. Es waren auch Christen dabei, aber es waren natürlich hauptsächlich Juden. Sie hat Karten gespielt. Ich konnte nicht Karten spielen, weil ich nicht verlieren durfte, denn ich musste mir jeden Schilling schwer erarbeiten. Wenn ich eingeladen wurde, konnte ich nicht einmal etwas Kleines mitbringen, ich bin zu Fuß nach Hause gegangen, um mir die 5 Schillinge zu ersparen. Man hat mir meine Armut aber nicht angesehen, ich war immer gut angezogen, weil ich mir die Sachen genäht, gestickt und geändert habe, und ich habe immer gelacht. Ich habe immer alles positiv gesehen, das hat mir sehr geholfen damals. Und ich muss sagen, so ist es hilft mir auch heute noch.

Zur Kultusgemeinde hatte ich wenig Kontakt. Es gab eine jüdisch-amerikanische Hilfsorganisation, den Joint, die haben mir in der ersten Zeit ein bisschen mit Geld ausgeholfen. In den Tempel bin ich nur gegangen, wenn die Lotte auch gegangen ist. Und wenn ich in den Tempel gekommen bin und gesehen habe, wie aufgeputzt die Leute waren - das war nicht meine Welt. Mich haben Bücher interessiert, mich hat Musik interessiert. Ich bin Wandern gegangen, das war’s! Aber unter die ‚Anderen’ habe ich mich auch nicht so mischen können, weil ich doch die Jüdin war. Als die Lotte nicht mehr gehen konnte und zu den hohen Feiertagen nicht mehr zu ihrem Bruder in die Schweiz fahren konnte, habe ich mich um sie gekümmert und ihr zu den Feiertagen immer koscheres Essen gebracht.

Ich habe dann um Asylrecht angesucht und begonnen, beim Harry Hammersfeld in der Kleiderfabrik als Büglerin zu arbeiten. Ich habe dann für uns drei eine Mietwohnung gefunden. Die war am Döblinger Gürtel. Unser Leben wurde leichter. Die Wohnung hat 70 Schilling im Monat gekostet. Das war eine sehr schöne Garconniere mit Badezimmer und WC extra. Da haben wir alle wieder zusammen gewohnt. Vera hat in der Zuckerfabrik in Hohenau gearbeitet, weil sie Chemikerin geworden war. Aber das war nur Saisonarbeit. Dann hat sie beim Dr. Kundmann, einem pharmazeutischen Institut im 3. Bezirk, gearbeitet. Und ich habe gearbeitet, was ich halt bekommen habe. Nachdem ich beim Harry Hammersfeld gearbeitet habe, bin ich zu einer anderen jüdischen Firma, zum Moskovic, gegangen und habe im Verkauf gearbeitet. Kleidung en gros, am Salzgries. Ich weiß nicht einmal, wodurch ich da hingekommen bin, ich kann mich nicht mehr erinnern. Kurz darauf ist die Vera dann in die Schweiz gegangen, weil sie dort ein Mal zu Besuch war und ihren Mann kennen gelernt hatte. Sie hat sich in Basel eine Arbeit als Chemikerin gesucht. Edek und ich blieben traurig und allein in Wien zurück. Für den Edek war die Vera immer seine Schwester. Die zwei haben immer gegen mich gepackelt. Er war für sie alles, und sie war für ihn alles. Und für mich waren sie meine Kinder.

Der Mann meiner Schwester, Anselm Halff, kommt aus einer frommen Schweizer Familie, aber er und seine Geschwister waren nicht mehr sehr fromm. Meine Schwester und ihr Zukünftiger sind in Basel, vor ihrer Hochzeit, zum Rabbiner gegangen und haben geläutet. Die Rabbinerin hat die Tür geöffnet, meine Schwester angesehen und gesagt: ‚Vera, was machst du hier?’ Die Vera konnte es kaum glauben, sie stand ihrer ehemaligen Lehrerin Bella Adler aus dem Internierungslager in Karaganda gegenüber. So ist der Kontakt zu ihr wieder zustande gekommen. Ich habe Bella und ihren Mann dann öfter in Basel besucht.

Kurze Zeit nach dem Umzug meiner geliebten kleinen Schwester Vera, hat sie 1960 geheiratet. Das war eine wunderbare Hochzeit, mit allem Dum und Dran. Die Familie des Bräutigams hat alles finanziert. Aber das Hochzeitskleid für die Vera habe ich genäht, und den Schleier und die kleine Krone habe ich aus Wien mitgebracht. Ich bin zwei Tage vor der Hochzeit mit dem Edek zu meiner Schwester nach Basel gefahren und habe mich darum gekümmert, dass alles passt. Freunde aus Wien haben mit Fleurop weißen Flieder geschickt. Wegen der Familie meines Schwagers war es eine streng orthodoxe Hochzeit. Die Familie Halff war eine bekannte Familie in der Schweiz. Ihnen gehörte in Grindelwald [Gemeinde im Kanton Bern] ein koscheres Hotel. Und die Tante meines Schwagers besaß ein koscheres Restaurant in Basel mit einem großen Saal, und dort hat die Hochzeit stattgefunden. Als der Edek und ich wieder nach Hause fuhren, war das der traurigste Tag in unserem Leben. Unsere Vera hat uns so schrecklich gefehlt, und durch die Hochzeit war uns klar, dass unsere kleine Familie nun noch kleiner geworden war.

1962 wurde mein Neffe Daniel geboren. Er hat Literaturwissenschaft in Basel und Volkswirtschaft in Lausanne studiert und lebt seit 2000 in Wien.

Mania aus Paris hatte Bekannte, durch die ich in Wien den Leon Nachwalger kennen gelernt habe. Der ist dann an mich herangetreten und hat mich gefragt, ob ich nicht bei ihm arbeiten möchte, er brauche jemanden. Der Nachwalger hatte eine Rock - und Hosenerzeugung. Ich habe dann ein bisschen eine Kleidererzeugung eingeführt, in ganz kleinem Mass. Ich hab’s gut gehabt, weil ich jedes Jahr dann nach Paris gefahren bin und die neuesten Modelle gebracht habe. Und ich bin nach Zürich und nach München zu Messen gefahren. Ich hatte einen guten Blick für Mode, habe gut geschaut, und dann haben wir es hier nachgemacht. Eines Tages kam eine Frau von einer Firma neben uns und wollte sich einen Rock kaufen. Ich habe ihr gesagt, dass wir keinen Detailverkauf haben. Aber sie hat gesagt, ihr Direktor habe ihr gesagt, sie könne zu uns kommen. Gut. Und die ganze Zeit, während ich Röcke für sie auswählte, die ihr passen könnten, schaute sie mich an und plötzlich fragte sie mich: ‚Sagen Sie bitte, darf ich Sie was fragen, sind Sie vielleicht Irene Geduldig?’ Ich hatte sie nicht erkannt. Wir waren zusammen in die Schule gegangen, wir hatten dieselbe Lehrerin. Sie hat mir Fotos gebracht, von der Lehrerin erzählt und wir haben uns unterhalten.

Eines Tages hatte ich ein Rendezvous in der Stadt. Ich habe mich aber verspätet und die Damen waren schon weg. Das war in der Zeit, als ich beim Nachwalger gearbeitet habe. Da bin ich halt strawanzen gegangen. Ich habe mir die Auslage in einem Juwelengeschäft angesehen. Ich trag in meinem Alter nicht gerne Schmuck, aber ich sehe ihn mir sehr gern an. Ich stand vor dem Schaufenster des Geschäftes, und plötzlich sah ich ein Goldarmband. In der Mitte waren Brillanten und dann war das Armband wie ein Rohr und man konnte wie Ringe einen Smaragd, Saphir und Rubin anhängen. Ich habe sogar gewusst, was das Armband für eine Gravur hatte, denn es gehörte meiner Mutti. Dann habe ich gedacht, mein Herz bleibt stehen. Da lag eine Brosche in der Auslage, die mein Vater in Bad Gastein von der Katharina Schratt [1853-1940; Schauspielerin und Freundin von Kaiser Franz Joseph] gekauft hatte. Katharina Schratt war jedes Jahr zur Kur nach Bad Gastein gekommen, weil sie es mit den Füssen zu tun gehabt hat, und sie hat jedes Mal Schmuck für Geschenke für ihre Angestellte eingetauscht. Da hat sie immer ein Schmuckstück gebracht und für das Schmuckstück hat sie aus Blutstein Ringerl und Ketterl für die Angestellte getauscht. Und an dieses Schmuckstück konnte ich mich gut erinnern. Meine Mutti war ja keine Schmuckträgerin, sie war eine kleine zarte Frau wie meine Schwester, nur etwas größer als die Vera. Ich kann mich daran erinnern, dass meine Mutti diese Brosche zwei- bis dreimal anlässlich eines großen Anlasses hinten im Haar getragen hat. Die Brosche war ein bisschen exzentrisch. Sie war oval mit sieben Brillanten - große Brillianten und kleine Brillianten. In der Mitte war ein gelblicher Brillant in der Größe eines Nagels. Und diese Brosche konnte man auch als Anhänger tragen. Das Geschäft war zu, an der Tür war ein Zettel. Dann kam die Besitzerin, ich ging hinein und habe sie gefragt: ‚Sagen Sie bitte, hat die Brosche hinten eine Nadel und einen Anhänger?’ Sie hat mit ja geantwortet. Dann habe ich gefragt, ob hinten ein Stückel abgebrochen ist. Wieder hat sie mit ja geantwortet und mich verwundert angeschaut. Und dann habe ich gefragt, ob das Armband so und so einzuhacken ist? Da hat sie mich gefragt, wer ich bin. Ich habe ihr gesagt, dass die Brosche und das Armband meiner Mutter gehört haben. Sie war ganz aufgeregt und hat gesagt, dass sie die Stücke aus einem Privatbesitz in Kommission hätte, und sie mir nicht sagen dürfe, wem das Armband und die Brosche gehören. Ich habe gesagt: ‚Natürlich, das ist schon in Ordnung.’ Es war ein Schock für mich, die Schmuckstücke meiner Mutter nach so vielen Jahren zu sehen. Ich hätte die Schmuckstücke brauchen können, ich war damals wirklich hundsarm. Ich habe das dann meinen Freundinnen erzählt, und eine ist ins Geschäft gegangen und hat gefragt was die Brosche kostet. Das war eine halbe Million Schilling. Den Preis des Armbands hat sie nicht erfragt, weil das zu auffällig gewesen wäre. Ich glaube, als mein Vater aus Wien geflüchtet ist, hat er Geld gebraucht und den Schmuck verkauft. Oder man hat ihm alles weggenommen. Das weiß ich nicht. Wenn meine Eltern ein Haus besessen hätten, hätte ich versucht, es wiederzubekommen, aber wie sollte ich das mit Schmuckstücken anfangen? Ich weiß ja nicht einmal, ob sie verkauft oder gestohlen wurden. Ich bin nicht der Mensch, der den Sachen nachjagt, und ich hätte damals auch nicht gewusst, wie ich das machen soll.

Der Edek war sehr herzig und offen, sein Lächeln hat oft schon genügt. Er hat sich damit im Leben durchgeschlagen. Als wir nach Wien kamen, hat er kein Wort Deutsch gesprochen, aber dafür haben die Lehrer nach vier Wochen, als ich in die Schule gekommen bin, mich auf Polnisch begrüßt: ‚Gin Dobre, Pani!’ In der Hauptschule in der Zedlitzgasse, im 1. Bezirk, wurde er von dem Lehrer neben den Albert Misak gesetzt, dessen Mutter auch Jüdin war. Außerdem war der Albert mit der Alma Picker verwandt. Die Freundschaft der beiden Jungen begann und war für eine gewisse Etappe im Leben vom Edek und vom Albert von großer Bedeutung. Bis heute sind sie miteinander befreundet, obwohl der Albert schon viele Jahre nicht mehr in Österreich lebt. In die Klasse vom Edek und vom Albert ging auch ein orthodoxer jüdischer Junge, Edelmann hieß er. Der Junge war ein Einzelfall in der Schule. Er war mit Pejes [Schläfenlocken] und mit orthodoxer Kleidung, also ein richtig frommer Junge. Die Kinder aus der Klasse haben sich zusammen getan, um ihn zu verhauen, weil er ihnen nicht helfen wollte bei der Schularbeit, denn der war ein Genie in Mathematik. Und als der Edek und der Berti gesehen haben, dass die ihn verhauen wollen, haben sie den Buben in die Ecke gedrängt, sich davor gestellt und ihn beschützt. Nachher haben sie schrecklich ausgesehen. Die haben alles abgefangen, was er hätte bekommen sollen. Ich bin am nächsten Tag in die Schule gegangen, weil die Lehrer mir Vorwürfe gemacht haben. Ich habe zu ihnen gesagt: ‚Entschuldigen Sie bitte, Sie machen mir Vorwürfe? Sie sind mir zur Dank verpflichtet, dass die zwei Buben diesen Buben beschützt haben. Was wäre von dem geblieben? Die Augengläser wären kaputt gegangen, die Augen auch. Wie hätten Sie das verantworten können? So einfach geht das nicht, die Zeiten haben sich geändert!’

Einmal hat der Edek von einem Lehrer eine Watschen gekriegt, weil er frech war. Da bin ich in die Schule gegangen und habe gesagt: ‚Tun Sie das nie wieder, sein Leben ist nicht so leicht, wie sie sich das vorstellen. Er hat genug mitgemacht! Wenn es etwas gibt, rufen Sie mich – ich mach das dann mit meinem Kind aus.’ Über Antisemitismus hat sich der Edek nie beschwert, ich hatte auch bei den Lehrern nie so einen Eindruck.

Edek war ein Bücherfan, von klein auf. Ich musste in Polen viele Bücher zurückgelassen, und jedes Buch war für ihn heilig. Eine ganze Kiste Bücher habe ich Freunden für ihre Kinder geschickt. Nur den Büchern hat er nachgejammert, sonst nichts. Und die habe ich ihm dann im Antiquariat in Wien wieder gekauft und zum Geburtstag geschenkt. Man kann sich nicht vorstellen, wie glücklich er war. Er hatte gewisse Anlagen in sich. Auch die Musik. Mit vier Jahren hat er mit meinen Topfdeckeln Musik gemacht, immer wenn er sie erwischt hat. Das Musikalische hat er auch von meinem Papa. Der Edek hat, als er 18 Jahre alt war, mit der Marika Lichter [Sängerin], die damals 15 Jahre alt war, am Semmering, im Hotel Panhans, als Unterhaltung für die Abendgäste zusammen gesungen, und sie haben zusammen eine kleine Schallplatte mit vier Liedern aufgenommen.

Nach der Schulzeit hat Edek im Musikhaus Doblinger begonnen als Lehrling zu arbeiten. Dann ist er 1964 zu meiner Schwester in die Schweiz gefahren und hat ein Jahr im Musikhaus Globus als Plattenverkäufer in der Schallplattenabteilung gearbeitet. Als er 1966 nach Wien zurückkam, hat er im Musikhaus ¾ der Universal Edition die Schallplattenabteilung aufgebaut und er war auch DJ. Seit 1971 hat er Welttourneen verschiedenster Künstler organisiert. Er ist in der Welt herumgefahren und hat interessante Leute gesucht, die in Österreich auftreten können. Und er ist mit Frank Zappa und Santana auf Tournee gegangen und hat sie nach Wien gebracht. Die Rolling Stones und Queen hat er auch nach Wien geholt. Er hat immer Leute gesucht, die was Besonderes waren - Jimi Hendrix, Led Zeppelin oder Patti Smith, aber er ging auch mit Peter Alexander und Wolfgang Ambros auf Tournee und betreute Falco. Er organisierte Tourneen in Europa, aber auch Japan und den USA. Er organisierte Jazz Festivals und Popveranstaltungen und Künstler für die ‚Wiener Festwochen’. Er besuchte jüdische Festivals und hat zum Beispiel Coco Schumann [Jazzmusiker und Gitarrist] nach Wien gebracht. Und für die ‚Jüdische Kulturwoche’ hat er Leute aus aller Welt geholt, unter anderem die Epstein Brothers. Ab 1965 war Edek aber auch selbst Sänger und Musiker der Gruppe ‚Sabres’. Sie haben zwei Langspielplatten produziert und hatten viele Auftritte. Danach entstand das Duo ‚Geduldig und Thieman’, das waren der Edek und sein Freund Albert Misak. Beide haben für den Namen des Duos die Geburtsnamen ihrer Mütter genommen. Sie haben jiddische Lieder bei Hochzeiten, in Kirchen und bei vielen Veranstaltungen gesungen und fünf Platten aufgenommen, zum Beispiel 1992 ‚A haymish groove’ und ‚Di schejnsten lider fun jiddn’. Edek ist jetzt Konzertveranstalter, Kurator, Lektor am Institut für Industrial Design an der ‚Universität für angewandte Kunst’ in Wien und künstlerischer Leiter für die Wiener Kunstmesse "ViennaFair" in Wien. Das hat er alles geschafft - ich bin sehr stolz auf ihn.

Eines Tages, das war in den 1960er Jahren, hat er in zu meiner Schwester in Basel gesagt, er war gerade bei ihr zu Besuch, er will nach Israel. Es gab einen billigen Flug, und er ist geflogen. Ich bin kurze Zeit später nach Basel zu Besuch gekommen, da sagte mein Neffe Daniel, er war damals noch klein: ‚Du, der Edek hat es schön warm.’ Dann sagte meine Schwester: ‚Er hat gutes Wetter.’ Dann sagte mein Schwager: Edek wird sich gut unterhalten.’ Ich dachte, was reden die denn? ‚Wo ist er, wieso ist er nicht zum Bahnhof gekommen,’ habe ich gesagt. ‚Er ist in Israel!’ Da war er in den deutschen Kibbutz En Hashofet gegangen, hat dort ein bisschen gearbeitet und österreichische Familien kennen gelernt. Dann ist er zurückgekommen, hat viel erzählt, und wir haben uns damals zerkugelt. Und 1967, vor dem Jom Kippur - Krieg [19], ist er zusammen mit seiner damaligen Freundin hingefahren. Sie kam aus einer christlichen Familie. Sie haben beide im Kibbutz gearbeitet. Als der Krieg ausgebrochen ist, haben ihre Eltern mich angerufen, sie wollten, dass ihre Tochter zurückkommt. Den österreichischen Botschafter haben sie auch eingeschaltet, aber ihre Tochter wollte nicht zurückkommen. Sie ist bis Kriegsende geblieben, und dann sind sie zusammen zurückgekommen. Dann waren sie noch zwei Mal in dem Kibbutz. Ein Mal ist der Edek gekommen und hat gesagt, dass er allen von mir erzählt hat, und sie wollen mich kennen lernen. Das war nach meiner Gallenoperation, und wir sind gemeinsam nach Israel gefahren. Es war wunderbar! Gewohnt habe ich bei meiner Cousine Wisia in Ramat Gan. Aber ich habe auch die Kinder aus dem Kindergarten in Waldenburg besucht, die nach Israel emigriert waren. Alle wollten, dass ich mit dem Edek nach Israel übersiedeln soll. Aber das ist natürlich nicht in Frage gekommen. Ich war nicht mehr jung genug, meine Schwester war in der Schweiz verheiratet, ich wollte nicht. Die Lebensart in Israel hat mir sehr gefallen, ich war in Tel Aviv, ich war in Jerusalem und ich war in Eilat. Im Kibbutz habe ich sehr nette Leute kennen gelernt. Zwei oder drei Wochen war ich in Israel, aber auf die Dauer hätte ich es nicht wollen. Das ist eine andere Mentalität, eine total andere Lebensweise, die aber nicht unschön ist. Aber ich hätte dort nie Fußfassen können. Ich hätte ja arbeiten müssen, denn im Kibbutz wäre ich nicht geblieben. Dafür war ich zu lange in Russland, um mich wieder einer Gemeinschaft unterordnen zu wollen. Ich brauche meine Freiheit! Hätte ich die Kraft noch einmal nach Israel zu fahren, würde ich es tun. Als ich jünger war, konnte ich es mir nicht leisten, da wäre ich so gern noch einmal gefahren. Jetzt könnte ich mir die Fahrt leisten und auch den Aufenthalt, die 14 Tage, obwohl ich mit der Familie keinen Kontakt mehr habe. Die Cousine ist gestorben, und die Kinder rühren sich nicht bei mir. Aber jetzt traue ich mich nicht mehr. Irgendetwas hat man immer: Einmal sind’s die Augen, dann eine Infektion, und wenn man dann krank ist, kann man den anderen doch nicht auf den Wecker fallen.

Edek hat im Dezember 1983 in Wien geheiratet. Seine Frau Ulrike, geb. Lattenmeyer, arbeitet am Flughafen beim Lounge Service der Austrian Airlines. Eines Tages durfte sie am Flughafen den Nobelpreisträger Prof. Dr. Walter Kohn von der University of California/Santa Barbara empfangen. Der Professor Kohn stammt aus Wien und war in seiner Jugendzeit mit Ulis Großonkel Freddy Gerstmann in die Schule gegangen. Der Großonkel von der Uli war Professor für Mathematik an der Universität in Wien, und als seine Frau vor dem Krieg starb, ist er mit drei Kindern allein geblieben. Als der Hitler kam, ist er mit seinen Kindern nach Chile geflüchtet. Der Professor Kohn und der Großonkel von der Uli haben sich aus den Augen verloren, weil Professor Kohn nach England geflüchtet ist und über Kanada nach Amerika ging. Und als er nach Wien gekommen ist, nachdem er den Nobel Preis für Chemie im Jahre 1998 bekommen hat, hat ihn die Uli am Flughafen betreut. Sie hat ihm von ihrem Großonkel erzählt, und er hat sich sehr darüber gefreut, und seitdem stehen die beiden wieder in Verbindung miteinander.

Der Vater vom Edek war einmal zu Besuch in Wien, er hat sogar zwei Monate bei uns gewohnt. Auch sein Cousin war in Wien, und sie sind mit dem Edek in eine Kirche gegangen. Der Vater vom Edek hat zum Edek gesagt, er solle doch öfter in die Kirche gehen. Da hat ihm der Edek gesagt, dass er das nicht müsse, er habe zwar einen Christbaum, aber seine Mutter sei Jüdin, also sei das nicht notwendig. Der Edek ist konfessionslos aufgewachsen, und ich habe ihm die freie Wahl gelassen, was er wählt, wenn er volljährig ist. Wir haben immer einen Chanukka-Leuchter [20] und einen Christbaum gehabt. Ich habe einen uralten Chanukka-Leuchter, der Edek hat ihn von der Lotte geschenkt bekommen.

Der Edek war ein wunderbares Kind. Er war wirklich der Sonnenschein meines Lebens. Nie hatte ich Schwierigkeiten mit ihm. Als er erwachsen war, hatte ich oft Angst um ihn, wenn er spät bei Nacht nach Hause gekommen ist oder weil er viel mit dem Flugzeug unterwegs war. Aber er hat mir nie zugesetzt, ich habe immer zu ihm gestanden, und er war sehr bescheiden. Wenn er etwas verdient hat, hat er immer gefragt, ob ich etwas brauche. Das Wunderbarste war, als er dann gut verdient hat, ich habe ja immer wenig verdient, hat er eines Tages gesagt: Hier ist mein Sparbuch, wenn du etwas brauchst, nimmst du dir davon; du hast mir geholfen, jetzt möchte ich, dass du es gut hast. Also ich muss sagen: Das Leben bringt Höhen und Tiefe, aber er ist absolut eine Höhe in meinem Leben!

Ich habe einige Jahre meiner Kindheit in Krakau verbracht, aber Krakau war mir nie Heimat, Polen ist mir nicht sehr nahe. Die Polen sind noch heute Antisemiten, obwohl es heute nur noch ungefähr 10 000 Juden in Polen gibt. Vor dem Krieg waren es Drei Millionen. Die meisten Juden leben heute in Warschau und Krakau. Ich war seit 1957, seit ich in Wien lebe, nur noch ein einziges Mal in Krakau. Das war mit meinem Neffen Daniel, weil er sehen wollte, wo seine Mama damals gelebt hat. Ich wäre heuer doch gerne noch einmal gefahren, aber es hat nicht geklappt.

Ich liebe das Europäische, ich liebe Österreich, und ich liebe Wien. Man kann sich nicht vorstellen, was ich für Sehnsucht nach Wien hatte. Damals, als ich als Kind in Krakau war, habe ich das ja nicht beurteilen können, dass mir Wien fehlt. Auch nicht in Russland, aber als ich nach dem Krieg in Polen gelebt habe, hatte ich so schreckliche Sehnsucht nach Wien. Ich hätte nie geglaubt, dass man so ein Gefühl haben kann, ein Landesgefühl, ein Zugehörigkeitsgefühl! Ich habe mich in Wien immer zu Hause gefühlt. Wien war für mich meine Heimat, und das ist bis heute so. Ich entdecke immer wieder wie schön Wien und seine Umgebung ist. Man kann in einer halben Stunde im Wald sein oder in den Weinbergen, und mitten in der Stadt ist so viel Grün. Für mich bedeutet Wien Kultur: Theater, die Oper, Konzerte und Ausstellungen. Als ich einmal aus Amerika nach Wien zurückgekommen bin, ich war sechs Wochen in New York, habe ich beinah den Boden küssen wollen. Wie der Papst! Das ist komisch! Es gibt Leute, die hier leben und ewig auf Österreich schimpfen. Antisemiten gibt es überall, wir Juden haben nicht nur Freunde, und wir sind nicht sehr beliebt. Aber dass ich jemals hätte wegzufahren wollen, kann ich wirklich nicht sagen. Ich kann auch nicht sagen, dass in den ganzen Jahren mir jemand zu nahe getreten wäre, weil ich Jüdin bin.

Ich bin viel allein unterwegs, denn darauf warten bis die Freundinnen Zeit haben, ist so eine schwere Sache. Jede will was unternehmen, aber keine kann sich aufraffen, wenn es dazu kommt. Vielleicht traue ich mich jetzt nicht mehr weit wegzufahren, aber ich bin fast täglich zu Fuß unterwegs. Ich genieße das, was in meinem Alter noch zu genießen ist. Ich nähe und ich flick, und wenn jemand was braucht, helfe ich gern. Es gibt aber auch viele Sachen, auf die man in meinem Alter verzichten muss. Man müsste vielleicht nicht verzichten, wenn man nicht immer so schnell als alt abgestempelt werden würde. Man hat seine Erfahrungen, denn man hat ja schon ein ganzes Leben gelebt. Tanja, darf ich dir noch was anbieten? Tee, oder Kaffee?

 

Glossar

 

[1] k.u.k. steht für ,kaiserlich und königlich' und ist die allgemein übliche Bezeichnung für staatliche Einrichtungen der österreichisch-ungarischen Monarchie, z.B.: k.u.k. Armee; k.u.k. Zoll; k.u.k. Hoflieferant....

 

[2] Chuppe [jidd.; hebr.: Chuppa]: der Traubaldachin bei einer jüdischen Hochzeit – bedeutet das „Dach über dem Kopf“ und besagt, daß ein Haus gegründet wird.

 

[3] Maly Trostinec: Konzentrationslager in der Nähe von Minsk. In Maly Trostinec wurden Zehntausende Juden aus Weißrussland und anderen europäischen Ländern umgebracht. Von 9.000 Juden aus Österreich, die zwischen Mai und Oktober 1942 nach Maly Trostinec gebracht wurden, überlebten 17.

 

[4] 1938/ Anschluss: Der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Nach dem Rücktritt von Bundeskanzler Schuschnigg am 11. März 1938 besetzten in ganz Österreich binnen kurzem Nationalsozialisten alle wichtigen Ämter. Am 12. März marschierten deutsche Truppen in Österreich ein. Mit dem am 13. März 1938 verlautbarten ‚Verfassungsgesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich‘ war der ‚Anschluss‘ de facto vollzogen.

 

[5] Haschomer Hatzair [hebr.: ‚Der junge Wächter‘]: Erste Zionistische Jugendorganisation, entstand 1916 in Wien durch den Zusammenschluss von zwei jüdischen Jugendverbänden. Hauptziel war die Auswanderung nach Palästina und die Gründung von Kibbutzim. Aus den in Palästina aktiven Gruppen entstand 1936 die Sozialistische Liga, die sich 1948 mit der Achdut Haawoda zur Mapam [Vereinigte Arbeiterpartei] Zusammenschloss.

 

[6] Schabbat [hebr.: Ruhepause]: der siebente Wochentag, der von Gott geheiligt ist, erinnert an das Ruhen Gottes am siebenten Tag der Schöpfungswoche. Am Schabbat ist jegliche Arbeit verboten. Er soll dem Gottesfürchtigen dazu dienen, Zeit mit Gott zu verbringen.Der Schabbat beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend.

 

[7] Kiddusch: von hebr. ‚kadosch‘, heilig. Der Begriff findet in verschiedenen Zusammenhängen Verwendung. Als Kiddusch wird u.a. der Segensspruch über einen Becher Wein bezeichnet, der am Schabbat und anderen Festtagen gesagt wird.

 

[8] Tscholent auch Schalet oder Chamin genannt, bezeichnet eine Reihe von Gerichten der Jüdischen Küche, die sich dadurch auszeichnen, dass sie bei kleinstem Feuer über viele Stunden hinweg geschmort oder gedünstet werden.

 

[9] Pessach: Feiertag am 1. Frühlingsvollmond, zur Erinnerung an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, auch als Fest der ungesäuerten Brote [Mazza] bezeichnet.

 

[10] Hachschara [hebr. Vorbereitung, Tauglichmachung]: Vorbereitung von Juden auf die Einwanderung für die Besiedlung Palästinas in den 1920er und 1930er Jahren.

 

[11] Tallit: ritueller ‚Gebetsmantel‘, wird von erwachsenen Juden (ab 13) beim Beten getragen.

 

[12] Tefillin: lederne ‚Gebetskapseln‘, die im jüdischen Gebet an der Stirn und am linken Arm getragen werden und Texte aus der Torah enthalten.

 

[13] Rosch Haschana [heb.: Kopf des Jahres]: das jüdische Neujahrsfest. Rosch Haschana fällt nach dem jüdischen Kalender auf den 1. Tischri, der nach dem gregorianischen Kalender auf Ende September oder in die erste Hälfte des Oktobers fällt.

 

[14] Jom Kippur: der jüdische Versöhnungstag, der wichtigste Festtag im Judentum. Im Mittelpunkt stehen Reue und Versöhnung. Essen, Trinken, Baden, Körperpflege, das Tragen von Leder und sexuelle Beziehungen sind an diesem Tag verboten.

 

[15] Purim: Freudenfest, das an die Errettung des jüdischen Volkes aus drohender Gefahr in der persischen Diaspora erinnert. Nach der Überlieferung versuchte Haman, der höchste Regierungsbeamte des persischen Königs, die gesamten Juden im Perserreich auszurotten. Der [jüdischen] Königin Ester gelang es jedoch, den König von den unlauteren Absichten Hamans zu überzeugen und so die Juden zu retten.

 

[16] Schiwe- sitzen: Othodoxe Juden sitzen nach dem Tod eines nahen Verwandten sieben Tage Schiwe und sagen täglich ein Jahr Kaddisch [Jüdisches Gebet zur Lobpreisung Gottes. Das Kaddisch wird auch zum Totengedenken gesprochen].

 

[17] Hitler-Stalinpakt: Als Hitler-Stalin-Pakt bezeichnet man den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, der am 23. August 1939 in Moskau von dem deutschen Außenminister von Ribbentrop und dem sowjetischen Außenminister Molotow unterzeichnet wurde. In einem geheimen Zusatzprotokoll legten die Länder die Aufteilung Nordost- und Südeuropas fest, sofern es zu einer ‚territorialen Umgestaltung‘ kommen sollte. Im Zentrum stand die Teilung Polens.

 

[18] KZ Auschwitz: In Auschwitz [poln. Oświęcim], etwa 60 Kilometer westlich von Krakau, befand sich der größte Komplex von deutschen Konzentrationslagern und ein Vernichtungslager während des Nationalsozialismus. Dort wurden insgesamt mehr als 1,3 Millionen Menschen aus ganz Europa deportiert. Davon wurden hier geschätzte 1,1 Millionen Menschen ermordet, eine Million davon Juden. Etwa 900.000 der Deportierten wurden direkt nach ihrer Ankunft in die Gaskammern geschickt oder erschossen. Weitere 200.000 Menschen starben durch Krankheit, Unterernährung, schwerste Misshandlungen, medizinische Versuche oder Vergasung.

 

[19] Jom-Kippur-Krieg [1973]: der vierte israelisch-arabische Krieg; begann mit einem Überraschungsangriff Ägyptens und Syriens am Jom-Kippur auf den Sinai und die Golan-Höhen, die Israel im Sechstagekrieg erobert hatte. Zunächst rückte die ägyptische und syrische Armee vor, danach wendete sich das Kriegsglück. Nach der zweiten Kriegswoche waren die Syrier vollständig aus den Golanhöhen abgedrängt worden. Im Sinai hatten die Israelis den Suezkanal überschritten und eine ägyptische Armee abgeschnitten, bevor der Waffenstillstand in Effekt trat.

 

[20] Chanukka [hebr.: Weihe]: Das achttägige Chanukkafest erinnert an die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem im Jahr 164 v. Chr. nach dem erfolgreichen Makkabäeraufstand gegen hellenisierte Juden und mazedonische Syrer. Die Makkabäer siegten und führten den jüdischen Tempeldienst wieder ein. Laut der Überlieferung fand sich Öl für nur einen Tag; durch ein Wunder hat das Licht jedoch acht Tage gebrannt, bis neues geweihtes Öl hergestellt worden war.

Chanukka-Leuchter: Der Chanukka - Leuchter hat neun Arme oder Lichthalter. Die Kerze des neunten Armes ist der Diener [hebr. Schamasch]. Nur mit dieser Kerze dürfen die anderen Kerzen angezündet werden, nachdem die notwendigen Segen [hebr. Brachot] gesprochen wurden. Neben Kerzen wird oft auch Olivenöl verwendet, Jeden Tag des Cahnukka Festes wird eine Kerze gangezündet

 

 

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Irene Bartz
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
Juli
Jahr des Interviews:
2005
Wien, Austria

HAUPTPERSON

Irene Bartz
Geburtsjahr:
1923
Geburtsort:
Krakau
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Kindergärtnerin
Familiennamen
  • Vorheriger Familienname: 
    Geduldig
    Jahr der Namensänderung: 
    1946
    Grund der Namensänderung: 
    Heirat

AUDIO - INTERVIEW

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