Max Tauber

Wien, Österreich

Max Tauber
Wien
Österreich
Datum des Interviews: April 2002/November 2005/Juni 2007 
Name des Interviewers: Zsuzsi Szaszi und Tanja Eckstein

Max Tauber ist ein wunderbarer Erzähler und ein großartiger Dokumentarist seiner Epoche. Wenn man ihn nicht ab und zu mit einer Frage unterbricht, kann er stundenlang hintereinander erzählen - über sein Leben und über das Leben in seiner Zeit. Mit seiner Frau Lilli wohnt er seit 1958 in einer Gemeindewohnung in Heiligenstadt.
Max Tauber ist im August 2014 gestorben.

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Palästina
Rückkehr nach Österreich
Glossar

Meine Familiengeschichte

Mein Urgroßvater väterlicherseits Leopold, jüdisch Elieser, Müller kam ursprünglich aus Polen. Er ist mit seiner Frau, ihren Namen weiß ich nicht, noch im 19. Jahrhundert nach Österreich gekommen. Polen war damals unter russischer Verwaltung, und in Russland war Militärpflicht ab dem 21. Lebensjahr, da hat es kein Pardon gegeben, da hat man einrücken müssen. Der Militärdienst hat sieben Jahre gedauert. Mein Urgroßvater muss damals zwanzig Jahre alt gewesen sein, und wäre bald militärpflichtig geworden. Da ist er praktisch geflüchtet mit seiner Frau, die damals 18 Jahre alt war.

Meine Großmutter Anna Müller wurde auf dieser Flucht zwischen 1860 und 1870 in Weikendorf, im Marchfeld, dem östlichsten Teil von Niederösterreich, der direkt an die Slowakei grenzt und in der Nähe von Gänserndorf liegt, geboren. Dort haben sie Unterkunft bei einem Bauern gefunden, der ihnen ein Kammerl zur Verfügung stellte. In Gänserndorf befindet sich seit 1907 am Ortseingang ein jüdischer Friedhof. Auf diesem Friedhof liegen bestimmt meine Urgroßeltern und viele meiner Verwandten, die vor dem Holocaust gestorben sind.

Mein Urgroßvater und meine Urgroßmutter haben nichts besessen, nur ihr erstes Kind, meine Großmutter Anna. Der Urgroßvater ist sofort zu den Bauern in der Umgebung gegangen und hat sie gefragt, ob sie etwas brauchen - Bettzeug, Töpfe, Schürzenstoff oder sonst irgendetwas - er fahre nach Wien und besorge alles. Das hat er so gemacht im ganzen Marchfeld. Er wurde der berühmte Pinkeljud aus Weikendorf. Er war ein großer, starker Mann, und er hatte auch wirklich ein riesengroßes grünes Einbindtuch, und darin hat er alles, was er gekauft hat, auf dem Buckel getragen. So ist er hin und her gependelt, ständig durch das ganze Marchfeld gewandert und hat Aufträge entgegen genommen. Alles, was jemand gewollt hat, hat er beschafft. Wenn ein Bauer ein Gerät gebraucht hat, hat er es ihm beschafft. Er hat den Bauern Kredit gegeben, aber er hat keine richtige Buchhaltung gehabt. Er schrieb mit Kreide in hebräischen Buchstaben sein Soll und Haben auf die Stalltüren der Bauern. Einmal gab es in einem Dorf einen Aufruhr unter den Bauern. Was war passiert? Die Bauern sind zum Pfarrer gelaufen und haben ihm gesagt: Herr Pfarrer, schau dir das an, der Jud da, der macht so Teufelszeichen auf unserer Ställe, das ist ein Fluch!' Zum Glück war der Pfarrer Jesuit und hat von Hebräisch eine Ahnung gehabt. Er hat sich das angeschaut, die Leute beruhigt und gesagt, mein Urgroßvater sei ein braver, religiöser Mann und ihnen dann erklärt, das sei nichts anderes als die Buchhaltung meines Urgroßvaters. Das war alles, sonst hat es nie eine Klage gegeben, die ganzen Jahre nicht. Nach zehn Jahren hat er sich das schönste Haus in Weikendorf mit einem riesigen Obstgarten bauen lassen. Meine Großmutter Anna bekam noch zwei Brüder, Adolf und Hermann, eine Schwester Tini und die jüngste Schwester war die Rosa [Sali].

Die Urgroßeltern haben Jiddisch zu Hause gesprochen, meine Großmutter hat eigentlich schon Deutsch gesprochen, sie hat aber öfters jiddische 'Brocken' hineingeworfen.

Meine Familie war eine große und sehr religiöse Familie - strengstens orthodox. Mein Urgroßvater hat immer ein Kapperl getragen, jeden Tag gebetet, selbstverständlich war die Küche koscher - Milchiges und Fleischiges wurden getrennt - und sie hatten sogar eine Schabbesgojite [1]. Die Schabbesgojite war Frau Reichl, eine Nachbarin. Sie ist Freitagabend gekommen, hat eingeheizt und Samstag ist sie auch gekommen und hat geschaut, ob etwas gemacht werden muss. Auch meine Großmutter war noch sehr streng religiös, mein Vater dann aber nicht mehr.

Die Brüder meiner Großmutter wurden vom Urgroßvater in Religion unterrichtet, aber er war ein furchtbarer Tyrann und hat seine Kinder geschlagen, denn: Wer sein Kind liebt, spart nicht mit der Rute! Auch mein Vater ist von seinem Großvater sehr viel geprügelt worden, unglaublich, und er hat es sein ganzes Leben lang nie verkraftet.

Der Urgroßvater war ein schwerer Diabetiker. Diese koschere Kost war mörderisch - Gänsefett, alles ist mit Gänsefett gekocht worden! Üppig war das Essen, eine Gans ist doch eines der schwersten Essen.

Adolf, der älteste Bruder meiner Großmutter war auf dem Gymnasium, hat es aber nicht abgeschlossen und ist dann auf die Handelakademie gegangen. Er hatte später in Tallesbrunn, im Marchfeld, eine Landgreisslerei, wo man alles bekommen konnte - von Lebensmitteln bis zu Gummistiefeln. Er war verheiratet, aber kinderlos. Wie seine Frau geheißen hat, weiß ich nicht mehr.

Hermann, der zweitälteste Bruder, hatte in Dörfles, im Marchfeld, auch ein Greisslereigeschäft. Seine Gattin hieß Lotte, und die hatten auch keine Kinder.

Tini, die Schwester meiner Großmutter, wurde mit Herrn Berger verheiratet. Sie hatten drei Töchter: die Zwillinge Paula und Janka, und wie die andere Schwester heiß, weiß ich nicht und einen Sohn Oskar. Sie lebten in der Slowakei, in Bösinok, in der Nähe des slowakischen Kurortes Pistiany. Dort betrieben sie eine Greisslerei. Herr Berger starb lange vor dem Holocaust. Tini, die eine Tochter, deren Namen ich nicht weiß und Oskar Berger sind im Holocaust ermordet worden. Die Zwillinge Paula und Janka flüchteten über die Donau mit einem illegalen Transport nach Palästina.

Rosa, Sali genannt, war die Jüngste. Sie wurde mit dem Schneidermeister Max, jüdisch Mordechei, Lustig verheiratet und lebte mit ihm in Niedersulz, im Weinviertel. Sie hatten vier Kinder, die Töchter Emma, Kamilla, Bertha und einen Sohn Philipp.

Die älteste Tochter Emma hatte einen Simon Saler geheiratet. Sie sind nach der Hochzeit zum Onkel Hermann gezogen, nachdem er ja kinderlos war, haben dort gelebt. Als der Onkel Hermann alt war, haben sie die Greisslerei übernommen. Sie hatten zwei Kinder, Greta, die 1927 geboren wurde und Kurt, der 1928 geboren wurde. Von Budweis [heute Tschechien] wurden sie alle nach Theresienstadt [2] deportiert und von Theresienstadt nach Polen, wo sie umkamen.

Kamilla, Milli genannt, hat einen Hermann Seidler geheiratet. Sie lebten in der Nähe der 'Hohen Wand [Niederösterreich]' und hatten auch eine Greisslerei.

Ein Sohn von Milli heißt Karli, wie der andere heißt, weiß ich nicht mehr. Wie sie den Holocaust überlebten, weiß ich auch nicht. Die Söhne müssten noch leben, aber wir haben keinen Kontakt zu ihnen. Seidler hatte mehrere Konzentrationslager überlebt. Milli war mit beiden Söhnen nach Belgien geflüchtet und ist dann irgendwie nach England gekommen. Nach dem Krieg kam sie dann nach Wien zurück, und sie haben sich scheiden lassen. Die Söhne sind auch nach Wien gekommen, Milli ist wieder nach England gegangen.

Philipp, der einzige Sohn von Sali war Herrenschneider, verheiratet und hatte mit seiner Frau eine vierjährige Tochter. Sie flüchteten über die Donau auf einem illegalen Transport nach Palästina und waren auf der Patria. Alle drei überlebten den Untergang der Patria [3]. Sie lebten in Haifa, aber nach kurzer Zeit starb Philipps Frau. Er heiratete ein zweites Mal und bekam noch eine Tochter.

Bertha war die jüngste. Sie hat 1936 im Großen Tempel in der Tempelgasse Otto Schnabel geheiratet. Beide wurden nach Maly Trostinec [4] deportiert und ermordet.

Meine Großmutter ist in Weikendorf aufgewachsen. Man hat sie relativ jung verheiratet, was in jüdischen Familien eine Selbstverständlichkeit war. Da hat es nicht viele andere Möglichkeiten gegeben für eine junge Frau - sie musste verheiratet werden. Meine Großmutter wurde mit einem wesentlich älteren Mann, einem Witwer, verheiratet, der Deutsch hieß. Ich glaube, dass sie zusammen in Wien gewohnt haben. Das Kind aus dieser Ehe ist die Malwine Deutsch, das ist die Halbschwester meines Vaters. Der Herr Deutsch ist, kurz nachdem Malwine geboren wurde, gestorben. Und jetzt stand meine Großmutter als blutjunge Witwe mit einem Kind allein da. Sie ist zu ihren Eltern nach Weikendorf zurückgegangen und hat ihre Tochter Malwine, die war ungefähr ein bis zwei Jahre alt, bei Verwandten in Wien praktisch in die Kost gegeben, um unbelastet zu sein und eine neue Ehe einzugehen. Das heißt, sie hat ihr Kind weggegeben, aber ich nehme an, sie wird sie öfters besucht haben. Malwine ist bei den Verwandten aufgewachsen, ist in Wien in die Schule gegangen und hat sogar das Gymnasium besucht.

Meine Großmutter war ja nun Witwe und in einer streng orthodoxen Familie ist es kein Zustand unverheiratet zu sein, da musste etwas geschehen. Der Urgroßvater hat einen jungen Mann ausfindig gemacht, der in der Nähe von Bratislava gelebt hat. Auf Deutsch hat der Ort Jakobsdorf geheißen und gehörte zu Ungarn, weil die Slowakei damals zu Ungarn gehörte. Dieser junge Mann, Julius Tauber, mein Großvater, hatte eine koschere Fleischhauerei und soll ein sehr fescher Mann gewesen sein. Wahrscheinlich hat mein Urgroßvater einiges investieren müssen, dass der Julius Tauber meine Großmutter geheiratet hat. Die Großmutter ist nach der Hochzeit zu ihm nach Jakobsdorf gezogen. Zuerst wurde mein Vater Moritz und zwei Jahre später sein Bruder Max geboren. Mein Vater wurde am 5. Mai 1891 geboren und 1893, ich glaube im August, sein Bruder Max. Die Ehe meiner Großeltern war aber alles andere als harmonisch. Ich kann mich da nur auf das verlassen, was ich von meinem Vater und von meiner Großmutter erfahren habe. Es hat sehr große Konflikte gegeben, denn anscheinend war der Großvater nicht so orthodox wie die Großmutter, die ja streng orthodox erzogen worden war. Der Großvater ist sogar mit den Bauern aus Jakobsdorf ins Wirtshaus gegangen. Vielleicht ist er am Schabbes [5] zu spät heimgekommen, und sie stand schon beim Licht benschen - ich denke, es waren solche Sachen. Ich habe versucht, genauer zu recherchieren, bin aber auf ziemlich taube Ohren gestoßen. Sowohl meine Großmutter wie mein Vater haben sich darüber nicht ausführlich geäußert. Jedenfalls ist es irgendwie zu einem großen Konflikt gekommen, und meine Großmutter hat die Kinder genommen, mein Vater war ungefähr vier Jahre alt und der Onkel Max war zwei Jahre alt, hat meinen Großvater verlassen und ist wieder nach Weikendorf zu ihren Eltern gezogen. Daraufhin ist mein Großvater nach Amerika ausgewandert, das muss so um 1895 gewesen sein. Er hat in New York, in Brooklyn, mit einem Fleischhauer ein Geschäft eröffnet. Einige Jahre später ist er zurück zur Großmutter gekommen, denn das Geschäft ging gut, und er wollte die Familie - seine Frau und seine Söhne - mit nach New York nehmen. Die Brüder meiner Großmutter, der Hermann und der Adolf waren sehr empört darüber und haben meiner Großmutter versprochen, dass sie sich um sie und ihre Kinder kümmern werden, aber sie soll sich endgültig von diesem Mann trennen; der wäre ein Übel für die Familie. Die Brüder meiner Großmutter hatten sogar deshalb mit ihrem Vater einen riesigen Krach. Ich weiß nicht, ob meine Großmutter mit ihren zwei kleinen Söhnen nach New York gegangen wäre, aber sie wollte auch ihre bereits erwachsene Tochter Malwine, die damals schon verheiratet war, nicht allein zurück lassen. Meine Großmutter blieb also in Weikendorf, und mein Großvater fuhr allein wieder nach New York zurück. Einen Dreck haben sich der Hermann und der Adolf dann um sie gekümmert! Der Onkel Adolf hat später eine Nichte seiner Frau ins Haus genommen, obwohl es so gedacht war, dass mein Vater, wenn er heiratet, das Geschäft des Onkels als Nachfolger übernimmt, und mein Onkel Max, der Bruder meines Vaters, sollte das Geschäft des Onkel Hermann übernehmen, der aber hat dann von der jüngsten Schwester meiner Großmutter, der Sali, die älteste Tochter ins Haus genommen. So haben mein Vater und sein Bruder nichts bekommen!

Kurze Zeit darauf, um die Jahrhundertwende, kam die Nachricht, mein Großvater sei erschossen worden. Meine Großmutter hat mir erzählt, sie hätte erfahren, der Großvater und ein paar andere Leute haben in einem Keller auf eine Kerze geschossen, und eine Kugel sei zurückgeflogen und hätte meinen Großvater getroffen. jedenfalls sehr dubios, sehr mysteriös diese Geschichte.

Nun war meine Großmutter das zweite Mal Witwe. Sie war noch nicht sehr alt, aber auf eine dritte Ehe hat sie sich nicht mehr eingelassen und hat weiterhin mit ihren Eltern in Weikendorf gelebt. Meine Großmutter hat die gesamte Hauswirtschaft mit ihrer Mutter zusammen geführt, und mein Urgroßvater ist nach wie vor seinen Geschäften nachgegangen und hat die Erziehung meines Vaters und seines Bruders Max übernommen. Mein Vater und sein Bruder haben einmal oder zweimal die Woche nach Gänserndorf fahren müssen, denn dort war eine große jüdische Gemeinde und auch ein jüdischer Lehrer, der sie unterrichtet hat in den religiösen Sachen. Und alles andere hat mein Urgroßvater ihnen beigebracht, wie schon seinen Söhnen. Alles wurde eingehalten, sie haben sehr religiös gelebt.

Mein Vater und sein Bruder Max waren grundverschieden! Das kann man sich nicht vorstellen. Mein Vater war ein Rebell, Autorität war ihm verhasst, und er war sicher auch oft frech und hat sich nichts gefallen lassen - das war eine Katastrophe. Onkel Max war ein Angepasster, der verstanden hat, nicht im Mittelpunkt zu stehen - er hat sich sogar mit seinem Großvater arrangiert.

Mein Vater ist in die ganz normale Dorfschule gegangen, durfte aber samstags nicht schreiben. Mit dreizehn Jahren feierte er seine Bar Mitzwa [6], bekam Tallit [7] und Tefillin [8] und als er die Schule mit 14 Jahren, am 1. Juli 1905 abgeschlossen hatte, hat ihm mein Urgroßvater in ein Pinkel seine Habe eingepackt und am 2. Juli zu ihm gesagt: 'Jetzt gehst du nach Wien und suchst dir eine Lehrstelle. Ich brauch keine unnötigen Esser im Haus.

In Wien gab es eine jüdische Organisation, die junge jüdische Burschen vermittelt hat, und mein Vater kam zu einem Sattler - Pferdegeschirre waren damals noch sehr gefragt. Damals wurde ein Lehrbursch praktisch in die Familie integriert. Der Lehrherr war verpflichtet, für den Lehrling komplett zu sorgen. Der Sattler hat meinen Vater am ersten Tag unterwiesen, was er lernen muss, was er zu arbeiten hat. Nachts hat er mit anderen Gesellen in einem Bett - das war ein bisserl ein breiteres Bett - schlafen müssen. Am Abend hat er sich niedergelegt und nach ein paar Stunden fühlte er ein Krabbeln und ein Beißen, da war er übersät mit Wanzen. Um diese Zeit war das üblich in Wien, in vielen Wohnungen gab es Wanzen. Nach der zweiten Nacht, die nicht besser als die erste war, ist er auf und davon und zurück nach Weikendorf gefahren. Zur Begrüßung hat er erst einmal eine Watschen von seinem Großvater gekriegt: 'Willst im Hotel Sacher wohnen' hat er zu ihm gesagt. Dann hat mein Vater dem Großvater erzählt, dass er samstags bis zum Mittag arbeiten musste und kein koscheres Essen bekam, aber das hat den Großvater nicht interessiert. Er hat gesagt: 'Herrendienst geht vor Gottesdienst.' Nach einigen Tagen ist mein Vater wieder nach Wien gefahren und hat eine Schuhfabrik gefunden, in der ungefähr zwanzig Arbeiter angestellt waren. Der Besitzer der Schuhfabrik war ein ungarischer Jude, der Emanuel Deutsch hieß. Der hat ihn aufgenommen. Herr Deutsch war die Fortsetzung vom Urgroßvater: zur Begrüßung hat mein Vater eine Watschen bekommen. Der Herr Deutsch war kinderlos, gut situiert, aber er hätte sich nie keinen 14jährigen Buben ins Haus genommen. Mein Vater wurde bei einer Cousine meiner Großmutter als 'Bettgeher' - so hat das geheißen - einquartiert. Das bedeutet, er wurde verpflegt und hat am Abend kommen können, um dort zu schlafen - das war alles. Das Bett und die Kost hat der Herr Deutsch bezahlt. Nur an den christlichen Feiertagen, oder wenn er zufällig frei hatte, konnte mein Vater nach Hause fahren. Am Schabbat konnte er nie zu Hause sein, denn mein Urgroßvater hat akzeptiert, so religiös er auch war, dass mein Vater in Wien auch am Samstag arbeiten musste, aber wenn er gekommen wäre, hätte er nur zu Fuß kommen dürfen. Zu Hause, wenn mein Vater sich am Schabbat um G'ttes Willen nicht an alle religiösen Regeln gehalten hätte, wäre das für den Urgroßvater ein Kapitalverbrechen gewesen, aber in Wien spielte es keine Rolle. In dieser Zeit hat mein Vater begonnen, über die Verlogenheit der Religiosität nachzudenken.

Mein Vater hat seine Lehre als Schuhmacher gemacht, und im dritten Lehrjahr seinen Bruder Max auch dort hineingebracht. Max hat sofort verstanden sich zu integrieren, denn er war ja immer der Brave, der sich überall anpassen konnte, auch mit seinem Urgroßvater hatte er sich arrangieren können, und auch Herr Deutsch war von Max begeistert.

Als mein Vater siebzehn Jahre alt war, hat er die Lehre beendet. Er ist noch einige Zeit bei Herrn Deutsch geblieben, dann ging er als Geselle zu einer anderen Firma. Mit zwanzig Jahren verkehrte er nicht gerade in bester Gesellschaft, befand sich sozusagen am Rande der Kriminalität und beschloss, dass das kein guter Zustand war. Durch großes Glück hat er einen Posten beim Bierdepot Steiner in Gänserndorf bekommen. Das Bier kam aus der Schwechater Brauerei und ist in Holzfässern auf Pferdewagen transportiert und auf die Gasthäuser verteilt worden. Der Chef hat einen Stellvertreter gesucht, und mein Vater bekam diesen Posten trotz seiner Jugend. Mein Vater hat hauptsächlich die Kunden besucht und kassiert und Flaschenbier mit einem kleinen Wagen und einem Pferd transportiert. Mit der Bezahlung war es eher bescheiden, und mein Vater hat dann bemerkt, dass er quasi der Hausidiot ist, denn er musste die ganze Arbeit machen und der Chef hat das Leben genossen. Angeblich hat der Chef auch eine junge hübsche Frau gehabt, die um 15 Jahre jünger war als er. Die hatte Gefallen an meinem Vater gefunden, und nachdem es einen Riesenkrach gegeben hat, musste mein Vater den Posten aufgeben. Er fand in Wien keine Arbeit und so ist er zu seiner Halbschwester Malwine nach Biskupice [heute: Slowakei] gefahren, denn ihr Mann suchte jemanden, der ihm bei der Arbeit hilft.

Wie es in einer jüdischen Familie üblich ist, ist Malwine, sie war wirklich eine hübsche Frau, jung verheiratet worden. Ihr Mann hat Willi Schwarz geheißen, er hat sich William genannt, denn amerikanisch war damals sehr modern. Er stammte aus der Slowakei, aus Trencin. Nach der Heirat hat er einen Altwarenproduktenhandel in Biskupice eröffnet, einem Ort, der ungefähr zwei Kilometer nördlich von Trencin liegt. Biskupice war ein kleines Dorf, ein richtiges Bauerndorf. Malwine und ihr Mann hatten fünf Kinder - Irene, Max, Grete, Heinrich und Ossi.

Irene wurde von ihrem Vater mit einem Mann verheiratet, der hieß Singer und war aus Zelina [heute Kroatien]. Mit dem war sie aber nur kurz verheiratet, denn sie haben sich scheiden lassen. Irene hat dann später einen Uhrmacher geheiratet, der hieß Jakobuwitsch. Er hatte einen Buckel, und war ein sehr liebenswerter Mensch. Sie hatten ein Kind.

Die Grete war auch verheiratet und lebte auch in der Slowakei, in der Nähe von Trencin. Ich kann mich genau erinnern, gerade am 12. Februar 1934 war sie mit ihrem Mann in Wien auf Hochzeitsreise, und sie kamen mitten hinein in den Bürgerkrieg [9].

Wen der Max geheiratet hat, daran kann ich mich nicht mehr erinnern, da waren wir schon in Palästina. Aber ich weiß, dass er bei einer Bank gearbeitet hat, und ich erinnere mich auch noch, dass der Heini bei einem Zahntechniker eine Lehre gemacht hat. Der Heinrich und der Ossi waren noch relativ jung, der Ossi war nur zwei Jahre älter als ich, und ich weiß, dass er 1935 noch studiert hat.

Mein Vater begann also bei seinem Schwager Willi Schwarz zu arbeiten. Der hatte einen sehr großen Hof, da waren die Hühnerställe und es gab auch Gänse, die gestopft wurden, wegen der Leber. Links stand ein Haus, in dem sich die Küche befand und zwei Wohnungen, die an Untermieter vermietet waren. Und dann war da das Wohnhaus. Gleich wenn man in das Haus hineinkam war der Speisesaal, dann kamen vier oder fünf Zimmer der Kinder, und dann folgte das Zimmer der Großmutter. Dann gab es noch ein Dach, unter dem Alteisen lag. Der Chef der Metallabteilung war ein Zigeuner. Er hieß Joszi und hatte vier oder fünf Leute unter sich. Das Eisen wurde sortiert und ich kann mich erinnern, dass einmal eine ganze Dreschmaschine gekommen ist, die sie dann zerlegt haben. Ich kann mich auch erinnern, dass das Alteisen dann zur Bahn befördert wurde und in ein Stahlwerk gebracht wurde. Hinter dem Dach war ein Riesenschuppen, in dem hauptsächlich alte Textilien von Arbeitern sortiert, in Kisten zusammengepresst und mit Draht zu einem Würfel zusammengebunden wurden. In der Nähe war eine große Papierfabrik, die war der Hauptabnehmer der Textilien. Und ganz hinten im Hof war ein Schuppen mit Knochen, die hat ein Fleischhauer meinem Onkel verkauft. Die Knochen haben natürlich schrecklich gestunken. Sie wurden an eine Fabrik verkauft, die Dünger und Leim und solche Sachen hergestellt hat. Und es gab Häute: Kalbshäute, Rindshäute und Bisamrattenhäute. Ich kann mich erinnern, dass es Gestelle gab, auf denen die Häute im Sommer getrocknet wurden. Dann hat der Schwager meines Vaters sie zur Weiterverarbeitung verkauft. Das hat alles furchtbar gestunken. Und ganz hinten im Hof war ein großer Gemüsegarten.

Mein Vater blieb nur ungefähr ein Jahr bei seinem Schwager, denn er war vom Regen in die Traufe gekommen, weil er dort nur der Hausknecht war. Mein Vater hatte geglaubt, er wird als Familienmitglied behandelt, aber sein Schwager hat ihn wie einen Hausknecht behandelt. Einmal war mein Vater lange unterwegs und ist erst am Abend um 9 Uhr auf dem Hof eingetroffen, hat das Pferd in den Stall gestellt und ist in die Küche gegangen und hat zu seiner Schwester gesagt, er möchte etwas essen. Da kam sein Schwager und hat zu ihm gesagt, dass er zuerst das Pferd zu versorgen habe. Mein Vater sagte ihm, er solle ihn in Ruhe lassen. Der Schwager wurde ausfällig, und auf einmal haben sie sich geschlagen. Meine Tante ist mit dem Besen dazwischen gegangen. Daraufhin ist mein Vater wieder zurück nach Wien gegangen.

Dann begann der 1. Weltkrieg. Aber nachdem meine Großmutter Witwe war und sich nicht allein versorgen konnte, hat mein Vater eine Freistellung bekommen und hat dienstverpflichtet in einer Schuhfabrik gearbeitet. Doch 1916 musste er dann doch zum Militär einrücken. In der Monarchie war der Geburtsort entscheidend, wohin man zum Militär eingezogen wurde. Und nachdem er in Jakobsdorf, in Ungarn, geboren war, musste er in der Gegend nördlich von Jakobsdorf, in Zsolna [jetzt: Zilina] einrücken, zu einem ungarischen Regiment. Dort hat er kurze Zeit die Ausbildung gemacht, hat aber kein Wort ungarisch gesprochen. Die Front war bei Asiago, das ist in Oberitalien. Nachdem er mit seiner 8jährigen Dorfschulausbildung einer der Wenigen war, der eine sehr schöne Schrift hatte und die Rechtschreibung auch fehlerlos beherrschte, wurde er sofort ins Büro geschoben. Zuerst war er Gefreiter und dann wurde er Unteroffizier und war quasi der Buchhalter der Batterie und für die Verpflegung verantwortlich. Er hatte sogar zwei Leute, die ihm unterstellt waren. Meistens hat er nach Udine [Italien] oder nach Tarvis [Italien] müssen, dort gab es alles, was gebraucht wurde: Verpflegung, Kleidung, Munition usw. Die Ware musste er mit Tragtieren oder mit Wagen transportieren - dazu hatte er sechs Soldaten. Ich kann mich erinnern, dass ich als Kind ganze Stapel von Bezugsscheinen aus dem Krieg gesehen habe, die hatte er sich als Andenken mitgenommen.

Auch mein Onkel Max kam zu meinem Vater als einfacher Soldat in die Batterie. Während der letzten Isonzo-Schlacht [10], die mörderisch war, hat er eine Verwundung vorgetäuscht und wurde von Udine in eines der großen Spitäler in Prag transportiert. Nach drei Wochen Spitalsaufenthalt ist er als Kriegsinvalide entlassen worden und ist zu seiner Mutter nach Weikendorf gefahren. Als er schon in Zivil war, hat er vom Kriegsministerium die Verwundetenmedaille überreicht bekommen und sie stolz entgegen genommen. Im Sommer 1918 kam die Batterie nach Mayerhofen in Tirol und dort sollten sie auf neue Geschütze und neue Ausrüstung warten. Aber dann war der Krieg aus. Mein Vater hat mir einmal gesagt, dass er, obwohl täglich in Lebensgefahr, sich in dieser Militärzeit als freier Mensch gefühlt hat. Das ist eine Ironie des Schicksals.

Mein Urgroßvater Elieser Müller starb noch 1916. Die Urgroßmutter starb noch vor ihm. Komisch, dass ich keine Ahnung habe, wie die Urgroßmutter geheißen hat. Meine Großmutter Anna war nach dem Tod ihres Vaters allein in diesem riesigen Haus. Sie hat den Handel von meinem Urgroßvater in wesentlich verkleinertem Ausmaß weitergeführt.

Als der Krieg 1918 aus war, ist mein Vater zurück nach Wien gegangen. Der Kontakt zu seiner Mutter war zwar noch vorhanden, aber dann schon sehr locker, und er ist nicht mehr so häufig nach Weikendorf gefahren. Und dann hat mein Vater noch dazu meine nichtjüdische Mutter kennen gelernt. Das war 1920. Er arbeitete in Wien in einer Schuhfabrik in der Schottenfeldgasse und wohnte zur Untermiete. Mein Vater war Betriebsratsobmann. Eines Tages kam der Werkführer zu ihm und sagte, er hätte eine fesche junge Frau als Stepperin aufgenommen. Meine Mutter war eine hoch qualifizierte Kraft, sie hatte damals keine Probleme, eine Arbeit zu finden. Einige Tage später kam meine Mutter zu meinem Vater, dem Betriebsratsobmann und sagte ihm, dass die Arbeit ihr hier nicht gefalle und sie kündigen werde. Mein Vater versprach ihr mit dem Werkführer über ein besseres Gehalt zu reden und bat sie zu bleiben - und sie blieb.

Franz Lerch, der Vater meiner Mutter Sophie Lerch, war Schuhmacher. Durch ihn ist sie zu diesem Beruf gekommen - und in die Schuhfabrik. Meine Mutter ist am 20. Dezember 1896 in Wien geboren. Ihre Mutter war 1914 gestorben - nach 13 Geburten - sieben Kinder haben überlebt. Der Vater meiner Mutter ist vier Jahre nach seiner Frau, meiner Großmutter, gestorben. Als meine Großmutter 1914 gestorben ist, hat der Vater die Familie praktisch aufgelöst und hat sich eine Lebensgefährtin zugelegt. Meine Mutter hat dann in der Liebhardtsgasse, im 16. Bezirk, ein Kabinett gemeinsam mit ihrem Bruder bewohnt. Ein Bruder meiner Mutter, Leopold, hat Johanna, eine Jüdin geheiratet. Er hatte in der Goldschlagstrasse eine Schuhmacherwerkstatt und seine Frau hatte eine Putzerei. Knapp vor dem 10. November 1938 kamen zwei SA Männer ins Geschäft, die Schuhwerkstätte meines Onkels war im hinteren Raum, und fragten meine Tante was eine Jüdin hier noch zu suchen habe. Da kam mein Onkel aus dem hinteren Raum mit einem Riemen und hat auf die SA Männer eingedroschen. Sie haben ihn derartig verprügelt, dass er im Krankenhaus gestorben ist. Grete, die ältere Tochter ist in Wien geblieben. Sie war in meinem Alter und als Tochter eines nichtjüdischen Vaters und einer jüdischen Mutter konnte sie in Wien den Holocaust überleben. Gleich nach dem Krieg hat sie einen Franzosen geheiratet und ist mit ihm nach Paris gegangen. Ich weiß nicht, ob sie noch lebt. Die Mutter ist mit der jüngeren Tochter Lore nach England geflüchtet und sie haben in England überlebt. Meine Tante Johanna ist 1955 nach Wien zurückgekommen. Lore lebt jetzt in Australien. Tante Johanna starb ungefähr 1962 in Wien.

Als meine Großmutter Anna erfahren hat, dass meine Mutter eine Katholikin ist, war der Teufel los. Ich war schon unterwegs, also stellte meine Großmutter die Bedingung, dass meine Mutter zum jüdischen Glauben übertritt. Meine Mutter ist zum jüdischen Glauben konvertiert und bekam von einer der Stammmütter [jüdische Stammmutter] den Namen Sarah. Geheiratet haben meine Eltern am 29. Februar 1920 im Turner-Tempel, im 15. Bezirk, in der Turnergasse. Meine Großmutter aber hat meine Mutter nie wirklich als Jüdin akzeptiert. Zum Beispiel sind meine Eltern und der Onkel Max am Jom Kippur [11] zur Großmutter nach Weikendorf gefahren. Meine Großmutter, Onkel Max, der damals noch nicht verheiratet war und mein Vater haben gefastet. Sie sind in die Synagoge nach Gänserndorf gefahren und meiner Mutter hat die Großmutter das Essen hingestellt. Aber meine Mutter hat das nicht besonders gestört. Das war schon ein etwas gespanntes Verhältnis, wir Kinder hatten darum auch wenig Kontakt zur Großmutter.

Meine Kindheit

Ich bin am 11. Juni geboren. Ich heiße Max, mein jüdischer Name ist Elieser nach meinem Urgroßvater. Bei mir hat man noch darauf Wert gelegt, dass ich wegen meiner Großmutter einen jüdischen Namen bekomme, ich habe ja auch Bar Mitzwah gehabt.

Mein Vater war immer ein bewusster Jude, aber religiös war er nicht mehr. Hier und da, als ich noch klein war, ist er noch zu besonderen Anlässen in den Tempel gegangen und hat mich einige Male mitgenommen. Als meine Großmutter gestorben ist, sind mein Vater und Onkel Max ein Jahr lang jeden Morgen in Wien in den Turner- Tempel gegangen und haben das Kaddisch [12] gesagt - das hatten sie ihrer Mutter versprochen. Aber sonst wurde nichts mehr gehalten, weder gab es koscheres [13] Essen, noch Schabbatfeiern - sogar Schweinefleisch hat mein Vater gegessen. Ich glaube, schon als Lehrbursch ist mein Vater zu einem Fleischhacker gegangen und hat sich einen Speck gekauft.

Meine Schwester Grete ist am 14. August 1921 und meine Schwester Berta ist am 24. Oktober 1923 geboren. Dann hat meine Mutter gesagt, jetzt muss Schluss sein, jetzt will sie keine Kinder mehr. Dabei ist es geblieben.

Ungefähr 1923 oder 1924 vermittelte Malwine, die älteste Schwester meines Vaters, die Heirat von Onkel Max mit einer jungen hübschen Frau aus einer wohlhabenden jüdischen Familie in Trencin. Das war gerade zur Inflationszeit und die Tschechenkrone war eine hochwertige Valuta und Charlotte, so hieß die Braut, hat die Mitgift in Tschechenkronen bekommen. Mein Onkel und mein Vater haben mit dem Geld in der Kriechbaumgasse, in Meidling, ein Schuhgeschäft eröffnet, das in kurzer Zeit krachen gegangen ist, denn sie waren beide keine Geschäftsleute. Charlotte hatte eine Schwester in Trencin und alle zwei, drei Monate ist sie nach Hause gefahren, hat dort von den Zigeunerinnen Handarbeiten gekauft und die Sachen dann in Wien verkauft. Max hat jede Arbeit angenommen, er ist wieder zu seinem altern Chef, dem Herrn Deutsch, in die Fabrik gegangen. Dort hat er gearbeitet, und wenn nötig, auch zwölf Stunden hintereinander und hat sich auch noch Arbeit mit nach Haus genommen. Mein Onkel war nie arbeitslos. Für meine Tante waren wir der Pöbel, weil mein Vater nicht geschäftstüchtig war, und wir oft kein Geld hatten. Sie hat uns immer von oben herab behandelt. Für sie waren wir Gassenkinder. Ihr einziger Sohn Walter war natürlich etwas Besseres.

Ich kann mich erinnern, ich war als 4jähriges Kind manchmal mit meinem Vater bei meiner Großmutter in Weikendorf, und merkwürdigerweise war ich ihr Lieblingsenkel. Nachdem alle rituellen Dinge beachtet worden sind und ich ein männlicher Nachkomme war, hat sie mich akzeptiert. Sie hat zwar manchmal 'kleiner Schegez' [jiddisch für Christenjunge] zu mir gesagt, aber ich war unter den ganzen Enkelkinder ihr Liebling.

Meine Großmutter hatte schon relativ jung Schwierigkeiten mit dem Gehör und eines Tages passierte ein Unfall. Sie ist in der Dämmerung, das war 1925, auf einem Feldweg gegangen, und hinter ihr ist ein Wagen gekommen mit zwei Pferden. Sie ist mitten am Weg gegangen, hat den Wagen nicht gehört, und die Wagenstange hat sie am Rücken getroffen. Sie ist hingefallen, die Pferde sind auseinander gelaufen und der Wagen ist über sie drüber gerollt. Sie hat sehr lange Röcke getragen, und die waren auf beiden Seiten von den Rädern abgeschnitten. Der Kutscher hat nicht einmal etwas davon bemerkt. Nach dem Unfall hat die Großmutter beschlossen, das Haus zu verkaufen und alles zu liquidieren und zu ihrer Tochter Malwine nach Biskupice zu übersiedeln. Sie hat sofort ihre Söhne verständigt, meinen Vater und seinen Bruder und hat ihnen mitgeteilt, dass sie nicht länger allein in diesem riesigen Haus bleiben werde. Sie hat das Haus verkauft, hat das Geschäft aufgelöst, aber ihren Söhnen hat sie nichts gegeben. Sie dachte sich, nachdem sie zu ihrer Tochter Malwine geht und dort leben wird, gibt sie ihr auch das ganze Geld. Die Söhne sind also leer ausgegangen. Sie hat sich nur einen kleinen Teil ihres Kapitals zurückbehalten, damit sie alle zwei, drei Jahre einen Besuch in Wien machen kann. Bei uns war kein Platz, da hat sie bei ihrem jüngeren Sohn Max gewohnt - meistens nur eine Woche oder 14 Tage - und dann ist sie wieder zurück gefahren. Wenn sie in Wien war hat sie jedes Mal ihr Geschirr und Besteck mitgebracht, und alles was sie gegessen hat, hat sie sich selbst besorgt und selbst gekocht. Sie hat meine Tante nicht heran gelassen an ihr Essen. Beim Storchensteg gab es den koscheren Fleischhauer Strobel, der hatte dort zwei Geschäfte, ein koscheres und ein nicht koscheres. An dem koscheren Geschäft standen große hebräische Buchstaben. Da hat meine Großmutter ihr Fleisch gekauft.

Als ich sechs Jahre alt war, bevor ich in die Schule gekommen bin, ist meine Mutter mal mit uns drei Kindern zu Tante Malwine auf Urlaub gefahren. Da kann ich mich erinnern, dass meine Tante jeden Freitag die Kerzen gesegnet hat und alles ganz rituell vor sich gegangen ist. Das zweite Mal war ich 1932 in den Ferien dort, da hatte meine Großmutter schon in Weikendorf alles aufgegeben und war zu ihrer Tochter gezogen. Meine Großmutter war dann dort die Küchenchefin. Da bin ich mit dem Dienstmädel am Freitagvormittag zum Scheuchet [koscherer Fleischhauer] mit ein paar Gänsen gegangen, die sind geschächtet [koscher geschlachtet] worden und wurden dann gerupft. Am Freitagabend gab es meistens eine Gans. Rindfleisch war selten, denn das war irrsinnig teuer. Das hat man vom koscheren Fleischhauer aus Trencin besorgen müssen. Irene, die Tochter von Malwine, war 1932 schon mit dem Herrn Jakubowic verheiratet und lebte in Zelina. Die anderen waren noch zu Hause.

Ich habe mich dort mit den slowakischen Buben angefreundet. Reden haben wir nicht miteinander können, aber wir waren gut befreundet. An einem Freitagabend bin ich mit den Buben an der Waag, so heißt der Fluß dort, gewesen. So mitten beim Krebse gefangen sah ich plötzlich die ersten Sterne standen am Himmel. Um G´ttes Willen! Ich habe mir gedacht, jetzt ist eh schon wurscht und bin gemütlich nach Haus marschiert. Als ich nach Hause kam war es schon stockfinster, und das Essen stand schon am Tisch. Meine Großmutter sagte zu mir: 'Du Allsbös [du schrecklich Böser], jetzt kommst du daher?' Links und Rechts hab ich erst einmal Watschen bekommen. Ich kam zu spät, dreckig war ich, und ich hatte den Schabbes entheiligt!

Neben dem Grundstück von Tante Malwine und dem Onkel Willi war die Schmiede des Herr Kovacs und schräg gegenüber war ein Gasthaus, das gehörte einer jüdischen Witwe. Die hat das Gasthaus geführt, allerdings hatte sie einen Kellner. Meine Familie und diese Witwe, Kohn hat sie geheißen, waren die einzigen Juden in dem Dorf. Einmal gab es einen Konflikt zwischen meiner Großmutter und mir. Meine Großmutter wollte mich der Witwe Kohn vorstellen, denn ich war ja ihr Lieblingsenkel, und ich, der Enkel aus Wien, sollte der Frau Kohn die Hand küssen. Da habe ich zu meiner Großmutter auf dem Weg zur Witwe Kohn gesagt: 'Warum soll ich ihr die dreckige Hand abschlecken?' Da hab ich eine kräftige Watschen gekriegt von meiner Großmutter, und sie hat gesagt: 'Das gehört sich so!' Aber die Witwe Kohn war nicht sehr ästhetisch. Ich habe viele Watschen von meiner Großmutter gekriegt. Aber von allen Enkeln hat sie nur mich geliebt. Alle sind umgekommen! Malwine mit ihrem Mann, ihren Kindern und Enkelkindern, alle wurden ermordet. Jemand hat erzählt, dass vom Max ein Sohn überlebt hat, aber von mehr Überlebenden weiß ich nichts.

Nachdem meine Eltern geheiratet hatten, hat mein Vater sich selbständig gemacht. Die Schuhproduktion hat zwei Sparten, den Oberteil und die Sohle, das sind zwei fast verschiedene Berufe. Mein Vater beschäftigte sich mit der Oberteilherrichterei. Schuhmacher, die als Einzelpersonen Maßschuhe hergestellt haben, sind mit dem Material gekommen und haben die Schuhoberteile von meinem Vater machen lassen, dafür haben sie alles mitgebracht. Oder sie haben meinem Vater den Auftrag gegeben, er soll das Oberteil herstellen. Dann hat er selber das Leder und Zubehör besorgt. In dieser Zeit hat es in Wien viele kleine Schuhfabriken gegeben, die auch die Oberteile außer Haus haben machen lassen. Meine Mutter hat die Stepparbeiten gemacht und auch bei anderen Sachen geholfen. Das alles hat sich in unserer Wohnung abgespielt. Als meine Eltern geheiratet hatten, haben sie sich eine Einzimmer- Küche - Wohnung in der Schweglerstrasse Nummer 10 genommen. Die Toilette war am Gang, Waschgelegenheit gab es nicht, da ist man in die öffentlichen Bäder gegangen, um sich zu reinigen. Wir waren, ich hab es ausgerechnet, 15 Personen auf einer Toilette. So bin ich mit meinen Schwestern Grete und Berta aufgewachsen. Erst war nur ich da, aber dann sind meine zwei Schwestern dazugekommen. Das Wohnzimmer war vielleicht zwanzig Quadratmeter groß. Zwei Schränke und ein Doppelbett standen darin. Meine jüngere Schwester hat mit meiner Mutter und meinem Vater im Doppelbett geschlafen, die andere in einem großen Gitterbett. Später haben beide im Gitterbett geschlafen. Ich habe auf einem Campingbett geschlafen, das tagsüber zusammengeklappt wurde. Wir hatten Riesentuchenten [Federbetten], die hatte meine Großmutter mit Federn ihrer vielen Gänse voll gestopft. Das Wohnzimmer hatte zwei Fenster. Vor einem Fenster stand die Steppmaschine meiner Mutter, daneben war eine Kommode, die auch zugleich als Arbeitstisch diente. Am anderen Fenster stand der große Arbeitstisch. Als ich noch nicht in die Schule gegangen bin, hatte mein Vater zwei Lehrburschen und zwei Arbeiter. Alles hat sich in diesem Zimmer abgespielt. Das muss man sich folgendermaßen vorstellen: Bis Samstagmittag ist gearbeitet worden. Meine Mutter ist immer zwischen Arbeit und Haushalt hin - und hergependelt. Manchmal war das Essen deshalb etwas angebrannt. Unten im Haus ist ein Gasthaus gewesen und wenn es besonders hoch her gegangen ist, hat sie für uns dort das Mittagsmenü geholt. Samstag hat sie dann aber richtig gutes Essen gekocht.

Jeden Samstagvormittag ging mein Vater mit einem Riesenrucksack voller Oberteile zu einer Firma im 10. Bezirk. Da konnte es passieren, dass ihm dort im Büro gesagt wurde: 'Wir haben heute kein Geld, Sie bekommen es nächste Woche.' Die Arbeiter aber warteten bei uns in der Wohnung auf ihr Geld, denn Samstagmittag hat mein Vater immer den Lohn ausbezahlt. Dann hat jedes Mal meine Mutter von ihrer Maschine den Motor abmontiert, ist damit in die Pfandleihanstalt, und die nächste Zeit hat sie ihre Maschine auf Fußbetrieb umgestellt. So konnte mein Vater seinen Arbeitern wenigstens einen Vorschuss zahlen. Wenn die Arbeiter gegangen sind, hat meine Mutter die Dielen des Zimmers mit Seifenlauge abgerieben. Vor dem Mittagessen wurde am Boden ein Plüschläufer ausgebreitet, damit war der Feiertag eingeleitet. Am Samstagnachmittag ging die ganze Familie ins Tröpferlbad, und alle 14 Tage ging meine Mutter in die Waschküche im Haus unsere Wäsche waschen. Mein Vater hat seine Arbeit gemacht, aber sonst nichts. Ich frage mich heute noch, wie meine Mutter das alles geschafft hat. Dieses Leben funktionierte bis 1931, aber dann konnten wir von der Arbeit nicht mehr existieren.

In der Zwischenkriegszeit musste jeder, der ein Gewerbe ausgeübt hat, eine Meisterprüfung oder die Gesellenprüfung haben, um den Antrag auf Gewerbegenehmigung stellen zu dürfen. Er musste sich dann bei der jeweiligen Genossenschaft anmelden, dann war er erst berechtigt, das Gewerbe auszuüben. War er nicht Mitglied und hat trotzdem privat gearbeitet, hat er sich strafbar gemacht. Mein Vater war Mitglied der sozialdemokratischen Genossenschaft der Schuhmacher und seit 1929 ehrenamtlich gewählter Delegierter im Vorstand - also er war politisch engagiert. Jede Fachgruppe ist ein eigener politischer Körper gewesen. Unser Leben war ein reines dahinvegetieren, darauf warten, dass irgendein kleiner Schustermeister kommt und Arbeit bringt. Der Vorsitzende der Genossenschaft der Schuhmacher, Urbanek hat er geheißen, hat meinem Vater dann eine Teilzeitbeschäftigung, die mit 150 Schilling pro Monat dotiert war, verschafft: Jederzeit, wenn jemand einen Pfuscher entdeckt hat, einen der eine Werkstatt betrieben hat ohne Gewerbeschein, hat er die Genossenschaft verständigt. Dann ist der Kommissar der Gewerbebehörde zu meinem Vater gekommen, hat ihn abgeholt und zusammen sind sie zu der angegebenen Adresse gegangen und haben versucht, den Schuldigen sozusagen 'in flagranti' zu erwischen. Danach wurde ein Protokoll aufgenommen. Wenn der Pfuscher sich dann falsch verhalten hat, konnte er auch verhaftet werden. Das war eine scheußliche Zeit! Es war natürlich kein dankbarer Job, mein Vater hat natürlich viele Feinde gehabt, noch dazu war er auch Jude. Aber 150 Schilling bedeuteten die nackte Existenz. Zehn Schilling hat die Miete für unsere Wohnung gekostet, eine kleine Semmel hat fünf Groschen gekostet, und die so genannte Kaisersemmel hat sieben Groschen gekostet. Ich kann mich erinnern, in meiner Klasse war ein Bursch, dessen Vater war bei der Bahn Verschieber, und die waren fünf Kinder zu Hause. Der Mann hat 180 Schilling für seine Familie verdient. Aber der hatte das Geld fix, aber bei meinem Vater bestand immer die Gefahr, und das ist dann 1934 eingetreten, dass er vor dem 'Nichts' steht.

In die Volksschule ging ich im 15. Bezirk in die Stättermayergasse. Diese Schule gibt es heute nicht mehr. In anderen Klassen hat es Juden gegeben, aber ich kann mich nicht erinnern, dass einer meiner Mitschüler Jude gewesen wäre. Ich bin, wenn die Kinder katholischen Religionsunterricht hatten, immer in eine andere Klasse gegangen. Aber das hat die Buben in dem Alter nicht interessiert.

Die Hauptschule war dann in der Schweglerstrasse. Damals war Karl Popper [14] dort Hilfslehrer. Ich hatte ihn ein Jahr lang als Physiklehrer - er war großartig! Er trug immer verhatschte Schuhe und einen Anzug, der ausgeschaut hat, als hätte er darin geschlafen. Das letzte Jahr meiner Schulzeit wurde die Klasse aufgeteilt, und ich musste in eine Schule in der Goldschlagstrasse, Ecke Zinkgasse gehen. Dort gab es schon ein paar Typen, die bei der illegalen HJ [15] waren. Pohl hat einer geheißen, der war etwas Höheres bei der HJ, der hat mir sogar einmal illegale Schriften aus Deutschland zum Lesen gebracht. Das kann man sich kaum vorstellen, aber diese Gehässigkeit gegen die Juden begann ja erst 1938, nach dem Einmarsch der Deutschen. Man hatte vorher auch die Hakoah [16] akzeptiert. Sie war ja eine der Spitzenmannschaften in Wien. Sicher gab es einen gewissen moderaten Antisemitismus, aber es kam nicht zu Ausschreitungen. 1938 war die totale Wende.

Von der ersten Klasse bis zum Schulaustritt hatte ich Religionsunterricht. Das war immer an einem Wochentag, meistens an einem Mittwoch, in der Volksschule eine Stunde und später in der Hauptschule zwei Stunden. Zuerst einmal haben wir die Grundbegriffe, das Schema Israel [jüdisches Hauptgebet], also die Gebete, gelernt. Im Laufe der Jahre sind wir das ganze Alte Testament durchgegangen, die jüdischen Riten, alles, was zur Jüdischkeit gehört. Der Lehrer hieß Antscherl, der Vorname ist mir entfallen. Er war in gewisser Hinsicht ein Genie: Wir haben miterlebt, wie Adam und Eva sich im Paradies bewegt haben, wie Kain den Abel erschlagen hat, denn so anschaulich hat er das geschildert. Er hat uns die einzelnen Buchstaben erklärt, das Aleph ist nach allen Seiten offen, die Ziffer 5 sieht genauso aus wie der Buchstabe A, jeden Buchstaben hat er uns so erklärt, dass wir ihn uns einprägen konnten. Alle, die das dreizehnte Lebensjahr erricht hatten, hat er im Stadttempel, in der Seitenstättengasse, zusammengefasst. Dort, in der Kultusgemeinde in einem Raum, hat er uns das Tefillin legen gelehrt. Meine Bar Mitzwah fand im Turner-Tempel statt. Wir mussten die Segenssprüche über die Torah [17] sagen, dann las ein anderer aus der Torah und dann sagten wir noch einmal einen Segensspruch. Eigentlich muss der Neuaufgenommene aus der Torah vorlesen, aber das ist nicht verlangt worden. Meine Großmutter konnte nicht dabei sein, denn sie war damals schon relativ gebrechlich, aber sie hat mir eine Uhr geschenkt. Von der Kultusgemeinde habe ich einen Anzug bekommen, denn mein Vater hatte damals schon als mittellos gegolten. Der überwiegende Teil meiner Verwandtschaft gojischen [gemeint ist nichtjüdische Verwandtschaft] - der Bruder meiner Mutter und meine Cousins - waren mit uns im Tempel und haben sich das einmal angeschaut. Sie befanden sich in einer vollkommenen fremden Welt. Aber die Brüder meiner Mutter hat es überhaupt nicht gestört, dass meine Mutter zum Judentum übergetreten ist. Im Gegenteil! Wir waren mit ihrem ältesten Bruder in sehr gutem Kontakt. Wenn es uns schlecht gegangen ist, was häufig der Fall war, hat er uns oft geholfen. Auch die Frau vom dem ältesten Bruder meiner Mutter war mit meiner Mutter befreundet. Die Sonntage haben wir mit der Familie des Bruders meiner Mutter verbracht. Die Erwachsenen haben zusammen Karten gespielt, und mein Cousin hatte einen Tischtennistisch, da haben wir gespielt.

Meine Eltern haben Bücher immer in der Volksbücherei ausgeliehen, meine Mutter hat zum Beispiel Ganghofer geliebt. Hohe Literatur haben sie aber nicht gelesen. Wir hatten die ganzen Jahre in Wien kein Radio. Das erste Radio, das waren nur Kopfhörer, habe ich 1925 erlebt. Da konnte man die Hälfte nicht verstehen, weil es hauptsächlich in den Kopfhören gekracht hat. Meine Eltern sind oft und gern ins Raimundtheater gegangen, das war damals das Operettentheater, und mein Vater war auch ein fanatischer Fußballanhänger, was meiner Mutter nicht so sehr gefiel, und wir haben ihn auch oft von Fußballplätzen abgeholt - das war dann das Sonntagsvergnügen. Oder wir sind in die Umgebung von Wien gewandert, aber an den Gasthäusern sind wir vorbeimarschiert, denn wir waren eine fünfköpfige Familie und das konnten sich meine Eltern nicht leisten, aber manchmal sind meine Eltern doch auch ins Gasthaus Essen gegangen.

Meine Schwester Grete ist 14 Monate jünger als ich, und sie war Papas Liebling. Sie hat das bestialisch ausgenützt, und ich habe sie zeitweise richtig gehasst. Ich hab sie verprügelt, aber mein Vater hat dann mich verprügelt. Mit meiner jüngsten Schwester Berta habe ich mich besser verstanden, aber innigliche Geschwisterliebe war das auch nicht. Meine Schwestern haben mir immer vorgehalten, dass meine Mutter mich bevorzugt, aber ich glaube nicht, dass das so war.

Ich hatte keinen einzigen jüdischen Freund, und ich hatte auch kaum Kontakte zu zionistischen Organisationen. Es gab ja viele zionistische Organisationen, aber ich wäre nicht auf die Idee gekommen, dorthin zu gehen. Einmal war ich zusammen mit irgendeinem Bekannten, mir das anschauen. Aber ich hatte da nichts verloren, ich gehörte nicht dazu.

Als ich zehn Jahre alt war, saß ich mit zwei Burschen zusammen im Park auf einer Bank, die waren um drei oder vier Jahre älter als ich, mit denen habe ich oft Fußball gespielt. Wir saßen also auf der Bank, und die habe sich unterhalten über die Politik. Ich hab gar nicht zugehört, aber auf einmal hat der eine gesagt: 'Die ganzen Juden packen ma zam und schickens nach Polen.' Und ich saß da und mir sind die Tränen runter gelaufen und ich habe gesagt: 'Was redet ihr da, was soll ich denn in Polen, ich bin doch in der Schweglerstrasse zu Haus!' 'Ah, du bist a Jud' fragten sie mich ganz erstaunt. Die waren ganz verlegen, die hatten das nur von ihren Vätern gehört und hatten das nachgeplappert. Sie haben mich dann beruhigt, vielleicht habe ich denen einen Denkanstoß gegeben: Was sollen denn die Juden in Polen? Das ist doch der Maxl, der rennt mit uns herum, der macht doch alle Bubenstreiche mit.

Wenn ich die Jahre ab 1938 in Wien erlebt hätte, und ich hätte dann flüchten müssen, ich weiß nicht, ob ich je zurückgekommen wäre. Nach dem Krieg traf ich einen Mann, mit dem ich aufgewachsen bin. Wir hatten uns dreizehn Jahre nicht gesehen und begrüßten uns. Ich fragte ihn, was er im Krieg gemacht hat, und er antwortete, dass er bei der SS war. Das war für mich schockierend, und ich habe sofort den Kontakt zu ihm abgebrochen.

Im Februar 1934 [18] wurde sofort alles, was mit den Sozialdemokraten in Verbindung stand, unter Dollfuß [19] eliminiert. Die Sozialdemokratische Partei wurde verboten, alle Genossenschaften wurden aufgelöst, so dass mein Vater nicht nur politisch gefährdet war, sondern auch wirtschaftlich am Ende. Zum Vorstand der Schuhmachergenossenschaft wurde ein Nobelschuhmacher aus der Innenstadt - Lakovich hat er geheißen. Kurz nach dem 12. Februar hat er meinem Vater einen Brief geschrieben, dass er auf die Genossenschaft in der Florianigasse, im 8. Bezirk, kommen soll. Dort hat er zu meinem Vater gesagt: 'Herr Tauber, Sie können Ihre Funktion sofort wieder einnehmen, aber Sie müssen der Vaterländischen Front [20] beitreten.' Daraufhin hat mein Vater gesagt: 'Lieber Herr! Erstens bin ich a Jud und zweitens werde ich nicht mit dieser katholischen Partie zusammen arbeiten.' Daraufhin hat der Lakovich gesagt: 'Dann muss ich annehmen, dass Sie illegal weiter tätig sind. Herr Tauber, ich bin verpflichtet, gegen Sie Anzeige zu erstatten.' Im Mai 1934, eines Sonntags gegen sechs Uhr früh, wir lagen noch in unseren Betten, klopfte es draußen an der Tür. Es war der Bezirksoberinspektor der Kriminalpolizei vom Bezirk. Jeder hat ihn gekannt, der Rimbacher war eine markante Gestalt. Ich öffnete die Tür, er kam herein und sagte: 'Herr Tauber, bleiben Sie im Bett! Ich hab gegen Sie einen Haftbefehl, aber Sie sind ja nicht zu Haus. Ich werde im Protokoll festhalten, dass ich Sie nicht angetroffen hab. Ich mache Sie darauf aufmerksam, lassen Sie sich hier nicht mehr sehen.' Alle Leute, die sich politisch verdächtig gemacht hatten, sind in das erste österreichische Konzentrationslager nach Wöllersdorf gekommen. Das war aber nichts anderes als ein Gefängnis, es war nicht zu vergleichen mit den deutschen Konzentrationslagern.

Mein Vater ist untergetaucht. Zuerst war er bei seinem Bruder und hat versucht, irgendwie ins Ausland zu kommen. Er ist in der Nacht nach Haus gekommen und sehr zeitlich wieder gegangen, aber es kam niemand mehr. Seine Partei hatte Kontakt zur Sowjetunion, aber da war zum Glück nach Februar 1934 eine Einreisesperre. Die haben nur die ersten Schutzbündler [21], die am 12. Februar nach Bratislava geflüchtet waren, aufgenommen. Die sind dann in die Sowjetunion emigriert, es sind aber nur wenige zurückgekommen, viele wurden dort ermordet. Mein Vater ist dann aufs Palästinaamt [22] gegangen, das war eine private Organisation, und konnte Kontakt mit einem Fabrikanten, der in Jerusalem eine Schuhfabrik gegründet hatte, aufnehmen. Dieser Fabrikant besaß auch in Mödling eine große Schuhfabrik, Brüder Klein haben die geheißen, die mussten durch die Wirtschaftskrise ihren Betrieb liquidieren. Der jüngste der Brüder Klein hat in Jerusalem mit zwei Leuten zusammen eine Fabrik am Stadtrand von Jerusalem gegründet, die haben sich 'Die Schuhe unseres Landes' genannt. Ein Betriebsleiter, der David, ist nach Wien gekommen und hat Leute für die Fabrik gesucht. Man hat für Palästina ein Kapitalistenzertifikat [23] gebraucht, das heißt, man musste bei einer Bank 1000 englische Pfund deponieren, und damit hat man die Einreise bekommen. Mein Vater hatte keine 1000 Groschen in seinem Besitz, geschweige denn 1000 Pfund, aber der Herr David hat ihn für die Schuhfabrik ausgesucht, und so bekam er das Zertifikat zur Einreise nach Palästina. Wie mein Vater das Geld für die Reise zusammengekratzt hat, weiß ich nicht.

Ich kann mich erinnern, es war an einem Sonntag im November des Jahres 1934. Mein Vater wusste, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis er sein Zertifikat nach Palästina bekommen wird, und er ist zuerst zum Onkel Hermann gefahren. Kurz nachdem mein Vater zum Onkel Hermann unterwegs war, kam die Verständigung, dass sein Zertifikat nach Palästina bewilligt ist und er in nächster Zeit abreisen kann. Damals ist nämlich die Post auch am Sonntag zugestellt worden. Meine Mutter sagte, dass ich dem Vater nachfahren soll um ihm die Nachricht zu bringen. Ich bin sofort vom Nordbahnhof mit dem nächsten Zug nach Gänserndorf und von Gänserndorf nach Dörflitz gefahren. Da war ich dann dabei, als der Onkel Hermann zu meinem Vater gesagt hat, dass er bereits seinen Besitz übergeben hat, aber er hatte noch zwanzig Zigaretten aus dem 1. Weltkrieg, die hat er meinem Vater geschenkt und, ich glaube dazu noch fünf Schilling. Von dort sind wir nach Tallisbrunn zum Onkel Adolf gegangen, und mein Vater hat zu ihm gesagt: 'Du und der Onkel Hermann habt vor langer Zeit versprochen, dass ihr euch um mich und meinen Bruder kümmern werdet, und jetzt brauch ich jeden Groschen. Da hat der Onkel Adolf zum Weinen angefangen und hat gesagt: 'Was soll ich machen, ich habe schon meinen ganzen Besitz übergeben, ich habe gar nichts.' Er hat meinem Vater die Hand gedrückt, ihn gesegnet, und wir sind wieder nach Haus nach Wien gefahren.

Im Oktober 1934 starb meine Großmutter und im Dezember 1934 ist mein Vater mit dem Zug nach Triest gefahren und von Triest mit dem Schiff nach Palästina. Wir haben uns von meinem Papa verabschiedet, und wir wussten nicht, wann wir uns wieder sehen. Das war furchtbar traurig. Meine Mutter blieb zurück mit drei halbwüchsigen Kindern und ohne Einkommen. Sie hat tagelang geweint.

Mein Vater begann sofort in Palästina zu arbeiten und schickte uns jeden Monat 1 ½ palästinensische Pfund, nach der damaligen Währung waren das ungefähr 40 Schilling. Meine Mutter hat alle möglichen Teilzeitarbeiten angenommen, damit wir überhaupt haben existieren können. Einige ehemalige Kollegen meines Vaters haben öfter eine Aushilfskraft gebraucht, da hat sie als Schuhstepperin für sie gearbeitet. Sie hat sich aber auch nicht davor gescheut, putzen zu gehen. Das Hotel Wimberger ist damals renoviert worden, und als die Maler fertig waren, haben vier Frauen, darunter auch meine Mutter, in einer Nacht die Generalreinigung des riesigen Saales gemacht. Jede hat 25 Schilling bekommen. Zu dieser Zeit war ich nicht mehr in der Schule. Damals hat es den polytechnischen Lehrgang noch nicht gegeben, aber es gab einen einjährig freiwilligen Lehrkurs. Meine Mutter wollte, da ich keine Lehrstelle bekommen habe, dass ich in diesen Lehrkurs in die Schule gehe. Knapp vor Weihnachten musste ich ins Spital mit einer infektiösen Bronchitis. Daraufhin sagte der Direktor der Schule zu meiner Mutter: 'Ihr Sohn ist kein Schüler der Begeisterung hervorruft, melden Sie ihn ab.' So bin ich im Schulhalbjahr ausgeschieden. Meine Schwestern sind aber zur Schule gegangen.

Einem einzigen Freund habe ich erzählt, dass wir nach Palästina auswandern. Fried war sein Name. Mein Leben war in Wien so trist, ich war 15 Jahre alt, hatte nie einen Groschen in der Hand und konnte natürlich auch nie in ein Kino gehen. Ich habe mich auf ein neues Leben in Jerusalem gefreut, meine Schwestern auch, und es war ja auch ein gewisses Abenteuer was da vor uns lag. Vorstellungen hatte ich keine. Heute gibt es die Medien und die Kinder wissen schon genau, wo Israel liegt, aber damals war das ganz anders.

Es war das Jahr 1935, mein Vater war schon seit November 1934 weg. Schuschnigg hatte für Leute die mittellos waren, ein Winterhilfswerk eingeführt. Beim Magistrat gab es das Armen Amt. Von denen bekam man einen Gutschein über 25 Schilling und mit dem konnte man einkaufen. Auch manche Greissler haben diese Gutscheine genommen. Fast jede Woche gingen zwei Briefe hin und her, von Wien nach Jerusalem und von Jerusalem nach Wien. Meine Eltern haben sich sehr geliebt. Auch meine Schwestern und ich haben meinem Vater geschrieben. Meine Mutter wurde aber im Laufe der Zeit sehr ungeduldig. Einmal hat mein Vater geschrieben, er verdiene nicht schlecht in der Fabrik, und er habe jetzt einen Antrag gestellt, dass er einen Kredit bekomme, und damit wolle er unsere Reise finanzieren. Meine Mutter hat aber die Geduld verloren und ging los, um Geld für vier Personen für die Reise nach Palästina aufzutreiben. Das war nicht leicht! Zu dieser Zeit gab es einen christlich-sozialen Vizebürgermeister, er hieß Ernst Karl Winter [24], und zu dem ist sie gegangen. Meine Mutter hat ihm geschildert, dass ihr Mann flüchten musste und sie nun mit drei halbwüchsigen Kindern ohne Mann in Wien allein sei und unbedingt zu ihrem Mann wolle, aber dazu fehle ihr das nötige Geld. Sie habe sich bereits erkundigt, sie brauche - für damalige Begriffe - 1000 Schilling. Er hat sich das angehört und hat dann gesagt: 'Hören Sie zu, ich verstehe Ihre Lage. Ich weiß, dass Sie sich in einer schwierigen Situation befinden. Ich gebe Ihnen aus meiner Privatschatulle 500 Schilling.' Das war damals ein Vermögen! Meine Mutter hat sich vielmals bedankt. Sie brauchte aber noch mehr Geld, also was tat sie? Sie hat unsere Wohnung verkauft. Für die Wohnung bekam sie 300 Schilling, da hatte sie 800 Schilling. Die Sozialdemokratische Partei war ja zu dieser Zeit illegal, aber es gab eine Organisation, die nannte sich die 'Rote Hilfe'. Das waren eigentlich im Grunde alles arme Teufel, aber sie sammelten Geld für Leute, die durch die politischen Ereignisse dringend eine Unterstützung brauchten. Sie haben die restlichen 200 Schilling meiner Mutter zur Verfügung gestellt. Meine Mutter ist dann mit dem Geld aufs Reisebüro gegangen und hat für uns die Reise gebucht. Wir haben die Wohnung übergeben, und ich bin zum Bruder meines Vaters gezogen. Meine liebe Tante, seine Frau, hat mich behandelt wie einen Bettler. Ich war 15 Jahre alt und habe mit dem Walter in einem Zimmer geschlafen, und sie meinte, ich hätte einen schlechten Einfluss auf ihren Sohn, denn der glaubte noch, der Storch bringe die Kinder. Ich habe den 11jährigen dann aufgeklärt und meine Tante war fürchterlich empört. Meine 14jährige Schwester Grete und meine Mutter wohnten in dieser Zeit bei dem ältesten Bruder meiner Mutter. Die 12jährige Berta war bei einer Freundin meiner Mutter untergebracht, die meine Schwester adoptieren wollte, aber das kam natürlich nicht in Frage. Getroffen haben wir uns in dieser Zeit immer bei meinem Onkel, dem Bruder meiner Mutter.

Palästina

Meine Mutter hat dann aus Sparmaßnahmen meinem Vater nur eine gewöhnliche Postkarte geschrieben, in der sie ihm mitteilte: die Wohnung ist aufgelöst und die Reisespesen sind teilweise gedeckt. Sie hat die Karte meinem Vater geschickt, damit er uns nach unserer Ankunft in Palästina abholen kann. Aber da schickt man doch ein Telegramm, eine gewöhnliche Karte kommt doch erst in drei Wochen an! Mein Vater hatte aber mittlerweile einen Kredit aufgetrieben, damit er unsere Reise finanzieren kann.

Wir reisten ab. Für mich war die Reise sehr lustig. Das Schiff hieß Galilei und war von der Lloyd Triestino [trad. Italienisches Schifffahrtsunternehmen]. Ich war in einer schönen Kabine mit vier Burschen aus Berlin. Meine Mutter und meine Schwestern waren am tiefsten Deck unten, gleich neben der Küche. Wir sind über die Adria gefahren, das Wetter war herrlich, aber kaum hat sich das Schiff ein bisschen bewegt, war ihnen kotzübel. Sie sind die ganze Zeit unten in der Kabine geblieben. Ich saß allein beim Frühstück und der Stewart kam mit dem Tablett und fragte mich, wie viele Personen frühstücken werden? Ich antwortete ihm, dass wir vier Personen sind. Er stellte mir das Tablett hin, eine Kanne mit Kaffee und - also ich habe in meinem Leben noch nie so ein Frühstück gesehen: Toast, Butter, Honig, Schinken und Ei. Ich habe gefressen... Ich habe ja gewusst, die Damen kommen eh nicht. Dann hat der Stewart abgeräumt, und ich bin am Deck spazieren gegangen. Als wir in Brindisi [Italien] ankamen, wurde das Mittagessen serviert. Ich habe geglaubt, ich platze: Steak und Erbsen, also ein Essen, das ich vorher in meinem Leben nie gesehen hatte. Aber dann, zum Abendessen, ist der Stewart draufgekommen, dass ich immer allein am Tisch bin und hat mich gefragt, wo die anderen sind. Aber er hat mir immerhin weiter reichlich Essen gebracht. Diese fünf Tage auf dem Schiff waren für mich der komplette Luxus!

Am 1. August 1935 sind wir in Palästina angekommen. Und jetzt kommt eigentlich der Beginn einer kleinen Tragödie. Wir kamen in Jaffa an. Damals war Jaffa der Immigrantenhafen, da war aber im Prinzip kein Hafen. Die Schiffe haben weit draußen geankert, und man musste mit Landungsboten hineingebracht werden. Bevor das Schiff noch Anker geworfen hatte, war die Pass- und Visumkontrolle. Österreicher waren relativ wenig auf dem Schiff aber viele Deutsche, und die haben meine Mutter gleich vorgelassen. Auf einmal kam meine Mutter Tränen überströmt zu uns Kindern. Der Beamte hatte behauptet, unser Einreisevisum sei gefälscht. 'Um G'ttes Willen, wie gibt es so was?' Da sagte der Beamte: 'Das macht nichts, das Schiff fährt weiter nach Haifa, in Haifa ist ein richtiger Hafen, dort legt es an, und das Schiff bleibt dort 24 Stunden, und da wird man Genaueres feststellen.' Meine Mutter sagte: 'Aber ich war doch auf dem britischen Konsulat in Wien.' Es hat sich herausgestellt, dass das Einreisezertifikat von einem Beamten unterschrieben war, der als korrupt bekannt war. Der Einwanderungsbeamte meinte, das sei kein Problem, man werde telegraphisch feststellen, ob alles in Ordnung wäre. Als nächstes kam noch dazu, dass meine Mutter gesagt hatte, ihr Mann müsse draußen stehen und uns erwarten. Die haben dort dann Moritz Tauber ausgerufen, aber der war nicht da, weil er die Karte von meiner Mutter noch nicht bekommen hatte. Wenn etwas schief geht, dann geht es komplett schief. Wir fuhren also weiter nach Haifa. Wir haben nichts gehabt, überhaupt nichts! Meine Mutter war felsenfest davon überzeugt, mein Vater würde in Jaffa warten und uns empfangen.

Unser ganzes Gepäck war in Jaffa, weil alles Gepäck vom Schiff hinausbefördert worden war. Wir hatten eine riesige Kiste mit aller irdischen Habe: Bettzeug, Geschirr, alles was transportfähig war. Und diese Kiste stand in einem Depot in Jaffa, und wir waren in Haifa. Die jungen Deutschen auf dem Schiff haben für meine Mutter gesammelt und haben uns 1 ¼ Pfund gegeben. In Haifa hatte man mittlerweile festgestellt, dass das Zertifikat echt war, die Unterschrift war falsch, aber die Einreisebewilligung war gültig. Alle, die in Haifa und in Jaffa vom Schiff gehen durften, wurden gegen Typhus geimpft. Uns hatte man nicht geimpft, sie haben gesagt: 'Das werdet ihr dann besorgen, wenn ihr im Land ankommt'. Es war verpflichtend für jeden Einwanderer, sich gegen Typhus impfen zu lassen.

Als wir vom Schiff gingen, ist ein Beamter mit uns gegangen. Meine Mutter und meine Schwestern haben geweint, weil der Papa nicht da war und sie in einer fremden Welt ganz allein dastanden. Ich habe nicht geweint und wurde als gefühlloses Individuum beschimpft. Ich habe mir gedacht: Mein Vater ist nicht weit, was kann schon passieren! Gleich am Hafen ging der Beamte mit uns in ein Hotel und sagte zu dem Hotelier, einem Einheimischen, seine Gattin war aus Polen: 'Hören Sie zu, die Frau mit den drei Kindern sind Neueinwanderer, der Mann wird bald auftauchen, Geld haben sie keines.' Die Frau hat Jiddisch geredet, dadurch konnten wir uns wenigstens verständigen. Es war schon spät am Abend, man hat uns ein Zimmer gegeben, und der Hotelier hat uns einen Tee serviert. Wir hatten vorher am Schiff noch ganz gut gegessen, also war das nicht so tragisch, dass wir nur Tee bekamen.

Am nächsten Tag in der Früh schickte mich meine Mutter aufs nächste Postamt, meinem Vater ein Telegramm nach Jerusalem schicken. Ich ging aufs Postamt, gab das Telegramm auf - es hat acht Piaster gekostet - kam zurück, da schaute meine Mutter auf die Adresse, die ich noch in der Hand hielt und sagte: 'Das ist ja die falsche Adresse, dort wohnt er ja nicht mehr.' Also musste ich noch ein Telegramm schicken, und dann sind nur ein paar Piaster übrig geblieben. Ich bin auf die Straße hinuntergegangen, auf einmal sah ich einen Araber mit Bananen. In Österreich waren Bananen zu der Zeit der größte Luxus, die sind einzeln verkauft worden. Die palästinensische Münze war riesengroß und hatte ein Loch. Ich hatte eine in der Hand - ein oder zwei Piaster waren das. Ich ging zu dem Araber und zeigte ihm die Münze. Der nahm ein Bündel Bananen und gab es mir. Ich dachte, der sei wahnsinnig, was gibt der mir da? Ich blieb stehen und starrte ihn an. Daraufhin sagte er irgendetwas auf Arabisch - ich habe ja kein Wort verstanden - dann gab er mir noch mehr Bananen. Und dann hat er noch irgendwie alle heiligen Mohammedaner angerufen, und hat mir noch vier Bananen gegeben und gesagt, ich soll gehen. Ich bin mit einem Bund Bananen anmarschiert gekommen, und dann haben wir uns mit Bananen ernährt. Erst zwei Tage später ist mein Vater aufgekreuzt. Und jetzt kommt das schönste Theater: Für unsere Reise hatte er einen Kredit aufgenommen und das Geld an meinen Onkel nach Wien geschickt. Mein Onkel hatte das Geld genommen, ein riesiges Paket mit unseren Sachen, die in Wien geblieben waren zusammengestellt und uns nachgeschickt. Meine Mutter hätte gerne auf die Sachen verzichtet, das Geld war pfutsch! Aber wir waren endlich mit meinem Vater zusammen und fuhren nach Jerusalem.

Die Mieten in Palästina waren damals irrsinnig hoch. Viele Familien haben sich zusammengetan und eine große Wohnung miteinander geteilt. Mein Vater hatte aus Wien einen Kollegen, den Emil Löwy. Der Herr Löwy war auch, wie mein Vater, in der Schuhfabrik beschäftigt. Seine Familie bestand aus vier Personen, und die wohnten bei ihm. Wir waren fünf Personen und so waren wir mit der Familie Löwy zusammen 9 Personen. Da wir auch noch einen Untermieter hatten, waren wir zu zehnt in der Wohnung. Die Wohnung bestand aus einer Küche, einem Bad, einem großen Vorzimmer, zwei großen und einem kleinen Zimmer. Familie Löwy lebte schon seit einigen Monaten in Palästina. Der Sohn Walter ging schon in die Schule, er war zwei Jahre jünger als ich. Das war mein erster Kontakt.

Zuerst hat mein Vater mir eine Lehrstelle in einer Maschinenschlosserei verschafft. Ich habe dort eigentlich als Hilfsarbeiter begonnen, weil ein Lehrding dort nicht vorgesehen war. Dann habe ich in einer Bauschlosserei gearbeitet, dort sollte ich als Mechaniker und Schlosser ausgebildet werden, aber Bezahlung habe ich keine bekommen. Dann bin ich in einen Betrieb gekommen, da waren aus allen Ländern des Orients Leute, die entweder persisch oder arabisch oder hebräisch gesprochen haben. Der Inhaber der Firma und sein Schwager waren aus Lemberg [heute Ukraine], und die haben Jiddisch und Deutsch gesprochen. Das war eine harte Schule! Ich hab mich nur mit den Chefs unterhalten können und für den Rest der Belegschaft war ich der 'Kasperl der Nation'. Was die mit mir aufgeführt haben! Ich habe ja fast nichts verstanden. Einmal haben sie mich in ein Geschäft geschickt Joghurt kaufen und mir gesagt, was ich zu dem Besitzer des Geschäfts, der aus Marokko kam, sagen soll. Das was ich gesagt habe, war aber nicht, dass ich Joghurt kaufen möchte, sondern ein ganz ordinärer Fluch. So etwas haben sie ständig mit mir gemacht. Man glaubt gar nicht, wie schnell ein Mensch eine Sprache lernen kann, wenn man auf diese Art und Weise gezwungen wird.

Der Chef hat gesehen, ich bin ein wiefer Bursch, da hat er mich zur Bohrmaschine gestellt. Aber auf diese Arbeit haben schon fünf andere gewartet, denn dafür hat man mehr Geld bekommen. Mir haben sie aber kein besseres Gehalt dafür gegeben. So habe ich an der Bohrmaschine gearbeitet, und mein Chef hatte eine billige Arbeitskraft, auf die er sich verlassen konnte. Da war ich sehr verbittert! Freitags war immer früher Arbeitsschluss, und an einem Freitag kam ich von der Arbeit nach Hause, da stand vor unserem Haus ein offener Wagen mit einem Pferd davor. Es wurden Möbel heraus getragen und der Freund von meinem Vater, der Kollege, der Löwy, war ganz aufgelöst. Der Herr Löwy war der Hauptmieter, und mein Vater hatte ihm immer das Geld für die Miete gegeben, aber der hatte die Miete nicht bezahlt, und wir sind aus der Wohnung geschmissen worden. Nun sind wir ohne Wohnung dagestanden. Möbel haben wir sowieso praktisch keine, das war kein Problem. In der Bauschlosserei hatte ich einen Burschen in meinem Alter kennen gelernt, einen Sabre [in Israel Geborene], aus einer streng orthodoxen Familie, Serotkin hießen sie. Die Familie hatte acht oder neun Kinder, und sie wohnten in einem großen Haus. Unten im Haus war eine Mineralwasserabfüllung, an der Vater Serotkin beteiligt war. Er hat mir die Waschküche als Unterkunft zur Verfügung gestellt, dafür sollte ich seinem Sohn die Grundrechenarten beibringen. Aber der hat das nicht verstanden. Mein Vater hat in einer Schneiderwerkstatt geschlafen, meine Mutter mit meinen Schwestern bei einem Arbeitskollegen. Nach sechs Wochen hatte mein Vater eine Wohnung am östlichen Stadtrand von Jerusalem aufgetrieben. Wie er das gemacht hat, das weiß ich nicht. Auf jeden Fall hat er eine Wohnung aufgetrieben, und wir sind dort eingezogen. Der Hausherr hatte das Haus mit ein paar Hilfskräften selber gebaut. Es war sehr primitiv, wie alle Häuser, die relativ neu waren. Aber ein Badezimmer war selbstverständlich. Wir hatten zwei Zimmer, Hausflur und Badezimmer war mit den Nachbarn gemeinsam, und jeder hatte eine Küche. Wir hatten ja kein Mobiliar, der Hausherr hat sich gewundert, wir kamen da anmarschiert mit fast nichts, nur mit ein paar Koffern. Das war in unserer Situation sehr praktisch.

Mittlerweile, das war 1936, hatte mein Vater genug von der Fabrik, und er hat sich mit meiner Mutter selbständig gemacht - nicht mit der Oberteilherrichterei, sondern mit feinen Lederhausschuhen. Der Mann der Familie uns gegenüber, sie hießen Ur, war Beamter bei Keren Kajemet [25]. Seine Frau war zehn Jahre vor uns aus Polen nach Palästina gekommen. Sie hatten einen Sohn, Amira, der war dreizehn Monaten alt. Die Frau sprach gut Deutsch, der Mann Jiddisch, dadurch entstand ein Kontakt. Als mein Vater aus der Fabrik wegging, hatte er kein Geld. Sein einziges Kapital waren die Nähmaschine, die meine Mutter aus Wien mitgebracht hatte und die Schuhleisten. Mein Vater hatte meiner Mutter nach Wien geschrieben, dass sie die Schuhleisten unbedingt mitbringen sollte. In unserer Strasse war ein kleines Lokal zu vermieten, und das hat mein Vater gemietet, denn Herr Ur hat meinem Vater einen Kredit über 25 Pfund verschafft und die Bürgschaft übernommen. 25 Pfund waren ein Vermögen. Mit meiner Mutter zusammen hat mein Vater eine Schuhwerkstätte für orthopädische Schuhe eröffnet. Aber was sie verdient haben war nicht genug, und da fiel ihnen ein, dass sie Hausschuhe aus Leder, auch in Wien hatten sie Hausschuhe aus Leder produziert, in Palästina auf den Markt bringen könnten. Mein Vater fand drei Geschäfte, die ihm seine Hausschuhe abgenommen haben. Damit konnten wir aber auch nicht existieren. Noch während des Krieges wurden Waren in Palästina eingeführt, die unter staatlicher Kontrolle produziert wurden und preisgebunden waren. Mein Vater hat eine Lizenz bekommen und hat sich aus dem Hauptlager aus Tel Aviv das Material für die Schuhe, das wesentlich billiger war, holen können. Da ist man mit dem Auftrag der Geschäfte in das Lager gefahren, aber man hat mehr Leder bekommen, als man für die Aufträge gebraucht hat, so dass man auch noch Schuhe zum freien Preis verkaufen konnte.

In Palästina gab es zu dieser Zeit keine Schulpflicht. Frau Ur war Lehrerin in einer Schule und hat gesagt, dass sie mit der Direktorin ihrer Schule reden wird und meine Schwestern in die Schule kommen sollen. Drei Wochen ist Grete, meine ältere Schwester in die Schule gegangen, dann wollte sie nicht mehr. Meine beiden Schwestern waren nämlich keine so guten Schülerinnen. Auch Berta, meine jüngere Schwester, hat bald die Schule verlassen.

Ich habe es in der Maschinenschlosserei auch nur zwei Monate ausgehalten. Die Arbeit war sehr schwer, die Häuser in Jerusalem wurden alle mit Naturstein gebaut, und Löcher in Naturstein bohren war nicht einfach - noch dazu in dieser Hitze. Mein Vater hat dann zu mir gesagt: 'Schau, was sollst du dich ausbeuten lassen, lern bei uns das Schuhhandwerksgewerbe und arbeite mit uns zusammen.' So wurde ich Schuhmacher. Ich blieb im elterlichen Haushalt bis zu meiner Rückkehr nach Österreich.

Nicht weit von unserer Wohnung entfernt war Brachland, das einem Araber gehörte. Die jüdischen Burschen haben den Platz gereinigt, zwei Tore aufgestellt, und sie hatten einen Fußballplatz. Aus aller Herren Länder wurden Mannschaften gebildet. Da bin ich dann auch ein begeisterter Fußballspieler geworden. 1938, nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich, sind die ersten Burschen aus Wien nach Palästina geflüchtet und mit den einheimischen Burschen zusammen haben wir eine Fußballmannschaft gebildet. In dieser Zeit habe ich auch begonnen, Englisch zu lernen. Die Engländer hatten in der Nähe eine große Kaserne, und gegen das schottische Infanterieregiment haben wir Fußball gespielt.

Am Fußballplatz habe ich meinen Freund Sigi kennen gelernt. Er war ein fescher Bursch, schon damals als 15jähriger war er 1,80 Meter groß, und die Mädels sind auf ihn geflogen. Auch meine Schwester hat ein bisschen mit ihm herumgeschäkert, aber das hat ihn damals noch nicht interessiert - er war noch zu jung - er war ein Jahr jünger als ich. Seine Eltern stammten ursprünglich aus Polen, hatten in Berlin gelebt und waren völlig integriert. 1933 sind sie, nach der Machtübernahme Hitlers in Deutschland, aus Berlin geflüchtet. Sie hatten die 1000 Pfund für das Kapitalistenzertifikat, Sigis Vater war ein tüchtiger Maßschneider, der elegante Herrenanzüge herstellte. Er hatte auch in Jerusalem eine Schneiderei und verdiente, für dortige Begriffe, sehr gut.

Sigi sprach fließend hebräisch. Ich bin mit ihm ins Gespräch gekommen, und er hat gesagt: 'Hör zu, in der Lemelschule kannst du ohne jede Bezahlung am Abend Hebräisch lernen.' Ich habe gesagt:'Ich habe acht Jahre Schule hinter mir, ich will keine Schule, ich brauch keine Sprache zu lernen, lass mich in Ruhe.' Dann habe ich aber doch Hebräisch gelernt, und nach zwei Jahren habe ich mich schon sehr gut verständigen können.

Ich habe auch den Kurt Bergmann aus Wien in Jerusalem kennen gelernt. Er war als Kind an Meningitis erkrankt und dadurch war sein rechter Arm gelähmt. In Wien hatte er Philologie und Sprachwissenschaften studiert, konnte aber in Jerusalem nicht weiter studieren, weil er ja nicht Hebräisch sprach. Kurt Bergmann wurde Lebenskünstler. Er hatte kein Geld, er hatte keine Wohnung. Ein Stadtviertel in Jerusalem ist Mea Sharim. Dort wohnen die ganz Frommen. Wenn man durch Mea Sharim geht, könnte man glauben, die Zeit ist stehen geblieben und man befindet sich in einem polnischen Shtetl. Aber dort wohnte zeitweise Kurt Bergmann in einer Schul, einem Bethaus. Er wohnte aber auch in der Tanzschule. Die war natürlich nicht in Mea Sharim. Man kann sagen, er hat sich durchgeschnorrt. Und da war er auch ständiger Gast bei meiner Mutter. Er war nicht der einzige, den sie mit durchgefüttert hat. Mit dem ersten Transport der UNO nach Österreich, das war 1947, fuhr Kurt zurück nach Wien. Meine Mutter hat ihn davor noch komplett eingekleidet, denn er besaß ja nichts. 1948, als ich wieder in Wien war, ist er bei mir aufgetaucht. Unterstützt hat ihn die Kultusgemeinde. Aber er aus dem Gleis gekommen. Eines Tages saß auf einer Bank im Esterhazypark eine Dame neben ihm, die ihr Mittagessen dort auspackte. Er scheint so hungrig geschaut zu haben, dass sie ihm etwas von ihrem Essen angeboten hat. Aus der Bekanntschaft wurde eine Beziehung. Traude, so hieß die Dame, arbeitete im Landwirtschaftsministerium und hatte eine Wohnung in Ottakring. Kurt würde Beamter in der Bäderverwaltung der Gemeinde Wien, und er wurde fromm. Sie heirateten im Tempel und ich war Trauzeuge. Kurt starb vor wenigen Jahren in Wien.

Berta hat bis 1940 im Fotoatelier Robitschek, Robitschek war aus Wien, als Verkäuferin gearbeitet. Dann hat sie Josef Feder, einen Wiener Burschen aus dem 20. Bezirk, geheiratet. Sie war erst 17 Jahre alt. 1942, am 16. November wurde ihre Tochter Hanna geboren, 1946 kam Judith in Jerusalem zur Welt. Joschi Feder war Transportunternehmer. Er fuhr einen 4Tonner [Lastwagen]. Kurz nach der Hochzeit wurde der Lastwagen von den Engländern requiriert. Joschi war dadurch arbeitslos und meldete sich zum britischen Militär. Er war beim britischen Militär für die Versorgung der Armee und der Angehörigen der Armee zuständig und fuhr immer zwischen Kairo[Ägypten] und Beirut [Libanon] hin und her. Es wurde alles transportiert, von Lebensmitteln bis zu Schauspielern. Als der Krieg 1945 zu Ende war, kaufte sich Joschi einen Lastwagen und transportierte hauptsächlich Petroleum, denn Petroleum wurde damals noch zum Kochen und für die Beleuchtung gebraucht. 1950, als ich und meine Eltern wieder in Wien waren, kam meine Schwester mit ihren Kindern zu uns. Sie war vor einer Ehekrise geflüchtet und blieb ein ¾ Jahr in Wien. Dann ging sie mit den Kindern zu ihrem Mann zurück, aber kurze Zeit danach übersiedelte die ganze Familie nach Wien. Sie mieteten im 20. Bezirk, in der Wehlistrasse, eine Wohnung. Joschi arbeitete als privater, englisch sprechender Taxichauffeur für ein Reisebüro. Hanna, die ältere Tochter ging nach Beendigung der Schule zu ihrer Tante Grete, meiner jüngeren Schwester, die mit ihrer Familie in England lebte. Sie heiratete David Cohen und blieb in London. Judith, Hannas jüngere Schwester, verließ ebenfalls Wien und folgte ihrer Schwester nach London, die auch bald einen Bräutigam für sie fand. Sie heiratete Martin Wingrow, einen jüdischen Textilhändler. 1971, nach dem Tod meiner Mutter, folgten meine Schwester und ihr Mann ihren Töchtern. Sie bezogen ein Haus, das ihnen ihre Kinder im nobelsten Viertel Londons gekauft hatten. Meine Schwester lebt noch dort, ihr Mann Joschi ist bereits gestorben.

Grete, meine ältere Schwester, machte bei dem Fotografen, bei dem ihre Schwester als Verkäuferin gearbeitet hat, eine Lehre als Fotolaborantin. Das Besondere an dem Atelier war, dass Robitschek zuerst die Person in seinem Atelier zeichnete und dann von der Zeichnung das Foto machte. Nach ihrer Lehre wechselte Grete in das Fotogeschäft Rothschild und arbeitete dort als Fotolaborantin. Herr Rothschild war aus Deutschland nach Jerusalem gekommen. Als das Fotogeschäft zusperrte, begann sie beim Distriktkommissar von Gaza als Hausmädchen zu arbeiten. Das Baby der Familie betreute eine Krankenschwester aus Wien, meine Schwester war für die Fläschchenzubereitung und solche Dinge zuständig. Das war knapp vor 1939. Dann wurde Grete arbeitslos und lebte wieder zu Hause. Ihren Mann, Dennis Gordon Tayler, lernte sie in Jerusalem, im Militärspital, kennen. Es gab dort einen großen Saal, in dem Tanzveranstaltungen stattfanden. Aber da es kaum englische Frauen in Uniform gab, durften auch Zivilistinnen an den Tanzveranstaltungen teilnehmen. Es war aber strikt untersagt, dass die Angehörigen der Britischen Armee private Beziehungen mit diesen Zivilistinnen knüpften. Nachdem meine Schwester und der Dennis sich kennen gelernt hatten, haben sie sich trotzdem getroffen. Dennis stellte dann offiziell den Antrag bei seinem Vorgesetzten auf Bewilligung mit einer 'Eingeborenen', so wurde die nichtenglische Bevölkerung von den englischen Behörden genannt, zugehen. Daraufhin versetzte man ihn nach Kairo. Er hat aus Kairo viele Briefe an meine Schwester geschrieben, und sie musste am Anfang jedes Wort aus dem Wörterbuch suchen, denn sie konnte noch kein Englisch. Ein Jahr schrieben sie sich Briefe. Nach einem Jahr kam Dennis auf Urlaub nach Jerusalem und verbrachte eine Woche mit Grete auf einer Rundreise durch Palästina. Danach stellte sie ihn unseren Eltern vor. Das war komisch, denn unsere Eltern sprachen ja auch kein Englisch, aber er war ihnen sehr sympathisch. Sie feierten Verlobung, und Dennis stellte in Kairo den Antrag auf Bewilligung, eine 'Eingeborene' heiraten zu dürfen. Das wurde von den englischen Armeevorgesetzten auch abgelehnt und Dennis war schon ganz verzweifelt und wollte desertieren. Aber dadurch hätte er sich seine Zukunft verdorben. Es gab noch eine andere Möglichkeit: Wenn meine Schwester Angehörige der Britischen Armee wäre, dann könnten sie erneut einen Antrag auf Ehe stellen. Also meldete sich meine Schwester zur Britischen Armee. Sie wurde in Kairo Fotolaborantin bei der Luftwaffe. Das war ein sehr geheimer Posten, und sie wurde auch sehr schnell befördert. Aber als mein Schwager wieder den Antrag auf Eheschließung mit meiner Schwester stellte, wurde das wieder abgelehnt. Meine Schwester war sehr hübsch und suchte daraufhin um eine Audienz beim Vorgesetzten ihres Verlobten an, und sie schaffte es - es wurde eine Riesenhochzeit gefeiert. Dennis war kein Jude, meine Schwester trat zur anglikanischen Kirche über. Anfang 1944 bekam Dennis Heimaturlaub. Er stellte seine Frau seiner Familie in London vor und erreichte, dass sie in London bleiben durften. Er wurde 1946 aus der Armee entlassen und arbeitete dann wieder in seinem alten Beruf als Büroleiter einer Notariatskanzlei. Meine Schwester wurde Hausfrau. 1945 wurde Robert geboren. Er besuchte die Technische Hochschule und wurde Verkehrsregelungsexperte. Dennis starb 1991 und Robert ist bereits Pensionist. Grete lebt in London.

Walter, der Sohn vom Bruder meines Vaters, dem Onkel Max, wurde mit einem Kindertransport [26] nach England gerettet. In England ist er zum Militär gegangen, zur Royal Airforces. Er hat dann dort den Antrag gestellt, dass er nach Jerusalem versetzt wird. Das wurde ihm bewilligt, denn mein Vater hatte im letzten Moment ein Zertifikat für Onkel Max und seine Frau nach Palästina verschafft. Sie kamen am 10. September 1939 in Jerusalem an, am 1. September hatte der 2. Weltkrieg begonnen.

Ich habe Heimweh gehabt. Meine Eltern standen im Briefverkehr mit der Verwandtschaft meiner Mutter in Wien, über das Rote Kreuz durfte man aber nur 25 Worte pro Postkarte schicken. Von dem ältesten Bruder meiner Mutter haben wir zwei oder drei Briefe über das Rote Kreuz bekommen. Aber das war alles.

Eine Bekannte meines Vaters besaß eine riesige deutsche Bibliothek. Da begann ich zum Beispiel den Graf von Monte Christo zu lesen, aber auch höhere Literatur wie Wassermann [Jakob Wassermann 1873-1934, Schriftsteller]. Obwohl es mir relativ schwer fiel, ich habe mich da durchgebissen. Mein Freund, der Sigi, hat eigentlich weiterhin mit der deutschen Kultur gelebt.

Ich habe vom ersten Tag an gesagt, wenn sich eine Gelegenheit ergibt wieder wegzukommen, bin ich weg. Ich war viel zu sehr Europäer, um mich der Mentalität des Volkes dort anzupassen. Obwohl ich fünf Jahre eine Beziehung mit einem Mädel aus einer orthodoxen Familie hatte, habe ich nie geglaubt, dass ich dort einmal zu Hause sein werde. Hätte ich die Sprache richtig gelernt, hätte ich also auch lesen und schreiben können, wäre das vielleicht anders geworden, aber so ist die Fremdheit immer geblieben.

Rückkehr nach Österreich

Bis 1946 die ersten Wahlen in Österreich stattgefunden haben und eine österreichische Regierung gebildet wurde, hat es keinen Postverkehr mit Österreich gegeben. Zu diesem Zeitpunkt gehörte ich zu einer Gruppe Österreicher, die regelmäßig zusammen gekommen ist, und die gesagt haben: Leute, jetzt wird es Zeit, dass wir an eine Rückkehr denken!' Am 11. Jänner 1946 ist der Postverkehr eröffnet worden. Da haben wir uns zusammengesetzt und haben einen Brief an den Innenminister Helmer [27]mit unseren Unterschriften verfasst: Der Text lautete ungefähr folgendermaßen: Wir sind österreichische Staatsbürger, die meisten waren bis 1934 Mitglieder der sozialdemokratischen Partei Österreichs und wir möchten, dass man uns hilft, nach Österreich zurück zu kehren. Den Brief haben wir rekommandiert [veraltet: einschreiben [Postsendung] und express aufgegeben. Monate hat sich nichts gerührt. Dann haben wir noch einen Brief verfasst und haben den auch nach Wien geschickt. Nach einigen Wochen ist ein Brief vom Innenministerium gekommen, da ist sinngemäß drinnen gestanden: Liebe Landsleute, es freut uns, dass ihr Kontakt mit uns aufnehmt, aber die Lage ist sehr trist' usw., und wenn man den Brief weiter gelesen hat, hat man herausgefunden, es stand zwischen den Zeilen, aber sehr eindeutig: Bleibt wo ihr seid! Das war die Reaktion vom Innenministerium. Das Innenministerium hat uns also nicht in Österreich gewollt.

Im November 1947 beschlossen die Vereinten Nationen, dass Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat geteilt wird. Von dem Moment an war Jerusalem eine Festung. Man konnte nicht hinaus und nicht hinein, weil rundherum arabische Siedlungen waren. Österreich hatte noch keine diplomatische Vertretung, das spanische Konsulat hatte die Vertretung für Österreich übernommen. Da hat sich in der UNO eine Organisation gebildet, um allen Emigranten die Rückkehr aus den Konzentrationslagern und aus dem Exil, wohin die Menschen vor dem Holocaust geflohen waren, zu ermöglichen. Sie haben veranlasst, dass Transporte zusammengestellt wurden. Man musste sich auf dem spanischen Konsulat melden, und sie haben die Listen an die UNO weitergeleitet. Die UNO hat dann den Transport zusammengestellt. Die österreichische Regierung hat sich darum nicht gekümmert, das ist rein von der UNO ausgegangen. Im Frühjahr 1947 ist der erste Transport nach Österreich gegangen. Der zweite Transport ging ein paar Monate später. Ich bin mit dem letzten Transport gefahren. Als ich mich für den Transport angemeldet habe, habe ich meinem Vater nichts davon gesagt. Nur mit meiner Mutter habe ich das besprochen. Zwei Transporte waren weg, ich wusste nicht, ob sich noch eine Gelegenheit ergeben würde, und ich wollte nicht mehr in Palästina bleiben, ich wollte zurück nach Österreich.

Jerusalem war ab Februar 1948 total eingeschlossen. Von britischen Truppen ist ein Panzerzug auf die Bahnlinie gestellt worden, denn die Briten haben das Land verlassen. Sie haben uns nach Haifa mitgenommen. In Haifa sind wir auf ein Schiff gekommen, das gechartert war - ein Frachtschiff mit Personenverkehr. Die Reisekosten waren durch die UNO gedeckt. Zuerst ist das Schiff nach Zypern gefahren. Dort wurde ein bisschen Fracht ausgetauscht, dann sind wir in den Hafen von Piräus [Griechenland] eingelaufen. Da waren wir drei Tage, konnten aber nicht vom Schiff hinunter, weil gerade Bürgerkrieg in Griechenland tobte. Nach drei Tagen fuhren wir weiter, und auf der Höhe von Kreta ist ein furchtbarer Sturm losgebrochen. Wir konnten nicht durch die Strasse von Messina, weil wir auch in Neapel hätten anlegen sollen. Wir sind aber um Sizilien herum gefahren und kamen dann nach Genua. Von Genua sind wir sind mit der Bahn nach Wien weitergefahren. In Wien habe ich mich bei dem älteren Bruder meiner Mutter einquartiert.

Mein Vater hat sich dann schweren Herzens, vor allem wegen seiner Enkelkinder in Jerusalem, entschlossen, auch nach Wien zu kommen. Das war aber erst 1949. Im Endeffekt waren meine Eltern aber glücklich, wieder in Wien zu sein, denn meine Mutter hatte ihre Geschwister hier.

Es gab vor dem Krieg in Wien eine sozialdemokratische Jugendgruppe, die 'Roten Falken', da war man bis zum 15. Lebensjahr dabei. Ab dem 15. Lebensjahr hieß die Organisation dann SAJ [Sozialistische Arbeiterjugend]. Bei denen war ich bis 1934, bis alle kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien und Organisationen verboten wurden. Bis zum Eintritt der Sowjetunion in den Krieg, im Jahre 1941, war die Kommunistische Partei in Palästina illegal, dann wurde sie legalisiert. Ich wurde Mitglied der Kommunistischen Partei in Palästina, aber ich war nie sehr aktiv. Nach meiner Rückkehr nach Wien wurde ich Mitglied der KPÖ [Kommunistischen Partei Österreichs]. Die wenigen Juden wurden mit Freude in die Kommunistische Partei aufgenommen. Bei den Nationalratswahlen in Österreich, im Jahre 1949, war ich Wahlhelfer und habe dabei einen alten Freund von den 'Roten Falken' getroffen, der Vorsitzender der Wahlkommission der Sozialdemokarten war. Mit dem habe ich mich unterhalten, und er gesagt: 'Ich sag dir folgendes, versuch erst gar nicht Kontakte mit der SPÖ aufzunehmen, als Jud können die dich nicht brauchen' [siehe: Geschichte der Sozialdemokratischen Partei Österreichs]. Und so bin ich dann bei den Kommunisten geblieben. Ich habe mich von der Partei eigentlich nicht distanziert, aber ich habe mich nur in der Gewerkschaft der kommunistischen Fraktion betätigt. Dadurch hatte ich mit vielen Leuten Kontakt, und ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich Jude bin.

Pfingsten 1953 habe ich meine Frau Lilly, geb. Schischa, in Wien kennen gelernt. Meine Mutter hatte sich mit einem Kreis älterer jüdischer Damen, die zum Teil miteinander in der Emigration waren, immer im Kaffee Mozart getroffen, und sie haben festgestellt, dass es eine Affenschande ist, dass ein Bursch mit 33 Jahren noch immer ledig herumläuft. Die Tante meiner Frau war auch bei dieser Runde und hat gesagt, das sei kein Problem, ihre Nichte ist 26 Jahre alt, gut aussehend, lebe in Hirschwang und sei auch noch ledig. Die könnten sie eigentlich miteinander bekannt machen. Ich war zu dieser Zeit in England und habe meine Schwestern besucht. Als ich nichts ahnend zurück kam, meine Eltern hatten zu dieser Zeit noch keine Wohnung, sie lebten noch im Obdachlosenquartier in Sievering [Teil des 19. Bezirks], die Werkstatt hatten sie aber schon, sagte meine Mutter zu mir, dass ich zum nächsten Treffen der älteren Damen mitkommen solle, denn einige waren in England und ich könne erzählen, wie meine Reise war. Als ich kam, sagte eine der Damen: Grüß Sie Herr Tauber, ich hab gehört, Sie waren in England, darf ich Ihnen meine Nichte vorstellen, die in England den Krieg überlebt hat? Das war die Lilli! Lilli war vollkommen verschüchtert, das ist sonst nicht ihre Art. Ich habe sie zuerst auf Englisch angesprochen, wir haben uns unterhalten und am nächsten Tag sind wir dann im Kursalon allein auf eine Jause gegangen. Am nächsten Wochenende gab es in der Volksoper 'Die lustige Witwe'. Ich habe die Karten besorgt und wir waren in der Volksoper. Eine Woche darauf bin ich zu ihr nach Hirschwang gefahren. Sie hat bei ihrer Tante gewohnt, der jüngsten Schwester ihrer Mutter, die den Krieg überlebt hatte, weil sie mit einem Nichtjuden verheiratet war. Ich bin sehr freundlich aufgenommen worden, und im Juli oder August meinte Lilli aus uns werde nichts oder wann ich gedenke sie zu heiraten. Also, wir haben uns dann offiziell verlobt, und dann wollte Lilli wieder wissen wie es weitergehen soll. Da habe ich ihr gesagt, dass wir noch dieses Jahr heiraten werden. Am 30. Dezember 1953 haben wir dann geheiratet zur großen Freude meiner Familie. Lilli hatte nur noch wenige Verwandte und einen Bruder in Israel, aber kurz bevor sie ihren Bruder wieder sehen konnte, ist er an einem Herzinfarkt gestorben. Ihre Eltern und fast alle Tanten und Onkel, sie hatte vor dem Krieg eine große Familie, waren im Holocaust ermordet worden.

Wir haben geheiratet, hatten aber keine Wohnung. Meine Eltern hatten um eine Gemeindewohnung angesucht und uns mit angemeldet, sonst hätten sie nur eine Einzimmerwohnung bekommen. Zusammen haben wir dann eine Zweizimmerwohnung mit 48 qm bekommen. Ein Jahr nach unserem Einzug in die Wohnung, am 3. Dezember 1954, ist unser Sohn Willi geboren. Daraufhin haben wir auf eine eigene Wohnung angesucht. Das wurde mit der Begründung abgelehnt, dass wir ja eine Wohnung hätten. In dieser Zeit eine Wohnung zu bekommen, war sehr schwierig. Es gab aber einen Trick, das war die Delogierung. Meine Eltern stellten eine Räumungsklage wegen zu enger Wohnverhältnisse und dadurch entstehenden Streitereien. Der Richter gab der Räumungsklage statt, das war reine Formsache. Auflage war, man musste zweimal Einspruch erheben. Dann kam einer vom Wohnungsamt zum Gericht, und der Hauptmieter musste weiter auf der Räumungsklage bestehen. Zweimal wurde dieser formale Akt durchgeführt. Eines Tages kam ein Kommissär vom Wohnungsamt und hat meiner Frau gesagt, sie war allein zu Hause, wir seien delogiert. Die Lilli hat gefragt, was sie mit dem Kind machen soll, da hat er gesagt, dass sie das Kind ruhig dalassen könne, um das könnten sich ja die Schwiegereltern kümmern. 'Aber Sie müssen offiziell die Wohnung verlassen.' Er ist mit ihr bis an die nächste Ecke gegangen und hat gesagt: 'So, damit ist die Delogierung durchgeführt.'

Ich bin dann zum Bezirksrat der Kommunistischen Partei im 19. Bezirk gegangen. Der war mit dem Bezirksvorsteher von der Sozialdemokratischen Partei auf gutem Fuß, und er hat zu ihm gesagt, dass er eine Familie mit einem Kind habe, die eine Wohnung brauche. Das hat sich dann hingezogen. Am 11.August 1957 wurde der Heinzi geboren, und da waren wir dann zu sechst in der kleinen Wohnung. Ich bin dann ständig zum Bezirksvorsteher gegangen. Manche Funktionäre von der SPÖ [Sozialdemokratische Partei Österreichs] haben Wohnungen gehortet. Unter uns wohnte einer, der hatte drei Kinder. Da bekam jedes Einzelne von den Kindern, die verheiratet waren, eine Wohnung.

Ende der 1950er-Jahre ist in Döbling [19. Wiener Gemeindebezirk] viel gebaut worden. Eines Tages bin ich zum Bezirksvorsteher gegangen und habe ihm gesagt, dass, wenn wir nicht bald eine Wohnung bekommen, ich ihm meine zwei Kinder auf den Schreibtisch setzen werde. Wir sind vier Erwachsene und zwei kleine Kinder auf 48 Quadratmetern. Meine Eltern haben die zwei Buben geliebt, und mein Vater hatte zu der Zeit seine Hauschuhproduktion und einen Gassenladen, und oft haben sie auch dort im Geschäft geschlafen. Aber das war kein Zustand! Ich habe zu der Zeit in der Schottenfeldgasse in einer Schuhfabrik gearbeitet. Eines Tages kam ich nach Haus und die Lilli zeigte mir freudestrahlend den Besichtigungsschein für eine Wohnung. Das war 1958, an meinem 38. Geburtstag. Wir waren die ersten Mieter in dem neuen Haus. Der Willi war 2 ½ Jahre alt und ist von einem Zimmer ins andere gelaufen, der konnte es nicht fassen, dass wir plötzlich soviel Platz hatten. Wir waren glücklich! Ich habe jeden Tag einen vollen Rucksack mit Lederabfällen aus der Schuhproduktion meiner Eltern nach Hause geschleppt, und damit haben wir geheizt. Wir hatten auch Koks, aber Koks war teuer.

1956 hatte ich große Schwierigkeiten mit der KPÖ, als ich über den Aufstand in Ungarn [28] gehört habe und was sich da abgespielt hat. Das war ein Wahnsinn! Die Kommunisten haben dann gesagt, dass die NATO schon bereit war, in Ungarn einzumarschieren, und darum mussten die Russen dort einmarschieren. Das war der Standpunkt der KPÖ. Das habe ich dann noch, wie man auf gut wienerisch sagt 'gefressen', aber dann war der Prager Frühling [29], Einmarsch 1968 in die Tschechoslowakei. Da hat die KPÖ erklärt, die Souveränität der Tschechoslowakei wird weiterhin beachtet werden. Das war aber dann überhaupt nicht der Fall. Da habe ich gesagt, jetzt ist Schluss, ich betätige mich nur mehr in der Gewerkschaft! Damit war meine Zugehörigkeit zur Partei so gut wie erledigt.

Zu Kreisky [30] Zeiten war ich schon in Pension. Kreisky ist ein Kapitel für sich. Was sich der erlaubt hat, war am Rande der Geschmacklosigkeit. Seine Eltern sind nach Theresienstadt deportiert worden und im KZ Auschwitz umgekommen. Kreisky hat dann im Jahr 1970 dem ehemaligen Ghetto Theresienstadt abgestattet. Der Peter [31], das war der Vorgänger vom Haider [32] und Abgeordneter im Parlament. Peter war während des Krieges bei einer SS-Truppe war, und dieser Peter hat die Geschmacklosigkeit besessen, mit dem Kreisky zusammen Theresienstadt zu besuchen.

Wie meine Eltern 1949 zurückgekommen sind, war mein Vater schon 58 Jahre alt, und da hat er noch in Meidling [12. Wiener Gemeindebezirk] die Hausschuhproduktion weiter gemacht. Er wollte, dass ich mit ihm arbeite. Wir hatten immer eine sehr enge Beziehung zueinander. Auch wenn ich nicht bei ihm gearbeitet habe, bin ich doch am Abend immer zu ihm gegangen und habe ihm zwei bis drei Sunden geholfen.

Ich habe von 1964 bis 1969 in Azgersdorf, das ist ein Teil des 23. Wiener Gemeindebezirks, bei Salamander gearbeitet. Dort war eine arisierte Fabrik, Eterna hieß sie vor dem Krieg. Nach dem Krieg wurde der Betrieb an die Erben rückgestellt, und die Erben haben die Fabrik an Salamander verkauft. Die österreichische Schuhproduktion ist systematisch von den Deutschen zu Grunde gerichtet worden. Die Deutschen haben die Betriebe aufgekauft, dann wurde eine Weile normal weiter gearbeitet, und schön langsam wurden die Betriebe dann liquidiert. Ende 1969 hat der Betrieb in Azgersdorf zugesperrt. Wenn man fünf Jahre in einem Betrieb gearbeitet hatte, bekam man nach Kollektivertrag vier Tage frei, um sich eine neue Arbeit zu suchen. Zuerst ging ich aufs Arbeitsamt.

In der Mariahilferstrasse gab es den letzten Wiener Gewerbebetrieb, der gehörte einem Juden, Lehrich hieß er. Er hatte 30 Leute beschäftigt und war bankrott. Aber Lehrich hatte einen Bankkredit bekommen. Der Bank gehörte nun das ganze Inventar, und sie suchten dringend Fachleute. Lehrich war alt und krank und sein Sohn führte den Betrieb. In Simmering [11. Wiener Gemeindebezirk] hatten zwei große Betriebe zugesperrt, einer davon arbeitete für die Schweizer Schuhfirma Bally, da waren ungefähr 300 Fachkräfte freigeworden. Lehrich bekam also wieder 30 Fachleute für seinen Betrieb. Ich begann mit der Arbeit und stellte sofort fest, dass es keinen Betriebsrat gab. Ich organisierte eine Betriebsratswahl - den Chef hat der Schlag getroffen. Dann bat ich um sofortige Einsicht in die Lohnliste. Die Bezahlung war aber nicht schlecht. Bis Oktober 1970 hatte der Betrieb Aufträge aus der Sowjetunion. Das waren lammfellgefütterte Schuhe, 3000 - 4000 Paar. Aber das Material, welches verwendet wurde, war schlecht. 10 Prozent der Schuhe kamen zurück, und diese 10 Prozent waren eigentlich der Gewinn. Anfang November ging der Betrieb in Konkurs. Alle Sonderzahlungen, die vereinbart waren, gingen in die Konkursmasse. Wir bekamen nur noch für drei Wochen unseren Lohn. Nun war ich 50 Jahre alt und arbeitslos.

Ich habe mir Zeitungsannoncen angeschaut, aber es war sehr schwer, denn ich war nicht mehr jung. Heute hätte ich überhaupt keine Chance auf eine Arbeitsstelle. Einmal habe ich einen Brief auf die Post gebracht und sah, dass die Post Leute sucht. Der Zustelldienst im Postamt 1190 [19. Wiener Gemeindebezirk] suchte Briefträger. Ich bekam die Stelle.

Mein Grundgehalt war das, was ich in einer Woche bei Lehrich verdient hatte. Der Amtsdirektor dort war ein Idiot. Er hatte wenig Schulbildung und sich bei der Post hochgearbeitet. Er liebte Fremdwörter und ich habe mich immer weggedreht, wenn er etwas gesagt hat, damit er mein Gesicht nicht sieht. Sein Fremdwörtergebrauch war ein Wahnsinn. Im 1. Jahr war ich als 'Springer' eingesetzt. Ich war mal da und mal dort, immer wieder waren in fremden Gegenden, in denen ich mich nicht auskannte - ich habe geglaubt, ich renn davon. Aber dann habe ich meinen Opferausweis [33] bekommen und den habe ich meinem Amtsdirektor gezeigt. Seitdem hatte ich meinen Rayon, das war in Grinzing [Teil des 19. Wiener Gemeindebezirkes]. Damals hat die Post noch Geld zugestellt, zum Beispiel die Pensionen. Für das Geld hatte ich eine Diensttasche, und das durfte mit dem Trinkgeld nicht vermischt werden. Einmal hatte ich 500 Schilling zuviel in meiner Diensttasche, und die habe ich bei der Post abgegeben. Da war ich dann sozusagen 100 Prozent vertrauenswürdig.

Ich hatte unter anderem der Witwe vom Helmer die monatliche Pension zu bringen. Das war eine Ironie der Geschichte! Frau Helmer bezog zwei oder drei Pensionen und bat mich immer in ihre Wohnung. Wir unterhielten uns, dann bekam ich von ihr jedes Mal das Kleingeld und 1000 Schilling dazu. Und das über sechs Jahre, und sie war nicht die einzige, die so spendabel war. Zum Beispiel bekam ich vom ehemaligen Vizedirektor der Nationalbank, wenn ich samstags die Post brachte, jedes Mal 100 Schilling. Zehn Jahre habe ich als Briefträger gearbeitet, dann ging ich in Pension.

Mein Vater ist mit 69 Jahren in Pension gegangen. Er starb 1967 in Wien, meine Mutter am 1. Juni 1971.

Der Willi, unser älterer Sohn, ist Sozialarbeiter und Psychotherapeut. Er arbeitet vormittags bei der Caritas [34], nachmittags bei der ESRA [35] und hat dort eine Privatpraxis als Psychotherapeut. Der Heinzi machte die HTL [Höhere Technische Lehranstalt] mit Abschluss und besuchte danach die Sozialakademie. Er arbeitet jetzt bei der ARGE, der Arbeitsgemeinschaft für Nichtsesshafte. Die machen Räumungen, alles Mögliche, und beschäftigen Leute, die im normalen Arbeitsprozess keine Arbeit mehr finden. Meine beiden Söhne identifizieren sich zwar als Juden, halten aber keine Feiertage. Unsere Kinder sind mit den Geschichten über unsere Familien, über den Holocaust, mit unseren jüdischen Verwandten, die überlebt hatten und mit ihren jüdischen Großeltern aufgewachsen. Meine Eltern waren großartige Großeltern für unsere Kinder. Sie denken auch heute noch an sie. Mein Vater hatte seine Wurzeln nie ganz vergessen, er ist sogar mit unseren Kindern manchmal in den Tempel gegangen. Unsere Kinder haben ja diesen aggressiven Antisemitismus, den ich in meiner Kindheit erlebt habe, nicht erleben müssen. Die Leute halten sich zurück, zum Glück, und sind im Großen und Ganzen sehr reserviert. In meiner Kindheit waren es die Nazis - und die Christen waren auch nicht zimperlich. Saujuden habe ich oft gehört. Das war der Alltag. Man hat gewusst, es gibt Leute, die sind aggressive Antisemiten.

1981 war ich das erste Mal mit Lilli, unserem Sohn Heinzi und seiner damaligen Freundin wieder in Israel. Wir haben in Tel Aviv die erste Nacht in einem 5 Sterne Hotel übernachtet. Den nächsten Tag sind wir nach Haifa gefahren und in Haifa hatten wir auch ein schönes Hotel, oben am Karmel, mit einem herrlichen Blick auf die ganze Stadt. Den dritten Tag waren wir in Tiberias, dann sind wir von Tiberias das Jordan Tal hinunter und hinauf nach Jerusalem. Erstens einmal war ich erstaunt über die Autobahn vom Toten Meer hinauf nach Jerusalem. Kurz vor Jerusalem ist ein kleiner arabischer Ort, da hatte man einen guten Blick auf die Universität. Ich habe gedacht: Das gibt es doch nicht! Da war damals das kleine Gebäude mit der Bibliothek und jetzt war das ein riesengroßer Campus. Unser Reiseleiter, ein orthodoxer Jude, war hellauf begeistert, weil ich noch so gut hebräisch gesprochen habe. In Jerusalem haben wir uns selbständig gemacht, denn da habe ich mich ja ausgekannt. Ich habe meiner Familie unser Haus gezeigt, habe aber keinen von meinen alten Bekannten getroffen. 13 Jahre habe ich in Jerusalem gelebt, ich habe ich meine ganze Jugend dort verbracht, das waren habe. Das waren schon Heimatgefühle, die ich dort empfunden habe.

Malwine, die Halbschwester meines Vaters und ihre ganze Familie in der Slowakei ist ausgerottet worden, da ist niemand übrig geblieben, niemand! Heute kann man in Trenčín, dem Ort wo sie gelebt haben, überhaupt nichts erfahren. Im Haus, das ihnen gehörte, ist heute ein Autoreifenhändler. Vor kurzem erst waren wir dort, denn ich suche krampfhaft das Grab meiner Großmutter, die im Oktober 1934 gestorben ist. In Trenčín leben jetzt sieben Juden, und wir haben einen mit seinem Sohn gefunden, der hatte den Schlüssel zum Friedhof. Der Friedhof wird seit 1939 nicht mehr benutzt. Ganz wild verwachsen war alles und außerdem liegt er auf einem Hügel, in einem Halbkreis. Ich weiß nicht genau wie viele, aber einhundert Gräber habe ich mir angesehen. Ich möchte demnächst nach Bratislava zur Kultusgemeinde, die müssten einen Plan haben von dem Friedhof. Das ist noch etwas, was ich unbedingt machen möchte.

Glossar

[1] Schabbesgoite: Christliche Aushilfsdienerin für den Schabbat, wenn es den orthodoxen Juden verboten ist, zu arbeiten. Der siebente Wochentag, der von Gott geheiligt ist, erinnert an das Ruhen Gottes am siebenten Tag der Schöpfungswoche. Am Schabbat ist jegliche Arbeit verboten.

[2] Theresienstadt [Terezin] : Ende des 18. Jahrhunderts gegründete Garnisonsstadt in der heutigen Tschechischen Republik, die während der Zeit des Nationalsozialismus zum Ghetto umfunktioniert wurde. In Theresienstadt waren 140.000 Juden interniert, die meisten aus dem Protektorat Böhmen und Mähren, aber auch aus Mittel- und Westeuropa. Nur etwa 19,000 der Menschen, die in Theresienstadt waren, überlebten.

[3] Patria [Schiff]: Jüdische Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Polen, hatten bereits eine Odyssee hinter sich, als sie im Spätherbst 1940 den Hafen von Haifa erreichten. Nach wochenlanger Fahrt durch das Schwarze Meer und den Bosporus, erreichten drei Schiffe im Spätherbst 1940 nacheinander den Hafen von Haifa. Als am 24. November die 'Atlantik' als letztes der drei Schiffe ankam, befanden sich die Passagiere der 'Pazifik' und der 'Milos' bereits auf der 'Patria'. "Unter Quarantäne", wie man sagte. Sehr bald stellte sich jedoch heraus, dass die Briten die unwillkommenen Ankömmlinge nach Mauritius im Indischen Ozean deportieren wollten. Um die Verschleppung ihrer Kameraden zu verhindern, schmuggelte die jüdische Widerstandsgruppe Haganah Sprengstoff an Bord der 'Patria'. Das Schiff sollte seeuntüchtig gemacht werden. Am 25. November 1940 morgens gegen neun Uhr erschütterte eine gewaltige Explosion den Hafen von Haifa. Die Haganah hatte die Menge des Sprengstoffs falsch berechnet. Bei der Explosion, die die 'Patria' in die Luft jagte, und dem anschließenden Schiffbruch, verloren cirka 270 Menschen ihr Leben.

[4] Maly Trostinec: Konzentrationslager in der Nähe von Minsk. In Maly Trostinec wurden Zehntausende Juden aus Weißrußland und anderen europäischen Ländern umgebracht. Von 9.000 Juden aus Österreich, die zwischen Mai und Oktober 1942 nach Maly Trostinec gebracht wurden, überlebten 17.

[5] Schabbat [hebr.: Ruhepause]: der siebente Wochentag, der von Gott geheiligt ist, erinnert an das Ruhen Gottes am siebenten Tag der Schöpfungswoche. Am Schabbat ist jegliche Arbeit verboten. Er soll dem Gottesfürchtigen dazu dienen, Zeit mit Gott zu verbringen. Der Schabbat beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend.

[6] Bar Mitzwa: [od. Bar Mizwa; aramäisch: Sohn des Gebots], ist die Bezeichnung einerseits für den religionsmündigen jüdischen Jugendlichen, andererseits für den Tag, an dem er diese Religionsmündigkeit erwirbt, und die oft damit verbundene Feier. Bei diesem Ritus wird der Junge in die Gemeinde aufgenommen.

[7] Tallit: ritueller 'Gebetsmantel', wird von erwachsenen Juden (ab 13) beim Beten getragen.

[8] Tefillin: lederne 'Gebetskapseln', die im jüdischen Gebet an der Stirn und am linken Arm getragen werden und Texte aus der Torah enthalten.

[9] Bürgerkrieg in Österreich [Februarkämpfe 1934]: Die Gegensätze zwischen den Sozialdemokraten und den Christlichsozialen bzw. der Regierung führten im Februar 1934 zum Bürgerkrieg in Österreich. Die Februarkämpfe brachen in Linz aus und breiteten sich nach Wien aus. Der unorganisierte Aufstand forderte mehr als 300 Tote und 700 Verwundete [auf beiden Seiten]. Außerdem führte er zum Verbot der Sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften sowie die Ausrufung 1934 des Ständestaats.

[10] Isonzoschlachten: Darunter versteht man 12 blutige Auseinandersetzungen zwischen 1915 und 1917 während des an der Südostfront zwischen Italien und Österreich-Ungarn. Benannt wurden sie nach dem Fluss Isonzo, um dessen Tal sich die Fronten zogen. Das Gebiet liegt größtenteils im heutigen Slowenien. Sie waren Teil des Gebirgskrieges 1915-1918 [Quelle WIKIPEDIA, Internet].

[11] Jom Kippur: der jüdische Versöhnungstag, der wichtigste Festtag im Judentum. Im Mittelpunkt stehen Reue und Versöhnung. Essen, Trinken, Baden, Körperpflege, das Tragen von Leder und sexuelle Beziehungen sind an diesem Tag verboten.

[12] Kaddisch [hebr.: kadosch = heilig]: Jüdisches Gebet zur Lobpreisung Gottes. Das Kaddisch wird auch zum Totengedenken gesprochen.

[13] Koscher: nach jüdischen Speisevorschriften rituell; rein

[14] Popper, Karl Raimund [1902 - 1994] wurde in Wien geboren. Er war Philosoph und Begründer des Kritischen Rationalismus.

[15] Hitlerjugend: Die Hitlerjugend (HJ) wurde 1926 auf dem 2. Reichsparteitag der NSDAP als nationalsozialistische Jugendbewegung gegründet. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wandelte sich die HJ durch das Verbot sämtlicher konkurrierender Jugendverbände von einer Parteijugend zur Staatsjugend. Ab 1939 war die Mitgliedschaft Pflicht.

[16] Hakoah [hebr.: Kraft]: 1909 in Wien gegründeter jüdischer Sportverein. Bekannt wurde vor allem die Fußballmannschaft [1925 österreichischer Meister]; der Verein brachte auch Ringer, Schwimmer und Wasserballer hervor, die internationale und olympische Titel errangen. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 an das Deutsche Reich wurden die Spielstätten beschlagnahmt und der Verein 1941 verboten.

[17] Torah [hebr: Lehre, Gesetz]: Teil des Tanach [Altes Testament]. Die Torah besteht aus den fünf Büchern Mose [Pentateuch]. Mit 'Torah' wird oft die Torahrolle gemeint. Dies ist eine große Rolle aus Pergament, auf der die fünf Bücher Mose in Hebräisch von Hand aufgeschrieben sind. Torahrollen werden in der Synagoge aufbewahrt.

[18] Bürgerkrieg in Österreich [Februarkämpfe 1934]: Die Gegensätze zwischen den Sozialdemokraten und den Christlichsozialen bzw. der Regierung führten im Februar 1934 zum Bürgerkrieg in Österreich. Die Februarkämpfe brachen in Linz aus und breiteten sich nach Wien aus. Der unorganisierte Aufstand forderte mehr als 300 Tote und 700 Verwundete [auf beiden Seiten]. Außerdem führte er zum Verbot der Sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften sowie die Ausrufung 1934 des Ständestaats.

[19] Dollfuß, Engelbert [1892-1934]: Österreichischer Christlich-Sozialer Politiker, 1932-1934 Bundeskanzler, schaltete im März 1933 das Parlament aus. 1933 verbot er die NSDAP, die Kommunistische Partei und den Republikanischen Schutzbund, 1934 - nach den Februarkämpfen - auch die Sozialdemokratische Partei. Er regierte mit Notverordnungen und führte Standrecht und die Todesstrafe ein. 1934 schuf er den autoritären Ständestaat, der sich auf die Kirche, die Heimwehr und die Bauern stützte. Am 25. Juli 1934 wurde Dollfuß während eines nationalsozialistischen Putschversuches ermordet.

[20] Vaterländische Front: Wurde am 20. Mai 1933 von Dollfuß als 'überparteiliche' politische Organisation aller 'vaterlandstreuen' Österreicher gegründet. Ziel war die Errichtung eines 'sozialen, christlichen, deutschen Staates Österreich auf ständischer Grundlage und starker autoritärer Führung'.

[21] Republikanischer Schutzbund: 1923/24 gebildete paramilitärische Organisation; sollte für die Sozialdemokraten ein Ersatz für das von den Christlich-sozialen beherrschte Bundesheer sein und war später das Pendant zur christlich-sozialen Heimwehr; wurde 1933 von der Regierung Dollfuß aufgelöst, blieb aber illegal bestehen. Nach der Niederlage im Bürgerkrieg wurden viele Mitglieder verhaftet, einige flüchteten in die ?SR und in die Sowjetunion, wo unter Stalin viele umkamen, manche kämpften im Spanischen Bürgerkrieg in den Internationalen Brigaden

[22] Das Palästinaamt in Wien in der Marc-Aurel-Straße war für die Auswanderung nach Palästina zuständig.

[23] Kapitalistenzertifikat: Um nach Palästina legal einreisen zu dürfen, musste man eine hohe Summe an Geld den Engländern vorweisen können, dann bekam man ein Kapitalistenzertifikat oder man erlernte einen landwirtschaftlichen Beruf, dann bekam man das Arbeitszertifikat.

[24] Winter, Ernst Karl [1895 bis 1959] Christlichsozialer Politiker und Soziologe. Berühmt wurde er durch seinen Versuch, in der Zeit zwischen 1927 und 1939 eine Versöhnung zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten zur Abwehr des Nationalsozialismus einzuleiten [Quelle: Wikipedia, Internet].

[25] Keren Kajemet [Keren Kayemet]: Der Jüdische Nationalfonds (JNF) wurde 1901 gegründet, um Land für jüdische Landwirtschaftssiedlungen zu erwerben und Erschließungs-, Urbarmachungs- und Aufforstungsprojekte in Palästina durchzuführen

[26] Kindertransport: Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs rief die britische Regierung eine Rettungsaktion ins Leben, um Kinder vor dem Nazi- Terror zu bewahren. Zehntausend größtenteils jüdische Kinder aus deutsch besetzten Gebieten wurden nach Großbritannien gebracht und von britischen Pflegeeltern aufgenommen.

[27] Helmer, Oskar [1887 bis 1963] Sozialdemokratischer Politiker, Schriftsteller und Journalist, war führender von 1945 bis 1959 Innenminister und Abgeordneter zum österreichischen Nationalrat. Helmer war maßgeblich an der Verschleppung der Entschädigungszahlungen für die Opfer des Nationalsozialismus in Österreich beteiligt. Während seiner Zeit als Innenministers setzte er sich zudem wiederholt für vorzeitige Begnadigungen von verurteilten Nationalsozialisten ein. Berühmt ist seine Bemerkung [Protokoll der 132. Ministerratssitzung vom 9. November 1948] zur Restitution des während der Zeit des Nationalsozialismus geraubten jüdischen Eigentums: "Ich wäre dafür, dass man die Sache in die Länge zieht."

[28] Ungarischer Volksaufstand: Die Ungarn versuchten im Oktober 1956 sich von der sowjetischen Unterdrückung zu befreien. Er begann am 23. Oktober 1956 mit einer Großdemonstration in Budapest und endete am 4. November 1956 durch den Einmarsch der Roten Armee.

[29] Prager Frühling: Bezeichnung für die Bemühungen der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei unter Alexander Dubcek im Frühjahr 1968, ein Liberalisierungs- und Demokratisierungsprogramm durchzusetzen und einen 'Sozialismus mit menschlichem Antlitz' zu schaffen. Der 'Prager Frühling' endete am 9. August mit dem Einmarsch der Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten.

[30] Kreisky, Bruno [1911-1990]: Österreichischer sozialdemokratischer Politiker, Bundeskanzler der Republik Österreich von 1970-1983. Stammt aus einer jüdischen Familie, wurde zu einem der bekanntesten und bedeutendsten Politiker Österreichs und der Sozialdemokratie. Unter Kreiskys Kanzlerschaft wurden das Sozial- und das Rechtssystem sowie das Hochschulwesen grundlegend reformiert. Außenpolitisch geschätzt; startete er einige Initiativen im Nahostkonflikt. Kreisky versuchte zwischen Israel und den arabischen Staaten zu vermitteln, wurde aber von vielen Juden und Israelis als 'Verräter' betrachtet, weil er die zionistische Lösung für das 'jüdische Problem' ablehnte, freundliche Beziehungen zu arabischen Staatsführern unterhielt und Österreich 1980 diplomatische Beziehungen mit der PLO aufnahm.

[31] Peter, Friedrich [1921 - 2005], österreichischer Politiker war von 1958 bis 1978 Parteiobmann der FPÖ. Ab November 1938 war Peter Mitglied der NSDAP und meldete sich im Alter von knapp 17 Jahren freiwillig zur Waffen- SS. Im Zweiten Weltkrieg war er auch an der Ostfront, zuletzt als Obersturmführer beim Infanterie-Regiment 10 der 1. SS-Infanteriebrigade. Diese Einheit war im Sommer 1941 Teil der Einsatzgruppen, hunderttausende Juden erschossen. Obwohl seine Einheit fast ausschließlich in solche Aktionen involviert war, leugnete Peter nach dem Kriege. 1970 kam es zu einer SPÖ/FPÖ Koalition unter Kreisky, der die FPÖ in die Regierung geholt hatte. Simon Wiesenthal, zu diesem Zeitpunkt Leiter des jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, veröffentlichte nach der Nationalratswahl 1975 einen Bericht über die Nazivergangenheit des damaligen FPÖ-Chefs Friedrich Peter. Bundeskanzler Kreisky, als Jude Verfolgter des Nazi- Regimes, verteidigte jedoch Friedrich Peter und beschuldigte Simon Wiesenthal, mit "Mafiamethoden" zu arbeiten, und unterstellte ihm sinngemäß Kollaboration mit der Gestapo.

[32] Haider, Jörg [geb.1950]: österreichischer Politiker der BZÖ, einer Abspaltung der rechtsextremen FPÖ; 1979 Abgeordneter der FPÖ im Nationalrat; 1986 Parteivorsitzender. 1989 - 1991 sowie 2004 bis heute Landeshauptmann von Kärnten. Haider hat wiederholt fremdenfeindliche, rassistische, antisemitische und das NS-Regime verharmlosende Aussagen getätigt. Im Jahr 2000 war Haider an der Bildung einer Koalitionsregierung zwischen ÖVP und FPÖ maßgeblich beteiligt, was international zu Protesten bis hin zu diplomatischen Sanktionen durch die EU führte.

[33] Opferausweis: Als Opfer im Sinne des Opferfürsorgegesetzes 1947 gelten Personen, die in der Zeit zwischen 6. März 1933 und 9. Mai 1945 in Folge ihres Kampfes um ein freies, demokratisches Österreich oder aus politischen Gründen, aus Gründen der Abstammung, Religion, Nationalität oder auf Grund einer Behinderung verfolgt wurden und dabei bestimmte Schädigungen erlitten haben [Quelle: Wien AT, Webservice der Stadt Wien]

[34] Caritas: Römisch-Katholische Hilfsorganisation

[35] ESRA: 1994 gegründet, bemüht sich das psychosoziale Zentrum ESRA um die medizinische, therapeutische und sozialarbeiterische Versorgung von Opfern der Shoah und deren Angehörigen sowie um die Beratung und Betreuung von in Wien lebenden Juden; weiters bietet ESRA Integrationshilfen für jüdische Zuwanderer.

 

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Max Tauber
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
Juli
Jahr des Interviews:
2003
Wien, Austria

HAUPTPERSON

Max Tauber
Jüdischer Name:
Elieser
Geburtsjahr:
1920
Geburtsort:
Wien
Geburtsland:
Österreich
Todesjahr:
2014
Todesort:
Wien
Sterbeort (Land):
Österreich
Gestorben:
after WW II
Beruf
Vor dem 2. Weltkrieg:
Schuhmacher
nach dem 2. Weltkrieg:
Postbeamter

AUDIO - INTERVIEW

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