Louise Eva Papo

Wien, Österreich

Louise Eva Papo
Wien
Österreich
Datum des Interviews: Oktober 2001
Interviewer: Sandra Slomovits

Louise Eva Papo starb am 1. November 2002, ein Jahr nachdem sie interviewt wurde, in Wien.

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Mein Ehemann
Während des Krieges
Von England nach Afrika
Rückkehr nach Europa
Glossar

Meine Familiengeschichte

Geboren bin ich in Wien, knapp nach Beginn des 1. Weltkrieges, am 8. November 1914. Das bedeutet, dass ich jetzt fast 87 Jahre alt bin. Mein Vater hieß Dr. Hugo Fleischer. Er wurde am 6. Januar 1889 in Olmütz geboren. Die Stadt Olmütz heißt auf Tschechisch Olomouc und liegt in Mähren, im heutigen Tschechien. Olmütz war damals hauptsächlich durch die Olmützer Quargeln bekannt. Olmützer Quargeln sind ein ziemlich stark riechender Käse.

Mein Vater hatte einen Buckel. Er wurde als Kind fallen gelassen und hat eine Rückratverletzung davon getragen, die man damals noch nicht reparieren konnte. Mein Vater war schlank und wäre groß gewesen, aber durch den Buckel war er nicht groß. Wegen des Buckels wurde er auch im 1. Weltkrieg nicht eingezogen.

Meine Großeltern hießen Sigmund und Anna Fleischer, sie war eine geborene Bruckmann. Der Großvater wurde 1862 geboren, die Großmutter 1863. Der Großvater war Kommerzialrat und leitender Direktor einer Spiritusfabrik in Olmütz und einer Schokoladenfabrik in Liebau [tschechisch: Mesto Libava]. Ich habe mit meinen Eltern in Wien gewohnt, aber wir haben die Großeltern öfter besucht. Beide starben 1932 in Olmütz, die Großmutter im August, der Großvater im Dezember.

Mein Vater hat ein Gymnasium besucht und die Matura gemacht. Dann kam er zum Studieren nach Wien. Er hatte ein Doktorat in Philosophie, Musik und Deutsch der Wiener Universität. Er arbeitete als Prokurist in einem Büro in Wien. Mehr weiß ich nicht, denn über Geschäftliches wurde zu Hause nicht gesprochen.

Meine Mutter Flora ist am 6. Dezember 1888 in Wien geboren. Ihre Mutter, Esther Kunz, starb 1889 an Kindbettfieber. Der Großvater, Albert Kunz, war Tierpräparator, er hat Tiere ausgestopft. Genaueres weiß ich nicht. Nach dem Tod meiner Großmutter hat er wieder geheiratet. Seine zweite Frau hieß Emma, mit ihr hatte er noch vier Kinder, also Halbgeschwister meiner Mutter. Die Halbgeschwister kannte ich sehr gut, und ich hatte sie auch sehr gern, aber leider erinnere ich mich nicht an alle Namen. Der jüngste hieß Heini. Dann gab es die Tante Hedwig - Hedi genannt - die später in England lebte. Sie ist im Jahr 1904 geboren und war mit einem Engländer namens Searle verheiratet. Den habe ich auch noch gekannt. Ich glaube, sie hatte ein Kind, das aber früh gestorben ist. Der jüngste Bruder hatte eine jüdische Emigrantin geheiratet. Sie sind gemeinsam nach Amerika ausgewandert. Eine Halbschwester meiner Mutter ist nur zehn Jahre älter als ich. Das letzte Mal habe ich sie zu ihrem 90. Geburtstag gesehen - sie lebt in England. Es gibt noch einen Onkel, der nach Amerika geflüchtet ist. Aber von dem habe ich schon ewig nichts gehört. Dem hab ich im Namen seines älteren Bruders, der in Wien war und der nicht mehr selber schreiben konnte, einen Brief geschrieben. Die Stiefmutter meiner Mutter hab ich nicht gut gekannt. Sie lebte als alte Dame im jüdischen Altersheim in der Seegasse und wurde 1942 nach Theresienstadt [heute: Tschechien] deportiert, wo sie dann gestorben ist.

Mit 15 Jahren hat meine Mutter zu arbeiten begonnen. Da sie sehr wissbegierig war, ging sie nach der Arbeit in die Volkshochschule, und hat dort Englisch und Französisch gelernt. Sie wurde Fremdsprachenkorrespondentin und hat jahrelang, bis in die 1920er-Jahre bei einer Bank gearbeitet. In der Wirtschaftskrise sind die Banken zusammengebrochen und sie hat ihre Arbeit verloren. Bis meine Eltern vor dem Holocaust nach Prag geflüchtet sind, hat meine Mutter für ‚Lloyds agents’, eine große englische Versicherung in Wien, gearbeitet. In Prag konnte sie nicht mehr arbeiten, da sie nicht genug tschechisch konnte.

Meine Kindheit

Ich bin im 2. Bezirk, in der Fugbachgasse, geboren. Ich heiße Louise Eva. Ich glaube nicht, dass ich einen jüdischen Namen habe, aber Eva ist sowieso ein jüdischer Name, denn Eva ist auf Hebräisch Chava. Meine Volksschule war in einer kleinen Seitengasse der Heinestraße, der Holzhausergasse. Das war keine jüdische, sondern eine ganz gewöhnliche Volksschule. Als ich sechs Jahre alt war und gerade in die Schule ging, haben wir im Unterricht über Affen gesprochen, und da hieß es: ‘Der Affe hat eine fliehende Stirn und einen vorstehenden Unterkiefer.’ Und da ich doch den falschen Biss habe, hat ein Kind in der Klasse gesagt: ‘So wie die Louise!’ Und ich habe mir jahrelang eingeredet, dass ich schrecklich hässlich bin und dass ist aussehe wie ein Affe, und ich habe mich deshalb nie von der Seite fotografieren lassen.

In der Holzhausergasse gab es auch eine tschechische Schule für Kinder von tschechischen Eltern, die ihre Kinder auf Tschechisch unterrichten ließen. Meine Eltern hatten im Jahre 1919 für die Tschechoslowakei optiert, aber ich bin in eine deutschsprachige Schule gegangen. Als ich in die 2. Volksschulklasse ging, sind wir in die Obere Donaustraße übersiedelt. Daher bin ich dann noch zweieinhalb Jahre in die Volksschule in die Kleine Sperl Gasse gegangen. Ich war immer eine sehr gute Schülerin. Ich hätte wahrscheinlich schon nach der 4. Klasse ins Gymnasium gehen können, aber meine Eltern haben gemeint, ich sei ein zartes und nervöses Kind, und es wäre besser für mich, noch ein Jahr in der Volksschule zu bleiben. Meine Mutter begann bereits mit mir Englisch zu lernen, als ich neun Jahre alt war. Als ich mit zehn Jahren ins Gymnasium kam und wir Französischunterricht bekamen, habe ich die beiden Sprachen durcheinander gebracht. Da wurde mit dem Englisch aufgehört. Als ich dann in der 4. Klasse Gymnasium war, hat der Englischunterricht in der Schule begonnen, und da habe ich wieder mit der Mutti Englisch gelernt. Später, auf der Universität, habe ich auch wieder Englisch gelernt. Leider konnte ich mein Studium nicht mehr abschließen, weil die Juden dann nicht mehr zugelassen waren.

Meine erste, und für viele Jahre einzige antisemitische Erfahrung, hatte ich ganz knapp nach Schulbeginn, in der 1. Klasse. In dem Haus, in dem wir wohnten, wohnte auch ein christliches Mädchen, das in meine Klasse ging. Meistens sind wir nach der Schule gemeinsam nach Hause gegangen. Eines Tages sagte sie zu mir, wir waren gerade vor unserem Haus angekommen: ‚Du hast den Jesus umgebracht!’ Da habe ich gesagt:
‚Nein, ich habe niemanden umgebracht!’
‚Doch, du hast den Jesus umgebracht!’ Ich wusste natürlich nicht, wer Jesus ist, aber dass ich niemanden umgebracht hatte, das wusste ich. Da haben wir zu streiten begonnen, wir haben uns sogar geprügelt. Ich habe sie gebissen, und daraufhin von meinen Eltern eine Strafe bekommen, weil man natürlich niemanden beißen darf: es gehört sich nicht. Aber das war das einzige Erlebnis dieser Art, den Rest meiner Schulzeit habe ich von Religion oder Antisemitismus nichts gespürt. Das blieb so, bis der Hitler 1933 in Deutschland populär wurde. Da erinnere ich mich an ein Mädchen in der Klasse, das eine begeisterte Nazi war. Aber Juden und Religion waren einfach kein Thema!

Meine Eltern waren nicht religiös, sie waren völlig assimiliert und haben keine Feiertage gehalten. Über Religion wurde nie gesprochen. Aber da Religion damals ein Pflichtfach in der Schule war, bin ich natürlich in den jüdischen Religionsunterricht gegangen. In der Volksschule in der Holzhausergasse waren die jüdischen Kinder in der Minorität, in der Kleinen Sperlgasse waren wir in der Majorität.

Als ich fast 15 Jahre alt war, habe ich mich mit einem Mädchen in der Schule angefreundet, deren Eltern orthodoxe polnische Juden waren. Sie hat mich am Jom Kippur [1] in den Tempel mitgenommen. Am Vortag hat sie zu mir gesagt: ‚Morgen früh darfst du nicht essen, du kommst zu mir, und wir verbringen den Tag miteinander.’ Ihre Eltern waren sehr fromm, und der Vater hat natürlich einem Mädchen oder einer Frau nicht die Hand gegeben, die Mutter hat einen Scheitl, eine Perücke, getragen. Sie besuchten den Tempel in der Glockengasse Nummer 4, denn die städtischen Tempel waren dem Vater meiner Freundin nicht fromm genug. Im Vorderen Teil des Hauses haben sie gewohnt, und der Tempel war im hinteren Teil des Hauses. Als ich verlobt war und meinem Zukünftigen versprochen hatte, einen koscheren Haushalt zu führen, bin ich zur Frau Schreiber, der Mutter meiner Freundin gegangen. Sie hat mir erklärt, was man in einem koscheren Haushalt [2] wissen muss und mir alle ganzen Regeln beigebracht.

Ich war schrecklich ehrgeizig und von der ersten Volksschulklasse bis zur Matura immer Vorzugsschülerin. Ich hab ein einziges Mal in der Zwischenzeit einen ‚Dreier’ gehabt, und der war nicht hundertprozentig meine Schuld, denn da hatten wir einen schlechten Lehrer. Nebbich! Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Er war ein jüdischer Lehrer, und er kam in der 4. Klasse zu uns. Der Mann hat mit einem jiddischen Akzent gesprochen. Er kam in die Klasse und, anstatt zu warten bis er an seinem Katheder ist, um sich vorzustellen, sagte er: ‚Sagen Sie mir das Futur von acquérir.’ Der war wirklich kein guter Lehrer!

Ich war bestimmt kein leichtes Kind. Ich habe sehr viel gebrüllt. Grundlos! Einmal war ich in meinem Zimmer, und zwischen meinem Bett und dem Kasten war ein Zwischenraum, und in dem Zwischenraum bin ich gestanden und habe gebrüllt. Die Nachbarn kamen angelaufen: ‚Was tun Sie mit dem armen Kind an’, haben sie gefragt. So sehr hatte ich gebrüllt. Meine Eltern haben dann die Nachbarn hereingelassen und gesagt: ‚Bitte kommen Sie und schauen Sie, was wir dem armen Kind antun!’ Und da stand dieses ‚arme Kind’ mutterseelenallein zwischen dem Bett und dem Schrank und hat gebrüllt. Niemand hatte mich angerührt, niemand hatte mir etwas getan - ich habe gebrüllt. Ich weiß selber nicht warum.
Ich war auch frech, ungezogen und unpünktlich. Meine Eltern haben sich sehr über meine Unpünktlichkeit geärgert. Beide haben gearbeitet, deswegen hat mich Tante Mathilde aufgezogen; sie war eine Freundin von meinem Großvater. Als sie gestorben ist, bin ich am Nachmittag in einen Hort gegangen. Da konnte man seine Aufgaben machen und wurde beaufsichtigt. Am Kai war damals noch kein Park - jetzt sind beide Seiten vom Donaukanal ja begrünt. Damals war das nicht so. Dort, wo die Obere Donaustraße die Biegung macht, wenn man aus der Stadt hinausgeht, war ein Steinablageplatz. Da lagen Pflastersteine, quadratisch und ziemlich groß - es gab lange, es gab kurze, die dort gestapelt waren. Das war natürlich ein herrlicher Spielplatz für mich, aber die Mutti hat sich immer sehr gesorgt, es könne einmal ein Stein umfallen, mir auf den Kopf oder auf die Füß', und mich verletzen. Sie hat sich immer Sorgen gemacht, denn ich bin immer zu spät nach Hause gekommen, wenn ich dort gespielt hab. Deshalb habe ich eine Uhr geschenkt bekommen, aber trotz der Uhr bin ich immer zu spät gekommen. Da habe ich dann gesagt: ‚Die Uhr ist stehen geblieben!’ Ich habe sie einfach zurückgestellt und dann gelogen. Also ich war wirklich kein leichtes Kind.

Ich erinnere mich noch an die Umstellung von der Krone zum Schilling. Ich erinnere mich genau daran, wie die Tante jedes Mal gesagt hat: ‚Wo soll denn das hinführen, jeden Tag wird alles teurer!’ Das hat mir damals natürlich im reifen Alter von vier Jahren nicht viel gesagt, aber ich hab’s mir gemerkt. Als ich groß genug war, um hinunter zu gehen zum Greißler, bekam ich Geld, und ich habe schon ein halbes Brot geholt. Dann, im Jahr 1924, kam die Umstellung. Ich bin dann vor den Geschäften gestanden und war total verwirrt, weil die ganzen Nuller weg waren. Aus zehntausend Kronen war ein Schilling geworden.

Mein Gymnasium war Ecke Hollandstrasse, Hammer Purgstallgasse. Heute ist dort das Collegium Hungaricum. Das Haus wurde wahrscheinlich während des Kriegs zerbombt und nach dem Krieg wurden neue Häuser gebaut. In der 4. Klasse, das war 1928, wurde in unserem Gymnasium der ‚Bund Sozialistischer Mittelschüler’ gegründet. Meine damals beste Freundin ist eingetreten, und ich wollte auch eintreten. Aber meine Eltern haben gesagt: ‚Du bist zu jung, um politisiert zu werden. Wenn du erwachsen bist, 18 oder 19 Jahre alt, kannst du dich entscheiden. Vorläufig kommt eine Mitgliedschaft in irgendwelchen Parteien nicht in Frage!’ Zwei Jahre später wurde in unserem Gymnasium der ‚Bund Zionistischer Schüler’ gegründet. Ich wurde wieder aufgefordert beizutreten, und meine Eltern haben wieder gesagt: ‚Nein, das ist ein nationalistischer Verein, und du musst warten, bis du erwachsen bist und du weißt, für welche Politik du dich entscheiden willst. Vorläufig bist du zu jung!’ Dabei ist es geblieben, und ich bin zu der Zeit keiner Partei beigetreten. 

Ich habe gern und viel gelesen. Alle Bücher - mein Vater hatte eine große Bibliothek, die er nie hergeliehen hat - die Bücher waren in einem versperrten Kasten. Wenn Besuch kam und sie haben über ein Buch gesprochen, haben die Leute oft gefragt, ob er ihnen das Buch leihen will. Mein Vater hat immer nein gesagt. Er hat nie ein Buch verliehen. Aber ich durfte mir aus dem Schrank immer Bücher ausborgen. Immer nur ein Buch, und wenn ich das ausgelesen hatte, dann habe ich es zurückgegeben, und dann hat mein Vater mich erst einmal ausgefragt, was ich mir davon gemerkt hatte. Erst danach bekam ich das nächste Buch. Ich erinnere mich zum Beispiel - ich weiß nicht genau, wie alt ich war - da haben meine Eltern über ein Buch gesprochen, das sie interessiert hat. Das war ein Buch von Egon Erwin Kisch [3] - einem sehr bekannten Reporter damals. Das Buch handelte von China, und meine Eltern haben sich darüber unterhalten. Ich habe gesagt, dass ich das Buch lesen möchte. Aber meine Eltern sagten: ‚Dazu bist du noch zu jung, das verstehst du nicht.’ Ich habe sie sekkiert, und ich hab’s bekommen. Ich weiß nicht, wie viele Seiten ich gelesen habe, aber ich hab’s meinen Eltern zurückgegeben und gesagt: ‚Ihr habt recht, es ist zu hoch für mich!’ Jedenfalls war ich mit Büchern ausgezeichnet versorgt. Auch heute lese ich noch viel: Romane, geschichtliche Bücher und Autobiografien.

Wir hatten auch einen Flügel. Der Flügel war ursprünglich ein Hochzeitsgeschenk von meiner mütterlichen Großmutter an ihren Mann. Die Hochzeit meiner Großeltern war schon sehr lange her. Papi ist Anfang 1889 geboren, daher denke ich, haben die Großeltern 1887 geheiratet. Als die Großeltern gestorben waren, kam der Flügel nach Wien zu uns, und meine Eltern haben den Fehler gemacht, mir Einzelunterricht geben zu lassen - ich bekam eine Klavierlehrerin. Wenn ich in einer Klasse gewesen wäre mit anderen Kindern, hätte ich mehr geübt und wäre fleißiger gewesen, weil ich doch so ehrgeizig war. Mit ungefähr zehn oder elf Jahren, habe ich begonnen, Klavier zu spielen. Da ich keine Konkurrenz hatte, war ich stinkfaul und habe zu wenig geübt. Begabt war ich anscheinend aber auch nicht. Aus meinem Klavierspiel ist nichts geworden, aber ich liebe Musik, und ich bin sehr viel in Konzerte gegangen. Ich wurde auch schon früh von meinen Eltern mitgenommen. Ich erinnere mich, vor jedem Konzert hat sich der Papi ans Klavier gesetzt und hat die Hauptthemen der Stücke, die am Programm standen, vorgespielt: Das war eine Art Einführung in das Stück. Und besonders erinnere ich mich an eine lustige Geschichte: Damals haben die Konzerte mit einem klassischen Stück begonnen, dann kam ein modernes Stück und nach der Pause wiederum ein klassisches. Das Moderne kam immer nach dem ersten Klassischen - vor der Pause - so dass man nicht rausgehen konnte. So hat man die Leute sozusagen gezwungen, sich das anzuhören. Und da war als Mittelstück etwas Modernes, und mein Vater hatte gesagt, es täte ihm leid, aber er habe den Klavierauszug nicht, er habe ihn auch in der Bibliothek nicht bekommen, so dass er ihn mir nicht vorher vorspielen könne. Ich wurde während dieses Stücks von meinen Eltern sehr genau beobachtet. Sie waren der Ansicht, dass sie mit klassischer Musik groß geworden waren und zu alt, sich an die moderne Musik zu gewöhnen. Meine Eltern wollten nun aber sehen, was ein junger Mensch, der auch mit der klassischen Tradition aufgewachsen war, zu einem modernen Stück sagt. Sie haben mir das danach erzählt. Das Stück hat mir nicht besonders gut gefallen. Kunst und Musik genieße ich heute genauso, wie in meiner Jugend. Aber mit der modernen Musik, der modernen Malerei und mit der modernen Poesie kann ich noch immer nichts anfangen. Und ich glaube nicht, dass das eine Sache des Alters ist.

Meine Mutter hat immer zehn Minuten Mittagsschläfchen gehalten. Meine Eltern haben beide viel gearbeitet und für diese 10 Minuten hat sie sich eine Krawatte über die Augen gelegt. Sie trug lange Haare, hat sich aber 1924 einen Bubikopf schneiden lassen, weil das sehr praktisch war. Der Bubikopf kam in den 1920er-Jahren auf. Mein Papi und ich waren sehr dagegen, aber eines Tages kam sie mit kurzen Haaren nach Hause, was gar nicht so auffiel, weil verheiratete Frauen damals ihre Haare nie offen trugen. Ich durfte mir die Haare erst wachsen lassen, nachdem ich 14 war, weil ich sehr dichtes Haar hatte und es damals viele Läuse gab. Wegen der Läuse und weil ich dann, wenn ich welche hatte, immer mit dem ganz feinen Lauskamm gekämmt werden musste, hat die Mutti nicht erlaubt, das ich die Haare wachsen lasse. Das durfte ich dann erst, als ich 14 war. Als ich geheiratet habe, hatte ich sehr langes Haar, bis weit über die Schulter. Ich hatte das Haar nach der Heirat immer aufgesteckt, denn als verheiratete Frau hatte hat man eben keine offenen Haare oder Zöpfe oder Locken zu tragen.

In den Ferien sind wir oft verreist. In Kritzdendorf hatten wir ein kleines Gärtchen mit einer Badehütte, in der man auch schlafen konnte. Da habe ich oben im Giebel geschlafen und die Eltern unten im Zimmer. Das Gärtchen war ganz winzig. Es war viermal zwei Meter groß, und da war Platz für einen Tisch, eine Bank, einen Sessel und ein Liegebett. Das waren sehr schöne Zeiten in Kritzendorf. Viele schöne Tage haben wir dort verbracht, manchmal meine ganzen Ferien. Aber meine Eltern hatten nur 14 Tage Urlaub im Jahr. Sie haben beide immer gearbeitet, und wenn sie ins Ausland fahren wollten, sie haben zum Beispiel meine Großeltern, die zur Kur in Marienbad [heute Tschechien] waren, besucht oder waren in Italien, haben sie mich, als ich noch klein war, in ein Heim gegeben. Es war schrecklich für mich, wenn sie mich dort abgegeben haben, und es war schrecklich, wenn sie mich wieder abgeholt haben, denn dann hatte ich mich schon gut eingelebt. Aber damals ist man noch nicht oft in andere Länder oder Kontinente gereist, wie man das heute macht, wie man heute reist. Und dass die Kinder überallhin mitgenommen wurden, das hat es auch nicht gegeben. Man hat in Österreich in der Umgebung Urlaub gemacht - in Baden oder in Klosterneuburg, oder woanders. Man hat sich ein Zimmer oder eine Wohnung gemietet und ist mit Kindern und Hausrat dorthin übersiedelt.

Mein Ehemann

Mein Ehemann, Dr. Manfred Papo, jüdisch Menachem Ben Michael, wurde am 17. Oktober 1898 in Wien geboren. Ich habe ihn in der Schule, im 2. Bezirk, kennen gelernt, denn er war mein Religionslehrer. Er wurde unser Lehrer, da war ich 14 Jahre alt und in der 4. Klasse. Die Schule war keine jüdische Schule, sondern ein Privatgymnasium mit Öffentlichkeitsrecht. Es gab A und B Klassen. Das war aber nicht so wie in Afrika, dass in der A Klasse die intelligenten Schüler waren und in der B Klasse die Schüler, die weniger leicht gelernt haben, sondern die A Klasse war eine gemischte Klasse auch mit nichtjüdischen Mädchen, die B Klasse war eine Klasse mit nur jüdischen Mädchen aus frommen Familien, die am Samstag in die Schule kommen mussten - das war damals Gesetz. Sie kamen aber ohne Bücher und Hefte, da man am Samstag nichts tragen darf. Sie mussten in der Schule sitzen und zuhören. Da waren dann lauter Fächer, bei denen nichts an der Tafel geschrieben wurde und die Kinder nicht schreiben mussten - sie mussten nur zuhören. Mein späterer Mann war jahrelang Klassenvorstand der B Klasse. Ich war in einer A Klasse, weil ich aus keinem frommen Haus kam. Es wurde dasselbe unterrichtet, wie auf einem staatlichen Gymnasium. Die Prüfungen waren äquivalent zu den Prüfungen in anderen Schulen, man konnte nach der Schule auf die Uni gehen, wie aus einer öffentlichen Schule. Da die Schule im 2. Bezirk war, und da der 2. Bezirk vor Hitler fast jüdisch war, waren in unserer Schule vielleicht zehn Prozent nichtjüdische Mädchen. Auch die A Klasse wurde von mehreren jüdischen Lehrern und Lehrerinnen unterrichtet. An den christlichen Feiertagen hatten wir keinen Unterricht und an den jüdischen Feiertagen hatten wir auch keinen Unterricht. Nur am Samstag mussten auch die frommen Kinder in die Schule gehen. Wenn die Eltern das nicht erlaubt haben, dann mussten sie am Ende des Jahres eine Privatisten Prüfung in allen Gegenständen ablegen, um in die nächste Klasse aufzusteigen. Das letzte Jahr vor der Matura bin ich in eine andere Schule gegangen, und dadurch hatte ich Gelegenheit, ihn auch privat kennen zu lernen. Da war das keine reine Lehrer - Schülerin - Beziehung mehr. Als ich 18 war, haben wir uns inoffiziell verlobt, im Juli habe ich maturiert, und im Oktober haben wir geheiratet.

Meine Großmutter hatte eine Schwester, die unverheiratet geblieben war, die hat, genau wie ich, Louise geheißen. Ich habe damals ihre Aussteuer bekommen, denn da sie nicht geheiratet hatte, hatte sie die Aussteuer nicht gebraucht. Die Aussteuer war alles, was für einen Haushalt wichtig war: Bettwäsche, Tischwäsche, Geschirrtücher, Handtücher, Servietten und Besteck. Das wurde von den Eltern beiseite gelegt für die Tochter, damit sie, wenn sie heiratet, einen Haushalt einrichten kann. Bei einer vollkommenen Aussteuer gab es auch noch Porzellan und Glas.

Mein Mann war 16 Jahre älter als ich. Als wir geheiratet haben, war er 35 Jahre und eine Woche, und zwei Wochen nach der Hochzeit war mein 19. Geburtstag. Ein so großer Altersunterschied kann gut gehen, aber es gibt da auch Schwierigkeiten, und alle waren dagegen: meine Eltern und meine Schwiegermutter. Aber wir haben uns durchgesetzt.
Für meine Schwiegermutter war das Problem, dass ich nicht aus einer frommen Familie kam, und ich war ihr zu hübsch:
‚Sie wird dir durchgehen’, sagte sie vor der Hochzeit zu meinem Mann. Meinen Eltern war er zu alt für mich.
‚Du wirst dein ganzes Leben ändern müssen. Nicht nur, weil er fromm ist und koscher leben will. Das ist nicht so wichtig, aber wenn du einen um soviel älteren Mann heiratest, kannst du nicht mehr mit deinen Jugendfreunden zusammen sein.’ So versuchten sie mich umzustimmen. Auch damals konnte man sich, so wie heute, scheiden lassen, aber das war ein allerletztes Mittel, wenn’s schon wirklich nicht mehr ging. Es war nicht so wie heute, dass sich jeder Zweite scheiden lässt. Meine Eltern haben also zu meinem zukünftigen Ehemann gesagt – ich war bei der Unterhaltung dabei – sie sind dagegen, aber man kann sich ja scheiden lassen’. Worauf mein Zukünftiger gesagt hat:
‚Eine Scheidung kommt für mich überhaupt nicht in Frage!’ Worauf meine Eltern sagten: ‚Um G’ttes Willen, wie kann man sein Kind einem Mann geben, der sagt, auch wenn es schief geht, lässt er sich nicht scheiden!’
Es ist nicht schief gegangen, wir haben uns nicht scheiden lassen. Ich war aber leider verhältnismäßig jung, 50 Jahre alt, als er gestorben ist.

Mein Brautkleid habe ich mir selbst genäht. Es gab im 1. Bezirk eine Nähschule. Die wurde von einem Ehepaar geführt, die früher einen großen Maßsalon hatten. Wie sie dann älter wurden und der Mann nicht mehr so mitarbeiten konnte, haben sie den Salon in eine Nähschule umgewandelt. Sie hatten Schülerinnen, die zu Schneiderinnen ausgebildet wurden. Ich habe dort an den Nachmittagen gelernt. Es sind aber auch Damen der Gesellschaft mit ihren Stoffen gekommen, mit Abbildungen und Schnitten. Man hat genäht, und jeder Schritt wurde überwacht und erklärt. Ich habe mir mein Brautkleid dort genäht, und meine Mutti hat das Kleid, das sie zu meiner Hochzeit trug, auch dort genäht. Was aus den Leuten geworden ist, weiß ich nicht. Entweder sie sind rechtzeitig gestorben oder umgekommen unter Hitler. Sie waren doch auch Juden.

Als ich geheiratet hatte, musste ich mein Leben wirklich ein wenig umstellen. Ich tat das aber alles sehr gern. Ich wurde religiöser und führte den Haushalt koscher. Das war ich bis dahin nicht gewohnt.

Während des 1.Weltkrieges hatte mein Mann eine Notmatura gemacht, damit er in die Armee eingezogen werden konnte. Mein Mann war ja ein 1898er Jahrgang, und damals sind die jungen Leute, die Mittelschüler, Studenten usw. in die Armee eingezogen worden. Bei der ersten Musterung war er zu schwach, aber bei der nächsten machte er schnell die Matura, und er wurde eingezogen. Er war in der Kärntner Gegend stationiert. Erst hatte er irgendeinen sehr unangenehmen Feldwebel. Mein Mann war ein zarter, schwacher Mensch, und der Feldwebel hat ihn so lange sekkiert bis er zusammengefallen ist. Dann hat ihn der Arzt in die Forstwirtschaft versetzt. Dort hat er den Rest des Krieges verbracht und ist dann nach Kriegsende nach Wien zurückgekommen. Ursprünglich hatte er an der Universität Jus inskribiert, doch dann kam ein alter Freund seines Vaters zu ihm und sagte, er solle doch besser auf ein anderes Studium umsatteln. Mein Mann hatte seinem Vater versprochen, er werde einen Beruf wählen, in dem er fromm sein kann und den Schabbat [4] und die Feiertage halten kann.

Der Vater meines Mannes hieß Michael Papo. Er war 1843 in Sarajewo geboren und ist 1918 in Wien gestorben. Er war 40 Jahre lang Rabbiner im Türkischen Tempel in Wien. Der Türkische Tempel hieß der Türkische Tempel, weil er seinerzeit von türkischen Juden gegründet wurde. Er befand sich in der Zirkusgasse, im 2. Bezirk. Er war der schönste Tempel von Wien, ganz im orientalischen Stil. Mein Mann ist ins Rabbinerseminar nach Salzburg gegangen. Doch nebenbei hat er auch an der Uni studiert: nicht Jus, sondern orientalische Sprachen - Hebräisch, Aramäisch, Syrisch, Arabisch, Latein und Griechisch. Zu Hause hatte er Ladino gesprochen, da seine Familie ursprünglich aus Spanien kam. Ladino war die Sprache der Juden aus Spanien und Portugal.

Mein Mann war ein gescheiter und sehr fleißiger Mensch, und er hat das Studium geschafft. Er hatte ein Doktorat der Wiener Universität, und er hatte die Rabbinerprüfung vom Wiener Rabbinerseminar und noch eine zusätzliche Prüfung vom damaligen sephardischen Oberrabbiner von Jugoslawien. Er konnte sehr gut auswendig lernen! Er hatte aber nie eine moderne Sprache gelernt. Erst, als Hitler 1938 nach Österreich kam, begann er Englisch zu lernen - da habe ich ihn ein paar Monate lang unterrichtet. Die Mitschüler im Rabbinerseminar haben über meinen Mann gesagt: ‚Papo ist ein Antisemit. Er erlaubt uns nicht, Jiddisch zu sprechen. Wenn es nach ihm geht, müssten wir nur Deutsch sprechen.’ Mein Mann aber hat zu ihnen gesagt: ‚Ihr wollt Posten in Österreich oder in Deutschland haben, da müsst ihr deutsch sprechen können, jiddisch hilft euch da gar nicht.’ Nach dem Rabbinerstudium war er in Salzburg geblieben. Er wurde der Landesrabbiner von Salzburg, schon als junger Mann. Es wurde ihm aber dann zu langweilig und zu kompliziert in Salzburg. Er durfte nie mit einem Mädchen ausgehen, denn wenn er mit einem jüdischen Mädchen ausgegangen ist, dann wurde er gleich mit ihr verlobt. Daher ist er nach drei Jahren nach Wien zurückgekommen. Seine große Liebe war das Unterrichten - nicht nur seine große Liebe, auch seine große Begabung.

Ich begann nach unserer Heirat Deutsch und Latein an der Wiener Universität zu studieren. Ich habe dann auch noch begonnen Englisch zu studieren, weil ich Dolmetscherin werden wollte.
 

Während des Krieges

Während des Holocaust bin ich mit meinem Mann nach Afrika gegangen. Das war 1944. Es ist eine sonderbare Geschichte. Alles hat mit einem Visum nach Guatemala begonnen: Am 10. November 1938 wurde mein Mann verhaftet. Das war die sogenannte ‚Kristallnacht’ [5]. 15 Tage lang hatte ich nicht gewusst, wo er war. Nach 15 Tagen kam ein Brief aus dem KZ Dachau [Deutschland]: ‚Ich bin gesund, es geht mir gut. Du darfst mir jeden Monat 15 Mark schicken und zweimal im Monat einen Brief mit 15 Zeilen. Der Türkische Tempel war, wie alle anderen Tempel in Wien, am 10. November 1938 niedergebrannt worden. Nur ein einziger blieb erhalten. Bevor sie ihn niedergebrannt haben, haben sie sich die Listen der Mitglieder geholt. Und die, die österreichische Staatsbürger waren, die haben sie abgeholt.

Ich bin zu Hause geblieben, als mein Mann abgeholt wurde. Ich war verheiratet, wir hatten keine Kinder, und ich habe keine Pension bekommen, denn damals gab es noch nicht die Pensionskonten. Der Geldbriefträger durfte das Geld nur an den Empfänger aushändigen, also nicht an die Frau oder Kinder, und da mein Mann nicht da war, hab ich kein Geld gekriegt. Da ich wusste, dass er in Dachau ist, habe ich nach Dachau geschrieben, dass ich eine Vollmacht brauche, weil ich kein Geld mehr habe und auch keines bekomme. Die Deutschen waren ja sehr gut organisiert, und ich bekam eine Vollmacht aus Dachau. Mit der bin ich auf die Post gegangen, um mir die Pension abzuholen, und ich habe sie bekommen - abzüglich Schutzhaftkosten. Es gab alle möglichen Beschränkungen, trotzdem hatte ich viel Glück. Schon allein die Tatsache, dass ich Hitler überlebt habe, dass ich mit meinem Mann zusammen überlebt habe! Der Rest der Familie hat nicht überlebt. Mein Mann hatte zwei ältere Schwestern – sie sind umgekommen. Seine Mutter, seine Schwestern, meine Eltern - alle sind umgekommen. Die einzigen, die es überlebt haben, waren mein Mann und ich. Reine Glücksache!

Oh ja, man hat gewusst, dass es Konzentrationslager gibt. Wir konnten uns aber nicht vorstellen, wie die wirklich waren. Ein Freund meines Mannes hatte gehört, dass die Juden, die in Konzentrationslagern sind, entlassen werden, wenn sie nach Übersee auswandern. Ich hatte das nicht gewusst, dass man mit einem Visum für Übersee jemanden aus dem Konzentrationslager herausbekommt. Wer mir dieses Visum damals geschickt hat, weiß ich heute nicht mehr. Ich glaube, ich habe es auch damals nicht gewusst, ich habe es anonym bekommen, soviel ich mich erinnern kann. Ich weiß aber genau, wer die Überfahrt bezahlt hat, denn das waren meine Eltern.

Auf dem Vorvisum stand, dass, wenn Dr. Manfred Papo und seine Frau mit gültigen Dokumenten - Reisepass, Steuerunbedenklichkeitserklärung und Gesundheitspass - kommen und eine gewisse Summe in Devisen vorweisen könnten, sie ein Visum nach Guatemala erhalten. Das habe ich mir übersetzen lassen von einem offiziellen Dolmetscher, und bin dann damit auf die Gestapo gegangen. Dass ich mich das getraut habe, wundert mich noch heute! Dort hab ich mich durchgefragt bis zum richtigen Referenten. Ich habe ihm gesagt, dass ich einen gültigen Pass, eine Unbedenklichkeitserklärung und alles, was man für dieses Vorvisum nach Guatemala braucht, besitze. Woraufhin er zu mir gesagt hat: ‚Ja, aber wie kommen Sie dahin?’ Er hat mir nicht sofort geholfen, sondern mir einen weiteren Termin für eine Vorladung gegeben. Da meine Eltern für die Tschechoslowakei optiert hatten, waren sie nach Prag geflüchtet, und ich habe von einem Automaten – nicht von zu Hause – angerufen und gesagt, ich wäre noch allein, denn ich habe meinen Mann leider noch nicht aus Dachau rausholen können. Beim nächsten Termin bei der Gestapo bekam ich dann die Erlaubnis, nach Guatemala zu reisen. Ein paar Tage später bekam ich ein Telegramm aus London. Es war eine Schiffskarte der ‚Royal Line’ für meinen Mann. Mein Mann hatte somit die Möglichkeit, nach Guatemala zu reisen. Ich habe dann an die Gestapo geschrieben, und zwei, drei Tage später wurde ich wieder vorgeladen. Dort habe ich die Schiffskarte vorgezeigt. Der zuständige Referent sagte: ‚Aber die Karte ist nur für Ihren Mann!’. Daraufhin habe ich gesagt: ‚Das stimmt, aber ich hab ein Visum für England. Ich werde nach London fahren und dort warten, bis er mich nachkommen lassen kann!’ Daraufhin musste ich unterschreiben, dass ich das Deutsche Reich verlasse und nie wieder zurückkomme. Acht Tage später war mein Mann zu Hause. Wir waren dann noch 12 Tage in Wien, bevor wir zu meinen Eltern nach Prag fuhren. Das war noch im Jahre 1938. Meine Eltern haben meinem Mann eine Uhr gekauft und mir gute Kleidung. Sie haben uns auch die Flugkarten von Prag nach England bezahlt. Ohne meine Eltern hätten wir das nie finanzieren können. Mein Mann ist dann natürlich nicht nach Guatemala gefahren, sondern wir sind gemeinsam nach London gefahren. Das war von Anfang an beabsichtigt. 

Meine Eltern waren 1938 von Wien nach Prag geflüchtet, aber nicht mehr rechtzeitig aus Prag rausgekommen. Bis 1942 haben sie in Prag gelebt und wurden dann mit dem sogenannten zweiten Intellektuellentransport nach Litzmannstadt [Polen] – Lodz haben die Deutschen damals zu Litzmannstadt gesagt – deportiert und sind dort gestorben. Ich weiß nicht genau wann. Ich habe später eine Frau kennen gelernt, die als junges Mädchen in Litzmannstadt war. Dorthin hatte man fünfzigtausend Juden deportiert und fünfzig sind zurückgekommen; von fünfzigtausend! Nein, das waren keine guten Zeiten.

Von England nach Afrika

In England haben wir fünf Jahre lang gelebt. Wir hatten ein so genanntes ‚Garantiepermit’ der ‚Spanish and Portuguese Synagogue’ in London. Wir waren zusammen auf dem Permit, der Aufenthaltsgenehmigung sozusagen. Darauf stand: On condition that ... does not accept anywhere paid or unpaid work - wir durften nicht arbeiten. Es gab damals eine große Arbeitslosigkeit in England. Die einzige Möglichkeit für Frauen nach England einzuwandern, war, als Hausangestellte eine Arbeit anzunehmen, und die einzige Möglichkeit für Männer nach England einzuwandern, war, als Gärtner oder Chauffeur zu arbeiten. Die jüdische Gemeinde hat uns in London dann in ihr Altersheim gesteckt. Ich war knapp vierundzwanzig, also genau im richtigen Alter fürs Altersheim, mein Mann war noch keine vierzig. Aber wir hatten keine andere Wahl. Nach einigen Monaten wurde das Altersheim nach Hastings verlegt, und wir sind natürlich mitgegangen. Dort haben wir dann den ganzen Winter verbracht. Nach dem Winter sind wir zu Freunden nach Manchester gefahren. Dort haben wir ungefähr vier Jahre gelebt. Dann hat mein Mann eine Berufung bekommen, als Rabbiner in eine Gemeinde nach Afrika zu gehen, und da sind wir noch während des Krieges, im Jahr 1944, von Liverpool mit dem Schiff nach Kapstadt [Südafrika] gefahren.

In Kapstadt ließ man uns nicht an Land gehen, weil sie vergessen hatten, von Salisbury aus unseren Namen auf die Landing-List zu geben. Wir mussten weiter bis Durban [Ostküste Südafrikas]. Zufällig hatten wir gehört, dass in Kapstadt in der Woche zuvor zwei Schiffe versenkt wurden. Deswegen sind wir nicht mit großer Begeisterung weitergefahren. In Durban durften wir an Land. Nach ein paar Tagen fuhren wir weiter nach Johannesburg [Südafrika] und mit dem nächsten Zug von Johannesburg nach Salisbury. Salisbury ist das heutige Harare, die Hauptstadt von Simbabwe, welches früher Südrhodesien hieß. Wir waren zwei Tage und zwei Nächte mit dem Zug unterwegs. Heute fliegt man ja all diese Strecken, aber damals ist man Eisenbahn gefahren. Es gab zwar schon Flugzeuge, aber die waren viel zu teuer. Das konnten wir uns natürlich nicht leisten. Wir kamen am 19. April 1944 in Salisbury an, und dann blieben wir über 20 Jahre in Afrika.

In Afrika gab es keine Pflichtversicherung. Die 25 Jahre, die wir teilweise nicht arbeiten durften und teilweise gearbeitet haben, aber nicht versichert waren, diese 25 Jahre fehlen mir für meine Pension. Ich habe dadurch eine viel kleinere Pension, als ich eigentlich haben sollte. Da ich in meiner Kindheit bereits Englisch mit meiner Mutter gelernt hatte, war ich mit einer sehr guten Grundlage nach England gekommen. Dann habe ich fünf Jahre in England gelebt und 20 Jahre in einem englischsprachigen Land in Afrika. Da muss man schon sehr blöd sein, um die englische Sprache nicht zu können. Ich hatte in der Schule ja auch Französischunterricht. In Salisbury brauchte ich kein Französisch. Die einzige Nachbargemeinde war in Elizabethville im früheren Belgisch Kongo [heute: Demokratische Republik Kongo]. Dort war die Amtssprache Französisch. Alle unsere Gemeindemitglieder waren verwandt oder verschwägert mit den Gemeindemitgliedern in Elizabethville. Die Leute kamen oft zu Besuch. Sie kamen, wenn sie krank waren, und sie kamen, um Kinder zu gebären. Es gehörte zu meinen Pflichten als Rabbinersgattin Krankenbesuche zu machen. Mein Französisch war miserabel. Ich hatte mir kaum etwas gemerkt. Das einzige, was ich konnte, war: Comment allez-vous? J’espère, vous êtes mieux [Wie geht ihnen? Ich hoffe, es geht ihnen besser]. Das muss man bei einem Krankenbesuch können. Dann habe ich eine Belgierin getroffen, die hat französischen Sprachunterricht gegeben. Da habe ich begonnen zu lernen. Einmal in der Woche hatte ich Französischunterricht und mein Französisch dadurch soweit aufgefrischt, dass ich mich verständigen konnte. Ich mache viele Fehler, aber ich kann mich verständlich machen, vor allem, ich verstehe die Leute. Zwanzig Jahre lang war ich in Afrika auch Religionslehrerin für die Volksschüler.  

Es hat 12 Jahre gedauert, bis ich durchgesetzt hatte, dass wir endlich ein Kind bekamen. Mein Mann wollte keine Kinder in so eine schlechte Welt setzen. Ich aber wollte immer eine große Familie, weil ich selbst ein Einzelkind war. Es hat aber erst nach so vielen Jahren geklappt. Unser Sohn Michael, jüdisch Ben Menachem, ist in Salisbury am 21. Juni 1945 geboren. 1963 hat er in Salisbury die Matura gemacht.

Wir haben Afrika verlassen, weil mein Mann mit dem Herzen Probleme bekam, und die Ärzte sagten: ‚Gehen Sie näher an den Meeresspiegel.’ Salisbury liegt nämlich 1 500 Meter hoch. Ich wäre damals sehr gern nach Kapstadt gegangen. Kapstadt muss eine der schönsten Städte der Welt sein, wunderschön! Aber mein Mann hat zu Recht gesagt: ‚Schau, Afrika ist im Umbruch. Wir gehen besser nach Europa!’ Nach Israel wollten wir nicht, weil das Klima für meinen Mann da sehr schlecht gewesen wäre. Also sind wir nach Wien zurückgekommen.

Rückkehr nach Europa

An dem Tag, an dem wir Afrika verlassen haben, an der Stadtgrenze von Salisbury, hat mein Sohn auf einmal gesagt: ‚Oh! By the way. Ich will euch sagen, von jetzt an lebe ich wie ein normaler Mensch. Das bedeutet, ich werde die Gesetze nicht mehr einhalten. Aber wenn die Frau, die ich einmal heiraten werde Jüdin ist, und wenn sie gerne fromm sein möchte, dann werde ich mitmachen.’ Mein Mann sagte: ‚Schau du bist erwachsen. Du weißt, dass du seit deiner Bar Mitzwa [6] für deine religiösen Handlungen verantwortlich bist. Es ist deine Sache. Du musst wissen, was du tust.’ Wie wir dann nachts allein waren, habe ich meinem Mann gesagt, dass ich ihm sehr dankbar für diese Antwort bin. Er hat gesagt: ‚Er verlässt uns. Er wird die Gesetze wahrscheinlich sowieso nicht mehr halten. Wieso soll ich ihm ein schlechtes Gewissen machen?’ Wir hatten viele jüdische Freunde, die nichts gehalten haben, und trotzdem waren sie unsere Freunde. Mein Mann war ein frommer und gescheiter Mensch. Das wusste ich auch zu schätzen.

Michael wollte nicht mit uns nach Wien kommen. ‚I don't want to complicate my studies in a foreign language!’ Er wollte aber auch nicht in Afrika bleiben. Daraufhin ist er nach London gegangen. Er lebt immer noch in London und er hat leider nicht geheiratet, und er hat keine Kinder. Er sagt, dass man in diese Welt keine Kinder setzt. Das hatte schon mein Mann gesagt. Er hat Elektronik in London studiert und wollte gern in den Fernsehbereich gehen. Dann hat er einen Job in einem Computerzentrum einer Bank bekommen.

Bevor wir endgültig nach Wien zurückgekommen sind, gab es einige kurze Zwischenstationen. Wir waren zuerst auf Erholung in Kapstadt und sind dann von Kapstadt nach Israel geflogen. Dort haben wir das Pessachfest [7] verbracht. Dann sind wir nach Wien übersiedelt - das war im April 1964. Wir sind zurückgekommen, aber äußerst ungern.

Mein Mann hat in Wien den jüdischen Religionsunterricht für jüdische Mittelschüler übernommen. Das war im Gymnasium in der Wasagasse. Er war so ein phantastischer Lehrer, dass die Anzahl seiner Schüler immer größer wurde – zuerst waren es 150, dann 187. Der Unterricht hat meinem Mann großen Spaß gemacht. Leider ist er im Mai 1966 plötzlich gestorben, bis dahin hatte er unterrichtet. Ich hätte nach dem Tod meines Mannes den Unterricht übernehmen können, aber da ich immer nur die Volksschüler unterrichtet hatte, wurde ich von 1966 bis 1975 Religionslehrerin an Sammelstellen in Volksschulen.
Seit einem Jahr lebe ich im jüdischen Altersheim. Hier gefällt es mir sehr gut, da alle Pfleger und Ärzte sehr nett, höflich und freundlich sind. Hier fehlt es mir an nichts.

 

Glossar

[1] Jom Kippur: der jüdische Versöhnungstag, der wichtigste Festtag im Judentum.
Im Mittelpunkt stehen Reue und Versöhnung. Essen, Trinken, Baden, Körperpflege, das Tragen von Leder und sexuelle Beziehungen sind an diesem Tag verboten.

 

[2] Koscher [hebr.: rein, tauglich]: den jüdischen Speisegesetzen entsprechend.

 

[3] Kisch, Egon Erwin [Prag (Tschechische Republik), 1885 – Prag, 1948]: Journalist und Verfasser von kritischen Reise - und Sozialreportagen. Nach der Teilnahme am 1. Weltkrieg wurde Kisch Starreporter sozialistischer Zeitungen in Berlin. Er unternahm ausgedehnte Reisen durch Europa, Afrika, die USA und China, über die seine bekannten Reisereportagen entstanden. 1933 wurde er von den Nationalsozialisten verhaftet und auf Intervention der tschechischen Regierung freigelassen. Er war Mitglied der internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg und kehrte 1946 aus Mexiko nach Prag zurück.

 

[4] Schabbat [hebr.: Ruhepause]: der siebente Wochentag, der von Gott geheiligt ist, erinnert an das Ruhen Gottes am siebenten Tag der Schöpfungswoche. Am Schabbat ist jegliche Arbeit verboten. Er soll dem Gottesfürchtigen dazu dienen, Zeit mit Gott zu verbringen.
Der Schabbat beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend.

 

[5] Kristallnacht [Novemberpogrom]: Bezeichnung für das [von Goebbels organisierte] ‚spontane‘ deutschlandweite Pogrom der Nacht vom 9. zum 10. November 1938. Im Laufe der ,Kristallnacht’ wurden 91 Juden ermordet, fast alle Synagogen sowie über 7000 jüdische Geschäfte im Deutschen Reich zerstört und geplündert, Juden in ihren Wohnungen überfallen, gedemütigt, verhaftet und ermordet.

 

[6] Bar Mitzwa: [od. Bar Mizwa; aramäisch: Sohn des Gebots], ist die Bezeichnung einerseits für den religionsmündigen jüdischen Jugendlichen, andererseits für den Tag, an dem er diese Religionsmündigkeit erwirbt, und die oft damit verbundene Feier. Bei diesem Ritus wird der Junge in die Gemeinde aufgenommen.

 

[7] Pessach: Feiertag am 1. Frühlingsvollmond, zur Erinnerung an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, auch als Fest der ungesäuerten Brote [Mazza] bezeichnet.

 

 

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Luise Eva Papo
Interviewt von:
Sandra Slomovits
Monat des Interviews:
Oktober
Jahr des Interviews:
2001
Wien, Austria

HAUPTPERSON

Luise Eva Papo
Geburtsjahr:
1914
Geburtsort:
Wien
Todesjahr:
2002
Todesort:
Wien
Gestorben:
after WW II
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Lehrerin
Familiennamen
  • Vorheriger Familienname: 
    Fleischer
    Jahr der Namensänderung: 
    1933
    Grund der Namensänderung: 
    Heirat

AUDIO - INTERVIEW

Weitere Informationen

Ebenfalls interviewt von:
"Erzählte Geschichte" Bd. 3 Hrsg. vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen WiderstandesVerlag ÖBV, 1992
glqxz9283 sfy39587stf02 mnesdcuix8
glqxz9283 sfy39587stf03 mnesdcuix8