Laszlone Bernath

Wien, Österreich

Isabella Bernath
Wien
Österreich
Datum des Interviews: November 2001 
Name des Interviewers: Zsuzsi Szaszi 

 

 

 

 

  • Meine Familiengeschichte

Meine Großeltern väterlicherseits hießen Rachel, geborene Rechnitzer, und Sándor Friedmann. Ich kannte sie nicht richtig, weil sie nie mit uns zusammen gelebt haben. 

Mein Großvater mütterlicherseits hieß Schmuel Deutsch. Er stammte aus der Stadt Dunapentele [bis 1951 Dunapentele - heute Dunaújváros, Ungarn] in Ungarn. Meine Großmutter hieß Perl und war eine geborene Schwartz. Sie wurde in Soltvadkert, das liegt in Ungarn zwischen der Donau und dem Fluß Theiss, geboren. 

Die beiden hatten sechs Kinder, eines davon war meine Mutter. Meine Großeltern waren sehr wohlhabend und streng religiös. Sie besaßen eine Kreislerei in Soltvadkert, in der man alles kaufen konnte - von Stahlwaren bis zum Gewürz. 

Außerdem besaßen sie eine Weinhandlung. Bei uns zu Hause sprachen alle Ungarisch. Man konnte auch Deutsch und Jiddisch, aber man sprach Ungarisch - sowohl in der Familie, als auch generell. 

Als mein Großvater alt wurde, übergab er seinen Laden an seine drei Söhne. Der vierte Sohn war viel jünger, der bekam, als er heiratete, ein Textilgeschäft, und meine Mutter hat auch einen Teil des Geschäfts bekommen.

Mein Großvater hatte einen interessanten Stammbaum, aber damit hat er nie geprahlt. Er kam aus einer Familie, deren eine Hälfte christlich war und die andere Hälfte jüdisch. Mein Großvater war ein ganz religiöser Jude. 

Aber er hatte einen Großonkel, der war katholischer Bischof in Dunapentele. Sicher existiert sein Grabstein noch heute. Der Großvater hatte zwei Geschwister. 

Seine Schwester lebte in Soltvadkert, und der Bruder lebte in Dunapentele, aber zu ihm hat er keinen Kontakt, denn der war nicht religiös, während mein Großvater eben sehr religiös war. 

Zu der nichtjüdischen Verwandtschaft hatte die Familie überhaupt keinen Kontakt, die wurden sogar verschwiegen. 

Man hatte christliche Bekannte und Nachbarn, mit einigen waren wir sogar sehr gut. Aber einen richtigen Freundeskreis hatte die Familie nicht, denn sie war selbst so groß, dass für Freunde gar kein Platz gewesen wäre. 

Deshalb konnte nicht einmal die ganze Familie in der Wohnung der Großmutter zusammenkommen.

Die Großmutter Perl kam aus einer sehr großen Familie. Da war der ganze Ort irgendwie miteinander verheiratet, alle hießen Schwartz. Man hatte sie mit dem Großvater verkuppelt, denn damals war das so mit den religiösen Ehen. Sogar im Nachbarort, in Kiskörös, wimmelte es von Schwartz. Das war eine große Familie!

Soltvadkert war ein Ort, keine Kleinstadt wie Kiskörös, die nur zehn Kilometer entfernt war. Es hatte ungefähr achttausend Einwohner, und es lebten hundert jüdische Familien dort, von denen waren 85 Prozent orthodox. 

Aber sie waren nicht von der bigotten Sorte, solche mit Bart und Kaftan gab es bei uns nicht, nur solche, die modern ausgeschaut haben. Wir waren aschkenasische [1] Juden. 

Die Juden lebten im Allgemeinen unter sehr guten materiellen Verhältnissen, denn die meisten waren entweder Weinhändler - es war ein großes Weinbaugebiet - oder sie waren in der Textilbranche. Handwerker gab es nur wenige, vielleicht waren es zwei. 

Es gab eine jüdische Glaubensgemeinde, einen Rabbi, einen Kantor, eine schöne große Synagoge, einen Cheder [2]. Also es fand ein reges jüdisches Leben statt. Es gab auch eine Jeschiwa [3], größer als die in Kiskörös, obwohl der Ort kleiner war. 

Die Juden und die Christen wohnten überall in dem Ort, aber die Juden waren bemüht, an einem Platz in der Mitte zu leben, denn sie wollten in der Nähe der Synagoge sein, die in der Hauptstraße war. Sie lebten nicht ghettoartig, aber sie lebten lieber im Zentrum als am Rande des Ortes. Es gab auch solche, die ein bisschen außerhalb wohnten, aber sie waren in zehn Minuten in der Mitte. 

Wir wohnten so zentral, dass wir in zwei Minuten in der Synagoge waren. Die jüdische Schule war eine gute und bekannte Schule, obwohl sie nur einen Lehrer hatte, der 60 Kinder unterrichtete. 

Aber er hatte einen sehr guten Ruf. Er unterrichtete am Vormittag einen Teil der Kinder und am Nachmittag den anderen Teil der Kinder. Aber wenn wir unseren Lehrstoff mit dem Lehrstoff der christlichen Kinder verglichen, hatten wir bereits in der Grundschule gelernt, was die christlichen Kinder erst in der Oberschule lernten. 

Es gab auch eine Sommerschule, da brachte man uns bei, die jüdischen Gebete ins Ungarische zu übersetzen. Wir lernten den Inhalt der Gebete, die ganze Glaubenslehre und die Geschichte der Juden. 

Nur Fremdsprachen haben wir keine gelernt, aber in der Oberschule und im Gymnasium haben die Kinder Deutsch gelernt. In der Grundschule ging es nicht, der Lehrer musste zu viele Kinder unterrichten. 

Soltvadkert war ziemlich unterentwickelt, wenn man bedenkt, dass es 1944 - als ich von dort deportiert wurde - noch nicht einmal elektrischen Strom gab. Erst nach dem Krieg kam der Strom in das Städtchen. 

Auf den Straßen gab es Brunnen, von denen man Trinkwasser holen musste. Aber fast alle Familien hatten ein eigenes Haus, oder ein bis zwei Familien lebten in einem Haus, da gab es auf jedem Hof einen Brunnen - auch wir hatten einen.

Wir hatten sogar zwei Brunnen, einen im Vorderhof und einen im Hinterhof, denn das Haus war so groß und der Hof so lang. Die Weinkeller waren im Hinterhof. Es waren riesengroße Weinkeller, denn auch meine Onkel mütterlicherseits hatten ihre Kellerei bei uns. 

Das alles, Hof und Haus und auch die Geschäfte, hatten wir vom Großvater Schmuel geerbt. Es war ein großes, altes Haus, in dem das Geschäft, die Büros, ein Weinkeller und die Wohnung waren. 

Am Ende des Hofes war ein langer Acker. Es war ein lebendiges Haus. Sogar meine Großmutter hat dort gewohnt. Die Feiertage wurden streng eingehalten, die Frauen trugen Perücken [4], immer kam jemand zu Besuch - es war immer ein großes Kochen und Backen. 

Ganz hinten wurde ein Haus für meinen Onkel gebaut. Er ist nach dem Krieg aus Auschwitz [KZ Auschwitz, Polen] zurückgekommen, seine Frau und die fünf Kinder wurden ermordet. 

Mein Vater, Gyula Friedmann, war in Boldogasszony geboren. Damals hat das jetzige Frauenkirchen im Burgenland zu Ungarn gehört. Er besuchte die Hochschule in Pressburg [Bratislava, heute Slowakei], und hatte ein kaufmännisches Abitur. 

Er war österreichisch-ungarischer Korrespondent, außerdem besaß er auch ein Textilgeschäft. Mit beidem hat er Geld verdient. Während des 1. Weltkrieges war er Soldat und Sanitäter in der k. - u. - k. Armee [5], er kämpfte an der italienischen Front und wurde im Krieg ausgezeichnet. 

Der erste Weltkrieg hatte einen sehr hässlichen Teil, als es an dem italienischen Fluss Isonzo große Schlachten gab. Da war mein Vater Sanitäter, er arbeitete mit einem Arzt zusammen.

Meine Eltern haben sich durch einen Zufall kennen gelernt: Ein Cousin meiner Mutter hat die Schwester meines Vaters geheiratet. Zu diesem Anlass hat diese Schwester ihren Bruder, meinen späteren Vater, meiner Mutter vorgestellt, und so haben sie sich kennen gelernt und geheiratet. Meine Mutter hieß Eszter, war eine geborene Deutsch und wurde 1896 in Kiskörös geboren. Sie wurde 1944 im KZ Auschwitz [Polen] ermordet.

Meine Eltern waren sehr religiös, und haben alle religiösen Gesetze strengstens eingehalten. Meine Mutter trug eine Perücke, führte einen streng koscheren Haushalt. Mein Vater ging jeden Morgen in die Synagoge, und wenn er zurückkam, frühstückte er. 

Dann öffnete er das Geschäft. Abends, nach dem er das Geschäft geschlossen hatte, ging er wieder in die Synagoge. 

Die Frauen und Kinder sind nicht in die Synagoge gegangen.Als Kinder mussten wir mit dem Abendessen schon fertig sein, wenn mein Vater nach Hause kam, da hatte uns meine Mutter schon ins Bett gebracht. 

Als wir größer wurden, haben wir schon gemeinsam zu Abend gegessen. Meine Mutter hatte eine Hilfe im Haus, heute sagt man Haushaltsaushilfe. Aber damals war es noch so, dass man eine Dienstmagd hatte.

Mein Vater hatte das Ungarische sehr schön erlernt, aber seine Muttersprache war Deutsch. Mit meiner Mutter sprach er sowohl Ungarisch, als auch Deutsch. Also haben wir zu Hause auch die deutsche Sprache gehört, aber die Großeltern sprachen mit uns immer nur ungarisch. Ich wünschte, mein Vater hätte mit uns deutsch gesprochen, dann hätten wir schon als Kinder Deutsch lernen können - dann hätten wir zwei Muttersprachen gehabt. 

Heute macht man das so. Zum Beispiel hat meine Tochter Vivien zwei Kinder. Sie spricht mit den Kindern deutsch und ihr Mann Peter spricht mit den Kindern ungarisch. Heute werden die Kinder oft zweisprachig erzogen.

Mein Vater hat jeden Tag die Zeitung gelesen. Alles hat ihn interessiert, er war sehr klug und talentiert. Aber er war in keinerlei Organisation oder Partei. Es ist bei den Religiösen nicht üblich, in irgendeiner Partei Mitglied zu sein.

 

  • Meine Kindheit während des Krieges

Ich wurde als Isabella Friedmann am 15. November 1926 in Soltvadkert geboren. Wir waren vier Geschwister: Elisabeth wurde 1920 geboren, Sándor 1923, Irén 1925, und ich. 

Mein Bruder Sándor lernte in einer Jeschiwa, meine älteste Schwester Elisabeth und die jüngere Irén lernten nähen, und ich lernte Uhrmacherin. 

Ich habe erst mit sechzehn Jahren mit dem Lernen begonnen, denn ich war ein dünnes, zartes Kind. Die Familie hat mich geschont. Ich war sechzehn, als ich mit der Schule begann, und mit siebzehn Jahren habe ich aufgehört. Also habe ich nur ein Jahr lang gelernt. 

Ich war nie unter Nichtjuden. Ich hatte meine jüdischen Freundinnen und unsere Gesellschaft. Und als ich vierzehn oder fünfzehn Jahre alt war, das waren schon die 1940er-Jahre, hatte es keinen Sinn, zu nichtjüdischen Leuten Kontakte zu pflegen. 

Als ich acht Jahre alt war, begann bereits der Antisemitismus. In Soltvadkert lebten viele Schwaben, und die waren ziemliche Antisemiten. Ich kann mich noch erinnern, schon als ich Kind war, hat man Fenster von jüdischen Häusern oder Wohnungen eingeschlagen und auf die Geschäfte von Juden malte man Davidsterne. 

Einmal - das werde ich nie vergessen - ich war ein kleines Mädchen und ging von zu Hause zu einem Verwandten, lief mir ein Kind, ein Christ, nach. Er ergriff meinen Hals und kratze, bis es blutete. Nur weil ich ein ‚Judenkind’ war. Ich rannte heulend nach Hause. Meine Eltern haben es nicht gewagt sich zu beschweren.

Unsere Eltern haben uns auch nichts erklärt, wir haben es ohnehin gewusst. Wir haben verstanden, worum es ging. Wir haben es verstanden, trotzdem ist die Angst geblieben.

Meine Eltern verreisten nie, aber ich fuhr in den Ferien zu unseren Verwandten. Meine Tante und ihre Familie wohnten in Kiskörös, das war nicht weit von uns entfernt. Sie waren sehr wohlhabende Leute und hatten mehrere Gehöfte. 

Sie hatten einen Weinberg mit Gehöft und einen Wald mit Gehöft. Da verbrachten wir Kinder die Sommerferien. Die Kinder meiner Tante waren in meinem Alter, und wir waren im Sommer immer zusammen. 

Die Deutsch-Kinder, deren Eltern reiche Weinhändler waren, sind im Sommer immer verreist. Und auch meine älteste Schwester Elisabeth fuhr mit, die haben sie immer mitgenommen. 

Sie war in Tapolca [Stadt in Ungarn am Plattensee] in der Sommerfrische, und sie fuhr auch in so ein Kinderferienlager. Es gab ein Ehepaar, das sich damit beschäftigte, mit Kindern in die Sommerfrische zu fahren. 

Meine Tante und ihre Familie, die es sich haben leisten können im Sommer zu verreisen, haben am Semmering, im Tatra Gebirge oder bei Miskolc [Ungarn] - da gibt es doch auch Berge - Urlaub gemacht. 

Dort haben sie immer eine Villa gemietet. Sie nahmen auch die Magd mit, denn kochen musste man ja selber. In einem Auto habe ich auch ziemlich früh gesessen, so mit acht Jahren, denn mein Cousin hatte ein Auto, und manchmal fuhr er uns einfach herum. Oder aber es kamen Handelsvertreter zu meinem Vater, um ihre Waren an ihn zu verkaufen, und auch unter ihnen gab es welche, die ein Auto besaßen. 

Die wollten mir natürlich schmeicheln! Mein Vater hat bei ihnen schön brav eingekauft, und dann nahmen sie uns kleine Mädchen auf eine Fahrt mit. Mein Vater fuhr jedes Jahr mit dem Zug nach Csorna [Stadt in Westungarn], denn seine Mutter und sein Bruder lebten dort. Sie hatten in Csorna ein Textilgeschäft. 

Auch dort war ich einmal in den Ferien, ich war damals zehn oder zwölf Jahre alt. Jedes Jahr, wenn mein Vater seine Mutter besuchte, saß ich einem anderen Kind auf den Schultern. Auf dem Weg nach Hause hielten wir in Budapest an, damit er mir Budapest zeigen kann, den Zoo und den Lunapark. Erst Jahre später, nach dem Krieg, war ich wieder in Budapest. 

Ich wollte Frisöse werden. Meine Geschwister hatten schon alle einen Beruf erlernt, und um in die Schule zu gehen, war es für mich schon zu spät. Aber der einzige Christ wollte keine Jüdin in die Lehre nehmen, denn er hatte Angst, dass der Lehrer einer Jüdin verbannt wird. 

Die einzige jüdische Frisöse wollte mich auch nicht in die Lehre nehmen, denn sie hatte Angst, dass ich nach der Lehre zu ihrer Konkurrenz werde. Sie wusste nicht, dass wir ein Jahr darauf alle nach Auschwitz [KZ Auschwitz, Polen] kommen werden. Die Familie des Uhrmachers, das waren alle Uhrmacher - Papa, Mama und all die Kinder - haben mich aufgenommen. 

Dort habe ich ein Jahr lang gelernt. Als ich zurückkam aus dem KZ, hat man mir dieses eine Jahr angerechnet. Aber ich hatte nicht viel gelernt, dadurch war ich keine gute Facharbeiterin. Drei Monate waren wir, meine Mutter, meine Schwestern und ich, nach dem Einmarsch der Deutschen 1944 noch zusammen.

Aus dem Ghetto kamen wir nach Kecskemet und von dort ins KZ nach Auschwitz. Der Dr. Mengele [6] hat uns voneinander getrennt. Meine älteste Schwester Erzsebet kam aus dem KZ Auschwitz leider nicht zurück. Sie ist mit meiner Mutter in Auschwitz verschwunden. 

Im KZ Auschwitzwaren wir auch drei Monate. Während dieser drei Monate wurden wir oft selektiert und von einem Lager ins andere gebracht.Mit meiner Schwester Irén brachte man mich nach Deutschland, ins KZ Bergen-Belsen. Und Anfang November brachte man Irén und mich zur Zwangsarbeit nach Duderstadt bei Hannover [Deutschland]. 

 

  • Nach dem Krieg

Als man uns von dort weggebracht hat, kamen gerade neue Häftlinge aus Auschwitz in Duderstadt an. Da bin ich noch einem Cousin von mir begegnet. Irén und ichhaben dann in einer Munitionsfabrik gearbeitet.Mein Bruder Sándor war zum Arbeitsdienst einberufen worden. Er war im November 1944 bereits wieder zu Hause, er wurde von den Russen befreit. Soltvadkert wurde im November 1944 durch die Russen befreit. 

Irén und ich wurden am 10. Mai, der Krieg war am 8. Mai zu Ende, befreit. Die Deutschen haben noch lange gekämpft, sie wollten das Lager, in dem wir waren, nicht aufgeben. Aber am 10. Mai wurden auch wir befreit, und am 15. Juni kamen wir nach Hause. Wir haben noch darauf gehofft, dass auch die anderen Familienmitglieder nach Hause kommen. 

Mein Vater ist am Leben geblieben. Er war nach Österreich in ein Arbeitslager deportiert worden. Alle 60 bis 80 Menschen, die in diesem Betrieb waren, sind am Leben geblieben. Mein Vater hat zwei Jahre später noch mal geheiratet. Als wir nach dem Krieg nach Soltvadkert zurückkamen, ging das Leben weiter, als wäre nichts passiert - alles war wie immer, wir waren nur ein Jahr weg.

Die christlichen Nachbarn haben wir natürlich nicht sehen können, wir lebten ja noch mit dem Gefühl, dass sie uns eigentlich verrecken haben lassen. Es gab ja anständige Leute, die gesagt haben: Wir verstecken euch, wir retten euch oder so etwas. Aber bei uns gab es das nicht. 

Gleich nach dem Krieg hat mein Vater das Textilgeschäft wieder aufgemacht, und er führte es bis 1951. Dann ist er nach Israel ausgewandert, denn die Frau, die er geheiratet hat, hatte eine Tochter in Israel. Die Tochter war hatte es noch irgendwie während des Krieges nach Israel geschafft. Mein Vater und seine Frau zogen offiziell nach Israel. 

Mein Vater war 81 Jahre alt, als er starb. Er hat bis zur letzten Sekunde seines Lebens gearbeitet. Mit 80 Jahren hat er noch gearbeitet und Geld verdient. Er hatte keinen eigenen Laden mehr, aber er wollte auch keinen. Er war Verkäufer in einem Souvenirladen, seine Frau bekam außerdem Geld von der deutschen Wiedergutmachung. So haben sie gut gelebt, sie hatten nie finanzielle Schwierigkeiten. Er blieb religiös, aber er war nicht bigott.

Mein Bruder hatte sofort mit einer Schneiderlehre begonnen. Es ist aber nie ein guter Schneider aus ihm geworden, aber irgendwas musste er doch machen. Er verließ Ungarn 1948 und emigrierte nach Israel. Ich habe zu ihm den Kontakt weitergepflegt.

Ich arbeitete als Uhrmacherin bei dieser Familie, bei der ich es gelernt hatte, denn sie hatten auch in Budapest einen Laden, den sie führten, und ich führte den Laden in Soltvadkert. 

Meine Schwester Iren heiratete einen Mann, der in Högyész eine Lederhandlung besaß. Aber als Ungarn eine kommunistische Regierung bekam, durfte es keine privaten Geschäfte mehr geben. Sie sind auch nach Israel emigriert und leben noch immer dort. Sie leben auf dem Lande und hatten es nicht leicht. 

Immerhin hat Iren sechs Kinder großziehen müssen, sie selbst hatte fünf, und meine Tochter war das sechste. Sie hatte meine kleine Tochter auch deshalb so lieb, weil sie fünf Söhne hatte, und so wenigstens auch noch eine Tochter. 

Aber sie hatte ein sehr hartes Leben. Jetzt hat sie es leichter, aber sie muss immer noch sehr viel arbeiten. Von den fünf Söhnen, die sie hat, hat der älteste 14 Kinder, der zweite vielleicht zehn oder zwölf, und auch der dritte und der vierte haben mehr als zehn Kinder. 

Der fünfte Sohn hat nur drei Kinder. Er bekam in den ersten acht Jahren seiner Ehe kein Kind, aber nach acht Jahren bekamen sie das erste, dann noch eins und noch ein Kind. Der Mann meiner Schwester heißt Binet, er ist als einziger aus seiner Familie am Leben geblieben, und heute hat er wieder eine riesengroße Familie. 

Sie haben ungefähr fünfzig Enkelkinder, und von den fünfzig Enkelkindern haben sie Urenkel - mindestens fünfzehn oder zwanzig. 

So eine große Familie wurde aus dem einen Mann. Sie sind sehr religiös: ‚Was der Herrgott gibt, das muss man nehmen’, sagen sie und haben die Kinder eins nach dem anderen gezeugt. Frauen, die immer nur am Gebären waren, taten mir schon immer sehr leid. Und alle haben es sehr schwer. 

Diese Familie ist bigott. Es hat auch meinem Vater nicht gefallen, wie mein Schwager seine Kinder erzieht. Er hat es nie gemocht. Er war ihm böse, denn er war modern religiös. Es ist auch nicht meine Welt. Wenn wir zusammenkommen, haben wir nicht viel zu besprechen. Wir leben in einer ganz anderen Welt. 

Auch mein Bruder ist modern religiös. Seine erste Frau ist gestorben, jetzt ist er wieder verheiratet. Er hat keine Kinder. Er war an der Universität in Jerusalem angestellt. 

Er arbeitete zuvor lange in einem dieser wissenschaftlichen Gärten, wo man studierte, wie man im Negev [Anm.: Wüste in Israel] aus Sand fruchtbaren Boden machen und Pflanzen anbauen kann, dann konnte er nicht mehr, denn es war eine sehr harte Arbeit. Er zog nach Jerusalem und bekam an der Universität eine Stelle. Von dort ist er dann in Rente gegangen.

1948 hat man uns unser Haus in Soltvadkert weggenommen und unser Geschäft verstaatlicht, und dann hat uns der Ort das große Haus genommen, denn es war ja ein riesengroßes Grundstück an der Hauptstraße. Nachdem so gut wie die ganze Familie von dort geflüchtet war, gingen auch meine Onkel aus ihren Häusern weg. Alle drei hatten wunderschöne neue Häuser. Alles wurde verstaatlicht - alles wurde uns genommen. 

Erst jetzt, wo es mit dem Kommunismus aus ist, haben sie irgendein schäbiges Grundstück auf dem Lande erhalten - als Wiedergutmachung - es ist zum Lachen! Als man schon nach Ungarn hat fahren können, und wir schon einen Wagen hatten, fuhren wir hin, um zu sehen, ob es unser Haus noch gibt und wer darin wohnt. 

Man hatte es abgerissen und an seiner Stelle einen Marktplatz errichtet. Auf den hat man bis heute nichts gebaut. Es ist nur ein großer Marktplatz, niemand wohnt da. Auch die Keller wurden abgerissen, dabei waren es sehr gute Keller.

Die ganze Gegend dort lieferte für sie den Wein. In den Kellern war der Wein gelagert, denn die Familie hatte eine Weingroßhandlung und exportierte nach Österreich und nach Deutschland vor dem Krieg. 

1946 heiratete ich Ladislaus [Laszlo] Bernath. Er ist am 21. Oktober 1925 in Kiskörös geboren. 1948 ging ich mit ihm nach Budapest. Dort wohnten wir in Untermiete bei einem Verwandten. 

Es war eine sehr große Wohnung, also war es kein Problem, die Dienstmagd mitzunehmen, denn da hatte ich schon zwei Kinder. Als wir dann aus Ungarn ausgewandert sind, ist sie in der Wohnung, in der wir dann gewohnt hatten, geblieben. Sie hat dann geheiratet, aber das war erst Jahre später. 

Wir nahmen uns vor, nach Israel zu flüchten, aber man hat mich auf dem Weg mit unserer Tochter Edit an der Hand, gefasst. Mein Mann war mit unserer Tochter Marta schon über die Grenze.Mich haben sie gefangen, nach Ungarn zurückgebracht und ins Gefängnis gebracht. Das Kind wurde mir weggenommen. 

Damals lebte mein Vater noch in Ungarn, das Kind kam zu ihm. Aber als man mich das zweite Mal erwischte, nachdem ich fünf Monate im Gefängnis gesessen hatte, und es nochmals versuchte, da nahmen unsere Verwandten meine Edit zu sich. 

Und als ich das zweite Mal wieder frei war, da sagte ich: Jetzt reicht es mir. Egal, was passiert, ich bleibe hier! Ich begann in der Uhrmacher Genossenschaft zu arbeiten, wo man mich durch Protektion aufgenommen hatte, obwohl ich aus dem Gefängnis gekommen war. 

Ich war ja ein politischer Verbrecher! Dort habe ich gearbeitet und mein Brot verdient. Sie haben gesehen, wie sehr ich durch die Handarbeit gelitten habe, da hat mich die Buchhaltung übernommen. Ich lernte die Buchführung, und so habe ich für mich versorgt bis ich nach Wien kam. 

Fünfeinhalb Jahre waren mein Mann und ich voneinander getrennt, da sah ich eine neue Gelegenheit zu flüchten. Mir war egal, was sie mit mir machen, wenn sie mich wieder erwischen. Ich dachte, ich muss es noch einmal versuchen. Zum dritten Mal bin ich dann mit meinem Kind losgefahren, und dann ist es uns gelungen, bei Szombathely über die Grenze zu kommen.

Am Ende bin ich mit einer Kutsche über die Grenze gekommen! In Szombathely bin ich mit meiner Tochter aus dem Zug gestiegen, und ein Bauer erwartete uns mit seiner Kutsche. Wir kletterten auf die Kutsche, wurden mit Stroh zugedeckt, damit man uns nicht sehen konnte und fuhren los. Der Bauer wohnte direkt an der Grenze. Das Ende seines Gartens war schon Österreich. 

So etwas gibt es auch jetzt noch. Nur hat man damals strenger die Grenze bewacht. Der Bauer wusste, wann der Wachewechsel stattfindet und kein Grenzsoldat an der Grenze ist. Er brachte mich in den Garten und sagte: ‚Von hier sollst du geradeaus gehen in die Richtung, wo du das Licht siehst - das ist schon Österreich. Dort kann dir nichts mehr passieren.’ 

In der Nacht ging ich los mit meiner achtjährigen Tochter und einer Handtasche mit sauberer Unterwäsche. Mein Mann hat mich schon erwartet. Meine Tochter wusste, dass er ihr Vater ist, wir hatten immer über ihn gesprochen, und er hatte oft mit uns telefoniert.

Meine Tochter Márta war elf Monate alt, als sie von mir wegkam, und sie war sechs Jahre alt, als ich sie zurückbekam. Mein Mann hatte sie nach Israel zu meiner Schwester gebracht. 

Eine Mutter verliert den Kontakt zu ihrem Kind niemals, selbst wenn sie es zehn oder gar zwanzig Jahre lang nicht sieht, aber für mein Kind muss es sehr schwer gewesen sein, und leider hat es sie sehr mitgenommen, denn sie hat Probleme. 

Márta hat dieses ganze hin und her sehr mitgenommen, und sie wird nie gesund. Sie hat ein tragisches Leben. Sie hat eine schreckliche Ehe hinter sich mit einer schrecklichen Scheidung, und ihre vier Kinder hat der Vater zu sich genommen, und sie wurden ihr nicht zurückgegeben. Und all das ist darauf zurückzuführen, dass ihr ganzes Leben, von der ersten Sekunde an, schief gegangen ist. Wir haben vieles mitgemacht - sehr viel!

Als wir schon wussten, dass wir in Wien bleiben werden und eine Wohnung hatten, ließen wir Márta nach Wien bringen. Wir lebten ein normales Leben. Ich hatte ein Geschäft und verdiente Geld. Und seither leben wir immer noch hier in Wien. Unsere Tochter Vivian wurde 1958 in Wien geboren. 

 

  • Glossar:

[1]Aschkenase, Pl. Aschkenasen [hebr. Aschkenas = Deutschland]: die Selbstbenennung der Juden Mittel- und Osteuropas, die eine gemeinsame religiöse Tradition, Kultur und die Jiddische Sprache verbindet.

[2]Cheder [hebr:Zimmer]: die Bezeichnung für die traditionellen Schulen, wie sie bis Beginn des 20. Jahrhunderts im osteuropäischen Schtetl üblich waren. Der Unterricht fand im Haus des Lehrers statt, der von der jüdischen Gemeinde bzw. einer Gruppe von Eltern finanziert wurde, und war in der Regel nur Jungen zugänglich. Der Unterricht fand in kleinen Gruppen mit Jungen verschiedener Altersgruppen statt. 

[3]Jeschiwa [Pl. Jeschiwot], wörtlich ‚Sitzen’; Talmudhochschule. Traditionelle jüdische Institution, an der hauptsächlich der Talmud studiert, das darin enthaltene Jahrtausendalte jüdische Wissen verarbeitet und an kommende Generationen weiter vermittelt wird. Jeschiwot gab es nachweislich schon zur Zeit des Zweiten Tempels.

[4]Perücken - Scheitl [Scheitel]: Die von orthodox-jüdischen Frauen getragene Perücke.

[5]k.u.k.: steht für ,kaiserlich und königlich' und ist die allgemein übliche Bezeichnung für staatliche Einrichtungen der österreichisch-ungarischen Monarchie, z.B.: k.u.k. Armee; k.u.k. Zoll; k.u.k. Hoflieferant....

[6]Mengele, Josef: KZ Arzt im KZ Auschwitz. Berüchtigt durch seine Menschenversuche, nacher tötete er meistens seine Opfer. Nach Ende des Krieges gelang ihm die Flucht, er wurde nie gefasst.

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Laszlone Bernath
Interviewt von:
Zsuzsi Szaszi
Monat des Interviews:
November
Jahr des Interviews:
2001
Wien, Österreich

HAUPTPERSON

Laszlone Bernath
Geburtsjahr:
1926
Jahrzehnt der Geburt:
1920
Geburtsort:
Soltvadkert
Geburtsland:
Ungarn
Beruf
Vor dem 2. Weltkrieg:
Schülerin
nach dem 2. Weltkrieg:
Hausfrau
Familiennamen
  • Vorheriger Familienname: 
    Friedmann
    Jahr der Namensänderung: 
    1946
    Grund der Namensänderung: 
    Heirat
    Decade of changing: 
    1940

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