Franziska Smolka

Wien, Österreich

Prof. Dr. Franziska Smolka
Wien
Österreich
Datum des Interviews: November 2004
Name des Interviewers: Tanja Eckstein

Franziska Smolka, Franzi von ihren Freunden genannt, empfing mich mit großer Freude. Den Kinderarzt Timothy Smolka, ihren Ehemann, hatte ich bereits interviewt. Seit dem Tod ihrer Mutter, der bekannten Rechtsanwältin Dr. Philippine Fischer, trug sie die schwere Last der Verpflichtung auf den Schultern, die Familiengeschichte aufschreiben zu müssen. Nun konnte sie sich guten Gewissens dieser Pflicht entledigen. Wir verbrachten viele interessante Stunden in der großen, kulturvollen gemütlichen Innenstadtwohnung, zwei Gehminuten vom Wiener Stadttempel entfernt. Franziska Smolka erzählt die Geschichte ihrer Familie. Sie erzählt auch über ihre große Wandlung einer kommunistisch, antireligiös erzogenen Tochter zur selbstbewussten Jüdin. 
Im Zuge einer Arbeit für die österreichische Historikerkommission fuhr ich durch ganz Österreich, um die zerstörten jüdischen Gemeinden oder die Reste der zerstörten jüdischen Gemeinden aufzusuchen. In Steyr gibt es zum Beispiel das Haus, in dem einst die Synagoge war noch, aber heute beherbergt das Haus einen Supermarkt.

Meine Familiengeschichte
Meine Eltern
Meine Kindheit während des Krieges
Nach dem Krieg
Meine Schulzeit
Mein Mann
Unsere Kinder
Die Bedeutung Israels für mich
Mein religiöses Leben
Glossar

 

Meine Familiengeschichte

Meine Ururgroßeltern mütterlicherseits, das heißt die Eltern meiner Urgroßmutter Rosa Singer, die 1846 als Rosa Kohn geboren wurde, hießen Ascher und Miriam Kohn. Miriam Kohn war eine geborene Schlesinger. Sie hatten fünf Kinder und lebten in Pucho, der heutigen Slowakei. Ascher Kohn wurde ungefähr 1800 geboren, hat mit Häuten gehandelt und wurde sehr alt. Ich glaube, er starb im Jahr 1895. Er schrieb meiner damals 17jährigen Großmutter Regine im Jahr 1894 einen Brief in deutscher Sprache mit lateinischen Buchstaben. Das ist sehr auffallend, denn andere Leute zu dieser Zeit haben kurrent geschrieben. In dem Brief hat er sie ermahnt, dass sie bei Herrn Jank, ihrem Arbeitgeber, brav und tüchtig sein solle.

Die älteste Tochter Josefine Kohn, Pepi genannt, war mit dem Holzhändler Israel Hochfelder verheiratet. Sie haben in Caca, der heutigen Slowakei, gelebt und hatten zwei Kinder: Karl und Sofie. Israel Hochfelder hat Dachschindeln erzeugt.

Hermann Kohn war Holzhändler und lebte in Sereth, der heutigen Ukraine. Als er Bankrott ging, übersiedelte er nach Budapest. Dort ließ er seinen Namen in Kalmar magyarisieren.
Er hatte drei Söhne und fünf oder sechs Töchter. Meine Großmutter konnte sich an die Namen Gustav und Richard, Paula, Hermine, Irma, Adele und Cilli erinnern. Gustav und Richard lebten in Berlin. Die Großmutter erzählte mir auch, dass Cilli aus Kränkung über den Bankrott des Vaters nach Amerika auswanderte.

Katharina Kohn war mit Herrn Neubauer verheiratet. Sie hat in Nagy-Bitse, in Ungarn, gelebt und war Damenschneiderin. Sie war die zweite Frau des Neubauers. Ihre Tochter Ludmilla heiratete einen Herrn Deutsch, der in Gödöllö, in Ungarn, eine Spirituosenfabrik besessen hat. Der Sohn, dessen Name ich nicht weiß, war taubstumm.

Philipp Kohn besaß eine Stärkefabrikation in Sereth. Den Namen seiner Frau weiß ich nicht. Seine Kinder waren Paula, verehelichte Gartenberg, Rene, verheiratete Nordin, die in Stockholm gelebt hat und nach dem Krieg mit meiner Großmutter und meiner Mutter Kontakt hatte, Nelly, verehelichte Roth, Irma, verehelichte Hussnik, die einen Sohn Kurt hatte, Frieda, von der man erzählt hat, dass sie ihrem Gatten in der Hochzeitsnacht durchgegangen sein soll, Philippine, die nach Philadelphia ausgewandert ist, Charlotte, verehelichte Hönigsfeld, deren Gatte Direktor der Firma Schenker in Zagreb war und deren Stiefsohn, Ingenieur Hönigsfeld, in Dubrovnik lebte und der jüngste Sohn Hugo Kohn, der mit Olga, geborene Stern, verheiratet war. Er ist nach Argentinien ausgewandert und hat seinen Namen in Marton geändert. Olga kam nach seinem Tod in den 1950er-Jahren nach Wien zurück und lebte noch lange Zeit in der Theresianumgasse [4. Bezirk]. Ihre Tochter Henriette, verehelichte Weil, wurde 1922 geboren.

Die Ururgrossmutter Mirjam starb im Frühjahr 1872.

Meine Ururgroßeltern mütterlicherseits, die Eltern meines Urgroßvaters Jakob Singer, hießen Mordechai und Therese Singer. Sie haben in Modlacin bei Marikovo, in der heutigen Slowakei, gelebt. Mordechai Singer hat eine Landwirtschaft und eine Schnapsbrennerei betrieben. Er soll angeblich 92 Jahre alt geworden sein. Therese, von großem Wuchs, sehr schön aber streng, war seine zweite Frau. Der Ururgroßvater hatte aus erster Ehe zwei Töchter. Die erste Tochter ehelichte einen gewissen Riess, die zweite wanderte nach Nordamerika aus.

Mit seiner zweiten Frau Therese hatte er fünf Kinder. Der Älteste von ihnen war mein Urgroßvater Jakob Singer. Er hatte zwei Schwestern und zwei Brüder.

Seine Schwester Maria war mit Herrn Marmorstein verheiratet, Betty hat einen Cousin mit Namen Karl Singer geehelicht, und Philipp Singer hat Rosa Spitz geheiratet. Philipp war Schnapsbrenner und Landwirt wie sein Vater und hatte sechs Kinder: Berta, Ilka, Marta, Oskar, Gabor und Hermine. Jakobs Bruder Samuel Singer ist 1878 während des Militärdienstes in Klausenburg [Cluj: heute Rumänien] an den Folgen eines Sturzes vom Pferd gestorben.

Mein Urgroßvater Jakob wurde am 1. Mai 1840 in Marikovo im Trencsiner Komitat [heute Slowakei] geboren. Am 18. Januar 1871 heiratete er, wie schon erwähnt, meine Urgroßmutter Rosa, jüdisch Schoschana, Kohn, Tochter des Ascher Kohn und der Miriam Schlesinger, die 1846 geboren wurde. Sie bekamen sieben Kinder. Zuerst lebten meine Urgroßeltern in Marikova, wo am 21. Dezember 1871 Klara, die älteste Schwester meiner geliebten Großmutter Regine, geboren wurde.

Meine Urgroßmutter Rosa stammte aus einem vermögenden Haus. Sie ist als Kind sehr verwöhnt worden.  Ihr Mann, der Jakob, war sehr fleißig: man hat von ihm gesagt, er arbeite, was er nur könne, aber er hatte kein Glück. Man hat erzählt, er sei mit der 'Glaskraxn' gegangen, was so viel heißt wie, er hat Glas zu den Bauernhäusern gebracht und gefragt, ob Fensterscheiben einzuschneiden wären. Nach diesem Urgroßvater habe ich meinen Sohn Jakob benannt.
Sein Leben lang hat der Urgroßvater schwer gearbeitet, und die Familie musste immer dahin übersiedeln, wo der Urgroßvater Arbeit bekam. Im Jahr 1884 ist der Urgroßvater mit der Familie nach Brosz-Saszvaros in Siebenbürgen [heute Rumänien] übersiedelt. Ich besitze noch die Kiste, wo ihre ganze Habe drin war. In Brosz-Saszvaros war er bei Kollmann bedienstet. Als dieser Bankrott ging, fand mein Urgroßvater in Ungarn bei Pick in Steinamanger, ungarisch heißt die Stadt Szombathely, einen Posten.

Später, im Jahre 1887, wurde er Verwalter des Sägewerks in Anger bei Weiz in der Ost-Steiermark. Da er die Familie nicht gleich nachkommen lassen konnte, schickte er sie zu seinem Bruder Philipp, der in Predvicho, Komitat Turoc [heute Slowakei] eine große Landwirtschaft besaß und eine Schnapsbrennerei, in der er Wacholderschnaps, Borowitzka und Slivowitz erzeugte. Er versprach, dass Frau und Kinder ein gutes Leben bei ihm haben werden.

Die Urgroßmutter musste aber hart arbeiten. Sie hatte Philipps großes Haus in Zniovaralia [heute: Klastor p. Znievom, Slowakei] und eine Schafherde zu versorgen, aber Geld bekam sie keines vom ihm. Darum hat sie zu dieser Zeit mit der Weißnäherei begonnen. Nach einem Jahr konnten sie zum Urgroßvater übersiedeln. Meine Großmutter konnte sich noch an die lange Reise und die Fahrt über den Semmering erinnern. In Graz holte sie mein Urgroßvater mit einem Pferdewagen ab.

Damals dauerte eine Reise von Graz nach Anger sehr lang. Vor jedem Berg mussten sie absteigen, denn das Pferd durfte sich nicht überanstrengen. Nach dem Krieg sind wir mit der Großmutter mit dem Auto von Graz nach Anger gefahren, und das dauerte fünf Viertelstunden.

In Anger wohnten sie im Verwalterhaus des Sägewerks Pick. Heute gehört das Haus der Gemeinde Anger. Großmutters Schwester Klara, die Älteste, hat viel im Haushalt geholfen, denn die Urgroßmutter war sehr krank und konnte kaum etwas machen. Klara hat jeden Morgen die einzige Kuh gemolken und Brot gebacken. Daran konnte sich meine Großmutter gut erinnern, die in Anger in die fünfte Klasse der Volksschule gekommen ist. Die Umstellung in der Schule ist ihr sehr schwergefallen, da sie davor in eine ungarische Schule gegangen ist. Vierzehn Tage hat sie kein einziges Wort verstanden, aber dann hat sie schnell die deutsche Sprache erlernt.

Meine Familie war in Anger die einzige jüdische Familie. Die Urgroßmutter führte wie immer ein koscheres [koscher: nach jüdischen Speisevorschriften rituell; rein] Haus, außer Hühnern gab es sowieso kein Fleisch für die Familie. Der Urgroßvater hat die Hühner selber geschächtet [koscher geschlachtet]. Man muss sich vorstellen, dass mein jüdischer Urgroßvater, der Verwalter der Sägemühle Pick war, gemeinsam mit den Honoratioren des Ortes zu Fronleichnam [1] durch den Ort hat ziehen müssen, das wurde so gewünscht.

Klara Singer, die älteste der Geschwister, heiratete am 24. April 1906 Ignaz Braun aus Köflach in der Weststeiermark, der aus einer relativ wohlhabenden Familie kam. Das Ehepaar ist kinderlos geblieben. Klara und Ignatz waren in Köflach sehr bekannt, denn ihnen gehörte ein Warenhaus, in dem die Bergarbeiter anschreiben lassen konnten und den Betrag am Zahltag mit dem Lohn beglichen. Außerdem gehörten ihnen Häuser, deren Wohnungen sie an Bergarbeiter vermieteten. So etwas hat es in der Steiermark an manchen Plätzen, zum Beispiel auch in Kapfenberg und in Mürzzuschlag, bei den großen Eisenwerken, gegeben. Ignatz Braun ist 1938 in Köflach gestorben. Bei meiner Arbeit für die Historikerkommission über die Auflösung der jüdischen Gemeinden, habe ich Ignatz Braun als einen der letzten, die von der Grazer Stiftung für arme Juden Geld bekommen haben, gefunden. Da dürfte es ihnen schon sehr schlecht gegangen sein. Die Nazis arisierten die Häuser, Tante Klara ist nach dem Tod ihres Mannes zu meiner Großmutter nach Graz übersiedelt und kurze Zeit später, als Graz judenfrei gemacht wurde, nach Wien transportiert worden. Von Wien ist sie 1942 in das KZ Theresienstadt [heute Tschechien] deportiert worden und 1944 dort umgekommen. Unter welchen Umständen kann ich nicht sagen, das weiß ich nicht. Nach dem Krieg hat es lange Rückstellungsgespräche gegeben. Im steirischen Landesarchiv existiert jedenfalls ein 1 Meter hoher Stapel Akten betreffend die Rückstellung der Güter, die der Tante Klara in Köflach gehört hatten, aber wie sie rückgestellt wurden, ist mir nicht bekannt.

Gustav Singer wurde 1872 geboren und starb 1946 in Buenos Aires. Dieser Gustav hatte einen Zwillingsbruder Sigmund, ich weiß nur, dass er bereits als Kind starb. Gustav ist lange vor dem Holocaust nach Argentinien ausgewandert und hat dort eine einheimische Frau geheiratet, die noch dazu schon große Kinder hatte, sehr zur Verärgerung der Familie. Ungefähr 1924 gab es noch ein kleines Kind, von dem die Großmutter sagte, es sei adoptiert worden. Ich halte es für durchaus möglich, dass das ein Kind mit dieser Frau war. Er war der einzige der Geschwister, mit Ausnahme der Großmutter, die nach dem Krieg noch am Leben waren und den die Brüder meiner Mutter, als sie nach Argentinien geflohen waren, aufsuchten. Aber der Kontakt war kein sehr enger.

Marie wurde am 6. September 1874 geboren und heiratete am 18. März 1906 Josef Bander. Sie lebten in Berlin und hatten vier Kinder. Von Tante Marie wird erzählt, dass sie die Gurken in die Familie eingeführt hat. Da sie von Berlin oft mit ihren Kindern im Zug nach Graz zu ihrer Familie gefahren ist, es sich aber nicht leisten konnte, mit den Kindern in den Speisewagen zu gehen, nahm sie gegen den Durst immer frische Gurken mit. Das war dann für die Familie eine ‚berlinerische Angelegenheit’, denn Rohkost war zu dieser Zeit noch nicht alltäglich. Also hieß es dann immer: Wenn man eine Reise macht, muss man eine Gurke mitnehmen. Der Sohn Max ist 1907 geboren, war Handelsangestellter, ist 1938 vor den Deutschen in die Tschechoslowakei geflohen und von dort nach Spanien gegangen, wo er am 16. August 1938 vor Gandesa im Spanischen Bürgerkrieg [2] gefallen ist. Die Tochter Elisabeth ist 1908 geboren und hat einen Herrn Schubert geheiratet. Sie und ihre Tochter Clodette, Claudi genannt, sind in einem Konzentrationslager umgekommen. Tochter Grete wurde 1910 geboren und hat in Berlin gelebt. Sie war mit dem um vieles älteren Ernst Hornung, der in Berlin eine kleine Privatbank besaß, verheiratet. Sie hatten zwei Kinder: Robert und Helen. Grete Hornung war eine sehr schöne Frau und ist eine sehr eindrucksvolle alte Dame, die in London lebt, wohin sie vor dem Holocaust geflohen waren. In ihren späten Jahren hat Grete mit der Bildhauerei begonnen und wurde eine sehr bekannte Bildhauerin. Sie ist Mitglied der Royal Society of Portraitist. Gretes Sohn Robert ist unverheiratet und ich glaube, er ist Antiquar. Über die Tochter Helen weiß ich nichts, nur, dass sie jünger als ihr Bruder ist. Martha Bander wurde 1914 geboren und war mit Herrn Lenhof verheiratet. Sie hatten einen Sohn Michael und flüchteten nach Mexiko, nach dem Einmarsch der Deutschen nach Österreich. Ich glaube, Martha ist bereits gestorben. Marie und Josef Bander wurden im Holocaust ermordet. 

Samuel Singer, von der Familie Onkel Schmieder genannt, wurde 1879 geboren. Er hatte den Beruf eines Hufschmieds gelernt, daher der Spitzname Schmieder. Während seines Armeedienstes im 1. Weltkrieg, schickte man ihn offenbar wegen seiner Fähigkeiten nach Wien auf die tierärztliche Hochschule, und er wurde Tierarzt. Er heiratete Else Grün, die in Wien im Jahre 1883 geboren war. Sie hatten drei Kinder: Fritz, Ernst und Elisabeth. Sie lebten in Bardejov, einer Stadt in der Slowakei. Fritz ist am 1. Mai 1910 geboren. Bereits in den 1930er-Jahren gingen er und sein Bruder Ernst, der am 12. Oktober 1917 in Wien geboren wurde, als Zionisten nach Palästina.
Im Jahre 1936 besuchten mein Großonkel Schmieder mit seiner Frau Else und Tochter Elisabeth Fritz und Ernst in ihrer neuen Heimat.

Ich lernte Ernst nach dem Krieg in Wien kennen. Er trug ständig eine Kipa. Da er aber kein orthodoxer Jude war, war das ungewöhnlich und er erzählte, sein Vater, der Onkel Schmieder, sei ihm im Traum erschienen und habe zu ihm gesagt: ‚Kannst du nicht eine Kopfbedeckung tragen?’ Daraufhin trägt Ernst jeden Tag eine Kipa. Er war verheiratet mit Sara, geborene Rosenblum, die 1920 in Halberstadt, in Deutschland, geboren war und 2003 starb. Sie hatten zwei Töchter: Hana und Drora. Hana, verheiratete Beglaiter, wurde 1947 und Drora, verheiratete Gorem, 1952 geboren. Droras Mann starb am 15. Juli 2005. Soviel ich weiß, lebt Ernst, aber es geht ihm gesundheitlich nicht sehr gut.

Elisabeth, Lisl genannt, die am 24. August 1914 geboren wurde, hatte lange Zeit im Haushalt meiner Großmutter Regine in Graz gelebt und die Schneiderei- und- Modefachschule absolviert. Diese Schule lag am Entenplatz und wurde Entenschule genannt. Durch die Jahre in Graz hatte sie eine enge Beziehung, auch zu den Geschwistern meiner Mutter. Elisabeth gefiel es in Palästina so gut, dass sie beschloss, nicht mit ihren Eltern nach Hause zu fahren. Im Jahre 1938 heiratete sie Max Dembsky. Meine Großmutter traf sie nach dem Krieg in Israel und sie meinte, Max Dembsky sei Berliner, denn er habe einen Berliner Akzent. Sie hatten drei Kinder,
Tochter Tamara, Tani gennant, wurde 1938 geboren und ist mit Amazia Ogni verheiratet. Sie hat zwei Kinder, Juval und Danit. Tamara und Mizi, wie ihr Mann Amazia genannt wird, leben in einem Kibbutz in Malkia, im Galil, im Norden von Israel. Sie haben neben ihren zwei eigenen Kindern zwei Kinder adoptiert, deren Eltern verunglückt sind. Heute ist Tamara bereits Urgroßmutter.

Michael, Lisls Sohn, der 1943 geboren wurde, war verheiratet und fiel im Jom Kippur [3] Krieg.

Tochter Elsi wurde 1947 geboren. Sie war verheiratet und hat, glaube ich, zwei oder drei Kinder. Sie lebten in Karmiel [Israel] und dort war sie Leiterin der Sprachschulen [hebr: Ulpanin] für Neueinwanderer. Voriges Jahr hat sie sich das Leben genommen. 

In erster Ehe war Schmieders Sohn Fritz mit Chanka verheiratet. Aus dieser Ehe stammen zwei Kinder: Schlomo und Uriel. In zweiter Ehe war er mit Atara verheiratet. Die Kinder aus dieser Ehe sind Doriel und Liora.

Onkel Schmieder und seine Frau fuhren allein aus Palästina nach Bardejov zurück und Onkel Schmieder sagte: ‚Einer muss arbeiten, um die Kinder zu erhalten.’

Als meine Großmutter, sie war eine sehr moralische Frau, das erste Mal Israel besuchte, um ihre israelischen Neffen und Nichten kennen zu lernen, kam sie zurück und berichtete: ‚Es gab eine Familienjause und alle waren mit ihren Frauen, den ersten und den zweiten und allen Kindern da. Da hieß es dann immerzu: Mein, dein, sein, unser, euer, ihr. Aber offensichtlich leben die alle sehr gut miteinander.’

Meine Großmutter Regine und ihr Bruder Samuel kamen in Pucho auf die Welt. Von dort ist die Familie nach Altsohl [heute Slowakei] übersiedelt, wo der Urgroßvater bei einem Herrn Kollmann im Sägewerk angestellt wurde. Meine Großmutter hat in Altsohl die erste und zweite Volksschulklasse besucht. Die erste Klasse wurde in slowakischer Unterrichtssprache gelehrt, die zweite in ungarischer Unterrichtssprache. Ich weiß nicht warum, aber man hat plötzlich nicht mehr slowakisch sprechen dürfen.

Ab ihrem 13. Lebensjahr, das war 1890, lebte meine Großmutter in Graz und besuchte dort die Bürgerschule. Das erste Jahr wohnte sie bei Frau Orowan, die eine Verwandte war. Danach wohnte sie ein Jahr bei Familie Fürst und schließlich übersiedelte sie in das Haus der Schneidermeisterin Frau Feuerstein. Drei Jahre besuchte sie die Bürgerschule und anschließend die Abendschule der Handelsakademie. Tagsüber hat sie sich um das Baby Franz Feuerstein gekümmert, das gerade zur Welt gekommen war, am Abend lernte sie Buchhaltung.
Mit 17 Jahren, das war 1894, hatte sie eine Stelle als Praktikantin beim größten Import-Export Geflügelgroßhandel der österreichisch-ungarischen Monarchie. Simon Jank, der Besitzer,
war Protestant und Junggeselle und ich vermute, nach den Erzählungen meiner Großmutter, homosexuell. Natürlich ist es höchst ungewöhnlich gewesen, dass er eine junge Frau, noch dazu eine Jüdin, in seine Firma genommen hat.

Die Eltern der Großmutter sind 1896 von Anger nach Ramingstein, das liegt an der Grenze zwischen Salzburg und der Steiermark, übersiedelt. Auch in Ramingstein hatte der Urgroßvater bei Pick einen Posten bekommen. Im Jahre 1901 oder 1902 ist meine Urgroßmutter nach Graz übersiedelt. Der Herr Pick hat das Gut in Ramingstein verkauft, mein Urgroßvater musste noch die Liquidation durchführen und ist dann auch nach Graz übersiedelt. Im Jahr 1903 oder 1904 hatte er einen Herzanfall.

Herr Jank hat meine Großmutter sehr bald in seine Firma als Angestellte übernommen und im Alter von 24 war sie schon Prokuristin.

Da der Herr Jank oft seinen großen Kundenstamm besuchte und neue Kunden werben musste, hat meine Großmutter das Geschäft geführt. Sie hat auch dafür gesorgt, dass die Hühner verpackt und von Lohndienern, in Weidenkörben mit Eisblöcken, auf den Bahnhof geführt wurden.
In der Weihnachtszeit wurden Hühner verschickt, die als besondere Attraktion als Steirerbub und Steirermädel angezogen waren.

Jeden Abend hat meine Großmutter den Tagesumsatz zur Bank am Grazer Hauptplatz gebracht. Hinter dem Schalter, ihr vis a vis, saß mein Großvater Josef Bendiner. Sieben Jahre, jeden Tag, hat sie ihn gesehen, ihn geschätzt, ihn heiß verehrt, aber er hat sie nicht einmal angeschaut.
Als Herr Jank im Jahre 1905 Selbstmord beging, er erhängte sich im Hotel Straubinger in Bad Gastein, hinterließ er ein Testament, das sogar in der Kronen Zeitung veröffentlicht wurde. In dem Testament wurde jeder, der mit ihm irgendwie geschäftlich in Kontakt gekommen war, vom Lohndiener bis zum Dienstmann und der Bedienerin, mit einem Legat bedacht. Aber als Universalerbin hat er meine Großmutter, das Fräulein Regine Singer, die das Geschäft bereits jahrelang allein geführt hatte, eingesetzt. Man kann sich vorstellen, was das für ein Aufruhr in Graz gewesen ist. Ein jüdisches Mädchen vom Land ist von einem protestantischen Junggesellen als Universalerbin eingesetzt worden. Das war monatelang das Gespräch der Stadt.

Von einem Moment zum anderen ist meine Großmutter ein wohlhabendes Mädchen geworden, denn das Erbe hat 70.000 Kronen betragen. Das war sehr viel Geld! Meine Großmutter erzählte, wie daraufhin die Herren ihr die Tür eingerannt sind und sie heiraten wollten. Und sie sagte: ‚Ich bin nur gesessen und habe auf einen gewartet; das war jener Josef Bendiner, bei dem ich jeden Tag das Geld abgegeben hatte. Und er ist gekommen, und der ist dein Großvater geworden.’

Die Großeltern heirateten am 24. September 1905 in St. Gotthard, in Ungarn. Der Großvater ist in Güssing zuständig gewesen und in Ungarn gab es damals die Ziviltrauung, die es in Österreich noch nicht gegeben hat. In Österreich konnte man nur bei Religionsverschiedenheit zivil getraut werden, sonst hat man religiös heiraten müssen. Das ist noch das alte bürgerliche Gesetzbuch gewesen. Und so sind die beiden nach Ungarn gefahren, zwei Rabbiner sind ihre Trauzeugen gewesen. Im Tempel haben sie aber nie geheiratet.

Mein Großvater scheint mit seinen Gefühlsäußerungen meiner Großmutter gegenüber nicht sehr zurückhaltend gewesen zu sein, denn meine Großmutter erzählte: ‚Stell dir vor, vier Kinder hatte ich ihm schon geboren und da sagte er: ‚Regine, geheiratet habe ich dich des Geldes wegen, jetzt habe ich dich auch schon lieb.’ Also ich meine, die große Liebe seinerseits kann es nicht gewesen sein. Sie hat ihn heiß geliebt, sonst hätte sie ihn nicht geheiratet. Aber sie war sich dessen völlig bewusst, dass er sie des Geldes wegen geheiratet hatte.

Die Eltern meiner Großmutter waren bei der Hochzeit dabei, ein halbes Jahr später, am 16. April 1906, starb der Urgroßvater Jakob Singer. Die Urgroßmutter Rosa weinte sehr um ihren Mann, und sie hatte Angst um ihre Existenz, aber meine Großmutter nahm sie zu sich.

Die Eltern meines Großvaters Josef Bendiner waren Philipp und Rosa, geborene Stern. Ich weiß, dass sie sehr religiös waren und drei Kinder hatten: Regine, Alois und meinen Großvater Josef.

Regine Bendiner wurde 1871 geboren und war mit Hermann Hauser verheiratet. Sie hatten drei Kinder. Tochter Berta war mit Hans Jedinger verheiratet. Nach dem Einmarsch der Deutschen nach Österreich, emigrierten sie nach Chile. Über Leo Hauser weiß ich nichts, Erna Hauser war mit einem Herrn Steiner verheiratet. Hermann Hauser starb 1936.

Alois Bendiner war mit Julie Haas verheiratet. Ihnen gehörte ein Schuhhaus in Graz. Sie hatten fünf Kinder: Amalie, Herta, Philipp, Ilse und Helmut.

Die Ärztin Dr. Amalie Bendiner, die 1907 geboren wurde und am Allgemeinen Krankenhaus in Wien als Fachärztin für Gynäkologie arbeitete, ist in Frankreich in der Zeit der Okkupation umgekommen.

Herta Bendiner war mit Herrn Maurer verheiratet. Sie flüchteten nach Mexiko und haben einen Sohn Jorge. Mehr weiß ich nicht über sie.

Philipp Bendiner ist 1911 in Graz geboren und nach seinem Großvater benannt. Er absolvierte die technische Mittelschule in Graz. Er hat im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft und sich dann in Montauban, in Frankreich, niedergelassen. In seinen alten Jahren wurde er Sekretär der jüdischen Gemeinde in Montauban. Das war das letzte, was die Familie von ihm hörte. Durch Zufall erfuhr ich, dass der Vater eines Bekannten aus Wien, einem Philipp Bendiner einen Kredit gegeben hatte, weil der eine Trockenhaube für den Friseur erfunden hatte, die er produzieren wollte. Das Geld bekam der Vater des Bekannten nie zurück. [Philipp Bendiner war Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes und wurde 1936 wegen Hochverrats gesucht. 1937 ging er nach Spanien und kämpfte als Leutnant in der 32. Brigade Mixta. Er wurde nach Frankreich evakuiert und war im Sanatorium in Saint-Jodard/Loire. Vom 20. Juni 1944 bis 29. April 1945 war er im KZ Dachau gefangen. Er wurde im Außenkommando des KZ Dachau in Bad Tölz befreit und emigrierte nach seiner Befreiung nach Frankreich. Quelle: Lexikon der österreichischen Spanienkämpfer 1936-1939, Verlag: Theodor Kramer Gesellschaft]

Ilse Bendiner war mit Heinz Breitenfeld verheiratet. Beide waren Schwimmer bei der Hakoah [4] in Wien. Vor dem Holocaust flohen sie nach Palästina, wo Heinz in Jerusalem Polizeipräsident wurde. Sie hatten eine Tochter Edna, die 1948 geboren wurde. Edna studierte Geografie und Turnen, war ‚Das Topmodell’ Israels, arbeitete beim israelischen Fernsehen und baut jetzt Wellnessstudios in Israel. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Enkel.

Helmut flüchtete nach Palästina. Er war Elektriker und heiratete Rifka. Ihre Tochter Daniela und Rifka leben in Israel, Helmut ist bereits gestorben.

Meinen Großvater Josef Bendiner, der am 25. Mai 1874 in Mureck, in der Steiermark, geboren wurde, habe ich nicht kennen gelernt. Er starb bereits am 20. Oktober 1934, im Alter von 60 Jahren. Er hatte entweder eine Lehre als Bankkaufmann absolviert oder besuchte die Handelsakademie. Er soll ein sehr interessierter Mann, der Welt aufgeschlossen, aber auch traditionell lebend, gewesen sein. Wie ich aus Unterlagen der Grazer Kultusgemeinde entnommen habe, war er einerseits Mitbegründer eines zionistischen Vereins und in dessen Vorstand tätig, andererseits weiß ich, dass er Sozialdemokrat war. Er hat großen Wert darauf gelegt, dass meine Großmutter ein koscheres Haus führte, denn er kam aus einer rabbinischen Familie. Der Großvater war ein ‚Isch Horowitz’, ein Nachkomme einer berühmten Familie aus Prag. Angeblich ist der erste in Prag begrabene Bendiner neben dem Rabbi Löw begraben. Rabbi Löw, vor allem durch die Legende um die Erschaffung des Golems bekannt, war einer der großen jüdischen Gelehrten im 16. Jahrhundert.

Großmutter hat für Freitag, also für den Schabbat [Anm.: der siebte Tag der Woche, Ruhetag, höchster Feiertag des Judentums], immer zwei große Barches [Anm.: zopfartig geflochtenes Schabbatbrot] und zwölf kleine gebacken. Ich habe lange gedacht, jedes ihrer sechs Kinder bekam zwei kleine, um den Segen sagen zu können. Viel später bin ich draufgekommen, was auch meine Großmutter nicht wusste, dass das backen von zwölf kleinen Barches in rabbinischen Haushalten in Erinnerung an die Schaubrote [Anm.: Schaubrote (hebr. lechem hapanim) sind 12 ungesäuerte Brotkuchen, nach der Zahl der zwölf israelitischen Stämme. Sie wurden für jeden Schabbat bereitet] im Tempel in Jerusalem Tradition war.

Mein Urgroßvater Philipp Bendiner starb 1896, die Urgroßmutter Rosa starb 1923 in Graz.

Das älteste Kind meiner Großeltern war meine Mutter Philippine, Fini von ihren Freunden genannt, Bendiner. Sie ist am 9. November 1906 in Graz geboren.

Franz war der älteste Sohn und wurde am 16. November 1908 in Graz geboren. Er ist ein sehr gutaussehender und selbstbewusster junger Mann gewesen, der in Graz die Handelsakademie absolvierte. Nach der Schule wurde er von den Großeltern, besonders auf Betreiben der Großmutter, nach Neapel geschickt. Sie sagte: ‚Er soll sich anderswo die ‚Hüdeln' [Hörner] abstoßen.’ Nach dem Tod des Großvaters hat er mit im Geschäft gearbeitet. Gemeinsam mit seinem Bruder Fritz ist er 1938 vor dem Holocaust nach Argentinien geflüchtet, wo er im Obsthandel arbeitete; die ersten Granny Smith aus Argentinien hat er nach Europa geschickt. In wie weit Franz traditionell war, kann ich nicht sagen. Aus seiner Jugend weiß ich nicht sehr viel. Er hatte eine nicht jüdische Jugendliebe in Graz, worüber sich meine Großmutter sehr aufregte. Nach dem Krieg holte er sie nach Argentinien. Sie heirateten, aber die Ehe ging auseinander. Mit seiner zweiten Frau Irene, geborene Spanier, die vergangenes Jahr von der WIZO [5] eine große Auszeichnung bekam, weil sie während des Holocaust in Frankreich, ich glaube, dreißig jüdischen Kindern das Leben gerettet hat, hatte Franz zwei Kinder. Sohn Gerardo Jose wurde 1953 und Tochter Claudia Paula 1955 geboren. Beide sind verheiratet, haben Kinder und leben liberal jüdisch. Claudias Sohn war Bar Mitzwah [6], aber das Haus wurde nicht traditionell geführt. In letzter Zeit wurde Claudia aber religiöser, sie wechselte zum Chabad. Der Chabad ist eine Gemeinschaft des chassidischen Judentums innerhalb des orthodoxen Judentums.

Irma, die Schwester meiner Mutter, wurde am 16. April 1911 geboren. Irma hatte in Graz die Schneiderei - und Modefachschule absolviert, war Schneiderin und Modedesignerin. Sie war eine sehr schöne Frau, lebte in Wien in einer wunderschönen Wohnung in der Gredlerstrasse im 2. Bezirk und arbeitete in dem renommierten Modehaus Schwarz, das bekannt dafür war, dass es erstmalig Jersey verarbeitete. Das Modehaus arbeitete mit der Gewerbeberechtigung meiner Tante Irma. Tante Irma heiratete Dr. Andor Schächter, der am 6. Mai 1900 geboren wurde. Andor hatte in Wien studiert und war Arzt am Wiener ‚Allgemeinen Krankenhaus’. Irma und Andor flohen vor dem Holocaust 1939 aus Wien nach England. In England anglisierten sie ihren Namen in Stevens. Andor fand in London kurzfristig Arbeit in einem Spital, vielleicht war das ein Stipendium, ich weiß es nicht. Später bestritt Tante Irma den Familienhaushalt, weil Herr Schwarz vom Modehaus in Wien, der vor ihr nach England geflohen war, ihr sofort behilflich war. Sie konnte wieder bei ihm arbeiten und damit die Familie erhalten. Nach dem Krieg gab es das Modehaus Schwarz auch in Graz am Hauptplatz, wo es vor kurzem erst zusperrte.
Die Kinder von Irma und Andor, Evelyn, geboren am 9. Mai 1940 und John, geboren am 16. Oktober 1941, wurden in London geboren und da Irma arbeitete, kümmerte sich Andor um sie. Er starb aber bereits 1951. Knapp nach dem Tod ihres Mannes verließ Tante Irma mit ihren Kindern London und übersiedelte zu ihren Geschwistern nach Argentinien.

Zuerst wurde sie von ihrem Bruder Fritz, von dem ich gleich erzählen werde, unterstützt. Dann eröffnete sie in Buenos Aires ein sehr nobles Modegeschäft mit dem Namen ‚Elegance' in der Florida Street. Damit verdiente sie genug Geld für sich und ihre Kinder und arbeitete bis zu ihrer Pensionierung. Als sie in Pension ging, übersiedelte sie nach Nordamerika, wo sie mit ihrer Tochter Evelyn zusammen in einem Häuschen lebt. Evelyn war schon vor ihrer Mutter nach Newark, im Staate Delaware, übersiedelt. Sie hatte in Buenos Aires Biochemie studiert, ging mit einem Stipendium noch Nordamerika und kehrte nicht mehr nach Argentinien zurück. Später interessierte sie sich für Computer und arbeitet heute an der Universität Newark/ Delaware, wo sie Computerprogramme, zum Beispiel Computer Lehrprogramme für Krankenschwestern, entwickelt. Sie führt keinen traditionellen Haushalt. Irmas Sohn John studierte in Argentinien Medizin, lebte als Arzt in New York und begann wissenschaftlich zu arbeiten. Jetzt arbeitet er in Atlanta/Georgia als Vize-Präsident der amerikanischen Krebsgesellschaft. Verheiratet ist er mit einer Chinesin. Irma ist 94 Jahre alt und war gerade wieder einmal zum Geburtstag meiner Cousine Joan, der Tochter ihrer Schwester, in Wien.

Mein Onkel Fritz, den ich schon erwähnt habe, ist am 4. Mai 1914 in Graz geboren. Ich weiß aus den Erzählungen meiner Großmutter, dass Onkel Fritz als Bub in Graz sehr gern Schinken aß, den er aber nur aus dem Papier essen durfte. Einen Teller für den Schinken hat die Großmutter nicht erlaubt. Die Familie hielt den Fritz immer für einen arbeitsfähigen, aber nicht sehr intelligenten Menschen. Vielleicht war er wirklich nicht sehr gebildet, aber er hatte Mutterwitz. Mein Onkel Franz und mein Onkel Fritz hatten, glaube ich, eine sehr gespaltene Beziehung zueinander. Franz war immerhin in die Handelsakademie gegangen und Fritz hatte nur eine Lehre beim Kolonialwarenhändler Schön gemacht. Die Kolonialwarenhandlung war in Graz am Griesplatz. Das war eine berüchtigte Gegend, denn dort lebten die unteren Schichten der Bevölkerung und dementsprechend derb war dann auch die Sprache vom Fritz. Auch äußerlich unterschieden sich die beiden Brüder: Franz war der Elegante, Fritz ein eher grobschlächtiger Mensch. Dadurch bildete Franz sich ein, er sei besser als sein kleiner Bruder Fritz. Aber Fritz war ein wirklich guter Kerl, ich habe ihn sehr geliebt. Ich habe schon erzählt, dass die beiden gemeinsam 1938 nach Argentinien geflohen sind. Fritz fasste viel früher Fuß in Argentinien als Franz. Er begann zuerst Krawatten zu verkaufen, dann stellte er fest, dass er mit Kinderkleidern Geld verdienen konnte. Er kaufte Stoff, ließ Kinderkleider anfertigen und wurde Textilkaufmann.

Onkel Fritz lernte vor dem Krieg, ich glaube im Grazer Stadtpark im Cafe, die damals
16jährige Susi kennen. Susi war eine geborene Gaspar, ihre Familie kam aus Budapest. Sie hat mit ihren Eltern in Budapest den Holocaust überlebt. Nach dem Krieg schrieb Fritz ihr einen Brief, in dem stand, er will sie heiraten, sie soll bitte kommen. Sie beendete die Matura in Budapest und fuhr nach Argentinien. Es wird die Geschichte erzählt, dass sie verspätet in Montevideo vom Schiff ging, weil sie noch eine Ping - Pong - Partie fertig spielen musste.
Fritz und Susi heirateten und bekamen drei Kinder: Clara, Lilli und Silvia. Clara wurde am 30. Oktober 1946 geboren, war verheiratet mit Lito Freire, einem nichtjüdischer Buschauffeur, und hat mit ihm zwei Kinder, Gabriela und Rudolfo. Lito starb jung, ungefähr mit 42 Jahren, an einem Herzleiden. Lilli wurde am 10. November 1951 geboren und heiratete den jüdischen Arzt Dr. Carlos Calniquer. Ihre Tochter Dorika wurde 1975 geboren, sie beging vor einigen Jahren Selbstmord. Die jüngste Tochter Silvia kam 1956 zur Welt, weil Onkel Fritz unbedingt einen Sohn wollte. Sie ist mit dem nichtjüdischen Rechtsanwalt Ricardo verheiratet, lebt in Mexiko und hat einen Sohn Sebastian.

Ich glaube, nach seiner Flucht aus Österreich wurde Onkel Fritz sehr religiös. Seither legte er großen Wert auf die Tradition. Er litt sehr darunter, dass sein Bruder Franz nicht am jüdischen Friedhof begraben wurde. Es war ihm auch überaus wichtig, dass meine Mutter nicht, wie sie es gewünscht hatte, nach ihrem Tode verbrannt wurde, sondern dass sie bei meinen Großeltern in Graz am jüdischen Friedhof begraben wird. In Buenos Aires wurde Onkel Fritz Mitglied in einem Tempel und lebte ein religiöses jüdisches Leben. Täglich legte er Tefillin [Anm.: Lederne ‚Gebetskapseln‘, die im jüdischen Gebet an der Stirn und am linken Arm getragen werden und Texte aus der Torah enthalten] und betete. Bei ihm zu Hause traf sich die ganze Familie, alle die in der Nähe lebten - Geschwister, Nichten Neffen, Cousins und Cousinen - Freitagabend zum Schabbat und zu allen anderen Feiertagen. Aber beim Essen hielt sich Onkel Fritz, trotz seiner Frömmigkeit, nicht an die Gebote. Bei ihm zu Hause gab es kein Schweinernes zu essen - Freitagabend gab es immer Barches, die seine Frau gebacken hat - aber ich weiß, dass er im Restaurant mit großem Genuss Schweinsbraten verzehrte.

Nachdem Onkel Franz und viele Verwandte gestorben, Neffen und Nichten sich in alle Welt zerstreut hatten, beging er die Feiertage und den Schabbat nur noch mit seiner Schwester, der Tante Anni und Tante Irene, der Frau vom Onkel Franz. Bis zu seinem Tod verkaufte Onkel Fritz wunderbare Decken. Wann immer in der Familie Geldmangel war, Fritz unterstützte jeden, inklusive seinen großen Bruder Franz, den er des öfteren aus dem Konkurs gezogen hat, denn Onkel Franz ist ein Spieler gewesen. Einmal war er sehr gut im Geschäft und einmal ein Bankrotteur. Natürlich hat es dadurch große Probleme gegeben.

Die jüngsten Geschwister meiner Mutter waren Zwillinge, meine Tanten Margarete, Grete genannt und Anna, Anni genannt. Sie wurden am 5. Oktober 1916 geboren und waren ziemlich genau zehn Jahre jünger als meine Mutter. Beide liebten, schätzten und bewunderten meine Mutter unendlich. Als sie geboren wurden, sie waren Hausgeburten, hat Dr. Strassmann, der die Großmutter entbunden hat, gesagt, die Grete sei eine Frühgeburt und sie müsse in einen Brutkasten. Aber die Großmutter wollte ihr Baby nicht hergeben und fragte, wozu man sie denn in einen Brutkasten geben müsse? Der Arzt antwortete, dass es dort schön warm sei. Großmutter sagte darauf hin: ‚Schön warm kann sie es auch zu Hause haben.’ Und so blieb das Baby zu Hause. Eine Holzkiste wurde mit Daunenpölstern ausstaffiert, dahinter kamen Maissackerln, die im Ofen gewärmt wurden, und da drinnen wurde das Kind großgezogen. Es war ein wirklich schwaches Kind, und wenn es ihm sehr schlecht ging, wurden die Klageweiber geholt, weil man Angst hatte, dass das Baby stirbt. Das muss eine sehr aufregende Geschichte gewesen sein. Aber Tante Grete blieb am Leben und wurde eine sehr tüchtige Frau, die ihrer Mutter, meiner Großmutter, am nächsten und ähnlichsten von allen ihren Geschwistern war. Sie besuchte in Graz die Mittelschule und begann Medizin zu studieren. Im Jahre 1938 heiratete sie ihren langjährigen Freund Gustav Singer, den sie seit ihrem zwölften Lebensjahr kannte, denn er war ein Schulkollege ihres Bruders Fritz. Bereits in Graz war er Assistent von Nobelpreisträger Otto Loewy [Anm.: Otto Loewy entdeckte die Reizübertragung], aber 1938 durfte er in Graz als Jude nicht mehr promovieren. Jahrzehnte später, ich glaube 50 Jahre nach dem Abschluss seines Studiums, Gustav Singer war Augenarzt und Augenchirurg in Prag, in der Forschung tätig, hielt Vorträge an der Universität, hatte nach dem Krieg einige Zeit in Vietnam und bis zu seiner Pensionierung im Spital gearbeitet, verlieh ihm die Universität Graz eine goldene Promotionsurkunde.

Meine Großmutter erlaubte die Heirat ihrer Tochter mit Gustav  Singer 1938 nur, weil Grete durch die Heirat mit Gustav gemeinsam Österreich verlassen konnten, denn Gustavs Eltern kamen zwar aus Galizien und waren jiddisch sprechend, aber der Vater Josef stammte aus der Tschechoslowakei. Seine Mutter Karoline, geborene Goldberg, ihr jüdischer Name war Chasja Pinja, war in Lemberg geboren. Gustavs Vater war Buchhalter in einer Holzfirma. Die Familie lebte seit vielen Jahren in Graz und der Vater hatte nach dem Ende der k. u. k. Monarchie vergessen, für Österreich zu optieren. Nach seiner Matura wollte Gustav mit dem Fahrrad eine Reise durch Italien machen. Dafür brauchte er einen Pass und so erfuhr er, dass er kein österreichischer, sondern tschechischer Staatsbürger war. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich konnten Gustav und Grete durch die tschechische Staatsbürgerschaft legal nach Prag fahren. Als die Deutschen in die Tschechoslowakei einmarschierten, flohen sie weiter über Polen, quer durch Russland, bis sie meine Familie am Ural fanden. Gustavs Eltern hatten es noch in die Tschechoslowakei geschafft, aber dort sahen sie sich das letzte Mal, beide wurden im Holocaust ermordet. 

Nach dem Krieg lebten sie in Prag und bekamen zwei Söhne. Mihal Singer, Mischa genannt, wurde am 25. Dezember 1946 geboren. Er ist verheiratet mit Hanka und arbeitet als Computertechniker in einer Bank. Dr. Vladimir Singer, Vladik genannt, ist am 28. Januar 1949 geboren, geschieden, hat zwei Töchter, Sylvie und Magdalena, und ist Psychiater.

Beide Söhne von Tante Grete und Onkel Gustav wurden nicht religiös erzogen. Tante Grete und Tante Anni, in der Familie ‚die Kinder’ genannt, haben mir erzählt, dass der Großvater jeden Abend mit ihnen betete. Ob das erst stattgefunden hat, als er feststellte, dass seine geliebte älteste Tochter, meine Mutter, einen Nichtjuden geheiratet hat und er sich gedacht hat, dass er das Religiöse nicht genug gepflegt hat, oder er es sowieso getan hätte, kann ich nicht beurteilen, aber so war es.

Grete und Gustav lebten in Prag und erzogen ihre Kinder nicht zu bewussten Juden. Vladik und Mischa warfen ihren Eltern, als sie erwachsen waren vor, dass sie über das Judentum überhaupt nichts wussten. Das war genauso wie in meiner Familie. Vladik begann dann durch mich, sich mit dem Judentum zu beschäftigen. Das geht so weit, dass er am Schabbat allein zu Hause sitzt und jüdische Schriften studiert. Er arbeitet aktiv in der jüdischen Gemeinde in Prag, und er betreut Leute in der Sozialabteilung. Mischa hat erst in den letzten Jahren zur Kenntnis genommen, dass ‚jüdisch sein’ eine Qualität hat.

Tante Grete starb 1989 in Prag. Sie wurde verbrannt, aber der jüngere Sohn Vladik, der bereits traditionell und religiös war, sorgte dafür, dass die Urne am jüdischen Friedhof in Prag beigesetzt wurde. Auf diesem Prager jüdischen Friedhof gibt es sogar eine Abteilung aus der Zeit vor dem Krieg, wo Urnengräber sind. Das ist nicht der Alte Jüdische Friedhof in Prag, der bei der Altneuschul liegt, und scheint kein orthodoxer Friedhof gewesen zu sein.

Gustav lebt über 90jährig im Kreise seiner Familie in Prag. Er ist nicht religiös, aber er lebt traditionell und singt, zu Hause und bei jedem Anlass, leidenschaftlich gern jiddische Volkslieder. Er besucht das Tageszentrum der jüdischen Gemeinde und ist dort ein sehr gern gesehener Gast, denn im Allgemeinen gibt's in dem Alter wenige Männer. Er ist ungeheuer sportlich und ist bis vor kurzem Ski gefahren, das haben ihm dann seine Söhne verboten.
Der Sohn Mischa musste einmal zu einer Untersuchung vor Abschluss einer Lebensversicherung und der Arzt sagte zu ihm: ‚Singer, Singer? Ja, da habe ich jetzt einen alten Herrn Singer, stellen Sie sich vor, dem sollte ich bestätigen, dass er noch Ski fahren kann.’ Worauf Mischa sagte: ‚Herr Doktor, ich kann darüber nicht lachen, das ist mein Vater.’ Da er nicht mehr Ski fahren darf, geht er jetzt auf der Moldau rudern. Er sprach dort in dem Tagesheim verschiedene alte Damen an, die sich aber fürchteten, mit ihm rudern zu gehen. Jetzt geht eine junge Sozialarbeiterin oder Krankenschwester mit ihm rudern. Es fallen ihm immer die schrecklichsten Sachen ein, und seine Söhne haben jede Mühe, ihn zu bremsen.

Tante Anni, die Zwillingsschwester von Tante Grete, floh 1938 über Vermittlung als Hausgehilfin, nach England. Dort lernte sie Paul Deutschländer aus Wien kennen, der anlässlich seines Eintritts in die englische Armee seinen Namen in Dean änderte. Welchen Beruf er ursprünglich hatte, weiß ich nicht. Aber nachdem die Schwester Irma, mit der sie gemeinsam in England später wohnte, nach dem Tod ihres Mannes nach Argentinien ging, übersiedelten Anni und Paul auch nach Argentinien. Paul wurde in Argentinien Vertreter für Schuhe und fuhr sogar zu den Indios, um Schuhe zu verkaufen. Ihre Kinder sind Joan Susan, die am 26. Oktober 1944 in England geboren wurde und Ronaldo Victor, der am 23. Februar 1950 in Buenos Aires geboren wurde. Joan lebt mit ihrem Mann Denny Salmang in Wien. Die Söhne Ariel Marcelo und Raul Daniel leben in Düsseldorf. Dennys Eltern flüchteten aus Aachen in Deutschland nach Südamerika, als er zwei Wochen alt war. Er ist Diplom Ingenieur und technischer Kaufmann. Denny und Joan lebten in vielen Ländern. Joan lebt sehr traditionell, ihre Söhne sind sogar fromm. Paul Dean starb 1978, Tante Anni lebt noch. Sie ist 89 Jahre alt und war vor kurzem zu Besuch in Wien. Joans Bruder Ronaldo lebt mit seiner nicht jüdischen Frau Maria Josefa in Argentinien. Sie haben drei Kinder, Diego Hernan, Javier Matias und Melina. Je älter Ronald wird, desto bewusster wird ihm, dass er jüdisch ist.

Jetzt muss ich aber wieder in die Vergangenheit zurück: Meine Großmutter Regine sprach immer etwas belustigt über die Familie ihres Mannes, denn da gab es offenbar irgendwelche formellen Zusammentreffen und die Damen unterhielten sich zum Beispiel darüber, warum der Pepi, mein Großvater, seiner Regine, meiner Großmutter, keine Diamant Ohrknöpfe kauft. Meine Großmutter aber hatte für Schmuck nichts übrig. Trotzdem ging ihr das Gerede auf die Nerven und als es ihr zu blöd wurde, ging sie in ein Geschäft, das gerade eröffnet hatte, in dem man Strassschmuck kaufen konnte. Sie kaufte sich ganz große Strassknöpfe für ihre Ohren und beim nächsten Familientreffen trug sie die. Die Damen fielen fast auf den Popo vor lauter Aufregung, weil der Pepi seiner Regine so wunderbare ‚Buttones’ gekauft hatte. Nachdem die Großmutter sich das eine Weile angehört hatte, nahm sie die Ohrknöpfe aus den Ohren, reichte sie herum und die Damen konnten nicht genug betonen, wie großartig die Diamanten seien, was für herrliches Lustre! Dann sagte meine Großmutter: ‚Lustre?’ Das ist alles Glas, ihr könnt euch das in der Murgasse auch kaufen.’

Das Haus in Graz, in dem die Familie lebte, war kein Einfamilienhaus. Es war ein Haus mit zwei Geschäftslokalen, wovon eines eine Gemischtwarenhandlung war und das andere ein Frisiersalon. Die Friseuse kam jeden Tag herauf, um die Großmutter zu frisieren. Der ganze erste Stock des Hauses, das waren zwei Wohnungen, war die Familienwohnung. Es gab zwei Eingänge, ein sehr großes Zimmer, das als Salon oder Speisezimmer diente, dann zwei große Zimmer und ein Zimmer, das später zu einem Badezimmer umgestaltet wurde. Ursprünglich müssten es sechs Zimmer gewesen sein und zwei Küchen. Die zweite Küche wurde aufgelöst und es wurde ein Badezimmer mit einem großen Vorraum daraus gemacht. Die Küche diente dann als Küche sowohl für milchig und fleischig. Es gab einen großen gemauerten Ofen mit einem Holzfach, in dem die Holzscheite getrocknet wurden. Die Großmutter hat immer erzählt, wenn der Großvater von draußen gekommen ist, es mussten ja Waggons mit Obst oder Heu und sonst was abgenommen werden, und er sehr erfroren war, kam er in die Küche und wärmte sich im Holzfach die Füße. Das war ein Ofen, der mir später auch sehr imponiert hat. Er hatte auch, wie diese alten gemauerten Öfen ein Wasserschaff, in dem immer heißes Wasser war. Natürlich war der Ofen hervorragend geeignet, um am Schabbes das Essen warm zu halten. Aber in meiner Zeit wurde nicht mehr koscher gekocht. Die Großmutter trennte bis zum Schluss Milch und Fleisch. Nie hätte sie, Gott behüte, Rahmsauce zu Fleisch oder so etwas gegessen.

Meine Großmutter hatte ein Dienstmädchen, das war die Frau Mitzi Porotschnik, die habe ich dann sogar noch kennen gelernt. Ich glaube, sie kam 14jährig ins Haus der Großmutter, und wie sie dann geheiratet hat, hat die Großmutter ihr im Hof ein Häuschen gegeben, wo sie mit ihrem Mann gelebt hat. Sie hat auch nach dem Krieg, als wir in Graz in unserem Haus gewohnt haben, dort gewohnt und hatte eigentlich zur Großmutter immer Kontakt, bis sie gestorben ist. Diese Mizzi Porotschnik, hat auch für die Großmutter das Grab vom Herrn Jank betreut. Das Grab wurde betreut, bis meine Mutter am 1. November 1999, im Alter von 93 Jahren, gestorben ist. Ich habe es dann nicht weiter betreuen lassen.

Es gab eine Wäscherin und eine Weißnäherin, die ins Haus kamen. Die alten Kleidungsstücke wurden für die jüngeren Geschwister umgenäht oder Bettzeug geflickt oder was immer man so gehabt hat. Die Großmutter hatte ihr Büro in der Wohnung. Sie hat gearbeitet, sie hat ihre Kinder betreut und gekocht, denn gewisse Dinge, zum Beispiel Barches backen, durfte das Personal nicht, denn das ist die Pflicht einer jüdische Hausfrau. Es gab eine Buchhalterin, die Frau Kraxner, auch die habe ich noch kennen gelernt. Und alle zusammen aßen bei meiner Großmutter zu Mittag, so dass immer viele Leute zu Tisch waren. Die Großmutter erzählte, sie hat Hühner mit vier Beinen erfunden. Zum Mittagessen gab es zwei Hühner, aber sie hatte sechs Kinder, und vier Beine sind zu wenig für sechs Kinder. So hat die Großmutter eine Form gefunden die Hühner so zu zerlegen, dass der Flügel noch ein Stück Brustansatz dazu bekam, so dass jedes Kind ein Hühnerbein bekommen konnte.

Als meine Mutter acht Jahre alt war, es war an einem Sonntag des Jahres 1914, geschah das Attentat in Sarajewo. Mein Großvater, meine Großmutter, meine Mutter und ihr jüngerer Bruder machten gerade einen Spaziergang und waren vor dem Eggenberger Schloss, als mein Großvater einen Bekannten traf, der ihm etwas erzählte, woraufhin er ganz aufgeregt sagte:
‚Das ist der Krieg!’ Dann sagte er, der Thronfolger sei in Sarajewo erschossen worden. Meine Mutter verstand nur, dass etwas Schreckliches passiert war. Mein Großvater war Unternehmer mit drei oder vier Angestellten. Er kaufte und verkaufte Heu und Stroh, Kürbiskerne, Äpfel und manchmal auch Getreide. Er war außerdem Lieferant des Grazer Militärverpflegungsmagazins. Damals hatte man im österreichischen Heer noch Pferde, die mussten was zu Fressen kriegen, und das Heu und Stroh lieferte er. Ich glaube, es gab Ausschreibungen, er war das größte Unternehmen dieser Art in Graz. Dadurch gelang es ihm auch, nicht sofort einberufen zu werden. Acht Tage nach Kriegsausbruch hatte der Großvater einen Unfall beim Einkaufen von Heu auf einem Bauernhof. Da er sich einen komplizierten Beinbruch zugezogen hatte, konnte er sogar erst nach einigen Monaten einberufen werden. Der Großvater war schon seit vielen Jahrzehnten in Graz wohnhaft, aber da er ‚zuständig’, also heimatberechtigt, in der ungarischen Gemeinde Güssing war, musste er zur ungarischen Honved [7] einrücken, ich glaube, nach Steinamanger. Er ist dort hingefahren und wurde, zur Freude der Familie, nach einigen Wochen Militärdienst als untauglich heimgeschickt, denn er war bereits 40 Jahre alt war. Ein sehr lieber Onkel, der Mann der Schwester meiner Urgroßmutter, war an der Front in Galizien eingerückt. So erfuhr die Familie durch seine Feldpostbriefe über die Schrecken des Krieges.

Es gab wenig zu essen, alles nur auf Karten und in sehr geringen Mengen. Es war in den Kriegsjahren sehr schwierig sechs Kinder zu versorgen. Fast täglich gab es Polenta und jeden oder jeden zweiten Tag ein halbes Huhn. So mussten sie keinen Hunger leiden. Zu dieser Zeit lebte auch noch die Urgrossmutter im Haus meiner Großmutter. Sie war inzwischen gelähmt, und ihre älteste Tochter Klara, die in Köflach lebte, schickte jede Woche für sie einen Laib oder einen Wecken Milchbrot.

Der Großvater, der auf den Geschäftserfolg seiner Frau schrecklich eifersüchtig war, veranlasste sie 1916, ihr Geschäft aufzugeben. Nun war er der Chef.

Nach dem Krieg [1. Weltkrieg 1914-1918] fuhr mein Großvater regelmäßig nach Wien auf die Landesproduktenbörse im 2. Bezirk in der Taborstraße. Heute beherbergt das Gebäude das Theater ‚Odeon’, denn die Landesproduktenbörse existiert schon lange nicht mehr. In diesem Theater ‚Odeon’ trat zweimal, seit seinem Bestehen, der ‚Wiener Jüdische Chor’, deren Mitglieder mein Mann und ich sind, auf. Der Großvater schickte seinen Kindern immer Postkarten von diesen Aufenthalten in Wien. Auf einer Postkarte, die in meinem Besitz ist, schreibt er: ‚Lernts gut, sonst kommt ihr in die Urania.’ Seine Kinder waren überzeugt, dass die Urania eine Anstalt für schwererziehbare Kinder sei. Dabei war das die erste Volkshochschule in Wien, und er war der Meinung, wenn sie in der Schule nicht gut sind, können sie noch immer in die Volkshochschule gehen.

Die Großmutter sagte, der Großvater sei kein sehr glückvoller Geschäftsmann gewesen. In Wirklichkeit war sie die Seele des Geschäftes. Er hatte zum Beispiel große Probleme, mit seinen Geschäftspartnern zu irgendeinem Abschluss zu kommen. Wenn es zu lange dauerte, erschien sie im Zimmer und sagte: ‚Pepi, wann kommt denn der Herr Sof? Sof heißt auf jiddisch das Ende. Sie konnte kein jiddisch, aber dieses Wort kannte sie.

Es hieß immer: ‚Hotel Bendiner arbeitet gut’, weil in der Wohnung täglich mindestens zehn Leute zum Mittagstisch waren. Die Urgroßmutter, die Kinder, und es war damals üblich, dass man selbstverständlich die Kinder von Verwandten, die eine Ausbildung, zum Beispiel in unserem Fall, in Graz machen wollten, aufnahm. Lisl Dembsky, die Tochter vom Onkel Schmieder, dem Bruder meiner Großmutter, ging zusammen mit meiner Tante Irma auf die Schneiderei-und Modefachschule. Oder zum Beispiel die Kinder vom Alois, dem Bruder meines Großvaters. Alois war ein Spieler und verspielte sein Geschäft. Meine Großmutter sagte:
‚Geld kriegt er keines von mir, aber die Kinder- Alois hatte ja fünf Kinder- können jederzeit kommen, und ich werde sie durchfüttern.’ Das tat sie auch und daher entstanden die sehr nahen Beziehungen der Cousins und Cousinen zueinander. Meine Mutter und ihre Geschwister verstanden sich sehr gut. Es gab, wie in jeder Familie eine Hackordnung, das ist klar! Aber ich habe nie gehört, dass es irgendwelche groben Zwistigkeiten gab, im Gegenteil. Der Großmutter ist es gelungen und darauf war sie sehr stolz, zu erreichen, dass ihre Kinder alle wie Kletten zusammenhielten, obwohl sie durch den Holocaust in alle Welt verstreut waren. Mein Mann hat das als ein fast pathologisches Geschwistergefühl bezeichnet, weil den meisten der Geschwister meiner Mutter, ihre Geschwister und deren Kinder wichtiger waren, als die eigenen Ehepartner.

Auf Urlaub ist man nie gefahren, das konnte man sich nicht leisten. Die Zwillinge Grete und Anni sind zur Tante Klara nach Köflach in der Oststeiermark und sehr häufig zum Onkel Schmieder nach Bardejov, in die Slowakei, auf Urlaub geschickt worden, und die Irma wurde nach Zagreb zu Verwandten geschickt. Das war ein reger Austausch der jüngeren Generation.
Das gesellschaftliche Leben der Großeltern spielte sich innerhalb der Familie ab. Außer Marie, der Schwester meiner Großmutter, die vier Kinder hatte, lebten noch die Familie meines Großvaters und die Mutter meines Großvaters in nächster Umgebung. Meine Großeltern kannten natürlich viele andere Leute, aber es wurden immer nur die Verwandten eingeladen.

Meine Mutter und ihre Geschwister aber wurden in ihrem gesellschaftlichen Leben nicht eingeschränkt. Einmal in der Woche, so erzählte meine Mutter, mussten sie die väterliche Großmutter Rosa besuchen, aber die Beziehung zu ihr war sehr formell. Eine Zeit lang war meine Mutter als Kind beim jüdischen Jugendverein ‚Blau-Weiß’. Es gab Heimabende, es gab Ausflüge, und es waren eine Menge Kinder und Jugendliche dort, die sie sehr gern hatte. Aber meine Großmutter hatte Angst, ihre Kinder, besonders die Mädchen, auf Ausflüge zu schicken, weil sie fürchtete, es könnte ihnen irgendetwas zustoßen.

Zweimal in der Woche ging meine Mutter in die Religionsstunden in der Schule, das war Vorschrift, und sie empfand den Unterricht als langweilig und uninteressant. Meine Mutter und ihre Geschwister wurden als Juden erzogen, nicht orthodox, aber sie lebten traditionell, unter Beachtung aller Sitten und Gebräuche, wie sie seit Jahrhunderten üblich waren. Am Freitagabend wurden Kerzen gezündet und solange die Kinder noch Kinder waren, hatten sie am Freitagabend zu Hause anwesend zu sein. Zu den Feiertagen mussten sie natürlich in den Tempel gehen. Aber als junge Leute waren sie immer nur sehr kurz im Tempel, die übrige Zeit standen sie im Hof und unterhielten sich.

Meine Mutter nahm ihr ‚jüdisch sein’ als ein ‚handicap’ hin. ‚Wenn man in dieses Milieu hineingeboren ist, muss man sich eben so gut verhalten, wie man nur irgendwie kann: in der Schule zum Beispiel immer die Beste sein.’ Sie war die Beste, aber sie empfand ihr jüdisch sein nicht unbedingt als Bereicherung ihres Lebens.

In Graz lebten zu dieser Zeit ungefähr 2.000 Juden. Es war eine Stadt mit sehr starken antisemitischen Tendenzen, aber meine Großeltern schirmten ihre Kinder, so weit es möglich war, davor ab. Der Großmutter war der Kontakt ihrer Kinder mit jüdischen Kindern sehr wichtig.
Aber die Grazer Jüdische Gemeinde war nicht sehr groß und in dem Moment, wenn man in eine öffentliche Schule ging und später an der Universität studierte, hatte man natürlich Kontakt mit anderen Jugendlichen. Wahrscheinlich sogar mehr, als mit jüdischen.

Als meine Mutter 16 Jahre alt war, haben verschiedene jüdische Mütter und Väter gefunden, es sei besser, wenn man die Kinder nicht in die öffentliche Tanzschule schickt, sondern in einen privaten Tanzkurs, den sie gründeten. Die Großmutter erzählte, dass sie als Gardedame ihre Töchter in die Tanzschule begleitete. Und ich erinnere mich noch als Kind, wie meine Großmutter zu mir sagte: ‚Weißt du, wie man Walzer lernt? Eins, zwei, drei, an der Wand vorbei, an der Bank entlang, auf den Platz, zwei, drei.’ Mit den Jugendlichen wurden auch Kränzchen veranstaltet, also man hat sich schon bemüht, das Kinder in der jüdischen Gesellschaft blieben. So lernte meine Mutter zusammen mit elf jüdischen Mädchen und zwölf jüdischen Knaben das Tanzen.

Im Jahr 1917 machte meine Mutter die Aufnahmeprüfung für die Mittelschule. Das Mädchenreformrealgymnasium befand sich in dem Palais, in dem der Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, geboren wurde. Die Klassenräume waren groß und parkettverziert und mit riesigen Fenstern. Nur die Klos waren in einem Bretterverschlag, der in die alten Korridore eingebaut war.

Bis zur Obermittelschule befand sich meine Mutter hauptsächlich innerhalb der jüdischen Gesellschaft. Ab der Obermittelschule waren nur mehr vier Jüdinnen in der Klasse: meine Mutter, ihre Cousine Elisabeth, eine Freundin, die Klari hieß und noch eine Freundin, die vor dem Holocaust nach Neuseeland geflohen ist. Klari und Elisabeth kamen im Holocaust um.
Meine Mutter erzählte immer, sie persönlich sei während der Mittelschule in keiner Weise als Jüdin angegriffen worden. Es gab in ihrer Klasse unter den Mitschülerinnen einige Mädchen, die Kontakt zu Couleur-Studenten [deutschnationale Studentenverbindungen] hatten. Aber meine Mutter, ihre Cousine und die Freundinnen wurden davon nicht tangiert. Sie waren alle sehr gute Schülerinnen, und die Lehrer hatten sie sehr gern, wenn auch der eine oder andere nationalistische Töne anschlug.

Eigentlich wollte meine Mutter Geschichte studieren, was sie aber dann aus rein praktischen Gründen nicht tat. Sie und die Großeltern waren überzeugt, dass es unmöglich sei, dass eine Jüdin in der Steiermark irgendwo Geschichte unterrichten dürfe. Sie studierte dann, sozusagen als Notlösung, Jus an der ‚Karl Franzens Universität’ und war die einzige weibliche Studentin ihres Jahrgangs an der juridischen Fakultät und eine der ersten Frauen, sie war 24 Jahre alt, die in Graz promoviert wurden. Gewiss war sie eine der ersten jüdischen Frauen überhaupt. Sie erzählte, dass es damals ein einziges Mal zu einer antisemitischen Begebenheit kam: Einmal protestierte die gesamte Grazer Studentenschaft gegen eine Maßnahme mit einer großen Versammlung in der Aula der Universität. Meine Mutter war als Schriftführerin der Vereinigung der sozialistischen Hochschülerschaft dabei. Plötzlich tönte der Ruf: ‚Hier sind Juden, Juden raus!’ Auf den Rat meines Vaters hin, ging meine Mutter zum Rektor der Universität und sagte: ‚Magnifizenz, ich bitte um ihren Schutz als Hausherrn und er sagte: ‚Fräulein Bendiner, ich bitte Sie die Universität zu verlassen, ich kann ihn nicht gewährleisten.’ Daraufhin verließ die Gruppe, der meine Mutter angehörte, die Versammlung.

In Graz gab es zwei jüdische Anwälte, die sagten, die ‚Rote’ nähmen sie nicht, weil meine Mutter seit ihrem 16. Lebensjahr Mitglied der Sozialdemokratischen Partei war. Die beiden sozialdemokratischen Anwälte in Graz wollten ein junges Mädchen, das sich einbildete hier Rechtsanwalt werden zu wollen, auch nicht aufzunehmen. Alle Versuche meiner Mutter bei der Stadt oder beim Land, wobei die Stadt einen sozialdemokratischen Bürgermeister und traditionell seit dem Jahr 1918 immer einen sozialdemokratischen Bürgermeister hatte, Arbeit zu bekommen, schlugen fehl.

Sie war überzeugt, dass innerhalb der Sozialdemokratie keinerlei antisemitische Tendenzen vorhanden oder möglich sind, was sich ja bei einer etwas intensiveren Beschäftigung mit der Geschichte als durchaus falsch herausstellte. Der latente Antisemitismus der Umgebung wurde sicher nicht nur von ihr, sondern von allen Kindern oder Menschen, die aus einem bürgerlich-jüdischen Milieu kamen, als Äußerungen und Lebensformen von dummen Menschen als gegeben erachtet. Ein gescheiter, gebildeter Mensch konnte unmöglich ein Antisemit sein, das konnten nur ungebildete und blöde Menschen sein.

Während ihrer Mittelschulzeit arbeitete meine Mutter in Graz in der Bibliothek der sozialdemokratischen Parteiorganisation. Dort lernte sie viele junge Leute kennen. Bereits in der
8. Klasse wurde sie Mitglied der Vereinigung Sozialistischer Hochschüler. Das war ein Kreis von sehr gescheiten, interessanten und lustigen Burschen und Mädchen. Auch meinen Vater Otto und seine Brüder Walter und Ernst Fischer [8] lernte sie dort kennen. Meine Großeltern waren schrecklich besorgt, dass meine Mutter oder ihre Schwestern irgendwelche Liebesbeziehungen zu irgendjemand beginnen könnten. Es war ihnen nicht verboten mit Burschen auszugehen, aber sie wurden sehr behütet. Die Tatsache, dass meine Mutter mit meinem Vater eine Liebesbeziehung begann, war für meine Großmutter eine schwere Erschütterung. Als meine Mutter bereits 50 Jahre alt war, sagte die Großmutter zu ihr: ‚Weißt du, mein Kind, du hast mir nur einen großen Kummer in meinem Leben gebracht, wie du diese Beziehung zum Otto begonnen hast.’ Sie hat ihr das nie verziehen in ihrem Leben. Sie hat meinen Vater und meine Mutter sehr geliebt, und mein Vater war ein sehr guter Schwiegersohn. Aber diese Beziehung war für sie unmöglich und unschicklich, denn erstens hatte es ihr nicht gepasst, dass meine Eltern vor der Ehe eine Beziehung hatten und zweitens hätte sie sicherlich viel lieber haben wollen, dass meine Mutter einen jüdischen Mann heiratet. Die Erfahrungen ihres langen Lebens waren: Eine Ehe ist an und für sich eine sehr riskante Sache, aber das Risiko wird noch bei weitem erhöht, wenn Menschen aus verschiedenem Milieu oder verschiedener Religionen heiraten.

Mein Vater war, um die Diktion der Großmutter zu benutzen, ein berüchtigter junger Mann in Graz. Er war nicht nur ein Linker aus einer katholischen Militär Familie, er war auch noch ein Don Juan; sehr fesch, sehr geliebt und ohne Beruf. Er hatte die Marine Akademie absolviert und kurz vor Abschluss seines Bauingenieursstudiums das Studium abgebrochen, weil er politisch tätig sein wollte. Kein Wunder, das alles zusammen war beim besten Willen eine größere Tragödie für meine Großeltern, besonders für die Großmutter. Und als wäre das nicht genug, gab es eine noch dazu zwischen meinen Eltern sehr intensive voreheliche Beziehung. Meine Großmutter erzählte mir: ‚Und zum Schluss habe ich mir gedacht, sie sollen lieber heute heiraten als morgen, nur damit das irgendeine Ordnung hat.’

Meine Mutter hat sich eher in der sozialdemokratischen Jugendorganisationen sozialisiert. Ich weiß, dass dort der Anteil der jüdischen Kollegen sehr groß war, wie in späteren Jahren, wenn man kommunistische Freunde hatte, die alle ganz ‚zufällig’ jüdisch waren. Ich glaube, dass das Jüdische schon eine Rolle gespielt hat, weil es einfach eine Nähe bedeutete. Das hat aber mit Sicherheit nichts mit Religiosität oder Tradition zu tun gehabt. Vor ihrer Heirat mit meinem Vater, im Jahre 1933, zum ganz großen Kummer meiner Großmutter, trat sie offiziell aus dem Judentum aus. Mein Großvater war bedeutend liberaler als meine Großmutter, außerdem war meine Mutter sein Liebling, und so nahm er es ihr nicht sehr übel.

Mein Großvater väterlicherseits war Sudetendeutscher, hieß Josef Fischer und war nicht jüdisch. Er hatte die Militär-Realschule in St. Pölten absolviert, war Offizier und Lehrer in einer Militär Realschule. Anfang der 1930er-Jahre starb er in Graz. Über diesen Großvater kann ich eigentlich kaum etwas berichten. Ich weiß nur, dass meine Großmutter ihn nicht geliebt hat, dass sie mit ihm verheiratet wurde, wie sie immer betonte und dass sie, wie er gestorben ist, alle Bilder und alles vernichtet hat, was an ihn erinnerte. Ich kenne von ihm eigentlich nur zwei Fotos.

Die Mutter meines Vaters, Agnes Fischer, kam aus einer alten Adelsfamilie. Sie war eine geborene Planner von Wildinghof, wurde am 23. August 1877 geboren und hatte das Offizierstöchterinstitut in Hernals besucht. Diese Familie Planner von Wildinghof geht weit zurück. Mein Vater hat behauptet, bis zurzeit vom ‚Friedel mit der leeren Tasche’, der der Sohn des Herzogs Leopold III. von Österreich (1351-1386) war. Da sollen die Planner von Wildinghof Höflinge am Hof in Tirol gewesen sein. Der Adelsbrief, den man gebraucht hätte, als mein Vater in die Marineakademie eintreten sollte, denn es durften nur adelige Söhne eintreten, war nicht aufzufinden. Da ging mein Urgroßvater zum Kaiser nach Wien und erwirkte, dass man ihm einen Militäradelstitel verlieh. Dann war er Edler von Planner, vorher war er Graf Planner. Es war eine große Familie, aber die kenne ich nur aus Papieren. Ich glaube aber, die Großmutter hatte kein Vermögen und der Großvater verdiente nicht viel Geld, so dass mein Urgroßvater gelegentlich mit Geld aushalf. Er hatte auch organisiert, dass mein Vater in die Marineakademie gekommen ist, denn das war eine kostspielige Angelegenheit. Die Familie lebte nicht nur in Graz, auch an anderen Orten, weil der Großvater Lehrer an Militärrealschulen war. Wo überall, weiß ich nicht genau. Ich glaube, anfangs ist das Ehepaar Fischer miteinander gereist, aber je mehr Kinder waren, desto mehr wurde die Großmutter in Graz sesshaft. Mein Vater hatte drei Brüder und eine Schwester.

Sein ältester Bruder war der bekannte österreichische Schriftsteller und Politiker Ernst Fischer. Er wurde am 3. Juli 1899 in Komotau [heute: Chumutov, Tschechien] geboren. Ich weiß, dass die ‚Buben’, so wurden die Söhne meiner Großmutter immer genannt, als Kinder Aufsatz- und Poesie Hefte für ihre Mutter führten und dadurch schon sehr früh schriftstellerisch tätig waren. Mein Onkel Ernst schrieb später viele Gedichte und übersetzte auch wunderbar Gedichte von Francois Villon [9] aus dem Französischen. In Graz war er Redakteur beim ‚Arbeiterwille’ und von 1927-1934 arbeitete er als Redakteur der sozialdemokratischen ‚Arbeiterzeitung’ in Wien. Ab 1934 war er Mitglied der KPÖ und emigrierte gemeinsam mit seiner ersten Frau, der Schriftstellerin Ruth von Mayenburg, die am 1. Juli 1907 in Serbitz [heute: Srbice, Tschechien], geboren wurde, und die er im Jahre 1932 geheiratet hatte, in die Sowjetunion. Nach der Rückkehr nach Wien, wurde die Tochter Dr. Marina Fischer-Kowalski geboren, die Professorin für Soziale Ökologie ist und zwei Kinder, Katharina und Boris, hat. Die Ehe meines Onkels ging in Wien, ich glaube, in den 1950er-Jahren, zu Ende. Ernst heiratete Lou Eisler [10], die in voriger Ehe mit dem Komponisten Hanns Eisler verheiratet war. Onkel Ernst starb 1972.

Mein Onkel Walter Fischer studierte in Graz Medizin. Er heiratete Magda Schacherl, ein sehr schönes jüdisches Mädchen, die Kindergärtnerin war. Ihr Bruder Richard Schacherl war in Graz ein bekannter Architekt, der vor dem Holocaust nach Neuseeland emigrierte. Er war verheiratet und hatte eine Tochter. Mein Onkel und seine Frau übersiedelten in den 1930er-Jahren nach Wien, und Tochter Ruth wurde in Wien geboren. Walter arbeitete bei den Ziegelarbeitern am Laaer Berg als praktischer Arzt. Die Familie floh 1934 nach Moskau, nachdem man Walter wegen seiner politischen Tätigkeiten für die Sozialdemokratische Partei im Anhaltelager Wöllersdorf [11] eingesperrt hatte. Er lebte in Moskau, wie auch meine Eltern, im Schutzbundhaus [12]. 1936 ging er nach Spanien, um als Arzt im Spanischen Bürgerkrieg zu kämpfen.

Mein Vater Otto wurde am 30. Dezember 1901 in Graz geboren. Nach meinem Vater wurde noch die Schwester Agnes geboren, die sehr schön gewesen sein soll. Wie auch die Brüder hatte sie starke literarische Ambitionen und viele Freunde, die mit Kunst zu tun hatten. Sie starb in den 1920er-Jahren, ich glaube, an einer Bauchhöhlenschwangerschaft.

Ich denke, erst anlässlich der Hochzeit ihrer Kinder lernten sich meine Großmütter persönlich kennen. Das war keine Liebesbeziehung. Meine Großmutter erzählte mir, dass sie die Mutter meines Vaters, die zu dieser Zeit in Wien lebte und berühmt dafür war, dass sie sehr gut backen und kochen konnte, brieflich darum bat, sie möge ihr doch einige Rezepte geben. Die Mutter meines Vaters schickte Rezepte mit der Bemerkung, dass dürfe man aber nur dann kochen und backen, wenn sicher sei, dass ihr Sohn Otto auch davon etwas zu essen bekomme.

Meine Eltern

Meine Eltern wohnten nach ihrer Hochzeit im Haus der Großeltern. Sie hatten im 3. Stock eine ganz kleine Wohnung, zwei Zimmer und das Klo am Gang. Aber es war eine sehr schöne Wohnung. Dort fanden zwei Hausdurchsuchungen statt, aber man fand nichts, obwohl ein ganzes Paket sozialistischer Zeitungen im Bücherkasten verstaut war.

Mein Vater wurde 1933 verhaftet. Er war Schutzbundkommandant und hatte mit einer Gruppe von jugendlichen Schutzbündlern [13] in der Nacht illegal Plakate geklebt. Dabei sind sie mit einem Trupp von Nazi zusammengestoßen. Es kam zu einer Schlägerei, aber die anderen waren in der Übermacht. Mein Vater hatte eine Pistole und hat in Richtung seines Verfolgers in den Boden geschossen. Die Kugel prallte ab und traf den stolpernden Verfolger. Er war sofort tot. Obwohl mein Vater militärisch erzogen worden ist, war er ein sehr feinfühliger und ein sehr humaner Mensch, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Ihm ist das sehr nahe gegangen, dass er einen Menschen getötet hatte.

Mein Vater wurde verhaftet, und zu einem Jahr Haft verurteilt. Nach seiner Enthaftung haben meine Eltern, im September 1933, geheiratet. Die Zeit vom September 1933 bis zum Feber 1934 war eine Zeit angespannter politischer Tätigkeit. In der Wohnung meiner Eltern gab es dann politische Zusammenkünfte, es gab sogar einmal einen Waffentransport. Sie fuhren in einem Auto mit einer ganzen Kiste Handgranaten, die sie im Keller des Hauses meiner Großeltern versteckt haben. Dann bestand meine Mutter aber doch darauf, dass dieses gefährliche Zeug wegkommt.

Am 12. Februar 1934 [14] kam ein Freund und sagte zu meinen Eltern, es sei Generalstreik, und  in Linz werde geschossen. Mein Vater war in diese Kämpfe, die das Land erfasst hatten, involviert und wurde bei Auseinandersetzungen mit der Polizei schwer verletzt ins Spital gebracht. Sein Bein musste amputiert werden. Aus der Haft, die nach dem Krankenhaus folgte, wurde mein Vater zur Anfertigung einer Prothese entlassen. In dieser Zeit, es war Juni 1934, flohen meine Eltern, die inzwischen Mitglieder der Kommunistischen Partei geworden waren, nach Prag und von Prag nach Moskau.

Am 10. Oktober 1934 starb mein Großvater Josef Bendiner in Graz. Nach seinem Tod führte meine Großmutter gemeinsam mit ihren Söhnen Franz und Fritz und der Tochter Anni das Geschäft weiter. Es hat immerhin soviel eingebracht, dass es die Familie, die noch recht groß war, ernährt hat.

In Moskau angekommen, wurden meine Eltern erst einmal einige Monte in ein Erholungsheim, nahe Moskau geschickt. Meinem Vater ging es sehr schlecht. Dann bekamen sie in Moskau im Schutzbundhaus, in einer stillen Seitengasse der Gorkistrasse, eine Wohnung. Das Haus glich einem Wiener Gemeindebau der 1920er-Jahre und hatte vier Stiegen. Vor dem Haus standen zwei große Bäume, hinter dem Haus befand sich ein riesiger gartenartigen Hof. Auf zwei Stiegen wohnten nur österreichische Familien. Meine Eltern wohnten im zweiten Stock. Auf der zweiten Stiege des Hauses wohnte Onkel Walter, seine Frau Magda und meine Cousine Ruth. Das ganze Haus war bevölkert mit Schutzbündlern, alle sprachen deutsch.

Die Wohnung bestand aus dem Vorzimmer, einem großen Zimmer und zwei kleineren, der Küche und dem Bad. In dem großen Zimmer wohnten, bevor meine Großmutter kam, meine Eltern. In den anderen zwei Zimmern wohnte die junge Familie Füchsel mit ihren beiden Kindern. Herr Füchsel war ein Arbeiter aus Linz. Als die Großmutter zu uns nach Moskau geflohen war, tauschten meine Eltern und die Frau Füchsel, deren Mann dann irgendwo in Russland arbeitend unterwegs war, die Zimmer. Frau Füchsel bekam das große Zimmer und meine Eltern die zwei kleinen.

Meine Eltern bekamen Arbeit im Agrarinstitut zugewiesen. Mein Vater arbeitete über die Agrarpolitik in Österreich und der Schweiz und meine Mutter arbeitete in der Landarbeiterabteilung über das Los der Landarbeiter in der ganzen Welt. Ihre erste Aufgabe bestand darin, eine Arbeit über die christliche Landarbeitergewerkschaft in Deutschland zu schreiben, wovon sie nicht begeistert war. Nach einem Jahr wurde sie in die Bibliothek versetzt und war für die Beschaffung neuer Bücher und Zeitschriften zuständig. Das Institut hat eine eigene Zeitschrift in russischer und deutscher Sprache herausgegeben, und es fand ein reger Briefwechsel und Austausch mit Bibliotheken und Instituten in vielen Ländern statt.
1939 wurde das Agrarinstitut geschlossen und meine Mutter bekam eine Arbeit im ‚Verlag für ausländische Literatur’.

Meine Schwester Susanne Rosa Fischer wurde am 14. Februar 1937 in Moskau geboren.

Tante Irma sagte einmal: ‚Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schrecklich es damals war, diese alte Frau [meine Großmutter] dazu zu bringen, aus Österreich weg zu gehen.’ Daraufhin sagte ich: ‚Irma, sie war so alt wie ich jetzt bin!’ Sie sagte: ‚Die Großmutter war viel älter!’ So verschieben sich die Relationen, denn sie war wirklich damals so alt wie ich jetzt bin.
Meine Großmutter war der Meinung, sie lebe schon fünfzig Jahre in Graz und es werde ihr niemand etwas tun. Erst 1939 verließ sie Österreich. Meine Eltern hatten ein Einreisevisum für sie in die Sowjetunion besorgt und es nach London, zur Tante Anni und Tante Irma, die bereits geflohen waren, geschickt. Mit einem Touristenvisum in die Sowjetunion bekam die Großmutter ein Durchreisevisum für London.

Zehn Reichsmark durfte sie aus Österreich mitnehmen. Für ein Mittagessen in London war es zu wenig. Annie und Irma kümmerten sich in London natürlich um ihre Mutter. Sie wollte noch etwas länger in London bleiben, worüber meine Mutter sehr entrüstet war, weil sie die Verlängerung des Visums beantragen musste, und das war reichlich kompliziert. Sie hat das auch nur über Beziehungen, ich glaube über den Bulgaren Kolarow, den Chef des Agrarinstituts, der nach dem Krieg bulgarischer Präsident wurde, bekommen.

Im Juli 1939 begann die abenteuerliche Reise meiner Großmutter nach Moskau. Zuerst fuhr sie mit dem Schiff nach Leningrad. Von London hatte sie ein Telegramm an meine Eltern in der Hoffnung geschickt, dass sie sie in Leningrad abholen, denn sie hatte kein Geld. Aber als sie in Leningrad ankam, war niemand da.

Ich glaube, im Jahre 1937, als meine Schwester geboren wurde, hatte sie meine Eltern in Moskau besucht. Dadurch kannte meine Großmutter sich ein wenig aus. Auch die Großmutter Fischer hatte meine Eltern in Moskau besucht. Nun stand die Großmutter am Hafen. Sie fragte sich zum Bahnhof durch und stieg in den Zug nach Moskau. Jedes Mal, wenn der Schaffner kam, ist sie aufs Klo verschwunden. Das wurde von einem Herrn, der ihr gegenüber saß, beobachtet. Nach einer Weile sprach er sie auf jiddisch an. Zuerst wollte sie von ihm nichts wissen, denn jiddisch hat man doch nicht gesprochen. Sie hat es aber auch nicht gekonnt. Aber dann wurden sie sich handelseinig. Er gab ihr das Geld für die Bahnkarte nach Moskau, und sie versprach ihm, am Bahnhof werde ihre Tochter sie abholen, und er werde sofort das Geld zurückbekommen. Sie kamen in Moskau an, aber da war keine Tochter. Daraufhin hat sie sich den Herrn unter den Arm geklemmt und ist zu Fuß zu unserer Wohnung gegangen. Aber auch da war niemand. Meine Großmutter erkundigte sich bei der Hausmeisterin, die sie von ihrem ersten Aufenthalt kannte, nach meinen Eltern. Sie erfuhr, dass meine Eltern in ihrer Datscha [Ferien- bzw. Wochenendhaus], die 40 Kilometer von Moskau entfernt lag, Urlaub machten. Sie lieh sich Geld und bezahlte dem Herrn die ausgeliehene Summe. Dann fuhr sie mit dem Vorortzug und kam am Abend bei meinen Eltern an. Meine Mutter konnte kaum fassen, ihre Mutter zu erblicken. Das Telegramm, das meine Großmutter aus London an meine Eltern geschickt hatte, kam drei Wochen nach ihr. 

Meine Kindheit während des Krieges

Von da an war meine Großmutter bei uns. Das war mein großes Glück, denn sie hat mich nach meiner Geburt übernommen und mich großgezogen. Ich wurde am 8. Juni 1940 geboren. Die Großmutter wohnte mit uns Kindern in einem Zimmer und die Eltern im anderen.
Meine Mutter hatte, als ich auf die Welt kam, Malaria. Ich wurde aus dem Spital meiner Großmutter in die Hand gegeben, die mich mit meinem Onkel Walter, der ja Arzt war, gemeinsam aufpäppelte. Mit sehr viel Karotten hat man mich gefüttert, weil Milchprodukte kaum zu bekommen waren. Meine Großmutter hat immer behauptet, davon sei ich orange geworden und hätte abgefärbt.

Am 22. Juni 1941 begann der Marsch der Deutschen auf die Sowjetunion, und die sogenannte Evakuation begann. Mein Vater hat sich sehr bemüht, für meine Mutter, die Großmutter und uns Kinder einen Platz in einem Zug Richtung Osten zu bekommen, der uns in Sicherheit bringt.

Aus den Erzählungen der Großmutter weiß ich, dass es der kälteste Winter war, den sie dort erlebt hat. Es waren 51 Grad unter Null, und wir fuhren in einem offenen Viehwaggon. Auf dem Boden des Viehwaggons hatte meine Mutter ihre Daunendecke, die ein Hochzeitsgeschenk war, ausgebreitet, und wir saßen darauf. Ich war erst etwas über ein Jahr alt und wurde von der Großmutter zwischen ihrem Leib und ihren Kleidern gehalten, damit ich nicht erfriere. Meine Großmutter war eine etwas dickere Frau mit einem großen Busen. Ich erinnere mich mit großem Vergnügen, wie sie das geschildert hat, und ich mir vorstellte, wie weich und warm das gewesen sein muss. Das Wertvollste, das sie mit sich führte, war ein kleiner Topf mit Schmalz. Diesen Topf hat ihr irgendjemand gestohlen, und sie hat immer wieder erzählt, wie empört sie über diese Herzlosigkeit war.

Wir kamen in Ufa, der Hauptstadt von Baschkirien, an. Ufa liegt am Ural und befindet sich noch auf der europäischen Seite. Wir schliefen mit ungefähr 200 Leuten am Boden einer aufgelassenen Druckerei. Großmutter hat immer erzählt, dass es jeden Tag ein furchtbares Geschiebe und Gedränge gegeben hat, weil der ganze Raum von einem kleinen Kanonenöferl beheizt wurde und die Frauen mit Kindern gestritten haben, wer die Nacht neben dem Ofen schlafen darf. Onkel Ernst war auch in Ufa und nach einiger Zeit stießen noch Tante Grete, die jüngste Schwester meiner Mutter, und ihr Mann Gustav zu uns.

Über Tante Grete und Onkel Gustav habe ich schon berichtet. Sie durchquerten Russland auf ihrer Flucht zu Fuß. Ihr erstes Kind Ruth wurde auf dieser Flucht, im August 1940, geboren. Sie starb kurz nach ihrem ersten Lebensjahr, und sie mussten sie im Wald begraben. Die Großmutter erzählte, die Grete ist durchgedreht. Sie ist fast verrückt geworden nach dem Tod des Kindes. Ihr größtes Anliegen war, möglichst schnell ihre große Schwester, meine Mutter, zu finden, denn die beiden hatten schon immer eine sehr enge Beziehung zueinander. So kam es auch, dass sie quer durch Russland gegangen ist, um meine Mutter zu suchen. Ich erinnere mich an Erzählungen, dass sie ohne Schuhe, mit Fetzen um ihre Füße gewickelt, im Winter ankamen und Tante Grete erfrorene Füße hatte. Gustav arbeitete dann in Ufa als Arzt im Spital. Dadurch halfen sie mit, uns zu ernähren, denn es gab nur Lebensmittelkarten. Meine Großmutter bekam als Ausländerin mit einem Touristenvisum keine Karten.

Meine Mutter arbeitete im Wald. Ich weiß aus einem Brief, den sie meinem Vater schrieb, dass sie ganz unglücklich war, weil sie das Soll nicht erfüllen konnte. Die anderen waren viel besser als sie. Daher bekam sie auch eine geringere Bezahlung. Dann arbeitete sie im Lazarett, wo   verwundete Soldaten der Roten Armee, die von der Front kamen, entlaust wurden. Die Kleidung wurde in einem russischen Dampfbad desinfiziert, die Verbände wurden gewaschen und auch desinfiziert. So verdiente meine Mutter Geld für die Familie. Wenn es finanziell sehr eng wurde, verkaufte sie Kleinigkeiten, zum Beispiel, eine Armbanduhr von der Großmutter. Meine Großmutter sagte einmal sehr bitter: ‚Interessanterweise haben den Leuten immer nur meine Sachen gefallen.’

Meine Eltern waren im brieflichen Kontakt miteinander. Meine Mutter hat alle Briefe aufgehoben, auch Briefe in Blockschrift meiner Schwester an meinen Vater und meines Vaters an meine Schwester. Wir waren dann noch in vielen verschiedenen Orten: in dem Dorf Worotinetz und in Wassilsursk, denn immer wenn man gehört hat, dass es anderswo besser ist, dann zog man dorthin. Das war nicht so einfach, weil es schwierig war, sich einen Transport zu besorgen. So viel ich gehört habe, gab es kaum asphaltierte Straßen. Im Frühjahr war knöcheltiefer Matsch, im Winter waren die Wege gefroren. Da konnte man mit einem Schlitten fahren, aber den musste man sich organisieren.

Onkel Gustav meldete sich nach einiger Zeit freiwillig zum Tschechischen Corps der Roten Armee. Er kam strahlend zur Tante Grete, die eine kleine, sehr energische Frau war, um es ihr mitzuteilen. Tante Grete trug einen kurzen Herrenhaarschnitt, eigentlich hatte sie ein sehr knabenhaftes Aussehen. Sie sagte: ‚Das kommt überhaupt nicht in Frage, wir bleiben zusammen!’ Und es wurde erzählt, dass die Grete sich daraufhin auch für die Tschechische Brigade der Roten Armee hat werben lassen; aber nicht als Frau, sondern als Mann. Und man kam erst drauf, dass sie kein Mann ist, als sie unterwegs schwanger wurde. Das Kind überlebte nur kurze Zeit.

Ich weiß aus der Korrespondenz meiner Eltern, dass mein Vater, er war in der Zwischenzeit in Krasnogorsk [Russland] und Taschkent [Usbekistan], sich bemühte, uns nachkommen zu lassen. Aber aus irgendwelchen Gründen wollte die Mutter nicht. Im Jahre 1943 fuhren wir von Ufa direkt nach Moskau zurück. In Moskau trafen wir unseren Vater wieder.

Mein Vater hatte die ganze Zeit weiter die Miete für die Wohnung bezahlt. Das weiß ich auch aus der Korrespondenz. Wir sind dann wieder in unsere Wohnung gezogen und wohnten wieder gemeinsam mit der Familie Füchsel. Ich weiß nicht, ob sie zwischendurch auch weg waren.

Über Religion durfte Großmutter uns nichts erzählen. Gott kam in unserer Vorstellung nicht vor. Ich erinnere mich, wie meine Schwester Susi einmal vom Hof heraufgekommen ist und gesagt hat: ‚Papa, stell dir vor, da ist ein Mädel, das glaubt an Gott! Was ist das eigentlich? Bei der Erklärung war ich nicht dabei, also ich kann darüber nichts berichten.

Mein Vater bat meine Großmutter, als sie nach Moskau kam, kein koscheres Haus zu führen und den Kindern nicht von Gott zu erzählen, weil er die Familie nicht in Schwierigkeiten bringen wollte. Zur selben Zeit lief mein Vater aber quer durch Moskau, um für die Großmutter Schabbatleuchter zu finden. Diese sehr hübschen vergoldeten Biedermeier Schabbatleuchter besitze ich heute noch. Mein Vater schätzte, achtete und liebte meine Großmutter sehr, aber er machte sich wirklich Sorgen.

Ich hatte eine sehr geheimnisvolle Großmutter, eine Großmutter, die am Freitagabend Kerzen anzündete. Heute weiß ich, dass es Freitagabend war, sonst hätte ich geglaubt, irgendwann am Wochenende. Am Samstag hat sie nie gestrickt, sondern nur gelesen. Damals glaubte ich, sie liest in einem Traumbuch. Später kam ich drauf - meine Großmutter hatte wirklich ein wunderbares altes ‚Altägyptisches Traumbuch’, ich habe es von ihr bekommen als sie starb - dass sie nicht in diesem Buch gelesen hat. Sie saß mit dem Gebetbuch und betete. Da sie uns über Religion nichts sagen durfte und das Gebetbuch nicht entdeckt werden sollte, lag neben ihr das Traumbuch mit getrockneten Kleeblättern. Jedes Mal, wenn einer von uns herankam, nahm sie das Traumbuch zur Hand. Es war ein geheimnisvolles Gesicht auf der Titelseite, das ich als Kind sehr liebte. Für mich gehörte zu einer Großmutter, dass sie am Freitag Kerzen zündet und Bücher liest - so ist eben eine Großmutter!

Küche und Bad der Wohnung teilten wir mit Frau Füchsel. Meine Großmutter hatte Stieltöpfe aus Aluminium für Milch und schwarz emaillierte für ‚anderes’. Diese Töpfe waren ursprünglich aus Mutters Hochzeitsausstattung für milchig und fleischig. Das einzige, worauf sie wirklich sehr achtete war, dass in den Milchtöpfen nichts anderes gekocht wurde. Auch kein Kaffee, weil sie sagte, dass verdirbt den Geschmack. Außerdem hat Großmutter am Wochenende herrliche Weckerln mit Mohn drauf gebacken. Sie sagte immer, die würde sie für Besucher, die am Wochenende kommen könnten backen, denn es wäre praktisch, wenn man die zum Tee mit Käse essen könne. Diese Weckerln, deren Bedeutung ich erst viel später verstanden habe, gab es bei uns immer. Viele Jahre später, ich war schon verheiratet und unsere Tochter Eva war drei Jahre alt, sagte ich zu meiner Großmutter: ‚Ich mach den Teig mit dem Mixer, kannst du mir zeigen, wie du die ‚Weckerln’ geflochten hast?’ Wir standen in der Küche und Großmutter hat die ‚Weckerln’ geflochten. Plötzlich kam meine Tochter herein, schaute die ‚Weckerln’ an und sagte: ‚Mama, lauter kleine Barches.’ Zu dieser Zeit hatte ich für Freitagabend, besonders wenn die Großmutter kam, Barches für das Wochenende gekauft. Ich wusste, dass meine Großmutter immer am Wochenende Barches gegessen hat, so wie wir unseren Striezel am Sonntag. Ich zündete der Großmutter auch Kerzen an und auf ihre Frage, warum ich das mache, antwortete ich: ‚Weil ich weiß, dass du das gern hast.’

Es war damals für mich keine innere Notwendigkeit, sondern es war das Bedürfnis, der Großmutter bei uns ein ‚zu Hause Gefühl’ zu geben. Und nach 30 Jahren fiel plötzlich bei mir der Groschen. Nach 30 Jahren begriff ich, warum unsere Großmutter am Wochenende immer ‚Weckerln’ gebacken hatte. Sie hätte mich gerne traditionell erziehen wollen, aber sie durfte es nicht, also hat sie es durch Taten getan.

Auf der Strasse in Moskau durfte die Großmutter nicht deutsch mit uns sprechen, man musste sehr vorsichtig sein. Also war die Großmutter auf der Straße stumm, denn außer Deutsch sprach sie keine andere Sprache perfekt, nur etwas slowakisch und ungarisch. Mit unseren Eltern haben wir russisch gesprochen und mit der Großmutter deutsch. Aber nicht in der Öffentlichkeit, denn das wäre vielleicht gefährlich gewesen. Mit der Mama, wenn wir mit dem Trolleybus vom Kindergarten nach Hause gefahren sind, sprach ich selbstverständlich russisch.

Im Winter kamen Schneepflüge in den Hof. Es entstand ein großer Schneeberg, auf dem die Kinder des Hauses Ski fuhren und rodelten. In der Früh brachte uns dann oft Frau Pischer, sie hatte eine Hausbesorgerwohnung, mit der Rodel in den Kindergarten. Mit ihrem Enkel Fredi, der Fedja genannt wurde, war ich gemeinsam im Kindergarten. Wir wurden auf die Rodel gesetzt und sie hat uns in den Kindergarten, der im ‚Hotel Lux’ [15] war, gezogen, wo es zum Frühstück fast täglich Hering mit Kartoffelpüree und schwarzes Brot dazu gab. Ich hab das sehr geliebt.
Am Abend hat mich die Mutter abgeholt. Ich erinnere mich auch an die U-Bahn: Bei der Station Majakowskaja mussten wir aussteigen und dort gab es - selbst im tiefsten Winter - Eis zu kaufen. Das Eis war verpackt wie ein Viertel Kilo Butter, es war herrlich! Ich habe das heiß geliebt.

Mein Vater war ein sehr bewusster Österreicher, ein wirklicher Patriot im besten Sinne. Er saß oft mit meiner Schwester und mir auf dem Diwan und sang mit uns Volkslieder. Es war ihm sehr wichtig, dass wir österreichische Volkslieder lernen. Als wir nach Österreich zurückkamen, kannte ich eine Menge österreichischer Volkslieder, aber die Kinder hier konnten sie nicht, weil die in der Zwischenzeit ganz andere Dinge gelernt hatten. Er hat uns auch deutsche Kinderbücher vorgelesen. Wir hatten ein entzückendes Buch mit Jugendstilillustrationen mit den Kindergedichten von Christian Morgenstern [16], die konnten wir natürlich alle auswendig. Und selbstverständlich gab es den Struwelpeter, ein schreckliches Buch! Ich habe das meinen Kindern nicht vorgelesen. Ich habe mich sehr gefürchtet, weil ich Daumen gelutscht habe, denn da wird dem Buben, der Daumen lutscht, der Daumen abgehackt.

Wir hatten kein Radio, aber es gab so etwas wie einen Lautsprecher. Ich glaube, das war eine Haus-Radioanlage. An der Wand hing eine große Landkarte und die Eltern markierten den Verlauf der Front mit roten Fähnchen. Wenn aus dem Lautsprecher irgendwelche Mitteilungen kamen, dann standen die Eltern an der Landkarte und haben genau studiert, wo diese Ortschaften sind, das musste dann fest gehalten werden. Ansonsten kann ich mich an politische Dinge überhaupt nicht erinnern, ich war zu klein damals. Ich weiß, dass meine Eltern kaum Informationen über die Situation des Krieges hatten. Sie konnten nur die russische Presse lesen, aber was auf der Welt geschah, wussten sie nicht. Ab Juni 1943, nach unserer Rückkehr nach Moskau, arbeitete aber meine Mutter in der Abhörabteilung des Rundfunks. Alle Sendungen in deutscher Sprache, auch die deutschen Sendungen der BBC, wurden von ihr und einer Kollegin mitstenographiert. Ab dieser Zeit war sie besser informiert. Aber über die Massenvernichtung der Juden in den Konzentrationslagern erfuhr sie erst im Jahre 1945, als ein befreundeter Soldat, der bei der Befreiung des KZ Auschwitz dabei war, auf Urlaub in Moskau war. Mein Vater unterrichtete in dieser Zeit in der so genannten Antifa-Schule. Das war eine Schule für Kriegsgefangene, in der die Leute politisch umerzogen wurden.

Meine Schwester wurde mit sechs Jahren eingeschult. Damals begannen dort die Kinder mit acht Jahren in die Schule zu geben, aber mein Vater sagte, wir werden zurückfahren und er möchte nicht, dass sie zwei Schuljahre verliert. Ich glaube, das war eine Höllenidee, denn sie war um einiges jünger und kleiner als die anderen. Das war für sie ein ziemlicher Stress. Die Schule war im Nachbarhaus und eine sehr bekannte Schule, denn Stalins und Molotows [17] Töchter gingen auch in diese Schule. In der Schule trug sie ein schwarzes Kleid mit weißem Kragerl und das rote Pioniertuch. Das weiße Kragerl musste immer gebügelt werden. Außerdem hatte sie eine weiße Masche in ihr Haar bekommen. Ich wollte so gerne auch eine bekommen.

Häufig besuchten am Abend Onkel Walter und Tante Magda, die im Nachbarhaus wohnten, meine Eltern. An diese Besuche erinnere ich mich genau, weil ich die beiden sehr gern hatte. Tante Magda war gelernte Kindergärtnerin und sie beschäftigte sich immer mit mir. Sie hatte schwarze, in Wellen gelegte Haare, wunderschöne mandelförmige schwarze Augen und sehr schlanke, schöne Hände. Auch kam oft eine Dame, die strickte für uns aus Baumwolle Unterwäsche und Tilde Brüll, über die ich viel später erfuhr, dass ihr Mann einer der Schutzbündler war, die verhaftet wurden und nie wieder zurückkamen. Sie besuchte des Öfteren am Abend meine Eltern mit noch einer anderen Dame, deren Namen ich vergessen habe. Auch Leute aus dem Haus besuchten meine Eltern. Sicher wurde bei diesen Besuchen über die politische Situation, über die Verhaftungen gesprochen. Diese Treffen waren die Informationsquelle. Von den anderen hörte man, dass der oder jener nicht mehr da war oder was sonst vorgefallen war. Meine Mutter erzählte in einem Interview, dass sie gab, dass sie selbstverständlich wussten, das Leute abgeholt wurden und sich den Kopf zermarterten, welche Ursachen das haben könnte, weil viele der Verhafteten politisch überhaupt keine politischen Ambitionen hatten.

Ich habe versucht, später mit meiner Mutter darüber zu sprechen. Was ich aus ihr herausgekriegt hab, bis zum Schluss ist, dass sie gesagt hat: ‚Du darfst nie vergessen, dass dieses Land uns das Überleben ermöglicht hat.’ Ich glaube nicht, dass meine Eltern bewusst etwas zugedeckt haben.
Tatsache ist nun einmal: Wären meine Eltern nicht aus Österreich weggegangen, wäre mein Vater aufgehängt worden. Es war Standrecht, und er war auf der Liste. Ob meine Mutter als Jüdin überlebt hätte, weiß ich nicht. Dieses Gefühl der Dankbarkeit kann ich schon verstehen. Aber dass das einen gleichzeitig völlig stumpf und kritiklos macht, das kann ich nicht verstehen.
Ich habe die Situation nicht erlebt, obwohl ich dort aufgewachsen bin. Ich bin in den Kindergarten gegangen, habe dort gut zu essen bekommen, ich hatte Freunde. Zweifellos hat es in dieser Zeit viel gegeben, das ich überhaupt in keiner Form wahrgenommen hab. Mir ist es gut gegangen. Ich kann mir auch vorstellen, dass Menschen, die älter als ich damals waren, in einer ähnlichen Situation gelebt haben. Sie waren froh, dass sie ihre Familie über Wasser halten konnten und wollten gar nicht zuviel wissen.

Nach dem Krieg

Mein Vater, Onkel Ernst, seine Frau Ruth und Onkel Walter mit Frau und Kind verließen Moskau im Mai 1945. Ich glaube, die Leute wurden nach ‚Wichtigkeit’ zurücktransportiert.
Ich erinnere mich noch an den Morgen im Dezember 1946, wie wir aus Moskau weggefahren sind. Da wurden wir ganz warm angezogen, es war Dezember. Mitten in der Nacht, es war stockfinster, wurden wir von einem Auto abgeholt und zum Flughafen gebracht. Interessanterweise erinnere ich mich nicht an dem Flughafen in Moskau, nur an den Flughafen in Kiew. In Kiew saßen wir in der Früh in einem Wartesaal am Flughafen. Meine Schwester und ich saßen auf einer Kommode, andere Leute schliefen am Boden. Dann sind die Erwachsenen aufgebrochen, um was zum Frühstück zu finden. Meine Mutter kam mit einem Glas rotem Kaviar und Brot zurück, und wir haben zum Frühstück mit dem Esslöffel roten Kaviar und Brot gegessen. Das war für mich äußerst ungewöhnlich, denn mir war bewusst, dass roter Kaviar eine Spezialität ist. Und aus einem Glas mit einem Esslöffel roten Kaviar essen, das war etwas Besonderes.

Mit einer kleinen Militärmaschine flogen wir Richtung Wien. Die Großmutter schlief sofort ein und niemand war da, mit dem ich hätte reden können. Ich habe mich dann mit einem Buben, Hansl Grünwald, meinem späteren Jugendleiter unterhalten. Am Militärflughafen in Bad Vöslau sind wir gelandet. Das war eigentlich eine Wiese und es hat sehr gerumpelt. Nach längerer Wartezeit brachte uns ein Lastwagen nach Wien. Auf dem Lastwagen war es ziemlich frisch, denn es war ja Dezember.

In Wien fuhren wir zur Wohnung von Onkel Walter, der in der Zwischenzeit, am Laaer Berg, ein kleines Siedlungshäuschen bewohnte. Das Haus war eng, klein und finster, aber sehr heimelig, und es gab eine sehr steile Stiege in dieser Wohnung. Dort bekamen wir Kinder, nach russischer Sitte, einen Neujahrsbaum. Ich bekam auch eine Zelluloid Puppe, die ich mir sehnlichst gewünscht hatte. Ich besitze sie heute noch. Diese Zelluloid Puppe, die ein sehr hässliches Baby ist, wurde von mir sofort nach meiner Großmutter, Regina Bendiner, genannt. Viel später hat die Großmutter dieser Regina Bendiner einen Anzug gestrickt. Bekommen hatte ich sie nackt. Außerdem erinnere ich mich, dass ich diese steile Stiege runtergeflogen bin und mich ordentlich angehaut hab.

Meine väterliche Großmutter hatte den Krieg in Wien verbracht. Bei ihr wurden illegale Versammlungen abgehalten und Flugblätter gedruckt. Als ich sie kennen lernte, ist sie kaum noch aus dem Haus gegangen. Sie war schon etwas merkwürdig und kränklich. Sie war auch bei uns in Graz, als sie krank war und meine mütterliche Großmutter hat sie wirklich rührend gepflegt, aber die väterliche Großmutter hat sie sehr von oben herab behandelt. Das habe ich schon als Kind mitbekommen. Sie waren nicht einmal per du miteinander; ‚Frau Bendiner’ und ‚Frau Fischer’.

Ungefähr nach einer Woche, fuhren wir, ich glaube in der Nacht, nach Graz. Ich erinnere mich nur, ich bin in der Früh aufgewacht und habe vor meinem Fenster einen riesigen Berg, den Schlossberg, gesehen. Noch nie im Leben hatte ich einen Berg gesehen, denn in Moskau ist alles eben. Man kann sich gar nicht vorstellen, was für einen Schrecken mir dieser Berg eingejagt hat.
Ab 1947 arbeitete mein Vater in Graz als Sekretär der Kommunistischen Partei der Steiermark.

Zuerst bekamen wir in der Parkstrasse 17 eine Wohnung; ein Zimmer und ein Kabinett. Und wie ich viel später erfahren habe, war das während des Krieges das NSDAP-Lokal. In dieser Wohnung blieben wir, bis die Rückstellung des großelterlichen Hauses, in der Kepplerstrasse 49, stattfand. Dieses Haus war vom Nachbarn, dem Schlossermeister Gregorcic, arisiert worden.
Zuerst bekamen wir die Hälfte und später die ganze Wohnung. An die Frau des Herrn Gregorcic erinnere ich mich noch, denn als das Haus rückgestellt wurde oder im Rückstellungsverfahren war, und wir die Hälfte der Wohnung im ersten Stock zurück bekommen hatten und schon dort wohnten, trug der Marillenbaum im Garten des Hauses unglaublich viele Marillen. Ich war damals acht Jahre alt, und das war eine große Attraktion für mich. Als ich mir welche davon nehmen wollte, schrie die Frau Gregorcic: ‚Die gehören noch nicht euch, die darfst du nicht nehmen!’ Das ist meine Erinnerung an die arisierenden Nachbarn. Meine Mutter hatte dann mit der Kultusgemeinde in Graz Kontakt. Wir bekamen dann vom Joint [Anm.: wichtigste amerikanische Hilfsorganisation für Juden in der ganzen Welt], Pakete mit Lebensmitteln. Das war sehr hilfreich für die Familie.

Meine Schulzeit

Zuerst kam ich in die Volksschule, das war die Grabenschule. Und ich erinnere mich nur, dass ich mit meiner Mutter dort hinging und da war eine sehr alte Dame, wahrscheinlich war sie schon 40, mit hochgesteckten Haaren. Für mich hat sie ein bisschen wie eine Hexe ausgeschaut. Das war die Direktorin der Schule, da musste man vorsprechen. Sie hat mich begutachtet und hat dann mitgeteilt, dass die Schule wegen Kohleferien gesperrt ist und erst im März wieder beginnt. Daraufhin bekamen meine Schwester und ich eine Privatlehrerin, deren Mann in Kriegsgefangenschaft war. Kriegsgefangenschaft war etwas sehr Geheimnisvolles, man hat mir nie genau erklärt, was das heißt.

Ich wusste, dass meine Großmutter aus einer jüdischen Familie kommt. Ich habe das aber in keiner Weise mit meinen Eltern oder mit mir in Bezug gesetzt. Jüdisch sein war primär Religion. Die Großmutter hatte eine Religion, wir hatten so etwas nicht. Dass ich nicht so war wie andere Kinder, war mir eigentlich ganz klar. Es gab jede Menge Erklärungen dafür: ich war in Moskau geboren, ich kam in die Schule, als die anderen schon begonnen hatten, ich hatte Schuhe und die anderen hatten keine, ich trug im Winter Filzstiefel und Galoschen, die wir aus Moskau mitgebracht hatten, über die sich die ganze Klasse lustig machte. Ich war mir auch sehr bewusst, dass mein Vater ein kommunistischer Landtagsabgeordneter war und dass das schon genug Grund war, anders zu sein und vielleicht auch abfällige Bemerkungen zu kassieren. Aber dass es auch daran liegen könnte, dass ich aus einer jüdischen Familie komme, wäre mir nie eingefallen, denn über Judentum wusste ich nichts.

Meine erste Bekanntschaft mit dem Holocaust machte ich im Alter von elf Jahren. Der Bruder meiner Mutter, mein Onkel Fritz, war in Wien zu Besuch und bestand darauf, mich nach Mauthausen, in das ehemalige KZ, mitzunehmen. Damals war das noch kein museal ausgestatteter Platz, und der ehemalige Aufseher führte einen herum. Fritz hat auf alles gezeigt, für ihn hat das alles was bedeutet, aber für mich war es völlig fremd, schrecklich und abstoßend.
Ich erinnere mich noch sehr gut: Wie wir von dort weggefahren sind, ging eine Bauersfrau des Wegs und er blieb stehen und drehte das Fenster hinunter und sagte:
‚Wohnen Sie da?’
‚Ja, ja’ antwortete sie.
‚Haben Sie immer da gewohnt?’
‚Ja.’
‚Wissen Sie was da war?’ 
Sagt sie: ‚Was war denn da?’
Und er sagte zu mir:
‚Siehst du, sie behaupten sogar, dass sie es nicht gewusst haben.’
Ich verband damit aber nur, es war zwar schrecklich, und es war Krieg. Für mich war die Betonung auf Krieg, und da ist das eben passiert.

Als ich elf Jahre alt war, zogen wir von Graz nach Wien in den 4. Bezirk, in die
Graf-Starhemberg-Gasse, in das Haus, in dem meine Mutter bis zum Schluss gelebt hat. Das Haus wurde von der sowjetischen Kommandantur verwaltet und auf dem Haus stand:
‚Dieses Haus kämpft für den Frieden!’
Die anderen Bewohner waren zum Großteil Leute, die auch von irgendwo kamen, und dadurch war der Anfang in Wien nicht so fremd.

Meine Eltern haben alles für unsere Erziehung im Bereich Bildung getan und sich wirklich bemüht, uns alles zu bieten, was damals möglich war. Zuerst ging ich aufs Gymnasium in die Waltergasse, also um die Ecke, wo meine Eltern gelebt haben, weil das Gymnasium dort einquartiert war. Im Krieg war es ausgebombt worden, und dann übersiedelte es in den 10. Bezirk hinter dem Amalienbad. Außer mir gab es noch ein Mädchen in meiner Klasse, Vera Rabinowitz, das jüdische Eltern hatte. Ich besuchte keinen Religionsunterricht. In der dritten Klasse erzählte jemand, ich hätte gesagt, der liebe Gott könnte genauso gut ein Fisch sein, die Leute würden dran glauben. Ich bin überzeugt, dass ich so etwas nie gesagt habe, denn wenn ich etwas von meinen Eltern, insbesondere von meinem Vater, auf den Lebensweg mitbekommen habe, dann ist es Respekt vor dem Glauben anderer Menschen. Später hat mein Klassenvorstand immer wieder gesagt: Vera und du, ihr müsst ‚das’ ja wissen! Und für mich war 'ihr müsst das ja wissen' ganz klar, denn die Vera und ich kamen aus intellektuellen Häusern, und der Rest der Klasse nicht. Also wurden an uns andere Erwartungen gestellt. Erst viel später habe ich mir zusammengereimt, was damit wirklich gemeint war: Wir waren beide Jüdinnen!

Als ich 14 oder 15 Jahre alt war, in der 7. Klasse der Mittelschule, kam die erste Ausstellung über Ravensbrück nach Wien. Gleichzeitig lief im Wienzeile Kino die Vox Wochenschau über Hitler. Das war ein Zusammenschnitt aus Wochenschauen aus der Nazizeit. Da wurden wir mit der Schule hingebracht, um uns das anzuschauen. Dann begannen die ersten Diskussionen in der Klasse. Über die Ausstellung war ich sehr schockiert! Ich ging nach Haus und fragte meine Mutter, die sehr kurz angebunden darauf sagte: ‚Ja aber du weißt doch, dass die Großmutter jüdisch ist.’ Ich wusste gar nichts! Ich wusste nur, dass ‚Mitglieder der Familie meiner Großmutter umgekommen sind’, genau mit dieser Diktion! Meine Mutter hat immer gesagt, sie stammt aus einer jüdischen Familie. Manchmal hat sie auch gesagt, sie ist jüdischer Abstammung, mehr hat sie aber nicht gesagt. Ich wusste, dass ich aus einer Familie stamme, die jüdisch ist, aber ich wusste auch, mit mir hatte das nichts zu tun. Dass es sehr wohl auch etwas mit mir zu tun hat, habe ich erst viel später begriffen. Ich begann dann, mir selbst Informationen zu suchen.

In der 8. Klasse gab es dann schon sehr wilde Diskussionen über Politik. Meine Sitznachbarin war eine blond gebleichte Person, die die Nazis verteidigte. Sie bleichte ihre Haare deshalb blond, weil ihr Vater so gern eine blonde und blauäugige Tochter hatte. Er war aus Znaim [Tschechien] nach Österreich gekommen, Mitglied einer singenden Burschenschaft und sicher ein Nazi. Die Diskussionen spielten sich im Philosophieunterricht ab. Der Professor war eindeutig ein Linker, der das sehr souverän leitete. Trotzdem flogen manchmal die Fetzen. Einmal erzählte mir mein Klassenvorstand, dass Jahre später die Tochter vom Simon Wiesenthal [18] und die Tochter des Naziverbrechers Radakovic, die damals Rada hieß, in eine Klasse gingen. Da prallten die Dinge wirklich aufeinander. Aus der Stubenbastei [Anm.: Schule im 1. Bezirk] weiß ich, dass ein ehemaliger Schüler, der Tommy Rothschild erzählt hat, dass dort ein Schüler mit schwarzen Stiefeln und braunem Hemd in die Schule gekommen ist und dass da richtige Prügeleien stattgefunden haben. Soweit ging es bei uns nicht, wir waren eine Mädchenschule.

Mit 16 kam ich an das Buch von Wolfgang Leonhard [19] und war erschüttert. Und da machte ich die gleiche Erfahrung, wie mit der Ausstellung über Ravensbrück. Ich fragte meine Mutter, ob sie das gewusst habe und sie sagte: ‚Natürlich haben wir das gewusst, aber das, was er schreibt, ist wirklich übertrieben.’

Ich wurde in die ‚Junge Garde’ geschickt. Das war eine Jugendgruppe, die von sich behauptete, keine kommunistische Jugendgruppe zu sein, aber die Kinder waren alle Kinder von Kommunisten. Manche waren Juden, was für mich sehr gut war, denn diese Kinder waren, wie ich, nicht in Österreich aufgewachsen und kamen, wie ich, aus einer anderen Sprache.
Hansl Grünwald, der Junge aus dem Flugzeug, mit dem ich mich von Kiew nach Wien unterhalten hatte, war unser Gruppenleiter und Grischa Klahr war auch Gruppenleiter. Der Vater von Grischa Klahr war Alfred Klahr [20], ein bekannter Kommunist und Theoretiker, der über die österreichischer Nation geschrieben hatte. Grischa und seine Familie wohnte uns gegenüber. Mit den Freunden meiner Eltern und den Kindern der Jugendgruppe konnte ich mich gut unterhalten, weil sie aus ihren Erfahrungen erzählten. Ich würde nicht sagen, dass meine Eltern mir bewusst etwas verschwiegen haben, aber es war kein Gesprächsthema.

Meine Schwester war immer systemkonform. Sie hatte sogar zu Hause politischen Unterricht.
Junge Leute der Jugendorganisation haben das selbst organisiert, aber das hat bei uns zu Hause stattgefunden, so um den Esstisch herum. Eine Freundin meiner Eltern, Genia Lande, gab der Gruppe Unterricht. Genia Lande war Jüdin und Kommunistin. Ich erinnere mich daran, dass sie mir gesagt hat: ‚Du bist viel zu klein und zu blöd, du kannst daran nicht teilnehmen.’ Mir war klar, dass ich bei allen Dingen, die wichtig waren und für Erwachsene bestimmt, nichts verloren hatte. Auch für meine Schwester war ich zu klein und zu blöd. Und so suchte ich mir meine Informationen selbst. Ich ging in die Bibliothek und lieh mir Bücher aus.

Seit meinem siebenten Lebensjahr war meine Großmutter unterwegs. Sie besuchte ihre Kinder, Enkelkinder - sie hatte dreizehn Enkelkinder - Nichten und Neffen in der ganzen Welt. Anfangs waren ihre Reisen nach Argentinien in größeren Abständen. Ich glaube, vor allem der Kosten wegen. Da ging es um ein bis zwei Jahre. Dann fuhr sie nach England, weil dort eine Nichte mit ihren Kindern lebte, die sie besuchte. Und dann fuhr sie nach Israel, denn dort waren die Kinder ihres Bruders Schmieder mit ihrer großen Familie. Sie war eigentlich ständig unterwegs und sie hat mir einmal gesagt: ‚Weißt du, ich habe einen ganz großen Fehler gemacht nach dem Krieg, ich habe mir keine eigene Wohnung genommen. So musste ich ständig unterwegs sein und immer bei einem meiner Kinder wohnen.’ Wenn sie in Wien war, hat sie bei uns gewohnt. Ich bin sehr glücklich darüber, denn ich habe sie wirklich sehr geliebt und habe dadurch viel von ihr gehabt.

Sie war die zentrale Person der ganzen Familie, ihre Meinung war jedem unendlich wichtig. Sie hatte eine sehr stille, sanfte aber bestimmte Art, Sachen zu sagen. Sie sagte selten: Du musst etwas machen oder man macht das so, was von meinen Eltern sehr häufig kam. Sie hat gesagt: Ich mach das so, oder ich seh das so. Im Jahre 1967, sie hatte das neunzigste Lebensjahr überschritten und noch sieben Jahre zu leben, schrieb sie einen Brief an ihre Kinder und Enkel:
‚Schon lange befasse ich mich mit dem Gedanken, diesen Brief zu schreiben. Ich habe das neunzigste Jahr überschritten und weiß nicht, wie lange ich das Glück haben werde, in eurer Mitte noch zu leben. So habe ich mich entschlossen, euch auf diesem Wege meinen innigsten Dank auszusprechen für all die Liebe und Güte, die ihr mir zu Teil werden ließet. Mein Wunsch ist es, es möge euch vergolten werden, tausendfach, was ihr mir Gutes und Liebes getan habt.
Weinet nicht um mich, sondern seid glücklich, dass ich so ein hohes Alter in eurer Mitte erlebte!
Mein letzter Gruß in Liebe
Euere
Mutter und Großmutter
PS: Ich habe keine ‚Schwiegerkinder’ gehabt, ich habe euch stets als meine eigenen betrachtet und euch auch so geliebt!
Eure Mutter Nr. 2

Freundinnen in der Schule hatte ich eigentlich keine. Man hat von mir Gebrauch gemacht, weil ich goschert war und etwas durchsetzen konnte und weil es auch ganz gut war, von mir bei der Schularbeit abzuschreiben oder die Schularbeit geschrieben zu bekommen, oder mit mir zu Hause gemeinsam zu lernen. Aber Freundinnen oder Freunde hatte ich nicht. Zu meinen Geburtstagspartys lud ich immer viele Kinder aus meiner Schulklasse ein, die auch alle zu mir kamen. Aber wenn die Klassenkolleginnen Partys hatten, war ich nie eingeladen. Ich hab mir das nicht erklären können. Heute würde ich sagen, ich habe ganz eindeutig nicht dazugehört.

Meinen Mann traf ich das erste Mal auf einer Geburtstagsparty im Alter von zwölf Jahren.

Damals lebte ich erst kurze Zeit in Wien, kam aus der Provinz und trug Zöpfchen und ein Dirndlkleid. Ich kam in eine geschlossene Gesellschaft von Kindern, die alle in die gleiche Schule, nämlich in die Stubenbastei, gingen. Die Stubenbastei war die einzige Schule in Wien, in der man Russisch lernen konnte. Auf dieser Party waren größtenteils Kinder von jüdischen Kommunisten, oder kommunistischen Juden. Ich glaube, in dieser Zeit waren sie vor allem Kommunisten. Ich war der absolute Außenseiter, denn es war für kommunistische und jüdische Kinder unvorstellbar, ein Dirndl zu tragen. Das war, was ich damals natürlich nicht wusste, völkische Kleidung, und die haben jüdische Kinder mit Sicherheit nicht getragen, kommunistische auch nicht, und in Wien schon überhaupt nicht. Aber in der Steiermark war das Dirndl ein normales Kleidungsstück, so war man eben angezogen. Kinder sind ja sehr grausam, ich war sofort die ‚Provinzpomeranschen’, und ‚…was macht die da’.

Mein Mann war 14 Jahre und schon sehr erwachsen, ein stiller und besonnener Bursch. Er war der einzige, bei dem ich das Gefühl gehabt hab, dass er sich nicht über mich lustig machte.

Ich wurde dann auch zum Schifahren mitgenommen, das von einem kommunistischen Schilehrer am Schneeberg veranstaltet wurde. Zweimal war ich dabei, einmal mit zwölf, einmal mit 14 Jahren. Die Vera aus meiner Klasse ist auch mitgefahren, aber die hat sich sehr schnell mit den anderen solidarisiert, und ich habe mich nicht wohl gefühlt.

Ich wollte dann mit 14 unbedingt in die Stubenbastei wechseln, aber meine Mutter hat mir das mit Gewalt ausgeredet. Sie hat gesagt: russisch kannst du schon, du sollst jetzt englisch lernen. Aber in Wirklichkeit glaube ich, dass sie etwas gegen die Gesellschaft dieser Kinder hatte. Meine Mutter schien von der Vorstellung ausgegangen zu sein, dass sie ihren Kindern durch ignorieren des Jüdischen irgendwelche Dinge erspart, denn meine Eltern haben die Kinder nett gefunden und auch die Eltern dieser Kinder nett gefunden. Aber die waren eben mit Problemen behaftet, die wir gar nicht erst haben sollten. Viele Jahre später hat mein Mann mir einen Brief auf Kinderbriefpapier mit Schmetterling gezeigt, den ich ihm geschriebene hatte. Da stand, dass ich sehr gerne in seine Schule gehen würde, aber meine Mutter erlaube das nicht.

Mit meiner Mutter habe ich um 500 Schilling gewettet, das war sehr viel Geld, dass ich die Matura mit Auszeichnung schaffe. Ich habe die Matura mit Auszeichnung geschafft und meine Mutter zahlte mir die 500 Schilling. Damit habe ich meine erste Reise nach England bezahlt.

Meine Mutter wollte, dass ich Jus studiere, was ich aber überhaupt nicht wollte. Ich hatte keine Chance, weil sie sagte: ‚Entweder du studierst Jus oder du studierst gar nicht.’ Mein Vater hatte am Anfang als Parteiangestellter nicht viel verdient, es war zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Damit die Familie überleben konnte, hatte meine Mutter die Rechtsanwaltsprüfung gemacht und eine Kanzlei eröffnet. Sie war zu dieser Zeit fast 50 Jahre alt.

Nach der 5. Klasse hatte ich die Lehrerbildungsanstalt besuchen wollen. Ich hätte gern unterrichtet. Meine ganze Mittelschulzeit habe ich Nachhilfestunden gegeben und war da auch  erfolgreich. Das war meine Chance, glaubte ich, anerkannt zu werden. Ich wollte das wirklich. Meine Mutter meinte, ich hätte überhaupt keine Chance als Lehrerin, weil ich als Tochter von Otto Fischer, in Moskau geboren, nie eine Anstellung finden würde. Das mag damals auch gestimmt haben. Also habe ich die Matura gemacht und habe gesagt: ‚Gut, dann möchte ich gern Dolmetsch machen.’ Da meinte meine Mutter: ’Als Tochter von Otto Fischer wirst du niemals angestellt werden. Außerdem ist ein Dolmetsch, der kein Sachgebiet hat, unbrauchbar. Studier jetzt einmal Jus, und dann kannst du noch immer Dolmetsch machen.’ Und so habe ich Jus studiert, obwohl ich es absolut nicht wollte. Ich habe es darauf angelegt, bei der ersten Staatsprüfung durchzufallen. Ich habe ein Gebiet einfach nicht gelernt. Das war die österreichische Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte, weil ich Geschichte gehasst habe. Aber meine Mutter ist 14 Tage vor der Prüfung draufgekommen. Sie hat sich zu mir ins Kabinett gesetzt und es mir eingebläut, man kann sagen eingeprügelt.

Ich bestand die Staatsprüfung und musste weitermachen. Aber ich habe meiner Mutter sofort gesagt: ‚Ich werde niemals deine Kanzlei übernehmen. Ich werde niemals Anwalt werden.’ Die Kanzlei war aber der Grund, warum sie wollte, dass ich Jus studiere, denn ich sollte ihre Kanzlei einmal übernehmen. Später beschäftigte sich meine Mutter in Ihrer Kanzlei hauptsächlich mit der Wiedergutmachung und half vielen Menschen, die vertrieben worden waren, wenigstens eine kleine Pension vom Staat zu bekommen.

Ich habe die Kanzlei meiner Mutter nicht übernommen und zuerst im ÖGB und dann im Wirtschaftsministerium als Legistin gearbeitet. Ich war dort die einzige Jüdin im ganzen Haus, in einem Ambiente, wo es hauptsächlich Männer gab, die dem katholischen Cartell -Verband angehört haben. Das war unangenehm, aber ich hatte einen Chef, der mich sehr geschätzt und unterstützt hat und der mir selbstverständlich die Möglichkeit gegeben hat, zu Feiertagen in die Synagoge zu gehen, und der mir sogar Freitag ab Mittag keine Arbeit mehr gegeben hat, weil er ein sehr religiöser Katholik war. Er hatte begriffen, dass es mir wichtig war - bei Sonnenuntergang beginnt der Schabbat - meine Arbeit zu beenden. Er wusste, dass ich nach dem Büro in die Synagoge gehe.

Meine Schwester hatte nach der Matura beschlossen, Medizin zu studieren. Sie war immer Vorzugsschülerin und nach der Matura begann sie mit dem Medizinstudium. Nach kurzer Zeit hat ihr das nicht mehr gefallen. Daraufhin sagte meine Mutter, sie solle Jus studieren. Ich glaube, sie ist zu drei Vorlesungen gegangen und hat dann gesagt, sie will doch lieber Medizin studieren und wurde Internistin.

Israel war im politischen Verständnis meiner Eltern ein von Amerika beeinflusstes Land.
Meine Mutter hatte brieflich Kontakt mit ihrer Cousine Lisl Dembsky, der Tochter ihres Onkels Schmieder. Das war ihre Familie, aber sie stand dem Land Israel ambivalent gegenüber, solange, bis meine Schwester einen Israeli heiratete.

Im Jahre 1963, drei Wochen nach dem mein Mann und ich geheiratet haben, heiratete meine Schwester ihren ersten Mann Dr. Jochanan Weisenfreund, der heute Psychiater in New York ist, unter der Chuppe [21] in Israel. Damals war es so, dass die Israelis die standesamtliche Ehe zwischen Juden nicht anerkannt haben. Also wenn ein Israeli in Österreich standesamtlich geheiratet hat, war das aus der Sicht der Israelis keine Ehe. Deswegen mussten meine Schwester und ihr Mann rituell heiraten. Ob es in Österreich war oder in Israel, das war egal, aber rituell musste es sein. Meine Mutter fuhr das erste Mal nach Israel.

Ich glaube, das Jahr darauf, sind meine Eltern gemeinsam nach Israel auf Urlaub gefahren und von da an war mein Vater begeistert von diesem Land. Er sah mit eigenen Augen, was die  Israelis geschaffen hatten: Aus der Wüste war ein Land entstanden. Das hat ihm sehr imponiert.
Meine Mutter hat eigentlich nie extreme Ab- oder Zuneigungen diesbezüglich gehabt. Israel  war das Land, in dem ihre Familie überlebt hatte und das war gut. Aber sie war keine Zionistin.

Meine Schwester bekam ihre Tochter Anat, ließ sich scheiden und heiratete ein zweites Mal, Dr. Gotthard Schwarz. Nach dem Tod meiner Schwester, im Jahre 1975, ging Anat zu ihrem Vater nach  New York. Anat lebt als Psychotherapeutin in Brooklin.

Als mein Mann Timmy und ich begonnen haben, uns mit dem Thema Judentum auseinander zu setzen, gab meine Mutter zu erkennen, dass sie vieles weiß und sich erinnern kann. Aber das war eher in der Art: Ich kann auch etwas beitragen! Sie war sehr stolz, dass sie hebräisch lesen konnte, denn das hatte sie ja in der Volksschule gelernt. Viel später, als ich zu den Feiertagen Karten für den Tempel kaufte, ist sie mit uns in die Synagoge gegangen. Für die Großmutter hatte sie immer selbstverständlich Karten gekauft, damit sie zu den Feiertagen in den Tempel gehen konnte. Das ist eine sehr schwierige und gespaltene Geschichte. Später erfuhr ich, dass sie die Gräber ihrer Familie in Graz am jüdischen Friedhof hat pflegen lassen und alle Grabsteine in Stand setzen ließ, und dass sie einen Rabbiner aus Wien bezahlt hat, der am Todestag des Großvaters nach Graz auf den Friedhof gegangen ist und dort Kaddisch [22] gesagt hat. Es war so: Meine Mutter hat die Religion nicht betroffen, aber sie hat sie respektiert. 

Ein - oder zweimal war ich mit meiner Großmutter zu den Feiertagen in Wien im Tempel.
Sie saß auf der zweiten Galerie und ich erinnere mich noch, ich bin hinauf gegangen und hab kurz mit ihr gesprochen und ich bin dann wieder gegangen. Aber ich habe keine Erinnerung an den Tempel oder ein Gebet. Die Großmutter war eben dort und ich bin Großmutter besuchen gegangen, weil sie den ganzen Tag dort gesessen ist. Aber ich hab keine Ahnung gehabt.

Die Großmutter ist immer mit dem Flugzeug nach Argentinien geflogen, aber im Jahre 1959 hat sie ihren Söhnen erklärt, sie fühlt sich zu alt, um zu fliegen, sie möchte mit dem Schiff fahren. Und wie ich heute weiß, hat sie das nur eingefädelt, um mich mitzunehmen. Das Schiff hieß ‚Herborg’ und war aus Norwegen. Damals war ich 19 Jahre alt und traf das erste Mal mit einer jüdischen Familie zusammen, nämlich mit meiner eigenen.

Am Abend waren wir beim Onkel Fritz und ich habe gehört, es ist irgendein Feiertag, ich wusste natürlich nicht welcher. Heute weiß ich, es war Rosch Haschana, also Neujahr. Die ganze Familie war dort versammelt. Ein feierliches Essen war gerichtet, alle standen herum und man plauderte. Plötzlich sind die Herren verschwunden und mit irgendwelchen merkwürdigen Kopfbedeckungen zurückgekommen. Ich war drauf und dran zu sagen: ‚Was soll das, es ist doch nicht Fasching?’ Dann habe ich bemerkt, dass alle was am Kopf haben und habe nichts gesagt. Als wir bei Tisch saßen, der Onkel Fritz den Segen über die Barches sprach, die die Tante Susi gebacken hatte, gab er sie zuerst an seine Tochter weiter. Die hat irgendwas gemurmelt und ich war die zweite, ich saß neben ihr. Und sie dreht sich zu mir und sagt: ‚Du musst die Bracha [23] sagen, wozu sitzt du sonst bei Tisch?’ Ich habe überhaupt nicht verstanden, was ich sagen soll. Ich hatte keine Ahnung. Meine Großmutter, die mir hätte helfen können, saß bei den Honoratioren, weit weg.

Dort war ich auch zum ersten Mal bei einer Bar Mitzwah und habe zum ersten Mal jiddisch gehört. Ein Mann spielte mit einer Ziehharmonika und sang jiddische Lieder, und ich habe gesagt: ‚Was ist das für eine Sprache?’ Für die anderen war das alles selbstverständlich, für mich war alles fremd. Ich hätte so gern dazugehört, weil ich mich so gern in der Familie aufgehoben gefühlt hätte. Sie waren zusammen, sie waren ein Ganzes und dadurch war Niemand von ihnen allein. Das hätte ich auch sehr gern gehabt.

Mein Mann

Mein Mann, Dr. Timothy Bertram Smolka, wurde am 12. Oktober 1938 als zweiter Sohn des Journalisten Harry Peter Smolka und seiner Frau Lotty, geborene Jäckel, in London geboren. Vater und Mutter meines Mannes waren in jüdischen Familien in Wien groß geworden. Väterlicherseits besaß die Familie eine Metallwarenfabrik in Wien-Schechat, die Schnallen und Pferdebeschläge herstellte. Nach dem Krieg, die Fabrik war arisiert worden, bekam der Großvater meines Mannes, Albert Smolka, die Fabrik zurück und mein Schwiegervater Peter Smolka gestaltete sie zur bekannten Sportartikelfirma ‚Tyrolia’ um. Mein Mann und sein Bruder Thomas Gordon Smolka, der 1936 in London geboren wurde, wurden von ihren Eltern 1940 nach Amerika geschickt, weil sie Angst hatten, die Deutschen könnten auch in England einmarschieren, aber 1943 holten sie sie wieder nach London zurück. Mein Schwiegervater arbeitete fünf Jahre in London als Korrespondent der ‚Neuen Freien Presse und war später Korrespondent des ‚Prager Tagblatt’. In England wurde er Kommunist, ich weiß nicht, ob er Mitglied einer kommunistischen Partei war. Dem Vater meiner Schwiegermutter, Max Jäckel, gehörte das bekannte Stoffgeschäft ‚Komolka’ auf der Mariahilferstrasse in Wien. Er blieb nach dem Krieg in London, kam nur noch auf Besuch nach Wien, wo man ihn 1939 hinausgeworfen hatte. Als kleiner Junge sagte mein Mann: ‚Wir sind keine Juden, denn wir glauben nicht an Gott, aber mein Großvater ist Jude, denn der geht immer in die Synagoge in der Abbey Road.’

Da lassen sich also Parallelen zu meiner Familie ziehen. Als er älter wurde, wusste er, dass er jüdisch ist, aber Judentum war rein negativ beladen, denn über den Holocaust sprach die Familie viel. Mein Mann studierte Medizin in Wien, arbeitete als Kinderarzt im Hanusch Spital und ist seit zwei Jahren pensioniert. Sein Bruder lebt seit 1988 in Amerika, ist verheiratet mit Dalia Charlotte Semenowsky, die 1944 in Jerusalem geboren wurde. Sie haben zwei Söhne, Alexander Marc, Vater von vier Kindern, Felix Albert Smolka, Vater von zwei Kindern, und eine Tochter Ruth Merle, Mutter von Zwillingen. Ruth und ihr Mann leben seit dem Sommer 2003 in Tel Aviv, alle anderen leben in den USA.

Wir heirateten im Jahre 1963. Wir haben zwei Kinder, Eva und Stefan. Eva Johanna wurde am 21. Februar 1968 und Stefan am 22. Januar 1970 in Wien geboren. Unsere Kinder sind in Mauer in die Volksschule gegangen und wir haben beschlossen, sie in den katholischen Religionsunterricht zu schicken, weil sie die einzigen Kinder waren, die sonst irgendwo am Gang oder anderswo herumgestanden wären. Mein Mann und ich fanden auch, sie sollen darüber informiert sein, was der Mehrheit der Bevölkerung wichtig ist und woran sie glauben. Zu meinem großen Erstaunen kam Eva einmal mit einem Religionstest nach Hause, in dem sie geschrieben hatte: ‚Das wichtigste Fest der Christen ist Ostern, unser wichtigstes Fest ist Pessach [24]. ’
Ich hatte mich bemüht, die Kinder von klein auf, soweit ich es überhaupt selbst wusste, mit jüdischer Geschichte vertraut zu machen. Wir hatten eine Kinderbibel mit wunderschönen Bildern zu Hause. Die Kinder haben sich sehr gern damit auseinander gesetzt.

Unsere Kinder

Als Eva in die Mittelschule kam, sagte sie, dass sie auf keinen Fall mehr in den Religionsunterricht gehe. Und da erfuhren wir, dass sie als Kinder zweiter Kategorie behandelt wurden. Es wurde zum Beispiel gesagt: ‚Was seit ihr doch für arme Kinder, dass eure Eltern keine Christen sind.’ Und die Damen in Mauer haben sich darum bemüht, zu erreichen unsere Kinder zur Taufe zu bringen. Sie wurden zum Beispiel zur Kommunion eingeladen, aber wir haben dankend abgelehnt. Da hat primär mein Mann beschlossen, der Kultusgemeinde beizutreten.

Ich war gar nicht sicher, ob ich die Berechtigung hätte aufgenommenen zu werden. Ich hab einfach zu wenig davon gewusst. Ich war aus einer jüdischen Familie, aber ich wusste nicht, dass ich jüdisch bin. Für mich war damals noch Judentum reine Religion. Als mein Mann zur israelitischen Kultusgemeinde ging, um uns einzuschreiben, sagte ich: ‚ Entweder sie akzeptieren mich so wie ich bin, oder ich gehe dort nicht hin.’ Ich hatte den Wunsch, aufgenommenen zu werden, dazuzugehören, aber ich hatte Angst, wie so oft in meinem Leben, weggestoßen zu werden oder als Außenseiter dazustehen. Die Kultusgemeinde stellte keine Bedingungen, und ich war sehr froh. Mein Mann versprach dem Oberrabbiner, das war noch der Vater vom heutigen Oberrabbiner, dass wir die Kinder in Religion unterweisen. Von da an kam jeden Dienstagabend Mendi Moshkowitz, ein junger Mann mit Bart, der leider letztes Jahr gestorben ist, zu uns. Wir haben von sieben Uhr abends bis elf Uhr mit ihm gelernt. Es war religiöse Familientherapie. Jeder hat die Fragen gestellt, die ihn interessiert haben. Wir saßen beinander und lasen gemeinsam den Tanach, die Bibel. Nicht Wort für Wort und nicht Absatz für Absatz, er hat immer die wichtigsten Dingen herausgenommen. Wir haben mit Sprüngen den gesamten Tanach gelesen und dazwischen kamen natürlich alle möglichen Fragen, nicht nur den Tanach betreffend, sondern was für uns von Interesse war. Zum Beispiel eine israelische Mannschaft hat Basketball gespielt, darüber hätte Stefan etwas wissen wollen, mich interessierten jüdische Feiertage und mein Mann stellte irgendwelche medizinisch relevanten Fragen. Er hat damals schon Brit Mila [25] bei den Kindern gemacht. Das hatte er vom Dr. Stern gelernt, der damals schon alt war und nicht mehr praktizierte, so dass viele Beschneidungen, die nicht vom Mohel [Beschneider] gemacht wurden, von meinem Mann gemacht wurden. Eva, unsere Tochter, wusste literarische, historische und philosophische Fragen zu stellen. So dauerte unser Religionsunterricht, der üblicherweise um sieben begann, meistens bis elf Uhr. Das war jede Woche wirklich ein heiliger Dienstagabend, es war wunderschön. Heilig, im Sinne von für jeden von uns sehr wichtig.
Ich habe zu unserem Lehrer gesagt, wenn er von mir verlangt, dass ich hebräisch lesen lerne, dann sag ich gleich, dass ich sofort aufhöre. Ich glaube, ich hatte noch immer das Gefühl, ich pass schon wieder nicht dazu. Ich muss schon wieder etwas machen, damit ich akzeptiert werde.
Dann kam Chanukka [26]. Und ich habe ihm gesagt, er soll mir die Bracha für die Chanukkalichter transkribiert aufschreiben. Da hat er gesagt, das macht er nicht. Ich hab gefragt, warum er das nicht macht? Daraufhin sagte er: ‚Wenn Sie wollen, sag ich es ihnen, und sie können sich das aufschreiben, aber ich schreib das nicht! Ich schreibe es Ihnen hebräisch auf, wenn Sie wollen, aber transkribiert nicht.’ Er schrieb es hebräisch auf, und ich habe es drunter transkribiert. Und so begannen wir langsam hebräisch zu lernen.

Beide Kinder gingen zum Hashomer Hatzair [27]. Stefan war zehn Jahre alt und hat immer Wert darauf gelegt, dass er allein von Mauer mit der Straßenbahn in die innere Stadt fährt. Das ist eine weite Reise, aber ich habe nie verstanden, warum er so besonders früh von zu Hause weggefahren ist. Zwei Jahre später bin ich draufgekommen. Er fuhr jeden Schabbes zu meiner Mutter, hat mit ihr Kaffee getrunken und sie über Geschichte ausgefragt. Beide haben davon nie berichtet, nur durch Zufall bin ich darauf gekommen.

Stefan absolvierte die Volksschule mit Bravur. Wir haben damals noch am Stadtrand, in Mauer, gewohnt. Mauer liegt an der Grenze zwischen Niederösterreich und Wien. Fast alle seine Schulkollegen sind nach Niederösterreich, nach Perchtoldsdorf, ins Gymnasium eingeschult worden. Wir sprachen mit dem Schuldirektor in Perchtolsdorf. Er hat die Bedingung gestellt, dass Stefan nur dann kommen darf, wenn er wirklich lauter Einser hat. Stefan wurde aber nicht in diese Schule aufgenommen, was wir erst unmittelbar vor Schluss der Volksschule erfuhren. Hinten herum haben wir gehört, dass der Direktor einem seiner Bekannten mitgeteilt hat, es fiele ihm doch gar nicht ein, einen ‚roten Juden’ in seine ‚schwarze Schule’ aufzunehmen. Das war eine Katastrophe, da alle seine Freunde, seine Fußballfreunde, in diese Schule kamen. Wir mussten eilig eine andere Schule für ihn finden. Und so ist der Stefan ganz allein in Meidling in die Schule gekommen, was kein großes Glück war, denn er musste täglich fast zwei Stunden mit der Straßenbahn hin und zurückfahren. Es gab dort auch, ich würde jetzt sagen, antisemitische Äußerungen. In der vierten Klasse rief mich seine Deutschlehrerin an und wollte mit mir sprechen. Sie hat mich beschworen und gesagt: ‚Merken sie nicht, wie der Bub in der Schule gequält wird, nehmen Sie ihn doch heraus!’ Man hatte ihn schikaniert. Das war nicht offenkundig antisemitisches Schikanieren, aber offenkundig war er einem Lehrer nicht genehm.

Stefan besuchte dann in Mauer das Oberstufenrealgymnasium, verließ aber die Schule in der 7. Klasse. In dieser, für ihn schweren Zeit, hat wieder unser geliebter Religionslehrer Mendi Moshkowitz eine große Rolle gespielt. Er sagte: ‚Schickt ihn jetzt nicht in die Schule, sondern schickt ihn zu mir, er soll mit mir arbeiten.’ Mendi hat damals gerade seine Wohnung umgebaut, und er hat wirklich einen Monat mit dem Buben zusammen gearbeitet und ihn seelisch betreut. Stefan ist sichtlich aufgelebt. Mendi hat viele auf den Weg ins Judentum begleitet, sie zum Schabbes eingeladen und bekocht, er war wunderbar. Ein schrulliger, ganz lieber Mensch.

Stefan besuchte dann die Hotelfachschule in Krems und beendete sie nach drei Jahren. Danach arbeitete er im Hilton [Hotel] und war dort außerordentlich beliebt. Nach ungefähr drei Jahren besuchte er am Judenplatz noch einen Aufbaukurs. Er hat dann mit Bravur die Matura beendet. Ein sehr wichtiges Fach war Religion und seine Matura in Religion war über Kaschrut [28]. Alle Lehrer saßen dabei, weil sie so hoch interessiert waren.

Inzwischen arbeitet Stefan in der Hotellerie als Food and Beveridgemanager. Seine Frau Anna   kommt aus Polen, ist aber seit ihrem 10. Lebensjahr in Österreich. Sie hat auch eine Hotelfachschule und eine Ausbildung als Ordinationshilfe. Sie haben ein sehr süßes Baby, den Daniel Peter, und wir sind alle sehr glücklich. Dass Anna zum Judentum übertritt, ist beiden sehr wichtig.

Eva war von Anfang an ein sehr künstlerisch begabtes und interessiertes Kind. Sie war ein Kind, das Bücher liebte und sich viel mit sich selbst beschäftigt hat - malend und schreibend.
Im Gymnasium, in der Fichtnergasse in Hietzing [13. Benzirk], war sie das einzige jüdische Kind. Was sie sehr entrüstet hat ist, dass sie bei jeder Gelegenheit als lebendes Beweisstück aus der Klasse geholt wurde und in irgendwelchen Klassen Auskunft über Judentum geben sollte.
Sie maturierte und in dem Abgangsbuch der Schule steht, das habe ich erst viel später erfahren, dass sie damals schon gesagt hat, dass sie vorhat, in Jerusalem Psychologie zu studieren. Unmittelbar nach der Matura, beschloss sie in Amerika zu studieren. Aber ich habe sie dann dazu gebracht, sich zu überlegen, ob sie nicht in Israel studieren möchte. Es wäre näher und nicht ganz so kostspielig. Sie hat die Mechina, das ist der Vorbereitungslehrgang für das Studium in Israel, bestanden und wollte nicht mehr nach Wien zurückkehren. Dann kam sie doch für zwei Jahre nach Wien, studierte Psychologie und ging für elf Jahre wieder zurück nach Israel. An der Universität in Barilan studierte sie Psychologie und Linguistik, beendete das Studium und machte in Haifa das MA in Psychologie. Nachdem sie mit dem Chef der Jerusalemer Psychologieabteilung gesprochen hatte, beschloss sie, nach Europa zu gehen, um in ihrer Muttersprache ihr Doktoratsstudium zu absolvieren. Seitdem ist sie in Deutschland an der Marburger Universität und hat dieses Jahr das Doktoratsstudium dort beendet. Wo sie ihr Weg hinführen wird, ist noch nicht ganz klar. Ich glaube, es gibt nur drei oder vier Universitäten auf der Welt, die sich mit diesem sehr speziellen Gebiet beschäftigen.

Die Bedeutung Israels für mich

Für mich ist die Existenz Israels sehr wichtig, denn es gibt kaum ein Volk, das nicht ein Land hat, in dem es lebt. Ich glaube, dass Israel der Platz auf der Welt ist, wo Juden zu Hause sein können. Das ist ein Zufluchtsort, ein Land, in das man entweder übersiedelt oder zumindest dorthin geht, um Kraft zu tanken für die Zeit, die man nicht dort lebt. Wir haben uns in Tel Aviv eine Wohnung gekauft, und ich bin sehr erleichtert, seit wir sie haben, obwohl ich keine akuten Ängste hab. Nach Haus kommen sind meine eigenen vier Wände, in denen ich mich wohl fühle, wo ich mich erholen kann in einer Umgebung, in der ich zur Mehrheit gehöre und niemals das Gefühl haben kann, dass wenn jemand sich über mich ärgert oder mit mir schreit, er mit mir schreit, weil ich Jüdin bin, sondern weil er mit mir nicht zufrieden ist. Und das ist ein sehr schönes Gefühl, dass ich so genommen werde, wie ich bin. Die Israelis unterscheiden sich untereinander genauso, wie die Juden in verschiedenen Ländern. Es ist ein großer Unterschied zwischen den Juden, die aus arabischen Ländern kommen, also einen muslimischen Hintergrund haben und Juden, die aus Europa oder Amerika kommen. Mir ist an Israel wichtig, dass es selbstverständlich ist, dass jeder von irgendwo kommt. Dass es selbstverständlich ist, dass jeder eine andere Sprache sprechen kann und dass es selbstverständlich ist, dass man sich bemüht, den anderen zu verstehen im Wissen, dass er Probleme hat, hebräisch zu sprechen. Man bemüht sich über die Brücke einer anderen Sprache Zugang zu dem Menschen zu finden. Das finde ich sogar recht lustig.

Israels Stärke liegt unter anderem darin, dass die Menschen solidarisch miteinander umgehen, denn sie haben alle das gleiche Ziel, sie wollen dort überleben. Wenn man in die Geschichte schaut, in der es keine Bedrohung von außen gegeben hat, dann führte das eigentlich dazu, dass sich das Gemeinwesen auflöste. Ich bin nicht sicher wie es sich entwickeln würde, wenn die äußere Bedrohung Israels eines Tages beendet werden würde, und Juden sich zu Menschen wie alle anderen entwickeln und wie alle anderen dorthin gehen, wo sie beruflich mehr Vorteile hätten. Vorstellbar ist das schon, aber ich glaube nicht, dass sie deshalb aufhören würden, Juden zu sein. Der harte Kern, die Religiösen und die Zionisten, werden dieses Land wahrscheinlich niemals verlassen, wenn sie es nicht müssen.

Auf Dauer könnte ich mir aber nicht vorstellen, in Israel zu leben, denn ich bin schon zu alt dazu. Wenn wir noch jung wären, und wenn wir beruflich dort Fuß fassen könnten, und wenn die Kinder noch klein wären und dort in die Schule gingen, und wir eine Chance hätten in das Leben integriert zu werden, dann könnte ich mir das vorstellen. Aber als Pensionisten, die von ihrer Pension leben, ist es allein schon schwierig, gesellschaftlich Kontakt zu finden, so wie das in allen Ländern eigentlich ist, in denen man nicht zu Hause ist, oder in denen man nicht längere Zeit gelebt hat.

Wir haben natürlich auch Kontakt mit den Kindern und Enkelkindern unserer Familie in Israel. Aber die ältere Generation stirbt, wie das halt der Lauf der Zeit ist, und die Jungen sind Israeli und sprechen hebräisch. Eine Zeit lang nehmen sie Rücksicht auf uns, sie sprechen mit uns englisch oder manche auch deutsch, aber dann driften die Gespräche ins Hebräische ab, und da haben wir Schwierigkeiten zu verstehen. Als Besucher oder Gast ist es sehr interessant und sehr nett. Urlaub machen in Israel jederzeit, auch mehrere Male im Jahr. Manchmal habe ich so einen Druck, dass ich es in Österreich nicht mehr sehr gut aushalte, dass ich raus muss. Da bin ich immer sehr froh, dass es die Möglichkeit gibt, einen Sprung nach Israel zu machen. Danach wird das Leben hier in Wien auch wieder sehr angenehm.

Mein religiöses Leben

Vor 27 Jahren haben wir begonnen Religionsunterricht zu nehmen. Seit damals gibt es Schabbatot [Mehrzahl von Schabbat] und Feiertage bei uns Zuhause. Wir haben natürlich in der Zwischenzeit viel dazugelernt und auch eine eigene Tradition entwickelt. Zu Pessach sitzen wir um den Tisch und jeder darf in seiner Sprache lesen: tschechisch, englisch, russisch, hebräisch und deutsch. Also es ist sehr bunt und sehr lustig, und das war von Anfang an so.

Für uns ist es selbstverständlich geworden, dass wir Freitagabend Schabbat zu Hause feiern. Ich backe jeden Freitag die Barches, und ich freue mich eigentlich die ganze Woche darauf, denn die Woche hat dadurch eine Ausrichtung und ein Ziel. Es ist selbstverständlich, dass die Kinder abends zu uns kommen. Ich weiß nicht, ob sich das ändern wird, denn jetzt haben sie ein Baby. Vielleicht werden wir zu den Kindern gehen. Aber üblicherweise sind wir Freitagabend zu Hause und gehen nicht aus und sehr selten zu anderen Leuten zu Besuch. Ich glaube, das ist eine Klammer, die unsere engere Familie sehr zusammenhält. So weiß man zumindest einmal in der Woche möglichst genau, wie es den anderen geht. Es werden Themen ausgetauscht, Probleme gelöst, miteinander gelacht und natürlich etwas Gutes gegessen.
Am Schabbes, also Samstagvormittag, gehe ich in die Synagoge. Das bedeutet mir sehr viel. Dieser Vormittag gehört mir. Ich habe Zeit für mich und treffe auch Leute, mit denen ich über Themen, die mich interessieren reden kann. Das gibt mir ein zu Hause Gefühl.

Vom Standpunkt einer koscheren Küche ist meine Küche nicht koscher. Aber ich mische nicht Milch und Fleisch, und bei uns wird seit einiger Zeit koscheres Fleisch gegessen. Das hat eigentlich nicht meinetwegen begonnen, sondern weil unsere Kinder Freunde mitbrachten, die koscher sind, und ich wollte sie jederzeit zu mir einladen können.

Zu Pessach wird das Haus geputzt und in Ordnung gebracht. Selbstverständlich werden die Lebensmittel aus der Speis geräumt und selbstverständlich wird das Geschirr gewechselt. Selbstverständlich werden gefillte Fisch [29] zu Haus gemacht, und selbstverständlich wird gebacken. Das ist viel Arbeit, aber es macht enormen Spaß. Wir sind immer bis zu 20 Personen zum Seder [30].

Vergangenes Jahr habe ich auf Wunsch der Töchter vom Vladik einen Seder in Prag gemacht. Mischa und seine Frau waren auch dabei. Für den Seder habe ich alles in Wien gekocht und mitgenommen. Meine Familie in Prag hatte neues Geschirr gekauft und sie haben das Haus in Ordnung gebracht. Ich hatte ihnen einen Brief geschrieben und sie unterwiesen, wie das zu machen ist und die beiden Mädeln haben das mit großer Energie und Hingabe gemacht. Es war wunderschön. Aber im Allgemeinen bin ich lieber bei uns zu Hause. Vladiks Töchter, die keine jüdische Mutter haben, feiern jeden Pessach bei uns in Wien und es ist ihnen sehr bewusst, dass sie jüdisch sind, aber nicht vom Judentum anerkannt werden. Es war einige Zeit für sie ein großes Problem, und sie haben auch überlegt, ob sie übertreten sollen, aber heutzutage ist das nicht einfach. In Prag gab es Probleme mit dem Rabbiner. Die Chabad Bewegung [31] stufte ihn als zu liberal ein, und er wurde abberufen, weil in vielen Städten die Chabad Bewegung eine immer größere Bedeutung gewinnt. Aber ich denke, für jemanden, der aus Tradition und aus dem Bewusstsein, dass er aus einer jüdischen Familie kommt, zum Judentum zurückkehren will, ist der Weg nicht immer orthodox zu werden. Er sucht eine Zugehörigkeit und ein Zuhause. Und die Orthodoxie ist meiner Meinung nach viel zu strikt, weil sich dieser Mensch durch das Übertreten zur Orthodoxie, was verlangt wird, wieder außerhalb der Gesellschaft stellen würde, denn sein jüdischer Freundeskreis ist nicht orthodox. Ich glaube, das ist nicht der richtige Weg.

Zwischendurch kam es auch vor, dass wir nach Amerika zu meiner Cousine Joan, die aber jetzt in Wien lebt, fuhren, da hat sich dann dort die Familie getroffen. Es kamen dann nicht nur die nahe und unmittelbare Familie, sondern auch fernere Cousins mit ihren Kindern. Wir haben das alles sehr gern und schätzen das sehr. Ich könnte mir eigentlich nicht vorstellen, dass das nicht stattfinden würde. Ich kann mir schon vorstellen, dass sich das im Laufe der Zeit verändern wird. Meine Kräfte werden nicht ewig reichen, aber vielleicht wird das dann einmal bei meinem Sohn und seiner Frau, unserer Anna, und den Kindern, bis dahin wird es hoffentlich mehrere geben, stattfinden.

Jeden Montagabend treffen sich in unserer Wohnung fünf jüdische Frauen. Gemeinsam mit unserer Hebräischlehrerin lernen mein Mann Timmy, die Frauen und ich, Hebräisch. Donnerstagmittag lesen wir zu fünft mit unserer Lehrerin den Wochenabschnitt aus einer israelischen Zeitung für Neueinwanderer auf Hebräisch. Wir lernen gemeinsam, wir essen gemeinsam, ohne das alles könnte ich mir mein Leben nicht mehr vorstellen.

 

 

Glossar

[1] Spanischer Bürgerkrieg [Juli 1936 bis April 1939]: Der Spanische Bürgerkrieg zwischen der republikanischen Regierung Spaniens und den Putschisten unter General Francisco Franco ausgetragen. Er endete mit dem Sieg der Anhänger Francos und dessen bis 1975 währender Diktatur. Franco wurde von Anfang an durch das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien unterstützt, die Republikaner, vor allem aber die kommunistische Partei, von der Sowjetunion. Zahlreiche Freiwillige aus der ganzen Welt kamen nach Spanien, um in den ‚Internationalen Brigaden‘für die Republik zu kämpfen.

[2] Jom Kippur Krieg [1973]: war der vierte israelisch-arabische Krieg; begann mit einem Überraschungsangriff Ägyptens und Syriens am Jom-Kippur auf den Sinai und die Golan-Höhen, die Israel sechs Jahre zuvor im Zuge des Sechstagekrieges erobert hatte. Während der ersten Tage rückte die ägyptische und syrische Armee vor, danach wendete sich das Kriegsglück. Nach der zweiten Kriegswoche waren die Syrier vollständig aus den Golanhöhen abgedrängt worden. Im Sinai hatten die Israelis den Suezkanal überschritten und eine ganze ägyptische Armee abgeschnitten, bevor der UN-Waffenstillstand in Effekt trat.

[3] Fronleichnam: römisch-katholischer Feiertag. Das Hochfest des Leibes und Blutes Christi wird 10 Tage nach Pfingsten mit reich geschmückten Prozessionen gefeiert, bei der die Elemente der Eucharistie durch die Straßen getragen werden.

[4] Hakoah: Hakoah Wien ist ein 1909 gegründeter jüdischer Sportverein. Der Name ist hebräisch und bedeutet ‚Kraft‘. Bekannt wurde vor allem die Fußballmannschaft [gewann 1925 die österreichischer Meisterschaft]; der Verein brachte auch Ringer, Schwimmer und Wasserballer hervor, die internationale und olympische Titel für Österreich errangen. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 an das Deutsche Reich wurden die Spielstätten beschlagnahmt und der Verein 1941 verboten

[5] Wizo: Akronym für Womens International Zionist Organisation. International tätige zionistische Frauenorganisation.

[6] Bar Mitzwah: [od. Bar Mizwa; aramäisch: Sohn des Gebots], ist die Bezeichnung einerseits für den religionsmündigen jüdischen Jugendlichen, andererseits für den Tag, an dem er diese Religionsmündigkeit erwirbt, und die oft damit verbundene Feier. Bei diesem Ritus wird der Junge in die Gemeinde aufgenommen

[7] Honved [ungarisch für Vaterlandsverteidiger]: so wurden in Ungarn die Angehörigen der nationalen Streitkräfte genannt. Honved heißt auch ein traditionsreicher ungarischer Fußballverein, der früher der Armee 'gehörte'.

[8] Fischer, Ernst [1899 - 1972]: österreichischer kommunistischer Politiker, Schriftsteller und Journalist. Nach der Teilnahme am Februaraufstand Emigration in die Tschechoslowakei und nach Russland; 1945 Rückkehr nach Österreich, Staatssekretär für Volksaufklärung, Unterricht,
Erziehung und Kultur und bis 1959 Mitglied des Nationalrats. Nach Kritik an der Niederschlagung des Prager Frühlings [Panzerkommunismus] Ausschluss aus der KPÖ.

[9] Villon, Francois [1431 - 1463?]: Der von vielen modernen Schriftstellern zum Ahnherr erkorene Villon stammte aus einfachsten Verhältnissen, konnte aber durch einen Gönner ein Studium abschließen. Danach trieb er sich in Unterwelt und Wanderschaft herum, erlebte
Verbannung, Todesurteil und Begnadigung; sein Lebensende liegt im Dunkeln.

[10] Eisler, Louise [1906 - 1998]: österreichische Schriftstellerin; von 1937 bis 1955 mit dem Komponisten Hanns Eisler verheiratet, mit dem sie ins amerikanische Exil ging. 1955 heiratete sie den marxistischen Theoretiker, Schriftsteller und Politiker Ernst Fischer.

[11] Wöllersdorf: Ortschaft in Niederösterreich. Während des Austrofaschismus wurde in Wöllersdorf ein Anhaltelager für politische Gefangene errichtet. Nach den Februarkämpfen 1934 befanden sich 831 politische Gefangene im Lager: Sozialdemokraten, Kommunisten sowie
Nationalsozialisten. Nach dem Nazi-Putsch im Juli waren im Lager bis zu 5300 Männern inhaftiert.

[12] Schutzbundhaus: Haus in Moskau, in dem aus Österreich [nach Niederschlagung
des Februaraufstands] geflüchtete Familien von Mitgliedern des sozialdemokratischen Schutzbundes untergebracht wurden.

[13] Schutzbündler: Mitglied des Republikanischen Schutzbundes: der Republikanische Schutzbund war eine 1923/24 gebildete paramilitärische Organisation; sollte für die Sozialdemokraten ein Ersatz für das von den Christlichsozialen beherrschte Bundesheer sein und war später das Pendant zur christlichsozialen Heimwehr; wurde 1933 von der Regierung Dollfuß
aufgelöst, blieb aber illegal bestehen. Nach der Niederlage im Bürgerkrieg wurden viele Mitglieder verhaftet, einige flüchteten in die Sowjetunion, wo unter Stalin viele umkamen, manche kämpften im Spanischen Bürgerkrieg in den Internationalen Brigaden.

[14] 8. Februar 1934: In Folge der Auflösung des Schutzbunds durch das Dollfuß-Regime wurden Schutzbundlokale und sozialdemokratische Parteilokalen von Polizei und Bundesheer nach Waffen durchsucht. Am 8. Februar 1934 wurde sogar das sozialdemokratische Parteihaus in Wien besetzt und durchsucht.

[15] Hotel Lux: Hotel in Moskau, in dem kommunistische Emigranten einquartiert waren; war im Besitz der Komintern, die dort im Zuge der stalinistischen Verfolgung politische Gegner einsperrte. Im Zuge der 'Säuberungen' wurden zahlreiche kommunistische Größen im Hotel Lux verhaftet und ermordet.

[16] Morgenstern, Christian [1871 - 1914]: deutscher Dichter und Schriftsteller, schrieb Grotesken, Gedankenlyrik, Aphorismen, war  stark beeinflusst von Schopenhauer, Nietzsche und dem Anthroposophen Rudolf Steiner.

[17] Molotow, Wjatscheslaw Michailowitsch [1890 - 1986]: russischer Politiker, war Regierungschef [1930 - 1941]) und Außenminister [1939 - 1949, 1953 - 1956] der Sowjetunion. Handelte 1939 mit dem deutschen Außenminister von Ribbentrop den Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt [Hitler-Stalin-Pakt] aus.

[18] Wiesenthal, Simon [1908 - 2005]: jüdisch-österreichischer Architekt, Publizist und Schriftsteller. 1941-1945 in verschiedenen Konzentrationslagern. Er gründete nach dem Krieg ein Dokumentationszentrum zum Massenmord an den Juden und war am Aufspüren von zahlreichen
NS-Verbrechern beteiligt. Sein spektakulärster Erfolg war die Entdeckung von Adolf Eichmann, der 1960 vom israelischen Geheimdienst aus Argentinien entführt und 1962 in Israel hingerichtet wurde. Wiesenthal verstand sich als Stimme für die sechs Millionen Juden, die im Holocaust ihr Leben verloren und setzte sich dafür ein, dass NS-Verbrechen gesühnt und nicht vergessen werden.

[19] Leonhard, Wolfgang [geb. 1921]: politischer Schriftsteller, Publizist, Historiker und Ostexperte. Er ist einer der führenden Kenner der ehemaligen Sowjetunion und des Kommunismus. Er flüchtete 1935 mit seiner Mutter vor den Nationalsozialisten in die Sowjetunion. Ab 1945 in Berlin; arbeitete in der Abteilung Agitation und Propaganda des Zentralkomitees der KPD. Aus Opposition gegen den Stalinismus floh er 1949 aus der sowjetischen Besatzungszone über Prag nach Jugoslawien. Seit 1950 lebt er in der Bundesrepublik Deutschland.

[20] Klahr, Alfred [1904 - 1944]: österreichischer Kommunist und Journalist, gilt als der 'wohl bedeutendste Theoretiker der Kommunistischen Partei Österreichs'. Die Arbeit Klahrs und der maßgeblich von österreichischen Kommunisten geleistete Widerstand gegen die Nazis schufen eine Grundlage für die Moskauer Deklaration 1943, mit der die Alliierten die Wiedereinrichtung
eines unabhängigen Österreichs zu einem Kriegsziel erklärten.

[21] Chuppe: [jidd. kommt von hebr.: Chuppa]: der Traubaldachin bei einer jüdischen Hochzeit. Die Chuppa bedeutet das Dach über dem Kopf und besagt, dass ein Haus gegründet wird.

[22] Kaddisch: [hebr.: kadosch = heilig]: Jüdisches Gebet zur Lobpreisung Gottes. Das Kaddisch wird auch zum Totengedenken gesprochen.

[23] Bracha: hebr.: Segen. Im Judentum wird über jede Mitzwa über Essen bzw. Trinken eine Bracha gesprochen. Jede Bracha beginnt mit den hebräischen Worten: 'Gelobt seist du, Herr, unser Gott, König der Welt, ...'

[24] Pessach [hebr. verschonen] gehört zu den höchsten jüdischen Festen. Es erinnert an den Auszug aus Ägypten, also an die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei, mit der sie als eigenes Volk in die Geschichte eintraten. Für gläubige Juden bedeutet dies auch die Erwählung des Judentums zum 'Volk Gottes'.

[25] Brit Mila (auch: Berit Mila, Mila; hebräisch Berith: Bund, Mila: Beschneidung): ist die partielle Entfernung der Vorhaut des männlichen Glieds und wird im Judentum als Eintritt in den Bund mit Gott angesehen. Die Brit Mila findet am achten Lebenstag des Knaben statt.

[26] Chanukka [hebr. Weihe]: Das achttägige Chanukkafest erinnert an die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem im Jahr 164 v. Chr. nach dem erfolgreichen Makkabäeraufstand gegen hellenisierte Juden und mazedonische Syrer. Die Makkabäer siegten und führten den jüdischen Tempeldienst wieder ein. Laut der Überlieferung fand sich Öl für nur einen Tag; durch ein Wunder hat das Licht jedoch acht Tage gebrannt, bis neues geweihtes Öl hergestellt worden war.

[27] Haschomer Hatzair [hebr. ‚Der junge Wächter‘]: Erste Zionistische Jugendorganisation, entstand 1916 in Wien durch den Zusammenschluss von zwei jüdischen Jugendverbänden. Hauptziel war die Auswanderung nach Palästina und die Gründung von Kibbutzim. Aus den in Palästina aktiven Gruppen entstand 1936 die Sozialistische Liga, die sich 1948 mit der Achdut Haawoda zur Mapam [Vereinigte Arbeiterpartei] zusammenschloss.

[28] Kaschrut [von kascher hebr.= rein] die Lehre von den jüdischen Speisevorschriften. Die Kaschrut beschreibt nicht nur, welche Lebensmittel zum Verzehr geeignet sind [etwa reine und unreine Tiere], sondern auch die Regeln der Zubereitung der Speisen sowie der Einrichtung von Küchen und der Handhabung von Utensilien, die mit Speisen in Berührung kommen.

[29] Gefillte Fisch: jidd.: 'gefüllte Fische', eine Art Fischpastete, ist eine Spezialität der traditionellen jüdischen Küche aus Mittel- und Osteuropa; traditionelle Vorspeise beim Schabbatmahl.

[30] Seder [hebr.: Ordnung]; wird in der Regel als Kurzbezeichnung für den Sederabend verwendet. Der Sederabend ist der Auftakt des Pessach-Festes. An ihm wird im Kreis der Familie [oder der Gemeinde] des Auszugs aus Ägypten gedacht.

[31] Chabad Bewegung [Lubawitscher Bewegung]: eine unter zahlreichen chassidischen Gruppierungen innerhalb des ultraorthodoxen Judentums. Der Name Chabad wiederum ist ein Akronym für die hebräischen Wörter Weisheit, Einsicht und Wissen.

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Franziska Smolka
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
November
Jahr des Interviews:
2004
Wien, Austria

HAUPTPERSON

Franziska Smolka
Geburtsjahr:
1940
Geburtsort:
Moskau
Geburtsland:
Russland
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Rechtsanwältin
Familiennamen
  • Vorheriger Familienname: 
    Fischer
    Jahr der Namensänderung: 
    1963
    Grund der Namensänderung: 
    Heirat

AUDIO - INTERVIEW

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