Sophie Hirn

Wien, Österreich

Sophie Hirn
Wien
Österreich
Interviewer: Tanja Eckstein
Datum des Interviews: Februar 2003

Frau Dr. med. Sophie Hirn ist eine kleine, zarte Frau, die anfänglich etwas mißtrauisch mir gegenüber ist, aber nachdem ich sie davon überzeugt habe, dass ich keine Trickbetrügerin bin, sehr engagiert ihre Lebensgeschichte erzählt. Sie erkundigt sich nach dem Interview bei ihren in England und den USA über Familienzusammenhänge, und wir stehen, solange ich an dem Interview arbeite, in engem telefonischen und E-Mail Kontakt. Für sie ist es bis heute unfassbar, dass das Wichtigste, was sie in ihrem Leben besaß, ihre große und sehr warme Familie, zerstört wurde.

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Während des Krieges
Nach dem Krieg
Glossar

 

Meine Familiengeschichte

Mein Großvater väterlicherseits hieß Joachim Engler, aber alle nannten ihn Heinrich und von seinen Kindern wurde er Heinerle genannt. Er müsste ungefähr in den 1850er-Jahren geboren worden sein und war zweimal verheiratet. Seine erste Frau starb im Kindbett. Wie sie hieß, weiß ich nicht. Mit ihr hatte er zwei Kinder: Rosa und Albert. Seine zweite Frau, die Mutter meines Vaters, hieß Sophie Engler und war eine geborene Friedmann. Wahrscheinlich kam ihre Familie aus Polen. Nach der Großmutter Sophie wurde ich benannt. Sie hatte mit dem Großvater vier Kinder: Martha, Grete, Hans und meinen Vater Richard. Die Großmutter starb in Wien zwischen 1900 und 1910, sie war erst 38 Jahre alt. Der Großvater lebte mit seinen sechs Kindern in Wien, im 2. Bezirk, in der Glockengasse 24. Ich kannte ihn nicht mehr, aber ich kenne das Haus in dem er gewohnt hatte, denn immer wenn wir vorbeigingen, sagte mein Vater: 'Hier bin ich groß geworden.' Was der Großvater von Beruf war, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob er religiös war.

Die älteste Schwester meines Vaters war die Tante Rosa. Sie zog eigentlich alle Geschwister groß. Später heiratete sie Gustav Spitzer und sie bekamen eine Tochter, die Tilde hieß. Tante Rosas Mann starb vor 1938. Die Tochter Tilde heiratete Paul Fein. Ihren Sohn Gustl habe ich in Wien noch gekannt. 1938 oder 1939 emigrierten sie gemeinsam mit Tante Rosa zuerst nach Australien und dann nach Südamerika. Gustl Fein lebt in Südamerika, ist verheiratet und hat Kinder und Enkel. Tilde und Paul sind in Südamerika vor nicht vor allzu langer Zeit gestorben.

Onkel Albert Engler war Zahnarzt. Er und seine Frau Alice hatten eine Tochter Marianne. Albert und Alice wurden nach Theresienstadt deportiert und ermordet [Anm. Albert und Alice Engler wurden am 14.9.1942 aus Wien nach Maly Trostinec (heute: Weißrussland) deportiert und am 18.9.1942 ermordet. Quelle: DÖW Datenbank] Die Tochter Marianne emigrierte nach England und heiratete den Österreicher Kurt Curtis. Ihre Tochter Ruth ist mit George verheiratet.

Tante Martha wurde 1894 geboren und war mit Julius Mayer verheiratet. Onkel Julius war Arzt. Sie hatten einen Sohn Stefan. Die ganze Familie flüchtete vor dem Holocaust nach Amerika. Stefan heiratete in Amerika Uli, sie haben zwei Kinder, Gary und Monika. Ich glaube, meine Tante Martha und ihr Mann Julius Mayer starben nach kurzer Zeit in Amerika. Stefan und Uli leben, Stefan schrieb für seine Nachkommen seine Autobiographie, die er mir geschickt hat.

Tante Grete war mit Herrn Frischman verheiratet. Sie hatten eine Tochter Susi. Tante Grete und Susi emigrierten nach England. Tante Grete lebte in Manchester, Susi heiratete in England Walter Eisenberg, sie haben einen Sohn.

Onkel Hans war der jüngste Bruder meines Vaters und mit Tante Hulda verheiratet. Sie hatten einen Sohn Leopold. Onkel Hans und Tante Hulda flohen nach dem 1. September 1939 aus Österreich, da hatte der Krieg schon begonnen. Onkel Hans war von der Gestapo inhaftiert worden, und als er entlassen wurde, gab es kaum noch Möglichkeiten dem Holocaust zu entkommen, aber dann konnten sie noch nach China fliehen. Wir hörten erst nach dem Krieg wieder von ihnen. Da wollten sie nach Amerika, aber auf dem Weg starb Onkel Hans. Tante Hulda blieb einige Zeit auf den Philippinen und schaffte es dann allein nach Amerika. Leopold überlebte den Holocaust in England bei einer Schwester seiner Mutter. Hulda starb vor nicht allzu langer Zeit in Amerika. Leopold heißt jetzt Lee, lebt in Boston, hat drei Söhne, die alle studiert haben und sehr erfolgreich sind, und er hat viele Enkelkinder.

Mein Vater hieß Dr. Richard Engler. Er wurde am 15. Mai 1891 in Wien geboren. Im September 1902 begann mein Vater am k u. k. Erzherzog Rainer Gymnasium in Wien in der ersten Klasse seine Gymnasialzeit, und im Juli 1910 wurde ihm sein Reifeprüfungszeugnis ausgestellt. Er inskribierte an der Universität in Wien und wurde Rechtsanwalt. Beim Militär der k.u.k. [1] Armee war er Oberleutnant der Reserve. Sein Entlassungstag war der 15. Februar 1919 wegen Verwundungen und Erkrankungen: Beckendurchschuß links am 18. Oktober 1914 bei Przemysl [heute Polen]. Er bekam eine silberne Tapferkeitsmedaille zweiter Klasse; so steht es auf den Papieren, die ich besitze.

Mein Urgroßvater mütterlicherseits hieß Ludwig Winternitz. Er war der Erbauer des ersten Hauses in der Wallensteinstraße in Wien, im 20. Bezirk. Genehmigt wurde der Bau 1872, die Genehmigung zur Benützung des Hauses wurde im Oktober 1875 ausgestellt. Das Haus gehört noch immer meiner Familie und ich lebe mit meinem Mann in der Wohnung meiner Urgroßeltern, Großeltern und meiner Eltern. Meine Mutter erzählte, als sie ein Kind war und zum Fenster rausschaute, konnte sie den Stephansdom sehen, weil in der Wallensteinstraße, außer dem Haus des Urgroßvaters nur kleine Häuschen und Gärten standen. Mein Urgroßvater ließ auch in Kaltenleutgeben Häuser bauen. Das eine war der Ludwighof, wahrscheinlich nach ihm benannt und das andere Haus hieß Emilienhof, nach seiner Frau Emilie Mautner benannt. Mein Urgroßvater hatte einen berühmten Bruder, das war der Prof. Wilhelm Winternitz [2]. Er besaß in Kaltenleutgeben eine Anstalt mit Kaltwasserheilungen und meine Mutter wurde nach einer Erkrankung in ihrer Jugend lange dort behandelt.

Mein Großvater hieß Paul Winternitz. Wann er geboren wurde, weiß ich nicht. Er lebte mit seiner Familie in Wien in der Wallensteinstraße, in dem Haus, das sein Vater hatte bauen lassen. Von Beruf war er Zuckerbäcker. Seine Zuckerbäckerei war teils im Haus, teils im Hof. Jeden Morgen ging mein Großvater Paul vom Frühstückszimmer hinunter in seine Zuckerbäckerwerkstatt. Im Hof gab es auch einen Stall mit Pferden und Wagen, wahrscheinlich um die Zuckerbäckereien auszuliefern. Während des 1. Weltkrieges lebte im Hof auch eine Ziege. Die Ziege gab Milch, und als sie geschlachtet wurde, wollte niemand sie essen, denn: 'Man kann doch nicht jemanden essen, den man persönlich gekannt hat.' Noch immer existiert im Hof der Ring, an dem der Strick mit der Ziege befestigt war.

Der Großvater starb 1917, meine Mutter sagte oft, daß sie siebzehn Jahre alt war, als ihr Vater starb. Die Großmutter mußte nach dem Tod des Großvaters keine Not leiden, es waren die Häuser, und es war sicherlich auch genügend Geld da.

Die Urgroßmutter hieß Charlotte Raditz und war eine geborene Frankl. Sie wurde 1845 geboren und starb 1938. Ich habe sie gut gekannt. Sie lebte mit einer alten Haushälterin, dem Fräulein Sophie, in einer eleganten Wohnung in der Rosenbursenstraße. Sie hatte das Glück, eines natürlichen Todes zu sterben. Ihre Töchter waren Vilma, Risa und Irene, meine Großmutter. Alle wurden in der ungarischen Stadt Tata geboren. Risa 1868, meine Großmutter 1869 und Vilma 1872. Vilma war mit Herrn Bachrach verheiratet. Sie hatten eine Tochter Lisl, die mit Franz Schnabel verheiratet war und die gemeinsam mit ihrem Sohn Walter vor dem Holocaust nach Amerika flüchteten. Von Risa weiß ich, dass mit Herrn Mittler verheiratet war und sich viel um ihre Mutter gekümmert hat. Die drei alten Damen sind, soviel ich weiß, nachdem ihre Nachkommen ausgewandert waren, zusammengezogen und 1943 gemeinsam nach Theresienstadt deportiert worden [Anm.: Vilma Bachrach, Risa Mittler und Irene Winternitz wurden aus Wien I., Rosenbursenstraße 8/7 am 19.10.1941 in das Ghetto Litzmannstadt deportiert. Ouelle: DÖW-Datenbanbank].

Der Bruder meiner Urgroßmutter Charlotte Raditz hieß Wilhelm Renner. Er lebte in Ungarn und hatte 3 Kinder, Wilhelms Enkelin Inci war 1907 geboren und emigrierte 1956 aus Ungarn in die USA. Sie feierte ihren 92. Geburtstag in beeindruckender Weise in Wien im Prater am Riesenrad. Die Beziehungen meiner Mutter und meiner Großmutter zur ungarischen Verwandtschaft war in der Vorkriegszeit sehr eng.

Die Großeltern Winternitz hatten zwei Töchter: Meine Mutter Clara und ihre Schwester Helene. Helene war mindestens sechs Jahre älter als meine Mutter, die am 13. April 1900 in Wien geboren wurde. Meine Mutter und ihre Schwester Helene besuchten in Wien die Schule, zum Teil hatten sie aber auch Privatunterricht zu Hause. Beide beendeten die Schulzeit mit der Matura.

Tante Helene war verheiratet mit Ernst Goldberger. Sie lebten mit ihren Kindern Kinder Paul und Juliane im neunten Bezirk und besaßen ein Auto, als noch kein anderer ein Auto hatte. Ernst Goldberger muß im Handel tätig gewesen sein.

Meine Eltern lernten sich in Wien kennen und heirateten am 4. Juni 1923. Ich nehme an, sie lernten sich auf einem Fest kennen. Mein Vater arbeitete zu dieser Zeit schon als Rechtsanwalt.

Meine Kindheit

Ich wurde am 28. Juni 1929 in Wien geboren. Mein Vater besaß, solange ich denken kann, eine Rechtsanwaltskanzlei im vierten Bezirk. Unsere Familie wohnte zusammen mit der Großmutter im unserem Haus in der Wallensteinstraße. Als meine Tante Helene, die Schwester meiner Mutter heiratete, bekam sie eine Wohnung im neunten Bezirk, aber als meine Mutter heiratete, sagte meine Großmutter: 'Ihr bleibt's da, ist eh genug Platz in der großen Wohnung.' Meine Mutter war sehr temperamentvoll, sehr humorvoll und warmherzig. Ich glaube, meine Eltern haben sich sehr geliebt. Meine Mutter bedauerte aber immer, nie mit mir und meinem Vater ihr Leben gelebt zu haben. Die Großmutter hat immer bestimmt; meine Mutter hatte nichts zu reden. Sie durfte nicht einmal kochen, alles hat die Großmutter veranlaßt.

In den Wintermonaten wohnten wir in der Wallensteinstrasse, in den Sommermonaten waren wir in Kaltenleutgeben. Ich ging sogar in der Schulzeit im Frühjahr und im Herbst, je einen Monat, in Kaltenleutgeben in die Schule. Die Familie meiner Mutter und ihrer Schwester waren sehr viel zusammen, aber besonders häufig im Sommer, denn im Sommer wohnten wir Garten an Garten. Im Emilienhof wohnten wir mit der Großmutter und im Ludwigshof, der zum großen Teil als Heilanstalt verwendet wurde, hatten die Goldbergers eine Wohnung. Wir Kinder waren wie Geschwister, spielten jeden Tag zusammen und gingen viel miteinander spazieren. Paul ist acht Jahre älter als ich, und als er noch klein war, war er oft und sehr gern bei meiner Mutter, an der er sehr gehangen ist. Die beiden Väter, mein Vater und mein Onkel Ernst, fuhren jeden Tag nach Wien herein, und am Abend mit dem Zug wieder nach Kaltenleutgeben. In Kaltenleutgeben gab es auch einen Tennisplatz, meine Mutter spielte gern Tennis. Sehr viele Freunde unserer Familien kamen aus Wien zu Besuch, und die Kinder von Verwandten waren oft länger zu Besuch. Meine Eltern kannten aber auch in Kaltenleutgeben sehr viele Leute; es war eine sehr schöne, lebhafte Zeit.

Meine Volksschule in Wien war in der Treustrasse. Ich wurde jeden Tag in die Schule gebracht, weil die Wallensteinstrasse allein zu überqueren gefährlich gewesen wäre. Meine Mutter war aus der Kultusgemeinde ausgetreten und trat 1935 wieder ein, denn damals konnte ein Kind nur in die Schule gehen, wenn es eine Religion hatte.

Fast die Hälfte der Kinder in meiner Klasse war jüdisch. Im Religionsunterricht in der Schule lernten wir die hebräische Schrift. Ich konnte die Schrift lesen, aber ich konnte nicht sagen, was es bedeutete. Wir gingen auch in den Tempel, aber der Unterricht ging nur bis zur dritten Klasse, dann kam der Hitler.

Juden oder Nichtjuden, das war mir egal, das hat mir nichts bedeutet. Das Mädchen, das meine beste Freundin wurde, war keine Jüdin, sie wohnte vis-à- vis. Wir winkten uns immer zu, bis sie dann einmal zu mir gebracht wurde, so dass wir miteinander spielen konnten.

Wir waren eine ganz bewußt jüdische Familie, aber wir waren nicht religiös. Allerdings fasteten meine Großmutter und auch meine Eltern zu Jom Kippur [3]. Meine Familie feierte aber nicht Chanukka [4], sondern Weihnachten - ich hatte immer einen Weihnachtsbaum. Meine Mutter erzählte mir einmal, dass irgendwelche Onkel, Tanten oder Großonkeln Ostern und Pessach [5] gemeinsam an einem Tisch feierten.

Meine Großmutter hatte einmal in der Woche eine Bridgepartie in dem großen Speisezimmer - das war immer sehr heiter. Ich bin da oft hinein gegangen, weil sie soviel gelacht haben.

Mein Vater war Freimaurer und meine Großmutter hat sich überhaupt nicht um Politik gekümmert. Als das Frauenwahlrecht in Österreich [1919] eingeführt wurde, erzählte man sich, dass sie ins Wahllokal ging und sagte: 'Bitte, wo wählt man hier Christlich-Sozial?'

Mein Vater war mit mir sehr verbunden, und es tut mir jetzt sehr leid, dass ich so wenig über ihn weiß, über die Dinge, die ihn bewegt hatten.. Wenn ich krank war, saß er an meinem Bett, und er bemühte sich immer um meine Freunde und Freundinnen. Er spielte mit uns, er holte mich aus der Schule ab und lud dabei meine ganze Schulklasse in die Konditorei ein. Einmal versprach er mir, am Faschingsdienstag für die ganze Klasse Faschingskrapfen in die Schule zu schicken, aber ich sollte nicht sagen, dass die Krapfen von meinem Papa sind. Am Faschingsdienstag in der zehn Uhr Pause, kam einer von der Konditorei mit einem großen Tablett Faschingskrapfen. Die Lehrerin wußte sich nicht zu helfen und holte die Direktorin. Beide schauten sie die Faschingskrapfen an, aber dann wurden die Faschingskrapfen in der Klasse verteilt und gegessen. Mein Cousin Stefan Mayer nahm in Amerika als zweiten Vornamen den Namen meines Vaters an und sagte, er habe das deshalb gemacht, weil ihm mein Vater so imponiert hatte.

Antisemitismus lernte ich in meiner Kindheit in Wien überhaupt nicht kennen, erst ab 1938. Ich wunderte mich, dass plötzlich Leute, mit denen wir immer höflich verkehrt hatten, sich von uns abwandten und nichts mehr mit uns zu tun haben wollten.

 

Während des Krieges

Mein Vater wurde im März 1938 verhaftet. Es wird in der Familie erzählt, dass im März 1938, als die Deutschen einmarschierten, ein Klient meines Vaters in die Tschechoslowakei flüchtete und meinem Vater gesagt habe, er habe noch einen Platz im Auto, die Grenzen seien offen, und er solle mitkommen. Mein Vater soll gesagt haben: 'Ich kann doch nicht Frau und Kind hier allein zurück lassen. Wer wird denn mir etwas tun, ich habe ja nie jemandem etwas getan.' Kurze Zeit später wurde er als Jude und Freimaurer verhaftet.

Er wurde lange in Wien bei der Gestapo festgehalten. Dann sollte er unterschreiben, dass er innerhalb von kurzer Zeit Österreich verläßt. Da er die Unterschrift verweigerte, wurde er ins KZ Dachau deportiert. Nach einigen Monaten im KZ Dachau wurde er ins KZ Buchenwald deportiert.

In unserem Hof gab es eine Tischlerei, und nach dem Einmarsch der Deutschen kam der Besitzer dieser Tischlerei mit einer Holzhacke zu uns hinauf und bedrohte meine Mutter.

Am 11. November, in der Pogromnacht [6], drangen acht Männer in unsere Wohnung ein. Ich war mit der Großmutter allein, meine Mutter kam später nach Hause. Sie zerschlugen alle Gläser, alle Spiegel - alles. Ich ging dann einige Tage zu meiner Tante Hulda und dem Leopold, bis die Glasscherben halbwegs weggeräumt waren.

Ich mußte, wie alle jüdischen Kinder in eine jüdische Schule. Ich ging in eine Schule in der Castellezgasse. Es war keine richtige Lernstimmung dort, wir wurden immer weniger Schüler, eine fuhr nach Palästina, andere sind sonstwohin ausgewandert. Wir sprachen viel untereinander und auch mit den Lehrern über Emigration. In dieser Zeit hatte ich einen sehr intensiven Religionsunterricht, und dadurch bekam ich das erste Mal eine Beziehung zur jüdischen Tradition, die uns sehr nahe gebracht wurde; wir feierten auch die jüdischen Feste. Über Purim [7] wurde uns viel erzählt. Das hat mir sehr imponiert die ganze Geschichte von Esther und von Haman. Zu Purim 1938 schrieb ich ein ganz langes Gedicht. Zu Hause begannen wir, unter meinem Einfluß, ein traditionelles jüdisches Leben zu leben. Meine Großmutter kannte sich in der Tradition aus, und wir feierten dann auch den Seder, aber das war nur ein einziges Mal, und wir zündeten zu Chanukka Chanukka- Kerzen an.

Meine Tante Helene und Onkel Ernst hatten ein Kindermädchen, das war die Franzi. Sie hatte in unserem Haus im obersten Stock eine Wohnung. Die Franzi war der Familie sehr verbunden. Als der Hitler kam, durfte sie nicht mehr bei ihnen arbeiten, weil Arier nicht bei Juden arbeiten durften. Als 1938 Tante Helene und Onkel Ernst zuerst in die Tschechoslowakei emigrierten, schmuggelte die Franzi den Schmuck meiner Tante zu ihnen in die Tschechoslowakei. Aber auch in der Tschechoslowakei konnten sie nicht bleiben, die Deutschen marschierten 1939 ein, und sie flüchteten weiter nach Amerika. Onkel Ernst begann in Amerika als Broker zu arbeiten. Das war nicht leicht für ihn, weil sein Englisch zuerst noch sehr schlecht war. Er mußte Kunden besuchen und versuchte mit seinem furchtbar schlechten Englisch etwas zu verkaufen. Die Amerikaner hörten ihm aber jedes Mal geduldig zu, und dann sagten sie: 'Nein danke!' Onkel Ernst hat diese Form der Höflichkeit anfänglich sehr verblüfft. Mein Cousin Paul war während des Krieges einige Zeit bei der US Army. Er heiratete eine französische Kanadierin und hat Zwillingstöchter. Juliane wurde zu Jane und heiratete in Amerika den Deutschen Albert Miller. Sie hat drei Söhne und vier Enkelkinder. Als wir 1946 nach Wien zurückkamen, lebten wir monatelang in mit der Franzi, dem Kindermädchen, ihr in ihrer Zimmer-Küche-Kabinett Wohnung. Solange, bis wir eine eigene Wohnung bekamen. Sie war immer für die Familie da.

Ich hatte in der Zeit zwischen dem Einmarsch der Deutschen und meiner Emigration immer schreckliche Angst, wenn ich zum Beispiel mehrere Leute zusammen gehen hörte. Die sind ja andauernd marschiert! Ein Kollege meines Vaters, der aus dem KZ Buchenwald entlassen worden war, kam zu uns und sagte zu meiner Mutter: 'Ihr Mann ist sehr krank, vielleicht können Sie ihn herausholen.' Zu dieser Zeit entließen sie noch Häftlinge, der Befehl zur Vernichtung war noch nicht erteilt.

Meine Mutter versuchte, meinen Vater aus dem KZ zu holen. Das war sehr schwierig, sie war in Wien oft bei der Gestapo und fuhr sogar nach Berlin. Sie schaffte es, sie bekam einen Entlassungsschein für meinen Vater. Ich erinnere mich, wie wir Sachen für die Emigration zusammen packten, sagte meine Mutter: 'Schau, wenn der Vati jetzt herauskommt, dann werden wir miteinander nach England oder sonst wohin fahren und da werden wir eine Wohnung haben, nur du und ich und der Vati, ist das nicht schön?' Es kam nie so weit. Es war an einem Freitag, da stand sie vor dem KZ Buchenwald, das neben Weimar, der Stadt Goethes und Schillers liegt. Ihr wurde gesagt, sie soll Montag wiederkommen. Montag früh stand sie wieder vor dem KZ.

Mein Vater wer schwerkrank, er hatte eine Sepsis. Meine Mutter mietete ein Abteil im nächsten Zug nach Wien und brachte meinen Vater ins Rothschild- Spital [Jüdisches Krankenhaus]. Mein Vater wollte nicht, dass ich ihn in seinem schlechten Gesundheitszustand noch einmal sehe. Wenige Tage später, am 6. Februar 1939, starb mein Vater im Alter von 48 Jahren in Wien. Er wurde verbrannt und seine Urne auf dem Zentralfriedhofs beigesetzt. Das ist nicht der jüdische Teil, zu dieser Zeit wurden dort aber viele Juden beigesetzt. Inzwischen ist dieser Teil des Friedhofs aufgelassen, und die Gräber sind in einem anderen Teil übersiedelt.

Meine Mutter bemühte sich verzweifelt um Einreisepapiere nach England und Amerika für uns. Dann schaffte sie es, mich mit einem Kindertransport nach England zu schicken - einige Kinder fuhren auch nach Palästina. Die Trennung von meiner Mutter war ganz schrecklich. Ich besitze die Briefe noch, die ich damals schrieb, das war ganz furchtbar!

Die Reise dauerte mehrere Tage. Wir waren eine Nacht in London und dann eine Nacht in Edinburgh [Schottland], allerdings war ich bei guten Bekannten in Edinburgh. Am nächsten Tag wurde ich am Bahnhof einer alten Dame übergeben. Ich war ganz allein und habe mich sehr gefürchtet. Die alte Dame setzte mich in den Zug und stieg noch einmal aus, um mit meinen Verwandten zu sprechen. Dann stieg eine Dame ein, setzte sich mir vis-à- vis. Ich wusste nicht, ob das die alte Dame war und wurde noch nervöser. Die Dame zog eine Strickerei heraus und strickte. Aber sie stricken in England anders, sie hatte die Wolle am rechten Zeigefinger, und das war mir ganz unheimlich, und ich wurde immer ängstlicher, bis meine alte Dame einstieg.

Ich muß sagen, ich kann die zwei alten Damen, die mich aufnahmen, bis jetzt nicht genügend würdigen und nicht fassen, was sie für mich getan haben. Sie waren schon Pensionistinnen, hatten sich ein Haus an der Clyde-Küste gekauft und erfuhren, was den Juden passierte. Da beschlossen sie, sie nehmen ein Kind zu sich. Sie fragten bei einer jüdischen Organisation, und da wurde ich ihnen vermittelt. Sie waren pensionierte Lehrerinnen und steckten ihre ganze Kraft in meine Weiterbildung. Ich war zwei Jahre bei ihnen, in dieser Zeit brachten sie mir Englisch, Französisch und Latein bei. Auch in der Schule ist es mir sehr gut gegangen. Ich habe nie irgendeine Ausländerfeindlichkeit gespürt. Ich wurde wirklich akzeptiert, und jeder bemühte sich, mir zu helfen.

Meine Mutter kam im August 1939 nach Großbritannien, also ganz knapp vor dem Ausbruch des Krieges. Danach wäre sie verloren gewesen! Sie wurde dann fast zwei Jahre auf der Isle of Man interniert, weil die Engländer nach Ausbruch des Krieges die deutschen Staatsbürger, Österreich war ja von den Deutschen besetzt, als feindliche Ausländerin ansahen. Zwei Tage sah ich meine Mutter, bevor sie interniert wurde, aber wir konnten uns ungehindert schreiben. Als sie entlassen wurde, kam sie nach Glasgow [Schottland] in meine Nähe. Zu Schulbeginn zog ich zu ihr nach Glasgow und ging dort in die Schule.

Solange wir in Glasgow lebten, besuchte ich die alten Damen jedes Wochenende, und als wir in Manchester lebten, war ich immer in den Ferien bei ihnen. Auch von Wien aus fuhr ich noch zweimal zu den alten Damen, und wir schrieben uns jede Woche. Aber sie starben bald, sie waren an die 90 Jahre alt.

Nach dem Krieg

Meine Mutter war sehr energisch und wollte nach dem Krieg wieder nach Wien zurück. Ich war in Manchester in einer österreichischen Jugendgruppe, im Young Austria [7], wo ich ganz stark beeinflußt wurde und nach dem Krieg nach Österreich zurück wollte, um ein neues Österreich aufzubauen.

Wien war sehr vom Krieg gezeichnet. Der Anfang war schwierig, aber wir wohnten doch bei der Franzi, dem ehemaligen Kindermädchen meiner Tante, und die war lieb und mütterlich. Aber wenn ich einen Fremden sah, dachte ich: Na, was hast du im Krieg in der Zeit gedacht und getan, warst du vielleicht Aufseher im KZ Buchenwald? Das konnte man ja wirklich nicht sicher wissen! Schlechte Erfahrungen hatte ich keine, außer mit der Wohnung. Unsere Wohnung war arisiert. Es gab damals kein Wohnungsrückstellungsgesetz, also hatten wir keinen Anspruch auf die Wohnung. Aber da unsere Wohnung immer die Hausherrenwohnung war und wir dann nach Jahren das Haus zurückbekamen, hatten wir auch Anspruch auf unsere Wohnung. Die Ariseure wohnten noch drin, sie mußten uns dann einen Teil der Wohnung abgetreten. Wir wohnten dann mit den Ariseuren zusammen, das war nicht angenehm, es zog sich Monate hin.

Meine Mutter fand viele alte Bekannte, sie fühlte sich in Wien sehr wohl. Sie arbeitete als Buchhändlerin bis 1960 in der Buchhandlung 'Das Internationale Buch' am Trattnerhof. Dann arbeitete sie in der Bezirksleitung der KPÖ, im 20. Bezirk. Die Kommunisten in Österreich waren die Einzigen, die wirklich gegen die Nazis waren. Sie hatten schwere Verluste, das mußte man anerkennen. Als mein Vater im KZ war, war meine Mutter auch zu den Freimaurern gelaufen und hatte darum gebeten, daß man meinem Vater hilft. Aber die haben gesagt, sie könnten nichts machen. Auf die Freimaurer hat meine Mutter sehr geschimpft und gesagt, von denen hat man überhaupt nichts haben können.

Für mich war es schwierig. Ich war aus meinem Freundeskreis heraus gerissen, obwohl ich auch alte Bekannte in Wien gefunden hatte. Die Freundin, die vis-à-vis wohnte, der ich als Kind zugewinkt hatte, wurde wieder meine Freundin. Ich war gerade mit der Schule fertig, begann mit meinem Medizinstudium und hatte Probleme mit der Sprache. Auch das Leben auf der Universität war ja ganz anders, als ich es gewohnt war. Ich bekam von der jüdischen Kultusgemeinde vom Joint [8] ein Stipendium, lernte Juden kennen und bin bis heute Mitglied der Kultusgemeinde. Ich war damals für das Stipendium dankbar und das, was mir damals zu Gute gekommen ist, soll der Kultusgemeinde jetzt auch zu Gute kommen. Das erklärt, warum ich der Kultusgemeinde offiziell treu geblieben bin, obwohl ich zum jüdischen Glauben keine Beziehung habe. Die alten Damen in Schottland waren sehr fromme Presbyterianer und ich muß sagen, mir hat dieser Glaube sehr imponiert, und diese alten Damen lebten auch nach ihrem Glauben.

1952 war ich mit dem Studium fertig und bekam, das war eine Form der Wiedergutmachung, die es damals schon gab, sofort einen Turnusplatz.

Ich heiratete 1959 meinen Mann Dr. Albert Hirn. Er wurde am 6. September 1927 in Wien geboren. Er ist nicht jüdisch. Er studierte an der damaligen Hochschule für Bodenkultur und wurde Vermessungsingenieur. Wir haben drei Kinder: Meine Tochter Beate Annabelle wurde am 11. April 1960 in Wien geboren. Sie hat Medizin studiert und ist Ärztin.

Meine Tochter Irene Gertrude wurde am 29. März 1962 in Wien geboren. Sie ist Beamtin der Stadt Wien und mein Sohn Richard wurde am 26.März 1966 in Wien geboren. Er hat seinen Doktor an der Technischen Universität in Wien gemacht und arbeitet als Computerfachmann. Ich habe zwei Enkelkinder.

Meine Mutter starb am 28.August 1994. Sie wurde auch verbrannt und ihre Urne zu der meines Vaters gegeben.

Ich arbeitete die ganzen Jahre in Lainz, erst im Krankenhaus, dann im Pflegeheim. Ich bin Internistin und mein Spezialgebiet war die Diabetes. Ich war viele Jahre an der Stoffwechsel Abteilung, und als mein drittes Kind unterwegs war, wollte ich keine siebzehn Nachtdienste im Monat machen. Da bin ich ins Pflegeheim gegangen. Es war schlimm, wenn ich sah, wie die alten Leute schon völlig dement im Bett lagen und jammerten und gar nichts mehr erfassten. Die alten Frauen, die da lagen, hatten ihre Männer und Söhne, die Männer im ersten Krieg, die Söhne im zweiten Krieg verloren. Sie hatten immer gearbeitet und versucht, in Notzeiten die Familie zu erhalten. Sie lagen im bett, hatten keine Freude mehr am Leben weinten sie noch immer um ihre Kinder. Das war schrecklich. Und diese Frauen hatten daran geglaubt, dass es einen Gott gibt. Wenn der das zuläßt, was mir so ans Herz greift, dann ist es kein Gott.

Glossar

[1] k. u. k: steht für 'kaiserlich und königlich' und ist die allgemein übliche Bezeichnung für staatliche Einrichtungen der österreichisch- ungarischen Monarchie, z.B.: k.u.k. Armee; k.u.k. Zoll; k.u.k. Hoflieferant....

[2] Winternitz, Prof. Hofrat Dr. Wilhelm [1835-1917] trat nach seinen Studien bei der damaligen K&K Kriegsmarine als Korvettenarzt ein. Als bei einer Kreuzfahrt Typhus in Massenerkrankungen auftrat, machte er die Wahrnehmung, daß das Einschlagen der Erkrankten in feuchte Tücher mit kaltem Wasser wesentlich zum Erfolg beitrug. Er studierte die Wasserheilkunde und wandte seine Methode für alle Krankheiten an und hatte große Erfolge zu verzeichnen. Er wurde 1881 außerordentlicher und 1898 ordentlicher Professor der Wiener Universität und somit Begründer der Wissenschaftlichen 'Hydrotherapie'. 1865 kommt es zur Eröffnung der 2. Kaltwasserheilanstalt Kaltenleutgebens durch Prof. Dr. Wilhelm Winternitz.

[3] Jom Kippur: der jüdische Versöhnungstag, der wichtigste Festtag im Judentum. Im Mittelpunkt stehen Reue und Versöhnung. Essen, Trinken, Baden, Körperpflege, das Tragen von Leder und sexuelle Beziehungen sind an diesem Tag verboten.

[4] Chanukka [hebr.: Weihe]: Das achttägige Chanukkafest erinnert an die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem im Jahr 164 v. Chr. nach dem erfolgreichen Makkabäeraufstand gegen hellenisierte Juden und mazedonische Syrer. Die Makkabäer siegten und führten den jüdischen Tempeldienst wieder ein. Laut der Überlieferung fand sich Öl für nur einen Tag; durch ein Wunder hat das Licht jedoch acht Tage gebrannt, bis neues geweihtes Öl hergestellt worden war.

[5] Pessach : Jüdisches Fest, erinnert an den Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten, welcher die 200 Jahre währende Knechtschaft beendete. Jegliche gesäuerte Speise [Chamez] ist verboten, und so wird ungesäuertes Brot [Mazza] verzehrt.

[6] Pogromnacht, auch zynischerweise als Kristallnacht bezeichnete Nacht vom 9. zum 10. November 1938. Im Laufe dieser Nacht wurden 91 Juden ermordet, fast alle Synagogen sowie über 7000 jüdische Geschäfte im Deutschen Reich, wozu auch Österreich gehörte, zerstört und geplündert, Juden in ihren Wohnungen überfallen, gedemütigt, verhaftet und ermordet.

[7] Young Austria: 1939 gegründete, kommunistisch geführte Jugendorganisation österreichischer Flüchtlinge in Großbritannien, hatte 1300 Mitglieder.

[8] Joint: Kurzform für 'American Joint Distribution Committee' [Vereinigter amerikanischer Verteilungsausschuss]. Die Organisation betreute jüdische Opfer des Nazi-Regimes. Sie versorgte jüdische Institutionen in Wien mit Lebensmitteln sowie jüdische Überlebende aus den Konzentrationslagern. Außerdem wurden ein Suchdienst und eine Einwanderungsabteilung aufgebaut. Heimkehrer wurden ärztlich betreut.

 

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Sophie Hirn
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
März
Jahr des Interviews:
2003
Wien, Austria

HAUPTPERSON

Sophie Hirn
Geburtsjahr:
1929
Geburtsort:
Wien
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Mediziner
Familiennamen
  • Vorheriger Familienname: 
    Engler
    Jahr der Namensänderung: 
    1959
    Grund der Namensänderung: 
    Heirat

AUDIO - INTERVIEW

glqxz9283 sfy39587stf02 mnesdcuix8
glqxz9283 sfy39587stf03 mnesdcuix8