Anton Fischer

Anton Fischers HochzeitWien, Österreich

Wien
Österreich
Interviewerin und Biografin im Auftrag von Centropa: Tanja Eckstein
Datum des Interviews: Februar 2004

Anton Fischer ist im April 2014 gestorben.

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Während des Krieges
Flucht nach Palästina
Rückreise nach Ungarn
Wien
Glossar

Meine Familiengeschichte

Mein Großvater väterlicherseits hieß Kalman Fischer. Ich nehme an, er wurde um 1850 in Ungarn, in dem Ort Nagy Tapolcsany, geboren. Nagy Tapolcsany lag im Komitat Nyitra. Heute heißt der Ort Tapolcsany und liegt in der Slowakei.

Die Muttersprache der Familie Fischer war Deutsch, das steht auf der Geburtsurkunde meines Vaters. Sie wohnten in Nagy Tapolcsany in der Rakoczi utca 56 und waren so arm, dass die Kinder nur die Pflichtschule besuchen konnten.

Mein Großvater war Bäckermeister und Besitzer einer Bäckerei. Er und die Großmutter und ihre sieben Kindern lebten bis ungefähr 1911 in Nagy Tapolcsany. Mein Vater, das jüngste Kind der Familie, war ungefähr 15 Jahre alt war, als folgendes geschah: Zum großen Unglück der Großeltern stürzte eines Tages der Backofen in der Bäckerei ein und begrub unter seinen Trümmern einen Angestellten, der an den Folgen starb. Der Angestellte war kein Jude, und da man nie wissen konnte, wie die Bevölkerung auf dieses Unglück reagieren würde – es hätte ja zu Ausschreitungen kommen können – bekamen meine Großeltern große Angst. Sie packten noch in derselben Nacht ihr Hab und Gut zusammen und übersiedelten mit ihren sieben Kindern nach Budapest. Dort wohnten sie in der Baros utca. In Budapest wurden die Großeltern von ihren bereits erwachsenen Kindern erhalten.

Meine Großmutter, Regina Fischer, geborene Marle, wurde 1856 in Nagy Tapolcsany geboren. Als mein Vater geboren wurde, war sie 38 Jahre alt. Ich kann mich erinnern, sie war schwerhörig, und man musste immer schreien, wenn man mit ihr reden wollte. Sicher hatten die Großeltern Geschwister, aber ich habe keine gekannt. Leider weiß ich nicht viel über die Familie meines Vaters, weil der Kontakt mit ihnen nicht so eng war, wie der zur Familie meiner Mutter. Mein Großvater starb ungefähr im Jahre 1933, die Großmutter ungefähr 1936.
Ich war noch nie in Nagy Tapolcsany. Wenn der jüdische Friedhof dort noch existiert, und ich fände Grabsteine mit dem Namen Fischer, dann würde ich sicher einiges über meine Vorfahren väterlicherseits erfahren.

Die Großeltern hatten, wie gesagt, sieben Kinder: Der älteste Sohn hieß Zsigmond Fischer. Zsiga, so wurde er genannt, wurde vom Großvater zum Bäcker ausgebildet. Seine Bäckerei befand sich in der Madach utca. Sie war eine der angesehensten Bäckereien in Budapest, weil es dort das beste Brot und die besten Semmeln gegeben haben soll. Er war verheiratet mit Tante Paula, und sie hatten sechs Kinder: Zoltan, Miklos, Irene, Klari, Lucie und Bözsi. Mein Onkel Zsiga und die Tante Paula starben vor dem Holocaust.

Der älteste Sohn Zoltan setzte die Familientradition fort, wurde auch Bäcker und übernahm die Bäckerei seines Vaters in Budapest. Er war mit einer sehr schönen Frau verheiratet. Die Ehe ging aber schon vor dem Holocaust auseinander. Er emigrierte nach Australien, eröffnete in Sydney wieder eine Bäckerei und wurde reich. Nach vielen Jahren übersiedelte er nach New York, war dort nicht so erfolgreich und starb als armer Mann.

Sein Bruder Miklos, Miki genannt, war zwei Jahre älter als ich. 1940 wurde er zum Arbeitsdienst eingezogen und in die Ukraine verschleppt. Nach dem Krieg erfuhr ich von seiner Familie, dass er in der Ukraine erfroren sei.

Lucie war Französischprofessorin. Sie war nicht verheiratet. Klari war die Jüngste und die Schönste. Es ist möglich, dass sie noch lebt, aber ich weiß es nicht. Die Töchter meines Onkels überlebten den Holocaust in Budapest mit falschen Papieren oder im Ghetto, aber mehr weiß ich nicht.

Mein Onkel Vilmos Fischer war Uhrmacher. Er bildete meinen Vater zum Uhrmacher aus. Seine Frau hieß Szeren. Sie hatten eine Tochter Klari. Sie war verheiratet und hatte zwei Söhne, die zionistischen Organisationen angehörten und dessen Wunsch es war, nach dem Krieg nach Palästina zu gehen.

Klari, ihr Mann und die Söhne überlebten den Holocaust in Budapest. Nach dem Krieg verließen sie zusammen Ungarn und fuhren nach Palästina. Zwei Jahre später übersiedelten die Söhne nach Amerika. Klari und ihr Mann schafften es nicht, sich in Israel eine Existenz aufzubauen. Klari musste sich für den Rest ihres Lebens als Putzfrau durchschlagen.

Vilmos und seine Frau Szeren überlebten den Holocaust und starben in Budapest, Vilmos starb zu Hause und Szeren im jüdischen Altersheim.

Meine Tante Lina war verheiratet und besaß mit ihrem Mann ein Lebensmittelgeschäft in Budapest, in der Koszoru utca. Sie hatten zwei Söhne, Janos und Sandor. Der Mann meiner Tante starb vor dem Holocaust, den habe ich nie gesehen, und Tante Lina starb während des Krieges. Janos kam im Holocaust ums Leben und Sandor überlebte. Nach dem Krieg blieb er in Budapest. Er starb vor vielen Jahren.

Tante Hermina war mit Sandor Czeisler verheiratet. Er war Kaufmann, und sie hatten drei Kinder. Der Sohn Tibor starb ungefähr im Jahre 1934 an einer Krankheit in Budapest. Eine Tochter kam im Holocaust um, ich weiß nicht, was ihr passiert ist. Bözsi, die andere Tochter, überlebte den Holocaust und lebte nach dem Krieg in Budapest. Tante Hermina und Onkel Sandor überlebten den Krieg nicht.

Onkel Zöldi war mit Katinka verheiratet. Er war Unternehmer und zeitweise der Kompagnon meines Vaters. Sie hatten einen Sohn, der hieß Denes. Alle drei waren, als ich Ende 1946 aus Palästina nach Budapest zurückkam, nicht mehr da. Es ist wahrscheinlich, dass mein Onkel und meine Tante im Holocaust starben und mein Cousin Denes im Arbeitsdienst ums Leben kam. Aber ich weiß es nicht.

Tante Cilla war verheiratet mit Herrn Grünbaum. Er war Kaufmann. Sie hatten drei Kinder, Arpad, Klari und Dezsö. Arpad ging nach Amerika und über Dezsö und Klari weiß ich nichts. Ich weiß auch nicht, ob Cilla und ihr Mann den Holocaust überlebten.

Mein Vater hieß Lipot Fischer. Er wurde am 3. Juni 1896 in Nagy Tapolcsany, wie alle seine Geschwister, geboren. Er war Uhrmacher und Juwelier.

Mein Großvater mütterlicherseits hieß Vilmos Wertheim. Er wurde im Jahre 1848 in Ungarn, in der Stadt Paks, geboren. Paks liegt ungefähr hundert Kilometer südlich von Budapest, direkt an der Donau. Er war viele Jahre in Österreich, in Wiener Neustadt, als Soldat stationiert. Als er jung war, wurde er zur k.u.k Armee [1] eingezogen und blieb danach beim Heer. Er wurde Feldwebel, trug einen gewichsten Schnurrbart, aber keinen Vollbart. Bei der Armee war er bei der Tren, der Versorgungstruppe. Nachdem er nach ungefähr 20 oder 25 Jahren abgemustert hatte, ging er in Pension. Er war vielleicht 45 Jahre alt, also ein sehr junger Pensionist. Nach seiner Pensionierung lieferte er der Armee noch Pferde und Wein mit Frachtschiffen über die Donau.

Der Großvater sprach perfekt und akzentfrei Deutsch, und er ließ sich immer den ‚Pester Lloyd’[2], eine deutschsprachige Zeitung, kommen. Meine Großeltern sprachen auch miteinander Deutsch. Mein Großvater hatte eine wunderschöne Schrift, die Buchstaben sahen aus, wie von einer Schreibmaschine geschrieben.

Jedes Jahr fuhr er von Paks nach Wien, um sich bei seinem Schuster, wo sein Strecker lag, Militärschuhe anfertigen zu lassen. Andere Schuhe trug er nicht. Das waren Offiziersschuhe, und sein ganzes Leben lang trug er nie einen Halbschuh oder einen Stiefel, nur diese Offiziersschuhe.

Alle seine Söhne maturierten, und alle seine Töchter besuchten die Mittelschule. Die Töchter gingen in die besten Schulen, die es in dieser Zeit dort gab. Diese Schulen wurden von Nonnen geleitet. Alle sieben Kinder mütterlicherseits waren gebildet.

Die Großeltern hielten jeden Freitag den Schabbat [3], aber sie waren nicht orthodox. Der Großvater war ein angesehenes Mitglied der Gemeinde, und im Tempel hatte er den schönsten Sitz gegenüber dem Rabbiner. Die Großmutter führte einen koscheren [4] Haushalt und trug einen Scheitl [5], trotzdem waren die Großeltern eher moderne Juden, die sich an die Traditionen hielten und danach lebten. Sie waren modern gekleidet und hatten keine orthodoxen Einstellungen. Sie feierten jeden Freitag Schabbat. Alle Kinder hatten natürlich Religionsunterricht. Sie lernten Hebräisch lesen, beteten in hebräischer Sprache und gingen regelmäßig in die Synagoge.

Als mein Großvater abgemustert hatte, ließ er sich an einer der schönsten Stellen in Paks, Fö-utca [Hauptstraße] Nummer 47, ein Haus bauen. Es war ein schönes Haus mit fünf Zimmern und einem Garten. Hinter dem Garten war ein Hühnerhof. Auf dem Hühnerhof lebten auch Gänse und jeden Tag stopfte meine Großmutter die Gänse mit Kukuruz [Mais] und eine der gemästeten Gänse, die dann koscher geschlachtet wurde, war für uns bestimmt. Sie trat per Schiff in einem Paket den Weg von Paks nach Budapest an, und wir hatten dadurch immer koscheres Gänseschmalz. Aber natürlich nur in den Wintermonaten, im Sommer war es zu heiß und das Fleisch wäre auf der Reise verdorben.

Zu dieser Zeit gab es noch kein elektrisches Licht, es gab auch noch keine Wasserleitungen. Man musste sich das Wasser aus dem Brunnen holen. Die Mägde, meine Großeltern hatten immer zwei oder drei Angestellte, holten das Trinkwasser in großen Behältern, die sie auf dem Kopf trugen, vom artesischen Brunnen [6], So hieß der damals. Man hatte auch eigene Brunnen, aber die wohlhabenden Leute holten vom artesischen Brunnen ihr Trinkwasser.

Zur Winterszeit übersiedelten die Großeltern zu ihren Kindern. Sie hatten sieben sehr gute Kinder und konnten sich aussuchen, bei wem sie wohnen wollten. Überall waren sie willkommen. Meistens verbrachten sie den Winter in Pincehely bei Tante Rosa und Onkel Josef Mandl, die die Großeltern auch finanziell mit Lebensmitteln unterstützen. Jedes Jahr schickten sie einen ganzen Wagen voll Lebensmittel von Pincehely nach Paks. Für meine Onkel und Tanten war es selbstverständlich, die Eltern zu unterstützen - sie gehörten zu ihnen und waren ein Stück ihres Lebens. Die letzten Jahre waren die Großeltern im Winter oft bei uns in Budapest.

Einmal sah ich den Großvater weinen. Seitdem weiß ich, dass auch Männer weinen können. Als meine Großmutter schon älter war, bekam sie den grauen Star, das ist eine Augenkrankheit. Ein Professor Licsko operierte sie in Budapest, und mein Großvater hatte große Angst um sie. Er hatte solche Angst um die Großmutter, dass er weinte, als er sie mit ihrer großen Augenbinde sah.

Die Großmutter mütterlicherseits hieß Elisabeth, Betti genannt, und war eine geborene Grünhut. Sie wurde in Paks geboren. Wann das war, weiß ich nicht, aber sie war jünger als der Großpapa. Meine Großmutter war eine liebe Frau, sie hat einem Jeden geholfen, war eine gute Mutter, und die ganze Familie liebte sie sehr.

Von einem Bruder meiner Großmutter wurde oft erzählt. Er hieß Anton Grünhut und war der erste jüdische Richter bei der ‚Hohen Tafel’ [7] in der Monarchie. Das war eine besonders hohe Stellung Es war wie ein Wunder, dass ein Jude diese Stelle einnehmen durfte. Er wurde nach Fiume bei Triest versetzt, und die ganze Familie war stolz auf ihn. Als er starb, war er noch sehr jung, und meine Großmutter war ihr Leben lang davon überzeugt, dass man ihn vergiftet hatte, denn er starb an einer Fischvergiftung. Da es keine Dokumente darüber gibt, weiß ich nicht, ob das stimmt. Nach diesem Bruder meiner Großmutter wurde ich benannt.

1938 starb mein Großvater in Paks, die Großmutter zwei Jahre später. Der Großvater sowie die Großmutter starben in ihren eigenen Betten in Paks. Beide starben im Winter, sie waren jedes Mal gerade bei uns in Budapest zu Besuch. Da wir Ärzte in der Familie hatten, das waren die Söhne meiner Tante Rosa, Sandor und Jenö Mandl, konnten meine Großeltern, zuerst der Großvater und zwei Jahre später die Großmutter, rechtzeitig, wie es ihr Wille war, zum Sterben in ihr eigenes Haus gefahren werden. Kaum lagen sie dann in ihrem eigenen Bett, konnten sie zufrieden sterben. So wurden sie beide in Paks auf dem jüdischen Friedhof begraben.

Ich bin jedes Jahr zum Pessachfest [8] in Budapest, und dieses Mal besuchte ich, es war vor nicht einmal einer Woche, den Friedhof in Paks, auf dem meine Großeltern begraben wurden. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass ihre Gräber in einem guten Zustand sind.

Meine Großeltern mütterlicherseits hatten auch sieben Kinder: Armin, Rosa, Minka, Josef , Desider oder Dezsö, Regina und das Restl, nämlich meine Mutter, die die Jüngste war, Rene.

Es gab so einen Reim, den die Geschwister oft liebevoll, wenn sie sich über meine Mutter lustig machen wollten, sangen. Der Reim ging so: Armin, Rosa, Minka, Joschka, Dezsö, Regina, Renci meg a kotradeka. Meine Mutter war eben das allerletzte Aufgebot.

Mein Onkel Armin Wertheim war der älteste Sohn und bestimmt fünfzehn Jahre älter als meine Mutter. Er wurde ungefähr 1878 geboren. Nach der Matura rückte er zur k. u. k. Armee ein und wurde für die Offiziersschule ausgewählt. Mein Großvater war so stolz auf seinen Sohn, dass er zu ihm fuhr und eigenhändig den Offizierssäbel überbrachte. Während der bosnischen Okkupation auf dem Balkan [siehe 1. Balkankrieg] [9] wurde mein Onkel Armin durch einen Bauchschuss in einem Maisfeld verwundet.

Onkel Armin wurde nach seinem Militärdienst Bankdirektor in Sasd und war mit Elisabeth, Bözsi genannt, verheiratet. Sie hatten einen Sohn, Gyuri, der ungefähr 1911 geboren wurde.
Bis zu seiner Pensionierung lebte Onkel Armin mit seiner Familie in Sasd. Dann zogen sie nach Budapest. Zu dieser Zeit war Gyuri noch ein Schüler. Er absolvierte die Matura und die Handelsoberschule. Als es Ende der 1930er Jahre in Budapest für einen Juden schwer wurde Arbeit zu finden, nahmen meine Mutter und ich Gyuri in unser Geschäft. Onkel Armin, Tante Bözsi und Gyuri überlebten das Ghetto in Budapest und blieben nach dem Krieg in Ungarn. Gyuri war mit Marika verheiratet und arbeitete in einer Fabrik als Kontrolleur. Die Ehe blieb kinderlos.

Meine Tante Rosa, geborene Wertheim, wurde ungefähr 1881 geboren. Sie war mit Josef Mandl verheiratet. Sie lebten in Pincehely, das liegt 30-40 Kilometer von Paks entfernt. Sie besaßen eine Gemischtwarenhandlung und eine kleine Landwirtschaft und hatten drei Söhne.
Sandor, der älteste Sohn, war Arzt. Leo, der Mittlere, arbeitete in der Gemischtwarenhandlung seiner Eltern in Pincehely und führte die Landwirtschaft und Jenö, der Jüngste, war auch Arzt. Da Jenö wegen des Numerus clausus in Ungarn [10] nicht auf die Universität aufgenommen wurde, studierte er an der Universität in Wien Medizin. Sandor und Jenö lebten in Budapest und hatten Zahnarztordinationen, und Leo lebte mit seiner Frau Manci und seinen zwei Kindern in Pincehely.

Jenö wurde 1944 zum Arbeitsdienst einberufen und überlebte den Holocaust. Sandor war im Budapester Ghetto oder überlebte mit falschen Papieren. Leo wurde zum Arbeitsdienst verschleppt und kam nach Budapest zurück. Einige Wochen später wurde er nach Österreich in das KZ Mauthausen deportiert. Dann musste er noch in Nebenlagern von Mauthausen um sein Leben kämpfen und kam schwerkrank nach Ende des Krieges, noch in seiner Häftlingskleidung, nach Budapest zurück. Seine Eltern, Tante Rosa und Onkel Jozsi, seine Gattin Manci und seine zwei Kinder waren im letzten Moment des Krieges von Pincehely ins KZ Auschwitz deportiert und vergast worden.

Mein Cousin Leo wurde nie mehr richtig gesund. Er heiratete noch einmal. Seine Frau Edith hatte ihre ganze Familie im Holocaust verloren. Sie kümmerte sich alle Jahre um ihn. Sie bekamen einen Sohn, dem sie den Namen Josef, zur Erinnerung an seinen ermordeten Großvater Josef, gaben. Leo starb im Jahre 1979 in Budapest, ein Jahr später starb auch seine Gattin Edith.

Ihr Sohn Josef Mandl, ein bekannter ungarischer Wissenschaftler, ist der Stolz der ganzen Familie. Er lebt in Budapest, ist Universitätsprofessor und Mitglied der ungarischen Wissenschaftlichen Akademie. Er ist verheiratet, seine Frau Zsuzsi ist Ärztin. Sie haben Zwillinge: Judith ist Juristin und Peter ist Arzt.

Jenö Mandl war mit Lia verheiratet, die Ehe blieb kinderlos, und sie starben vor ungefähr 15 Jahren in Budapest.

Sandor Mandl heiratete nach dem Krieg Elisabeth Hoffer, die die Tochter des Direktors vom Budapester Rabbinerseminar war. Sie hatten einen Sohn Michael, der auch Arzt wurde. Er ist bereits tot, aber er hat eine Tochter, die in Ungarn lebt.

Tante Minka, geborene Wertheim, wurde ungefähr 1883 geboren. Sie war mit Rudolf Mandl verheiratet. Josef und Rudolf Mandl waren Brüder. Meine Tanten Rosa und Minka Wertheim waren also mit den Brüdern Mandl verheiratet. Tante Minka und Onkel Rudolf hatten zwei Söhne, Zsigmond oder Zsiga und Laszlo oder Lazi, und eine Tochter, Julia oder Juliska.

Rudolf Mandl war Pächter eines sehr großen Besitzes im Komitat Szala-Igrice. Das war kleiner als ein Dorf, es gab eine Kirche und einige wenige Häuser in dem Ort. In Ungarn nennt man das Puszta. Oft waren Juden Pächter von großen Besitzungen, und sie wurden als Pächter gern gesehen.

Als im Jahre 1944 die Deportation der ungarischen Juden begannen, war Onkel Rudi bereits tot, er starb kurze Zeit vorher. Tante Minka war allein, ihre Söhne waren zum Arbeitsdienst eingezogen worden. Darum übersiedelte sie zu ihrer Tochter Juliska nach Ujpest, die inzwischen dort mit dem angesehenen Anwalt Doktor Jenö Fuchs verheiratet war. Doktor Jenö Fuchs war Advokat, Ehrenbürger der Stadt und besaß ungefähr 60 Häuser. Juliska und Jenö hatten zwei Töchter, die ältere Tochter hieß Martha, wir nannten sie immer Tusi, und die jüngere Tochter heißt Evi.

Als 1944 die Deportationen von Ujpest nach Auschwitz begannen, waren meine Tante Minka, ihre Tochter Juliska, deren Ehemann Jenö und die zwei Töchter darunter. Tante Minka, ihre Tochter Juliska und dessen Ehemann Jenö wurden sofort nach Ankunft im KZ Auschwitz vergast. Tusi war vielleicht 18 Jahre alt als sie von Ujpest nach Auschwitz deportiert wurde, und Eva war 16 Jahre alt. Einige Tage bevor das Lager befreit wurde, starb Tusi an einer Blutvergiftung.
Eva ist die Einzige der Familie Fuchs, die den Holocaust überlebte. Sie emigrierte 1956, nach dem Ungarnaufstand [11] nach Australien und lebt heute in Sidney. Ihr Mann und sie waren große Reifenimporteure in Australien. Sie ist geschieden und hat keine Kinder.
Meine Cousins Zsiga und Laci überlebten den Holocaust. Laci wurde Kommunist und arbeitete nach dem Krieg als Abteilungsleiter im Ministerium für Landwirtschaft in Budapest. Zsiga war auch Angestellter im Ministerium für Landwirtschaft. Beide waren verheiratet und haben Kinder. Zsiga und Laci starben in Budapest.

Onkel Josef oder Joska Wertheim wurde ungefähr 1889 geboren. Er war mit Elisabeth oder Bözsi verheiratet. Er war Besitzer einer Mühle in Kemes, das liegt in Südungarn. Die Mühle war sehr groß und bedeutend und wurde mit Dampf angetrieben. Damals gab es noch keine elektrische Mühle, die Mühlen wurden mit Wasser oder mit Dampf angetrieben. Sie hatten zwei Söhne: Miklos oder Miki und Pal oder Pali.

Der Onkel Josef war zu der Zeit, als man die Juden wegschleppte, um sie zu ermorden, im Gefängnis eingesperrt. Das kam so: Es war verboten, Schweine zu schlachten. Irgendein höherer Beamter schlachtete aber ein Schwein und drehte es so, als hätte meinem Onkel Joska das Schwein gehört und als hätte der es geschlachtet. Dafür wurde mein Onkel eingesperrt. Zu dieser Zeit wurde seine Frau, Tante Bözsi, mit dem Waggon nach Auschwitz deportiert und sofort vergast.

Der Onkel saß seine Strafe ab, wurde entlassen und musste sofort ins Ghetto. Er entfernte den gelben Stern, den alle Juden tragen mussten, vom Mantel und verließ heimlich das Ghetto auf der Suche nach seiner Frau. Überall suchte er sie. Er fragte alle, die er kannte, ob irgendjemand etwas über seine Frau wusste. Er war sehr verzweifelt und zu dieser Zeit wusste man auch noch nichts über die Vergasungen in den KZs. Dann erwischte man ihn auf der Strasse und schickte ihn auf den Todesmarsch [12]. An der Grenze zwischen Ungarn und Österreich sind viele Gräber, irgendwo auf dem Weg endete sein Leben. Wir können sein Schicksal bis zu dem Zeitpunkt verfolgen, als er mit einer Gruppe auf den Todesmarsch gezwungen wurde.

Miki und Pali wurden auch zur Armee und zum Arbeitsdienst gezwungen. Sie waren ungefähr in meinem Alter, einer war etwas älter, der andere war etwas jünger. Miki erfror in der Ukraine. Das letzte was wir von ihm wissen ist, dass er eine ganz abgemagerte Kuh mit sich führte. Er dachte, er könne mit der Kuh überleben. Wir trafen nach dem Krieg Leute von seiner Kompanie, die uns das erzählten. Pali wanderte nach dem Krieg über Zypern nach Israel aus. Auf Zypern heiratete er Eva, und sie bekamen einen Sohn, Moshe Wertheim. Pali arbeitete in Haifa zuerst als Hilfsarbeiter in einer Mühle, und später war er Inhaber eines Tapetengeschäftes. Sein Sohn Moshe arbeitet für EL AL als Chefsteward und Security. Pal starb vor einigen Wochen in Haifa.

Onkel Desider oder Dezsö Wertheim wurde ungefähr 1890 geboren und lebte in Wien. Er heiratete Stefanie, die ihre Tochter Wally mit in die Ehe brachte. Sie besaßen ein Strick- und Wirkwaren En Gros Geschäft in Wien im 1. Bezirk in der Essiggasse 2. Als Hitler nach Österreich einmarschierte, flüchteten Onkel Dezsö und Tante Steffi nach Budapest. Onkel Dezsö und Tante Steffi wurden im KZ Auschwitz ermordet.

Wally war mit einem Herrn Lichtenstein verheiratet. Sie flohen nach Shanghai, und wir hörten nie mehr von ihr. Nach dem Holocaust fragten wir Leute, die auch in Shanghai waren, aber niemand sah oder hörte von ihnen.

Tante Regina war zwei Jahre älter als meine Mutter und wurde 1891 geboren. Sie war mit Arpad Stark verheiratet. Sie hatten eine Tochter Ilich, die Ili genannt wurde. Mein Onkel Arpad war Buchhalter von Beruf und arbeitete in einer Firma in Budapest. Als mein Vater 1934 starb, zogen wir mit der Familie Stark zusammen. Das war für sie gut, denn der Onkel Arpad verdiente nicht so gut, und meine Mutter bekam Hilfe, da sie ja immer im Geschäft sein musste. Tante Regina und Onkel Arpad überlebten den Holocaust im Budapester Ghetto.

Ili war verheiratet und hatte einen Sohn, Gabor, der 1944, als wir uns verstecken oder fliehen mussten, zehn Jahre alt war. Ilis Mann musste zum Arbeitsdienst, und so organisierten meine Mutter und ich für Ili und ihren Sohn, bevor wir flüchteten, bei einem gewissen Camillo Szambo, einem ehemaligen Flieger im deutschen Fliegerhorst in Afrika, der verwundet wurde und in Budapest lebte, weil sein Vater ein Ungar oder ein Österreicher war, ein Versteck. Dieser Mann war meiner Mutter und mir empfohlen worden, und wir hätten uns in seinem Keller verstecken können. Das war genau zu der Zeit, als das Ghetto in Budapest entstand. Aber da ich schon meine Verbindungen hatte und wusste, dass ich mit meiner Mutter Budapest verlassen würde, überließen wir diesen Platz meiner Cousine Ili und Gabor.
Nach dem Krieg ließ sie sich von ihrem Mann, der auch den Holocaust überlebt hatte, scheiden, heiratete ihren Retter Camillo Szambo und lebte mit ihm in Wien. In Wien bekamen sie noch zwei Kinder. Gabor blieb damals in Budapest.

Während des Ungarnaufstandes im Jahre 1956 flohen Gabor und ich gemeinsam nach Wien. Er fuhr aber weiter nach Australien. Sein Vater folgte ihm nach Australien. Gabor lebt in Sydney, wurde Mathematikprofessor, ist verheiratet und hat zwei Kinder und Enkelkinder.

Meine Mutter Rene Wertheim war das jüngste Kind meiner Großeltern. Sie wurde in Paks am 21. April 1893 geboren. Sie besuchte die Mittelschule und besaß vor dem Krieg eines der bedeutendsten Juweliergeschäfte von Budapest.

Meine Kindheit

Wie und wo meine Eltern sich kennen lernten, weiß ich nicht. Ich nehme an, sie heirateten im Jahre 1918 oder im Jahre 1919, denn am 13. Dezember 1920 wurde ich in Budapest als einziges Kind von Lipot und Rene Fischer geboren.

Meine Eltern fingen praktisch ganz unten, mit Nichts sozusagen, an. Meine Mutter sagte immer: ,Unser Vermögen in dem Juweliergeschäft in der Rakoczi utca Nummer 27 in Budapest, das mein Vater gründete, waren neun Weckeruhren. Neun Weckeruhren gehörten uns, sonst nichts.’

Meine Eltern waren immer im Geschäft beschäftigt, aber ich fühlte mich nicht vernachlässigt, ich war ein sehr behütetes Kind. Ich hatte immer ein Kinderfräulein, das mit mir ein Zimmer teilte und sich um mich kümmerte. Gegessen haben wir aber immer gemeinsam mit meinen Eltern. Dieses Kinderfräulein sprach Deutsch mit mir, und dadurch erlernte ich die deutsche Sprache. Später hatte ich einige Hauslehrer, weil ich nie ein sehr guter Schüler war und deshalb Nachhilfeunterricht bekam.

Solange mein Vater lebte, verbrachte ich die Sommer in Pincehely bei der Schwester meiner Mutter, meiner Tante Rosa und dem Onkel Josef Mandl. In Pincehely lebten zehn jüdische Familien, und ich spielte mit den Kindern dieser Familien und auch mit den anderen Kindern.

Eingeschult wurde ich in die jüdische Volkschule in Budapest. Die Schule befand sich in der Veselenyi utca, Ecke Ring, im 7. Bezirk. Auch heute ist sie noch eine jüdische Schule.
Nach vier Jahren erfolgreichem Lernen kam ich aufs Barcsai Gymnasium, auch im 7. Bezirk.

Während des Horthy Regimes[13]  wurden die Kommunisten sehr verfolgt und die Hashomer Hatzair [14] Mitglieder standen politisch den Kommunisten sehr nahe. Das Horty Regime ging soweit, Jugendliche des Hashomer Hatzair aufzuspüren und zum Beispiel aus dem Gymnasium mitzunehmen, um sie zu verhören. Die Professoren wollten ihre Schüler schützen und mein Vater war bereit, gefährdete junge Männer, die bereits Studenten waren, als Hauslehrer bei uns aufzunehmen. In drei Jahren wohnten drei verschiedene solcher Studenten bei uns: Karl Lieblich, der ein hoher Offizier der Haganah [15] wurde, Sandor Hunwald, sein jüdischer Name war Simcha, der für die zionistische Propaganda zuständig war und Kadar, den ich sehr mochte. So kam ich mit dem Zionismus in Berührung.

Ich wurde aber Mitglied der Ha Noar Ha Tzioni, einer eher sozialistisch-zionistischen Organisation. Die Shomer Hatzair Leute aßen sogar Chazer [jiddisch: Schweinefleisch], und das wollte ich nicht. So bin ich zu Ha Noar Ha Tzioni gegangen, da ich wusste, dass es diese Bewegung gibt, und ich war ein aktives Mitglied. Wir machten regelmäßige Ausflüge, tanzten Hora [16], das ist ein Volkstanz, sangen und diskutierten. Aber an Hachschara [17] oder Auswandern nach Eretz Israel, hab ich nie gedacht. Ich hatte die Aussicht auf ein wunderbares Juweliergeschäft, meinen Eltern gehörten Häuser in Budapest, ich bekam zum Beispiel zur Matura ein Auto, das hatte sonst niemand; für mich war das Paradies zu Hause, in Budapest.

Ich war sehr sportlich. In der Schule spielte ich Korbball und betrieb aktiv Gymnastik und in meiner Freizeit spielte ich Fußball und lief Schi.

Mein Vater war ein bewusster Jude, und meine Mutter führte einen koscheren Haushalt. Jeden Freitag zündete sie Kerzen, und wir aßen gemeinsam. Aber sein Juweliergeschäft sperrte mein Vater am Schabbat nicht zu. Vielleicht ging mein Vater am Schabbat in die Synagoge, vielleicht ließ ihn meine Mutter aber auch zu Haus, wenn sie ins Bethaus ging. Das weiß ich nicht so genau. Meine Mutter ging nie in den orthodoxen Tempel, sondern in den modernen Tempel in der Rombach utca. Zwölf Jahre hatte ich Religionsunterricht. Die ersten vier Jahre in der jüdischen Volksschule, wo ich das Alef Beth (hebräisches Alphabet) lernte. Jeden Tag lernten wir hebräisch und ein bisschen jüdische Geschichte. Im Gymnasium hatten wir zweimal in der Woche Religionsunterricht. Unser Religionslehrer im Gymnasium war ein Rabbiner, und in der Handelsschule war es der Professor Nandor Durchschlag, der uns in jüdischer Geschichte und Hebräisch unterrichtete. Nach dem Holocaust wanderte Professor Durchschlag nach Palästina aus.

Auf meine Bar Mitzwah [18] bereitete mich Rabbiner Fischer, ein Namensvetter, vom Tempel in der Luthergasse vor. Die Bar Mitzwah fand im Rombacher Tempel in der Nagyfuvaros utca statt. In diesem Tempel beteten meine Eltern und ich immer zu den  Feiertagen. Es waren drei Rabbiner anwesend, der Rabbiner Itzchak Schmelzer, der Professor meiner Schule – er war der Rabbiner vom jüdischen Knabenwaisenhaus – und der Dritte war der Rabbiner Scheiber von dem Tempel, in dem wir immer beteten. Während meiner Bar Mitzwah saßen sie alle drei neben einander. Dann hielt jeder a Droshe [eine Rede]. Mein Klassenchef war auch dabei; er war kein Jude, und es war ihm vielleicht langweilig, denn er lief hinaus und davon. Nach den offiziellen Feierlichkeiten gab es ein großes Fest in unserer Wohnung. Viele Kinder und die Familie kamen zu Besuch, und ich bekam sehr viele Geschenke.

Unsere Familie kam regelmäßig, meistens ganz sporadisch, zusammen. Zu den hohen Feiertagen feierte aber jede Familie bei sich zu Hause. Zu uns kamen nur die Eltern meines Vaters zu den hohen Feiertagen. Meine Mutter bereitete immer alles ganz groß vor und kochte Fischpaprikas, von dem immer alle begeistert waren - nur ich mochte keine Fischpaprikas.

Weil ich ein ziemlich schlechter Schüler war, verließ ich das Gymnasium nach der vierten Klasse. Die Lehrer versprachen, mir einen positiven Abschluss zu geben, und ich versprach, nach Erhalt des positiven Abschlusses die Schule zu verlassen. Ich bekam den positiven Abschluss.

Nach den Sommerferien besuchte ich die obere Handelsschule, die identisch mit der Handelsakademie war. Unser Geschäft war an der Ecke, und vier Häuser weiter war die Schule. Das war gut für mich, weil dadurch die Professoren meine Mutter kannten, und etwas persönlicher Kontakt wirkt sich immer positiv aus, denn auch dort wurde ich kein ausgezeichneter Schüler.

Im Jahre 1934 – ich war gerade 14 Jahre alt – ließ sich mein Vater im Krankenhaus Gallensteine herausoperieren. Durch einen Narkosefehler starb er im Alter von 38 Jahren.
Meine Mutter wurde Witwe und ich mit 14 Jahren Halbwaise. Es war eine sehr schwere Zeit für uns. Meiner Mutter ging es furchtbar schlecht, und ich kann mich genau erinnern, ein Kollege meines Vaters kam und sagte zu mir: ‚Jetzt bist du der Mann in der Familie. Damals hat mir das so ein Pflichtgefühl geschenkt, dass ich wirklich gedacht hab: Jetzt bin ich der Mann in der Familie! Aber das stimmte nicht, weil meine Mutter so stark war. Sie sagte immer, sie werde nicht noch einmal heiraten, weil sie nicht wolle, dass ich einen Stiefvater bekäme. Und sie hat auch nie mehr geheiratet. Es war eine wunderbare Verbindung zwischen meiner Mutter und mir.

Mit meinen Klassenkameraden war ich befreundet. Von drei Klassen in der Handelsschule, gab es zwei mit jüdischen Studenten, und in einer Klasse waren überhaupt keine jüdischen Schüler. Ich hatte zu allen einen guten Kontakt.

Antisemitismus gab es überall. Wenn man heute in Budapest Zeitungen und Bücher liest, weiß man, dass Antisemitismus für ein jüdisches Kind keine fremde Sache ist. Natürlich war das auch in meiner Zeit im täglichen Leben ständig spürbar, aber der Antisemitismus war nicht größer und nicht kleiner als heute oder hier in Österreich. Nur wenige ungarische Juden verließen ihre Heimat, nur wenige gingen nach Amerika, wenige nach Palästina. Ich führte im Schatten des Antisemitismus ein schönes Leben.

In der Zeit kurz vor der Matura in der oberen Handelsschule kamen zwei oder drei Pfeilkreuzler [19] in Uniform zum Unterricht. Es passierte nichts, aber man sah und man wusste, was das bedeutete. Einer hieß Kornel Kis. Der bekam von mir in der Schulpause immer mein Gänseleberbrot. Er wurde sofort nach der Matura Fähnrich, weil er zu den Partisanenjägern ging. Den erwischten später die Partisanen, und sie führten ihn seiner gerechten Strafe zu: sie ermordeten ihn.

Nach dem Tod meines Vaters verbrachte ich die Sommerferien in Ferienlagern, zum Beispiel am Plattensee. Das war für Kinder wohlsituierter Leute, und das war eine wunderbare Sache für mich. Es waren Kinder und Jugendliche da, es war Sommer, und wir waren am See. Das Heim war sehr bekannt, es hieß ‚Pastor’ und dort erholten sich viele Juden und einige Nichtjuden.

Ich lebte in einem Bezirk, in dem viele Juden lebten, und ich verkehrte fast ausschließlich in jüdischen Kreisen. Der siebente Bezirk war aber kein Ghetto, es lebten auch Christen in dem Bezirk. Zum Beispiel wohnte auch meine spätere Frau, die aus einer christlichen Familie kommt, mit ihrer Familie nur wenige Häuser von uns entfernt. Ich lernte sie erst nach dem Krieg kennen, in meiner Kindheit und Jugend bin ich ihr nicht bewusst begegnet.
Meine Freunde waren Juden. Meine Eltern, wie auch die Eltern der anderen jüdischen Kinder, legten großen Wert darauf, dass man jüdische Freunde und Freundinnen hatte. Meine Mutter war eine moderne Frau, aber es war ihr sehr wichtig, dass ich einmal eine Jüdin heirate. Das liegt daran, weil sonst nicht gesichert wäre, dass das Judentum in der Familie weiter geführt wird.

Während des Krieges

Nach der Matura absolvierte ich einen Uhrmacher- und Goldschmiedelehrgang und legte die Gesellenprüfung ab. Danach wollte ich auf der Wirtschaftsuniversität studieren, war schon angemeldet, musste aber kurz darauf einrücken. Das war 1940. Ich unternahm alles, um vom Militärdienst befreit zu werden, aber ich wurde nicht befreit. Unter uns waren solche, die zwölf  Dioptrien Augengläser hatten oder hinkten - auch die wurden einberufen.

Zuerst hatten wir eine militärische Ausbildung, wie alle anderen und waren in Budapest, Gewehre bekamen wir aber nicht. Dann nahm man uns die Soldatenuniformen weg, und wir mussten unsere eigene Kleidung mit einer gelben Binde tragen. Wir waren nun eine jüdische Kompanie, unser Militärdienst wurde in einen Arbeitsdienst umgewandelt, und wir wurden 1942 nach Siebenbürgen geschickt. Nur die Soldaten waren Juden, die Feldwebel und der Kompaniechef waren keine Juden.

In Siebenbürgen mussten wir einen Graben in den Karpaten ziehen. Es wurde ein Kabel gelegt, um russische Truppen beim Überschreiten der Karpaten in die Luft zu sprengen.
Aber die Russen machten einen großen Bogen um diese Gefahr, denn sie hatten bestimmt davon erfahren. Mit fünf anderen Kompanien waren wir ein ganzes Jahr dort. Danach kamen wir zurück nach Dömsöd, einer Stadt, die 50 Kilometer von Budapest entfernt ist. In Dömsöd hoben wir ein Flussbett aus. Dann begannen sie, Kompanien für die Front nach Russland, in die Ukraine, zusammenzustellen. Durch Glück und Protektion entkam ich meinem sicheren Tod.

Ich wurde krank, bekam Gelbsucht und als ich das Spital in Budapest verlassen durfte, war meine Kompanie bereits weg. Am letzten Tag meines Krankenhausaufenthaltes suchte man jüdische Arbeiter für Reinigungsarbeiten. So wurde ich mit ein paar anderen in die Lonja utca, wo ein Büro war, kommandiert und auf der Strasse sah ich eine Tafel, dass dieses Büro zum Kriegsministerium gehörte und für Kriegsgut zuständig war. Dort in diesem Büro wurde die Kriegsbeute sortiert, viele jüdische Gegenstände waren aus Silber.

Ich wusste, dass einige Kunden unseres Geschäftes hochrangige Offiziere waren, und ich rief meine Mutter an, sie möchte versuchen, einen gewissen Oberst Botha zu verständigen, dass ich hier sei. Vielleicht könne er für mich etwas tun. Meine Mutter hatte Schwierigkeiten ins Kriegsministerium zu kommen, aber zum Glück kam er heraus, und zuerst glaubte er meiner Mutter nicht, weil es in dieser Zeit unmöglich war, dass ein Jude auch nur in die Nähe des Kriegsministeriums kam, geschweige denn, dort beschäftigt war. Da sagte meine Mutter zu dem Botha: ‚Wenn mein Sohn mich anruft und sagt, er ist dort, dann ist er dort!’ Ein Wunder war, dass dieses Büro Botha unterstand. Er kam in das Büro, sah mich und noch vier andere Juden, die dort ohne sein Wissen arbeiteten. Die Juden erledigten dort die Büroarbeiten und die Zivilbeamten waren entlastet. Er ging zum Kommandanten des Büros und sagte: ‚Für Sie arbeiten vier Juden vom Arbeitsdienst, ab heute arbeiten hier fünf!’ Am Anfang hatten die große Angst vor mir, weil sie glaubten, ich sei ein Spitzel des Ministeriums. Sicherlich gab es einiges zu verheimlichen, aber jedenfalls, so entkam ich der Front und konnte in Budapest bleiben.

Da ich in Budapest war, bestand für mich die Möglichkeit, mit Leuten in Verbindung zu treten, die illegale Auswanderungen nach Palästina organisierten. Zu dieser Zeit wohnte ich nicht zu Hause, ich war einer Kompanie unterstellt, konnte aber jeden Tag nach Hause gehen. Ich war eine große Ausnahme, viele gab es nicht, die in dieser Zeit solche Privilegien hatten.

Meine Mutter arbeitete in unserem Geschäft. Bis Mitte März 1944, als die deutschen Truppen nach Ungarn kamen, besaßen wir unser Geschäft. Da waren wir aber keine Ausnahme, die jüdischen Geschäfte existierten und bis März 1944 hatten wir keine Ahnung, was in der Welt passierte.

Es gab einen Judenrat [20], und dieser Judenrat verheimlichte bewusst alles, und es gelang ihnen. Wir wussten nichts, gar nichts. Noch Anfang des Jahre 1944 wussten wir nichts. Dadurch, dass ich Verbindung zu Zionisten hatte, erfuhr ich einige Details über den Holocaust. Ich erfuhr über Gaskammern in Auschwitz, über Lager in Polen, in denen keine Gaskammern waren und wo die Menschen auf andere Art ermordet wurden. Durch dieses Wissen bekam ich Angst, und diese Angst trieb mich dazu, zu überlegen, wie ich mit meiner Mutter flüchten könnte. Ich hatte solche Angst, dass ich in meinem eigenen Bett zu Hause in Budapest nicht mehr schlafen konnte.

In der Provinz Ungarns wussten die Juden überhaupt nichts. Der Judenrat ging in die Provinz, stellte Namenslisten der jüdischen Bewohner auf und erzählte ihnen irgendetwas, wofür die Listen gebraucht würden, und zwei Wochen später kamen die ungarischen Gendarmen. Die ungarischen Gendarmen brachten die ungarischen Juden in die Ghettos, von wo kurze Zeit später die ersten Züge nach Auschwitz rollten.

Der Großteil der Familie meiner Mutter lebte in der Provinz, deswegen kamen auch so viele ums Leben. Die Juden aus der Provinz wurden verschleppt und ermordet. Da ist kaum einer übrig geblieben. Von Mitte April 1944 bis Mitte Januar 1945, also im letzten Moment, der Krieg war schon beinahe beendet, wurden 600.000 ungarische Juden ermordet.

Im Herbst 1944 übernahmen die Pfeilkreuzler, die ungarischen Faschisten, die Macht und waren sehr aktiv bei der Vernichtung – durch sofortige Ermordung der Juden oder Deportationen in die Vernichtungslager – dabei. Oft fingen die Pfeilkreuzler Juden, trieben die Menschen an die Ufer der Donau und erschossen sie. Bis kurz vor Ende des Krieges taten sie das. Trotzdem war es für die Budapester Juden leichter als in anderen europäischen Ländern, den Holocaust im Ghetto und mit Hilfe von fremden diplomatischen Vertretungen und Flüchtlingskomitees zu überleben.

Nach dem Einmarsch der Deutschen mussten alle Juden einen gelben Stern tragen, und die jüdischen Geschäfte wurden innerhalb einer Stunde zugesperrt. Die Juden mussten alle Fahrräder, Radios, Schmuck, sogar Eheringe, abliefern – und das alles innerhalb kürzester Zeit. Der Krieg war fast zu Ende! Die Deutschen hatten jahrelange Erfahrungen, die sie in Ungarn anwenden konnten, um innerhalb kürzester Zeit die Juden zu enteignen, um sie dann zu ermorden.

Ein ehemaliger Gymnasiast aus dem Jüdischen Gymnasium in Munkacs, das liegt in Oberungarn, trat an mich heran, weil er wusste, dass, wenn einer die Möglichkeit hatte, an Geld heran zu kommen, ich das war. Dieser Mann hieß Miki Gottesmann. Er sagte mir, es gäbe eine Möglichkeit, nach Palästina zu kommen. Er arbeitete im zionistischen Untergrund für die Rettung der Juden. Der hebräische Name dieser Aktionen war Bricha [hebräisch: Flucht]. Er nannte mir eine Summe, die aber unmöglich für mich aufzutreiben war, da er nur Dollar wollte und Pengö, das war die ungarische Währung, ihn nicht interessierten. Ich sagte ihm, ich werde ihm alles Geld geben, was ich habe, und ich könnte ihm auch Juwelen dazu geben. Damit war er einverstanden, aber er wollte nur Edelsteine, kein Gold!

Unser Geschäft war schon geschlossen, wir hatten die Schlüssel abgeben müssen. Aber wir besaßen Duplikate von den Schlüsseln. Ich wusste, dass unser Safe ein Geheimfach hat. Wir wohnten im selben Haus, in dem unser Geschäft war, und mit dem Duplikat der Geschäftsschlüssel ging ich in der Nacht ins Geschäft. Das war ein großes Risiko, denn wenn mich jemand erwischt hätte, wäre ich bestimmt nicht mehr am Leben. Ich öffnete den Safe, aber es gelang mir nicht, das Geheimfach zu öffnen. Im Geheimfach lagen Smaragde, Saphire, Rubine und ein paar größere Brillanten, und ich feilte die ganze Nacht, bis ich das Fach öffnen konnte. Welchen Wert das alles hatte, was ich nahm, weiß ich nicht, ich hatte keine Zeit, es zu schätzen.

Mit diesem Betrag bezahlte ich die Flucht meiner Mutter, Dezsö, einem mir unbekannten Mann, Miki Gottesmannes, seiner Braut und mir. Ein gewisser Ivo Dawidowitsch war der Verbindungsmann von Miki Gottesmann zu der Hilfsorganisation. Ich weiß nicht, ob sie legal geschickt wurden, oder auf eigene Faust arbeiteten, aber ich vermute, es war beides.

In der Nähe von Budapest arbeiteten bulgarische Gärtner. Diese bulgarischen Gärtner waren bereit, für Geld ihre Pässe zu verkaufen. Mit den bulgarischen Pässen war es möglich, in einen Schlafwagen zu steigen und mit Hilfe der bestochenen Schlafwagenkondukteure in der Nacht die Grenze nach Rumänien zu passieren.

Die bulgarischen Pässe wurden mit unseren Fotos versehen. Dieser für uns unbekannte Mann, meine Mutter und ich bekamen einen Pass mit einem Foto auf dem wir alle drei zu sehen waren. Er wurde als mein Vater ausgegeben und ich als der Sohn. Ich glaube, der Mann hatte nichts bezahlt, aber uns versprochen – da er im Ausland sehr viel Geld habe – uns das Geld nach der Flucht zurückzugeben. Die Braut von Miki Gottesmann hatte ihren eigenen Pass und wurde als meine Schwester ausgegeben. So fuhren wir als Familie mit zwei erwachsenen Kindern los.

Der Zug musste auf einem Bahnhof vor Bukarest stehen bleiben, weil der Bukarester Hauptbahnhof zerbombt war. Wir hatten überhaupt kein Geld, und so komisch es klingt, die rumänische Polizei sah unsere Unbeholfenheit und brachte uns mit einem Polizeiwagen nach Bukarest hinein zu einem Hotel.

Wir gingen zur jüdischen Gemeinde in Bukarest, erzählten unsere Geschichte und sie halfen uns. Zuerst machten sie uns darauf aufmerksam, dass wir unsere bulgarischen Pässe sofort vernichten müssten, weil kurze Zeit vor uns auch Juden mit bulgarischen Papieren in Bukarest aufgegriffen und sofort an die bulgarische Grenze abgeschoben worden waren. Die jüdische Gemeinde in Bukarest hatte sehr große Schwierigkeiten, die Juden mit den falschen Papieren zu retten.

Daraufhin vernichteten wir unsere bulgarischen Pässe und standen nun ohne Papiere und ohne Geld da. Man stellte uns eine Identitätskarte aus, aber zu dieser Zeit gab es dort an jeder Straßenecke irgendwelche Perlustrierungen, und wir fürchteten uns, denn wir wären in sehr große Schwierigkeiten geraten, umso mehr, da wir überhaupt kein Geld hatten. Deshalb unternahm die Gemeinde alles, um uns loszuwerden, denn wir waren eine schwer wiegende Last für sie.

Inzwischen, nach einer Woche, kam Miki Gottesmann in Bukarest an. Wir hatten ihm in Budapest, obwohl wir damit nicht einverstanden waren, unsere Koffer überlassen müssen. Er kam ohne die Koffer und sagte, die Koffer seien gestohlen worden. In unseren Koffer hatte meine Mutter Geld und wertvolle Steine eingearbeitet, die uns helfen sollten, die kommenden Zeiten zu überleben. Ich war damals und bin auch heute noch überzeugt, dass das mit den Koffern ein mieser Trick war.

Flucht nach Palästina

Wir erzählten der jüdischen Gemeinde, dass wir für unsere Flucht nach Palästina das Geld bezahlt hatten und uns versprochen wurde, dass wir weiter nach Palästina verschifft werden würden. So ist es zu verstehen, dass man uns auf eine Schiffsliste für Schiffe setzte, die aus Constanza in Richtung Palästina ausliefen.

Von griechischen Kaufleuten, die Kokino und Bendelis hießen, wurden drei Motorsegler – also es waren keine seetüchtigen Schiffe – mit insgesamt 450 Plätzen gemietet. Wir erfuhren von verschiedenen Gruppen, die mit diesen Schiffen illegal nach Palästina einreisen sollten. Die erste Gruppe waren Waisenkinder aus Rumänien. Die zweite Gruppe waren reiche Rumänen, die aus Angst – die Deutschen waren schließlich in Rumänien und die Russen waren noch nicht in der Nähe von Bukarest – aus Rumänien hinaus wollten. Die Situation in Rumänien war nicht so schlimm, wie die Situation in Ungarn oder in anderen europäischen Ländern, aber Antonescu [21] war mit den Deutschen verbündet.

Dann gab es noch, wie wir später erfuhren, eine Gruppe hochrangiger polnischer Offiziere, die auf der Flucht vor den Deutschen waren. Diese Gruppe wurde von der Gestapo beobachtet. Die Gestapo wollte durch die Beobachtung wichtige Informationen über die Entwicklung des Krieges in Erfahrung bringen, weil diese Offiziere für die polnische Legion in England gegen Hitler arbeiteten. Deswegen wurden sie auch nicht verhaftet. Als die Offiziere auf eines der Schiffe, nämlich auf die Mefkure, gingen, wurde das sofort der Gestapo-Zentrale in Berlin gemeldet. Die Gestapo-Zentrale in Berlin gab den Befahl, dass diese Gruppe polnischer Offiziere nicht in Palästina ankommen dürfe. Es gab auch den Befehl, sie außerhalb Rumäniens, damit die Rumänen keine Schwierigkeiten haben, umzubringen.

Meine Mutter, ihr angeblicher Ehemann und ich waren auf dasselbe Boot wie die polnischen Offiziere eingeteilt. Es gab eine Passagierliste, und wir glaubten, unser Platz sei für uns reserviert, denn als uns in Bukarest vor der Abfahrt gesagt wurde, wir sollten nicht in großen Gruppen fahren, damit wir nicht auffallen, fuhren wir nicht mit der ersten Gruppe wie Dezsö. Er war rechzeitig in Constanza und bekam seinen Platz auf dem Schiff. Als wir ankamen, ließ man uns nicht mehr auf das Schiff, weil die Mefkure schon völlig überfüllt war. Ich machte einen großen Skandal und schimpfte, aber es nutzte nicht, meine Mutter und ich mussten auf ein anderes Schiff, auf die Bulbul. Auch auf der Bulbul waren schon zu viele Menschen. Platz war auf den drei Schiffen für ungefähr 450 Menschen, aber es waren zwölfhundert. Es ist leicht vorstellbar, welche Zustände dort herrschten. Das dritte Schiff hieß Morino. Neben uns im Hafen in Constanza lag ein deutsches Torpedoboot vor Anker. Ein deutscher Matrose, der neben dem Torpedoboot stand, machte merkwürdige Bewegungen, zeigte auf ein Geschoss des Torpedobootes und lachte. Wir wussten nicht, warum er lachte.

Spät am Abend des 3. August 1944 liefen die drei Schiffe in Richtung Palästina aus. Das Meer war ruhig, alles lief nach Plan. Es waren fromme und nichtfromme Juden auf dem Schiff, wunderschöne Menschen, viele Kinder. Wahrscheinlich waren auch Kinder dabei, deren Eltern sie in Sicherheit bringen wollten und kein Geld mehr hatten, selber mitzufahren.

Kurz nach Mitternacht, hörten wir eine Detonation. Unweit von uns sahen wir die Mefkure brennen. Es schwammen Bretter und verschiedenen Schiffsteile im Meer, wir hörten Hilfeschreie, jeder wollte sein Leben retten. Ich bin überzeugt, dass es das deutsche Torpedoboot war, das die Mefkure beschossen hat. Das Boot schoss noch eine Salve ins Meer und verschwand.

Unsere türkische Mannschaft verließ mit dem einzigen Rettungsboot unser Schiff, aber nicht um Menschen zu retten, sondern um sich in Sicherheit zu bringen. Sie hätten sehr viele Menschen retten können. Unser Pech war, dass niemand sich traute, unser Schiff in dieser Nacht in Bewegung zu setzen, vielleicht war auch niemand an Bord, der etwas von Schiffen verstand. Wir hätten vielen Menschen helfen können! Fünf Passagiere der Mefkure konnten unser Schiff schwimmend erreichen. Wir zogen sie gemeinsam aus dem Wasser. Auch ich zog, jeder, der Gefühle hat, hat mitgeholfen.

Eine ungarische Familie – die Frau war eine hochschwangere Schwimmerin –konnte gerettet werden. Sie schaffte es und half ihrem Mann, die Bulbul zu erreichen. Das war die Familie Fülöp. Jahrzehnte später gründeten sie in Israel die Firma Begedor. Das ist eine Lederbekleidungsfabrik. Sie wurden angesehene Leute, die diese große Fabrik gründeten.

Die meisten, die wir retteten, hatten fürchterliche Verbrennungen. Dadurch, dass es eine Explosion gab, brannte es, also Benzin, Öl, Holz, alles brannte. Das Salzwasser war sehr schlecht für die Wunden. Diese Menschen waren halbtot. Ich glaube es war so, dass die Überlebenden, es waren fünf, uns erzählten, dass der Angriff auf die Mefkure wegen der polnischen Offiziere war. Es gibt ein Buch darüber, ein Teil ist in hebräischer, der andere Teil in ungarischer Sprache. Da steht die Geschichte des Schiffes und ihrer Passagiere. Und es steht auch darin, dass die Verantwortung des Untergangs der Mefkure die Deutschen trifft.

Unsere Besatzung kam mit dem Rettungsboot zurück, und als es Tag wurde, fuhren wir weiter.

Die Morino kam ohne Schwierigkeiten durch die Dardanellen. Dann kam ein fürchterlicher Sturm auf. Unser Schiff hatte einen Motor und Segel, damit es leichter fährt. Der Sturm war aber so stark, dass sich der Kapitän nicht traute, dass Schiff zwischen den Felsen zu manövrieren. Außerdem hatte der Sturm das Schiff beschädigt und es immer wieder zurückgetrieben. Am Morgen ankerten wir, aber wir wussten nicht, wo wir waren. Wir sahen Land; in Bulgarien wären wir verloren gewesen, denn die Bulgaren waren Verbündete der Deutschen. In der Türkei erwarteten uns Hilfsorganisationen. Sie wussten, dass wir unterwegs verloren gegangen waren, weil das dritte Schiff schon im Hafen angekommen war, und sie hatten begonnen, uns zu suchen.
Ich weiß nicht, wie lange wir dort vor Anker lagen, ich glaube 24 Stunden oder mehr, bis wir am Land irgendetwas sahen. Wir wussten nicht, was das ist, Ferngläser hatten wir keine. Mancher sagte, es sei ein Mensch, andere wiederum sagten, sie sähen einen Hund, aber es war ein Bauer mit einem Esel und der Bauer mit dem Esel befanden sich im Niemandsland an der bulgarisch/türkischen Grenze. Als der Bauer uns sah, holte er das türkische Militär. Sie riefen, wir sollten weiter fahren und nicht im Grenzgebiet stehen bleiben, denn es war ja Krieg! Aber wir konnten mit unserem defekten Schiff nicht weiter, der Motor und das Segel waren kaputt. Nach ungefähr einem Tag wurden wir von kleinen, türkischen Booten an Land gebracht. Das Schiff war ein Wrack und blieb dort.

In diesem kleinen Ort an der bulgarisch/türkischen Grenze wurde das Baby der Familie Fülöp geboren. Diese Familie kam nicht mehr mit uns, denn die folgenden Strapazen hätte das Baby vielleicht nicht überlebt. Der Militärarzt versorgte die Verletzten der Mefkure so gut es ging mit Salben, Verbänden und Schmerzmitteln.

Das türkische Militär geleitete uns zu Fuß bis zur nächsten Eisenbahnstation. Zwei Wochen wanderten wir über Berge und unwegsame Pfade. Wir wurden mit Lebensmitteln versorgt, bekamen Militärbrot, Thunfisch in Dosen und Oliven. Soviel Thunfisch hatte und habe ich auch später nie wieder gegessen. Mit der Eisenbahn fuhren wir dann über Syrien bis nach Haifa.

In Palästina kamen wir ohne einen Groschen an. Als wir aus dem Zugwaggon in Haifa stiegen, schaute sich meine Mutter um und sagte: ‚Und wie kann man hier nach Hause gehen?’ Aber es war Krieg, und da konnte man nicht nach Hause gehen. Palästina damals war eine Endstation.

Bei Ankunft in Palästina hatten wir überhaupt keine Papiere. Wir waren Flüchtlinge, hatten alles weggeschmissen und neue Papiere hatten wir nicht bekommen. Für zwei oder drei Wochen mussten wir in das Auffanglager Atlit bei Haifa, denn jeder, der während des Krieges nach Palästina kam, konnte ein Feind sein. Wir waren in einer Gruppe, in einer Riesengruppe. Ich glaube, diese Gruppe bestand aus zwölfhundert Menschen. Wir waren mehr tot als lebendig, wir waren psychisch und physisch ganz erledigt.

Als wir Atlit verließen, wussten wir nicht, wohin wir gehen sollten. Es wäre möglich gewesen, sofort in einem Kibbuz [22] zu gehen. Viele taten das. Als Mitglied einer zionistischen Organisation wusste ich über das Leben in den Kibuzzim [hebr. Mrz. von Kibbuz], und ich wollte lieber in der Stadt leben. Meine Mutter wäre noch weniger als ich für das Leben im Kibbuz geeignet gewesen. Eine Ungarin, die nach Atlit gekommen war um nach ihren Verwandten zu fragen, gab uns etwas Geld für den Bus nach Haifa.

Ich fand keine Arbeit, aber dann sprach sich herum, dass ich ausgebildeter Uhrmacher bin. Ein Uhrmacher, er war Österreicher, gab mir Arbeit. Aber ich war psychisch in einer so schrecklichen Verfassung, dass meine Hände zitterten und konnte  keine Uhren reparieren. Nach einer Woche schickte er mich wieder weg. Dann bekam ich in Nataniya als Neueinwanderer in einer Diamantenschleiferei Arbeit. Wenn ich kein ole chadasch, also Neueinwanderer gewesen wäre, hätte man mich am dritten Tag rausgeschmissen, weil ich nicht einmal in der Lage war, Diamanten schleifen lernen zu können.

Die ole hungaria [Anm.: Amt für ungarische Neueinwanderer] stellte mir ein Zimmer zur Verfügung. Zwei Monate bezahlten sie den Zins, dann musste ich das Zimmer selber bezahlen. So begann ich als Diamantschleifer zu arbeiten. Meine Mutter fand sofort Arbeit als Hausgehilfin und Köchin bei einem sehr reichen Rumänen in einer wunderschönen Villa in der Panorama Road in Haifa.

Die Familie Gottesmann hatte sich für einen Kibbuz entschieden, aber wir wussten nicht, wo sie waren. Als meine Mutter und ich nach drei Jahren Palästina verließen, erfuhr ich, dass Miki Gottesmann nicht mehr im Kibbuz lebte. Er hatte gemeinsam mit seiner Frau einen Textilgroßhandel eröffnet. Das bestätigte meinen Verdacht des Diebstahls. Wie hätte er das in dieser kurzen Zeit schaffen können? Für mich war das ein Beweis, das Miki Gottesmann uns unterwegs hintergangen hatte.

Ich litt sehr darunter, meine Mutter, eine angesehene Juwelierin, als Hausangestellte sehen zu müssen. Von einem Tag auf den anderen war sie auf die tiefste Stufe gesunken. Das belastete mein Gewissen und schmerzte in meiner Seele. Aber ich wäre ohne meine Mutter nie geflüchtet. Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, sie in Budapest zu lassen. Wir haben sehr viel miteinander durchgemacht, meine Mutter und ich, aber für meine Mutter war es sicher schlimmer als für mich.

Es ist gar nicht schön, dass ich mich darüber beschwere, ein schweres Schicksal gehabt zu haben. Zur selben Zeit sind so viele Menschen so schrecklich umgekommen, dass wir direkt von Glück reden können, dass wir in dieser Situation waren. Aber das haben wir damals nicht verstanden, das haben wir damals nicht so sehen können, und als wir es begriffen, da ging es uns schon etwas besser. Als wir über das Schicksal der europäischen Juden erfuhren, da sahen wir die harten Prüfungen, die schweren Zeiten, die wir erleben mussten, in einem anderen Licht. Wir waren gerettet und durften weiterleben.

Meine Mutter und ich bekamen in Nataniya auch Identitätskarten ausgestellt, so besaßen wir wieder einen Beleg für unsere Existenz.

In der Diamantenfabrik ‚Ewen – Chen’ verdiente ich soviel, dass wir gerade davon leben konnten. Weil wir so arm waren, durften meine Mutter und ich am Abend nach der Arbeit die Diamantenfabrik reinigen. Das war eine miese Arbeit, weil die hygienischen Einrichtungen damals sehr orientalisch waren. Es arbeiteten dort viele Juden aus dem Irak und aus dem Iran, aber diese Juden lebten vorher unter orientalischen Bedingungen und verhielten sich dann auch so.

Es änderte sich bis Ende 1946 nichts. Meine Mutter und ich wohnten in einem Zimmer, ich arbeitete in der Diamantenschleiferei, meine Mutter als Putzfrau und Köchin und jeden Abend reinigten wir zusammen die Diamantenfabrik.

Ich glaube es vergingen fast zwei Jahre, bis ich es mir leisten konnte, nach Jerushalayim [Anm.: Jerusalem] zu fahren und zur Klagemauer gehen zu können. Wenn ich jetzt überlege, welche Gefühle ich bei dem Anblick der Klagemauer hatte, muss ich mir eingestehen, es war beeindruckend, aber ich konnte es mir damals nicht leisten, sentimental zu sein. Wenn ich heute mal nach Jerusalem kommen würde, wäre das anders. Aber diese Zeit war zu schwer, wir hatten kaum etwas zu essen, und ich war glücklich, dass ich so viel Geld hatte, dass ich mit anderen Jungen nach Jerusalem fahren konnte.

 

 Rückreise nach Ungarn

 

Wir waren sehr sparsam und Ende 1946 hatten wir das Geld für unsere Rückreise nach Ungarn beisammen. Wir fuhren auf einem griechischen Schiff unter panamesischer Flagge nach Europa. Ein Passagier war so aufgeregt über die furchtbaren Zustände auf diesem Schiff, dass er sagte, wir wären auf einem Kannibalenschiff. Aber das Schiff schaffte es, und wir fuhren über Istanbul nach Neapel. Von Neapel nahmen wir den Bus nach Rom, von Rom fuhren wir mit dem Zug nach Zürich, von Zürich flogen wir mit dem Flugzeug nach Prag, und von Prag fuhren wir mit dem Zug nach Budapest. So war das damals. Wir hatten nicht soviel Geld, wir wurden repatriiert.

Natürlich wussten wir, dass wir in Budapest Häuser haben, ein Juweliergeschäft und Juwelen und hofften, etwas von unserem Besitz zurück zu bekommen. Aber es war so, dass alle jüdischen Geschäfte nach der Übergabe an die Nazis ausverkauft wurden. Jeder Kunde konnte bestimmen, wie viel er für die Waren in den Geschäften zahlen wollte. Wir hatten ein sehr großes Lager mit wertvollem Silber. Man erzählte uns, dass hunderte von Leuten sich angestellt hatten und das Silber gekauft hatten. Das Geld, was eingenommen wurde, konfiszierte die Partei der Pfeilkreuzler.

Auf dem Bahnhof in Budapest erwarteten uns die Starks, die Tante Regina und ihr Ehemann Arpad. Es war alles sehr traurig, weil wir so viele Mitglieder unserer Familie verloren hatten. Wir gingen zu unserer Wohnung, die bombenbeschädigt war, aber wir konnten darin wohnen.
Tante Regina und Onkel Arpad wohnten bereits wieder in der Wohnung. Meine Mutter und Tante Regina blieben für immer zusammen. Onkel Arpad starb in den 1960er Jahren.

Wir begannen, das Geschäft wieder von neuem aufzubauen. Wir waren Juweliere und besaßen nichts mehr, aber als Juweliere waren wir kreditwürdig.
1947 begann das Leben sich zu normalisieren. Wir eröffneten unser Juweliergeschäft wieder an derselben Stelle, in der Rakoczi utca Nummer 27, mit ein paar Weckeruhren, genauso, wie mein Vater einst begonnen hatte.

Ich begann aber auch ein Jahr später als Diamantschleifer in unserer Wohnung zu arbeiten. Meine Mutter arbeitete im Geschäft, und ich arbeitete in meiner Diamantschleiferei. Alte Steine gab es genug, die die Leute modern geschliffen haben wollten, an Arbeit mangelte es mir nicht. Das ganze Jahr war ich mit Umschleifarbeiten versorgt.

Jeden Freitagabend ging ich in die Synagoge, das mache ich noch heute.

Meine besten Freunde kamen alle im Arbeitsdienst in Russland um. Vierhundert von meiner Kompanie wurden nach Russland geschickt und davon kamen acht zurück, alle anderen starben. Als ich aus Palästina nach Budapest zurück kam, hatte ich keine Freunde mehr.

Wir wohnten in dem Haus, in dem sich unser Geschäft befand. Das war ein fünfstöckiges Haus, und es gehörte der Familie Graf Bethlem, die in der ungarischen Politik vor dem Krieg eine große Rolle spielte. Da sie nach dem Krieg in Geldschwierigkeiten kamen – sie mussten Steuern nachzahlen – fragte uns der Hausverwalter, ob wir Hausanteile kaufen wollten. Jeder Hausanteil war eine Wohnung. Wir kauften das Geschäft und unsere Wohnung im fünften Stock. Dass ich meine Schleiferwerkstatt in einem Teil unserer Wohnung hatte, wusste niemand.

1949 wurde in Ungarn alles verstaatlicht. Man nahm uns alles weg. Das Juweliergeschäft mit Inhalt wurde konfisziert. Für meine Schleiferwerkstatt besaß ich einen Gewerbeschein, aber das übersahen sie. Als sie kamen unser Geschäft verstaatlichten, schliff ich in unserer Wohnung Diamanten. Ich bekam nicht mit, dass man meine Mutter aus unserem Geschäft warf und sie nicht einmal ihre Handtasche mitnehmen durfte.

Nach der Verstaatlichung bekam ich sehr schwer eine Arbeit, weil ich als Juwelier ein schlechter Kader war. Juweliere waren für die Kommunisten anstößig. Dabei waren manche so arm wie eine Kirchenmaus, aber als Juwelier konnte man in den Augen der Kommunisten nur ein Klassenfeind sein. Als ehemaligem Inhaber eines Geschäftes gab man mir in dieser Branche keine Arbeit.

Nach ungefähr zwei Jahren bekam ich Arbeit bei einer Firma als Materialeinkäufer. Das Gehalt war sehr gering. Das war so ein Unternehmen, das Hausfrauen Arbeit gab. Damals waren viele Leute sehr arm und froh über Hausarbeit. In der Firma wurden Kleider oder Röcke oder Blusen zugeschnitten, und die Frauen nähten zu Hause die Sachen zusammen. Es gab eine Näherei und eine Schuhmacherei. Ich kaufte die Stoffe ein und alles was dazu gehörte: Zwirn, Knöpfe, Leder. Mein Anfangsgehalt betrug 2.200 Forint. Später verdiente ich etwas mehr, und als ich nach Wien emigrierte, war ich bereits Abteilungsleiter.

Ich hatte Angst, dass man uns die Wohnung wegnimmt, weil meine Mutter Besitzerin eines Juweliergeschäft gewesen war. Es gab solche Fälle oft, dass Juweliere in der Provinz ausgesiedelt wurden. Ich meldete meine Mutter in der Provinz an, so dass, wenn sie gekommen wären, sie offiziell nicht mehr in Budapest anwesend gewesen wäre. So rettete ich meine Mutter vor der Aussiedlung aus Budapest und rettete die Wohnung. Aber später wurde das ganze Haus und somit auch die Wohnung verstaatlicht.

Unser Eigentum wurde uns weggenommen und niemals zurückgegeben – bis heute nicht. Meiner Mutter und ich besaßen mehrere Häuser in Budapest. Im 8. Bezirk gehörte mir ein Haus, in dem eine große Bäckerei war. Nichts bekam ich zurück.

Ich wollte die ganze Zeit weg, aber wieder flüchten wollte ich nicht. Dann, im Jahre 1956, war die Situation so schlecht, dass zu dieser Zeit viele Ungarn ihre Heimat verließen. Da verließ auch ich auf Drängen meiner Mutter mein Land. Meine Mutter überredete mich, mit allen Kräften zu gehen, weil sie mir eine Zukunft wünschte und ich in Ungarn keine Zukunft gehabt hätte. Die Trennung von meiner Mutter war furchtbar, aber in Ungarn zu bleiben, wäre auch furchtbar gewesen. Meine Mutter hatte das Pensionsalter erreicht und nicht einmal eine auskömmliche Pension, manchmal musste sie etwas verkaufen. Tante Regina, die mit ihr zusammen lebte, arbeitete in einer staatlichen Juwelierfirma und so kamen sie beide ganz gut zurecht.

Wien

Wieder einmal stand ich mit leeren Taschen da, dieses Mal im November 1956 in Wien. Eine Cousine nahm mich die erste Zeit in ihrer Wohnung auf, aber mit ihr war ich nicht besonders gut befreundet, und am 1. Januar 1957 begann ich in Deutschland, in Pforzheim, als Diamantschleifer zu arbeiten.

In Pforzheim gab es für mich die Möglichkeit sofort als Diamantenschleifer zu arbeiten, und durch Zufall wurde ich sehr schnell deutscher Staatsbürger; bereits im April erhielt ich die deutsche Staatsbürgerschaft und einen deutschen Pass. Man verfuhr mit mir, als wäre ich ein ‚Volksdeutscher’, das sind deutsche Gruppen, die teilweise Hunderte von Jahren nicht in Deutschland lebten. Ich ein Volksdeutscher, das war schon sehr komisch. Meine deutsche Sprache, die wichtig für die schnelle Einbürgerung war, lernte ich bei meinen jüdischen Großeltern, meinem jüdischen Vater und bei meinem Kinderfräulein.

Nachdem ich meine deutschen Papiere bekommen hatte, fuhr ich sofort wieder nach Wien. Gestern stand in der Zeitung, dass man in Wien gut leben kann. Deswegen kam ich nach Wien. Meine Freundin war in Wien, und ich war meiner Mutter näher. Wir schrieben uns Briefe und telefonierten, aber sieben Jahre durfte sie nicht nach Wien und ich nicht nach Budapest, so wollte es der sozialistische Staat, in dem sie lebte.

Nach sieben Jahren kam sie das erste Mal nach Wien. Auch ich traute mich schön langsam, nach Budapest zu fahren. Dann baute ich mit der Artex [23] eine Geschäftsverbindung auf, und wenn gefragt worden wäre, warum ich so oft nach Ungarn fahre, dann hätten sie gesagt, das wäre geschäftlich.

In Wien begann ich zuerst in meiner Wohnung mit der Diamantschleiferei. In einer kleinen Kammer war meine Diamantschleiferei untergebracht. Und dann fuhr ich das erste Mal nach Antwerpen. Ich war sehr neugierig auf die größte Diamantenbörse der Welt. Ich traf dort Kollegen meines Vaters aus Budapest, dadurch war ich nicht so unbekannt. Ich wollte etwas kaufen, und ich kaufte fünf Stück Einkaräter. Damit kam ich nach Wien, und der bekannter Wiener Diamanthändler par excellence, Alexander Langer, sah die Stücke und fragte: ‚Wenn ich Ihnen Geld gebe, können Sie mir auch so etwas bringen?’ Und ich antwortete, dass ich es versuchen würde. Er gab mir 200.000 Schilling. Dass er mir das viele Geld anvertraute, warf mich um, denn ich hatte ja nichts, ich war damals ein großer Niemand. Mit den 200.000 Schilling fuhr ich nach Antwerpen. In kürzester Zeit war ich mit der Ware wieder in Wien. So fing es an, und nun bin ich ein Diamanthändler - auch par excellence. Ich hatte in Wien nie ein offenes Geschäft, das Geschäft ist mein Schreibtisch.

Seit 1959 bin ich Mitglied des österreichischen Diamantklubs und seit einigen Jahren Vizepräsident. Das macht mich sehr stolz. Mit den Steinen, mit Brillianten, handele ich noch heute, obwohl ich schon im Pensionsalter bin. Fangen die Augen zu tränen an, beginnt die Hand zu zittern, dass man dabei mehr verliert als gewinnt, dann sollte man aufhören. Viele haben aufgehört, nicht alle treiben es bis zum Ende. Ich weiß ja nicht, wann das Ende sein wird.

Die ersten Jahre in Wien sagte ich immer, das sei eine Operettenstadt und da gäbe es keinen Antisemitismus. Dann kam eine Zeit, da war er plötzlich da, da wurde er spürbar. In Ungarn war alles immer viel offener, auch der Antisemitismus. Die Ungarn waren und sind viel grober. Die Österreicher haben etwas mehr Feingefühl.

Rund um Wien gibt es einen Ring von Heurigen [24]. Nirgends sieht man einen Besoffenen. Die Leute trinken dort, setzten sich in ihr Auto und fahren schnurgerade nach Hause. Also niemand übergibt sich, grölt oder fuchtelt mit dem Messer herum, ich hab so etwas noch nie gesehen. Wenn ein Ungar einen halben Liter Wein trinkt, ist er schon so besoffen, wild und unerträglich, dass man Angst bekommt. Das liegt in der Volksseele. Vielleicht ist das in Tirol auch anders als in Wien, vielleicht sind die Wiener kultivierter, aber so ist das.

Meine Frau heißt Olga, ich lernte sie 1955 in Budapest kennen. Ich hatte nie die Absicht, sie zu heiraten, uns verband zuerst eine lose Freundschaft. Da sie Verwandte in Wien hatte, kam sie auch nach Wien. In guten und in schlechten Zeiten waren wir dann zusammen.

Sie ist Jüdin. Wenn sie hört, dass sie Nichtjüdin ist, ist sie beleidigt. Sie wurde in Budapest am 13. Februar 1927 geboren. Ihre Mutter war eine Wienerin. Ich hatte sie nach dem Krieg in Budapest kennen gelernt. Sie hat die Matura von der oberen Handelsschule und ist Bilanzbuchhalterin. Sie war auch Geschäftsfrau, sie hatte eine Parfümerie in Wien. Sie war jahrzehntelang meine Freundin, aber ich wollte immer eine Frau heiraten, in deren Familie ich hineingepasst hätte - hineingepasst mit meinem Beruf, mit meiner Bildung, mit meiner jüdischen Seele. Eine Partnerin hab ich gesucht. Was mir gefallen hätte, dort war ich zu wenig. Wo ich gefallen habe, war sie mir zu wenig.

Meine Mutter wollte nicht, dass ich eine Mischehe eingehe. Sie wäre sehr gekränkt gewesen, und ich wollte ihr diesen Schmerz nicht antun, weil ich es wusste, weil das ein Instinkt war. Diese jüdischen Mütter haben Angst, dass sie durch eine Mischehe den Sohn verlieren. Er wird vielleicht nicht mehr ein Jude sein, die Frau verführt ihn irgendwie, und deshalb heiratete ich meine Freundin nicht. 1970 starb meine Mutter. Ihre Schwester, Tante Regina, überlebte sie ungefähr zehn Jahre und starb auch in Budapest. Schon aus Pietätsgründen wollte ich nach dem Tod meiner Mutter meine Freundin nicht heiraten. Aber wir waren zusammen. Und nach 21 Jahren sah ich, wie viel sie mir bedeutet, wie sehr ich sie brauche und wie allein ich ohne sie wäre. An meinem 70. Geburtstag heiratete ich meine Frau. Vor unserer Hochzeit trat meine Frau zum Judentum über, das war für mich sehr wichtig.

Eine Frau war gestorben und der Oberrabbiner Bela Eisenberg, der Vater von unserem jetzigen Oberrabbiner Paul Eisenberg, musste dabei sein, da es ein Begräbnis erster Klasse war und bei solchen Begräbnissen ein Rabbiner anwesend sein muss. Er bat mich, ihn mit dem Auto zum Friedhof mitzunehmen, weil er keinen Führerschein hatte. Unterwegs fragte er mich: ‚Sagen Sie Herr Fischer, werden Sie nie wen heiraten?’ Er wusste von meiner Freundin, denn man hatte versucht mich zu verheiraten. Sie hatten mir ein paar Frauen vorgestellt, und ich hatte immer abgelehnt. Woher sie von meiner Freundin wussten, weiß ich nicht, aber sie wussten es. Ich sagte, dass ich in meinem Alter nicht mehr heiraten werde und er fragte mich, ob meine Freundin nicht vielleicht zum Judentum übertreten wolle, dann würde doch der Hochzeit nichts im Wege stehen. Ich antwortete, es sei nicht üblich unter Juden, eine Nichtjüdin zu bekehren, wir wären kein Volk, das bekehrt. Er sagte, er kenne mich, er habe meine Mutter gekannt, und er wüsste, ich würde niemals eine andere Frau heiraten. Die Olga ging zum Oberrabbiner, er fragte sie, ob sie mich liebt, denn das war das Wichtigste, was sie natürlich bejahte. Sie begann zu lernen, nahm Religionsunterricht und wurde Jüdin.

Oft passiert es, dass sie mich aufmerksam macht, das macht man anders, das macht man nicht so. Und da komm ich in Wut, weil schließlich und endlich ist sie erst eine kurze Zeit Jüdin, und ich bin es seit meiner Geburt. Olga nimmt die Religion sehr ernst und sie begleitet mich jeden Freitagabend in die Synagoge. Zu den hohen Feiertagen, zu Pessach, Rosh Hashanah und Yom Kippur fahren wir nach Budapest. Olga kommt immer mit, und solange ich in der Synagoge sitze, das ist fast das ganze Gebet durch, sitzt sie oben bei den Frauen und schimpft später über die Frauen, die unten zwischen den Männern stehen, denn das verbietet die Religion. Sie kann nicht verstehen, dass sich diese Frauen so undiszipliniert oder unschön benehmen. Wir führen eine sehr gute Ehe.

Einmal war ich in den USA zu einem Diamantenkongress, Mitglieder unseres Diamantklubs nahmen daran teil. Olga und ich wohnten im Hotel ‚Grossinger’, einem koscheren Hotel in der Nähe New Yorks. Ich verständigte vor dem Holocaust aus Budapest geflüchtete Juweliere über meine Anwesenheit in Amerika. Das waren Leute, die unser Geschäft und meine Eltern aus der Zeit vor dem Holocaust gut kannten und die nun in den USA lebten. Wir wurden von allen – wir machten dann noch eine Rundreise durch die USA – so herzlich empfangen, es wurde uns beinahe der ‚rote Teppich’ ausgerollt, so dass ich fragte:‚Warum tut ihr das für mich?’ und sie antworteten: ‚Wir tun das nicht für dich, wir tun das zu Ehren deines Vaters und deiner Mutter.’

Ich war oft in Israel, bis die zweite Intifada [25] begann. Es sind schreckliche Zeiten, und ich habe Angst. Ich bin sehr krank, ich hatte einen Herzinfarkt, eine Lähmung, und in fremde Länder zu reisen ist für mich nicht mehr ungefährlich.

Ich habe in Israel immer gearbeitet, war auf der Börse. Meine Frau, die Olga, fuhr durchs Land und lernte es kennen. Der oberste Präsident der israelischen Börsen, der in seiner Person der Präsident der Weltbörsen ist, ist mein bester Freund. Ich besitze einen Ausweis, der ist zu jeder Börse auf der Welt eine Zutrittskarte. Ich kann in alle Diamantbörsen der Welt damit eintreten.

Dreimal musste ich neu beginnen. Zuerst nahmen mir die Nazis alles weg, dann nahmen mir die Kommunisten alles weg. Dreimal begann ich von Null, immer wieder fing ich von vorne an. 84 Jahre bin ich jetzt alt. Das ist ein langes Leben, und man kann nicht alles erzählen.

 

Glossar

[1] k.u.k. Armee: Die Abkürzung k.u.k steht für ‚kaiserlich und königlich’ und ist die allgemein übliche Bezeichnung der Armee Österreich-Ungarns, die ein Konglomerat aus verschiedenen Nationen, Waffengattungen und Interessen war.

[2] ‚Pester Lloyd: Der ‚Pester Lloyd’ wurde 1852 vom Pester Kaufmann Jakob Kern gegründet, gemeinsam mit mehreren Kaufleuten einer Handelsgesellschaft. Unter der Leitung von Johann Weiß und Samuel Rothfeld erschien die gleichnamige Zeitung der Handelsgesellschaft 1854. Sie wandte sich verstärkt an das deutschsprachige Ausland und wurde international zur Kenntnis genommen. Sie entwickelte sich zum führenden und meinungsbildenden Blatt innerhalb der deutschsprachigen Presse Ungarns. Chefredakteur wurde Max (Miksa) Falk, der darüber hinaus noch Parlamentsabgeordneter und Vertrauter der Kaiserin Elisabeth ("Sisi") war.

[3] Schabbat [hebr.: Ruhepause]: der siebente Wochentag, der von Gott geheiligt ist, erinnert an das Ruhen Gottes am siebenten Tag der Schöpfungswoche. Am Schabbat ist jegliche Arbeit verboten. Er soll dem Gottesfürchtigen dazu dienen, Zeit mit Gott zu verbringen.
Der Schabbat beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend.

[4] Koscher [hebr.: rein, tauglich]: den jüdischen Speisegesetzen entsprechend.

[5] Scheitl [Scheitel]: Die von orthodox-jüdischen Frauen getragene Perücke.

[6] Artesischer Brunnen: Artesische Brunnen befinden sich immer in einer Region, die tiefer liegt als die Umgebung. Weist eine wasserführende Gesteinsschicht eine Senke auf, drückt das Wasser an der tiefsten Stelle von selbst nach oben, wenn diese Schicht offen liegt oder angebohrt wird. Nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren steigt das Wasser maximal bis zur höchsten Stelle des Grundwassers in der wasserführenden Schicht. Der artesische Brunnen lässt im Druck nach, wenn der obere Zufluss geringer ist als der Auslauf, wenn also der Grundwasserspiegel in der wasserführenden Schicht aufgrund der Wasserförderung absinkt.

[7] Hohe Tafel: Königliche Gerichts-Tafel in Budapest und Königlicher Gerichtshof in Fiume

[8] Pessach: das Pessachfest gehört zu den zentralen Festen des Judentums. Es erinnert an den Auszug aus Ägypten, also die Befreiung der Israeliten aus der dortigen Sklaverei, mit der sie nach dem Tanach als eigenes, von Gott erwähltes Volk in die Geschichte eintraten. Die Nacherzählung [Haggada] verbindet jede neue Generation der Juden mit ihrer Ursprungsgeschichte

[9] Balkankrieg: 1912 war das Osmanische Reich durch die Revolution der Jungtürken 1907/08 sowie den Türkisch-Italienischen Krieg 1912 geschwächt. Dies war für die Staaten des Balkan-Bundes Serbien, Griechenland, Montenegro und Bulgarien eine willkommene Gelegenheit, den Balkan von den Resten osmanischer Herrschaft zu befreien. Am 8. Oktober 1912 erklärte Montenegro der Türkei den Krieg, die Bündnispartner folgten dem wenige Tage später. In weniger als zwei Monaten verlor die Türkei fast ihre sämtlichen europäischen Besitztümer an die Balkan-Staaten.

[10] Numerus clausus in Ungarn: Die generelle Bedeutung des Begriffs ist die Einschränkung der Zulassung zu Hochschulen und Universitäten aufgrund wirtschaftlicher und/oder politischer Gründe. Das Numerus Clausus Gesetz, das 1920 in Ungarn eingeführt wurde, war das erste antisemitische Gesetz in Europa. Es begrenzte die Zulassung von Studenten zu Hochschulen indem es vorschrieb, dass neben der Loyalität und moralischen Zuverlässigkeit der Bewerber auch deren Nationalität berücksichtigt werden müsse. Die Anzahl der Studenten verschiedenster ethnischer und nationaler Minderheiten musste deren Anteil in der ungarischen Bevölkerung entsprechen. Nach Einführung dieses Gesetzes sank die Anzahl an Studenten jüdischer Herkunft an ungarischen Universitäten dramatisch.

[11] Ungarnaufstand 1956: Der Aufstand gegen die Sowjetherrschaft und die Kommunisten in Ungarn begann am 23. Oktober 1956 mit Protesten von Studenten und Arbeitern in Budapest, während der die gigantische Stalin-Statue zerstört wurde. Der gemäßigte Kommunisten-Führer Imre Nagy wurde zum Premierminister ernannt und versprach Reform und Demokratie. Die Sowjetunion zog ihre Truppen, die seit Ende des 2. Weltkrieges in Ungarn stationiert waren zurück, doch die Truppen kehrten wieder, nachdem Nagy ankündigte, dass Ungarn aus dem Warschauer Pakt aussteigen werde, um eine neutrale Politik zu verfolgen. Die sowjetische Armee bereitete dem am 4. November ein Ende und Massenunterdrückung und –Arreste begannen. Rund 200.000 Ungarn flohen aus ihrer Heimat. Nagy und einige seiner Anhänger wurden hingerichtet. Bis 1989, nach dem Fall des Kommunistenregimes, wurde der Ungarn-Aufstand von 1956 offiziell als Konterrevolution bezeichnet.

[12] Todesmarsch: Am 8. November 1944 begannen die Märsche, die unter dem Namen ‚Todesmärsche’ bekannt werden sollten. Sie führten zu der etwa 240 km weit entfernten ungarisch-österreichischen Grenze. Die deutsche Hauptführung lag bei Eichmann selbst. Für die Ungarn waren Generaloberst Fábián und Oberstleutnant Ferenczy verantwortlich. Die Menschen waren für den Marsch nicht ausgerüstet. Viele Kinder, Frauen und alte Menschen befanden sich in den Kolonnen. Schon bald säumten Tote die Straßen. Kranke Menschen, die vor Erschöpfung nicht mehr weiter gehen konnten, wurden von den Pfeilkreuzlern erschossen, oder blieben auf der Straße ohne Hilfe zurück. In Gruppen zu tausend, wurden sie täglich zu 25 bis 30 km langen Märschen gezwungen.

[13] Horthy, Miklós (1868-1957): ungarischer Politiker; 1909/14 Flügeladjutant des österreichischen Kaisers, 1918 Konteradmiral, Kampf gegen den sozialistischen Umsturz 1919, 1920 ,Reichsverweser’. Zunächst nur provisorisches Staatsoberhaupt, übernahm Horthy allmählich die gesamte Macht und baute eine Art faschistische Diktatur auf. Seine Anlehnung an Deutschland zog Ungarn mit in den Strudel der deutschen Kriegspolitik, brachte in den Wiener Schiedssprüchen Landgewinne, führte zum Einsatz ungarischer Truppen im Krieg gegen die UdSSR und am 19. März 1944, nach Bekanntwerden von Friedensbemühungen Horthys, zur Besetzung des Landes durch deutsche Truppen. Am 16.10. 1944 von SS-Einheiten verhaftet, kam Horthy nach dem Abzug der Wehrmacht frei und ging angesichts der Bolschewisierung Ungarns ins Exil. Er starb in Portugal.

[14] Haschomer Hatzair [hebr.: ‚Der junge Wächter‘]: Erste Zionistische Jugendorganisation, entstand 1916 in Wien durch den Zusammenschluss von zwei jüdischen Jugendverbänden. Hauptziel war die Auswanderung nach Palästina und die Gründung von Kibutzim. Aus den in Palästina aktiven Gruppen entstand 1936 die Sozialistische Liga, die sich 1948 mit der Achdut Haawoda zur Mapam [Vereinigte Arbeiterpartei] zusammenschloss.

[15] Haganah [hebr. 'Verteidigung]: 1920 gegründete zionistische Militärorganisation in Palästina während des britischen Mandats [1920-1948], die Juden vor arabischen Überfällen schützen sollte. Die Hagana unterstand der Histadrut [Gewerkschaft]. Sie wurde so zum Vorläufer der israelischen Armee, in der sie nach der Staatsgründung aufging.

[16] Hora: weit verbreiteter Volkstanz in Israel; stammt von der  rumänischen Hora ab.

[17] Hachschara: Hachschara (hebr. für Vorbereitung, Tauglichmachung) bezeichnete die gezielte und organisierte Vorbereitung von Juden auf die Einwanderung, die Besiedelung Palästinas. Im Regelfall fanden Hachscharakurse auf landwirtschaftlichen Gütern statt.

[18] Bar Mitzwa [od. Bar Mizwa; aramäisch: Sohn des Gebots], ist die Bezeichnung einerseits für den religionsmündigen jüdischen Jugendlichen, andererseits für den Tag, an dem er diese Religionsmündigkeit erwirbt, und die oft damit verbundene Feier. Bei diesem Ritus wird der Junge in die Gemeinde aufgenommen.

[19] Pfeilkreuzler: 1937 aus der von Ferenc Szalási gegründeten 'Partei des nationalen Willens' hervorgegangene faschistische Bewegung.  Nach dem Versuch der Regierung unter Miklós Horthy, einen Separatfrieden mit den Alliierten zu schließen, übernahmen die Pfeilkreuzler im Oktober 1944 die Macht in Ungarn.
Mit ihrer Hilfe wurde von den Deutschen im November 1944 die zweite Deportationswelle durchgeführt. In Terroraktionen ermordeten Pfeilkreuzler bis zur Befreiung durch die sowjetische Armee im Januar 1945 noch mehrere tausend Budapester Juden.

[20] Judenrat: Die von den deutschen Autoritäten ernannten Judenräte mussten Nazi-Befehle in den jüdischen Gemeinden des besetzten Europas ausführen. Nach der Einrichtung von Ghettos waren sie für alles verantwortlich, was in diesen Ghettos geschah. Sie kontrollierten sämtliche Institutionen, die in den Ghettos arbeiteten: Polizei, Stellenvermittlung, Nahrungsmittelzufuhr, Wohnungsbeschaffung, Gesundheit, Sozialarbeit, Erziehung, Religion usw. Die Deutschen machten sie ebenfalls verantwortlich, Leute für Arbeitslager zu selektieren, und zuletzt auch jene, die sich später als Todeslager entpuppten.
[21] Antonescu, Ion (1882-1946): rumänischer Marschall und Politiker. 1933 Generalstabschef des rumänischen Heeres, 1940 Minister Präsident, erzwang die Abdankung des Königs zugunsten von dessen Sohn und regierte zunächst mit der faschistischen Eisernen Garde, nach deren missglücktem Putschversuch im Januar 1941 als Militärdiktator; vollzog den politischen und militärischen Anschluss Rumäniens an die Achsenmächte; wurde 1944 gestürzt und 1946 hingerichtet.

[22] Kibbutz [Pl.: Kibbutzim]: landwirtschaftliche Kollektivsiedlung in Palästina, bzw. Israel, die auf genossenschaftlichem Eigentum und gemeinschaftlicher Arbeit beruht.

[23] ARTEX: Österreichs einziger Anbieter im Kunstausstellungsbereich.

[24] Heurige: Heurige waren in der zweiten Hälfte des 18.Jhdt. vor allem in Hietzing und Döbling in Wien beliebte Sommerfrischen, so nahmen um die Jahrhundertwende auch die Dörfer am Fuße des Wienerwaldes ihren Aufschwung. Vor allem die Weinhauerorte Heiligenstadt, Nußdorf, Grinzing, Pötzleinsdorf, Neustift und Salmannsdorf kamen in Mode. Wien ist die einzige Weltstadt, in der nennenswerter Weinbau betrieben wird. In den zahlreichen Heurigen am Rande der Stadt kann in ungezwungener und entspannter Atmosphäre zur Heurigenjause ein Glas Riesling, Veltliner oder der typische 'Gemischten Satz' genossen werden. Den echten Wiener Heurigen erkennt man am Föhrenbuschen und an der Tafel mit der Aufschrift 'Ausg'steckt'.

[25] Intifada ist der Name für zwei Aufstände von Palästinensern gegen Israeli. Die erste Intifada begann1987, wobei 1991 die Gewalt zurückging, und endete mit der Unterschrift des Vertrags von Oslo im August 1993 und der Schaffung der palästinensischen Autonomiebehörde. Die zweite Intifada, die von den Palästinensern als Al-Aqsa-Intifada bezeichnet wird, begann im September 2000 nach dem Besuch des Politikers Ariel Sharon auf dem Tempelberg. Militante Palästinenser der Tanzim-Fraktion der Fatah-Bewegung begannen nach dem Besuch Sharons, betende Juden an der Klagemauer anzugreifen. Die Auseinandersetzungen eskalierten und griffen auf das gesamte Gebiet Israels und der Palästinensischen Autonomiebehörde über. Im Verlauf der zweiten Intifada wurde die Auseinandersetzung von palästinensischer Seite zunehmend durch den Einsatz von Selbstmordattentätern gegen israelische Zivilisten geführt.

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Anton Fischer
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
Februar
Jahr des Interviews:
2004
Wien, Austria

HAUPTPERSON

Anton Fischer
Geburtsjahr:
1920
Geburtsort:
Budapest
Geburtsland:
Ungarn
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Geschäftsmann, Einzelhändler

AUDIO - INTERVIEW

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