Wilhelm Steiner

Österreich

Wilhelm Steiner
Sittendorf
Österreich
Datum des Interviews: Juli 2002 
Name des Interviewers: Tanja Eckstein

Wilhelm Steiner lässt sich in meiner Wohnung in Wien interviewen, weil er mit seiner Frau seit vielen Jahren in Sittendorf, in Niederösterreich, lebt. Er ist ein guter Unterhalter mit viel Humor und einer großen Portion Sarkasmus ausgestattet.

Wilhelm Steiner starb im Jahre 2008.

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Während des Krieges
Nach dem Krieg
Glossar

Meine Familiengeschichte

Über meine Urgroßeltern väterlicherseits weiß ich nichts. Sie lebten in Ungarn und starben in Ungarn. Meine Großeltern väterlicherseits hießen Wilhelm und Rosa Steiner. Meine Großmutter war eine geborene Gutfreund. Ich habe sie nie kennen gelernt, denn sie starb, als ich ungefähr drei Jahre alt war. Auch sie lebten in Ungarn und sind dort gestorben. Mein Vater hatte zwei Brüder. Ein Bruder hieß Isidor, war von Beruf Schlosser, lebte in Szeged [Ungarn] und hatte eine Schlosserei an der Theiss [Fluss]. Das war für mich unheimlich interessant. Er ist völlig sinnlos, lange vor dem Krieg, gestorben, weil es kein Krankenhaus in der Nähe gab.

Der andere Bruder war sehr arm und lebte in Temesvar [heute Rumänien]. Zu diesem Bruder hatten wir überhaupt keinen Kontakt.

Mein Vater, Jakob Steiner, wurde am 30. März 1888 in Szeged geboren. Er war Soldat im 1. Weltkrieg, und als die Monarchie zu Ende war, konnte man optieren. Da hat er für Österreich optiert.

Meine Mutter hieß Marie Grünwald und wurde am 30. Dezember 1885 in Holics [heute Slowakei], als Tochter von Sigmund Grünwald und Betti, geborene Neuer, geboren. Als ich noch klein war, habe ich oft in der Slowakei meinen Onkel Jakob, Kubi wurde er genannt, und seine Frau Hermine besucht. Ich glaube, Onkel Kubi war mit meiner Mutter verwandt. Der Onkel war so etwas Ähnliches wie ein Hausierer, ich weiß nicht, wie das früher hieß. Er hat Hasenfelle für Kürschner verledert, Lindenblüten, die die Leute aus dem Dorf ihm brachten, getrocknet und an pharmazeutische Betriebe verkauft. Im Herbst, während der Zuckerrübenernte, hat er die Rüben abgewogen. Er war selten zu Hause, ein armer Jude, der sich recht und schlecht durchgebracht hat.

In dem Dorf lebten sehr viele Juden. Freitagabends wurde gebetet. Die beiden Söhne des Onkels und der Tante, der eine war Arzt und der zweite Zahnarzt, haben sich immer darüber lustig gemacht.

Meine Mutter hatte eine Schwester, die Anna hieß. Sie war mit Vinzenc Fiala, einem tschechischen Christen verheiratet, und sie hatten einen Sohn, das war der Egon. Wir haben alle in Wien im selben Haus gewohnt. Die Tante war zuerst Verkäuferin in einer Likörstube, die einem jüdischen Schwesternpaar gehörte. Die Likörstube war auch in dem Haus, in dem wir wohnten. Die Tante war sehr lange dort beschäftigt, wurde dann Geschäftsführerin, und hat irgendwann die Likörstube dem Schwesternpaar abgekauft.

Meine Kindheit

Meine Eltern haben in Wien geheiratet. Mein Vater war Goldarbeiter, er war sehr geschickt, er hat Armketten händisch hergestellt. Zuerst hatte er eine Werkstätte in unserer Wohnung, dann hat er ein Geschäft im 2. Bezirk gemietet, in der Sebastian-Kneipp Gasse.

In meiner entfernten Verwandtschaft väterlicherseits war die schönste Frau der Welt. Sie hieß Liesl Goldarbeiter. Ihre Mutter war Christin, und ihr Vater war Jude. Sie war aus Ungarn, hat in Wien gelebt, und wurde wirklich in den 1930er-Jahren zur schönsten Frau der Welt gewählt. Sie ist von Österreich nach New York zur Weltkonkurrenz geschickt worden, und da hat man sie ausgewählt. Sie kam aus kleinbürgerlichen jüdischen Verhältnissen, aber in dem Moment, als sie berühmt war, hat sie jeder begehrt. Sie hat dann den Krawattenerzeuger Spielmann geheiratet. Spielmann war Jude und hatte eine Fabrik in Wien. Er war bekannt durch die sogenannten 'Sphinx' Krawatten, das waren besonders gute Krawatten. Während des Krieges ist Liesl nach Ungarn zur Verwandtschaft zurückgefahren. In dieser Verwandtschaft gab es auch jüdische Offiziere, die, solange sie durften, ihre Uniform und den Säbel trugen. Liesl hat den Holocaust überlebt, wie es mit ihrem Mann weiter gegangen ist, weiß ich nicht. Wenn man Geld und Hirn hatte, konnte man eventuell rechtzeitig weg.

Mein Bruder Eugen ist am 25. Februar 1913 in Wien geboren. Er war sieben Jahre älter als ich. Ich wurde am 2. April 1920 in Wien geboren. Meine Familie war nicht arm, aber ich hatte keine gute Familie. Die jüdischen Familien hatten das Prinzip, ihre Kinder etwas lernen zu lassen. Das war bei uns nicht der Fall. Meine Eltern sind beide vom Land gekommen und hatten das Niveau des Landes. Mein Vater hat viel gearbeitet, gut verdient, aber ich denke, er hätte viel mehr verdienen können, denn er war ein guter Handwerker. Ich hatte kaum Kontakt zu meinem Bruder. Er musste nach Beendigung der Schule zehn Stunden am Tag beim Vater arbeiten - das war fürchterlich für ihn. Er ist auch in schlechte Gesellschaft geraten, er hatte ja nichts außer der Arbeit beim Vater. Abends ist er Karten spielen gegangen ins Kaffeehaus nebenan, da sind die Huren gesessen - das war sein Leben. Wenn er nach Hause kam, war er etwas betrunken und hatte kein Geld mehr. Man hatte ihm natürlich das Geld beim Spiel abgenommen, denn sie hatten ihn betrogen.

Meine Mutter hatte eine Herzklappenentzündung, damals hat man so etwas nicht wie heute behandeln können. Sie ist jedes Jahr oder jedes zweite Jahr auf Erholung oder nach Bad Gleichenberg auf Kur gefahren. Das hat der Vater immer für sie organisiert.

Ich ging vier Jahre in die Volksschule im 2. Bezirk und anschließend vier Jahre in die Hauptschule. Viel gelernt habe ich da nicht. In meiner Kindheit habe ich Antisemitismus erlebt, aber er war nicht schrecklich. Ich kann mich nicht genau erinnern, aber ich vermute, in meiner Schulklasse waren zwanzig bis fünfundzwanzig Kinder, davon waren acht bis zehn jüdische Kinder. Die Kinder waren mehr oder weniger aufgeschlossen, bis auf zwei, die aus orthodoxen Familien kamen.

Ich erinnere mich gut an meine Eltern, aber die Erinnerung ist eher negativ. Es gab keinen Gesprächsstoff zwischen uns, außer, dass sie mit mir geschimpft haben und ich auch Schläge bekam. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie gläubig waren, denn ich bin nicht jüdisch erzogen worden. Wir haben keinen jüdischen Feiertag gefeiert, meine Eltern haben mich sogar zu Jom Kippur [1] in die Schule geschickt. Ich wusste, dass ich Jude bin, aber ich hatte kaum jüdische Freunde. Nur beim Onkel und der Tante in der Tschechoslowakei habe ich in den Ferien Pessach [2] gefeiert. Dort habe ich jüdisches Leben ein bisschen erlebt. Weihnachten gingen mein Bruder und ich zu unserer Hausbesorgerin, die neben uns wohnte. Mein Bruder war mit ihrem Sohn befreundet. Da gab es einen Weihnachtsbaum, aber Geschenke hatten wir keine. Nachdem ich die Schule beendet hatte, haben mich meine Eltern für zwei Wochen zum Bruder meines Vaters, dem Onkel Isidor, den ich kaum kannte, nach Ungarn geschickt. Danach hat die Mutter gesagt: 'Was sitzt du hier herum, such dir eine Arbeit!' Sie hat mich nicht gefragt, was ich werden will oder mit mir beraten, was ich werden könnte. Das war furchtbar! Ich bin mir eine Arbeit suchen gegangen. Dann hat mein Vater erfahren, dass ein jüdischer Juwelier im 1.Bezirk, in der Adlergasse 12, das ist eine Straße in der Nähe vom Schwedenplatz, einen Lehrling sucht. Die Adlergasse existiert jetzt nicht mehr, sie wurde während des Krieges zerbombt. Bei dem Juwelier, er hieß Adolf Dienmann, bin ich drei Jahre gewesen. Viel habe ich nicht gelernt, aber ich wollte ja auch nicht Juwelier werden.

Als Kind war ich bei der Jugendbewegung der Sozialdemokraten, den 'Roten Falken' und bei den Naturfreunden. Es war nett dort, wir haben Ausflüge gemacht. Die Führer der 'Roten Falken' waren Achtzehn- bis Neunzehnjährige, die versucht haben, junge Leute für die Kommunistische Partei zu werben. Ich war in der Organisation, die sich Weltjugendliga nannte. Die Organisation gehörte zu den Freimaurern [3]. Zusammen waren wir zwanzig - Juden und Christen. Wir haben uns mit sehr anspruchsvollen intellektuellen Problemen beschäftigt, haben diskutiert, Bücher besprochen und uns mit Psychoanalyse beschäftigt. Ein Teil der Mitglieder waren Jungkommunisten. Dann war ich bei den revolutionären Sozialisten und von dort kam ich zu den Jungkommunisten. Ab 1934 [4] war ich im illegalen Kommunistischen Jugendverband. Das war eine militärische Zeit damals. Die haben mich mit einem Rucksack, in dem Waffen waren, durch Wien geschickt, damit wir in einer Wohnung mit den Waffen trainieren können - Wehrsport wurde das genannt. Der Hitler war in Deutschland, in Spanien der Bürgerkrieg [5], und ich wollte für die Revolution der Arbeiter trainieren. Ich wäre wahrscheinlich auch mit der Waffe in der Hand für meine Ideale kämpfen gegangen. Ich habe überhaupt nicht begriffen, was dadurch alles auf mich hätte zukommen können. Abends war ich fast nie zu Hause. Ich habe mir ein Brot mitgenommen, und wir haben dann unsere Abende zusammen verbracht. Wir saßen an der Donau - das war 1937 illegal - weil zu der Zeit in Österreich die Kommunistische Partei, die Sozialdemokratische Partei und die Nazis verboten waren.

Während des Krieges

Meine Lehre wäre normalerweise vier Jahre gewesen, ich hab sie nicht zu Ende machen können. Ich habe ja erst 1935 begonnen, und im Jahre 1938 sind die Deutschen einmarschiert. Da sind wir, eine Handvoll Jungkommunisten zusammen mit einer Handvoll der christlichen Jugend, die Nazis sind schon auf allen Straßen mit den Fahnen marschiert, nach Floridsdorf, weil es hieß, dass es in Floridsdorf Widerstand gäbe. In Floridsdorf war kein Mensch, und als wir die Deutschen sahen, gingen wir so unauffällig wie möglich an ihnen vorbei. Dann haben wir uns gefragt: Was machen wir jetzt? Mitternacht bin ich in die Straßenbahn eingestiegen, ich hatte eine Gewerkschaftsfahrkarte, die habe ich dem Schaffner gezeigt. Ich habe zu ihm gesagt, das ich heute wahrscheinlich das letzte Mal mit dieser Karte fahren kann, weil ab Morgen... Sagt er: 'Lassen Sie mich in Ruhe, lassen Sie mich bitte in Ruhe, ich will von alldem nichts wissen.' Alle haben Angst gehabt.

Als ich in der Werkstatt bei meinem Lehrmeister war, ist die Gestapo gekommen. Die haben mich aber nicht gekannt, die wussten nichts von meiner politischen Überzeugung. Sie haben angefangen nach Schmuck zu suchen und haben zu meinem Chef gesagt: 'Kommen Sie, wir fahren zu Ihnen nach Hause.' Und der hat mir zugeflüstert: 'Geh Willy, bitte ruf meine Mutter an, am Kasten oben ist das Gold, sie soll es verstecken.' Die haben das bemerkt und haben zu mir gesagt: 'Du hast ein Rad, fahr hinter unserem Taxi her, wir werden langsam fahren.' So konnte ich die Mutter meines Chefs nicht anrufen. Sie haben meinem Chef alles weggenommen, dann ist er eingesperrt worden. Er hat überlebt, ich habe ihn noch einmal in New York getroffen. Am nächsten Tag ist ein kommissarischer Verwalter für das Geschäft gekommen. Dieser kommissarische Verwalter war ein Wiener und ein Dieb. Überall waren Diebe, offizielle und inoffizielle Diebe. Der hat alles, was er an Geld gefunden hat gestohlen, hat einfach alles eingesteckt. Und da hat sich dann irgendeine Diskussion abgespielt, und ich hab laut protestiert, ich konnte ja nicht abschätzen, was wirklich passiert. Ich habe zu ihm gesagt: 'Sie sind ein Schwein! Sie stehlen hier alles, wieso wissen Sie denn, was in zwei Jahren sein wird? Wieso wissen sie das? Wer weiß, wie sich das verändern wird.' Dieser kommissarische Verwalter, der Dieb, hat daraufhin den Laden von innen zugesperrt und die Polizei geholt. Er hat behauptet, ich hätte den Führer beleidigt. Wiener Polizisten kamen und haben mich verhaftet und aufs Kommissariat geführt. Der Kommissar hat zu mir gesagt: 'Sag einmal Buberl, bist du wahnsinnig, wie kannst denn du so etwas sagen?' Ich habe alles abgestritten und gesagt: 'Bitte sind Sie so lieb, rufen Sie meine Eltern an, ich habe vor dem Laden mein Fahrrad stehen.' Das hat er tatsächlich gemacht. Von dort bin ich zur Gestapo geführt worden und bin ich zu einem gekommen, der mich verhört hat. Der war ganz ein junger Kerl, ein typischer Wiener. Er hat zu mir gesagt: 'Sag mal, was machst du denn?' Ich hab gesagt: 'Ich habe doch gar nichts gesagt, ich habe überhaupt nichts gesagt. Der hat dort gestohlen, und es hat ihm wahrscheinlich nicht gepasst, dass ich das gesehen habe. Da hat er mich verhaften lassen.' 'Was willst du machen, wenn du freikommst?' fragte er mich. Ich hab ihm gesagt, dass ich dann wegrennen werde. Nach dem Gespräch bin ich ins Gefängnis auf der Elisabethpromenade in Wien gekommen - dort war ich zwei Monate. In zwei großen Zimmern waren 80 Juden gefangen. Wir hatten zwei Klos - es waren fürchterliche Zustände.

Jeden Abend wurden Leute aufgerufen, die sind nach Dachau, ins KZ gebracht worden. Nach welchem Prinzip, hat niemand gewusst. Niemand hat etwas zu tun gehabt, aber ich durfte arbeiten, weil dort kommunistische Genossen eingesperrt waren, keine Juden, die das Essen ausgetragen haben und die ich kannte. So konnte ich Strohsäcke stopfen. Es war auch noch möglich, am Morgen zum Wachtmeister zu gehen, das waren noch alles Österreicher, und zu sagen: 'Schutzhäftling Willhelm Steiner bittet zum Frühstück in die Kantine gehen zu dürfen.' Das war damals noch erlaubt. Ich hatte einen Zettel, auf den ich meine Essenswünsche geschrieben habe: drei Margarinen, zwei Liter Milch, fünf Semmeln. Bekommen habe ich eine Margarine, einen halben Liter Milch und Semmeln. Das habe ich hinaufgetragen und den Leuten in den Zimmern gegeben. Ich habe das gar nicht gebraucht. Ich war ein junger Bursche, Suppe hat mir genügt. Eines Morgens um fünf Uhr, wurde ich aufgerufen: 'Steiner Willhelm, Sachen nehmen' - ich habe ja gar nichts gehabt - 'mitkommen!' Da habe ich gedacht, jetzt ist alles aus. Er hat mich hinunter geführt, hat die Tür aufgemacht und gesagt: 'Verschwinde!' Ich konnte gehen.

Ich bin nach Hause zur Tante und meiner Mutter, bin ein paar Tage daheim geblieben und habe dann versucht, illegal in die Schweiz zu flüchten. Mein Vater war verhaftet worden und nach Dachau [Anm.: KZ Dachau, Deutschland] verschleppt. Das Geschäft war arisiert und ausgeraubt, meine Mutter war zu ihrer Schwester und deren christlichen Mann gezogen. Sie starb 1940 an ihrem Herzleiden, ihren Mann, meinen Vater, hat sie nie mehr gesehen.

Ich bin nach Feldkirch gefahren. Dort hat man Schlepper gefunden, weil viele flüchten wollten. Ein junger Bursche wurde mir gezeigt, der hat mich und andere Leute bis zur Grenze geführt. In der Schweiz haben wir einen Lastwagen aufgehalten und sind nach Zürich gefahren. In Zürich bin ich zur Kultusgemeinde gegangen. Die Leute dort in der Kultusgemeinde waren sehr nett zu mir, haben mir zwanzig Franken Unterstützung gegeben, und ich habe mit einem anderen Burschen ein Quartier gesucht. Kurze Zeit später wollte man die 'Fremden' in der Schweiz nicht mehr.

Ich habe aus der Schweiz meinem Vater ein falsches Visum für Frankreich besorgt. Es hat so Möglichkeiten dort durch die Kultusgemeinde gegeben, ich habe das Visum kaufen können, das war nicht so teuer. Es war wunderschön, da hat einer gekrixelt und Marken draufgeklebt, und ich habe das nach Wien geschickt. Mein Onkel, der Christ, ist damit zur Gestapo gegangen und hat gesagt: 'Hören Sie, der Jakob Steiner hat ein Visum, er verschwindet sofort.' Dadurch wurde mein Vater aus dem KZ Dachau entlassen. Er ist dann auch illegal in die Schweiz gekommen, und ich habe ihn eine Woche bei einem Schweizer untergebracht. Mein Vater hat fürchterlich ausgeschaut nach dem KZ. Ich war erschüttert, als ich ihn gesehen habe, er war kaum wiederzuerkennen. Er hat sehr viel mitgemacht damals.

Zu dieser Zeit konnte man schon nicht mehr zur Schweizer Polizei gehen und sagen, ich möchte Asyl haben, denn das war gefährlich. Da haben sie schon Leute wieder zurückgeschickt. Ich hatte alles für meinen Vater organisiert. Er wurde zur französischen Grenze gebracht und nach Frankreich geschickt, und ich war froh, dass er draußen war. In Frankreich hat sich mein Vater dann einer Widerstandsgruppe in St. Etienne angeschlossen. Er hat 1942/1943 unter anderem bei der Anti-Nazipropaganda mitgearbeitet. Ich besitze ein Dokument in französischer und deutscher Sprache über den Widerstand meines Vaters in Frankreich.

Wir mussten in ein Lager, das war ein ehemaliges Haus der Naturfreunde oben am Berg. Wir haben da geschlafen irgendwo unterm Dach. Unten sind die Mäuse herum gerannt, aber das war nicht schlimm. Dort haben wir Fußball und Theater gespielt, sonst nichts. Ich habe mir eine Blutvergiftung geholt und musste ins Spital. In zwei, drei Tagen war ich fast gesund, wollte aber noch im Spital bleiben. Deshalb habe ich das Fieberthermometer warm gerieben. Alle haben das gewusst, aber ich durfte noch drei Wochen bleiben. Ich hatte sogar Ausgang und bin in die Oper gegangen, die Karte hatte ich vom Direktor der Oper. Ich war beim Operndirektor, habe gesagt: ich bin Österreicher, Jude, bin geflüchtet und sehr interessiert an der Oper, und ob er nicht eine Karte für mich hat. Er hat mir tatsächlich eine Karte gegeben. Ich bin dann oft am Abend in die Oper gegangen, und am Morgen habe ich das Thermometer wieder warm gerieben.

Nach dem Krankenhausaufenthalt habe ich mich gemeldet für die Arbeit auf dem Lande, um zu helfen während des Krieges. Wir wohnten in einer großen Baracke, das Essen war nicht sehr gut, es war doch eher so eine Art Arbeitslager. Die Bauern haben uns in den Wald geführt, da haben wir Holz geschlagen.

Dann haben die Schweizer Kommunisten Kontakt zu mir aufgenommen, aber Aktionen gab es keine. Eines Tages, mitten in der Nacht um drei oder um vier Uhr, ist die Schweizer Kriminalpolizei gekommen und hat mich aus dem Bett geholt. Sie haben mich in ein Auto gesetzt, haben mich in die Polizei geführt und gesagt, ich sei ein illegaler Kommunist. Ich habe das abgestritten, denn ich hatte ja wirklich nichts gemacht. Sie haben mich zwei Tage eingesperrt, wieder frei gelassen, kurze Zeit später wieder verhaftet und verhört. Sie haben mir meine persönlichen Sachen weggenommen, ich hatte eine Tasche mit Briefen von der Mutter, vom Vater und von der Tante. Das liegt alles noch in der Schweiz, irgendwo in einem Keller, das habe ich nie wieder gekriegt. Die haben meine Briefe durchgelesen und da war ein Brief von meinem Freund Kurtl Holzhacker, der hatte mir aus Palästina geschrieben: Lieber Willi, leite die Zelle anständig - oder so ähnlich. Die Zelle hätte ja auch eine homosexuelle Zelle sein können. Der Schweizer hat gesagt: 'Sie sind ein aktiver Kommunist!' Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht aktiv bin. 'Sie sind aktiv, sagen Sie mir, wie stehen Sie zur Sowjetunion?' Was sollte ich ihm sagen? Ich habe ihm gesagt, dass es da keinen Antisemitismus gibt. Ha ha ha! Ich habe das damals ja so geglaubt.

Das nächste Mal wurde ich direkt vom Bett weg verhaftet. Sie haben mich nicht mehr in die Bezirksorganisation gebracht, sondern in einem Zug transportiert, der eine Zelle hatte. Im Zuchthaus in Regensdorf, einem Ort neben Zürich, musste ich mich ausziehen, habe eine Uniform und die Blechnummer 490 bekommen. Sie haben mich dann in eine winzige Einzelzelle gesteckt und haben mir gesagt, wenn ich irgendwann wieder rauskomme, muss die Blechnummer, die sie an der Zellentür gehängt haben, zurückgegeben werden. Ich war nervlich ziemlich fertig. Dann habe ich mir überlegt, was ich in dieser Situation machen kann. Ich begann herum zu turnen, einige Zeit danach habe ich Arbeit bekommen, Tüten kleben und Sackerl picken.

Einige Monate davor war eine Konferenz mehrerer Staaten darüber, was mit den Juden zu geschehen habe. Niemand wollte die Juden aufnehmen. Ganz knapp vorher war ein Mann von einer amerikanisch - jüdischen Organisation in der Schweiz, der hat junge Menschen gesucht, die in die Dominikanische Republik fahren wollen. Trujillo y Molina, der Präsident der Dominikanischen Republik, hatte die Absicht, weiße junge Menschen in sein Land zu holen, die Kinder machen sollten. Das war sein Ziel, das hat er auch gesagt. Er hat auch Juden genommen, Hauptsache weiß. Es gibt darüber ein wunderbares Buch von Pessoa, einem guten peruanischen Schriftsteller. Ich hatte mich damals gemeldet, ich habe gedacht, warum soll ich nicht in die Dominikanische Republik?

Einige Zeit später rief mich der stellvertretende Direktor des Zuchthauses, übrigens ein entzückender Mann - der Direktor war ein Schweinehund - und sagte, er hätte einen Brief für mich, und ich müsse mir ein Foto machen lassen. Zuerst dachte ich, meine kommunistischen Freunde hätten das organisiert. Der stellvertretende Direktor hat dann ein Foto von mir gemacht, und er hat mir sogar noch seine Krawatte geborgt. Das Bild haben wir dann den Behörden geschickt, und tatsächlich habe ich eine Einreisegenehmigung in die Dominikanische Republik bekommen.

Aber zuerst einmal musste ich aus dem Zuchthaus raus. Die Amerikaner durften nicht wissen, die Reise in die Dominikanische Republik ging über Amerika, dass ich als Kommunist im Zuchthaus saß. Zum Glück ist das gelungen. Weil ich im Gefängnis war, habe ich auf einen Zettel Papier meinen Namen schreiben müssen, der Zettel wurde der amerikanischen Botschaft geschickt, und sie haben den Zettel mit meiner Unterschrift in meinen Pass unter das Foto geklebt. In der Früh habe ich meine Sachen bekommen, aber die Schuhe haben gefehlt. Sie haben mir dann irgendwelche Hausschuhe gegeben, und die Gefängniswärter haben gesagt: 'Verschwinde, du bist frei. Du musst aber innerhalb von 24 Stunden das Land verlassen haben.' Sie haben mich rausgelassen, obwohl meine Strafe hieß: Auf Kriegsdauer interniert. Das war ja außerdem eine Lüge, ich war ja nicht interniert, das war keine Internierung, das war ein Zuchthaus.

So bin ich nach Zürich, und von Zürich mit der Bahn nach Genf, weil dort ein Autobus auf uns, das waren alle die, die für die Reise ausgewählt waren, warten sollte. In Genf bin ich spät nachts angekommen ohne einen Groschen Geld und habe in einem Obdachlosenasyl einen Platz zum Schlafen bekommen. In der Früh bin ich raus - so um fünf oder halb sechs musste man da raus. Da sind zwei Leute vor der Tür gestanden, die haben zu mir gesagt: 'Votre nom s'il vous plait, votre nom', das heißt, sie wollten wissen, wie ich heiße. Ich habe gesagt: Wilhelm Steiner, da haben sie gesagt 'avec nous' und mich verhaftet. Niemand hat mit mir geredet, die haben nur immer gesagt: 'Avec nous, avec nous!' Sie haben mich auf die Polizei gebracht und haben mich in einer Zelle eingeschlossen. Um fünf Uhr am Nachmittag hätte ich an einem bestimmten Platz sein sollen, aber niemand hat mit mir gesprochen. Ich habe überhaupt nicht gewusst, was mit mir geschieht. Sie haben mich dann um vier rausgeschmissen.

Der Autobus hat uns, wir waren ungefähr zwanzig Leute, auf abenteuerliche Weise durch das nicht besetzte Frankreich nach Spanien gebracht. In Madrid haben wir nur in Hurenhäusern geschlafen, es hat ja niemand für uns einen Platz gehabt. Und dann haben wir ein Schiff gekriegt, ein griechisches Schiff, das uns nach New York führen sollte. Der griechische Kapitän hat aber gesagt, er fährt nicht, weil inzwischen der Krieg zwischen Deutschland und Griechenland ausgebrochen war. 'Die schießen mir das Schiff unterm Hintern weg', hat er gesagt. Er fährt nicht, und damit basta!

So sind wir über die Pyrenäen nach Portugal gewandert. Portugal war ein neutrales Land. Dort haben wir dann auf ein Schiff gewartet. Alle haben in einem Zimmer geschlafen. Während dieser Zeit habe ich in einem Bordell gearbeitet. Ich habe gewaschen und geputzt, ich habe alles gemacht. Dann wurde ein Schiff, ein Küstendampfer gefunden. Der ist mit uns allen rübergefahren, das war schon einmalig. Der ist über das Meer geholpert, als würde er über eine Straße fahren.

Als wir in New York ankamen, wurden wir verhaftet, aber das war egal. New York war schon sehr weit von Europa weg, da konnte man schon frei atmen. Ich war sechs oder acht Wochen auf Ellis Island. In einem riesengroßer Saal, da sind vorne einige Amerikaner gesessen, haben wir uns aufgehalten. Wir haben wunderbar gelebt. Jeden Tag hatten wir Seife und ein sauberes Handtuch, und jeden Tag ein frisches Leintuch. Links und rechts standen voll gehängte Garderoben. Auf der linken Seite waren die Juden, die gebetet haben, auf der rechten Seite waren die Liebespaare. Im Hof haben wir Fußball spielen können. Dann plötzlich hat es geheißen, es geht los. Die Amerikaner fuhren uns nach Santo Domingo, über Kuba und Haiti, in die Dominikanische Republik. Ich saß auf dem Luxusdampfer mit einem Tropenhelm auf dem Kopf.

Santo Domingo ist die Hauptstadt der Dominikanischen Republik. Eine Straße ging durch das Land und wir wurden nach Puerto Plata gefahren. Jetzt ist Puerto Plata ein großer Ort mit vielen Hotels, aber damals war das eine kleine Kolonie im Urwald. Wir haben in Hütten gewohnt, die waren wie Pferdeställe. Fenster hat es ja keine gegeben bei der Hitze dort, da waren die Türen zweigeteilt, so wie in einem Pferdestall. Man hat oben den Schädel raus stecken können. Ich habe in der Landwirtschaft und im Schweinestall gearbeitet. Aber ich war jung, und mich haben weder die Moskitos noch die Hitze gestört. Wir haben gegen die Dominikaner aktiv Sport betrieben - Basketball, Fußball, Tischtennis. Die Dominikanische Republik hätte 10 - 20tausend Menschen aufnehmen können, aber wir waren 250 Leute. Wir haben dort während des Krieges gelebt, wie Gott in Frankreich.

Nach dem Krieg bin ich zurückgefahren. Ich hatte ein Visum für Amerika und bin zuerst mit dem Flugzeug, mit der 'Brasilian Airways', nach Miami geflogen. Von dort bin ich mit der Bahn nach New York gefahren. In New York hatte ich eine Freundin, die kannte ich von der Dominikanischen Republik. Nach einigen Tagen sollte mein Schiff nach Le Havre [Frankreich] abfahren. An diesem Tag, an dem das Schiff hätte ablegen sollen, begann in der Früh ein typischer New Yorker Schneesturm. Innerhalb einer Stunde lagen 30 Zentimeter Schnee, es gab keinen Verkehr mehr. Ich wartete an der Straße, endlich hörte ich ein Auto mit Ketten - das konnte noch fahren. Ich stellte mich auf die Straße und ließ das Auto nicht weiterfahren. Ich erzählte dem Mann hinter dem Steuer von meinem Schiff und plötzlich sah ich im Auto seinen Namen: Moshe Grünbaum. Trotzdem er Jude war und ich ihm alles erklärt hatte, musste ich ihm meine letzten 50 Dollar geben, damit er mich zum Hafen führt - aber er hat es wenigstens getan. Als ich ankam stellte sich heraus, dass das Schiff nicht ablegen kann. Meine Freundin war auch zum Hafen gekommen, und wir sind mit der U-Bahn wieder nach Hause gefahren.

Als das Schiff dann endlich fuhr, waren vier oder fünf Passagiere an Bord, darunter drei oder vier amerikanische Zigarettenschmuggler. In Le Havre bin ich auf die Österreichische Gesandtschaft, habe mir Geld ausgeborgt, bin nach Lyon von Lyon nach Saint Etienne, und dort war mein Vater. Er hatte den Krieg überlebt. Mein Vater starb am 18. Mai 1957 in Wien.

Über das Schicksal meines Bruders erfuhr ich erst in Wien. Er ist mit unserem Cousin Egon Fiala, dem Sohn der Schwester meiner Mutter, in die Tschechoslowakei geflüchtet. Sie sind über Ungarn, Italien nach Frankreich gekommen. Mein Bruder wurde in Frankreich im Internierungslager Gurs interniert und 1943 nach Drancy gebracht. Von Drancy wurde er nach Sobibor [6] oder Majdanek [7] deportiert und ermordet. Die Franzosen waren nicht so feine Leute, wie sie sich darstellen, sie waren großzügig. Wenn die Deutschen gesagt haben, wir brauchen heute fünfhundert Juden, haben sie ihnen fünfhundert Juden gegeben. Mein Bruder war sehr jähzornig, ich hoffe, dass er sich aufgebäumt hat und sie ihn erschossen haben. Mein Cousin Egon ist zu den Kämpfern der Marquis, der Untergrundbewegung, gegangen. Zumindest haben die eine Waffe in der Hand gehabt und schießen können. Das ist ja der schreckliche Vorwurf, aber man darf niemandem einen Vorwurf machen. Viele junge Israelis sagen: 'Wie die Lämmer habt ihr euch zur Schlachtbank treiben lassen. Wenn jeder zehnte Jude sich körperlich gewehrt hätte...', aber so war es nicht. Mein Cousin hat in Frankreich gekämpft und hat überlebt. Er war sogar Offizier und ist nach dem Krieg nach Wien zurückgegangen. Sein Vater, mein Onkel, war schon gestorben, aber seine Mutter, war da. Später ist mein Cousin Egon an Krebs gestorben. Das war schrecklich.

Wenn man nur den 'Baruch Atah Adonai' [Anm.: Gelobt Seist Du, Ewiger unser G'tt - Beginn der Segenssprüche] im Schädel hat, ist das schlimm. Zum Beispiel die orthodoxen Juden in Israel, wenn die heutzutage noch so herum rennen mit den schwarzen Hüten oder den Fellkappen auf den Köpfen - ist das doch ein Wahnsinn. Und dass sie am Schabbat [8] Steine auf fahrende Autos werfen, ist auch Wahnsinn. Die Regierung kann nichts dagegen machen, das ist ja die Katastrophe, denn diese Leute waren es ja, die das Judentum über Jahrtausende der Verfolgung erhalten haben. Das ist ja so eine komplizierte Geschichte. Die Orthodoxen dürfen natürlich existieren, sie dürfen auch so orthodox sein, wie sie wollen. Sie dürfen halt nicht die Macht haben.

Nach dem Krieg

Als ich Ende 1947 nach Wien zurückkam, hatte ich nichts. Zuerst hatte ich versucht, in meinem Beruf, als Goldschmied, zu arbeiten. Mein Vater war ja Goldschmied und ein bisschen hatte ich gelernt, aber es ist nicht gelungen. Einmal habe ich Gold schmelzen müssen, da ist das alles daneben geronnen. Ich bin dann zur Kommunistischen Partei gegangen und habe für die Russen gearbeitet. Ich war Mitglied der KPÖ und die Russen wollten, dass ein Kulturreferat entsteht. Ich wurde ein Kulturreferent für die USIA [8] Betriebe. Immer ein russischer Offizier und ein Österreicher waren für einen Betrieb zuständig. Ich war durch einen Freund in der Partei Kulturreferent in der Lebensmittel Branche.

Zum Glück war ich nie im KZ. Als ich sechzehn oder siebzehn Jahre alt war, war ich naiv und habe nichts gewusst. Auch später habe ich nichts Schlechtes über die Sowjetunion und über Stalin glauben wollen. Als Chruschtschow [9] seine Rede auf dem XX. Parteitag [10] der KPdSU in Russland gehalten hat, habe ich begonnen, politisch umzudenken. Aber ich hatte einen guten Posten im Kulturreferat, und das hat mir genügt. Das Kulturreferat ist dann, Gott sei Dank, liquidiert worden, wir hatten ja sowieso nicht viel gearbeitet. Danach habe ich eine Arbeit in einem USIA Betrieb, im Ölgeschäft, in der Lobau bekommen. Das war eine sehr gute Arbeit.

Meine Frau Irene, geborene Hänsel, ist 1921 in Tschischkowitz, im heutigen Tschechien geboren. Ich habe sie durch die kommunistische Partei kennen gelernt. Sie ist Tanzpädagogin und kam aus der englischen Emigration. Wir haben zwei Töchter, Anneliese und Monika. Sie sind zwar liebevoller aufgewachsen als ich es bin, aber nicht als Juden, obwohl es immer klar war, dass wir Juden sind. Anneliese wurde Ballett-Tänzerin in der Staatsoper in Wien. Sie arbeitet jetzt als Bewegungstherapeutin. Sie hat auch für das Kulturzentrum in Wien Theaterkritiken geschrieben, und jetzt ist man an sie herangetreten, ob sie für drei Monate nach China gehen würde, um an einer Universität Ballett zu unterrichten. Anneliese hat zwei Söhne, Matthias und Sebastian. Der Jüngere ist 17 Jahre alt, geht noch zur Schule und ist ein Philosemit. Der Ältere studiert schon, und er fühlt sich dem Jüdischen sehr nahe. Vor kurzem hat meine Tochter zu mir gesagt: 'Geh Papi, bitte kauf mir eine Mesuse [11].' Sie will sich die Mesuse an die Tür nageln.

Monika, meine jüngere Tochter, ist nach der Matura für zehn Jahre nach Israel gegangen. Dort war sie im Kibbutz und hat den Ulpan, die Sprachschule, besucht. Ich war dreimal in einem Kibbutz in Israel, und es hat mir sehr gut gefallen. Es hat mich wirklich begeistert, unheimlich fortschrittlich, auch die Kindererziehung. Es war ein Versuch und ich glaube, so wird es nicht mehr werden. Im Moment ist es schrecklich in Israel. Jetzt lebt meine Tochter als Psychotherapeutin in England, hat ihren Master gemacht und will promovieren. In ihrer Praxis in England macht sie Yoga mit Schwangeren. Sie ist mit einem Engländer türkischer Abstammung verheiratet. Die Kinder Robin und Sulia gehen jeden Sonntag in die Schule der liberalen jüdischen Gemeinde. Als sie in Wien zu Besuch war, hat Monika mich zweimal zu Or Chadash [12] mitgenommen.

Ich war ein Aktivist gegen Waldheim. Bei der großen Demonstration gegen die ÖVP/FPÖ Regierung im Jahre 2000 war ich natürlich dabei, aber mein Enkelsohn marschierte monatelang jeden Donnerstag in Wien gegen diese Regierung. Diese Schweinerei mit den Nazis, dass die braunen Ratten wieder aus ihren Löchern kriechen, war im 1934er-Jahr so, jetzt haben wir dasselbe.

Glossar

[1] Jom Kippur: der jüdische Versöhnungstag, der wichtigste Festtag im Judentum. Im Mittelpunkt stehen Reue und Versöhnung. Essen, Trinken, Baden, Körperpflege, das Tragen von Leder und sexuelle Beziehungen sind an diesem Tag verboten.

[2] Pessach: Jüdisches Fest, erinnert an den Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten, welcher die 200 Jahre währende Knechtschaft beendete. Jegliche gesäuerte Speise [Chumez] ist verboten, und so wird ungesäuertes Brot (Mazza) verzehrt.

[3] Freimaurer: eine nach den Idealen der Aufklärung [Humanität, Toleranz, Brüderlichkeit] im 18. Jh. begründete geschlossene Männergesellschaft. Ihr Ziel ist die individuelle geistige Vervollkommnung unabhängig von der religiösen, ethnischen und politischen Herkunft des Einzelnen. Die Freimaurer berufen sich auf die mittelalterlichen Traditionen der Maurerzünfte. Sie wurden auch von esoterisch orientierten Strömungen des Christentums [Templer, Rosenkreuzer] beeinflusst. Die traditionelle katholische Kirche steht jedoch in kritischer Distanz zu den Freimaurern, da sie ihre sehr liberale Auffassung von Religiosität ablehnt.

[4] Bürgerkrieg in Österreich [Februarkämpfe 1934]: Die Gegensätze zwischen den Sozialdemokraten und den Christlichsozialen bzw. der Regierung führten im Februar 1934 zum Bürgerkrieg in Österreich. Die Februarkämpfe brachen in Linz aus und breiteten sich nach Wien aus. Der unorganisierte Aufstand forderte mehr als 300 Tote und 700 Verwundete [auf beiden Seiten]. Außerdem führte er zum Verbot der Sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften sowie die Ausrufung 1934 des Ständestaats.

[5] Spanischer Bürgerkrieg [1936 bis 1939]: Der Spanische Bürgerkrieg zwischen der republikanischen Regierung Spaniens und den Putschisten unter General Francisco Franco ausgetragen. Er endete mit dem Sieg der Anhänger Francos und dessen bis 1975 währender Diktatur. Franco wurde von Anfang an durch das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien unterstützt, die Republikaner, vor allem aber die kommunistische Partei, von der Sowjetunion. Zahlreiche Freiwillige aus der ganzen Welt kamen nach Spanien, um in den 'Internationalen Brigaden' für die Republik zu kämpfen.

[6] Sobibór: Vernichtungslager im südöstlichen Polen. Zwischen Mai 1942 und Sommer 1943 ließen die zuständigen deutschen Behörden dort etwa 250.000 Juden ermorden.

[7] Majdanek: Das KZ-Majdanek - eigentlich KZ Lublin - war das erste Konzentrationslager der IKL [Inspektion der Konzentrationslager - war die zentrale Verwaltungs- und Führungsbehörde für die nationalsozialistischen Konzentrationslager] im Generalgouvernement. Es lag im Osten Polens in einem Vorort Lublins. Neben Auschwitz-Birkenau war Majdanek das einzige KZ der IKL, das auch als Vernichtungslager genutzt wurde.

[8] USIA [russ. Verwaltung des sowjetischen Vermögens in Österreich]: Am 5. Juli 1946 wurden in der sowjetischen Besatzungszone mehr als 300 Industriebetriebe und 140 land- und forstwirtschaftliche Besitzungen als ehemaliges deutsches Eigentum beschlagnahmt. Der USIA-Konzern, dem auch zahlreiche nach 1938 arisierte Betriebe zugeschlagen wurden, dominierte mit 53.000 Beschäftigten [1955] die für das gesamte Österreich wichtigen Schlüsselindustrie.

[9] Chruschtschow, Nikita Sergejewitsch [1894 - 1971]: Regierungschef der Sowjetunion von 1958 bis 1964. Auf dem XX. Parteitag der KPdSU am 25. Februar 1956 leitete Chruschtschow mit einer Geheimrede über Personenkult und Herrschaftsmethoden Stalins eine Periode der Entstalinisierung ein. Chruschtschow prangerte in seiner Rede Stalin und den Stalinismus an, verurteilte gleichzeitig aber auch die Herrschaft der Geheimpolizei und forderte mehr individuelle Freiheit sowie eine allgemeine Liberalisierung der Regierung.

[10] XX. Parteitag der KPdSU: Der XX. Parteitag der KPdSU fand vom 14. Februar bis zum 26. Februar 1956 in Moskau statt. Er ist besonders wegen Nikita Chruschtschows vierstündigen Geheimrede bekannt, in der Stalins Verbrechen erstmals offengelegt wurden und gilt daher als Beginn der sogenannten Tauwetter-Periode

[11] Mesusa [hebr: Türpfosten]: Bezeichnung für eine kleine Schriftrolle mit Worten aus dem fünften Buch Mosis; wird in einer Kapsel am rechten Türpfosten eines jüdischen Hauses angebracht.

[12] Or Chadasch: Bewegung für progressives Judentum
 

Interview details

Interviewte(r): Wilhelm Steiner
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
Juli
Jahr des Interviews:
2002
, Austria

HAUPTPERSON

Wilhelm Steiner
Geburtsjahr:
1920
Geburtsort:
Wien
Todesjahr:
2008
Beruf
Vor dem 2. Weltkrieg:
Goldschmiedlehrling
nach dem 2. Weltkrieg:
Technischer Angestellter

AUDIO - INTERVIEW

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