Susi Bergstein

Susi Bergstein mit ihren Tanten Regina und Tekla und ihrem  Cousin ImreWien, Österreich

Susi Bergstein
Wien
Österreich
Name des Interviewers: Zsuzsi Szaszi
Datum des Interviews: Januar 2002

 

 

 

 

 

  • Meine Familiengeschichte

Ich bin Europäerin. Ich spreche Ungarisch, Deutsch, Kroatisch, ein bisschen Englisch und ein bisschen Französisch. Meine Muttersprache, der ich bis heute mächtig bin, obwohl ich einen Großteil meines Lebens in Österreich verbrachte, ist Ungarisch. Ich bin der Meinung, dass man seine Muttersprache nie verlernt, wenn man es nicht will.

Es gab in meiner Familie verschiedene Nationen: Polen, Deutsche, Ungarn. Deshalb glaube ich, dass Nationalismus Schwachsinn ist, denn es gibt keine reine Nation auf der Welt, es haben sich immer mehrere Nationen miteinander gemischt. 

Auch den echten Österreicher gibt es nicht! Ich bin seit 1927 österreichische Staatsbürgerin, bin in Ungarn geboren und im Alter von 11 Jahren nach Wien gekommen. Seit 1946 lebe ich wieder in Österreich. Bin ich Ungarin oder bin ich Österreicherin?

Ich heiße Susi Bergstein. Ich wurde 1916 in Szombathely [heute Ungarn] geboren - der Arzt Dr. Reichsfeld half mir auf die Welt. Mein Ur-Urgroßvater mütterlicherseits hieß Israel Rosenthal.

Die Familie lebte in Ungarn und besaß in der Stadt Tokaj, die im Nordosten Ungarns liegt, Weinberge.

Meine Urgroßmutter Hanna Rechnitz war eine geborene Rosenthal. Sie war die Tochter von Paula von Blumenfeld, die eine Cousine von Heinrich Heine [1] war. Das war eine deutsche Familie. 

Mein Urgroßvater war der Arzt Dr. Gottfried Rechnitz. Die Familie Rechnitz hatte auch eine Menge Verwandte mit dem Namen Rechnitzer, nur mein Großvater hatte das -er- verlassen und nannte sich Rechnitz. 

Diese Verwandten lebten alle in Zalaegerszeg [heute Ungarn].

Meine Urgroßeltern lebten in Krakau [heute Polen] und hatten vier Töchter: 

Tekla, Regina, Lola und meine Großmutter Eva. Lola, die Schwester meiner Großmutter ist in Krakau geblieben und im Holocaust mit ihrer ganzen Familie umgekommen. Tekla, verheiratete Fürst, ist nach Budapest gegangen, Regina, verheiratete Hoffmann, wurde 1944 im KZ Auschwitz [Polen] ermordet. 

Meine Großmutter hat später in Zalaegerszeg, Budapest und Szombathely, also heute liegt das alles in Ungarn, gelebt. Meine Großmutter Eva starb 1927, der Großvater Samu starb cirka 1900. Er war noch jung als er starb, ungefähr vierzig, da waren meine Mutter und ihre Geschwister noch Kinder. 

Mein Großvater väterlicherseits Dr. Vilmos Geiringer, war in zweiter Ehe mit Antónia Rechnitz, der Tante meiner Mutter verheiratet. Er lebte in Szombathely und besaß ein Geschäft mit Spielzeug und Musikinstrumenten. Mein Vater Zsigmond Geiringer wurde 1885 in Szombathely geboren. Er hatte keine Geschwister. 

Als ich sechs Jahre alt war, schenkte mein Großvater mir meine erste Geige. Ich bekam dann von der sehr bekannten Violinistin Alice Bárdos, einer Schülerin von Jenö Hubay, dem berühmten ungarischen Komponisten und Violinisten, Violinunterricht. Alice Bárdos wurde im Holocaust ermordet. 

 

  • Meine Kindheit

Ich hatte keine Geschwister und war damals genauso allein, wie ich auch jetzt allein bin. In Szombathely besuchte ich die jüdische Grundschule und dann ein viertel Jahr lang ein staatliches Gymnasium, denn es gab kein jüdisches Gymnasium. 

Ich bekam auch Religionsstunden, aber sonst spielte die Religion in unserem Leben keine Rolle. Meine Familie war nicht besonders religiös, nur mein Großvater Vilmos war religiös. Aber wir waren Juden und wussten, dass wir Juden sind. 

Mit den Großeltern feierten wir freitags immer den Schabbat [2]. Da sagte Großvater Vilmos ein Gebet, und es gab immer eine Gans zum Essen. 

Meine Mutter wurde 1886 in Zalaegerszeg geboren. Sie hatte zwei Geschwister - Tante Irénke [Irén Rechnitz] und Onkel Gyuri [György Rechnitz]. Irénke starb mit zwei Jahren an der Spanischen Grippe.

Meine Großmutter zog später nach Budapest, weil Onkel Gyuri in Budapest Pharmakologie studierte. 

Meine Mutter lebte dadurch, bevor sie meinen Vater heiratete, in Budapest. Sie war Angestellte einer Bank, was damals sehr ungewöhnlich war. Dann haben sich meine Eltern kennen gelernt, ich weiß aber nicht wie.

Es kann sein, dass sie sich schon zuvor gekannt hatten - sie waren ja verwandt miteinander. Meine Eltern mussten sich von einem Arzt untersuchen lassen, bevor sie heirateten, denn mein Vater war der Cousin meiner Mutter. 

Sonst war es kein Problem, dass sie Verwandte waren. In jüdischen Familien haben oft Cousin und Cousine geheiratet. Mein Vater war Rechtsanwalt, hatte in Budapest studiert, aber da seine Eltern in Szombathely lebten, zogen auch meine Eltern nach ihrer Hochzeit nach Szombathely.

 

  • Während des Krieges

1914 brach der 1. Weltkrieg aus, und mein Vater musste einrücken. Ich wurde 1916 geboren und lebte in Szombathely mit meiner Mutter, ihrer Mutter und deren Schwester Irénke. 

Nach vier Jahren, im Jahre 1918, als der Krieg zu Ende war, kam mein Vater vom Krieg zurück. Er trat der sozialdemokratischen Partei bei, die 1894 gegründet worden war. Er eröffnete eine schöne Kanzlei in Szombathely.

Mein Vater wurde Oberstaatsanwalt des Komitates Vas. Er nahm 1919 an der Räterepublik von Béla Kun [3] teil und musste dafür, als Horthy [4] an die Macht kam, ins Gefängnis. 

Es gab 1919 in Budapest einen radikaldemokratischen Versuch, die ‚133 Tage lange Räterepublik’. 133 Tage lang existiert eine Räterepublik unter der Führung Béla Kuns. Das war von März bis Juli 1919. 

Es gibt ein Buch in dem steht, dass der Bezirksstaatsanwalt vom Landesverband der Kleinlandwirte und Landarbeiter, also mein Vater, die Bauern zur Gründung des Bauernrates aufrief, woraufhin der Bauernrat gegründet wurde. 

Man war ihm so dankbar, dass Bauern ihm Geschenke im Wäschekorb brachten. ‚Nun, mein Sohn, wem hast du das weggenommen? ’ - fragte mein Vater. Von dem und dem… - sagte der, der es gebracht hatte. Dann sagte mein Vater: Komm, mein Junge, wir bringen es jetzt schön brav zurück. ’ 

Er wollte keine Geschenke. Béla Kun flüchtete dann vor der Gegenbewegung nach Wien. Er war kurze Zeit in Österreich interniert, bevor er in die Sowjetunion flüchtete. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ein Horthy - Offizier bei uns einquartiert war, der mich sehr gern hatte und sich mit mir befreunden wollte, ich aber habe ihm immer auf den Fuß gepinkelt. 

Und ich kann mich an eine Hausdurchsuchung erinnern, da wurden die Kissen aufgeschnitten - es hat Daunen geschneit. 23 Monate lang saß mein Vater dann aus politischen Gründen im Gefängnis, und als er in ein anderes Gefängnis hätte gebracht werden müssen, ist er plötzlich ‚verschwunden’ und nach Wien geflüchtet. 

Meine Mutter folgte ihm. Das war 1923 - ich war sieben Jahre alt. Ich blieb mit meiner Großmutter mütterlicherseits bis 1927 in Szombathely. Nachdem meine Eltern geflohen waren und ich mit meiner Großmutter lebte, gingen wir nur noch einmal im Jahr in die Synagoge, und im Haus der Schwester meiner Großmutter, der Regina Hoffmann, feierten wir die jüdischen Feiertage. 

Onkel Gyuri, der Bruder meiner Mutter, war inzwischen Pharmakologe geworden. Er wurde Apotheker in Tarcsafürdö. Tante Regina und ihr Mann Ignác taten sich mit einigen wohlhabenden Familien von Szombathely zusammen und kauften vom Grafen Batthyany das Heilbad von Tarcsafürdö [heute Bad Tatzmannsdorf, Österreich]. 

Tarcsafürdö ist ein sehr berühmter Kurort mit Ozon und saurem Wasser. Das ist sehr gesund, es ist gut für das Herz. Onkel Ignác hatte einen Bruder, der Lajos Hoffmann hieß und Militärarzt war. Als der 1. Weltkrieg zu Ende war, wurde er der erste Arzt vom Heilbad in Tarcsafürdö. 

Onkel Gyuri konnte aber nur im Sommer wegen der Touristen in der Apotheke arbeiten, so dass er mit seiner Familie nach Oberwart [Österreich] ging und dort als Apotheker arbeitete. 1938, nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich, wurde ihm in der Apotheke gekündigt, und er musste nach Wien übersiedeln. 

Von Wien wurde er mit seiner Frau nach Auschwitz verschleppt. Sie sind aber nicht angekommen, weil sie sich unterwegs vergifteten. Da er Pharmakologe war, hatte er Gift. [DÖW-Opfer-Datenbank: Georg Rechnitz geb. 23.8.1888, und Rosa Rechnitz geb. 28.10.1893, zuletzt in Bad Tatzmannsdorf, am 14.6.1944 von Ungarn nach Auschwitz deportiert und umgekommen]. 

Ihre Kinder, meine Cousine und mein Cousin haben den Krieg überlebt. Das Mädchen war vierzehn Jahre alt und kam mit einer Gruppe nach England, dort lebt sie auch heute noch. Und der Junge kam illegal in die Schweiz. Auch er lebt bis heute noch in der Schweiz. 

Im Jahre 1927 ist meine Großmutter gestorben. Da ging ich für ein halbes Jahr zu meinem Onkel ins Burgenland. Meine Eltern hatten damals noch keine Wohnung und lebten als Emigranten in einem Zimmer in Wien.

In Österreich hatte man Sozialdemokraten nicht gern, es wurde ihnen nicht geholfen. Mein Vater durfte nicht einmal arbeiten, denn er musste erst sein Diplom als Anwalt nostrifizieren lassen. Er wurde krank und kam ins Krankenhaus, und als er das Krankenhaus verließ, bekam er eine Einzimmerwohnung im 7. Bezirk.

Da konnte ich nach Wien kommen und lebte dann mit meinen Eltern bis 1938 zusammen. Meine Mutter sprach sehr schön Deutsch, denn auch meine Großmutter hatte ein schönes Deutsch gesprochen, obwohl sie Polin war. Mein Vater sprach auch Deutsch, aber man konnte immer hören, dass er Ungar war. 

1938 heiratete ich meinen ersten Mann. Wir haben uns über meinen Onkel kennen gelernt. Eines Tages kamen mein Onkel und ein anderer Verwandter und sagten, dass an dem Tag ein junger Mann meines Alters bei ihnen zu Gast sei, der sehr schön Klavier spielen könne. Ich sagte ihnen, sie sollen mich in Ruhe lassen, ich hätte keine Zeit, denn ich war wirklich sehr müde an dem Tag. 

Sie ließen mir aber keine Ruhe, so bin ich doch hingegangen. Dort habe ich ihn kennen gelernt. Ich spielte die Violine und er Klavier. Wir musizierten dann den ganzen Abend miteinander. Der Vater meines ersten Mannes war Maschinenbauingenieur und wollte 1900 bei der Wiener Eisenbahnbaugesellschaft arbeiten. 

Aber schon damals gab es Antisemitismus, den es meiner Meinung nach immer geben wird, also, hat man keine Juden aufgenommen. So ließ er sich mit seiner Frau taufen, sogar noch vor der Hochzeit. Vor dem Krieg, 1897 bis 1910 war das, gab es in Wien einen Bürgermeister, den Karl Lueger. Der gesagt hat: ‚Wer ein Jude ist, das bestimme ich! ’ 

Die Juden, die Geld hatten und die er brauchte, waren keine Juden. Ich mag die Österreicher nicht, obwohl man sie nicht alle in einen Topf werfen kann, aber die in Niederösterreich waren wirklich sehr antisemitisch, das kam aus den Kirchen. 

Ich habe nie in meinem Leben einen Unterschied zwischen einem Menschen und dem anderen gemacht, aber einen Nichtjuden hätte ich nie geheiratet. Mein erster Mann hat keinerlei jüdische Identität empfunden. Ich weiß noch, wir begleiteten einander in der Nacht, einmal ich ihn und einmal er mich, und wir unterhielten uns über solche Sachen. Ich sagte ihm: 

‚Du bist umsonst getauft worden, man sieht es an deiner Nase, dass du Jude bist’, aber er hat es nicht verstanden. Als dann die Nazis kamen, hat er es verstanden. Wir haben uns im April 1938 kennen gelernt, heirateten am 4. Juni und flüchteten am 8. August nach Kroatien zu seiner Schwester.Umsonst waren er und auch seine Schwester als Christen geboren. Für die Nazis war es egal. 

Am 9. August 1938 hatte die SS bereits nach meinem Mann gesucht.Die Schwester meines Mannes lebte mit ihrem Mann in Zagreb. 

Später kam auch meine Schwiegermutter nach Zagreb, und wir wohnten zu fünft in der Wohnung. Wir mussten uns versteckt halten, die Nazis haben auch dort die Leute zusammengefangen und in die Vernichtungslager deportiert. 

Viele Juden sind nach Italien geflüchtet, aber wir hatten niemanden dort. Deshalb blieben wir in Jugoslawien. Als nach dem Krieg Tito [5] zur Macht kam, wollte man unbedingt, dass wir der Kommunistischen Partei beitreten, weil man wusste, dass wir Flüchtlinge waren. Da hat mein Mann gesagt: 

‚Dann gehen wir lieber nach Österreich! ’ Man hat uns praktisch des Landes verwiesen. Am 29. Jänner 1946 kamen wir zurück nach Österreich. 14 Tage hat die Fahrt von Zagreb nach Wien gedauert, denn wir wurden an der Grenze von den Engländern festgehalten, weil es in unserer Gruppe einen Mann gab, der denselben Namen hatte, wie einer, nach dem sie gefahndet haben. 

Es war sehr kalt, wir hätten an der Grenze den Zug wechseln müssen, aber die Engländer ließen uns nicht umsteigen. Wir konnten uns noch glücklich schätzen, dass wir nicht in irgendein Lager gebracht wurden. 

Es gab dort ein Bahnhofsrestaurant, da haben wir ein Zimmer bekommen, aber von dort hatten die Russen alles mitgenommen, was zu bewegen war. Es gab keine Heizung im Zimmer und keine Matratze im Bett. Damals begann mein Ischias.

Endlich waren wir dann in Wien. Wien sah damals schrecklich aus! Vieles war zerstört, und es gab weder einen Autobus noch eine Straßenbahn. Es hat neun Monate gedauert, bis wir eine Wohnung bekamen. Ich habe immer gesagt, ich werde leichter ein Kind als eine Wohnung bekommen. 

Mein Mann war Lehrer, und ich habe in verschiedenen Berufen gearbeitet. Mein Mann und ich wollten zum Beispiel mal eine Leihbibliothek eröffnen, denn wir hatten einen Bekannten in Polen, der uns dafür viele deutsche Bücher gegeben hätte. Aber die Bibliothek wurde nicht genehmigt, weil mein Mann ‚nur’ in Germanistik ein Diplom hatte - er hatte keine Ausbildung zum Bibliothekar. 

Meine Eltern waren, während ich in Jugoslawien war, bis 1941 in Wien. 1941 überquerten sie die ungarische Grenze zu Fuß. Man wollte sie schon damals deportieren. Mein Vater war das Flüchten gewohnt. 

Meine Eltern dachten, dass es in Ungarn leichter sein werde, denn da waren die Deutschen noch nicht, und in Österreich war der Antisemitismus nach 1938 sehr stark. Meine Mutter war seit 1933 krank, sie hatte Multiple Sklerose. Als sie über die Grenze kamen, fiel sie um und konnte nicht weiter gehen. 

Mit einer Kutsche wurden sie bis Győr gebracht. Dort hat ihnen jemand geholfen, aber sie wurden angezeigt und nach Budapest abgeschoben. Mein Vater wurde von dort immer wieder in ein Lager geschleppt, aber er ist immer wieder entkommen und hat meine Mutter gefunden.

Die Neurologin des Judenkrankenhauses war damals Irén Kaufmann, mit der wir irgendwie verwandt waren. Sie ermöglichte meinen Eltern, zwei Jahre in dem Krankenhaus unterzutauchen. Wir haben ihr sehr, sehr viel zu verdanken.

 

  • Nach dem Krieg 

Nach dem Krieg fuhren mein Mann und ich nach Budapest, denn ich wollte meine Eltern nach Wien holen, aber sie wollten nicht kommen. 

Auch 1948 wollten sie nicht kommen, denn damals war das Leben in Budapest besser als in Wien. 1950 hatten die Kommunisten bereits die Macht übernommen und meine Eltern erhielten ein Visum für Österreich, aber sie erhielten keine Ausreisegenehmigung aus Ungarn. 

Mein Vater hatte nämlich die ungarische Staatsbürgerschaft wieder angenommen, sonst hätte er nicht als Anwalt arbeiten können. Er war ein sozial sehr einfühlsamer Anwalt und hatte ein großes Wissen. 

Manche hatten ihn nicht besonders lieb, weil er allen seine Meinung sagte. So bin ich auch! 1954 sind meine Eltern doch nach Wien gekommen, sie hatten endlich die Genehmigung erhalten. Sie waren beide sehr krank, und kamen auch gleich ins Krankenhaus. Mein Vater starb 1956, meine Mutter lebte noch bis 1971. 

Zwei Weltkriege habe ich erlebt, zweimal bin ich aus meiner Heimat geflüchtet. Seit 55 Jahren lebe ich in einem Haus, das ich von Anfang an gehasst habe. Es ist dunkel, die Sonne scheint nie hinein. 

Aber ich konnte nicht weg, weil ich kein Geld hatte. Ich habe mich 1952 von meinem Mann scheiden lassen. Meine Mutter meinte immer, ich würde nie einen Freundeskreis haben, weil ich immer jedem klipp und klar meine Meinung gesagt habe.

 Ich sage darauf: entweder nimmt man mich so, wie ich bin, oder nicht. Wenn nicht, auch gut! Mein erster Mann heiratete in Wien eine Frau, die zehn Jahre jünger war als er. Sie haben zwei Kinder, die zu mir sehr gut sind. 

Sie sorgen sehr brav für mich. Mein erster Mann ist 1971 an einem Herzinfarkt gestorben, und auch seine Frau ist schon tot. Ich selbst habe keine Kinder, weil ich im Krieg keine wollte, und nach dem Krieg ist meine Ehe in die Brüche gegangen. 

Mein zweiter Mann Sándor Bergstein war zufällig auch aus Szombathely. 1925 war er nach Wien gekommen, und wir haben uns hier in Wien kennen gelernt. Das war 1954. Eine Bekannte nahm mich mit ins Künstlerhaus zu einem Maskenball. 

Als ich zum Buffet ging, kam mir ein Mann entgegen. Er musterte mich von Kopf bis Fuß, wie das bei Männern so üblich ist, und er sprach mich an. ‚Ach, Sie sind auch aus Ungarn’ sagte ich ‚dann können wir uns doch auch auf ungarisch unterhalten. ’ 

Er fragte mich, woher ich wüsste, dass er Ungar sei. ‚Ich höre es doch’, habe ich gesagt. Schließlich hat sich herausgestellt, dass er auch aus Szombathely kommt, und er hat mich gefragt, wen ich in Szombathely kannte. 

Die Essig-Hoffmanns’ habe ich geantwortet. Die Hoffmanns hatten vor dem Krieg eine Essigfabrik in Szombathely. ‚Sie stammen aus so einem guten Stall? ’ hat er mich daraufhin gefragt. Meine Großtante Regina, die Schwester meiner Großmutter, hatte vier Kinder: János Hoffmann, der 1895 geboren wurde und 1944 ermordet wurde, die Maria Faludi, geborene Hoffmann, die 1902 geboren wurde und 1992 gestorben ist, den Imre Hoffmann, der 1901 geboren wurde und 1933 gestorben ist und die Pauline Pollák, geborene Hoffmann, die 1905 geboren wurde und 1944 ermordet wurde. 

Es hat sich herausgestellt, dass mein Mann und die Pauline sehr verliebt vor dem Krieg ineinander waren und heiraten wollten. Sie konnten aber nicht, weil sie beide zu wenig Geld hatten. 

Die Lola hat später Zsigmond Pollák geheiratet. Sie hatte mit ihm einen Sohn András, der 1937 geboren wurde und 1944 ermordet wurde. Sie und das Kind sind umgekommen, nur ihr Mann ist am Leben geblieben. 

Während des Krieges war mein Mann aus Wien nach Ungarn geflohen. Man hat ihn 1944 in die Donau getrieben und auf ihn geschossen. So kamen viele Juden in Ungarn ums Leben, aber er kam aus dem Wasser und lag zwei Wochen im Krankenhaus. 

Wir haben 1955 geheiratet, aber wir haben kein Kind bekommen, denn mein Mann war 19 Jahre älter als ich und wollte kein Kind. 

Das war also mein Leben. Es war nicht schön, es gab nur schöne Momente. Aber es war trotzdem schön zu leben. Ich habe einiges sehen dürfen und Gott sei Dank ist man so konstruiert, dass das Schöne bleibt. 

Das Schlechte vergisst man. Ich bin keine religiöse Jüdin, ich gehe auch nicht in die Synagoge. Trotzdem weiß ich, wohin ich gehöre. Ich weiß nicht, was Heimweh ist. In Ungarn war ich vergangenes Jahr das letzte Mal. 

Ich wollte mir eine Wohnung kaufen in Budapest, um jedes Jahr einige Wochen dort leben zu können, dann habe ich es aber doch nicht gemacht.

 

  • Glossar:

[1] Heine, Christian Johann Heinrich [1797 bis 1856] geboren als Harry Heine. 

Deutscher Dichter und Journalist. Heine war Sohn jüdischer Eltern, ließ sich aber protestantisch taufen, was ihm aber nicht geholfen hat, um seine beruflichen Anstellungschancen als Jurist zu erhöhen. 

Er wurde einer der bedeutendsten deutschen Dichter und Journalisten des 19. Jahrhunderts. Er war der letzte Dichter der Romantik und verlieh der deutschen Sprache eine elegante Leichtigkeit. Er starb 1856 an Bleivergiftung in Paris.

[2] Schabbat [hebr.: Ruhepause]: der siebente Wochentag, der von Gott geheiligt ist, erinnert an das Ruhen Gottes am siebenten Tag der Schöpfungswoche. 

Am Schabbat ist jegliche Arbeit verboten. Er soll dem Gottesfürchtigen dazu dienen, Zeit mit Gott zu verbringen.

Der Schabbat beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend. 

[3] Kun, Béla [1886 bis1939], geboren als Béla Kohn: Ungarischer Politiker. Béla Kun wurde im 1. Weltkrieg in russischer Gefangenschaft Kommunist. Er kam nach dem 1. Weltkrieg, noch im Jahre 1918, nach Ungarn zurück und bildete eine Räterepublik aus Kommunisten und Sozialisten.

Die Banken, Industriebetriebe und landwirtschaftliche Güter wurden verstaatlicht und die Kommunisten übernahmen bald die absolute Herrschaft - es entstand eine Diktatur mit einer Armee, die in die Slowakei einmarschierte. Béla Kuns Regierung wurde durch tschechische und rumänische Truppen am 1. August 1919 gestürzt.

Er flüchtete nach Österreich, dann in die Sowjetunion und arbeitete dort weiter am Aufbau des Kommunismus. 1939 wurde er in der Sowjetunion im Rahmen der ‚stalinistischen Säuberungen’ ermordet. 

[4] Horthy, Miklós [1868-1957] war von 1920 bis 1937 Reichsverweser von Ungarn und von 1937 bis 1944 Regent von Ungarn. Er errichtete in Ungarn eine nationalsozialistische Diktatur und kooperierte mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Trotz seines Antisemitismus lie0 er es 1942/43 nicht zu, dass die ungarischen Juden deportiert wurden. Erst 1944, nach dem Einmarsch der Deutschen in Ungarn, installierte er eine Regierung, die den Deutschen half, die ungarischen Juden zu vernichten. Horthy versuchte, Frieden mit den Alliierten zu schließen und musste im Oktober 1944 abdanken. Er starb in Portugal.

[5] Tito [Josip Broz, 1892 - 1980], jugoslawischer Politiker: Als Broz 1934 Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei Jugoslawienswurde und in den politischen Untergrund ging, nahm er das Pseudonym Tito an. Tito war im 2.

Weltkrieg Partisan und kämpfte gegen die deutschen und italienischen Besatzer Jugoslawiens. Nach dem Krieg war er Ministerpräsident und dann Staatspräsident bis zu seinem Tod. Durch seine Politik blieb Jugoslawien ein blockfreies Land und weitgehend unabhängig von der Sowjetunion.

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Susi Bergstein
Interviewt von:
Szászi Zsuzsa
Monat des Interviews:
Januar
Jahr des Interviews:
2002
Wien, Österreich

HAUPTPERSON

Susi Bergstein
Geburtsjahr:
1916
Jahrzehnt der Geburt:
1910
Geburtsort:
Szombathely
Geburtsland:
Österreich-Ungarn
Familiennamen
  • Vorheriger Familienname: 
    Geiringer Zsuzsa
    Jahr der Namensänderung: 
    1938
    Grund der Namensänderung: 
    Heirat
    Decade of changing: 
    1930
  • Vorheriger Familienname: 
    Susi Nussbaum
    Jahr der Namensänderung: 
    1955
    Grund der Namensänderung: 
    Wiederverheiratung
    Decade of changing: 
    1950
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