Paul Rona

Wien, Österreich

Interview Paul Rona
Wien
Österreich
Datum des Interviews: August 2003
Interviewer: Tanja Eckstein

Durch eine Bekannte erfahre ich von Paul Rona, der bis vor kurzem im DÖW [Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes] freiwillige Arbeit leistete. Er empfängt mich in seiner Wohnung im 23. Bezirk und erzählt über sein Leben, wobei er eine Zigarette nach der anderen raucht und sehr starken schwarzen Kaffee trinkt. Es beschäftigt ihn sehr, wo die Gründe dafür zu finden sind, dass er Kommunist wurde. Jetzt, im Alter, sieht er Zusammenhänge, die er früher weit von sich gewiesen hätte. Einige Monate nach meinem Interview erkrankt Paul Rona und muss operiert werden. Ich besuche ihn fast ein Jahr nach dem Interview, um ihm seine Geschichte vorzulesen. Er ist noch schmaler geworden, raucht nicht weniger Zigaretten und trinkt sehr starken schwarzen Kaffee. Gemeinsam mit seiner wunderbaren Frau hilft er mir, seine Lebensgeschichte fertig zu stellen.

Paul Rona stirbt im Juni 2004.

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Während des Krieges
Flucht nach Palästina
Nach dem Krieg
Glossar

Meine Familiengeschichte

Meine Großeltern väterlicherseits waren orthodoxe Juden, zumindest die Großmutter, aber ich nehme an, der Großvater auch. An den Großvater kann ich mich nicht erinnern, weil ich 1922 geboren wurde und er 1923 oder 1924 gestorben ist. Sie hießen Rosenzweig, aber ihre Vornamen kenne ich nicht. Meine Großeltern lebten in Ungarn, in Kolta, das ist ein Dorf in der Nähe von Komarom. Diese Gegend war bis zum 1. Weltkrieg der ungarisch sprechende Teil der heutigen Slowakei. Sie besaßen einen für Dörfer typischen Gemischtwarenhandel. Es gab nur die Dinge, die man in Kolta brauchte: Lebensmittel, Tischdecken, Schürzen, Stiefel und solche Sachen. Auch an eine kleine Landwirtschaft kann ich mich erinnern und an die Ganseln, wie sie gestopft und geschlachtet wurden. Und daran, dass meine Großmutter eine Perücke getragen hat. In meiner Erinnerung ist die Großmutter eine sehr alte Frau, ich schätze, sie war 75 Jahre alt, als sie 1935 gestorben ist. Ich habe leider nie Familienforschung betrieben, aber Bruchstücke der Vergangenheit sind vorhanden. Die Großeltern starben in Kolta - zum Glück vor dem 2. Weltkrieg.

Mein Vater hatte fünf Geschwister, die alle älter waren als er und zu denen wir vor dem Holocaust immer Kontakt hatten.

Eine Schwester meines Vaters, deren Namen ich nicht mehr weiß, ist in Kolta geblieben und heiratete Jenö Kalmar. Sie hat nach dem Tod der Großeltern das Geschäft und den landwirtschaftlichen Besitz übernommen. Der Onkel Kalmar hatte immer eine Kopfbedeckung, aber er trug keinen Kaftan. Wie das mit der Erbschaft genau geregelt wurde, weiß ich nicht, denn alle anderen Geschwister lebten zu dieser Zeit bereits in Wien. Die Familie Kalmar hatte zwei Töchter: Margit und Lenke. Margit war ledig, zwei bis drei Jahre älter als ich und meine Lieblingscousine, weil sie sehr hübsch war. Sie ist gemeinsam mit ihren Eltern ermordet worden. Wo und wie sie ermordet wurden, weiß ich nicht. Die andere Tochter hieß Lenke. Sie ist Anfang der 1980er-Jahre in Australien gestorben. Lenke heiratete mehrere Male, aber ich kenne die Namen der Männer nicht. Sie hat schon vor dem Krieg in Budapest gelebt und den Krieg dort überlebt. Vor dem Krieg besuchten wir sie einmal, und ich erinnere mich dunkel, dass sie mit einem Bäckermeister verheiratet war, aber wie der hieß, weiß ich nicht. Während des Ungarnaufstandes [1] 1956 ist sie nach Australien emigriert und hat in Australien noch einmal geheiratet. Sie war nicht besonders schön, auch als junge Frau nicht, aber die Margit war sehr hübsch.

Eine Tante hieß Stefanie Rosenzweig. Sie wurde am 11. Oktober 1881 in Kolka geboren, war neun Jahre älter als mein Vater und heiratete Josef, Joschi wurde er genannt, Markstein, der am 25. Oktober 1874 geboren wurde. Die Familie wohnte in Wien, auf der Brigittenauer Lände Nummer [20. Bezirk] 54, glaube ich. Sie hatten ein gutgehendes Wäschegeschäft auf der Wallensteinstrasse. Mit den Marksteins waren wir am besten, mit denen waren wir am meisten zusammen. Die Tante Stefanie ist für mich wie eine Mutter gewesen. Sie hatten einen Sohn Otto, der am 4. Januar 1907 in Wien geboren wurde. Als er erwachsen war, arbeitete er gemeinsam mit seinen Eltern im Geschäft. Er heiratete in Wien Marianne Kulka, die 1909 geboren wurde. Otto war sechzehn Jahre älter als ich und hatte drei Kinder: Peter, Steven und Vivian. Peter wurde vor dem Holocaust, im Jahre 1936, in Wien geboren. Otto ist mit seiner Familie nach New York geflüchtet - Mariannes Onkel, der bereits in Amerika gelebt hat, hatte für sie gebürgt. Otto wollte von Amerika aus seine Eltern nachkommen lassen, aber es ist ihm nicht gelungen. Tante Stefanie und Onkel Joschi wurden am 20. Mai 1942 von Wien nach Maly Trostinec [2] deportiert und am 26. Mai in Maly Trostinec ermordet.

In New York hat Otto ein Discount Geschäft eröffnet, in dem alles nur einen Dollar gekostet hat. Marianne hat in einer Bank gearbeitet. Steven und Vivian wurden in New York geboren. Peter arbeitete bei IBM, seine Frau Vicky ist Jüdin. Ihre Eltern kamen aus Südfrankreich nach Amerika. Steven, der 1942 geboren wurde, war Rechtsanwalt und ist 1996 an Krebs gestorben. Vivian arbeitet als Schulpsychologin. Marianne starb 1993 in New York und Otto starb am 13. März 2000 in New York.

Josef Rosenzweig, ein Bruder meines Vaters, wurde 1875 in Kolta geboren und ist knapp nach meiner Geburt, am 23. Mai 1923, in Wien, gestorben. Er liegt auf dem Zentralfriedhof begraben. Dieser Onkel besaß ein Wäschegeschäft, und mein Vater war Lehrling bei ihm. Josef Rosenzweig war verheiratet mit Tante Teresa. Sie wohnten in der Greiseneckergasse [20. Bezirk] und hatten zwei Söhne: Theo und Luis. Nach seinem Tod hat mein Vater das Geschäft seines Bruders in der Wallensteinstrasse übernommen. Jetzt ist da das Kaffeehaus Alberti drinnen. Mit Theo und Luis war ich auch nach dem Krieg noch recht gut. Der Luis ist schon als Kind das schwarze Schaf der Familie gewesen. Einmal ist er mit dem Roller vor dem Geschäft meines Vaters hin und her gefahren. Da hat ihn mein Vater gefragt, warum er nicht in der Schule ist? Luis antwortete, es sei ein jüdischer Feiertag! Am nächsten Tag ist er wieder mit dem Roller vor dem Geschäft hin und her gefahren, und da mein Vater wieder gefragt und er hat gesagt: ‚Heute ist Religionsunterricht’, er gehe nicht hin. Der Luis war das Schreckgespenst in der Familie. Nicht, dass er etwas angestellt hätte, aber meine Mutter hat immer zu mir gesagt: ‚Werde so wie der Theo, nicht wie der Luis!’

Theo, der Bruder vom Luis wurde Prokurist in der Fabrik seines Cousins Emmerich. Er hat Hilde geheiratet, und sie hatten eine Tochter Hertha, die 1936 in Wien geboren wurde. Er ist mit seiner Familie und seine Mutter nach Shanghai geflüchtet. Dort haben sie den Krieg überlebt, dann sind sie weiter nach Australien emigriert. Theo hatte auch eine uneheliche Tochter mit seinem ehemaligen Dienstmädchen in Wien. Dieses ehemalige Dienstmädchen ging nach Oberösterreich und heiratete einen Eisenbahner. Zum Glück hatte sie nicht angegeben, dass ihre Tochter unehelich ist. So ist der Tochter während des Krieges nichts geschehen, denn niemand wusste, dass sie ein Mischling ist. Nach dem Krieg, ich war schon verheiratet, irgendwann in den 1970er-Jahren, ist Theo nach Wien gekommen und hatte Gewissenskonflikte. Er wusste nicht, ob er sich erkundigen soll, was aus den allen geworden ist. Er hat sich dann schließlich erkundigt und auch zwei, drei Urlaube bei seiner ehemaligen Freundin verbracht. Theo bekam sogar bei ihr einen Schlaganfall, und ich habe ihn mit dem Auto abgeholt. Dann ist er wieder nach Australien geflogen und Mitte der 1980er-Jahre gestorben. Seine Tochter Hertha starb 1997. Seine uneheliche Tochter lebt sehr gut in Amerika - einmal haben wir sie in Wien im Café Ritter getroffen.

Luis hat in Frankreich, Algerien und Italien den Holocaust überlebt. Er war gleich im März 1938 nach Frankreich geflüchtet. Er war acht Jahre älter als ich und hatte zu dieser Zeit eine recht hübsche jüdische Freundin aus Rumänien, sie hieß Wilhelmine Zissu. Von Frankreich ist Luis nach Algier [Algerien] gegangen. Er war kurze Zeit in irgendeinem Internierungslager, ging nicht zur Fremdenlegion und wurde aus dem Lager von den Engländern befreit. Er ist dann in die englische Armee eingetreten und rüstete als Sergeant der englischen Armee ab. 1949 kam er nach Wien zurück und hatte dann eine Textilvertretung. Es ist ihm recht gut gegangen. Als ich nach dem Krieg brieflich mit ihm in Kontakt war, schrieb er, er werde bald heiraten. Ich fragte ihn aus Spaß, ob das noch die Rumänin sei - sie war es wirklich! Sie war im März 1938 zurück nach Rumänien gegangen und hatte mit ihren Eltern dort den Holocaust überlebt. Gleich nach dem Krieg haben sie sich wieder gefunden - es war eine große Liebe! Sie ist leider bereits Anfang der 1970ger-Jahre gestorben. Mit Luis war ich in Wien nach dem Krieg sehr gut, er war der einzige Blutsverwandte, den ich nach dem Krieg in Wien hatte. Das sind Emigrantenschicksale! Seine zweite Frau war eine Italienerin und hieß Marcella. Bis zu seinem Tode hatte Luis eine Wohnung am Passauer Platz [1. Bezirk] in Wien, die läuft jetzt unter dem Namen seiner Frau, die hin und wieder nach Wien kommt. Luis ist 1996 in Rom gestorben.

Onkel Ludwig war mit Tante Mizzi verheiratet. Sie hatten ein Stoffgeschäft, auch auf der Wallensteinstrasse. Sie sind mit einem Kapitalistenzertifikat [3] nach Palästina geflüchtet und in Tel Aviv gestorben. Kinder hatten sie keine.

Tante Therese Rosenzweig wurde am 15. September 1876 in Kolta geboren und war mit Isidor Strasser, der am 3. Oktober 1874 geboren wurde, verheiratet. Sie waren die Reichsten der Familie. Ihnen gehörte das Café Ritter im 6. Bezirk auf der Mariahilferstrasse, samt dem Haus. Sie waren wirklich vermögend. Ihre Kinder waren der Emmerich, der Paul und die Käthe. Die Käthe ist die Älteste gewesen, sie war meine Lieblingstante. Eigentlich aber war sie meine Cousine, die fast 24 Jahre älter war als ich und zwei oder drei Jahre jünger als meine Mutter. Käthe hatte einen Herrn Himmler geheiratet und mit ihm zwei Söhne: Ernst und Egon. Der Ernstl war ein Jahr älter und der Egon ein Jahr jünger als ich. Wir sind sehr oft zusammen gewesen. Denen ging es auch gut, sie wohnten in der Kaiserstrasse [7. Bezirk].
Dem Emmerich gehörte die Textilfabrik Emstra und Paul hat das Kaffeehaus Ritter übernommen, denn der Onkel war schon ziemlich alt.

Mein Vater hieß Alexander Rosenzweig. Er ist am 13. April 1890 in Kolta geboren. Ich glaube, die Religion spielte in der gesamten Familie, außer bei meinem Vater und bei den Strassers, kaum eine Rolle. Onkel Isidor war sogar im Vorstand irgendeines Tempels im 6. Bezirk. Ich erinnere mich deshalb daran, weil wir zu Weihnachten immer einen Baum hatten, mit einem Magen David [Davidstern] auf der Spitze. Vor Jahren hat es in Wien im Jüdischen Museum eine Ausstellung über ‚Weihnukka’ gegeben, dem Fest, das sich zwischen Weihnachten und Chanukka nicht entscheiden kann. Als ich diese Ausstellung sah, erinnerte ich mich an unsere Feste.

Es gab auch Neffen in meinem Alter, wir waren zusammen immer fünf Kinder, und es war ein großes Hallo.

Ermordet wurden von der Familie väterlicherseits Tante Stefanie und Onkel Josef Markstein, meine Eltern und Tante und Onkel Kalmar mit ihrer Tochter Margit. Von meiner Familie mütterlicherseits überlebte niemand.

Die Familie meiner Mutter hieß Bing. Wie mein Großvater mit dem Vornamen hieß, weiß ich leider nicht. Aber die Großmutter hieß Johanna. Sie lebten in der heutigen Slowakei, in Banska Stiavnica, zu Deutsch Schemnitz. Das ist eine wunderschöne Stadt, die cirka 80 Kilometer von Bratislava entfernt liegt. Es ist keine große Stadt, aber eine bedeutende Stadt mit Gold und Silberbergbau. Dort stehen historisch wertvolle Bauten, Renaissancebauten, sogar gotische Bauten. Es war und ist ein sehr schöner Ort. Es gibt jetzt noch ein Museum und ein Bergwerk, es war die ganze Zeit erhalten, auch in der Zwischenkriegszeit, aber das Bergwerk ist, solange ich mich erinnern kann, geschlossen. Wie viele Juden es in Banska Stiavnica gab, weiß ich nicht. Aber es gab eine jüdische Gemeinde, eine Synagoge und einen jüdischen Friedhof, der neben dem christlichen Friedhof liegt. Die Synagoge wurde nach dem Krieg zu einer Tischlerei.

Ich war komischerweise alle 20 Jahre in Banska Stiavnica zu Besuch. Im Jahre 1968 haben wir unseren Urlaub dort verbracht, da war das Grab meiner Großeltern noch erhalten. Zwanzig Jahre später nicht mehr, es war unauffindbar. Der Friedhof ist noch gestanden, war aber total zerfallen, und wir haben in dem Gestrüpp gesucht. Die Steine waren umgefallen, und ich habe es nicht mehr gefunden.

Mein Großvater hatte eine große Bibliothek in seinem Haus. In der Bibliothek standen Klassiker, nicht nur Goethe und Schiller. Vor kurzem habe ich am Flohmarkt Bücher gekauft, die auch in der Bibliothek des Großvaters gestanden sind. Zum Beispiel hat er Theodor Körner geliebt. Den Großvater habe ich als besonders liberal im Gedächtnis. Er war sicher nicht sehr religiös. Auch diese Großeltern haben ein Geschäft besessen. Es war so ähnlich, wie das Geschäft meiner Familie in Kolta, aber es gab keine Lebensmittel zu kaufen. Dort hat es eher Stoffe, Wäsche und Ausstattungsgegenstände gegeben. Die Großeltern haben uns nie in Wien besucht, denn es war nicht ganz einfach nach Wien zu kommen. Es war auch relativ kompliziert, nach Banska Stiavnica zu fahren. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Banska Stiavnica zu kommen, ist auch heute noch nicht so einfach. Ich war 1948 mit der Freien Österreichischen Jugend [4] in der Tschechoslowakei und habe dort geholfen, die Eisenbahn zu modernisieren.

Tante Irma, die Schwester meiner Mutter, war zehn bis fünfzehn Jahre jünger als meine Mutter. Sie hat mit ihrem Mann ein Kleidergeschäft in Banska Stiavnica besessen. Tante Irma hatte einen sehr feschen Mann geheiratet, aber ich weiß nicht, wie er hieß. Sie hatten zwei Kinder, von denen ich ein Foto besitze, aber die Namen der Kinder habe ich leider vergessen.

Onkel Alexander wurde zwischen Tante Irma und meiner Mutter geboren. Er war Bankbeamter, lebte mit seiner Frau und Tochter Olga, die ein sehr hübsches Kind war, in der Stadt Zilina, deutsch Silein. Heute liegt die Stadt in der Slowakei. Später lebten sie, glaube ich, in Ushgorod, weil mein Onkel beruflich dorthin versetzt wurde. Ushgorod liegt heute in der Ukraine. Was aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht. Ich habe nie wieder von ihnen gehört.

Onkel Arpad, der Bruder meiner Mutter und der Jüngste in der Familie, war nicht verheiratet. Er besaß eine Schneiderei, und in der Schneiderei wurde Kleidung gefertigt, die im Geschäft der Großeltern und im Geschäft der Tante Irma verkauft wurde.

Meine Großmutter starb 1934, der Großvater starb 1942.

Meine Mutter hieß Stefanie. Sie wurde 11. März 1895 in Banska Stiavnica geboren. Sie war die älteste ihrer Geschwister, und mein Vater war der jüngste seiner Geschwister.

Meine Eltern haben wahrscheinlich in Kolta geheiratet und sind dann zusammen nach Wien gegangen, weil in Kolta nur Arbeit für eine Familie war - für die Tante mit dem Jenö Kalmar. Alle anderen Geschwister sind nach Wien gegangen. Mein Vater war noch im k. u. k. Militär, während seine Geschwister schon in Wien lebten. Verwandt waren meine Eltern nicht miteinander. Die Orte, in denen sie gelebt haben, liegen ungefähr 80 Kilometer voneinander entfernt. Es ist möglich, dass sie von Kolta aus ein Schadchen, einen jüdischen Heiratsvermittler, hatten.

Nachdem meine Eltern geheiratet hatten, bezogen sie am Sachsenplatz [20. Bezirk] eine Einzimmer-Küche-Wohnung. Heute würde man sagen, das Haus war ein Substandardhaus. Jetzt leben in diesem Haus nur Ausländer, einmal war ich da und habe mir die Namensschilder angesehen.

Meine Kindheit

Ich wurde am 24. Februar 1922 in Wien geboren. Ich glaube, 1936 sind wir im gleichen Haus am Sachsenplatz in eine andere Wohnung mit einem Kabinett gezogen. Unsere Familie war sicher die am wenigsten wohlhabende der Familie. Ich vermute, dass die Geschwister meines Vaters uns finanziell geholfen haben, schon vor dem Jahre 1938, denn er war kein sehr guter Geschäftsmann. Das Geschäft war nicht gerade klein, aber es ist nicht gut gegangen. Direkt gespürt habe ich nichts, ich war kein unglückliches Kind. Ich kann mich aber auch nicht erinnern, dass ich ein besonders glückliches, fröhliches Kind gewesen wäre. Es gibt so zwei, drei Sachen, an die ich mich erinnern kann, bevor ich in die erste Volksschulklasse kam: Meine Mutter hat mir, wie das jüdische Mütter öfters getan haben, das Alphabet beigebracht, und ich habe das mit großem Interesse gelernt. Ich lese bis heute sehr gern und habe auch als kleines Kind gern gelesen. Wie mein Vater das gesehen hat, wollte er mir das hebräische Alphabet beibringen, und ich habe es zustande gebracht. Ich habe aber dann, obwohl ich acht Jahre in Israel gelebt habe, nicht vermocht, Hebräisch lesen zu lernen. Das ist merkwürdig! Ich hatte kein schlechtes Verhältnis zu meinem Vater, dass das vielleicht eine bewusste Opposition hätte gewesen sein können.

Meine Mutter hat mit meinem Vater zusammen im Geschäft gearbeitet, und wir hatten, obwohl wir in einer so kleinen Wohnung lebten, das ist heute schwer verständlich, ein Dienstmädchen. Ohne Dienstmädchen wäre es nicht gegangen. Das Dienstmädchen hat in der Küche gewohnt und mehr oder weniger auf mich geachtet. Sie war eine ältere Frau, vielleicht im Alter meiner Mutter, eher ein bisschen älter. Meine zwei Großneffen Ernst und Egon Himmler, die Söhne meiner Cousine Käthe, die in meinem Alter waren, behaupteten, dass sie von ihrem Dienstmädchen aufgeklärt wurden. Dafür war mein Dienstmädchen leider zu alt.
Die zwei lebten auch in viel besseren finanziellen Verhältnissen und waren größer und stärker als ich.

Knapp nach der ersten Volksschulklasse war ich schwerkrank und musste deshalb die Klasse wiederholen. Ich wurde im Winter irgendwann krank, die Mandeln wurden mir genommen und ein Stückerl ist drinnen gelassen worden. Ich hatte einen Blutsturz zu Hause, und wir sind mit dem Taxi ins Spital gefahren. Für mich war Taxi fahren der Inbegriff des Luxus überhaupt.

Meine Mutter war eine zurückgezogene ruhige und fleißige Frau. Mein Vater war eher nervös, jähzornig und aufbrausend. Er war fromm, streng gläubig und legte jeden Tag die Tefillin [5]. Wenn er mich in den Tempel mitzerrte, habe ich ihn mit den Tallitfransen [6] an die Bank festgebunden, und da er nicht schimpfen wollte im Tempel, sagte er nur: ‚Raus!’
Er hat viele Kompromisse wegen des Geschäfts machen müssen - so hat er es auch am Samstag offen gehalten. Aber natürlich hat er keine traditionelle Kleidung im Alltag getragen. Aber zum Beispiel am Schabbat [7], wenn es finster wurde und eine Kerze angezündet wurde, setzte er sich geschwind eine Kopfbedeckung auf.

Meine Mutter machte alles mit. Wir hatten einen koscheren Haushalt [8], ob wir auch ein Pessachgeschirr [9] hatten, weiß ich nicht, und ich wüsste auch nicht, wo das hätte sein sollen. Aber es gab die Redensart: den Schinken vom schwarzen Chasir darf man essen. Das heißt, den Schinken vom schwarzen Schwein, durfte man essen. Das bedeutet: einige Kompromisse wurden natürlich gemacht. Aber meine Eltern bemühten sich, die Vorschriften der Religion einzuhalten.

In den Ferien bin ich immer mit einem Elternteil, zum Beispiel zuerst mit meinem Vater, auf eine Woche nach Kolka zu seiner Familie gefahren. Wir wurden jedes Mal mit dem Pferdefuhrwerk von der Eisenbahn von Novy Zamky abgeholt. In Kolka gab es ein hübsches kleines Schloss von so einem Mini Adel. Es haben auch Juden in diesen Dörfern gelebt, aber ich kann mich nicht erinnern, dass es in Kolta noch andere jüdische Familien gegeben hat außer meiner. Meine Erinnerung an Armut stammt vor allem aus Kolta. Wenn ich dort mit den Kindern gespielt habe, konnte ich sehen, dass sie nur mit Unterleiberln herum liefen und keine Unterhosen anhatten. Sie haben mir gesagt, das sei deshalb, weil die Unterhosen so rasch zerreißen.

Die Großmutter hatte Ganseln, ob sie noch andere Tiere hatte, weiß ich nicht. Sie waren koscher, Scholet [Anm.: Jüdische Speise für Schabbat] kenne ich von dort. Das einzige, was mir dort gefallen hat, war das Scholet essen. Es wurde bei der Großmutter auch immer der Schabbat gefeiert. Ich war glücklich, wenn wir von Kolta wieder wegfuhren, weil ich mich in dem kleinen Dorf gelangweilt habe und es sehr altmodisch war. Nach dem Krieg war ich noch einmal dort, habe es aber nicht wiedererkannt.

Nach einer Woche fuhren wir immer zu den Großeltern mütterlicherseits in die Slowakei, nach Banska Stiavnica. Mein Vater verbrachte einen Tag dort und fuhr dann wieder nach Wien ins Geschäft. Meine Mutter holte mich aus Banska Stiavnica nach ungefähr zwei Monaten ab und blieb mit mir zusammen noch eine Woche bei ihren Eltern. So war es meistens; das war mein Urlaub bis 1938. Es gab zwei Ausnahmen, da war ich mit den Pfadfindern in Österreich und in Italien.

Das gesellschaftliche Leben meiner Eltern war sehr eng mit der Familie verbunden, sie waren sehr gut mit der Familie. Die Marksteins wohnten auf der Brigittenauer Lände, gleich bei der Friedensbrücke, dort waren wir öfters am Abend. Wir waren mehr zu Besuch, als das uns jemand besucht hätte. An Freundschaften außerhalb der Familie kann ich mich nicht erinnern, aber mit einigen Parteien des Hauses, und mit einigen Kunden waren meine Eltern bekannt.

Familienfeiern fanden immer bei den Stassers, im Kaffeehaus Ritter, statt. Das Kaffeehaus war groß, da war ein Tisch extra für uns reserviert, und manchmal waren wir auch oben in der Wohnung. Aber ich war lieber im Kaffeehaus, vor allem, wenn die Kellner kamen und uns bedienten.
Da ist dann gedeckt worden bei manchen Gelegenheiten! Das war Luxus. Auch oben in der Wohnung der Familie Strasser war alles Luxus. Emmerich und Paul hatten dort große schöne Wohnungen.

In unsere kleine Wohnung kamen nur am Sederabend [10] vor Pessach der Theo Rosenzweig und später auch der jüngere, der Luis. Ich glaube auch die Tante Theresa kam zum Sederabend zu uns. Ich habe dann das ‚Ma nischtana halaila hase me kol haleilot’ sagen müssen. Das ist die Aufgabe des jüngsten Kindes. Es ist aus der Haggadah [11] und bedeutet: ‚was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten’. Es gibt viele bestimmte Speisen zum Seder, aber eine Speise ist mit Nüssen, Äpfel und Honig [Charoset]. Mein Vater war jedes Mal entsetzt, dass nichts mehr oben war am Teller, weil ich es immer vorher aufgefressen hatte. Das war fast schon Tradition.

Ich wurde in Palästina Kommunist, war in der Kommunistischen Partei und mich würde selber interessieren, wie weit diese Familienverhältnisse dabei eine Rolle gespielt haben. Wobei aber auch wahrscheinlich dieses ‚kleiner sein’ als Egon und Ernstl eine Rolle gespielt hat. Ich hab mich schon als 16jähriger Bub zurückgesetzt gefühlt.

Ich wurde im 20. Bezirk in der Greiseneckergasse in die Volksschule eingeschult. Da hat es vermutlich viele jüdische Kinder gegeben, aber an die Volksschule kann ich mich nicht mehr gut erinnern. Was ich weiß ist, dass ich ursprünglich ein Linkshänder war. Damals war es üblich, diese Kinder auf rechts umzupolen. Sie haben mich gezwungen, mit der rechten Hand zu schreiben, mit dem Erfolg, dass ich bis heute jedes Mal nachdenken muss, wo ist rechts, und wo ist links. Aber bei der Aufnahmeprüfung ins Gymnasium habe ich irrtümlicher Weise von links nach rechts geschrieben. Ich kann noch heute Spiegelschrift schreiben.

Während meiner Volksschulzeit und der Gymnasialzeit bin ich natürlich zum Religionsunterricht gegangen. Das Gymnasium befand sich in der Unterbergergasse, Ecke Karajangasse. Da hatten wir einen fixen Religionslehrer, mit dem ich immer auf Kriegsfuß stand. Mit dem Turnprofessor und mit dem Religionslehrer war ich immer auf Kriegsfuß. Bei dem Turnlehrer war es leicht verständlich, er war ein Nazi. Das hat sich dann herausgestellt. Der wurde nach dem Einmarsch der Deutschen, in Österreich 1938, Direktor der Schule, wenn ich richtig informiert bin. Beim Religionslehrer weiß ich aber nicht, warum wir uns nicht gemocht haben, aber wahrscheinlich kam das daher, weil ich im Religionsunterricht nicht aufgepasst habe und schlechte Leistungen hatte. Sicherlich habe ich in meinen Kinder und Jugendjahren Antisemitismus erlebt. Antisemitismus war normal und darum war mir das gar nicht bewusst. 1935 oder 1936 wurde ich Mitglied bei den Pfadfindern, das war interessant.

Nach 1934 [12], dem Ende der Republik, waren alle Organisationen verboten - mit Ausnahme der Pfadfinder. Da gab es einen katholischen Teil, die St. Georgs Pfadfinder und einen weltlichen Teil. Im weltlichen Teil waren alle verbotenen Parteien: SPÖ, KPÖ und Nazis. Ich weiß, ich war in der 11. Kolonne und wenn wir die 9. Kolonne trafen, haben wir nicht viel geredet, sondern gleich mit dem Raufen begonnen, denn die 9. Kolonne waren die Nazis. Wahrscheinlich wurde über Antisemitismus in der Gruppe der Pfadfinder gesprochen. Mein Pfadfinderführer Ponger war relativ bekannt in der Kommunistischen Partei. Aber ich habe erst in Palästina oder nach 1945 erfahren, dass die Gruppe, in der ich war, von der ‚Kommunistischen Jugend’ geführt wurde. Das ist möglicherweise die zweite Wurzel meines Hingangs zur kommunistischen Partei später.

Meine Eltern waren sehr an der Kultur interessiert. Mein Vater hatte eine kleine Bibliothek, und ich habe dem Vater zu Ehren sogar die gesammelten Werke Bettauers [13] gekauft, weil er Bettauer sehr gern hatte. Meine Eltern und ich gingen auch ins Theater. Im Theater hatten wir Claque-Karten. Wir hatten einen Kunden im Geschäft, der war der Werbeleiter im Volkstheater, der hat uns die Karten, die sehr billig waren, verkauft. Aber auf diesen Plätzen war man verpflichtet zu klatschen - sehr viel zu klatschen. Ich kann mich erinnern, dass ich sogar die Zarah Leander als Jugendlicher gehört habe, ich war vielleicht 16 Jahre alt.

Meine Eltern waren keine Zionisten, sie waren aber auch keine Antizionisten. Sie waren einfach sehr unpolitisch. Vielleicht tue ich meinem Vater damit unrecht, denn er las ja Bettauers Werke, aber das war mein Eindruck.

Im 1934er-Jahr war Bürgerkrieg. Da wurde auf die Gemeindebauten [14] geschossen. Wir waren am nächste Sonntag mit den Marksteins die Gemeindebauten anschauen, und die Tante sagte, dass wir ja auch von den Roten nicht viel gehabt hätten. Wer das ‚WIR’ war, ob sie die jüdischen Kaufleute meinte, weiß ich nicht. Ich habe nach meiner Pensionierung begonnen zu studieren und meine Diplomarbeit über christlichsozialen Antisemitismus geschrieben. Dabei ist mir wieder eingefallen, was die Tante damals gesagt hatte.

Vor dem Krieg war eine Sache, an die ich mich gut erinnere. Der Emmerich Strasser, der Sohn der ältesten Schwester meines Vaters, der diese Emstra Fabrik hatte, fuhr im Februar 1938 nach Deutschland, nach München, zu einem jüdischen Geschäftsfreund. Das war zu der Zeit, als Schuschnigg [15] sich mit Hitler in Berchtesgaden [16] traf. Als er zurückkam, gab es ein großes Familientreffen im Café Ritter. Das war das erste Mal, dass ich bei so einer ernsten Besprechung dabei sein durfte. Der Emmerich Strasser sagte, er habe sich erkundigt: die Jugend solle möglichst bald, sollte Hitler in Österreich einmarschieren, weg. Die anderen Familienmitglieder werden Hitler schon überstehen. Die Familie wird zusammenhalten - man hat sich bisher geholfen - man wird sich noch ein bissl mehr helfen. Die paar Jahre wird man durchhalten, die das dauern kann. Er sprach meiner Erinnerung nach von Jahren.

Während des Krieges

Im Jahre 1938 war ich 16 Jahre alt. Wenn ich mich richtig erinnere, verließ ich die Schule im Februar 1938, weil ich Schwierigkeiten in Latein hatte. Das war also noch bevor alle jüdischen Schüler, nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich, aus den Schulen geworfen wurden. Ich begann eine Lehre im Geschäft meines Onkels Markstein in der Wallensteinstrasse.

Im Mai 1938 wurden viele reiche Juden verhaftet, unter anderen der Emmerich und der Paul Strasser. Sie wurden nach Dachau [KZ Dachau, Deutschland] deportiert. Wie sie das mit ihrem Vermögen regelten, weiß ich nicht. Im Dezember 1938 wurden sie aus dem KZ entlassen und mussten innerhalb von acht Tagen das Land verlassen. Sie sind daraufhin nach Australien geflüchtet. Die Strassers hatten noch einen Sohn, den ich nie bewusst gesehen habe. Der ist noch in den 1920er-Jahren, er hatte irgendetwas angestellt, nach Australien geschickt worden. Er rettete dann die ganze Familie, in denen er ihnen Affidavids [17] schickte.

Ich war angemeldet für einen Kindertransport [18] nach England. Mein Vater und ich waren in der Pogromnacht [19] aus der Wohnung heraus verhaftet und gleich weggeführt worden. Die SA Leute sollen in unserer Wohnung dann ziemlich gewütet haben, aber der neue Besitzer der Wohnung stoppte die Zerstörung, weil er unsere Sachen wollte. Er schmiss meine Mutter raus. Sie verließ mit zwei Koffern die Wohnung und ging zu den Marksteins in die Brigittenauer Lände.

Mein Vater und ich wurden in der Karajangasse in der Schule, in der ich im Gymnasium war, eingesperrt. Am Abend wurden wir abgezählt: A, B, C, D. Mein Vater war ‚D’ und ich war ‚A’. Wir hätten leicht den Platz wechseln können. Das ‚D’ stand für Dachau, was wir nicht wussten. Mir wäre nichts geschehen, wenn wir verkehrt gestanden hätten, weil die unter Siebzehnjährigen noch rausgelassen wurden, und ich war noch nicht siebzehn Jahre alt.

Unser Geschäft war natürlich arisiert worden, und meine Mutter hat sich sofort um eine Fluchtmöglichkeit für  uns bemüht. Wir wären wahrscheinlich nach Schanghai geflohen, denn sie hatte meinem Vater ins KZ Dachau ein Foto für seinen Pass oder für ein Visum nach Schanghai geschickt. Durch ein Visum wäre er entlassen worden. Er hat das Foto unterschrieben und zurückgeschickt. Ich glaube am 23. oder 24. Dezember 1938 versuchten einige Häftlinge aus dem KZ Dachau zu fliehen. Daraufhin war ein überlanger Zählappell, bis man die Entflohenen eingefangen hatte. Es war kalt und mein Vater bekam eine Lungenentzündung. Er starb am 2. Januar 1939 an den Folgen der Lungenentzündung. Wir bekamen aus dem KZ die Mitteilung, dass mein Vater gestorben sei und sie wissen wollen, ob wir Wert darauf legen, meinen Vater in Wien zu begraben. Wir legten Wert darauf, meinen Vater in Wien zu begraben, und wir bekamen ihn im Zinksarg zurück. Für den Transport nach Wien mussten wir bezahlen. Dann haben wir ihn auf dem Zentralfriedhof im Grab seines Bruders Josef beerdigt. An das Begräbnis kann ich mich noch genau erinnern.

Meine Mutter bemühte sich nach dem Tod meines Vaters, als Hausgehilfin nach England zu fliehen. Aber es klappte nicht.

Es gab in Wien verschiedenste Umschulungskurse als Vorbereitung auf die Emigration. Da gab es einen, wahrscheinlich ein Kurs der Jugendaliah [20], irgendwo im 2. Bezirk. Dort wurde über Palästina erzählt, was mich nicht sonderlich beeindruckte. Mehr beeindruckt hat mich meine erste Freundin, sie hieß Lilli Rosenbaum oder Rosenblum. Es war genau die Zeit, als wir meinen Vater begraben mussten. Es war damals noch nicht selbstverständlich, dass Angehörige im KZ waren und schon gar nicht selbstverständlich, dass Angehörige auf diese Art starben. Die meisten wussten nicht, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollten. Sie hat das gewusst: Sie tat so, als sei sie in mich verliebt. Das half mir damals wirklich sehr, diese Monate durchzustehen. Sie blieb in Wien und ist, außer meinen Verwandten die einzige, nach der ich mich nach meiner Rückkehr nach Wien erkundigt habe. Sie wohnte, glaube ich, im 20. Bezirk, im Engels-Hof. Ich weiß, ihre Wohnung haben sie verlassen müssen. Sie sind dann in irgendeine kleine Gasse gezogen.

Neben der Brigittenauer Lände gab es einen Park längs der Donau. Zwei, drei Tage bevor ich losfuhr, schaute ich mit meiner Mutter aus dem Fenster auf den Park. Es war das letzte Gespräch mit meiner Mutter, an das ich mich konkret erinnern kann. Wir schauten hinunter und ich sah ein Mädel, das mir gut gefiel. Ich sagte:
‚Die ist hübsch’, woraufhin meine Mutter versuchte mich aufzuklären, was natürlich eine heikle Sache war. Sie begann:
‚Ich wollte dir eh sagen, das Gesicht ist nicht das wichtigste bei einer Frau.’ Ich habe sie sehr geschockt, weil ich geantwortet habe:
‚Ich weiß, es sind die Beine!’ Daran kann ich mich erinnern.

Flucht nach Palästina

Ich bin im Februar 1939 mit der Jugend Alijah nach Palästina geflüchtet. Das war knapp vor meinem 17. Geburtstag, und das war zeitlich auch knapp, denn es gab viel Aufregung, weil nach meinem 17. Geburtstag das Visum verfallen wäre. Angekommen sind wir später, aber das hat nichts gemacht, nur weg hab ich sein müssen.

Wir fuhren mit dem Zug nach Triest. In Triest stiegen wir aufs Schiff, einen alten Truppentransporter. Ich weiß nicht, wie viele wir waren, denn es war nicht nur die Jugend Alijah, es waren auch orthodoxe Juden aus Polen dabei.

Wir kamen in Haifa an und mein erster Eindruck von Palästina war: scharf! Ich hatte mir ein Falafel [Brot mit gebackenen Kichererbsenbällchen, Salaten, Sesampaste und scharfen Saucen] gekauft.

In Palästina sind die meisten meiner Gruppe in einen Kibbutz [21] der Jugend Alijah gekommen Ich kam in eine landwirtschaftliche Schule, die für reiche Juden gedacht war. Das war eine Privatschule, und ich habe mich sehr unwohl gefühlt; ich habe wieder zu den Ärmsten gehört. Aber dort lernte ich einen Burschen kennen, dessen Mutter auch nach England wollte. Ich habe durch eine Postkarte meine Mutter mit der Mutter dieses Burschen zusammen gebracht. Die Mutter von dem Freund erwischte den letzten Zug, meine Mutter hatte eine Fahrkarte für den Zug, der nicht mehr fuhr.

Meine Mutter ist dann in die Slowakei geflohen und dürfte bis 1944 mit ihrer Familie in Banska Stiavnica, ihrer Heimatstadt, gelebt haben. 1944 war ein slowakischer, sozialistischer Volksaufstand. Man kann darüber streiten, wie dieser Aufstand heißt. Als die deutschen Truppen einmarschierten, bildete sich eine Partisanengruppe im Wald, in der auch alle Juden waren. Die schon fliehenden deutschen Truppen ermordeten die Partisanen. Einer, der dabei war, hat mir das erzählt. Er war entkommen und sagte, meine Mutter und ihre Familie seien dabei gewesen, und es hätte sich nur um Minuten gehandelt, bis die Russen gekommen sind.

Ich hatte in Palästina einen Freund, Schmuel Brill hieß er. Er war Zionist und wollte Hebräisch lernen. Ich wollte auch Hebräisch lernen, aber ich konnte es wirklich nicht; ich habe nicht geschafft, Hebräisch zu lernen. Der Direktor, der dann später in Israel eine gewisse Rolle bei der Likudpartei gespielt haben soll, legte großen Wert auf die Sprache. Er mochte uns nicht sehr, und wir zwei waren, glaube ich, die Einzigen, die vorher rausflogen.

Ich bin dann in den Kibbutz in der Stadt Ein Harod gegangen. Ich habe aber dann beschlossen, in die Stadt zu gehen - das war im Sommer 1941. In Ein Harod war eine komische Eisenbahn mit hohen Stufen. Mein Vermögen war ein Koffer und ein Rucksack, und beim Einsteigen in diese Eisenbahn habe ich mir den Fuß gebrochen. Ich hatte kein Geld und habe mich in den Park beim alten Bahnhof gesetzt und wusste nicht, was ich machen soll. Da kam ein Polizist und sagte auf jiddisch, hebräisch habe ja ich nicht gekonnt, dass man nur zu zweit auf der Bank sitzen darf, damit man die Liebespärchen nicht stört. Das war wirklich Vorschrift! Aber ich konnte mit meinem gebrochenen Fuß nicht weggehen. Daraufhin schleppte er mich zu irgendeinem Bus, in dem ich dann eingeschlafen bin. Dann hat er mich gefragt, ob ich ein Gafir werden möchte, also ein Hilfspolizist unter britischem Kommando. Da ich nicht gehen konnte, brachte er mich zu einem Militärarzt. Bei dem Arzt stand ich mit freiem Oberkörper an einen Tisch gestützt und tat so, als würde ich plötzlich stürzen. Durch diesen Trick wurde ich Gafir. Mein Fuß war nicht gebrochen, ein Knochen war aber gesplittert, und ich hatte einen Bluterguss. Ich habe dann in Achuza, einer Luxusgegend oberhalb Haifas, gewohnt. Dort gab es ein Lager für Gafirs. Sie haben mich zum Arzt gebracht und sich um mich gekümmert. In diesem Lager bekam ich Kontakt mit den Kommunisten.

Aus der Kommunistischen Partei wurde ich noch als Kandidat ausgeschlossen. Mein Freund Fritz, der mich zur Partei gebracht hatte, wurde auch ausgeschlossen. Es gab einen Streik in Haifa, da ging es um die Palästinenser. Sie hatten sozusagen ein Monopol auf die Hafenarbeit, und es wollten auch Juden dort arbeiten. Ich weiß nicht mehr, was die Partei sagte und was mein Freund Fritzl Wilder sagte. Ein Teil sagte aber, dass es seine Berechtigung habe, dass auch Juden dort arbeiten wollten und ein Teil sagte, dass es nicht seine Berechtigung habe. Jedenfalls wurde ich ausgeschlossen. Ich wurde Mitglied im ‚Free Austrian movement’ [22]. Die Organisation war relativ bekannt, die Zentrale war in England. Da hatte ich meine Gesellschaft und Freunde. Eine Frau lebt noch in Wien. Das ist die Letzte, mit der ich Kontakt habe, die meisten sind mittlerweile gestorben.

Nach dem Krieg

Nach dem Krieg meldete ich mich zur Rückkehr nach Österreich und wurde als Displaced Person [23] mit einem Transport nach Wien zurückgebracht. Vorher waren wir noch einen oder zwei Monate, bis wir ein Schiff hatten, bei Suez in irgendeinem Lager.

Im April 1947 kam ich in Wien an. Ich wurde 1988 mehrmals interviewt: ‚Warum sind Sie nach Wien zurückgekommen?’ Da sagte ich aus vollster Überzeugung und war mir dessen auch bewusst, dass ich das sozialistische Österreich aufbauen wollte. Aber das ist wirklich eine schwierige Frage. Über den Tod meiner Mutter wusste ich nichts Genaues, da forschte ich nach. Aber 1947 war schon für mich klar, dass meine Mutter tot ist, dass ich hier ohne Verwandte bin. Meine Rückkehr war für mich eine politische Sache. Wie weit es aber eine Rolle spielte, dass ich wirklich eine Niete in Sprachen lernen bin, und dass es mir in Israel nicht sehr gut ging, wäre für mich interessant. 

Meinen Verwandten hatte ich geschrieben, dass ich nach Wien zurück fahre. Vor allem die Käthe, mit der ich am Besten war, schrieb: ‚Sei nicht dumm, ich habe ein Geschäft, da kannst du mitarbeiten, komm nach Australien!’. Australien hat mich aber nicht sehr gereizt, denn ich wollte nicht wieder der Arme unter den Verwandten sein. Vielleicht wenn es Amerika gewesen wäre, ich weiß nicht, was ich gesagt hätte. Noch weniger weiß ich, was ich getan hätte, wenn mich wer eingeladen hätte nach Paris, oder so! Erst jetzt, im Nachhinein, weil ich mehrmals gefragt wurde und ich immer stereotyp sagte: ‚Um ein sozialistisches Österreich aufzubauen’, denke ich darüber nach.

Als ich zurückkam, stand ich auf dem Standpunkt, die Kommunistische Partei soll sich kümmern darum, was mit mir geschieht, und sie kümmerte sich. Zuerst kam ich in einem Hotel unter. Es war der Abend des 26. April 1947. Es war schon finster, und wir Rückkehrer wussten nicht, wohin. Ich hatte vergessen, meine Uhr aufzuziehen, schaute aus dem Zimmer und sah, dass ein Ehepaar, wie ich glaubte, sich verabschiedete. Der Mann ging weg, und ich fragte, in meinem besten damaligen Wienerisch, ob mir die Dame sagen könne, wie spät es sei, worauf sie sagte: ‚Des net, aber wüst net mitkommen, Klaner?’ Wir waren in einem Stundenhotel gelandet! Das waren die ersten, original Wiener Worte, die ich hörte.

Es gab eine Familie, die ich kannte. Sie war Jüdin, er war kein Jude und hieß Braun. Sie hatten erfahren, dass ich zurückkomme, mich am Bahnhof empfangen und gesagt, dass ich am nächsten Tag zu ihnen kommen soll. Sie besorgte mir dann im 20. Bezirk ein Untermietzimmer.

Herbert Steiner, der Gründer des DÖW [Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes], war damals der Sekretär der ‚Freien Österreichischen Jugend’. Das war eine den Kommunisten nahe stehender Jugendorganisation. Ich ging zu mehreren Stellen in der Kommunistischen Partei und fragte, was ich arbeiten kann. Man hat mir verschiedene Arbeiten angeboten. Herbert Steiner war der Einzige, der sagte, dass ich mir bei der Kultusgemeinde ein Stipendium holen soll, um zu studieren. Die Matura wäre mir leicht anerkannt worden. Aber ich glaubte damals, dass man Revolution machen muss. Erst nach meiner Pensionierung befolgte ich dann seinen, schon damals richtigen Rat und begann zu studieren.

Nach dem Krieg arbeitete ich als Angestellter der KPÖ und war in der Wiener Leitung. Wir hatten vor allem in den damaligen USIA [Anm.: Abkürzung für Verwaltung des sowjetischen Eigentums in Österreich] Betrieben zu tun. Das waren Betriebe in der sowjetisch besetzten Zone Österreichs, die als Eigentum des deutschen Reiches beschlagnahmt worden waren, und relativ große Organisationen hatten. Wir machten dort Propaganda für den Kommunismus und die Kommunistische Partei. Arbeitsmäßig war das für mich die schönste Zeit. Ich habe an die Nützlichkeit meiner Arbeit geglaubt, und es war ein gutes Verhältnis zwischen den Mitarbeitern. Ich bin noch jetzt mit einigen Leuten aus dieser Zeit befreundet und habe auch gegen diese Arbeit bis heute nichts einzuwenden.

1949 wurde ich bei der ‚Österreichisch-Sowjetischen-Gesellschaft’ angestellt und war dort bis 1957. Nach dem Staatsvertrag [24], so um 1957, war dann klar, dass ich nicht dort bleiben kann, weil die Organisation sich verkleinerte.

Noch vor dem Staatsvertrag in Österreich kam mein Cousin Emmerich Strasser aus Australien nach Österreich. Aber er traute sich wegen der Russen, die ja einen Teil von Wien besetzt hatten, nicht nach Wien. Wir trafen uns in Velden. Von dort regelte er die Wiedergutmachungsangelegenheiten, dann fuhr er wieder nach Australien zurück.

Ich habe mir dann überlegt, dass der Name Rosenzweig nicht von Vorteil ist. Schon vor dem Krieg hatte mein Cousin Luis seinen Namen Rosenzweig in Roner geändert- aber nicht offiziell. Er ist aus Wien als Luis Rosenzweig geflohen und hat seinen Namen nach seiner Flucht offiziell in Luis Ross geändert. Ich dachte, er hätte sich Rona mit ‚a’ am Ende genannt und beantragte eine Namensänderung auf diesen Namen. Ich musste ein Formular ausfüllen, und der Beamte wollte wissen, warum ich meinen Namen ändern will. Ich habe gesagt, dass ich mit meinem Namen Nachteile im Geschäftsleben fürchte. Der Beamte, so ein älterer Herr mit Ärmelschonern, sagte:
‚Können’s ruhig, aber das werden wir ablehnen müssen.’ Habe ich gesagt:
‚Warum?’
‚Die Regierung kann ja nicht zugeben, dass es noch Antisemitismus gibt - schreiben Sie Verwechslungsgefahr.’

Dann habe ich Arbeit gesucht, da half mir mein Cousin Luis. Ich stellte mich zum Beispiel bei einer jüdischen Textil Firma vor, und der Chef sagte zu mir:
‚Sie sind ein sympathischer Mensch, Sie sind ein gescheiter Mensch, aber von Textilien verstehen Sie nichts. A Kommunist sind Sie auch, also, für was soll ich Sie nehmen? Sagen Sie mir, warum soll ich Sie nehmen? Gut, Sie werden es lernen, denn Sie sind über dreißig und wollen normal verdienen!’ Ich habe gesagt:
‚Das stimmt!’
Es war nicht ganz einfach, aber ich habe eine zeitlang versucht, Mixer zu verkaufen, dabei wäre ich verhungert. Dann habe ich versucht, Schreibmaschinen zu verkaufen, da wäre ich auch verhungert. Aber dann ging ich zur Firma Kessler und verkaufte, von 1959 bis zu meiner Pensionierung, als Vertreter Werbegeschenke. Das war nicht besonders aufregend.

Meine erste eigene Wohnung bekam ich 1962.
Meine Frau lernte ich in Prag kennen. Wir hatten einen gemeinsamen Freund, und der bat mich einmal, er hatte den Krieg in England überlebt, auf einer Rückfahrt von Prag nach Wien mit meinen Wagen, eine langbeinige, blauäugige Blondine mitzunehmen. Das war meine Frau
Lucia Zaradnik. Lucia ist keine Jüdin. Sie wurde am 17. März 1936 in Wien geboren und war Angestellte in einer Werbefirma. Sie brachte unsere Tochter Irene mit in die Ehe. Irene war 1958 in Wien geboren und war damals sechs Jahre alt. Heute ist sie diplomierte Kindergärtnerin, verheiratet und hat vier Kinder.

Knapp vor dem Einmarsch der sozialistischen Staatengemeinschaft in die Tschechoslowakei, im August 1968, war ich in der Slowakei, in Banska Stiavnica, der Heimatstadt meiner Mutter, auf Urlaub. Ich habe damals gewettet, dass die Russen nicht einmarschieren werden. Ich war bis 1968 in der Kommunistischen Partei, und bin dann in Folge der politischen Ereignisse, im Jänner 1969 ausgetreten.

Es wird jetzt viel über linken Antisemitismus in der Kommunistischen Partei gesprochen, das ist ein beliebtes Diskussionsthema. Die Linke hat sehr viele Sünden begangen, aber das ist eine ihrer geringsten. Dass es in der Linken nicht nur Judenfreunde gab, ist ein anderes Kapitel, aber Antisemitismus würde ich nicht sagen. Im Gegenteil, ich bekam durch die Kommunisten sehr rasch gesellschaftlichen Anschluss. Ich kann mir das Leben ohne Kommunistische Partei, in den ersten Jahren nach meiner Rückkehr nach Österreich, nicht vorstellen.

Es ist schwierig, was man als Antisemitismus bezeichnet und was nicht. Ich kannte jemanden in der Kommunistischen Partei, der sagte öfter: ‚Wenn alle Juden so wären wie du!’ Das empfand ich damals nicht als sehr arg, teilweise gab ich ihm Recht. Es gab zum Beispiel im 4. Bezirk zwei jüdische Genossen, denen es relativ gut ging. Jeden Sonntag, bis Mitte oder Ende der 1950er-Jahre, gingen wir von Tür zu Tür und verkauften die Volksstimme [Zeitung der Kommunistischen Partei Österreichs]. Einmal im Monat nahmen sich die zwei jüdischen Genossen auch zehn Volksstimmen, die fand man nachher im Mistkübel. Sie zahlten die zehn Schilling, es war kein Problem für sie. Und da regten sich die anderen Genossen auf und brachten das mit deren ‚jüdisch sein’ in Verbindung. Aufgeregt habe ich mich auch, ich habe es mit dem ‚intellektuell sein’ in Verbindung gebracht, aber jüdisch und intellektuell sind verwandt in Österreich. Da in der Arbeiterschaft aus verschiedenen historischen Gründen ein Antiintellektualismus vorhanden ist, und die meisten Intellektuellen in den beiden Arbeiterparteien in der Zwischenkriegszeit Juden waren, war antijüdisch und antiintellektuell sehr verwandt. Das ist eine Sache, die bei Diskussionen oft nicht berücksichtigt wird.

Manchmal wusste ich nicht, soll ich mich ärgern oder lachen. Mein bester Kunde war lange Zeit ein katholischer Betrieb. Einmal kam ich zu einem Herrn, und der sagte zu mir:
‚Heans, i hob gor net g’wußt, dass Sie a Jud san [Ich habe gar nicht gewusst, dass Sie ein Jude sind]!’ Da dachte ich, den bin ich los, aber dann sagte er:
‚Mochen’s eaner nix draus, ihre liebe Konkurrenz hot mir dös g’sogt, aber i bin a a Flüchtling aus Ostpreißen, und wir Flüchtlinge müssen zammenhalten [Machen Sie sich nichts daraus, ihre liebe Konkurrenz hat mir das gesagt, aber ich bin auch ein Flüchtling aus Ostpreußen und wir Flüchtlinge müssen zusammenhalten]!’ Nachher erzählte er mir einen katholischen Witz und ich ihm einen jüdischen. Wir unterhielten uns immer gut, leider ging er bald in Pension.

Von Herzl [25] gibt es etliche Zitate, in denen er gegen Juden polemisiert. Er benützt als Argument, dass sie Juden sind. Das gleich als Antisemitismus zu bezeichnen, scheint beim Herzl besonders schwer. Aber was man ihm zu Gute hält, muss man dem Danneberg [26] oder dem Bauer [27] auch zu Gute halten, die das auch getan haben. Es gibt ein Buch vom Spira [28], das heißt ‚Feindbild Jud’. Er beschreibt da eine Parlamentssitzung, wo christliche Banken zu Grunde gehen, und die hatten zum Großteil jüdische Prokuristen. Der Danneberg, selber ein Jude, sagte im Parlament zum Beispiel: ‚Zu Grunde gegangen ist die und die Bank, der Prokurist hieß: Moishe Rosenschwanz aus Czernowitz!’ Es war immer Applaus, aber dass der Danneberg dann in Auschwitz zu Grunde ging, ist eine andere Sache. Oder dass der Bauer glaubte, dass die Nazis 1932 so viel bei den Gemeinderatswahlen auf Kosten der Christlichsozialen gewannen, weil die Christlichsozialen den Antisemitismus nicht ernst nahmen, aber das Geld von den Juden nahmen. Der Emmerich Strasser gab denen sicher auch eine Spende. Das ist ein schwieriges Kapitel!

Religion ist kein Thema für mich. Ich bin schon in Palästina nicht mehr in den Tempel gegangen.

Ich habe 1982, nach meiner Pensionierung, mit dem Studium der Politikwissenschaft begonnen und mein Studium 1991 mit dem Magister beendet. Damit habe ich mir einen großen Wunsch erfüllt.

Ich habe es nie bereut, nach Österreich zurückgekommen zu sein. Mein Cousin Otto hat mich oft eingeladen, er war auch ab und zu in Wien. Auch Theo und seine Tochter Hertha, mit der wir sehr gut waren, haben mich eingeladen. Ich habe aber meine Verwandten, die nicht nach Wien gekommen sind, nie besucht. Früher hatte ich kein Geld, dann habe ich geheiratet. Meine Frau steigt in kein Flugzeug, und nach Australien kann man schlecht mit der Eisenbahn fahren. Es war ein großer Verdienst, vom Luis vor allem, und in kleinem Maße von mir, dass wir vor einigen Jahren ein Familientreffen in Italien hatten, alle zusammen.

 

 

 

Glossar

[1] Ungarnaufstand: Im Ungarischen Volksaufstand versuchten die Ungarn im Oktober 1956, sich von der sowjetischen Unterdrückung zu befreien. Er begann am 23. Oktober 1956 mit einer Großdemonstration in Budapest und endete am 4. November 1956 durch den Einmarsch der Roten Armee.

 

[2] Maly Trostinec: Konzentrationslager in der Nähe von Minsk. In Maly Trostinec wurden Zehntausende Juden aus Weißrussland und anderen europäischen Ländern umgebracht. Von 9.000 Juden aus Österreich, die zwischen Mai und Oktober 1942 nach Maly Trostinec gebracht wurden, haben 17 überlebt. [3] Kapitalistenzertifikat: Um nach Palästina legal einreisen zu dürfen, musste man eine hohe Summe Geldes den Engländern vorweisen können, dann bekam man ein Kapitalistenzertifikat oder man erlernte einen landwirtschaftlichen Beruf, dann bekam man das Arbeitszertifikat.

 

[3] Zertifikat: Einwanderungserlaubnis in das von Großbritannien verwaltete Mandatsgebiet Palästina.

 

[4] Freie Österreichische Jugend [FÖJ]: Die Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Österreichs. Sie wurde 1945 als überparteiliche ‚österreichische und antifaschistische‘ Vereinigung gegründet. Bis Frühling 1956 zogen sich die sozialistischen, christlichen und parteilosen Aktivisten zurück. Die FÖJ wurde, wenn auch formal unabhängig, zu einer kommunistischen Teilorganisation.

 

[5] Tefillin: lederne ‚Gebetskapseln‘, die im jüdischen Gebet an der Stirn und am linken Arm getragen werden und Texte aus der Torah enthalten.

 

[6] Tallit: ritueller ‚Gebetsmantel‘, wird von erwachsenen Juden (ab 13) beim Beten getragen.

 

[7] Schabbat [hebr.: Ruhepause]: der siebente Wochentag, der von Gott geheiligt ist, erinnert an das Ruhen Gottes am siebenten Tag der Schöpfungswoche. Am Schabbat ist jegliche Arbeit verboten. Er soll dem Gottesfürchtigen dazu dienen, Zeit mit Gott zu verbringen.
Der Schabbat beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend.

 

[8] Koscher [hebr.: rein, tauglich]: den jüdischen Speisegesetzen entsprechend.

 

[9] Pessach: Feiertag am 1. Frühlingsvollmond, zur Erinnerung an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, auch als Fest der ungesäuerten Brote [Mazza] bezeichnet.

 

[10] Seder [hebr.: Ordnung]: wird als Kurzbezeichnung für den Sederabend verwendet. Der Sederabend ist der Auftakt des Pessach-Festes. An ihm wird im Kreis der Familie (oder der Gemeinde) des Auszugs aus Ägypten gedacht.

 

[11] Hagadah od.Haggadah od. Haggada [hebr: ‚Verkündung/Erzählung‘]:Büchlein, das am Sederabend beim Festmahl mit der Familie gemeinsam gelesen und gesungen wird. Das Buch beschreibt das Exil in Ägypten und den Auszug in die Freiheit.

 

[12] 1934: Bürgerkrieg in Österreich [Februarkämpfe 1934]: Die Gegensätze zwischen den Sozialdemokraten und den Christlichsozialen bzw. der Regierung führten im Februar 1934 zum Bürgerkrieg in Österreich. Die Februarkämpfe brachen in Linz aus und breiteten sich nach Wien aus. Der unorganisierte Aufstand forderte mehr als 300 Tote und 700 Verwundete [auf beiden Seiten]. Außerdem führte er zum Verbot der Sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften sowie die Ausrufung 1934 des Ständestaats.

 

[13] Hugo Bettauer [1872-1925]: österreichischer Schriftsteller. Nach Übertritt vom jüdischen zum evangelischen Glauben, Aufenthalten in den USA und Deutschland, zwei Ehen und einigen Skandalen kehrte Bettauer 1910 nach Wien zurück. Bettauer spezialisiert sich auf Kriminalromane mit sozialem Engagement. Sein bekanntester Roman, Die Stadt ohne Juden' [1922] beschreibt, wie sich Wien entwickeln würde, wenn alle Juden auswandern müssten. Bettauer wurde 1925 von einem nationalsozialistischen Fanatiker ermordet.

 

[14] Gemeindebau: in Österreich ein Wohnblock des kommunalen sozialen Wohnungsbaus; seit den 1920er Jahren sind Gemeindebauten ein wichtiger Bestandteil der Architektur und Kultur von Wien. Im Februaraufstand 1934 wurde der festungsartige Aufbau der Gemeindebauten von den Aufständischen militärisch genutzt. Heute wohnen ungefähr 600.000 Einwohner Wiens in Gemeindebauten.

 

[15] Schuschnigg, Kurt [1897 - 1977]: österreichischer christlichsozialer Politiker. Er folgte 1934 dem von Nationalsozialisten ermordeten Dollfuß als Bundeskanzler. Am 9. März 1938 setzte er für den 13. März eine Volksabstimmung über den Erhalt der Eigenstaatlichkeit Österreichs an. Am 11. März 1938 trat er unter dem Druck Nazideutschlands zurück. Nach dem Anschluss wurde Schuschnigg inhaftiert und blieb bis Ende des Zweiten Weltkrieges in Haft. 1948 wanderte er in die USA aus und war bis 1967 Professor für Staatsrecht an der
Universität St. Louis/Missouri.

 

[16] Berchtesgaden: Ortschaft im äußersten Süd-Osten Oberbayerns. Adolf Hitler erwarb den Berghof auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden und verbrachte dort mehrere Monate im Jahr und führte von dort aus die Regierungsgeschäfte. Am 12. Februar 1938 empfing Hitler den österreichischen Bundeskanzler Schuschnigg in Berchtesgaden. Das unter Drohung eines deutschen Einmarschs abgeschlossene ‚Berchtesgadener Abkommen’ räumte den österreichischen Nationalsozialisten viele Vorrechte ein, u.a. die Teilnahme in der Regierung.

 

[17] Affidavid: : Im anglo-amerikanischen Recht eine schriftliche eidesstattliche Erklärung zur Untermauerung einer Tatsachenbehauptung. Die Einwanderungsbehörden der USA verlangen die Beibringung von Affidavits, durch die sich Verwandte oder Bekannte verpflichten, notfalls für den Unterhalt des Immigranten aufzukommen.

 

[18] Kindertransport: Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs rief die britische Regierung eine Rettungsaktion ins Leben, um Kinder vor dem Nazi-Terror zu bewahren. Zehntausend größtenteils jüdische Kinder aus deutsch besetzten Gebieten wurden nach Großbritannien gebracht und von britischen Pflegeeltern aufgenommen.

 

[19] Pogromnacht: Bezeichnung für das [von Goebbels organisierte] ‚spontane‘ deutschlandweite Pogrom der Nacht vom 9. zum 10. November 1938. Im Laufe der ,Kristallnacht’ wurden 91 Juden ermordet, fast alle Synagogen sowie über 7000 jüdische Geschäfte im Deutschen Reich zerstört und geplündert, Juden in ihren Wohnungen überfallen, gedemütigt, verhaftet und ermordet.

 

[20] Jugend-Alijah: jüdische Organisation, die versuchte, möglichst viele Kinder und Jugendliche in der Zeit des Nationalsozialismus aus dem Deutschen Reich vor allem nach Palästina in Sicherheit zu bringen. Es wurden etwa 21.000 Kinder und Jugendliche gerettet.

 

[21 ] Kibbutz [Pl.: Kibbutzim]: landwirtschaftliche Kollektivsiedlung in Palästina, bzw. Israel, die auf genossenschaftlichem Eigentum und gemeinschaftlicher Arbeit beruht.

 

[22] Free Austrian Movement [Freie Österreichische Bewegung]: Erste repräsentative
politische Vertretung der Exil-Österreicher in Großbritannien; im November 1941 gegründet. Als Dachorganisation von 37 Vereinigungen wirkte das von Kommunisten dominierte Movement bis Kriegsende als politische Gesamtvertretung. Wichtigste Aufgabe war die Organisierung des militärischen und zivilen Einsatzes der österreichischen Flüchtlinge gegen Nazi-Deutschland.  

 

[23] Displaced Person [DP; engl. für entheimatete Person]: Der Begriff wird vor allem für die Zwangsarbeiter und Zwangsverschleppten der nationalsozialistischen Herrschaft verwendet, die sich nach 1945 in Deutschland aufhielten. Insbesondere werden Menschen so bezeichnet, die aus Konzentrationslagern, Kriegsgefangenschaft oder Zwangsarbeit befreit wurden. In den westlichen Besatzungszonen befanden sich zum Ende des 2. Weltkrieges
etwa 6,5 Millionen DPs.

 

[24] Staatsvertrag: Der Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich wurde am 15. Mai 1955 in Wien zwischen den Alliierten Besatzungsmächten USA, UdSSR, Frankreich und Großbritannien und der österreichischen Regierung unterzeichnet. Österreich kündigte an, nach Abschluss des Staatsvertrags aus freien Stücken die immerwährende Neutralität zu erklären.

 

[25] Herzl, Theodor [1860-1904]: jüdisch-österreichisch Schriftsteller, Publizist, Journalist und zionistischer  Politiker. Als Korrespondent der Wiener Tageszeitung 'Neue Freie Presse' Zeuge des Prozesses gegen Alfred Dreyfuß schrieb er 1896 sein Buch 'Der Judenstaat', das wesentlich zur Gründung des Staates Israel beitrug. Herzl forcierte die Idee einer organisierten Emigration von Juden in einen eigenständigen Staat und initiierte den politischen Zionismus. 1897 auf dem 1. Zionistischen Weltkongress in Basel wurde Herzl zum Präsidenten der zionistischen Weltorganisation gewählt.

 

[26] Danneberg, Robert [1885 - 1942]: österreichischer sozialdemokratischer Politiker; 1920-34 Abgeordneter zum Nationalrat. Dannenberg war einer der Schöpfer des Wohnbauprogramms im Roten Wien. Von den Nationalsozialisten als Inkarnation des ,jüdisch-marxistischen Arbeiterverhetzers' angesehen, wurde er 1938 verhaftet und bis zu seiner Ermordung im Jahr 1942 in den KZ Dachau, Buchenwald und Auschwitz interniert.

 

[27] Bauer, Otto [1881 - 1938]: österreichischer sozialdemokratischer Politiker. Theoretiker des Austromarxismus. Bauer führte den linken, radikalen Flügel der Sozialdemokratischen Partei und war 1934 maßgeblich an den Februarkämpfen beteiligt. Floh nach der Unterdrückung des Aufstands in die Tschechoslowakei, wo er das ‚Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokratie' leitete, und 1938 nach Frankreich.

 

[28] Spira, Leopold [1913 - ]: österreichischer Kommunist; Vorläufer des ,Eurokommunismus' und einer der bedeutendsten Theoretiker der österreichischen und der europäischen Linken. 1937 wegen illegaler Tätigkeit inhaftiert; 1938 Emigration und Teilnahme im Spanischen Bürgerkrieg als Kämpfer in den Internationalen Brigaden. Danach in Frankreich interniert, 1939 nach England. 1968, nach dem Einmarsch in die Tschechoslowakei, wurde Spira aus der KPÖ gedrängt.

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Paul Rona
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
August
Jahr des Interviews:
2003
Wien, Austria

HAUPTPERSON

Paul Rona
Geburtsjahr:
1922
Geburtsort:
Wien
Todesjahr:
2004
Todesort:
Wien
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Vertreter
Familiennamen
  • Vorheriger Familienname: 
    Rosenzweig
    Grund der Namensänderung: 
    Assimilation
    Decade of changing: 
    1950

AUDIO - INTERVIEW

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