Otto Suschny

Dinah Nemesszeghy (née Suschny), Eva Dombrowski (née Suschny) and Peter SuschnyÖsterreich

Otto Suschny
Wien
Österreich
Datum des Interviews: August 2002
Name des Interviewers: Tanja Eckstein

 

Dr. Otto Suschny ist ein sehr netter, bescheiden wirkender kleiner Mann, der mit seiner Frau Kitty im 14. Bezirk in einer wunderschönen Jugendstilvilla wohnt. Er erzählt mir gern sein Leben und ist auch nach den Interviews bereit, mir beratend zur Seite zu stehen.


Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Meine Schulzeit
Der Krieg fängt an
Meine Aliah
Als englischer Soldat in Italien
Zurück nach Österreich
Mein neues Leben
Glossar

Meine Familiengeschichte

Über meine Urgroßeltern weiß ich nichts. 

 

Mein Großvater väterlicherseits hieß Simon Suschny. Er ist in Mähren, in Groß-Meseritsch, am 6. Januar 1850, zur Welt gekommen. Meine Großmutter Cilli, eine geborene Fischer, ist sehr jung gestorben. Der Großvater hat dann Rosalia Fischer, man hat sie Sali genannt, geheiratet. Ich nehme an, sie ist die Schwester der Großmutter gewesen. Aber auch sie ist vor meiner Geburt gestorben. Mein Großvater hat am Bahnhof gearbeitet, es dürfte der Nordbahnhof in Wien gewesen sein. Er war Dienstmann, hauptsächlich so eine Art Gepäcksträger. Ich habe ihn sehr gut gekannt, denn er hat bis ungefähr 1936 gelebt.

Sowohl in der Familie meiner Mutter wie meines Vaters gab es vier Töchter und einen Sohn. Mein Vater, Siegfried Suschny, wurde am 7. Oktober 1887 in Wien geboren. Er hatte vier Schwestern: Ida, Rosalie, Malwine und Adele.

Tante Ida wurde am 20. März 1890 geboren. Sie hatte eine uneheliche Tochter, die hieß Frieda und war zehn Jahre älter als ich. Sie arbeitete als Verkäuferin bei Herzmansky [großes Kaufhaus] auf der Mariahilferstraße [bekannte Einkaufsstraße Wiens]. Anfang der 1940er-Jahre, nachdem ich schon nach Palästina emigriert war, heiratete Tante Ida den Oskar Hein [Ida und Oskar Hein wurden am 15.6.1942 in Maly Trostinec ermordet. Quelle: DÖW- Datenbank]. Frieda emigrierte nach England und starb 1989.

Tante Rosalie starb vor dem 2. Weltkrieg.

Tante Malwine, die älteste Schwester, war mit dem Tischler Israel Karminski verheiratet. Sie hatten drei Kinder: Hedda, Otto und Mella. Sie lebten in einer Gemeindewohnung im 15. Bezirk. Hedda heiratete später Heinrich Mikolasek. Alle überlebten den Krieg in England.

Tante Adele, die Tochter der zweiten Frau meines Großvaters, war Näherin. Sie war verheiratet mit Willy Kollarek. Die Ehe war nicht glücklich, und sie ließen sich scheiden. Tante Adele hatte eine große Anziehungskraft auf Männer und blieb nie lange allein. Sie überlebte den Krieg in England.

Mein Großvater Simon Suschny ging zum Beten in die Karajangasse [20. Bezirk] in ein kleines Bethaus. Im Hof zwischen den Häusern der Nummern 8 und 10 wurde zu Sukkot [Laubhüttenfest] immer eine Laubhütte aufgestellt, in denen die Gläubigen unter den vielen Juden, die in diesen Häusern wohnten, ihre Gebete verrichteten.

Die Familie meines Vaters und die Familie meiner Mutter wohnten in der Rauscherstraße [20. Bezirk], in gegenüberliegenden Häusern. Die einen im Haus Nummer 9 und die anderen im Haus Nummer 10. Mein Vater verkehrte als junger Mann bei der Mutter meiner Mutter, also bei meiner mütterlichen Großmutter. Dort trafen sich regelmäßig junge Leute. Ob sich meine Eltern vorher schon irgendwo kennen gelernt hatten oder erst dort, weiß ich nicht.

Die Großeltern mütterlicherseits stammten ebenfalls aus Mähren, zumindest einer von ihnen aus einem Örtchen namens Gewitsch. Ihre Namen waren Leopold und Regine Schafer. Regine Schafer war eine geborene Kaufmann. Sie starb 1936. Der Großvater war Seifensieder und hatte ein Geschäftslokal. Es war eine kleine Fabrikation in der Engerthstraße [20. Bezirk] in Wien. Sie besaßen noch eine Filiale, ebenfalls in der Engerthstraße beim Allerheiligenplatz. In diesem Geschäft arbeitete früher wahrscheinlich mein Großvater selbst, an den ich mich nicht mehr sehr gut erinnern kann. Er ist Anfang der 1930er-Jahre gestorben, da war ich gerade fünf oder sechs Jahre alt.

Meine Mutter hatte vier Geschwister: einen Bruder und drei Schwestern. Meine Mutter, Adele Suschny, geborene Schafer, wurde am 16. September 1893 in Wien geboren. Ihre Geschwister hießen Maximilian, Hannah, Irma und Paula.

Maximilian, Max genannt, wurde am 15. April 1889 in Wien geboren. Er heiratete Leonore, sie hatten keine Kinder [Max und Leonore Schafer wurden am 19.2.1941 nach Kielce deportiert und ermordet. Quelle: DÖW-Datenbank].

Hannah Schafer wurde am 15. Dezember 1887 in Wien geboren. Sie war nicht verheiratet. [Johanna Schafer wurde am 28.10.1941 nach Litzmannstadt deportiert und ermordet. Quelle: DÖW-Datenbank]

Irma Schafer wurde am 22. November 1890 in Wien geboren. Sie war die jüngste Schwester und im Geschäft der Großeltern beschäftigt. [Irma Schafer wurde am 28.10.1941 nach Litzmannstadt deportiert und ermordet. Quelle: DÖW- Datenbank]

Paula Schafer wurde in Wien geboren und war mit dem Buchhalter Siegmund Weihs verheiratet. Sie hatten zwei Söhne: Gustav und Ernst. Ernst ist der Einzige, der den Krieg überlebt hat. Gustav ist in Sabac, in Jugoslawien, bei einem illegalen Transport nach Palästina umgekommen. Mein Cousin Ernst lebt mit seiner Frau in England, er ist um zwei Jahre älter als ich. Ich werde in den nächsten Tagen 78 Jahre alt, und er ist 80 Jahre alt. Er ist nach Israel emigriert, von dort nach Australien, hat auf einem Schiff gearbeitet und ist dann letzten Endes nach England gelangt.

An das Geschäft meines Großvaters waren auch eine Parfümerie und Haushaltswaren angeschlossen. Das war ein Souterrainlokal in der Engerthstraße 106 mit Fabrikationsräumen. Da gab es einen Kesselraum, in dem der große Kessel zum Sieden der Seife stand, einen Lagerraum und einen Raum mit Maschinen für die Strangpresse und die Stanzen zur Fabrikation hauptsächlich von Seifen, die mit einer Prägung versehen wurden. Früher stellte man dort auch Kerzen her, aber das hatte man zu meiner Zeit schon aufgegeben. Das Geschäft ging nicht besonders gut. Onkel Max stand im Geschäft und führte das Geschäft in den Zeiten, an die ich mich erinnern kann. Anfangs gemeinsam mit der Tante Hannah, der ältesten Schwester meiner Mutter, die auch im Verkauf tätig war.

Um das nötige Kapital zu beschaffen und um die Maschinen zu modernisieren, ging Onkel Max die Ehe mit meiner späteren Tante Leonore ein. Wie sie mit Familiennamen vorher hieß, weiß ich nicht mehr. Es wurden von ihrer Mitgift einige Maschinen angeschafft, aber das war schon Mitte der 1930er-Jahre und half nicht mehr viel. Das Geschäft hat bis 1938 bestanden. Dann wurde es von den Nazis geschlossen und zur Liquidation bestimmt. Die Maschinen wurden nach Deutschland verschleppt. Heute ist eine Pizzeria, wo früher das Geschäft war.

Wir hatten auch einen Rabbiner in der Familie. Er hieß Siegmund Jelinek und war ein Onkel meiner Mutter. Er war Rabbiner in Hollabrunn, und er hatte zwei Söhne: Siegfried und Hugo. Der eine war Anwalt, und was der andere war, weiß ich nicht.

Meine Großmutter hatte einen Verwandten, der eine Briefmarkenhandlung in der Klosterneuburger Straße hatte. Das war für mich sehr interessant, weil er mir manchmal alte Marken schenkte. Diese Marken waren der Anfang meiner damaligen Briefmarkensammlung.

Die ganze Familie wohnte im 20. Bezirk, in der Rauscherstraße. Nur Tante Malwine wohnte mit ihrer Familie im 15. Bezirk.

Meine Kindheit

Ich bin ein Einzelkind. Meine Eltern haben 1920 geheiratet, und ich bin am 28. August 1924 in Wien auf die Welt gekommen.

Ich musste in den Kindergarten, und ich habe ihn gehasst. Ich hab mich mit den Kindern nicht verstanden. Ich war klein, ich hatte rote Haare, und die haben mich gehänselt. Das war damals auch ein Grund, jemanden zu verspotten.

Ich kam in der Wasnergasse, beim Augarten [Park, Wiens ältester Barockgarten], in die Volksschule. Weder der Kindergarten noch die Volksschule waren jüdische Einrichtungen. Das waren ganz normale öffentliche Einrichtungen.

In der Volksschule spielte sicher der Antisemitismus eine Rolle. Es gab Stänkereien diesbezüglich, und ich wurde ich als Jude ein bisschen geärgert. Aber ich erinnere mich, viel mehr angestänkert worden zu sein wegen meiner roten Haare und weil ich klein und nicht sehr stark war. Ich konnte mich lange Zeit nicht wehren. Einmal, als mein Intimfeind, der hinter mir saß, mich stieß und ich deshalb einen Klecks in mein Heft machte, war ich so wütend, dass ich mich umgedrehte und ihm die Feder Tinte in den Oberschenkel stach. Das war natürlich ein ziemlicher Eklat. Aber es hat sich als sehr segensreich erwiesen, denn nachher hat er mich in Ruhe gelassen. Seitdem galt ich als unberechenbar.

Meine Großeltern Schafer waren gläubig. Mein Großvater starb ja Anfang der 1930er-Jahre, und meine Großmutter wohnte mit ihren unverheirateten Kindern Hannah, Irma und Max in einer Wohnung am selben Gang wie wir. Max heiratete erst später.

Wir sind am Abend sehr häufig bei meiner Großmutter gesessen und haben dort gemeinsam Nachtmahl gegessen. Ich mochte nur Geflügelfleisch, Germknödel, Zwetschkenknödel, Palatschinken und ähnliches. Meine Großmutter und meine Eltern kauften zu den Feiertagen immer gemeinsam eine Gans, die wurde in der Wohnung meiner Großmutter zubereitet. Zuerst wurden die Innereien gegessen, dann das gebratene Fleisch. Lange Zeit danach aßen wir noch das ausgelassene Gänseschmalz und die Leber, die in Einsiedegläsern erstarrt war. Am Schabbat [der siebte Tag der Woche, Ruhetag, höchster Feiertag des Judentums] zündete meine Großmutter die Kerzen an und betete dazu.

Meine Eltern waren nicht mehr religiös. Nicht einmal zu den Feiertagen gingen sie in den Tempel. Um zu verhindern, dass ich Religionsunterricht bekomme, ist mein Vater, als ich sechs Jahre alt war, aus der Religion ausgetreten. Er war dann konfessionslos, und dadurch war ich auch konfessionslos. Er hat das beim Bezirksamt gemeldet. Ob man das der Kultusgemeinde auch melden musste oder nur dem Bezirksamt und das automatisch weiterging, das weiß ich nicht. Jedenfalls ist er ausgetreten und ich galt dann auch als konfessionslos. Die ersten vier Jahre in der Volksschule hatte ich keinen Religionsunterricht.

Wir hatten sehr wenig Geld, die Oper konnten wir uns nicht leisten. Mein Vater war Handelsvertreter für Parfümeriewaren und zur Zeit der sich anbahnenden Wirtschaftskrise viele Jahre arbeitslos. Gelegentlich half er unangemeldet bei meinem Onkel in der Seifensiederei aus. Meine Mutter brachte uns durch Näharbeiten in Heimarbeit durch.

Mein Vater war als Soldat im 1. Weltkrieg verwundet worden. Er war in einer dieser Isonzo- und Piave-Schlachten [1]. Ich glaube, an der Piave ist er verwundet worden. Er hatte einen Lungendurchschuss. Dort ist er Kommunist geworden und wurde dann Mitglied der Kommunistischen Partei, die später illegal war. Ich weiß, dass man bei uns in der Wohnung den Kleister zum Ankleben von Plakaten gekocht hat. Meine Mutter war davon nicht sehr begeistert, aber sie hat sich nicht weiter eingemischt.

Wir haben weder Weihnachten noch Chanukka gefeiert. Geschenke bekam ich nur zu meinem Geburtstag. Unsere Nachbarn hatten einen Weihnachtsbaum, da bin ich immer hingegangen und habe mir den Baum angeschaut. Als ich noch ganz klein war, hatte sich ein Hausbewohner als Krampus verkleidet und einer als Nikolo. Der Krampus ging zu allen Kindern im Haus und brachte ihnen Krampusgeschenke. Als sie an unserer Wohnung vorbei gingen, habe ich sehr geweint. Da ist mein Vater hinausgegangen, hat mit den Leuten gesprochen, und daraufhin kamen sie auch zu mir.

Meine Eltern konnten sich Urlaub nicht leisten. Zweimal wurde ich aber zu Bauern geschickt. Einmal verbrachte ich den Sommer mit meiner Cousine Mella in Neutal im Burgenland. Oft begleiteten wir die Bauern auf die Felder, und ich kann mich an die wunderbaren Mehlspeisen erinnern: Strudel mit Äpfeln, Birnen, Kirschen oder Strudel mit Kraut gefüllt. Den nächsten Sommer war ich mit meinem Cousin Ernst auch in Neutal, aber bei anderen Bauern.

Meine Schulzeit

1934 war ich, auf Betreiben meiner Mutter, in die Mittelschule, ins Realgymnasium RG 20, in der Unterberggasse gekommen. Mein Vater wusste nicht, ob er mich wirklich ins Realgymnasium geben sollte. Er sagte, alle Juden gehen ins Gymnasium, das sei bürgerlich. Aber er hatte mich sehr gern, und wir hatten ein sehr gutes Verhältnis in der Familie. Er ließ sich dann überreden, weil meine Mutter und ich drauf bestanden.

In die Mittelschule ging ich in eine fast jüdische Klasse, es gab nur wenige nichtjüdische Mitschüler. Also haben die sich gehütet, uns anzugreifen. Da gab es keinen, der sich getraut hätte, irgendeine antisemitische Bemerkung zu machen.

Der spätere Lateinprofessor, Nicetas Draxler hieß er, soll ein schrecklicher Nazi gewesen sein. Das wurde mir nach dem Krieg erzählt. Mein Klassenvorstand, unser Mathematikprofessor, der mich förderte und mit dem ich im besten Einvernehmen war, soll ein illegaler Nazi gewesen sein. Auch das wurde mir nach dem Krieg erzählt. Das habe ich nicht wissentlich miterlebt. Mir gegenüber hatte er nie eine Bemerkung in diese Richtung gemacht, sogar im Gegenteil: Ich hatte einmal eine schlechte Note auf eine Schularbeit in Mathematik bekommen, das passierte selten. Ich war einer der Besten in Mathematik. Als er mir mein Heft zurückgab, sagte er: 'Es tut mir in der Seele weh, dass ich dich in dieser Gesellschaft sehe.' Er war streng, aber gerecht: wir haben ihn alle geschätzt. Weniger beliebt war der Geographie- und Geschichtsprofessor, Illichmann hieß er. Dem hätte ich zugetraut, dass er ein Nazi gewesen wäre. Den hat aber mein späterer Schwager in England im Internierungslager getroffen - der Professor hatte eine jüdische Frau.

1934 haben die Christlich-Sozialen ein Gesetz oder eine Verordnung bewirkt, dass jedes Kind an einem Religionsunterricht teilnehmen muss. Die Schulklassen waren nach Geschlechtern getrennt und nach Religionen. Es gab zwei Klassen mit Buben, weil damals sehr viel mehr Buben ins Realgymnasium gegangen sind als Mädchen. Eine Klasse war eine rein katholische Klasse. Die andere Klasse bestand zu 80 bis 90 Prozent aus jüdischen Kindern, zu denen man Altkatholiken, evangelische Schüler und konfessionslose Schüler dazugab. Ich war als Konfessionsloser in dieser Klasse. In einer dritten Klasse waren nur Mädchen, da waren die Religionen auch gemischt.

Ich konnte mir nach dem neuen Gesetz aussuchen, welchen Religionsunterricht ich wollte. Ich habe mir den jüdischen Religionsunterricht ausgesucht. Der Unterricht hat mich aber auch interessiert. Wir hatten einen sehr guten Religionslehrer, Prof. Leo Menscher hieß er. Er hat den Unterricht sehr gut gestaltet. Später ist er nach Israel gegangen. Er hat sich sehr um mich bemüht, weil ich für ihn so eine Art 'verlorenes Schaf' gewesen bin. Er hat Fragen über jüdische Geschichte gestellt und uns selbst auf Sachen draufkommen lassen. Die jüdische Geschichte und auch die Auslegungen von Bibeltexten fand ich spannend. Das habe ich gern gemacht. Wir sind auch in Nachmittagsgottesdienste in den Klucky-Tempel [20. Bezirk] gegangen. Ich habe gern den Religionsunterricht besucht. Die hebräische Sprache hat mich weniger interessiert. Es war für mich nur noch eine andere Sprache, die man lernen musste.

Für meinen Vater war Religion Opium fürs Volk, aber er hat mich natürlich akzeptiert. Als meine Mitschüler in der dritten Schulstufe Bar Mitzwah hatten, wurde ich häufig zu ihren Feiern eingeladen. Es gab Musik, Spiele und viel zu essen, und es wurden auch Gedichte vorgetragen. Ich musste immer 'Des Schadchens Fluch', eine Parodie in jiddisch auf 'Des Sängers Fluch' von Ludwig Uhland [1787 - 1862] aufsagen. Ich kann das heute noch. Ich wollte dann eine Bar Mitzwah haben und war bereit, alles Nötige dafür zu lernen. Aber ich verschob den Termin der damit verbundenen Lesung aus der Torah [fünf Bücher Mose] um eine Woche mit besonders kurzer Haftarah [Lesung aus den Prophetenbüchern im Anschluss an die Torahlesung].

Meine Eltern hatten nichtjüdische und jüdische Freunde. Ich glaube, es waren mehr jüdische Freunde. Aber sie haben da eigentlich keinen Unterschied gemacht. Auch ich hab keinen Unterschied gemacht bei meinen Freunden.

Zum Teil wegen der Arbeitslosigkeit, zum Teil aus politischen Gründen, hat mein Vater in den 1930er-Jahren sein Glück in der Sowjetunion versucht. Er ist für einige Monate nach Moskau gegangen und hat dort gearbeitet. Aber er musste in einer Untermietwohnung wohnen, und er wollte uns doch nachholen. Als er zurückkam, sprach er sehr wenig über seine Erfahrungen in der Sowjetunion. Ich glaube, er war enttäuscht. Ich war damals noch zu jung, um richtig zu fragen. Zu dieser Zeit begeisterte ich mich auch für die kommunistischen Ideale, ging auf Maiaufmärsche und war bei den Pionieren der kommunistischen Jugendorganisation. Ich war in zwei Ferienlagern, eines war in der Tschechoslowakei. Wo das andere war, weiß ich nicht mehr. Die sind dann irgendwann von der Polizei aufgelöst worden. Also wäre mir in der damaligen Zeit, gar nicht die Idee gekommen, dass da irgendetwas in der Sowjetunion nicht zum Besten gewesen wäre.

Der Krieg fängt an

Den Jubel der Bevölkerung beim 'Anschluss' [2], die überall auftauchenden Nazifahnen und die Aktionen gegen Andersdenkende und Juden kennt jeder. Staatenlose Juden und Juden polnischer Staatsangehörigkeit wurden in unserem Bezirk in der Karajangasse, in einer ehemaligen Volksschule, eingesperrt. Manche von ihnen wurden von dort in ein Konzentrationslager deportiert.

Auswandern war nicht einfach. Man musste ein Land finden, das bereit war, Juden aufzunehmen und man musste von den deutschen Behörden die Ausreisebewilligung bekommen.

An Antisemitismus der Nachbarn in unserem Haus kann ich mich nicht erinnern. Auf der Straße war ich manchmal von irgendwelchen Rowdies angestänkert worden. Ich hab sicher nicht sehr jüdisch ausgeschaut, aber ein bisschen vielleicht doch. Nach 1938 wurde das kritisch. Da wurden dann auch Erwachsene gefährlich. Den 10. November 1938 [3] haben wir nicht am eigenen Leib gespürt, zu uns ist keiner gekommen. Niemand von meiner Familie wurde eingesperrt. Aber wir haben natürlich mitgekriegt, was anderen Leuten passiert ist, die eingesperrt und geprügelt wurden.

Einmal hatte ich ein merkwürdiges Erlebnis: bevor ein Freund, ein ehemaliger Schulkollege, aus Wien emigrierte, schenkte er mir Bücher. Als ich mit den Büchern nach Haus kam, standen in unserem Haustor zwei Männer, einer war ein SA-Mann. Ich muss doch jüdisch ausgeschaut haben, denn der SA- Mann hat mich sofort als Juden erkannt. Er schaute sich die Bücher an und fragte, wohin ich gehe. Dann gab er mir eine Ohrfeige. Das war das einzige Mal, dass ich von einem Erwachsenen als Jude geschlagen wurde. Ich musste ihn in unsere Wohnung mitnehmen. Er wollte, dass mein Vater ihm unsere Bücher zeigt. Mein Vater hatte ein paar Bände von Friedrich Schiller und der SA Mann sagte: 'Was braucht der Jud noch einen Schiller?' Dann fragte er, ob wir Geld im Hause hätten. Mein Vater fragte daraufhin, was er glaube, wie viel Geld ein Arbeitsloser habe und zeigte ihm unser weniges Geld. Der SA-Mann rührte das Geld nicht an, den Schiller nahm er aber mit. Das war alles ein bisschen skurril.

Unsere Lebenssituation war unangenehm, sie ging uns auf die Nerven. Aber man kannte noch nicht diese tödliche Gefahr. Wer hätte sich das auch vorstellen können? Wenn meine Eltern die Gefahr geahnt hätten, hätten sie alles stehen gelassen und versucht zu fliehen. Es gab Leute, die Tickets gekauft haben nach Shanghai. Aber dafür brauchte man viel Geld, und wir hatten nur wenig Geld. Außerdem glaubten meine Eltern zu dieser Zeit noch, man könne das alles schon irgendwie überstehen.

Mein Cousin Ernst und ich bewarben uns beim Palästinaamt [Das Palästinaamt betrieb die Einreise nach Palästina und befand sich in der Marc-Aurel- Straße, im 1. Bezirk um Zertifikate [4] für die Jugendaliah [5]. Viele Juden nahmen an sogenannten Umschulungskursen und an Sprachkursen teil, um sich handwerkliche Fähigkeiten anzueignen für das Leben in einem anderen Land. Mein Onkel Max leitete mehrere Monate, im Auftrag der Kultusgemeinde, einen Kurs, bei dem ich assistieren durfte. Einige Rechtsanwälte und Professoren wollten die Seifensiederei, Parfümherstellung, Zahnpastaherstellung und Schuhcremeherstellung lernen. Ich war als Lehrbub dabei. Ich habe geholfen und auch einiges gelernt dabei. Ich hatte gedruckte Anweisungen, wie man was macht. Diese Anweisungen habe ich nach Palästina mitgenommen.

Das war 1939. Mein Vater war nicht mehr in Wien. Er war eine Zeit lang zur Zwangsarbeit in Deutschland, kam zurück, und dann war er auf einem dieser Nisko-Transporte [6]. Viele, die dort waren, sind in die Sowjetunion geflüchtet. Mein Vater wollte wegen der Familie nicht flüchten und ist dann wieder nach Wien zurückgekommen.

Meine Aliah

Zu dieser Zeit war ich in Vorbereitungslagern für die Jugendaliah. Das zweite Lager war in Moosbrunn, und von Moosbrunn wurde ich abberufen zur Aliah. Im Herbst 1939 kam ich nach Wien zurück und am 9. November 1939 fuhr ich auf legalem Weg, über Italien, mit einem Zertifikat nach Palästina. Ich konnte mich nur von meiner Mutter verabschieden. Ich habe damit gerechnet, dass ich meine Eltern nachkommen lasse.

Mein Vater kam aus Polen nach Wien zurück, und ich hab später erfahren, dass meine Eltern am 17. August 1942 nach Maly Trostinec [Weißrussland] deportiert und am 21. August 1942 ermordet wurden. Sie wurden gleich umgebracht, was ich als Erleichterung empfinde. Sie haben sich zumindest das Lager erspart.

Es war schon Krieg, aber Italien war noch nicht im Krieg. In Wien gab es kein englisches Konsulat und Palästina war britisches Mandat. Also mussten wir, das war irgendwie so arrangiert, italienische Transitvisa bekommen, bevor wir ein endgültiges Visum nach Palästina im Pass hatten. Wir blieben eine Woche in Triest. Während dieser Zeit wurden unsere Pässe nach Rom ins englische Konsulat geschickt, wo das Visum hinein gestempelt wurde. Dann konnten wir aufs Schiff. Es hat zwei Schwesternschiffe, die 'Galiläa' und die 'Jerusalem'. Ich war auf der 'Galiläa'.

Es kamen auch noch Flüchtlinge nach mir, aber die waren größtenteils nicht mehr aus Wien. Aus unserer Gruppe wurden einige vorher nach Dänemark und nach Holland geschickt, die von dort nach Palästina weiterfuhren.

Ich war zwei Jahre im Kibbutz, der gemäßigt sozialdemokratisch war. Ich gehörte zur Jugendgruppe. Zuerst gab es eine Versammlung, auf der besprochen wurde, wer welche Arbeit machen soll. Die Landwirtschaft war das bevorzugte Ziel. Natürlich sollten möglichst viele in der Landwirtschaft arbeiten. Ich hatte aber keine große Lust dazu, ich wollte irgendetwas Handwerkliches lernen und meldete mich für die Tischlerei. Das war gar nicht so einfach, weil es dort nur einen Platz gab. Noch einer wollte in die Tischlerei, woraufhin ausgelost wurde. Ich hatte Glück, das Los hat mich bestimmt. Der andere sollte mich nach einem Jahr ablösen. Ob es dann noch dazu gekommen ist, weiß ich jetzt gar nicht mehr. Ich bin jedenfalls die ganze Zeit in der Tischlerei geblieben.

Wir hatten am Vormittag Unterricht und am Nachmittag haben wir gearbeitet. Wenn irgendwelche wichtigen Arbeiten zu erledigen waren, konnte man auch tauschen. Dann hatten wir einen ganzen Tag Jom Oved [Arbeitstag] und einen ganzen Tag Jom Limud [Lerntag] Im Kibbutz wurde ich noch mehr kommunistisch beeinflusst. Es kam auch jemand von außerhalb des Kibbutzes, der uns für die Kommunistische Jugend warb, es existierte auch eine kleine kommunistische Zelle.

Ich wollte nicht im Kibbutz bleiben. Ich nahm Urlaub und fuhr nach Tel Aviv. Mein Problem war, dass ich keine Wohnung hatte. Ich brauchte eine Arbeit und eine Wohnung. Ich war glücklich, als man mir einen Job in einem Hotel anbot.

Als ich nach Tel Aviv kam, sollte ich zuerst bei einem Freund wohnen, hatte aber nicht die genaue Adresse. Ich fand den Freund nicht. Am Abend legte ich mich dann auf eine Bank zum schlafen. Dort stöberte mich ein Polizist auf, und ich verbrachte die Nacht auf der Polizeistation. Dann traf ich einen anderen Freund, der mir erzählte, man habe ihm einen Job in einem Hotel offeriert, den er nicht annehmen wolle. Das war ein gutes Angebot, denn es war mit einer Wohnmöglichkeit verbunden - Wohnen und Essen, das war ja das Hauptproblem. Die Bezahlung war nicht besonders gut, aber ich habe die Arbeit angenommen. In diesem Hotel war ich ein paar Monate. Dann habe ich eine Annonce in der Zeitung gelesen, dass ein Fachmann für Seifenfabrikation gesucht wird. Ich war natürlich alles andere als ein Fachmann für eine Seifenfabrikation.

Ich besaß die Frechheit, mich dort als Fachmann zu melden, und es ist mir gelungen, Seifenflocken herzustellen. Der Besitzer dieser Seifenfabrik hat nichts davon verstanden und ich aber auch nicht genug. Er verließ sich auf mich als Fachmann, und das konnte natürlich nicht funktionieren.

Die Seifenflocken haben ihm gefallen, aber dann wollte er auch noch Toiletteseifen. Die habe ich nicht zusammengebracht. Danach bin ich wieder nach Tel Aviv zurück gefahren und habe eine Stellung zum Orangen pflücken und Unkraut jäten in Orangenplantagen, Pardess genannt, bekommen.

Damals hatte ich kaum noch Geld, und musste von Brot und Orangen leben. Als ich nach Wien zurückkam, konnte ich jahrelang keine Orange mehr anschauen. Dann hatte ich einen Job in einem Militärlager als Hilfsarbeiter in der Schlosserei. In Wien hatte ich auch einen Umschulungskurs bei einem jüdischen Schlosser, in der Nähe vom Karlsplatz, gemacht. Nun wollte ich als Schlosserlehrling aufgenommen werden. Den Schlosser, bei dem ich am Karlsplatz hatte, habe ich in Israel wieder getroffen. Er war dort auch als Schlosser angestellt und riet mir, mich als Hilfsarbeiter anstellen zu lassen, weil ich dann mehr Geld bekäme. Als Lehrling hätte ich fast nichts gekriegt. Ich war dann einige Monate Hilfsarbeiter. Dann war ich ein Jahr Hilfspolizist.

Als englischer Soldat in Italien

Ich habe mit einem Freund gemeinsam den Jahresurlaub verbracht, da sind wir ein paar Tage länger geblieben. Ich habe mich dann aber sofort zum Militär gemeldet. Das war Desertion, aber da ich jetzt beim Militär war, haben sie es nicht so ernst genommen.

Dreieinhalb Jahre war ich beim Militär, bei dem RASC, das ist die Royal Armee Service Corps. Ich habe auf 'Drei-Tonnen-Lastwagen' chauffieren gelernt. Zuerst hatten wir einen Trainingskurs. Im Kibbutz hatte ich Englischkurse belegt. Jeder von uns hatte dort etwas, von dem er glaubte, er könne es unterrichten. Ich unterrichtete Mathematik. Englisch habe ich mir selber beigebracht. Ich hatte ein englisches Buch, das mich sehr interessierte. Zuerst habe ich es mit einem Wörterbuch gelesen, und dann habe ich das Wörterbuch weggelegt und das Buch einfach weitergelesen. So habe ich mir Englisch beigebracht, was meiner Aussprache allerdings nicht besonders gut tat. Aber mein Wortschatz war groß. In Sarafend, in der Nähe von Tel Aviv, gab es wenige, die genügend englisch konnten. So bekam ich meinen ersten Streifen an der Uniform.

Von Sarafend wurden wir nach Taranto in Italien in ein RASC Transitcamp versetzt. Dort wurde ich zur 462. Kompanie eingeteilt, das war eine jüdische Kompanie, aber nicht die 'Jüdische Brigade'. Dort diente ich bis Ende des Krieges. Ich war gerade in Turin, als der Krieg in Europa aus war.

Die Soldaten schossen Leuchtmunition in die Luft geschossen und riefen: 'Der Krieg ist aus, wir haben den Krieg gewonnen!' Japan war noch im Krieg, aber mit Deutschland war es aus. Ich habe mich dann zum 'interpreters pool' gemeldet, weil ich nach Österreich wollte, um zu erfahren, was mit meinen Eltern ist. In Italien hatte ich ein bisschen italienisch gelernt. Aber ich konnte es nicht so gut, dass ich mit gutem Gewissen hätte sagen könne: ich kann's. Aber anscheinend genügte es - ich wurde Dolmetscher für Deutsch und Italienisch. Zunächst einmal war ich in Kärnten. Seit ich aus Italien weg war, war ich nicht mehr bei dieser jüdischen Einheit, sondern ständig bei englischen Einheiten; meistens als einziger Jude.

Dadurch, dass ich angegeben hatte, italienisch zu können, wurde ich nach Italien zurückgeschickt. Ich wurde nach Rom ins Kriegsverbrechergefängnis geschickt. Dort dolmetschte ich für die Administration. Das traf mich unangenehm, denn ich wollte in Österreich bleiben. Ich war inzwischen einmal in Wien und hatte festgestellt, dass meine Eltern nicht mehr da waren. Aber ich wollte in Österreich studieren. Dann, endlich, wurde ich nach Österreich versetzt.

Zurück nach Österreich

Wir waren glücklich! Die Nazis waren weg und Österreich ein freies Land. Ich war in Israel auch beim 'Free Austrian Movement' [7]. Wir wollten in Österreich etwas Neues aufbauen.

Beim Militär hatte ich die englische Matura gemacht. Schon in Israel hatte ich mit einem Maturakurs begonnen. Ich ließ mir von meiner Tante, die in England war, Bücher schicken und habe für die Matura gelernt. Die englische Militärmatura war dann relativ einfach.

In Wien bekam ich ein Stipendium, und ich hatte auch Geld gespart. Für jeden Monat beim Militär bekam man ein wenig Geld. Das habe ich mir in England auszahlen lassen und nach Wien geschickt. Davon konnte ich ein Jahr leben. Ich hab mir aber sofort außerdem einen Job gesucht.

Meine Frau, Kitty Suschny, geborene Pistol, hatte einen Bruder, Harry Pistol, der auch beim englischen Militär war. Kitty wurde am 25. November 1924 in Wien geboren und durch einen Kindertransport [8] nach England gerettet.

Zu Pessach [Fest, das an den Auszug der Juden aus Ägypten erinnert] 1947, wurden alle jüdischen Soldaten der alliierten Armeen in Wien, auch alle schon entlassenen, von den Amerikanern zu einer Pessachfeier ins Café Beethoven eingeladen. Der Bruder meiner späteren Frau hatte sich und seine Schwester angemeldet. Dort sind wir uns das erste Mal begegnet. Am ersten Abend war sie mit einem Amerikaner am Tisch beisammen, der sich für sie interessierte und ich mit einer Engländerin. Weder die Engländerin noch der Amerikaner kamen am nächsten Abend, und da saßen wir dann auf einmal nebeneinander und kamen ins Gespräch.

Ich war nie in der Kommunistischen Partei. Ich war beim 'Verein Demokratischer Studenten'. Das war eine kommunistische Tarnorganisation, die Leiter waren alles Kommunisten. Dort war ich eine Zeit lang Mitglied, aber zur kommunistischen Jugend bin ich schon nicht mehr gegangen. Eines Tages traf ich einen Freund. Wir waren schon als Kinder befreundet, und unsere Mütter waren auch befreundet. Er hat bei der jüdisch - historischen Dokumentation gearbeitet. Offiziell ging es um Dokumentation, inoffiziell wurden Kriegsverbrecher gejagt. Ich wurde aufgenommen. Wir nahmen Zeugenaussagen von Leuten auf, die in Polen im Ghetto oder in Lagern waren, und die über Personen, die Juden umgebracht hatten, oder geholfen haben, Juden umzubringen, berichten konnten. Diese Arbeit war überaus wichtig und ich habe sie sehr gern gemacht. Aufgrund dieser Aussagen wurden unter anderem Dutzende österreichische Polizisten festgenommen. Es war noch die Zeit der Besatzungsmächte, da verlangten die Russen die Auslieferung der Kriegsverbrecher, die sie dann nach Russland brachten. Leider sind einige von denen zurückgekommen, aber sie haben zumindest einiges mitgemacht in den russischen Lagern.

Tadek Frydman war der Chef dieser Organisation. Insgesamt haben wir bestimmt 50 bis 100 Leute hinter Gitter gebracht. Leider nicht auf Dauer, aber doch für einige Zeit.

Damals war der Kommunist Heinrich Dürmayer Chef der Staatspolizei. Dann wurde der Sozialdemokrat Peterlunger Chef und nichts funktionierte mehr. Wir konnten unserer Arbeit nicht mehr vernünftig nachgehen. Wir haben dann so eine Art Dokumentation über die Juden in Österreich erarbeitet. Das hat mich weniger interessiert, wir waren ja keine Historiker. Da kam ich mir sehr dilettantisch vor.

Mein neues Leben
Danach studierte ich Chemie und beendete es mit dem Doktorat. Kitty und ich waren sieben Jahre befreundet. Eine Woche, nachdem ich mein Doktorat gemacht hatte, haben wir geheiratet.

Eine kurze Zeit war ich als Privatassistent bei Professor Broda, bei dem ich dissertiert hatte. Sein Großvater war Jude und er war während des Krieges in England. Ab 1954 hatte ich als Betriebsprüfer einen Job im Arsenal.

Meine Frau und ich betrieben nebenbei ein kleines Textilgeschäft, da ist nur meine Frau drin gestanden.

Von der Linie der Kommunistischen Partei hab ich mich immer mehr distanziert. Und als dann 1956 die Revolution in Ungarn durch das militärische Eingreifen der sowjetischen Streitkräfte niedergeschlagen wurde hat mir immer mehr zu Denken gegeben. Ich hab gegen Aufrüstung unterschrieben, aber ich war nicht linientreu, das war ich eigentlich nie so richtig. Nur am Anfang, als ich es nicht besser wusste. Von dem Moment an, wo ich ein bisschen selbständiger denken konnte, war ich alles andere als linientreu.

Im Jahre 1957 ist die International Atomic Energy Agency nach Wien gekommen. Ich habe mich dort beworben und wurde eingestellt. Die nächsten 26 Jahre war ich für die International Atomic Energy Agency tätig. Das war der Traumjob für mich. Die Arbeit war interessant, es war ein angenehmes Betriebsklima. Ich konnte viele Reisen unternehmen, und ich wurde sehr gut bezahlt. Ich hatte alles, was man sich von einem Job nur wünschen kann. Ich bin dort geblieben, bis ich in Pension ging.

1957 wurde unsere Tochter Eva-Ruth, verheiratete Dombrowski, geboren. Sie ist das einzige unserer drei Kinder, die bewusst jüdisch, also traditionell, mit ihrer Familie lebt. Sie war in ihrer Jugendzeit auch ein halbes Jahr in Israel. Sie hat dann in Wien Medizin studiert und arbeitet Ärztin. Sie hat drei Kinder: Daliah, Sonja und Raphael. Die Kinder gehen in den jüdischen Religionsunterricht. Die Schwiegermutter meiner Tochter ist auch nicht fromm, aber sie feiert mit den Kindern zum Beispiel den Sederabend [Abend vor Pessach; Pessach: Fest, das an den Auszug der Juden aus Ägypten erinnert].

1960 wurde unsere Tochter Dinah, verheiratete Nemesszeghy, geboren. Sie ist als medizinisch-technische Fachkraft. Sie hat einen Sohn, der Joachim heißt.

1962 wurde unser Sohn Peter geboren. Er ist ein bewusster Jude, lebt aber überhaupt nicht danach. Er hat sich beruflich selbständig gemacht, ist verheiratet und hat einen Sohn, Martin und eine Tochter Yvonne.

Es gab einige Gründe, warum ich nach Österreich zurückgekommen bin. Zuerst dachte ich, ich würde meine Eltern hier noch finden. Später dachte ich, die Nazis sind weg, das Land wird sich demokratisch entwickeln. Ich wusste natürlich, dass es eine Menge Nazis gibt, mehr als für das Land gut ist. Aber es gab demokratische Organisationen, das schien mir einigermaßen zu funktionieren.

Während der Waldheim-Affäre [9] habe ich mich sehr schlecht gefühlt, weil da viel Antisemitismus hochgekommen ist. Ich halte Waldheim selbst weniger für einen Nazi, als einfach für ein gesinnungsloser Lügner. Ich hatte aber zu dieser Zeit nicht das Gefühl, das ich in einem Naziland lebe. Ich könnte hier nicht leben, wenn ich in jedem Menschen von vornherein einen Nazi sehen würde. Da dürfte man nirgends leben, außer in Israel, und da hätte ich auch genügend Probleme. Ich glaube nicht an eine Kollektivschuld, das ist unsinnig.

Glossar

[1] In der Schlacht an der Piave verlor die k. u. k. Armee 150.000 Mann, während die Verluste auf italienischer Seite 90.000 Mann ausmachten. Durch diese Niederlage musste die österreichisch-ungarische Armee die Initiative an der Italienfront endgültig abgeben. Die Italiener und die Alliierten hatten die Invasion der k.k. Truppen in die venezianische Ebene abwenden können. Diese Schlacht bildete die Voraussetzung für den Sieg der Alliierten bei Vittorio Veneto, der den Zusammenbruch der Mittelmächte besiegelte.

[2] Anschluss: Der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Nach dem Rücktritt von Bundeskanzler Schuschnigg am 11. März 1938 besetzten in ganz Österreich binnen kurzem Nationalsozialisten alle wichtigen Ämter. Am 12. März marschierten deutsche Truppen in Österreich ein. Mit dem am 13. März 1938 verlautbarten 'Verfassungsgesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich' war der 'Anschluss' de facto vollzogen

[3] Novemberpogrom: Bezeichnung für das [von Goebbels organisierte] 'spontane' deutschlandweite Pogrom der Nacht vom 9. zum 10. November 1938. Im Laufe der zynisch als ,Kristallnacht' bezeichnete Pogrom, wurden 91 Juden ermordet, fast alle Synagogen sowie über 7000 jüdische Geschäfte im Deutschen Reich zerstört und geplündert, Juden in ihren Wohnungen überfallen, gedemütigt, verhaftet und ermordet.

[4] Zertifikat: Einwanderungserlaubnis in das von Großbritannien verwaltete Mandatsgebiet Palästina.

[5] Aliah: [hebr: Aufstieg]: Bezeichnung für die Einwanderung nach Israel, bzw. Palästina.

[6] Nisko: Ort im Karpatenvorland. Im Rahmen der 'Umsiedlung nach dem Osten' gelangten Ende 1939 zwei Transporte mit 1.500 Wiener Juden nach Nisko. Nur 200 Männer gelangten in das Lager, die Mehrheit wurde über die deutsch-sowjetische Demarkationslinie gejagt. Nach dem Abbruch der Aktion wurden im April 1940 198 Männer nach Wien zurückgeschickt - viele von ihnen wurden mit späteren Transporten neuerlich deportiert.

[7] Free Austrian World Movement [Freie Österreichische Weltbewegung]: im März 1944 gegründet; Länder übergreifende Organisation, der österreichische Exilorganisationen aus anfangs 14, zuletzt aus fast 30 Ländern angehörten. Mit Sitz in London stand es stets starkem Einfluss des Free Austrian Movement in Great Britain.

[8] Kindertransport: Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs rief die britische Regierung eine Rettungsaktion ins Leben, um Kinder vor dem Nazi- Terror zu bewahren. Zehntausend größtenteils jüdische Kinder aus deutsch besetzten Gebieten wurden nach Großbritannien gebracht und von britischen Pflegeeltern aufgenommen.

[9] Als Waldheim-Affäre wird die Aufdeckung der NS-Vergangenheit des ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim bezeichnet. Waldheim hatte seine Mitgliedschaft in NS-Organisationen wie dem SA - Reiterkorps und seine Tätigkeit als Ordonnanzoffizier in Saloniki von 1942 bis 1943 verschwiegen. Stattdessen hatte er behauptet, er sei an der Ostfront verwundet worden und habe die restliche Kriegszeit in Österreich verbracht. Zuerst bestritt er diese Tatsachen und dann sagte er: 'Ich habe im Krieg nichts anderes getan als 100 Tausende Österreicher auch, nämlich meine Pflicht als Soldat erfüllt.'

 

Interview details

Interviewte(r): Otto Suschny
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
August
Jahr des Interviews:
2002
, Austria

HAUPTPERSON

Otto Suschny
Geburtsjahr:
1924
Geburtsort:
Wien
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Chemiker

AUDIO - INTERVIEW

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