Oskar Rosenstrauch

Wien, Österreich

Oskar Rosenstrauch
Wien
Österreich
Datum des Interviews: April 2003 Interviewer: Tanja Eckstein

Das Hausmädchen öffnet die Tür und Herr Rosenstrauch, ein grauhaariger Herr, dem man seine 85 Jahre nicht ansieht, empfängt mich in seiner großen und sehr gemütlichen Wohnung im 1. Bezirk in Wien. Im Wohnzimmer stehen viele Bücher, auch in den anderen Zimmern muss es viele Bücher geben, denn Herr Rosenstrauch erwähnt, dass er und seine Frau schon 1 000 Bücher über Judaica der Staatsbibliothek vermacht hätten und ihre Bibliothek noch immer sehr groß sei. Ich spüre das kulturelle und intellektuelle Leben der Familie Rosenstrauch. Das Hausmädchen bringt Getränke, und wir beginnen unser Gespräch, einige Zeit später mit aktiver Unterstützung seiner Tochter Liesl Krag, die gerade aus Dänemark zu Besuch in Wien weilt. Bedrückend ist das Wissen, dass im Nebenzimmer, die durch die Folgen des Holocaust schwerkranke Ehefrau Edith Königsberg-Rosenstrauch liegt.

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Während des Krieges
Nach dem Krieg
Glossar

Meine Familiengeschichte

Meine Urgroßväter mütterlicherseits waren Chassidim [1] und Melamedim [2] .

Der alte Melamed Wolfzahn lebte in Tarnopol, in der Österreichisch- Ungarischen Monarchie. Als Galizien 1772 zu Österreich kam, wurden die galizischen Juden als Österreicher bewertet. Sie sprachen jiddisch und jiddisch wurde als deutsch eingestuft. Der Urgroßvater war mit Malke verheiratet. Sie hatten drei Kinder: zwei Söhne - Pinkas und Noa, jiddisch Nuchem - und eine Tochter Ruchel.

Mein Urgroßvater Melamed Sobel, er trug immer einen Kaftan, lebte mit seiner Frau Ester in Ruschin, einem kleinen Städtchen in Russland. Sie besaßen ein eigenes Haus und hatten drei Töchter: Ruchel, Basie und Chaje, meine Großmutter, die ungefähr 1874 in Ruschin geboren wurde.

Beide Urgroßväter waren Anhänger des Chuschtschatener Rebben und fuhren, wenn eine ihrer Töchter im heiratsfähigen Alter war, zum Chuschtschatener Rebben, um heiratsfähige und gelehrte Männer für sie zu finden.

Ruchel, die eine Schwester der Großmutter, war mit dem Blecher Lejb Reznik verheiratet. Sie hatten zwei Töchter: Chinje Elke und von der anderen weiß ich den Namen nicht. Ruchel und ihre Familie lebten in Ruschin mit den Urgroßeltern zusammen im Haus. Der Urgroßvater unterrichtete dort die Kinder und Lejb Reznik hatte im Haus seine Werkstatt. Die Urgroßmutter kümmerte sich um den Haushalt.

Basie, die andere Schwester meiner Großmutter, war mit einem jüdischen Bauern verheiratet und hatte zwölf Söhne. Ich weiß nur, dass der Bauer im Jahre 1905, da war der Krieg gegen Japan, zur russischen Armee eingezogen werden sollte, aber weil er zwölf Söhne hatte, Alleinverdiener und selbständiger Bauer war, brauchte er nicht zu dienen. Ich glaube, die gesamte Familie wurde im Holocaust ermordet.

Für meine Großmutter Chaje fand der Urgroßvater den Sohn des alten Melamed Wolfszahn, Pinkas Wolfzahn, aus Tarnopol als Bräutigam. Pinkas war ebenfalls ein Melamed wie sein Vater, trug Pejes [3] und immer einen Kaftan.

Nach der Hochzeit, lebten meine Großeltern in Ruschin. Für meinen Großvater war das sehr schwierig, weil die Arbeitsbedingungen in Russland für ihn schlecht waren, denn als Ausländer und Jude bekam er keine Arbeitsgenehmigung und so hielten sich die beiden illegal in Russland auf. 1890 wurde meine Tante Chane, die später Anna genannt wurde, geboren. Durch die sehr schwierigen Lebensbedingungen, die große Armut und die Illegalität, ließen sich meine Großeltern scheiden. Aber einige Jahre später, im Jahre 1897, wurde meine Mutter Elke, die Ella genannt wurde, in Berditschew, in Russland, geboren: Meine Großeltern hatten einander ein zweites Mal geheiratet. Der Geburtsname meiner Mutter und ihrer Schwester war Sobel, wie ihre Mutter, weil die Großeltern nur jüdisch und nicht standesamtlich geheiratet hatten. Diese Heiraten wurden vom Staat nämlich nicht anerkannt.

Damit mein Großvater seinen Beruf als Melamed ausüben konnte, waren sie in die nächstgrößere Stadt gezogen. In Berditschew ließ es sich leichter illegal leben, sie nahmen sogar den Namen Berditschewski an. Außerdem lebte die Schwester des Urgroßvaters Sobel, die Tante Golde, in Berditschew und stand der jungen Familie hilfreich zur Seite. Mein Großvater arbeitete weiter illegal als Melamed.

1904 starb sein Vater, der alte Melamed Wolfszahn, in Tarnopol. Mein Großvater fuhr mit der Schwester meiner Mutter, meiner Tante Chane, über die Grenze nach Tarnopol, in die Österreichisch- Ungarische Monarchie, um seinen Bruder Nuchem zu unterstützen. In Tarnopol übernahm er den Cheder [4] seines Vaters.

Nuchem war nicht verheiratet, besaß ein Geschäft mit Bändern und Kurzwaren im Mammritscher Gässl und konnte dadurch die Familie finanziell unterstützen. Damit sich seine Mutter, meine Urgroßmutter Malke, die Witwe des Urgroßvaters Wolfzahn, ihren Lebensunterhalt verdienen konnte, richtete Nuchem ihr auf dem Marktplatz einen Stand mit Bändern und Kurzwaren ein.

Ruchel, die Schwester des Großvaters, lebte auch in Tarnopol. Sie war mit einem Herrn Kahane, der Kalachhändler war, verheiratet. Ein Kalachhändler handelte mit Kalk. Die Häuser wurden jedes Jahr zu Ostern getüncht, dafür benutzte man Kalk, der andererseits auch ein Schutzmittel gegen Fliegen war. Ruchel und ihr Mann hatten zwei Söhne. Von beiden Söhnen kenne ich die Namen nicht, aber einer hieß immer 'Der Kommunist'. Er soll einmal Fenster in einem Gemeindebau eingeschlagen haben, wurde von der Polizei in Tarnopol gesucht, konnte aber wahrscheinlich nach Amerika fliehen.

Ein Jahr nachdem mein Großvater mit meiner Tante Chane nach Tarnopol gegangen war, folgten ihm meine Großmutter mit meiner Mutter, der siebenjährigen Elke. Für meine siebenjährige Mutter war Tarnopol eine ganz neue Erfahrung. Sie kam aus einem sehr armen russischen Städtchen. Tarnopol dagegen hatte ungefähr 35 000 Einwohner: Ruthenen, Ukrainer, Polen und Juden lebten gemeinsam in dieser Stadt. Vierzig Prozent der Bewohner waren Juden.

Der Großvater war ein sehr bescheidener Mensch. Er bat zum Beispiel immer Gäste zum Schabbat [5] nach Hause, weil aber die Familie so arm war, verzichtete er auf sein eigenes Essen.

Meine Mutter besuchte in Tarnopol eine Schule, danach ging sie in die Lehre zu einer Schneiderin.

Meine Großeltern väterlicherseits lebten auch in Tarnopol. Mein Großvater Adolf Haskel Gläsner, war sehr arm und sehr gläubig. Er studierte die Torah [6]. Das wenige Geld, das er besaß, gab er dem Tempel, indem er irgendwelche heiligen Dinge kaufte. Ich habe ihn nie gesehen, ich weiß aber von meiner Mutter, die ihn manchmal gesehen hat, er wurde ihr Schwiegervater, dass er einen grauen Bart hatte. Der Großvater starb vor dem 1.Weltkrieg in Tarnopol. Meine Großmutter väterlicherseits hieß Feige Simme Rosenstrauch. Sie und der Großvater hatten drei Töchter und drei Söhne: Dobrosch, Sara, Eidel und Mendel, Selig und meinen Vater Jakob Abraham. Da die Großeltern auch nur jüdisch und nicht standesamtlich geheiratet hatten, wurde auch diese Ehe staatlich nicht anerkannt, und die Kinder bekamen den Namen Rosenstrauch, nach der Mutter.

Tante Dobrosch war die Älteste der Geschwister. Über sie weiß ich nur, dass sie keine Kinder hatte und im Holocaust ermordet wurde.

Die zweitälteste Schwester meines Vaters hieß Sara, jiddisch Salke. Sie war Schneiderin und verheiratet mit dem Kaufmann Meschillem Lewinter. Sie hatten drei Kinder: Fani, Edith, jiddisch Eidel, und Adolf. Adolf war nach dem Großvater benannt und ungefähr in meinem Alter, also Jahrgang 1918. Die Familie Lewinter lebte einige Zeit in Wien, kehrte aber 1918 nach Tarnopol zurück. Nur Adolf überlebte den Holocaust; er war in die Sowjetunion geflüchtet. Als der Krieg zu Ende war, suchte er in Tarnopol seine Familie, fand aber niemanden. Er emigrierte daraufhin nach Israel. Er schrieb meiner Mutter einen Brief nach London, in dem er ihr von seinen Nachforschungen über die Familie in Tarnopol berichtete. Meine Großmutter Feige, so schrieb er, hätte mitansehen müssen, wie ihre Familie, nach dem Einmarsch der Deutschen in Tarnopol, ermordet wurde. Großmutter Feige wäre krank und allein in ihrem Haus gestorben.

Adolf heiratete in Israel und bekam zwei Söhne: Shalom und Shai. Shalom, der drei Söhne hat, starb bei einem Unfall, Shai hat zwei Söhne und lebt in Israel.

Tante Eidel war die jüngste Schwester. Sie war mit Leo Weimann verheiratet und hatte fünf Kinder: Regine, Ruza, Jenny, Arthur und Jakob. Tante Eidel starb vor dem Holocaust und der Onkel Leo lebte in Wien bei seiner Tochter Ruza. Ich erinnere mich an ihn als einen sehr würdigen, grauhaarigen alten Mann. Womit er sein Geld als junger Mann verdient hatte, weiß ich nicht. Ich habe ihn nur als Pensionisten gekannt. Nach dem Krieg war er nicht mehr da, er wurde sicher ermordet. Meine Cousine Ruza war mit Herrn Bromberger verheiratet. Sie hatten eine Tochter Edith. Edith hatte zwei Kinder. Die sind in die Vereinigten Staaten geflohen, genaueres weiß ich nicht.

Regine heiratete Herrn Fleischer. Sie hatte zwei Kinder: Sonja und Martin. Alle flüchteten vor dem Holocaust nach England. Sonja Fleischer, die meine Frau und ich einmal in England besuchten, hatte eine Tochter Rosalin. Martin lebt auch in England, hat fünf Kinder und ist ein sehr frommer Mann, ein Lubawitscher Chassid [7].

Onkel Mendel war Kupferschmied, auf jiddisch hießen die Blecher, mehr weiß ich nicht über ihn.

Onkel Selig war Greißler und hatte ein Geschäft in der Lemberger Gasse in Tarnopol. Er wurde im Holocaust ermordet.

Mein Vater, Jakob Abraham Rosenstrauch, wurde am 23.März 1892, ich glaube, in Tanopol geboren.

Meine Eltern lernten sich bereits in Tarnopol kennen. Mein Vater war sehr verliebt in meine Mutter. Er schrieb meiner Großmutter sogar Gedichte; so warb er um sie.

1914 begann der 1. Weltkrieg. Gleich zu Beginn des Krieges, meine Mutter war gerade 17 Jahre alt, schickte ihre Mutter sie aus Angst vor den russischen Soldaten, die die Grenze zu Galizien überschritten hatten, nach Wien in die Reichshauptstadt. Gemeinsam mit einer Familie aus Tarnopol flüchtete meine Mutter über Budapest nach Wien. Verwandte, die in Wien lebten, nahmen sie auf. Sie arbeitete zuerst in einer Schneiderei, in der Uniformen und Handschuhe für die k. u. k. Armee [8] genäht wurden. Dann arbeitete sie für die Familie des Chuschtschatener Rebben, der, als der 1. Weltkrieg begann, auch nach Wien geflohen war. Sie musste erleben, dass dieser Rabbiner, der ein großes Vorbild für ihren Vater war, der sein letztes Geld diesem Rabbiner gebracht hatte, seine Anhänger schlecht behandelte. Die Angestellten wurden sehr schlecht bezahlt, und er war so schrecklich geizig, dass er nicht einmal den ganz Armen etwas gab. Das erschütterte den Glauben meiner Mutter sehr. Ab dieser Zeit lebte sie nur noch wie eine traditionelle Jüdin.

Mein Vater hatte ein oder zwei Jahre eine Ausbildung als Buchhalter in Deutschland gemacht. Das war vor dem 1. Weltkrieg, bevor er nach Wien übersiedelte. Seine Muttersprache war Jiddisch, aber durch die Zeit in Deutschland sprach er ein sehr gutes Deutsch. 1914 kam er nach Wien. Er diente während des 1. Weltkrieges [1914-1918] in der k. u. k. Armee.

1917 wollten meine Eltern heiraten. Für die Hochzeit brauchte meine Mutter ihren Geburtsschein. Da sie aber geboren wurde, als sich ihre Eltern illegal in Russland aufgehalten hatten, war sie nicht registriert worden, und es existierte kein Geburtsschein. Ohne Geburtsschein konnte meine Mutter in Wien nicht heiraten. Ihre Mutter schickte ihr daraufhin den Geburtsschein ihrer Nichte Chinje Elke, der Tochter ihrer Schwester Ruchel. So heiratete meine Mutter mit dem Geburtsschein ihrer Cousine. Meine Großmutter und meine Tante Chane kamen aus Tarnopol nach Wien zur Hochzeit, die im Klucky-Tempel, im 20. Bezirk, stattfand. Der Vater meiner Mutter, Melamed Wolfzahn, war so fromm, dass er nicht nach Wien kam. Er sagte: 'Wien ist trejf [9], in Wien sind sogar die Steiner [Steine] trejf.'

Chane, die Schwester meiner Mutter, hatte in Tarnopol einen Herrn Pelc geheiratet. Der Herr Pelc war sehr nett. Er besaß irgendein Geschäft, das er aber auflassen musste. Was für ein Geschäft es war, weiß ich nicht. Sie hatten drei Kinder: Malke, Ester und Hersch. Da sie kein Geld mehr hatten, mussten sie ihre Wohnung aufgeben und zur Großmutter ziehen, die aber auch nur Platz in der Küche hatte. Tante Chane kam dann einige Monate zu meiner Mutter nach Wien und lernte ein wenig das Schneiderhandwerk. Meine Mutter unterstützte immer finanziell ihre arme Familie in Galizien. Alle wurden ermordet, meine Tante Chane, ihr Mann und die drei Kinder.

Meine Eltern mieteten im 20. Bezirk, in der Karl-Meißl-Straße 10, eine Zimmer-Küche-Kabinett [kleines Zimmer] Wohnung.

Meine Kindheit

Ich wurde am 9. August 1918 in Tarnopol als Oskar, jiddisch Haskel, Rosenstrauch geboren. Meine Mutter, das dürfte damals so eine Sitte gewesen sein, war zur Geburt ihres ersten Kindes nach Tarnopol zu ihrer Mutter gefahren. Zwei Monate nach meiner Geburt fuhr sie wieder nach Wien zurück.

Ich bekam noch zwei Schwestern: Franziska, jiddisch Fani, wurde am 20. Februar 1920 und Edith, jiddisch Eidel, wurde am 12. Juli 1924 in Wien geboren.

Meine Mutter war Schneiderin. Sie arbeitete zu Hause, was aber in der kleinen Wohnung nicht einfach war, denn sie konnte nie etwas liegen lassen. Sie musste alles immerzu hin - und herräumen. Ein Mädchen aus dem Waldviertel kochte und beaufsichtigte uns Kinder. Bevor ich in die Schule kam, ging ich in einen jüdischen Kindergarten. Ich glaube, der Kindergarten war in der Othmargasse [20. Bezirk]. Ich bin darauf gekommen durch eine Ausstellung im 20. Bezirk beim Augarten [10], innerhalb des Projektes 'Augarten'. Im Ausstellungskatalog wurde der Kindergarten erwähnt und es ist auch ein Foto dabei. Das war der erste, nicht religiöse jüdische Kindergarten - so habe ich das verstanden. Ich kann mich aber nur ganz dunkel an den Kindergarten erinnern, denn das ist alles schon 80 Jahre her.

Gegenüber unserem Haus, in der Karl-Meißl-Straße 9, wohnte der berühmte Tenor Joseph Schmidt, wir konnten ihn oft singen hören.

Meine Eltern hatten jüdische Freunde, mit denen sie an den Sonntagen oft gemeinsam Ausflüge unternommen haben. Mit einer Familie Deutsch war mein Vater besonders befreundet. Aber sie gingen auch in den Augarten, der befindet sich direkt neben der Karl-Meißl-Straße. Im Augarten war ein Gasthaus, in dem meine Eltern dann mit ihren Freunden saßen. Das Essen wurde mitgenommen und für die Kinder wurde ein Kracherl [Himbeersoda] bestellt.

Die Sommer verbrachten wir in Sankt Andrä - Wördern [NÖ, Bezirk Tulln]. Bei einem Bauern am Berg hatten wir ein Sommerquartier. Das Kindermädchen blieb mit uns Kindern dort, denn die Eltern kamen nur am Wochenende.

Wir hielten die hohen Feiertage, aber koscher [11] waren wir nicht. Mein Vater, der ein sehr intelligenter Mann, lebensfroh war und gern in Kaffeehäuser ging, liebte seine Kinder. Einmal gab er mir aber eine Ohrfeige, weil ich zu Pessach [12] auf der Straße eine Wurstsemmel gegessen habe. Er sagte, ich solle nicht die religiösen Gefühle anderer Leute beleidigen.

Zur Vorbereitung meiner Bar Mitzwa [13] beauftragten meine Eltern einen Melamed, mir hebräische und jüdische Geschichte beizubringen. Am Tag meiner Bar Mitzwa las ich am Vormittag in der Karajangasse, im 20. Bezirk, in einer kleinen Schil [Bethaus] aus der Torah vor. Danach gab es eine große Feier in der Werkstatt meiner Mutter. Ein Orchester spielte, es wurde getanzt, und ich erinnere mich noch an Männer, die am Boden russische Tänze tanzten. Ich bekam viele Geschenke und es gab viele Torten und Fisch. Ich entfremdete mich dann aber sehr schnell von meinem zu Hause. Bis zur Bar Mitzwa wurde ich von meinem Elternhaus stark beeinflusst, aber dann begann die Umwelt stärker auf mich einzuwirken.

Ich ging in das Realgymnasium RG 2, in die Kleine Sperlgasse. Da war ich von der 1. bis zur 6. Klasse. In meiner Klasse waren ungefähr zwei Drittel, also 60 Prozent, jüdische Kinder. Antisemitische Strömungen wurden erst in den 1930er-Jahren, während der Wirtschaftskrise [1929 bis späten 1930er- Jahre], akut. Ich habe Antisemitismus weder von Lehrern noch von Schülern erlebt.

Meine Schwestern Franzi und Edith haben sich immer respektvoll mir gegenüber benommen, weil ich der ältere Bruder war. Die Wohnung war sehr klein und wenn ich meine Aufgaben für die Schule machen musste, sind sie spielen gegangen, um mich nicht zu stören.

Franzi war eine Betar [14] Anhängerin. Sie war immer sehr zionistisch, war immer sehr jüdisch. Ich spielte Fußball in der Hakoah [15]. Edith war sechs Jahre jünger als ich, und dadurch hatten wir nicht sehr viel Kontakt miteinander.

Mein Vater arbeitete als Buchhalter bei der Firma 'Rosenberg und Freier'. Da er Kurse an einer Volkshochschule für ungarisch und Kalligraphie [Geschichte und Entwicklung der Schrift] belegt hatte und die deutsche Sprache perfekt beherrschte, war er ehrenamtlich Schriftführer einer linkszionistische Organisation, die sich regelmäßig im 'Bayrischen Hof', der sich in der Taborstrasse, Ecke Obere Augartenstrasse, im 2. Bezirk, traf. Er half außerdem Juden, die Probleme beim Ansuchen an die Behörden hatten. Während der Wirtschaftskrise wurde er arbeitslos, die Firma wurde liquidiert. Als Abfertigung erhielt er ein Lokal im 9.Bezirk, in der Nordbergstrasse 12. In dem Lokal hat sich meine Mutter ihre Schneiderei eingerichtet. Mein Vater wurde ihr Buchhalter.

Während der Wirtschaftskrise in Österreich gab es sehr viel Not und Elend. Wien war das 'Rote Wien' [16] mit sehr viel Einfluss der Sozialdemokratischen Parteibücher. Es gab den Sozialdemokratischen Turnverein, die Sozialdemokratischen Kinderfreunde und Arbeiterbüchereien. Die Kinder der ärmeren jüdischen Schicht wurden in der Sozialdemokratischen Partei mit ihren Nebenorganisationen, auch der Gewerkschaft, aufgesogen. Im sozialdemokratischen Wiener Gemeinderat waren viele Juden, es bildete sich ein Typ von Österreichern jüdischer Herkunft heraus, der mehr Österreicher als Jude war.

Die Juden, die aus Böhmen in die Reichshauptstadt kamen, machten Karriere, die armen Juden, die aus Galizien kamen, sind als Juden oder Saujuden in der Öffentlichkeit hängen geblieben. Das war das Widersprüchliche in Wien.

Wien hatte eine sehr starke Anziehungskraft auf junge Leute. Wir waren bei den Kinderfreunden [sozialdemokratischer Kinderverein] und traten früh der SAJ [Sozialistischen Arbeiterjugend] bei. Ein Teil der jungen Juden war in diesen Assimilierungsstrom einbezogen, andere wieder nicht: die gingen in die jüdischen Organisationen, zum Beispiel den Haschomer Hatzair [17] oder den Betar, wie meine Schwester Franzi. Das war das jüdische Dasein in den 1920er und 1930er-Jahren. In dem Maße, wie sich die Situation politisch von außen zuspitzte, gestalteten sich die Schicksale dieser jungen Leute verschieden.

In unserem Haus wohnten 50 Prozent Juden und 50 Prozent Nichtjuden. Man sprach miteinander oder nicht, aber es gab keinen Antisemitismus, der spürbar war. Das war das Besondere an Wien! Im zweiten Bezirk, in der Ghettogegend, lebten die Religiösen, die sich deutlich unterschieden von den assimilierten Juden, die aber auch bewusst jüdisch lebten. In den Ghettogebieten war das Schwergewicht auf jüdisch; das war eine Teilung, die durch Wien ging. Man sang damals in Wien so ein Gstanzl [Volkslied]: 'Die einen die jodeln die san im Gebirg, die anderen die jideln im zweiten Bezirk.' Das ist nicht unfreundlich oder das Lied: 'Als Moses mit den Juden zog übers Rote Meer, da waren in der Leopoldstadt [2. Wiener Gemeindebezirk, in dem viele orthodoxen Juden lebten und auch heute wieder leben] die Kaffeehäuser leer.' Auch das ist nicht unfreundlich. Es war ein freundliches nebeneinander; diese Gehässigkeiten begannen mit der Wirtschaftskrise; mit dem Elend.

Jemand, der 1914 nach Wien kam, musste, wenn er einen Posten bei der Eisenbahn, bei der Polizei, oder was immer hatte, auf den Kaiser schwören. Das war bis 1918. Danach musste er auf die Republik schwören, 1934 musste er schon auf Dollfuß [18] schwören, 1938 auf Hitler und 1945 auf die Demokratie. Das Gros der Bevölkerung hat sich ideologisch nach ihrer materiellen Gegebenheit ausrichten müssen: erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Das soll nicht die Leute entschuldigen, die zu Dieben und Verbrechern wurden - das ist ein anderes Kapitel.

Meine gesamte Gruppe, die der sozialistischen Arbeiterjugend, die in der Oberen Augartenstrasse im Gemeindebau ein Lokal hatte, trat nach den Februarereignissen 1934 [19] dem Kommunistischen Jugendverband bei. Während des Februaraufstandes 1934 hatte meine kommunistische Gruppe Bereitschaftsdienst in der Wohnung eines alten Freundes. Ich wurde dann während einer Stassenrazzia, die damals schon üblich war, angehalten. Bei der Hausdurchsuchung in unserer Wohnung fanden sie kommunistische Literatur. Als ich dem Kommunistischen Jugendverband beigetreten war, hatte man mir ein Paket übergeben, und gesagt: 'Du bist Litmann.' Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutet und legte das Paket zu Hause in meinen Schrank. Später erfuhr ich, dass Literaturmann im kommunistischen Jargon Litmann hieß. Das Paket mit kommunistischem Propagandamaterial und Büchern wurde bei mir gefunden. Ich wurde daraufhin in das Kommissariat in der Leopoldstadt eingesperrt und später in die Jugendzelle auf der Elisabethpromenade gebracht. Als Folge dessen musste ich meine Schule, ich war in der sechsten Klasse, verlassen. Für meinen Vater war das ein schwerer Schlag. Ich durfte aber in einer anderen Schule weiter lernen und wurde in die Kalvarienberggasse, ins RG 17, versetzt. Das war alles sehr korrekt, auch der Gefängnisaufenthalt im Kommissariat und auf der Elisabethpromenade. In meiner neuen Schule kam ich mit später bekannten Leuten zusammen, die auch mit mir maturierten. Einer war der spätere sehr bekannte Journalist und Herausgeber der Presse Otto Schulmeister, der andere war der Kurt Waldheim [20].

Ich hatte bis zur Matura jüdischen Religionsunterricht, ich maturierte sogar in diesem Fach, das war eine sichere Note. Man musste drei Gegenstände nennen zur Matura und die drei Gegenstände schloss ich 'gut' ab.

Nach der Matura besuchte ich zwei Semester die Textilfachschule in Wien und absolvierte ein Semester Technik auf der Universität, auf der ich dann aus politischen Gründen nicht mehr weiter studieren konnte.

Meine Mutter war sehr fleißig und eine außergewöhnlich gute Schneiderin. Sie fuhr auch nach Paris zu Modeschauen, um Modelle zu kopieren und immer auf dem neuesten Stand der Mode zu sein. Im Jahre 1937 hatte meine Mutter bereits 27 Mitarbeiterinnen, und sie führte einen bedeutenden Salon. Auch ausländische Kunden kamen zu ihr. Eine davon war Margaret Spielman, eine englische Jüdin, die meine Mutter und meine Schwestern 1938 rettete, in dem sie ihnen Permits [21] nach England besorgte und meine Mutter in Darlington als Hausschneiderin zu sich nahm.

Für die Einreise meiner Schwester Edith, sie war erst 14 Jahre alt und hatte die Schule verlassen müssen, fehlte ein Papier. Zum Glück kam es aber eine Woche später und Edith konnte auch nach England. Durch Frau Spielman bekam sie einen Platz in einer Boarding School. Die Familie Spielman war sehr reich, sie retteten vielen Juden das Leben.

Während des Krieges

Mein Vater wurde im November 1938 verhaftet und ins KZ Dachau deportiert. Frau Spielman schickte auch ihm Papiere aus England, wodurch er nach vier Monaten aus Dachau entlassen wurde.

Im November 1939 ging meine Vater auf den 'Kladovo-Transport.' Das war der letzte Transport aus Wien nach Palästina. Auf einem Donauschiff fuhren mehr als 1. 000 jüdische Flüchtlinge - Frauen, Männer und Kinder - die Donau hinunter. Viele Jugendliche auf dem Schiff waren Mitglieder des Hashomer Hatzair. Sie kamen bis Kladovo in Jugoslawien, dann mussten sie die Eisschmelze abwarten. Nach vielen Monaten wurden die Flüchtlinge im September 1940 nach Sabac gebracht. Zweihundert Jugendlichen gelang es noch durch Zertifikate aus Palästina, das rettende Ziel zu erreichen. Die anderen Flüchtlinge wurden im Frühjahr 1941 von der deutschen Armee eingeholt und ermordet; auch mein Vater.

Ich ging nach dem Einmarsch der Deutschen illegal in die Tschechoslowakei, weil ich gesucht wurde. Da ich in einer Anti-Nazibewegung aktiv war, und vor dem Einmarsch der Deutschen große Straßendemonstrationen in Wien stattfanden, fand bei mir eine Hausdurchsuchung statt. Ich war zu dieser Zeit aber schon bei Freunden in einem Siedlungshaus versteckt, und im April 1938 ging ich über die grüne Grenze in die Tschechoslowakei. Die Tschechen erwischten mich und sperrten mich an der Grenze zwei Wochen ins Gefängnis.

Dann bekam ich Hilfe durch die Organisation 'Solidarität'. Ich wurde entlassen und lebte in Brünn mit Flüchtlingen aus Deutschland, Österreich und anderen Ländern zusammen. Wir schliefen zu dritt in einem Bett, es war alles sehr eng. Einmal die Woche bekamen wir von einem Fleischhauer Wurst - ich lebte ein nichtjüdisches, politisches Leben.

Da es in der Slowakei Arbeitsgenehmigungen für Flüchtlinge gab, fuhren wir in die Slowakei und lebten bei jüdischen Familien. Ich arbeitete zum Teil als Installateur, zum Teil als Sortierer für Wollschafhäute. Mitte September 1938 marschierten die Deutschen ins Sudetengebiet ein. Wir wurden zurück nach Brünn gerufen. Es gab eine Organisation, den 'Czech Refugee Trust Fund'. Diese Organisation half politischen und jüdischen Flüchtlingen bei der Flucht. Von Brünn flog ich mit dem Flugzeug am 28. Februar 1939 nach England.

Der 'Czech Refugee Trust Fund' hatte seinen Sitz in London und kümmerte sich auch um unsere Unterbringung. Zuerst wohnten wir in einer Pfarre in Greater-Chesterfield bei Cambridge. Nach einiger Zeit übersiedelten wir auf Vorschlag des 'Czech Refugee Trust Fund' nach Manchester. In Manchester wohnten wir in einem Hostel. Da wir keine Arbeitsgenehmigungen hatten, wurden wir von dort interniert, das war im Juni 1940. Für die älteren Menschen, insbesondere die älteren jüdischen Flüchtlinge, war es eine Katastrophe, eingesperrt zu werden. Ich war anderthalb Jahre interniert. Wir Jugendlichen machten das Beste daraus, spielten Fußball und lernten Englisch. Im Internierungslager waren sehr korrekte Verhältnisse, wir wurden gut versorgt. Im Februar 1942 wurde ich aus dem Internierungslager entlassen.

In England gab es eine österreichische Emigrantenbewegung, die sogenannte 'Free Austrian Movement [22]'. Als ich aus der Internierung kam, wurde diese Bewegung gerade gegründet. Meine Frau Edith und ich waren dann dort sehr engagiert. Unser Freundeskreis in England bestand aus österreichischen Emigranten; wir hatten aber auch sehr gute englische Freunde.

Meine Frau wirft mir heute noch vor, dass ich zum ersten Rendezvous um eine Stunde zu spät kam, weil es ein Fußballmatch gab. Im März 1942 ging sie mit mir zusammen nach Manchester.

Meine Frau, Edith Rosenstrauch, geborene Königsberg, kommt aus einer jüdischen koscheren Familie. Ihre Familie kam um die Jahrhundertwende aus Polen nach Wien. Die Reichshauptstadt bot einen höheren Lebensstandard. Es war ja eine Monarchie, man konnte frei hin - und herfahren. Es gab schon eine Eisenbahn, die Kaiser-Ferdinands-Nordbahn, die von Wien nach Krakau und von Krakau nach Wien fuhr. Der Vater meiner Frau war Schneider und hatte einen kleinen Schneidersalon mit einem Lehrling. Ihre Eltern wurden, nach Riga [23] deportiert und mit 40 000 anderen Juden erschossen.

Meine Frau fuhr 1938 von Wien mit ihrer Schwester Alice mit einem Kindertransport [24] nach England. Die Trennung von ihren Eltern hat meine Frau nie verkraftet. Im November 2001 feierten wir den 80. Geburtstag meiner Frau. Der Böhlau Verlag hatte ein Buch über meine Frau mit dem Titel ' Edith Rosenstrauch-Königsberg: Von der Metallschleiferin zur Germanistin' herausgegeben und wir ahnten nicht, was passieren würde. Im Dezember fuhren meine Tochter Liesl, meine Frau und ich nach Riga zu einer Gedenkfeier der Ermordeten. Dort brach meine Frau zusammen. Sie hat diese Konfrontation mit der Ermordung ihrer Eltern nicht verkraftet und fiel in ihre Kindheit zurück, rief nach ihren Eltern und hat sich seitdem nicht mehr erholt.

Alice, die Schwester meiner Frau, heiratete in England einen amerikanischen Soldaten und ging mit ihm in die USA, nach New York. Die Ehe war kinderlos und hielt nicht lange. Sie heiratete dann den Maler Irwin Greenberg und sie bekamen zwei Kinder: Jaqueline Rose und Michelle Joe. Auch diese Ehe ging auseinander. Eine Tochter lebt als bewusste Jüdin, die andere Tochter weniger. Alice lebt heute in Kalifornien.

Ich arbeitete in Manchester in einer Kriegsrüstungsfabrik. Unsere Tochter Helen Liesl Krag, geborene Rosenstrauch, wurde am 29. Dezember 1942 in Manchester geboren. Am 13. Mai 1945 wurde in London unsere zweite Tochter Hazel Elfriede Rosenstrauch geboren.

Nach dem Krieg

Uns war immer klar, dass wir nach dem Krieg nach Österreich zurückgehen würden. Ich war sehr verbunden mit Wien, und ich habe mir ausgerechnet, dass man nach dem Krieg Leute brauchen wird, die unbescholten sind. Das war ein Motiv. Ein anderes Motiv war ein illusorisches; das hatte mit Demokratie und Aufbau zu tun - es waren Jugendideale.

1946 ging zuerst ich nach Wien zurück. Die erste Zeit wohnte ich bei Richard und Dolli Menasse, den Eltern des Ehemannes meiner Schwester Edith, im 2. Bezirk, in einer Zimmer-Küche-Kabinett Wohnung. Edith hatte in England eine Modeschule besucht und ihren ersten Mann Kurt Menasse kennen gelernt geheiratet. Kurt Menasse war auch mit einem Kindertransport von Österreich nach England gekommen. Sie bekamen einen Sohn Peter, ließen sich aber scheiden. Meine Schwester heiratete in zweiter Ehe Rudi Wein, sie bekamen einen Sohn Wolfgang. Edith kam nach dem Krieg nach Wien und arbeitete im Handel.

Meine Mutter eröffnete in London einen gutgehenden Modesalon. Sie heiratete 1947 Jack Schapira, der aus Brody in Galizien stammte. Er hatte bis 1938 in Wien gelebt und meine Mutter und meinen Vater aus der Wiener Zeit gekannt. Meine Schwester Franzi arbeitete mit meiner Mutter zusammen im Salon. Sie heiratete Herrn Ball und bekam zwei Kinder, David und Jacqui. Meine Schwester lebt in London, ihre Tochter Jacqui lebt in Israel und hat zwei Söhne. David lebt in England und hat sechs Kinder aus zwei Ehen.

Ich wurde im Juni 1946 zum öffentlichen Verwalter der Wiener Metallwaren und Schnallenfabrik in Schwechat bestellt. Die Bedingungen waren die Matura und Facherfahrung in der Metallindustrie, und das hatte ich. Es war eine Fabrik mit ungefähr 300 Leuten, und ich wurde bald Direktor der Fabrik, die später die 'Tyrolia' Skibindungsfabrik wurde.

Meine Frau und Töchter folgten mir nach vier Monaten. Ich weiß noch, dass ich sie mit einem Pferdewagen vom Bahnhof abholte. Unser erstes Quartier war ein Untermietzimmer bei einem Freund aus der Vorkriegszeit. Da wohnten wir monatelang, bis wir eine große Wohnung in Floridsdorf [20. Bezirk] bekamen. Diese Wohnung war bombengeschädigt und in einem furchtbaren Zustand. Nachdem wir sie hergerichtet hatten, war sie sehr schön.

Unsere Töchter kamen in Floridsdorf in die Volksschule. Meine große Tochter war die einzige Jüdin in ihrer Klasse. Sie wurde von den anderen Kindern angesprochen, weil sie nicht in den katholischen Religionsunterricht ging. Sie sagte, sie sei nicht christlich. In der Schule mussten sich meine Kinder antisemitische Bemerkungen anhören. Es waren ja nach dem Krieg viele Nazi Kinder in den Schulen. In unserem Haus gab es eine Emigrantenfamilie aus dem Sudetenland, eine Nazi Familie. Die beschimpften meine Töchter als 'Judenkinder'. Wir drohten dann diesen Leuten damit, sie bei der Polizei anzuzeigen, und sie haben dann damit aufgehört. Nach sieben Jahren Nationalsozialismus gab es natürlich solche Leute.

Wir führten ein nichtjüdisches Leben, wir hatten nie eine Mesusa [25], aber zu Weihnachten einen Weihnachtsbaum. Natürlich war uns klar, dass wir Juden sind, aber wir lebten nicht wie Juden.

Unsere Kinder kamen aufs Gymnasium in die Stubenbastei [1. Bezirk]. Auf dieses Gymnasium gingen viele Nazi-und Emigrantenkinder. Liesl studierte dann Slawistik und Osteuropakunde und Hazel Kulturwissenschaften und in Tübingen Sozialwissenschaften. Liesl lebte in England und Dänemark und hat eine Universitätsprofessur in Kopenhagen. 1988 erschien im Böhlau Verlag ihr Buch über das Leben meiner Mutter: 'Man hat nicht gebraucht keine Reisegesellschaft...' Sie hat drei Söhne: Michael, Jan und Tomas. Mein ältester Enkel Michael ist österreichischer Diplomat an der Botschaft in Mexiko und bewusst der jüdischen Gemeinde beigetreten. Seine Frau ist antireligiös, sie feiern aber Chanukka. Wenn von der FPÖ offizielle Repräsentanten nach Mexiko kommen, dann stellt sie die Menora [26] auf. Sie, eine dunkelhäutige Brasilianerin, ist sehr dafür, dass mein Enkel sich offiziell zum Judentum bekennt. Jan ist Diplomingenieur für Informatik und arbeitet in einer großen internationalen Konsulentenfirma. Tomas studierte an der Wirtschaftsuniversität und besitzt eine eigene Firma.

Hazel lebte in den USA, in Kanada und in Deutschland, wo sie auch promovierte. Sie lebt in Berlin und ist leitende Redakteurin der Zeitschrift 'Gegenworte', einer Zeitschrift für den Disput über Wissen an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Sie ist auch wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin. Hazel hat Bücher geschrieben und Bücher herausgegeben. Sie hat einen Sohn Luis. Luis wurde beschnitten und seine Bar Mitzwa wurde festlich begangen. Das heißt nicht, dass er jetzt jüdisch aktiv ist, aber das Tor zum Judentum wurde ihm geöffnet. Ob er durchgehen wird oder nicht, kann er in den nächsten fünfzig Jahren selber entscheiden.

Meine Frau holte nach dem Krieg in Wien die Matura nach und studierte Germanistik. Sie unterbrach das Studium, arbeitete, kümmerte sich um die Familie und promovierte 1971 mit einer Dissertation über Josephinismus [27].

Ich bin der Meinung, es war richtig für uns, nach dem Krieg nach Österreich zu gehen. Meine Töchter leben zwar nicht in Österreich, kommen aber gern hierher zu Besuch.

Zu unserer Silbernen Hochzeit im Jahre 1967, flogen meine Frau und ich nach Israel und machten eine Rundreise. Wir besuchten Verwandte, die Familie Lewinter und Jaqui, die Tochter meiner Schwester aus London. Seither waren wir einige Male zu Pessach in Israel. Meine Einstellung zu Israel ist Folgende: Als 1948 die Gründung des Staates Israel von den Vereinten Nationen beschlossen wurde, lebten dort Araber. Herzl [28] schrieb 1902 in seinem utopischen Roman 'Altneuland', wie er sich ein gemeinsames Land von Juden und Arabern vorstelle. In der Zwischenzeit gab es natürlich große Auseinandersetzungen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen, wobei es auf beiden Seiten Falken und Tauben gab. Das größte Entgegenkommen, die größte Geste der Israeli war das Angebot Baraks [29], im Jahr 2000. Er bot an, das Westjordanland zu räumen und eine zwei Staaten Lösung zu finden. Dieses Angebot wurde von Arafat abgelehnt. Das musste Israel als Zeichen der Aggression verstehen. Aber es ist sicherlich so, dass es auf die Dauer eine Zwei- Staaten- Lösung geben muss. Es müssen nur auf beiden Seiten gleichzeitig die Tauben das Sagen haben. Israel wird auf der Fortsetzung des jetzigen Weges in große Schwierigkeiten kommen. Es wird wirtschaftlich nicht existieren können und auch viele Sympathien verlieren. Wie weit sich jetzt die Schutzherrschaft der Amerikaner positiv auswirken wird, kann ich nicht sagen. Aber der jetzige Weg schadet Israel mehr, als er den Palästinensern schadet, weil die israelische Substanz stärker ist und viel verlieren kann. Es wurde aus meiner Sicht ein positiver Schritt getan, indem sich die Arbeiterpartei aus der Koalition losgelöst hat. Solange sie in der Koalition war, war jede Kritik antiisraelisch. Heute kann man eine Kritik äußern, die dem Standpunkt der Arbeiterpartei entspricht, und das ist nicht antiisraelisch. Das ist ein wesentlicher Fortschritt, der auf israelischer Seite gemacht wurde.

Ich kenne viele Juden in Wien, die nicht zum Judentum zurückgekehrt sind. Ich bin überzeugt, die Nicht-Gemeindemitglieder würden der jüdischen Gemeinde näher kommen, wenn sie das Gefühl hätten, dass sie gerne aufgenommen werden würden. Es gibt sogar Juden, die ich kenne, die das Gefühl haben, sie werden im Tempel nicht gerne gesehen. Ich glaube, Judentum wird zu sehr verbunden mit der Religion. Es gab in den 1920er, 1930er-Jahren, als der Klerus aktiv reaktionär war, in der Sozialistischen Partei die Bewegung der Freidenker, die sich von der Religion entfernt hatte. Nachdem sehr viele Juden in der Sozialistischen Partei aktiv tätig waren, als Kassiere, als Sektionsmitglieder, sind sie auch in diese Freidenkerbewegung mit einbezogen worden. Es gibt also eine große Tradition von nicht religiösen Juden, die heute alt geworden sind: dazu gehören diese Leute. Dabei bin ich überzeugt, dass 50 Prozent der Juden in Amerika, nicht in die Synagoge gehen. Aber kann man so großzügig sagen, wir brauchen sie nicht? Wer kann sich das erlauben? Marcel Prawy [30] war Jude, aber zu seinem Begräbnis, er bekam ein Ehrengrab der Stadt Wien am 1. Tor des Zentralfriedhofs, kam der Rabbiner nicht, kam auch der Kantor nicht. Das 1. Tor gehört nicht zum jüdischen Friedhof und so ist von der jüdischen Gemeinde niemand gekommen. Prawy wurde vom Kardinal König [31] mit 'Schalom' [hebr. Frieden] begraben. In Ehrengräbern der Stadt Wien gibt es Dutzende Juden, die dank ihrer Verdienste dort liegen, aber von der jüdischen Gemeinde werden sie nicht anerkannt, weil sie nicht am jüdischen Friedhof begraben sind. Das sind Probleme, die existent sind und die tausend Wiener Juden spüren, die nicht von selbst die Initiative ergreifen, der jüdischen Gemeinde beizutreten oder in den Tempel zu gehen.

Meine Frau und ich haben viele jüdische Freunde, gute Freunde, echte Beziehungen. Zum Beispiel der Oberkantor Barzilai, der uns zum Pessachfest eingeladen hatte. Vergangenes Jahr feierten wir Pessach bei uns zu Hause mit Jacob Allerhand [Univ. Professor für Judaistik und Hebraistik an der Universität Wien] als federführend, wobei einige nichtjüdische Freunde von uns und auch von ihm dabei waren. Meine Frau und ich sind im Alter dem jüdischen Leben wieder sehr nahe gekommen. Was das ausgelöst hat, kann ich nicht sagen. Vielleicht aber 1990 der Tod meiner Mutter, die ja immer sehr jüdisch war. Meine Frau war im Herzen auch immer eine bewusste Jüdin, sie konnte ihre Jüdischkeit nur durch unsere Familienentwicklung nicht so ausüben, wie sie es gewollt hätte.

In den Tempel sind wir in den letzten Jahren jeden Samstagvormittag gegangen. Ich hatte ein eher neutrales Gefühl, das wahrscheinlich aus den 60 Jahren meiner Neutralität dem Judentum gegenüber entstanden ist. Ich bin dort gestanden, habe nichts verstanden, konnte nicht lesen, aber ich fühlte mich irgendwie dazugehörig.

Glossar

[1] Chassid [hebr: 'der Fromme'; Pl. Chassidim]: Anhänger des Chassidismus, einer mystisch-religiösen jüdischen Bewegung, die im 18. Jahrhundert in Polen entstand. Begründer des Chassidismus ist Israel ben Elieser Baal Schem Tow (1698-1760). Neben dem Torastudium rücken im Chassidismus das persönliche oder gemeinschaftliche religiöse Erleben - in Gebet, Liedern und Tänzen - und die ekstatische Begeisterung ins Zentrum.

[2] Melamed [hebr: Lehrer]: lehrte im Cheder des Schtetl die 4-8jährigen Jungen Bibel, Hebräisch-Schreiben und -Lesen und die Grundrechenarten.

[3] Pejes od. Peies [hebr: Peot]: die jiddische Bezeichnung für die von frommen Juden getragenen Schläfenlocken. Das Tragen des Bartes und der Schläfenlocken geht auf das biblische Verbot zurück, das Gesicht mit scharfen und schneidenden Gegenständen zu berühren.

[4] Cheder [hebr:Zimmer]: die Bezeichnung für die traditionellen Schulen, wie sie bis Beginn des 20. Jahrhunderts im osteuropäischen Schtetl üblich waren. Der Unterricht fand im Haus des Lehrers statt, der von der jüdischen Gemeinde bzw. einer Gruppe von Eltern finanziert wurde, und war in der Regel nur Jungen zugänglich. Der Unterricht fand in kleinen Gruppen mit Jungen verschiedener Altersgruppen statt.

[5] Schabbat [hebr.: Ruhepause]: der siebente Wochentag, der von Gott geheiligt ist, erinnert an das Ruhen Gottes am siebenten Tag der Schöpfungswoche. Am Schabbat ist jegliche Arbeit verboten. Er soll dem Gottesfürchtigen dazu dienen, Zeit mit Gott zu verbringen. Der Schabbat beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend.

[6] Torah [hebr: Lehre, Gesetz]: Teil des Tanach [Altes Testament]. Die Torah besteht aus den fünf Büchern Mose [Pentateuch]. Mit 'Torah' wird oft die Torahrolle gemeint. Dies ist eine große Rolle aus Pergament, auf der die fünf Bücher Mose in Hebräisch von Hand aufgeschrieben sind. Torahrollen werden in der Synagoge aufbewahrt.

[7] Lubawitscher Chassid: Innerhalb der chassidischen Bewegung gründete Rabbi Schneur Zalman den Lubawitsch Chassidismus, der seiner Lehre nach auch Chabad genannt wird. Chabad steht als Akronym für Weisheit, Einsicht und Wissen. Da Gott sich in der Thora und in den Mitzwot den Menschen geoffenbart hat, führt der Erkenntnisweg des Menschen über Thora-Studium und Mitzwot-Observanz. Zu den fundamentalen Lehren gehört auch der Glaube an das Kommen des Messias. Dieser Glaube war für den siebten Rebbe der Lubawitscher Bewegung, Menachem Mendel Schneerson, sehr wichtig. Er ging davon aus, dass die Ankunft des Messias noch in seiner Generation erfolgen würde und hielt die Menschen an, die Thora-Gesetze einzuhalten, um das Kommen des Messias zu begünstigen.

[8] k.u.k.: steht für ,kaiserlich und königlich' und ist die allgemein übliche Bezeichnung für staatliche Einrichtungen der österreichisch- ungarischen Monarchie, z.B.: k.u.k. Armee; k.u.k. Zoll; k.u.k. Hoflieferant....

[9] Trefe, Trejf: Nicht koscher, unrein im Sinn der jüdischen Speisegesetze.

[10] Augarten: Der Augarten ist die älteste barocke Gartenanlage Wiens und befindet sich in der Leopoldstadt, dem zweiten Gemeindebezirk. Der Augarten beherbergt verschiedene Einrichtungen wie die Wiener Sängerknaben [im Palais], die Porzellanmanufaktur Augarten und das Atelier Augarten.

[11] Koscher [hebr.: rein, tauglich]: den jüdischen Speisegesetzen entsprechend.

[12] Pessach: Feiertag am 1. Frühlingsvollmond, zur Erinnerung an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, auch als Fest der ungesäuerten Brote [Mazza] bezeichnet.

[13] Bar Mitzwa [od. Bar Mizwa; aramäisch: Sohn des Gebots], ist die Bezeichnung einerseits für den religionsmündigen jüdischen Jugendlichen, andererseits für den Tag, an dem er diese Religionsmündigkeit erwirbt, und die oft damit verbundene Feier. Bei diesem Ritus wird der Junge in die Gemeinde aufgenommen.

[14] Betar: revisionistische zionistische Jugendbewegung. Betar ist eine Abkürzung und steht für 'Brit Josef Trumpeldor'. Die Bewegung wurde im Jahr 1923 in Riga [Lettland] gegründet.

[15] Hakoah [hebr.: Kraft]: 1909 in Wien gegründeter jüdischer Sportverein. Bekannt wurde vor allem die Fußballmannschaft [1925 österreichischer Meister]; der Verein brachte auch Ringer, Schwimmer und Wasserballer hervor, die internationale und olympische Titel errangen. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 an das Deutsche Reich wurden die Spielstätten beschlagnahmt und der Verein 1941 verboten.

[16] Rotes Wien: Bezeichnung für die Zeit von 1918 bis 1934 bezeichnet, als Wien demokratisch von Sozialdemokraten regiert wurde. Das Rote Wien gilt als erstes praktisches Beispiel einer langfristigen sozialistischen Strategie zur Umformung einer großstädtischen Infrastruktur. Die bedeutendsten Errungenschaften: der soziale Wohnbau, Verbesserung der Gesundheits- und Jugendfürsorge sowie Schul- und Bildungsreform.

[17] Haschomer Hatzair [hebr.: 'Der junge Wächter']: Erste Zionistische Jugendorganisation, entstand 1916 in Wien durch den Zusammenschluss von zwei jüdischen Jugendverbänden. Hauptziel war die Auswanderung nach Palästina und die Gründung von Kibutzim. Aus den in Palästina aktiven Gruppen entstand 1936 die Sozialistische Liga, die sich 1948 mit der Achdut Haawoda zur Mapam [Vereinigte Arbeiterpartei] zusammenschloss.

[18] Dollfuß, Engelbert [1892-1934]: Österreichischer Christlich-Sozialer Politiker, 1932-1934 Bundeskanzler, schaltete im März 1933 das Parlament aus. 1933 verbot er die NSDAP, die Kommunistische Partei und den Republikanischen Schutzbund, 1934 - nach den Februarkämpfen - auch die Sozialdemokratische Partei. Er regierte mit Notverordnungen und führte Standrecht und die Todesstrafe ein. 1934 schuf er den autoritären Ständestaat, der sich auf die Kirche, die Heimwehr und die Bauern stützte. Am 25. Juli 1934 wurde Dollfuß während eines nationalsozialistischen Putschversuches ermordet.

[19] Bürgerkrieg in Österreich [Februarkämpfe 1934]: Die Gegensätze zwischen den Sozialdemokraten und den Christlichsozialen bzw. der Regierung führten im Februar 1934 zum Bürgerkrieg in Österreich. Die Februarkämpfe brachen in Linz aus und breiteten sich nach Wien aus. Der unorganisierte Aufstand forderte mehr als 300 Tote und 700 Verwundete [auf beiden Seiten]. Außerdem führte er zum Verbot der Sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften sowie die Ausrufung 1934 des Ständestaats.

[20] Waldheim, Kurt [geb. 1918]: österreichischer christlich-demokratischer Politiker. 1968 - 1970 Außenminister; 1964 - 1968 und 1970 - 1971 war er Botschafter Österreichs bei den Vereinten Nationen. Als Waldheim-Affäre wird die Aufdeckung der NS-Vergangenheit Waldheims im Zuge des Präsidentschaftswahlkampfes 1986 bezeichnet. Waldheim konnte die Mitgliedschaft in der SA sowie im NS-Studentenbund nachgewiesen werden. Des Weiteren hat er über seinen Dienst in der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg gelogen. Andere Unterstellungen [Beteiligung an Kriegsverbrechen] erwiesen sich jedoch als haltlos.

[21] Permit [engl.: Erlaubnis]: Visum, Einreisegenehmigung

[22] Free Austrian Movement [Freie Österreichische Bewegung]: Erste repräsentative politische Vertretung der Exil-Österreicher in Großbritannien; im November 1941 gegründet. Als Dachorganisation von 37 Vereinigungen wirkte das von Kommunisten dominierte Movement bis Kriegsende als politische Gesamtvertretung. Wichtigste Aufgabe war die Organisierung des militärischen und zivilen Einsatzes der österreichischen Flüchtlinge gegen Nazi-Deutschland.

[23] Ghetto Riga: Lager in Riga im von deutschen Truppen besetzten Lettland, in dem zunächst lettische Juden, später Juden aus dem deutschen Reich interniert wurden. Bis Anfang Dezember 1941 wurden ca. 27.000 vor allem lettische Juden erschossen, um im 'Reichsjudenghetto' Raum für neue Transporte aus Deutschland und Österreich zu schaffen. Von etwa 25.000 deutschen und österreichischen Juden, die nach Riga deportiert wurden, haben ungefähr 800 den Holocaust überlebt.

[24] Kindertransport: Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs rief die britische Regierung eine Rettungsaktion ins Leben, um Kinder vor dem Nazi- Terror zu bewahren. Zehntausend größtenteils jüdische Kinder aus deutsch besetzten Gebieten wurden nach Großbritannien gebracht und von britischen Pflegeeltern aufgenommen.

[25] Mesusa [hebr: Türpfosten]: Bezeichnung für eine kleine Schriftrolle mit Worten aus dem fünften Buch Mosis; wird in einer Kapsel am rechten Türpfosten eines jüdischen Hauses angebracht.

[26] Menora [hebr: Leuchter, Lampe]: Siebenarmiger Leuchter aus purem Gold, stand einst im Tempel von Jerusalem. Heute ist die Menora das offizielle Symbol des Staates Israel.

[27] Josephinismus [abgeleitet v. Kaiser Joseph II]: bezeichnet die konsequente Unterordnung gesellschaftlicher Angelegenheiten unter die staatliche österreichische Verwaltung nach den Prinzipien der Aufklärung. Der Josephinismus führte zu vielfachen Reformen in Recht, Verwaltung, Schulwesen, Kultur und in dem Verhältnis zwischen Staat und Kirche. Der Josephinismus gewährte den anderen Konfessionen Toleranz und ermöglichte den Völkern der Monarchie (Tschechen, Slowenen, Serben und Ungarn) die Entwicklung der eigenen Sprache und Literatur.

[28] Herzl, Theodor [1860-1904]: jüdisch-österreichisch Schriftsteller, Publizist, Journalist und zionistischer Politiker. Als Korrespondent der Wiener Tageszeitung 'Neue Freie Presse' Zeuge des Prozesses gegen Alfred Dreyfuß schrieb er 1896 sein Buch 'Der Judenstaat', das wesentlich zur Gründung des Staates Israel beitrug. Herzl forcierte die Idee einer organisierten Emigration von Juden in einen eigenständigen Staat und initiierte den politischen Zionismus. 1897 auf dem 1. Zionistischen Weltkongress in Basel wurde Herzl zum Präsidenten der zionistischen Weltorganisation gewählt.

[29] Barak, Ehud [geb. 1942]: israelischer Politiker der Avoda-Partei [Sozialdemokraten], ehemaliger General. 1995 - 1996 Außenminister; 2000 - 2001 Ministerpräsident. Barak versuchte erfolglos - auf Grund des gegenseitigen Misstrauens - den Friedensprozess mit den Palästinensern, der während der Regierungszeit seines Vorgängers Benjamin Netanjahu ins Stocken geraten war, wieder in Gang zu bringen.

[30] Prawy, Marcel [Marcel Horace Frydman, Ritter von Prawy, 1911 - 2003]: Marcel Prawy, Sohn einer angesehenen jüdischen Juristenfamilie, Musikschriftsteller und -journalist. Ab 1955 Dramaturg an der Wiener Volksoper, ab 1972 Chefdramaturg der Wiener Staatsoper. 1976-82 Professor an der Wiener Musikhochschule.. Wurde als Opernkenner durch zahlreiche Fernseh- und Rundfunksendungen bekannt und war mit zahlreichen prominenten Sängern und Musikern befreundet.

[31] König, Kardinal Franz [1905 - 2004]: Von 1956 bis 1985 war er Erzbischof von Wien, seit 1958 Kardinal. Als Mitglied zweier Kommissionen leistete Kardinal König wesentliche Beiträge bei der Abhaltung des 2. Vatikanischen Konzils [1962-1965]. Kardinal König hat als moralische Autorität Österreich über ein halbes Jahrhundert lang entscheidend mitgeprägt. Gilt als großer Brückenbauer zu den Ostkirchen und den anderen Religionen.

 

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Oskar Rosenstrauch
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
April
Jahr des Interviews:
2003
Wien, Österreich

HAUPTPERSON

Oskar Rosenstrauch
Geburtsjahr:
1918
Geburtsort:
Tarnopol
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Kaufmann

AUDIO - INTERVIEW

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