Max Uri

Wien, Österreich

Max Uri
Wien
Österreich
Datum des Interviews: März 2004
Interviewer: Tanja Eckstein

Max Uri wohnt mit seiner Frau Frieda, Fritzi genannt, in einer schönen, modern eingerichteten Wohnung im 19. Bezirk. Das Wohnzimmer, in das er mich bittet, ist voller Familienfotos - alte und neue in liebevoll ausgewählten Bilderrahmen - die eine starke Familienbeziehung ahnen lassen. Max Uri hat volles weißes Haar. Nachdem er sich zuvor noch einmal telefonisch bei seinem Sohn vergewissert, dass er die Dame, durch die ich die Empfehlung ihn zu interviewen auch wirklich kennt, erzählt er mir lachend und weinend die Geschichte seiner Familie, die eng mit der Stadt Wien verbunden ist.

Max Uri stirbt im Jahre 2009.

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Während des Krieges
In Mikve Israel
Hochzeit in Tel Aviv
Rückkehr nach Österreich
Emigration nach Amerika
Wien
Glossar

Meine Familiengeschichte

Mein Großvater väterlicherseits hieß Lazar - jüdisch Luzer - Uri. Er wurde am 17. Februar 1865 in Bercza, in Galizien, geboren und war von Beruf Kaufmann. Im Jahre 1882 heiratete er meine damals 15jährige Großmutter Regina, jüdisch Riwe, Rifka genannt, die am 15. November 1869 in Galizien, in Glogow, geboren wurde. Meine Großmutter war eine geborene Zuker, deren Vater Israel Moses Zuker hieß und deren Mutter Grüne Zuker, eine geborene Schlanger war. Die Großmutter hatte eine Schwester, die Anna hieß und in Amerika lebte. Der Großvater und die Großmutter kamen aus streng orthodoxen Familien.

Das erste Mal heirateten meine Großeltern in Galizien und die Großmutter bekam am 17. August 1888 ihr erstes Kind, meine Tante Frieda. Vier Jahre später, 1890, wurde mein Vater Osias -jüdisch Abraham Schia - in Glogow geboren.

Mein Großvater war ein kluger Mann und erkannte, dass er in Galizien nicht so erfolgreich sein konnte wie in Wien, und so übersiedelte die Familie 1893 von Glogow nach Wien. Damit ihre Heirat legalisiert wurde, ließen sich meine Großeltern am 7. Oktober 1896 im Wiener Stadttempel der israelitischen Kultusgemeinde, in der Seitenstettengasse, ein zweites Mal trauen. Ihre erste Wohnung befand sich im 1. Bezirk, in der Judengasse Nr. 4. Später zogen sie in die Salvatorgasse 10.

Der Großvater war ein großer, gutaussehender, frommer, streng orthodoxer Mann mit einem Bart und Schläfenlocken, die er hinter den Ohren trug. Die Großmutter führte einen koscheren [koscher: nach jüdischen Speisevorschriften rituell; rein] Haushalt, trug einen Sheitl [orthodoxe Jüdinnen verbergen ihr Haar unter einer Perücke], und unter dem Sheitl waren ihre Haare ganz kurzgeschnitten.

Ab 1894 besaß der Großvater in der Judengasse, Ecke Hoher Markt, eine Kleidererzeugungsfabrik mit dem Namen 'Lazar Uri'. Durch die Armee bekam er große Aufträge und wurde k. u. k. Hoflieferant für Uniformen. Es wurde mir überliefert, dass wenn er sich einen neuen Auftrag aus dem Kriegsministerium holte, er seine Kopfbedeckung, die er als frommer Jude trug, natürlich nicht abnahm. Sein Erscheinungsbild wurde respektiert, und nie verlangte ein Beamter von ihm eine Unterschrift. Der Handschlag meines Großvaters genügte, so geachtet war er. Nach einiger Zeit eröffnete er auch ein Herrenbekleidungsgeschäft, fuhr aber auch regelmäßig aufs Land und erhielt Aufträge von den Bauern.

In Wien bekam meine Großmutter noch sechs Kinder: Hermann, David, Alexander, Rosa, Isak, und Jakob.

Damals bekam ein Ehemann zur Hochzeit die Mitgift seiner Frau und als Tante Frieda, die älteste Schwester meines Vaters heiratete, verschwand der Ehemann mitsamt der Mitgift in der Hochzeitsnacht. Diese Schande für Tante Frieda und die ganze Familie Uri muss man sich einmal vorstellen! Wahrscheinlich hat ganz Wien gelacht, der Name Uri war ja in Wien bekannt. Also musste schnell ein neuer Ehemann gefunden werden, und das war der Moses Zwick. Moses Zwick, ein gutaussehender Snob, stellte eine Bedingung: Er heiratet Tante Frieda nur, wenn man ihn als Kompagnon ins Geschäft nimmt.

Zuerst schickte ihn die Familie zu den Brüdern Uri. 1910 hatte mein Großvater die Firma 'Lazar Uri' seinen Söhnen Hermann, Isak und Jakob übergeben und sie wurde umbenannt in 'Brüder Uri'. Die Firma zog um in den Ankerhof am Hohen Markt [1. Bezirk]. Ich glaube, bei der Firma 'Brüder Uri' war der Moses Zwick nur zwei Monate, denn nach zwei Monaten wollten die Brüder meines Vaters den Herrn Zwick loswerden. So wurde Herr Zwick Kompagnon meines Vaters, der die ersten Jahre auch in der Firma des Großvaters gearbeitet hatte, zu dieser Zeit aber bereits selbstständig war.

Die Großmutter kam zu meinem Vater und bat ihn inständig, den Zwick als Kompagnon in seine Firma zu nehmen, und mein Vater war ein sehr guter Sohn, und die Großmutter war eine Heiligkeit für ihn, und er konnte ihre Bitte nicht abschlagen. Moses Zwick war zufrieden und heiratete Tante Frieda. Tante Frieda und Onkel Moses bekamen vier Kinder: Paul, Fanni, Blanka und Edith.

Mein Onkel Hermann - jüdisch Hirsch - Uri wurde am 30. Juli 1893 in Wien geboren und war Mitbesitzer der Firma 'Brüder Uri'. Er heiratete Helene und sie hatten zwei Söhne, Norbert und Max. Norbert war ein Jahr älter als ich, und Max war auf den Tag genau drei Jahre jünger als ich. Jeden Sonntag fuhren Max und ich zusammen zum Fußballmatch. Alle emigrierten 1938 nach England und lebten in London.

Onkel Hermann wurde in London in der Diamantenbranche tätig und war sehr angesehen. Norbert wurde Atomwissenschaftler und starb sehr jung. Warum er starb, konnte ich nie in Erfahrung bringen. Er war verheiratet und hatte einen Sohn namens David. Max starb auch sehr jung, an einer Krankheit, war noch nicht verheiratet und hatte keine Kinder. Nach dem Krieg war ich mit meinem Schwiegervater oft in London auf Auktionen mit unseren Fellen und besuchte den Onkel Hermann.

Als die Tante Helene gestorben war, sagte Onkel Hermann zu mir: ,Maxl, um eines bitte ich den lieben Gott, wenn ich gehen muss, dann soll es rasch gehen.' Und dann hörte ich, eines Tages ging er zu einem Kunden, und mittags fühlte er sich nicht gut. Das war in den 1960er Jahren. Seine Freunde sagten, er solle ins Spital gehen und sich anschauen lassen. Um ein Uhr ging Onkel Hermann ins Spital und um fünf Uhr war er schon nicht mehr da. Sein Wunsch war in Erfüllung gegangen. Im Judentum sagt man: Er ist wie ein Zaddik [Heiliger] gestorben.

Onkel David wurde in Wien geboren. Er war Zionist und ging mit meinem Onkel Alexander, der auch Zionist war, 1920 nach Palästina in den Kibbutz [1] Dagania Alef. Das war ein Kibbutz vom sozialistischen Schomer Hatzair [Haschomer Hatzair] [2]. Er wurde zum Studium der Geflügelzucht nach Amerika und nach England geschickt, baute in Palästina die Geflügelzucht auf und schrieb Fachbücher darüber. Im Kibbutz heiratete er Sara, die neun Jahre älter als er war. Onkel David und Tante Sara bekamen drei Kinder: Chawa, Rachel und Elazar. Chawa war verheiratet und bekam zwei Kinder, Rachel blieb kinderlos und Elazar wurde Vater von drei Buben. Er lebt in Tel Aviv und ist ungefähr 73 Jahre alt. Als Tante Sara starb, heiratete er noch einmal. Seine zweite Frau hieß Anja und sie lebten in Tel Aviv. Onkel David starb in den 1940er Jahren.

Mein Onkel Alexander war in Wien als junger Mann bei den Tiroler Kaiserjägern [3] und bei den Deutschmeistern [4]. Das war ein besonderes Bataillon. Er und Onkel David waren religiös, aber nicht so religiös wie es der Großvater gewollt hätte. Jeden Freitagabend im Kibbutz wurde ein Lagerfeuer angezündet, man saß gemütlich um das Lagerfeuer herum, unterhielt sich oder tanzte Hora [5]. Da hörte mein Onkel Alexander plötzlich eine Stimme, die zu ihm sprach: 'Alexander, du gehst nicht den richtigen Weg, geh den Weg, den deine Vorfahren gegangen sind.' Onkel Alexander wusste genau, was gemeint war.

Kurze Zeit später wurde er vom Kibbutz zu Außenarbeiten nach Jerusalem geschickt und nie mehr kehrte er in den Kibbutz zurück. Seitdem lebte er in einer sehr frommen Gesellschaft und wurde schwer orthodox. Er lernte seine Frau Towa kennen, die genauso orthodox war wie er, und sie bekamen elf Kinder, mit denen sie in einer Zweizimmerwohnung lebten. Als mein Gottseliger Vater noch lebte, schickte er ihm regelmäßig Geld.

Mein Onkel arbeitete 60 Jahre in Jerusalem im Spital Shaarej Zedek als Buchhalter. Als er in Pension ging, mussten vier Leute seine Stelle übernehmen, weil er so fleißig gewesen war. Während der 60 Jahre fehlte er nicht einen einzigen Tag, und eines Tages sagte ich zu ihm: 'Onkel, das kann doch gar nicht sein, du hast nie einen Schnupfen gehabt, du hast nie Fieber gehabt?' Er antwortete: 'Sogar wenn ich Fieber gehabt habe, bin ich ins Spital gegangen. Meine Pflicht war es, den Menschen dort zu dienen.' Und ich fragte: 'Onkel, wie lebt man mit elf Kindern in einer Zweizimmerwohnung?' Und der Onkel antwortete: ,Ein Teil schläft, der andere Teil kümmert sich um die Wäsche und umgekehrt.'

Onkel Alexander war nie unzufrieden mit seinem Leben. Trotz der Armut war er immer glücklich und lustig und dankbar für alles. Auch seine Frau Towa war ein sehr lieber Mensch. Jeden Tag ging der Onkel in den Tempel und betete, und jeden Tag ging er in die Mikwe [rituelles Tauchbad] und wusch sich im kalten Wasser. Zu einigen seiner Kinder habe ich noch Kontakt. Alle seine Kinder blieben sehr orthodox. Onkel Alexander starb im Alter von 92 Jahren in Jerusalem.

Tante Rosa war mit Max Roth verheiratet. Sie wohnten im 6.Bezirk, in der Gumpendorfer Strasse und hatten ein Ledergeschäft mit Koffern und Taschen auf einem Markt, der auch im 6. Bezirk war. Sie hatten zwei Kinder: Betti und Erna. 1938 wurde das Geschäft arisiert, Onkel Max wurde verhaftet und ins KZ Dachau [Deutschland] und danach ins KZ Buchenwald [Deutschland] deportiert. Da mein Onkel Jakob zu dieser Zeit in London lebte, besorgte er für die Familie eine Einreisegenehmigung nach England. Durch diese Einreisegenehmigung wurde Onkel Max aus dem KZ Buchenwald entlassen und konnte nach England flüchten.

Tante Rosa und ihre Töchter emigrierten in die USA, nach New York. Auch Onkel Max emigrierte weiter nach New York. Da Onkel Max ein gebürtiger Pole war, verhalf ihm eine polnische Emigrantengruppe in New York zu einem Kiosk. An diesem Kiosk verkaufte er mit der ganzen Familie zusammen Kaffee und solche Sachen, und es ging ihnen verhältnismäßig gut. Später gründete Onkel Max in New York eine Textilfirma.

Onkel Max und Tante Rosa starben in New York. Als wir 1952 nach Amerika gingen, war Onkel Max schon tot, Tante Rosa starb Ende der 1950er Jahre. Erna war verheiratet und hatte zwei Söhne, sie starb vor drei oder vier Jahren, und Betti hat drei Söhne und lebt in New York.

Onkel Isak wurde am 11. Februar 1902 in Wien geboren. Auch er war Inhaber der Firma 'Brüder Uri', flüchtete 1938 nach Palästina und heiratete sehr spät in Israel seine Frau Batya. Sie hatten keine Kinder. Er kaufte in Tel Aviv ein Haus von dem Geld, das er durch den rechtzeitigen Verkauf der Firma 'Brüder Uri' erhalten hatte. Er hatte auch die Maschinen aus der Firma in der Judengasse per Schiff nach Palästina transportieren lassen. Das waren sehr moderne Maschinen, leider wurden sie feucht und verrosteten, und man musste sie wegwerfen. Onkel Isi vermietete das Haus und von diesem Geld lebten er und seine Frau. Onkel Isi starb in den 1950er Jahren.

Mein Onkel Jakob war der jüngste Sohn und der Lustigste. Er hatte immer viele Freunde und Freitagabend, am Schabbat, wenn die Kerzen gezündet waren und der Großvater den Kiddusch, der die Heiligkeit des Feiertags ausruft, über den Wein sprach, riefen seine Freunde draußen auf der Straße schon und Onkel Jakob sagte: 'Oi, ich fühle mich nicht gut, oi, ich fühle mich nicht gut! Meine Großmutter, die sehr klug war, sagte daraufhin: ,Jankele, geh ein bisschen runter auf die Straße und schnapp ein wenig Luft.' Wenn er das hörte, war er schon angezogen und lief hinunter zu seinen Freunden und sie fuhren zusammen zum Heurigen. Jakob emigrierte nach London, heiratete Ilse und sie bekamen einen Sohn namens David. Onkel Jakob arbeitete im Handel, er verkaufte Produkte für verschiedene Firmen. David ist heute ungefähr 50 Jahre alt und lebt in London.

Natürlich mussten alle Söhne der Großeltern ab ihrem vierten Lebensjahr jeden Tag in den Cheder [religiöse Schule], wo sie hebräisch lesen lernten. Einmal erzählte mir Onkel Hermann, dass er, statt in den Cheder zu gehen, mit seinen Freunden auf der Strasse mit Kugeln spielte. Plötzlich bekam mein Onkel einen Schlag mit einem Stock. Der Großvater, der immer mit einem Stock unterwegs war, obwohl er ihn zum Gehen nicht benötigte, hatte ihm einen Schlag versetzt. Erschrocken schaute der Onkel auf: 'Statt in den Cheder zu gehen, spielst du hier mit Kugeln?' Mein Onkel ließ sofort alles fallen und lief in den Cheder.

Ich kann mich erinnern, es ging immer sehr lebhaft in der Wohnung der Großeltern zu, solange der Großvater nicht zu Hause war. Wenn er zur Tür herein kam, war sofort Totenstille. Alle seine Kinder hatten einen unerhörten Respekt vor ihm. Bei den Großeltern sprach man nur in der dritten Person: 'Will der Vater, will die Mutter.' Du zu den Eltern zu sagen, das hat's nicht gegeben.

Ich kann mich noch an den Großvater erinnern. Er starb am 27. Juni 1925 in Wien, im Sanatorium Löw, in der Mariannengasse im 9. Bezirk, da war ich erst vier Jahre alt. Er war nie lustig und machte immer ein ernstes Gesicht. Ich erinnere mich sogar, dass wir den Seder [Der Sederabend ist der Auftakt des jüdischen Pessach-Festes. An ihm wird im Kreis der Familie des Auszugs aus Ägypten gedacht] bei den Großeltern feierten, und ich sagte als Jüngster das 'Ma nishtane...' und der jüngste Onkel, der Jakob, der immer so lustig war, machte irgendwelche Zwischenbemerkungen. Mein Großvater schaute nur, und sofort war er still. Der Großvater hatte einen Sessel auf dem er immer saß, und als er starb, setzte sich nie Jemand auf diesen Sessel. Trotzdem glaube ich, dass es ein gutes Verhältnis zwischen den Kindern und dem Großvater war.

Als der Großvater schon nicht mehr lebte, traf sich die Familie weiterhin jeden Sonntag bei der Großmutter. Meine Eltern, meine Schwestern, mein Bruder und ich waren dort, die Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen. Es gab immer eine Jause, die Großmutter war eine sehr gute Bäckerin und wir aßen Kuchen und Kipferln und spielten Verstecken. Was vom Gebäck übrig blieb, nahm immer meine Tante Rosa Roth mit nach Hause, denn sie waren nicht sehr wohlhabend.

Sonntags, oder wenn die Sonne schien, trafen wir uns mit der Großmutter auch oft im Kaipark, der nicht weit von der Salvatorgasse entfernt, am Donaukanal war. Das war ein sehr schöner Park, der heute nicht mehr existiert. In dem Park gab es auch ein paar Standerln, und die Großmutter kaufte immer für jeden von uns ein Kokosstangerl, das wir sehr, sehr liebten.

Die Wohnung in der Salvatorgasse war eine Fünfzimmerwohnung. Dort lebte die Großmutter nach dem Tod des Großvaters zusammen mit dem Onkel Isi und dem Onkel Jakob, dem jüngsten Sohn, zusammen. Einmal wohnte auch eine Nichte der Großmutter, die aus Polen gekommen war, bei ihr. Ich glaube, sie sollte in Wien verheiratet werden und der Großmutter ein wenig zur Hand gehen, aber man erzählte mir später, diese Nichte hätte den ganzen Tag nur im Bett gelegen und gerufen: ,Tante, kannst du mir Kaffee ans Bett bringen?' Und die Großmutter lief hin und her und bediente sie, statt dass sie der Großmutter ein wenig Arbeit abgenommen hätte. Ich weiß aber nicht, wer genau diese Nichte war. Jedenfalls fuhr die Nichte unverheiratet wieder nach Polen zurück.

Mein Großvater mütterlicherseits hieß Abraham Bachmann und lebte in der Stadt Sambor bei Strij. Das war in Galizien und liegt heute in der Ukraine. Sambor war keine größere Stadt, aber es war auch kein Dorf, eher ein größerer ländlicher Ort, in dem hauptsächlich jüdische Familien lebten. Wenn meine Mutter und ich die Großeltern besuchten, fuhren wir mit dem Zug von Wien, aber ich kann mich nicht erinnern, wie lange die Reise dauerte.

Wie die Großmutter hieß, weiß ich nicht. Ich weiß, dass auch eine Nichte bei den Großeltern lebte, aber wer die Nichte war, weiß ich nicht. Der Großvater besaß in Sambor ein Geschäft mit Waren aller Art. Ich war öfter mit meiner Mutter bei den Großeltern zu Besuch, meistens blieben wir drei oder vier Wochen. Für unsere Wiener Verhältnisse lebten die Großeltern, die auch sehr fromm waren, sehr primitiv. Zum Beispiel war das Klo draußen und nicht in der Wohnung.

Besonders aufregend war für mich, dass der Bruder meiner Mutter, mein Onkel Bernhard, der ein Sägewerk besaß, mich manchmal in der Früh auf dem Pferdewagen mitnahm und ich kutschieren durfte. Onkel Bernhard war verheiratet und hatte ein Kind. Ich erinnere mich auch, dass Zigeuner zu den Häusern kamen, die einen Bären mit sich führten. Nachdem die Zigeuner musiziert und der Bär dazu getanzt hatte, sammelten sie Geld ein. Alle Verwandten, die dort lebten, wurden, nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen im Jahre 1941, ermordet; meine Großeltern, mein Onkel Bernhard, seine Frau und sein Kind.

Wo meine Eltern sich kennen lernten, weiß ich nicht. Ich weiß aber, das war durch einen Schidach, einen Heiratsvermittler, denn damals war das nicht so, dass man sich kennen lernte und aus Liebe heiratete. Das war alles geregelt. Ich glaub, meine Eltern heirateten in Wien, aber vielleicht heirateten sie auch in Galizien, und in Wien noch einmal, denn in Galizien heiratete man nur rituell. Meine Schwestern Edith und Cäcilie, Cilli genannt, sind Zwillinge und wurden am 19. Oktober 1916 geboren. Zu dieser Zeit arbeitete mein Vater schon nicht mehr in der Firma des Großvaters, er war bereits selbstständig. Ich glaube, mein Vater war kurze Zeit beim k. u. k. Militär im 1. Weltkrieg. Als er zurückkam, machte er sich selbstständig, weil er immer selbständig sein wollte. Er hatte natürlich nicht viel Geld, aber alle Leute aus der Branche, die ihn kannten, sagten: 'Herr Uri, wenn Sie etwas brauchen, wir geben Ihnen, was sie wollen. Wir wissen, Sie werden bezahlen.'

Das Geschäft meines Vaters befand sich im 2. Bezirk, Obere Donaustrasse 49, das ist die Ecke bei der Taborstraße. Es war ein großes Geschäft mit Herrenkonfektion. Mein Vater hatte 20 Angestellte, auch Zuschneider, denn in der Firma wurde die Kleidung zugeschnitten und konfektioniert. Meist waren das junge jüdische Männer. Die Angestellten gingen in der Mittagspause oft in das Strombad, das war ein Bad direkt im Donaukanal. Wir hatten ja das riesige Lager mit den Stoffballen, und ich kann mich erinnern, wenn sie am Abend noch ausgingen, waren sie hinterher zu müde, um nach Hause zu gehen und richteten sich dann in den Stoffballen ein Lager zum Schlafen her. Ich weiß das, weil sie mir das erzählten.

Mein Vater war sehr beliebt und sehr erfolgreich und dann passierte die Geschichte mit seiner Schwester Frieda und er musste den Moses Zwick zu seinem Kompagnon machen. Für das Geschäft taugte der Moses Zwick nicht; er war ein Snob und kümmerte sich nur um sich und wenn er einmal im Geschäft war, stritt er mit den Kunden, machte blöde Witze und vertrug sich auch mit den Angestellten nicht. Weder war er gut zu meiner Tante, noch war er gut für meinen Vater, der sehr viel arbeiten musste. Solange mein Vater lebte, blieben die Kunden dem Geschäft meines Vaters treu.

Meine Kindheit

Ich wurde in Wien am 28. Februar 1921 geboren. Meine Eltern wohnten zu dieser Zeit im 1. Bezirk, in der Salvatorgasse 10. In diesem Haus gab es drei Stiegen; die Großeltern wohnten auf der ersten Stiege und wir wohnten auf der dritten Stiege. Alle vier Kinder, meine Zwillingsschwestern, ich und mein Bruder Ludwig, der am 7. November 1926 geboren wurde, wurden in dieser Wohnung geboren, da meine Mutter zur Entbindung ihrer Kinder in kein Spital gehen wollte. Ich kann mich daran erinnern, wie Ludwig geboren wurde, und ich das Babygeschrei aus dem Zimmer hörte und mein Vater zu mir sagte: ,Maxl, jetzt bist du nix mehr wert, jetzt haben wir noch einen Buben.' Aber das sagte er nur so, er hatte mich sehr gern.

Später zogen wir in die Biberstrasse Nr. 14. Die Biberstrasse befindet sich vis-à-vis der Postsparkasse. Unsere Wohnung war eine Fünfzimmerwohnung mit Nebenräumen, und wir hatten eine Hausangestellte und eine Köchin. Beide wohnten bei uns. Jeden Tag ging die Köchin mit uns Kindern im Stadtpark spazieren, denn dort gab es einen kleinen und einen großen Spielplatz. Ich war ein schlechter Esser, aber meine Mutter zwang mich zu essen. Am Nachmittag musste ich immer zwei Buttersemmeln essen. Wir wohnten im Mezzanin und unter uns war ein Geschäft, vor dem zwei Schilder standen, zwischen die ich jedes Mal meine Semmeln warf und dann sagte ich zu unserer Köchin: ,Johanna, ich habe schon aufgegessen!'" Meine Geschwister waren ziemlich dick, ich war der einzige Dünne.

Meine Schwestern und ich stritten oft miteinander. In der Biberstrasse waren Türen mit Milchglasscheiben und als ich einmal einer meiner Schwestern hinterherlief, ging dabei eine Scheibe kaputt und ich verletzte mich am Arm, der sofort stark blutete. Ich lief hinüber zur Rettung, die sich neben der Urania befand. Dort zogen sie mir die Glassplitter aus dem Arm und machten mir einen riesengroßen Verband. Noch heute habe ich eine Narbe. Meine Mutter war immer ganz hysterisch, wenn man etwas kaputt machte und als ich nach Hause kam, schrie mein Bruder: 'Gib acht, die Mama steht mit dem Pracker hinter der Tür!' Ich ging so hinein, dass meine Mutter zuerst meinen Arm sehen konnte, und sie rief voller Angst um mich: ,Was ist passiert, was ist passiert?'

Mit fünf Jahren lernte ich bei einem Privatlehrer das Aleph, Beth [6]. Ab der ersten Klasse Volksschule hatte ich in der Schule einmal in der Woche Religionsunterricht. Mit der Religionslehrerin trafen wir uns jeden Samstag am Rudolfsplatz und gingen dann gemeinsam, in zwei Reihen, zum Tempel in der Seitenstättengasse, zum Jugendgottesdienst.

Nach der Volksschule kam ich auf das Gymnasium in der Sperlgasse. Die meisten Kinder in diesem Gymnasium waren jüdische Kinder. An den hohen Feiertagen, zu Rosch Haschana [Jüdisches Neujahr] und Jom Kippur [jüdische Versöhnungstag; wichtigste Feiertag der Juden], war die ganze Schule gesperrt, weil es sich nicht ausgezahlt hätte, wegen der wenigen nichtjüdischen Schüler die Schule offen zu halten.

Am 18. November 1931 starb mein Vater an Überarbeitung. Da er ganz allein sein großes Geschäft geführt hatte, arbeitete er Tag und Nacht, auch an Feiertagen. Trotzdem starb er unerwartet. Durch den Tod meines Vaters übernahm meine Mutter einen großen Teil der Arbeit im Geschäft, aber durch das unangenehme Verhalten des Moses Zwick verließen viele Kunden unsere Firma. 1934 oder 1935 konnten meine Mutter und Moses Zwick das große Geschäft nicht mehr halten, und sie zogen in ein kleineres Geschäft in die Marc-Aurel-Strasse.

Wir hatten einen jüdischen Anwalt, Plaschkes hieß er, der war Zionist und sagte zu meiner Mutter: 'Frau Uri, verkaufen sie Ihren Anteil am Geschäft, und gehen Sie mit den Kindern nach Palästina, gehen Sie mit den Kindern nach Palästina.' Meine Mutter war fast schon bereit, da kam die Großmama und sagte: 'Mina, ich bitte dich, geh nicht, bleib hier!' Die Großmutter wusste, hätte meine Mutter den Zwick mit dem Geschäft allein gelassen, hätte es das Geschäft nach zwei Monaten nicht mehr gegeben, also blieb meine Mutter.

Meine Mutter fuhr mit uns Kindern regelmäßig auf Sommerfrische. Wir waren zusammen in Bad Aussee, Bad Ischl, in Grado, Abbazia, fuhren dort mit Fahrrädern und hatten wunderbare Ferien miteinander. Als meine Schwestern älter waren, fuhren sie allein auf Sommerfrische und meine Mutter fuhr mit meinem Bruder Ludwig und mir. Aber natürlich fuhren wir nur in koschere Hotels. Wenn meine Mutter mit uns Urlaub machte, übernahm Moses Zwick das Geschäft und wenn sie zurückkam, konnte er reisen.

In der Schule war ich ein mittelmäßiger Schüler, aber ich war immer sehr beliebt bei Lehrern und Mitschülern. Nach der vierten Gymnasialklasse ging ich auf die Handelsakademie am Karlsplatz. Das war unter anderem deswegen, weil ich einmal das Geschäft übernehmen sollte. Auf der Handelsakademie war eine sehr große Klasse mit fast sechzig Schülern. Von den sechzig Schülern waren vielleicht acht Schüler jüdisch, alle anderen waren zu dieser Zeit schon illegale Nazis. Trotzdem verstand ich mich mit ihnen gut. Sie kamen sogar zu mir und sagten: 'Schau Maxl, hier ist unser Mitgliedbuch, wir sind illegale Nazis, wenn du uns anzeigst, werden wir eingesperrt.' Gefährlich waren sie nicht, zu mir waren sie immer sehr anständig.

Von den wenigen jüdischen Schülern waren vielleicht drei oder vier religiös. Die anderen waren Juden, und das war alles. Natürlich ging ich zu Rosch Haschana nicht in die Schule und am nächsten Tag kam der Klassenvorstand, Binder hieß er, ein großer, fescher Kerl, zu mir und sagte: 'Uri, kommens aussi. Wo sans Montag gwesen?' 'Herr Professor, wir hatten Feiertag.' 'Feiertag', sagte er, 'geschwänzt haben's, san's spazieren gegangen. Alle anderen waren da und Sie erzählen mir, Sie hatten einen Feiertag?' Er glaubte mir nicht und machte einen unheimlichen Krach. Und nun wusste ich doch, dass acht bis zehn Tage später Jom Kippur ist. Einen Tag vor Jom Kippur ging ich zu dem Hauptnazi in der Klasse und sagte: 'Morgen haben wir wieder einen Feiertag, und ich werde wieder nicht kommen und ich will nicht, dass der Binder mir wieder einen Krach macht. 'Maxl, verlass dich drauf, ich werde das für dich regeln!' Er ging zu den jüdischen Schülern und sagte: 'Wenn ihr morgen in die Schule kommt, werdet ihr derartig verhauen, dass ihr das euer Leben lang nicht vergessen werdet.' Daraufhin kam zu Jom Kippur aus meiner Klasse kein jüdischer Schüler zum Unterricht und Herr Binder war zufrieden.

Meine Familie war immer zionistisch eingestellt, aber ich war in keiner zionistischen Organisation. Meine Mutter ließ mich nur in eine sehr fromme Organisation, die Aguda hieß, gehen. Die waren nur fromm und gar nicht sozialistisch eingestellt. Die ganz Frommen sagen, man darf erst nach Palästina, wenn der Messias gekommen ist. Zwei oder dreimal im Monat ging ich zu der Organisation. Aber selbstverständlich war ich Mitglied der Hakoah. [7] Bei der Hakoah belegte ich sogar bei den österreichischen Meisterschaften im 1500-Meter Lauf den zweiten Platz.

Meine Schwestern gingen auf das jüdische Mädchengymnasium im 2. Bezirk, in der Novaragasse. Sie waren sehr fromm, frommer als ich, aber auf dem Gymnasium lernten sie ein Mädchen kennen, das hieß Nussbaum und war sehr links eingestellt. Und dieses Mädchen, glaube ich, hat meine Schwestern stark kommunistisch beeinflusst. Einmal versteckten sie illegale Flugblätter in unserer Wohnung, weil sie glaubten, in so einer vornehmen Gegend wären die Flugblätter sicher. Ich fand die Flugblätter im Klavier, sagte nichts und verbrannte sie sofort. Einige Tage später kam die Polizei und machte bei uns eine Hausdurchsuchung. Wir hatten große Angst, aber sie fanden nichts. Nachdem sie gegangen waren, stürzten meine Schwestern zum Klavier, öffneten es, und sahen, dass die Flugblätter weg waren und sagten zu mir: 'Da war doch was drin, wo ist das?' 'Die Flugblätter hab ich verbrannt.' Sie waren schrecklich wütend auf mich und sagten: 'Weißt du was, das einzige, was du mal werden kannst, ist ein Spitzel!'

Meine Frau und ich lernten uns schon als Kinder kennen. Wir verbrachten gemeinsam den Sommer in einem jüdischen Kinderheim in Breitenstein am Semmering. Das war ein koscheres Kinderheim für Eltern und für Kinder. Da sah ich meine Frau das erste Mal. ,Wer ist die?' sagte ich zu meinem Freund Leo und Leo sagte: 'Lass, die gehört zu den Kindern!' Wir waren damals schon fünfzehn Jahre alt, wir gehörten schon zu den Erwachsenen. Im darauffolgenden Sommer war meine Mutter mit meinem Bruder und mir in Abbazia auf Sommerfrische. Dort traf ich meine Frau mit ihrer Mutter im koscheren Hotel und seit dieser Zeit gingen wir miteinander aus. Wir trafen uns dann regelmäßig, meistens auf der Kärntnerstrasse an der 'Sirk Ecke', vis-à-vis der Oper, und gingen spazieren. Die 'Sirk Ecke' war nach einem Geschäft benannt und ein sehr bekannter Treffpunkt. Unsere Rendezvous waren aber immer illegal, denn ihre Eltern durften nicht wissen, dass sie mit einem Burschen ausgeht. Rendezvous mit ihr am Telefon zu verabreden war oft voller Hindernisse, denn sie durfte nicht angerufen werden. Wenn ich anrief und die Mutter ans Telefon kam, legte ich schnell den Hörer wieder auf die Gabel. Wenn ich anrief, und das Hausmädchen kam ans Telefon fragte ich: 'Ist der Herr Haber zu Hause?' Wenn sie sagte: 'Nein, er ist im Geschäft', fragte ich: 'Ist die Frau Haber zu sprechen?' Wenn sie auch das verneinte fragte ich: 'Kann ich mit der Tochter sprechen?' So war das. Meine Mutter wusste aber, dass ich mich mit der Fritzi treffe.

Meine Frau Frieda [Fritzi] Haber wurde am 13. Juni 1923 in Klagenfurt als Tochter von Max und Berta Haber geboren. Max Habers Familie lebte zum Teil in Galizien, zum Teil hatten sie sich in Wien angesiedelt. Mein Schwiegervater baute sich, nach seiner Armeezeit in der k.u.k. Armee [8], in Innsbruck einen Fellhandel auf. In Villach heiratete er 1922 Berta, eine geborene Linker, deren Vater Fellhändler war. Sie lebten, bevor sie nach Wien kamen, in Klagenfurt. Nach der Hochzeit und der Geburt der Tochter Frieda zogen sie nach Wien und in Wien wurde Trude, die Schwester meiner Frau, geboren.

Mein Schwiegervater handelte hauptsächlich mit Rohware: rohe Füchse, rohe Kaninchen, rohe Bisamratten, Rehe und so weiter. Hasenfelle wurden meist nach Amerika exportiert. Dort wurde aus den Hasenhaaren ganz feiner Filz hergestellt und der Filz war in Amerika zu dieser Zeit sehr begehrt. In Wien eröffnete er vor 82 Jahren, in der Veronikagasse 1, im 16. Bezirk, seine Firma. Diese Firma existiert noch immer, mein Sohn Robert hat sie übernommen.

Während des Krieges

Meine Frau besuchte ein Jahr die Handelsakademie, dann kam Hitler und sie durfte nicht mehr in die Schule gehen.

Ab 1937 besuchte ich die Berufsschule im 6. Bezirk, in der Mollardgasse, die heute noch existiert. An den Einmarsch der Deutschen nach Österreich, im März 1938, kann ich mich noch gut erinnern. Wir wohnten ja in einem sehr guten Viertel und am Abend hörten wir im Radio, wie Schuschnig [Bundeskanzler 1934-1938] abdankte. Wir löschten das Licht in der Wohnung, es war ganz finster. Nicht weit von unserer Wohnung entfernt, am Doktor- Karl-Lueger-Platz, wütete der Pöbel gegen die Juden.

Anfang April 1938 musste ich die Berufsschule verlassen; als Jude durfte ich nicht weiter lernen. Und eines Tages war meine Freundin Fritzi nicht mehr da. In dieser Situation damals, durfte man niemanden, nicht einmal die nächsten Verwandten, über die Ausreise informieren, weil dann die Gefahr bestand, verhaftet zu werden.

Der Vater von Fritzi wurde im Mai 1938 ins KZ Dachau verschleppt und von Dachau ins KZ Buchenwald. Ihrer Mutter gelang es, eine Ausreisebewilligung für die ganze Familie nach Palästina zu bekommen. Auf Grund dieser Tatsache wurde mein Schwiegervater aus den KZ entlassen, aber genau an dem Tag, an dem das Zertifikat nach Palästina ablief. Er musste bei seiner Entlassung unterschreiben, dass er binnen 48 Stunden Österreich verlassen werde, ansonsten verhafte man ihn wieder und deportiere ihn wieder ins KZ. Meine Schwiegermutter lief in der Nacht auf das britische Konsulat und läutete Sturm. Sie erreichte, dass der Botschafter gerufen wurde, er kam, sie erzählt ihre Geschichte und der britische Konsul verlängerte die Einreise nach Palästina. So verließen sie Österreich und meine Verbindung zu Fritzi brach ab.

Meine Klassenkameraden fragten mich: 'Maxl, was wirst du jetzt machen?' Ich sagte: 'Ich weiß nicht genau, aber ich glaube, ich werde nach Palästina fahren.' Da sagten sie: ,Maxl, fahr nicht weg, du bist a klasser Jud.' Und ich sagte: 'Für euch bin ich a klasser Jud, für andere bin ich a Saujud!' Eines Tages traf ich meinen ehemaligen Mitschüler Emil auf der Strasse. Er war ein illegaler Nazi. Er sagte entsetzt: 'Maxl, was machst du auf der Strasse?' 'Ich geh ein bisschen spazieren.' 'Weißt du nicht', fragte er? 'Was soll ich wissen?' 'Sie verhaften schon wieder alle Juden!' 'Danke Emil, dann geh ich schnell nach Hause.' Aber Emil sagte: 'Es ist zu gefährlich für dich allein nach Hause zu gehen, ich werde dich begleiten.' Ich sagte zu ihm, dass ich ihm keine Schwierigkeiten bereiten möchte, weil er das illegale Abzeichen trage und sicher Unannehmlichkeiten bekäme, wenn man ihn mit einem Juden auf der Strasse sähe. Aber Emil ließ sich nicht davon abbringen, mich nach Hause zu begleiten.

Als ich schon in Palästina war, korrespondierte ich noch lange mit meinen ehemaligen Klassenkameraden, den illegalen Nazis, bis einer schrieb, er werde zum Arbeitsdienst eingezogen. Danach bekam ich keinen Brief mehr und bis auf zwei, drei Mitschüler, die ich nach dem Krieg wiedertraf, kamen alle um.

Die Brüder Uri hatten ihr Warenlager verkauft, das Geschäft aufgegeben und waren mit der Großmutter nach Palästina emigriert. Wir waren eine der jüdischen Firmen, die lange keinen kommissarischen Verwalter bekamen und die Brüder Uri hatten zu Moses Zwick gesagt:'Moses verkauf, verkauf ', aber Moses Zwick hatte geantwortet: 'Ich verkaufe nicht, Hitler wird brechen den Kopf!' [Hitler wird sich das Genick brechen].

Es kamen große Kaufhäuser zum Beispiel die 'Staffa'. Damals brauchte man dringend die 'Breeches', das waren Hosen mit Wickelgamaschen bis zu den Knien. Diese Hosen trugen die SS und SA, und der Stoffpreis für eine Hose war damals 20 Schilling, und sie wollten 17 Schilling bezahlen und hätten meinem Onkel sehr viel Stoff abgekauft. Aber er sagte, er gebe den Stoff nicht für 17 Schilling her. Und wieder sagten meine Onkeln: 'Moses, verkauf, verkauf!'

Am 10. November, während der Pogromnacht [9], betraten drei SS-Männer das Geschäftslokal und sagten zu meinem Onkel: 'Gebens die Geschäftsschlüssel her!' Moses Zwick wollte die Geschäftsschlüssel nicht hergeben. Sie schlugen ihm alle Zähne raus, nahmen ihm die Schlüssel weg, und er durfte das Geschäft nicht mehr betreten. Das war das Ende der Firma 'Uri & Zwick'. Wenn wir alles verkauft hätten, hätten wir 60.000 Deutsche Mark bekommen und dafür hätte man für 1000 englische Pfund ein Kapitalistenzertifikat in Palästina kaufen können und die ganze Familie wäre gerettet gewesen.

Moses Zwick rettete sich nach London - er war bereits krebskrank - beschwor aber seine Frau, meine Tante Frieda, nicht wegzugehen und auf ihr Haus, das sich in der Oberen Donaustraße befand, aufzupassen. Edith und Blanka Zwick wurden durch einen Kindertransport [10] nach England gerettet. Danach emigrierten sie weiter nach Amerika. Blanka starb vor kurzem und Edith lebt in den USA. Paul Zwick studierte in Wien Medizin, flüchtete ebenfalls nach Amerika und praktizierte in Rochester als Arzt. Er war verheiratet und hat zwei Töchter, die in New York leben. Meine Cousine Fanny Zwick war etwas kränklich und blieb mit der Tante Frieda in Wien. Beide wurden in Treblinka ermordet [Beide wurden am 19. Februar 1941 nach Kielce [11] in Polen deportiert und ermordet. Quelle: DÖW-Datenbank]. Moses Zwick starb sehr bald in London an seinem Krebsleiden.

Am 10. November 1938 wurde ich verhaftet und im 9. Bezirk in der Pramergasse, in einer Reitschule, mit ungefähr Tausend anderen Juden, die teilweise in Schlafanzügen oder Unterwäsche aus ihren Wohnungen geholt wurden, festgehalten. Gegen drei Uhr nachts durften die unter 18jährigen und über 60jährigen nach Hause gehen. Draußen hatte sich der Pöbel versammelt und wartete auf uns. Ein hoher Polizeioffizier war bereit, uns zu schützen, aber nur so lange, bis er bis 10 gezählt hatte. Ich rannte los, was mir als Sportler zum Glück leicht fiel. Meine Mutter hatte sich mit meinen Schwestern und meinem Bruder in dieser Nacht bei ihrer Schwägerin, der Tante Rosa Roth, versteckt.

Wir bemühten uns, aus Wien herauszukommen. Nach der Pogromnacht wurden den Juden Steuern auferlegt, zum Beispiel die Reichsfluchtsteuer [12] und die Judenvermögensabgabe. Wir hatten dadurch Steuerschulden, die wir vorher nie hatten und unser Geschäft war uns auch weggenommen worden. Da man für einen Pass Steuerschulden frei sein musste, sagte der Beamte auf der Gestapo zu meiner Mutter: 'Wissen Sie was Frau Uri, Ihren Kindern gebe ich Pässe, aber Sie bleiben als Pfand hier.' Meine Mutter wäre gerne nach Amerika gefahren, aber ich war Zionist und wollte nach Palästina und es gelang, für mich die Einreise nach Palästina zu bekommen. Meine Mutter hatte noch das Geld, um für mich das Studium auf der landwirtschaftlichen Hochschule 'Mikve Israel', in der Nähe von Tel Aviv, zu bezahlen.

Zuvor machte ich in Wien einen Umschulungskurs als Friseur. Mein Bruder war noch ein Kind - er war 1938 erst zwölf Jahre alt - und mit einem Kindertransport nach England wurde er gerettet. Meine Schwestern bekamen ein 'Permit', eine Erlaubnis, nach England einzureisen und in London als Bedienerinnen zu arbeiten. So waren auch sie gerettet. Im März 1939 verließ ich dann schließlich Wien mit zehn Reichsmark in der Tasche, denn mehr war nicht erlaubt mitzunehmen, mit dem Ziel Palästina.

Zurück in Wien blieb unsere Mutter mit ihrem alten Pass, und nachdem sie sich keinen neuen Pass besorgen konnte, versteckte sie sich auf einem Kohlenschiff unter der Kohle und fuhr die Donau, dann den Main und den Rhein entlang, bis sie es nach Belgien geschafft hatte, wo ihre Cousine Regina lebte. Einige Monate später marschierte Hitler in Belgien ein. Meine Mutter flüchtete weiter nach Frankreich, wo man sie verhaftete und im Lager Gurs [13] internierte. Dort traf sie Bekannte aus Wien, denen es gelungen war, illegal Geld nach Frankreich zu schmuggeln und die mit dem Geld einen Führer für die Flucht aus dem Lager, über die Pyrenäen, nach Spanien zahlen konnten. Meine Mutter bat darum, man solle sie mitnehmen, aber die Bekannten aus Wien lehnten das ab, es käme nicht in Frage, meine Mutter sei zu alt.

In der Nacht hörte sie, wie sich ihre Bekannten für die Flucht vorbereiteten und auch meine Mutter bereitete sich vor. Als sie das Lager verließen, schlich meine Mutter hinterher. Sie schlich den ganzen Auf- und Abstieg über die Pyrenäen hinterher und kam so illegal nach Spanien. Ich weiß nicht genau, wie sie nach Portugal kam, in Portugal jedenfalls ging sie aufs deutsche Konsulat, denn Österreich gab es ja nicht mehr, und da saß ein sehr netter Beamter, natürlich ein Nazi, aber er stellte meiner Mutter einen Pass aus. Mit diesem Pass wartete sie, bis das Affidavit [14] ihrer Tante Anna, der Schwester ihrer Mutter, die schon lange in New York lebte, eintraf. Dann fuhr sie mit dem Schiff nach New York. Meine Mutter war immer eine eher bequeme Person und noch heute bin ich voller Bewunderung und Erstaunen über ihre Flucht.

Mein Bruder lebte in England bei einer netten Familie, besuchte die Schule, und emigrierte nach dem Krieg weiter nach New York. Er zog zu meiner Mutter, studierte Medizin und wurde Arzt. Auch meine Schwestern emigrierten weiter nach Amerika.

In Mikve Israel

Am ersten Tag in Mikve Israel gab uns der Direktor einen Tag frei, damit wir unsere in Palästina lebenden Verwandten besuchen können. Ich wollte meinen Onkel David, der in Tel Aviv lebte, besuchen - das war der Onkel, der die Geflügelzucht aufbaute - und ich ging zu Fuß nach Tel Aviv, weil Mikve Israel unweit von Tel Aviv liegt. Und wie ich so auf der Straße geh, sehe ich auf einmal die Fritzi, meine Freundin aus Wien. Ich weiß noch ganz genau, sie hatte eine Flasche in der Hand und wie sie mich sah, ließ sie die Flasche fallen und sie zerbrach. Ich sage immer: es war Gottes Bestimmung, dass wir zwei heiraten sollten. Sie besuchte eine Modistinnenlehre, weil sie nicht in eine Schule gehen wollte und lud mich zu sich nach Hause ein. Ich war sehr erstaunt darüber, denn in Wien mussten wir uns doch heimlich treffen, aber sie sagte: 'Hier ist alles anders.' Wir trafen uns dann regelmäßig und ich lernte auch ihren Vater kennen.

Ich ging in Mikve Israel in die Schule, hatte Unterricht in Chemie, Mechanik, Hühnerzucht und vieles mehr, alles Dinge, die man in der Landwirtschaft braucht. In meiner Klasse waren ziemlich viele Österreicher, viele Wiener, aber auch viele Deutsche. Ich spezialisierte mich auf Rinderzucht, Hühnerzucht und Gemüse. Wenn ich im Kuhstall arbeitete, wurde ich um drei Uhr in der Früh geweckt und musste die Kühe melken.

In Mikve Israel kam es mir zu Gute, dass ich einen Friseurkurs in Wien besucht hatte. Dadurch konnte ich die Haare meiner Kameraden schneiden und mir ein wenig Geld dazu verdienen. Auch in Wien hatten mein Freund und ich, der auch den Friseurkurs besucht hatte, schon mit dem Haare schneiden etwas Geld verdient, indem wir nach der Schule den Schülern die Haare schnitten. Meine Großmutter lebte in Tel Aviv beim Onkel David und seiner Familie. In Wien schnitt ihr der Onkel Isi regelmäßig die Haare, in Tel Aviv übernahm ich diese Aufgabe. 'Wenn du mir die Haare schneidest, ist es ein Vergnügen. Wenn Isi mir die Haare geschnitten hat, riss er mir immer die Hälfte aus', sagte meine Großmutter. Meine Großmutter war in Palästina nicht unglücklich. Sie sagte: 'Wenn Gott will, das es so sein soll, so soll es so sein.' Sie war eingebunden in die Familie und alle Feste wurden beim Onkel David gefeiert. Meine Großmutter starb 1941 in Tel Aviv.

Während der Anfangszeit in Mikve Israel meldete ich mich zur Hagana [15]. Bei der Haganah wurde ich ausgebildet und nach zweieinhalb Jahren, kurz vor dem Abschluss meiner Landwirtschaftsschule, kam plötzlich der Befehl, wir müssten uns zum Militär melden, weil die Deutschen bereits in Alexandria waren und die Engländer wussten, dass wir von der Haganah hervorragend ausgebildet waren. Die Engländer kamen zu den hohen Offizieren der Haganah und sagten, die Lage sei sehr kritisch und es würde zu lange dauern, englisches Militär nach Palästina zu bringen, und sie brauchten unbedingt ausgebildete Leute, denn sie wären überhaupt nicht vorbereitet auf eine kriegerische Auseinandersetzung. Darum sagten uns unsere Vorgesetzten, wir müssten zum englischen Militär gehen. Wir baten um einige Monate Aufschub, damit wir noch unsere Abschlusszeugnisse von der Schule bekommen konnten, aber der Direktor gab sie uns, trotz der fehlenden Monate.

Ab 8. Mai 1941 war ich Soldat der englischen Armee in Palästina. Ich kam zur Artillerie, zu den Kanonieren. Wir glaubten, wir bekämen Kanonen, aber wir hatten uns geirrt, jeder zweite Soldat bekam ein Gewehr, von Kanonen war keine Rede, die Engländer hatten nicht einmal genug Gewehre.

Hochzeit in Tel Aviv

Im Dezember 1941 heirateten meine Frau und ich in Tel Aviv. Meine Frau wollte so gern, dass ich in Zivil heirate und nicht in der Uniform; und ich fragte meine Offiziere, aber sie sagten, das käme gar nicht in Frage und ich musste in der Uniform heiraten. Bei der Hochzeit hielten vier Soldaten den Baldachin, einer davon war Yigal Hurwitz, der später Finanzminister in Israel wurde. Der Tag meiner Hochzeit war für mich nicht nur glücklich, ich war auch sehr traurig, denn ich hatte nur den Onkel David in Tel Aviv. Onkel David brauchte so lange, um sich für die Hochzeit herzurichten und wenn ich auf ihn gewartet hätte, hätte ich meine Hochzeit versäumt, so ging ich ganz allein und ich hätte mir sehr gewünscht, dass meine Familie an diesem großen Ereignis hätte teilnehmen können.

Meine Frau und ihre Familie waren schon da und der Rabbiner fragte: 'Wer ist der Bräutigam?' Ich stand so allein in meiner Uniform und war als Bräutigam nicht zu erkennen.

Mein Onkel Alexander lebte in Jerusalem, aber er war arm, hatte nie Geld und hätte den Autobus von Jerusalem nach Tel Aviv bezahlen müssen, um an meiner Hochzeit teilnehmen zu können, und das wollte ich ihm nicht zumuten. Ich dachte, eine Einladung muss ich ihm schicken, aber ich werde sie so schicken, dass er die Einladung zu spät bekommt, und das viele Geld für den Autobus nicht ausgeben muss. Also brachte ich die Einladung in der Früh des Hochzeitstages aufs Postamt. Ausgerechnet an dem Tag war die Post besonders schnell, so dass er zu Mittag meine Einladung bekam. Er setzte sich sofort in den Bus und fuhr nach Tel Aviv.

Die Familie meiner Frau wohnte in der Dizengoff Strasse, das war eine deutsche Gegend damals, und dort stieg Onkel Alexander aus dem Autobus. Die Leute schauten so erstaunt von ihren Balkonen, weil man einen so orthodoxen Juden, wie mein Onkel Alexander es war, selten in Tel Aviv sah und sie fragten sich: Was macht der Jude hier? 'Wos, der Maxl wird heiraten und ich werd nicht dabei sein', hatte sich Onkel Alexander gedacht; er sprach ein sehr starkes Wienerisch. Und dann sangen meine Onkel zur Feier gemeinsam Heurigenlieder. Sie hatten ein großes Repertoire und machten richtig Stimmung. Onkel David war nicht orthodox, er lebte traditionell, aber das muss man sich einmal vorstellen, mein ultraorthodoxer Onkel mit Peyes und Bart sang fröhlich Heurigenlieder im ärgsten Wiener Dialekt.

Für Geschenke hatte niemand genug Geld, aber Blumen bekamen wir, es war ein richtiges Blumenmeer. Das Militär hatte mir zwei Wochen Urlaub gegeben und Fritzi und ich fuhren auf Hochzeitsreise nach Tiberias. Wenn ich meine Frau ausführte, kaufte ich ein Stückchen Chalva [orientalische Süßspeise], mehr Geld hatte ich nicht. Nach den zwei Wochen musste ich wieder zur Armee einrücken. Ich war in Haifa stationiert. Meine Frau mietete sich in Bad Galim, das ist ein Ort in der Nähe von Haifa, ein Zimmer und so konnte ich sie, wenn ich Ausgang bekam, besuchen.

Kurz vor der Geburt meines Sohnes Ralph, im Januar 1941, wurde ich durch einen Bedienungsfehler einer Kanone in der Nähe von Akko schwer verwundet und Yigal Hurwitz bekam den Auftrag, mich ins Krankenhaus nach Akko zu bringen. Ich blutete schrecklich und wurde immer schwächer, aber Yigal fragte mich, ob ich bis Haifa durchhalten würde, denn in Akko wären arabische Ärzte und die würde mich sicher verbluten lassen. Ich wusste, die Fritzi ist in Haifa, konnte nur noch mit dem Kopf nicken und wir fuhren wie die Depperten nach Haifa. Ich wurde immer schwächer und schwächer, und als wir ankamen, wurde die Trage auf der ich lag schnell ins Krankenhaus getragen. Ich konnte meine Augen nicht mehr öffnen und hörte wie jemand sagte: 'Es besteht keine Hoffnung mehr!'

Zum Glück kam ein anderer Arzt vorbei, der mich sofort in den Operationssaal bringen ließ, das Blut wurde abgewaschen und ich wurde operiert. Vor der Operation spürte ich noch, wie plötzlich an meinen Zähnen gerissen wurde, oben und unten, und ich dachte, was tun die, was wollen die von mir. Später bekam ich mit, dass die meisten Engländer Zahnprothesen tragen, und die Schwestern versucht hatten, mir die Prothesen, die ich ja nicht hatte, aus dem Mund zu nehmen, da ich sonst vielleicht während der Operation an ihnen erstickt wäre. Aber so rissen sie an meinen festgewachsenen Zähnen herum. Ich wurde wieder gesund und man schickte mich noch auf Erholung. Dann wurde ich nach Kairo versetzt.

In dieser Zeit wurde mein Sohn geboren. Natürlich wollte ich bei der Beschneidung meines Sohnes, die acht Tage nach der Geburt stattfindet, dabei sein, und bat um Urlaub. Gewöhnlich bekam man von dort keinen Urlaub, aber der Major, der Rabbiner war, hatte ein Einsehen, und ich durfte für zwei Wochen zu meiner Familie nach Tel Aviv, denn meine Frau wohnte wieder in Tel Aviv. Ich war sehr glücklich, aber unser Sohn wog nur 2,75 Kilo und bei einem Gewicht unter drei Kilo durfte nicht beschnitten werden. Ich verbrachte zwei sehr schöne Wochen mit meiner Familie. Einen Monat nach der Geburt gibt es wieder eine Feier für den erstgeborenen Sohn, die man 'pideon aben' nennt, und es wurde beschlossen, den 'bris', die Beschneidung, auf diesen Tag zu verlegen. Also erschien ich zwei Wochen später wieder bei dem Major und bat um Urlaub. Er tobte über meine Unverfrorenheit, aber er gab mir noch einmal zwei Wochen Urlaub. Ich erlebte die Feier und die Beschneidung und alles war wunderbar.

Kurze Zeit später war Pessach und ich ging wieder zu dem Major, um ihn zu bitten, mich nach Hause fahren zu lassen. Als ich die Tür zu seinem Zimmer öffnete, schrie er: 'Raus! Ich will dich nicht sehen! Geh weg von hier!' Daraufhin ging ich zum Pfarrer, der auch ein Major war und sagte: 'Entschuldigung, ich bin kein Katholik, ich bin Jude. Wir stehen jetzt vor den Osterfeiertagen, und wie Sie sicherlich wissen, essen wir zu dieser Zeit nur Mazze [ungesäuertes Brot, wird am Pessachfest zur Erinnerung an die Befreiung aus Ägypten gegessen] und ich komme aus einer sehr frommen Familie und möchte zu den Feiertagen bei meiner Familie in Tel Aviv sein.' Er sagte: 'Ja, selbstverständlich mein Sohn', und gab mir wieder zwei Wochen Urlaub.

Danach wurde ich zu meiner alten Einheit nach Zypern geschickt. Zu dieser Zeit entstand die jüdische Brigade innerhalb der englischen Armee. Die jüdische Brigade bestand aus ungefähr sieben bis achttausend Leuten, das waren Infanterie, Artillerie und so weiter. Mit der jüdischen Brigade kam ich 1944, kurz vor Ende des Krieges, als Kanonier nach Italien. In Italien kämpften wir an der Front und dann war der Krieg zu Ende. Wir wurden als Besatzungstruppen durch Deutschland nach Belgien und nach Holland geschickt.

Meine Frau war mit unserem Sohn Ralph in Tel Aviv und wusste nicht, wann ich nach Hause komme. Sie ging zum Direktor von Mikve Israel; mit dem hatte ich mich immer sehr gut verstanden. Auf dem Arm hatte sie unser Baby, und sie sagte zu ihm, er solle mich anfordern, denn wenn man in der Industrie gebraucht wurde, wurde man aus der Armee entlassen. Er forderte mich an, und ich kehrte zurück nach Palästina.

Rückkehr nach Österreich

Meine Frau wollte eigentlich nie nach Österreich zurück, aber ich bekam große Probleme, Arbeit zu bekommen, obwohl ausdrücklich angeordnet wurde, dass die Entlassenen aus der Armee vorrangig bei der Arbeitsvergabe berücksichtigt werden sollten. Nicht nur, dass ich keine Arbeit fand, ich wurde sogar auf dem Arbeitsamt von einem jungen Mann als Mishtamed [sehr böse Bezeichnung für Drückeberger] bezeichnet. Er sagte zu mir, ich sei auch so einer, der lieber zum Militär gegangen wäre, statt zu arbeiten. Für viele Juden in Palästina war der Aufbau des Landes viel wichtiger, als der Kampf gegen den Faschismus. Dabei war ich doch so stolz, dass ich fünf Jahre für das Vaterland gekämpft hatte. Aber das zählte nicht, im Gegenteil, und ich war tief verletzt und weinte sogar einmal wie ein kleines Kind. Nach langem Suchen bekam ich eine Arbeit als Gärtner.

Auf Grund dieses Arbeitsproblems - sonst wären wir wahrscheinlich in Palästina geblieben -beschlossen wir, nach Amerika zu emigrieren. Ich wusste, meine Mutter ist in Amerika, und meine Frau schrieb an ihren Onkel Max Linker, der der Bruder ihrer Mutter war, und der in New York lebte, er solle uns ein Affidavit schicken, und er schickte uns sofort ein sehr gutes Affidavit. Damit gingen wir zum amerikanischen Konsulat und wollten die Einreise nach Amerika. Sie fragten uns, ob wir angemeldet seien, und wir antworteten, dass wir 1938 in Wien angemeldet wurden. Nach dem Einmarsch der Deutschen, hatte meine Mutter bei der amerikanischen Botschaft versucht, eine Einreise nach Amerika für uns zu bekommen. Uns wurde erklärt, dass die Quotennummer, die wir damals bekamen, nicht mehr gültig sei, und wir uns neu anmelden müssten und dass die Bewilligung ein bis zwei Jahre dauern könne, weil zuerst die 'Displaced Persons' [16] eine Bewilligung bekämen, nach Amerika einzureisen. So beschlossen wir, erst einmal nach Österreich zurück zu kehren, denn ich wusste ja, in Wien hatten wir Häuser und auch die Eltern meiner Frau wollten nach dem Krieg zurück nach Wien. So meldeten wir uns an, um repatriiert zu werden.

Wir wurden mit Lastwagen nach Ägypten, dann mit dem Schiff und dann im Viehwaggon nach Österreich transportiert. Unser erster Stopp in Österreich war, glaube ich, in Klagenfurt. Wir stiegen aus, unser Sohn Ralph war sechs Jahre alt und er hatte immer eine etwas dunklere Hautfarbe. Die Leute schauten ihn an und sagten: 'Schau, einen Neger haben die auch mitgebracht!'

Das war im Jahr 1947, und wir wurden in Wien vom Bundespräsidenten Körner empfangen. Die Stadt hatte viele Bombenschäden und die meisten Fenster waren mit Holz zugenagelt. Ich hatte als Soldat deutsche Städte gesehen, in denen kein Haus mehr stand, also war ich nicht allzu schockiert. Wir wurden im Wiedner Krankenhaus untergebracht. Dieses Krankenhaus existiert heute nicht mehr. Dort gab es, wie in diesen Zeiten üblich, Krankensäle, in denen man 30 Leute unterbringen konnte. Meine Schwiegereltern und die Schwester meiner Frau bekamen Betten in so einem Saal; wir als Familie mit Kleinkind bekamen ein Einzelzimmer. Morgens, mittags und abends gab es zwei Flammen, um sich ein bisschen Wasser für Kaffee zu wärmen.

Meine Familie besaß zwei Häuser. Eines war im 1. Bezirk und ein Haus war im 16. Bezirk. Ich sagte zu meiner Frau, dass wir zu unserem Haus im 1. Bezirk, in der Vorlaufgasse, gehen sollten und dort trafen wir unseren alten Hausbesorger Herrn Meyer, der ein Böhm war, kaum richtig deutsch sprach und ein übereifriger Nazi gewesen war. 'Herr Meyer, wieso sind Sie hier, Sie waren doch schwer belastet, Sie waren doch ein richtiger Nazi!' 'Ja stimmt', antwortete der Meyer, 'aber wissen's, dann sind die Kommunisten zu mir gekommen und haben gesagt, wenn ich der Kommunistischen Partei beitrete, werde ich vollkommen entlastet. Und so bin ich eben der kommunistischen Partei beigetreten. Herr Uri, im zweiten Stock ist eine leere Wohnung. Sagen Sie nicht, dass sie das von mir erfahren haben.'

Eine leere Wohnung hat es zu dieser Zeit nicht gegeben. Ich ging zum Ariseur, Metzer hieß er. Metzer hatte sich zwei Zimmer in der Wohnung als Absteigequartier herrichten lassen, und ich zahlte ihm 100 Dollar für seine Unkosten und zog mit meiner Frau und unserem Sohn in diese Wohnung. Einige Zeit später bekamen wir das Haus zurück. Zu der Zeit waren noch die Alliierten in Wien und wenn ein Russe und ein Amerikaner sich stritten, glaubte man, der nächste Krieg bricht aus. Darum drängten meine Mutter und meine Geschwister in Amerika darauf, dass ich die Häuser verkaufen sollte. Ich war damals sehr böse deswegen, aber meine Mutter wollte nicht auf mich hören und so verkaufte ich die Häuser. Das war ein großer Fehler, aber da ist nichts mehr zu machen.

Wir wohnten nun in einer Fünfzimmerwohnung mit Nebenräumen und holten die Schwiegereltern zu uns. Die Firma 'Uri & Zwick' war ausgeraubt und heruntergewirtschaftet, aber mein Schwiegervater eröffnete nach kurzer Zeit wieder sein Pelzgeschäft. Er inserierte wie vor dem Krieg in Jagdzeitschriften und es gab Lieferanten, die ihn fragten, wo er in den letzten Jahren gewesen sei, weil sie nicht gewusst hatten, dass die Firma Max Haber eine jüdische Firma war. Ich arbeitete gemeinsam mit meinem Schwiegervater in der Fellhandlung. Aber das gemeinsame Wohnen und die Zusammenarbeit mit meinem Schwiegervater gestaltete sich als sehr problematisch und so beschlossen wir, als wir die Mitteilung bekamen, dass unserer Einreise nach Amerika nichts im Wege stehe, mit unseren inzwischen drei Kindern - im Dezember 1949 wurden die Zwillinge Eva und Robert geboren - im Jahr 1952 nach Amerika zu emigrieren.

Emigration nach Amerika

Ich kann mich genau erinnern, unser Schiff hieß Queen Mary, und es war eine schreckliche Überfahrt. Die See stürmte, wir brauchten einen Tag länger und waren alle seekrank; meiner Frau ging es besonders schlecht. Max Linker, der Onkel meiner Frau, sollte uns in New York vom Hafen abholen, aber er war nicht da. Mein Schwiegervater hatte mir das Geld, das ich Jahre zuvor in seine Pelzhandlung gesteckt hatte, nach New York überwiesen. Als ich aus dem Militär entlassen wurde, bekam ich eine Abfertigung von 8000 Dollar, was sehr viel Geld war, und dieses Geld steckte im Geschäft meines Schwiegervaters. Diese 8000 Dollar hatte mein Schwiegervater nach New York überwiesen. Aber als wir ankamen, hatten wir kein amerikanisches Geld. Wir standen mit unseren drei Kindern ganz allein da und mein Sohn Ralph sah einen Kaugummiautomaten und sagte zu mir: 'Papa, zieh mir einen Kaugummi aus dem Automaten.' Ich sagte ihm, ich hätte kein amerikanisches Geld und er sagte: 'Aber Papa, du brauchst kein Geld, da steht: One cent.'

Es war sehr kalt und um auf den Onkel Max zu warten, wollte ich für uns einen Aufenthaltsraum suchen. Man sagte, es gäbe keinen, aber dort sei ein 'restroom'[engl. Toilette]. Ich sagte zu meiner Frau und zu den Kindern: 'Kommt, da ist der Aufenthaltsraum.' Ich dachte, ein 'restroom' sei ein Aufenthaltsraum und dann öffnete ich die Tür und wir standen vor den Toiletten. Wir besuchten später auch die Tante Anna und sie zeigte uns ihre Wohnung und sagte: 'Hier ist ein closet [engl. Wandschrank], und hier ist ein closet, und hier ist ein closet, und hier ist ein closet!' Und ich dachte: Wozu braucht die so viele Klosetts?

Nach einer Woche New York flogen wir nach Los Angeles, da lebte die Francis, eine Cousine meiner Frau. Nachdem ich die 8000 Dollar bekommen hatte, steckte ich die Hälfte in eine Firma, aber mein angeblicher Kompagnon war ein Betrüger und ich verlor fast alles. Diese Firma arbeitete mit Metallabfall und dadurch hatte ich Kontakte zu anderen Firmen, und eine Firma bot mir einen Job an. Ich war sehr froh darüber, denn sonst wäre ich arbeitslos gewesen. Und wie es der Teufel so will - nie war ich krank - aber nach zwei Monaten wurde ich plötzlich krank und musste ins Krankenhaus. Ich war sehr unruhig und wollte schnell zurück zu meiner Arbeit, denn in Amerika konnte und kann man sehr schnell entlassen werden. Danach musste ich noch zweimal ins Krankenhaus, aber es war wie ein Wunder, der Chef der Firma verhielt sich mir gegenüber sehr anständig, und ich behielt meinen Job. Er schätzte mich und meine Arbeit und vertraute mir sogar die Aufgabe an, über das Personal in meiner Abteilung selbst zu entscheiden. Leider starb der junge Boss, und es kam ein neuer Manager, der weniger vom Metall verstand als ich und das auch wusste und mir Unannehmlichkeiten bereitete.

Inzwischen hatten wir ein sehr schönes Haus mit Swimmingpool, unsere Kinder besuchten die Schule, wir gingen regelmäßig in die Synagoge, unsere Kinder hatten Religionsunterricht und wir feierten alle jüdischen Feiertage. Wir hatten uns in Amerika eingerichtet und es ging uns gut.

Mein Bruder war zuerst mit einer Indianerin verheiratet, wurde geschieden, heiratete noch einmal und wurde wieder geschieden. Er lebt in Los Angeles, hat drei Kinder, zwei Söhne namens Dany und John und eine Tochter namens Naomi. Beide Söhne und die Tochter sind Ärzte.

Wien

Nach elf Jahren in Los Angeles, im Jahre 1963, bat mich mein Schwiegervater, nach Wien zurück zu kommen, da er schon alt und krank wäre. Also packten wir unsere Sachen zusammen und kamen wieder nach Wien. Da ich vor dem Holocaust in Wien keine schlechten Erfahrungen hatte, wenig Antisemitismus erlebt hatte, ging ich ohne Vorbehalte nach Wien zurück und ich habe es nicht bereut, zurückgekommen zu sein. Meine Schwiegereltern arbeiteten noch beide im Geschäft, und auch ich begann wieder in der Fellhandlung zu arbeiteten. Ich arbeitete mich schnell ein und wurde ein guter Fellhändler.

Unser Sohn Ralph hatte in Kalifornien bereits seinen 'primary' gemacht und war auf der UCLA [Universität in Los Angeles] angenommen worden. Das war eine großartige Leistung, da auf eintausend Bewerber einhundert Studienplätze kamen. Als er in Wien seine Immatrikulation zeigte, wurde ihm gesagt, er müsse hier erst einmal seine Matura machen, um studieren zu dürfen. Das wären für ihn zwei verschenkte Jahre gewesen, und so ging er zurück nach Los Angeles, studierte Medizin und wurde Arzt. Er heiratete Marcia und bekam zwei Kinder, David und Deborah.

Unsere Zwillinge waren bei der Rückkehr nach Wien 13 Jahre alt, und Eva, unsere Tochter sagte, sie werde in Wien die Schule beenden und danach sofort wieder nach Amerika zurückkehren. Sie machte in Wien ihre Matura und fuhr zurück nach Los Angeles, studierte Politikwissenschaft, heiratete, bekam drei Kinder - Lisa, Mike und David - ist seit 25 Jahren geschieden und arbeitet auf der University of Judaism in Los Angeles. Sie ist sehr beliebt, anerkannt und tüchtig.

Unser Sohn Robert beschloss, nachdem er einige Semester an der Universität in Wien Medizin studiert hatte und einen abgeschnittenen Arm sezieren sollte, in das Familiengeschäft einzusteigen. Er heiratete Judith Hacker, die Tochter von Ivan Hacker, der von 1982 bis 1987 Präsident der israelitischen Kultusgemeinde in Wien war. Sie haben drei Kinder: Sandra, Linda und Marc.

Meine Schwestern Edith und Cilli hatten in Wien an der Universität begonnen, Medizin zu studieren und arbeiteten während der Emigration in Cleveland als Laborantinnen. Edith heiratete Robert Herzlinger und Cilli heiratete Walter Lauber. Cilli bekam zwei Kinder, Eileen Egerer, geborene Lauber und Steven Lauber und Edith bekam auch zwei Kinder, Hans Herzlinger und Kitty Karner, geborene Herzlinger. Sie kehrten im Jahre 1950 nach Wien zurück. In Amerika waren meine Schwestern und ihre Ehemänner Mitglieder der Organisation 'Free Austrian Movement' [17].

Da unser Sohn Ralph in Amerika studierte, flogen wir mehrerer Male im Jahr nach Los Angeles, wo auch meine Mutter lebte, und eines Tages sagte sie: ,Ich komme mit euch nach Wien.' Das ging dann alles innerhalb weniger Tage, sie flog mit dem Ticket meiner Frau, nachdem sie ihren Pass, der abgelaufen war, erst einmal verlängern lassen musste, nach Zürich und von Zürich nach Wien.

Meine Mutter wollte ihren Lebensabend in Israel verbringen, lebte noch einige Jahre in Wien und verbrachte die letzten zehn Jahre ihres Lebens sehr glücklich in einem frommen Elternheim in Jerusalem. In dieser Zeit, als meine Mutter in Jerusalem lebte, fuhren meine Frau und ich sie jedes Jahr drei bis viermal besuchen. Meine Mutter starb im Februar 1985 in Israel. Ich fahre regelmäßig nach Israel und besuche ihr Grab.

Ich bin der einzige Nachkomme der Familie Uri, der mit seiner Familie ein religiöses und traditionelles Leben lebt. Die Kinder meiner Schwestern wurden nicht religiös erzogen, aber der Enkelsohn meiner Schwester Cilli - er ist 15 Jahre alt - holt jetzt bei Or Chadash [Jüdische Reformgemeinde] seine Bar Mitzwa nach. Es wird eine große Feier geben und ich werde selbstverständlich dabei sein. Or Chadasch ist nicht mein Geschmack, aber es ist vielleicht doch gut für Juden, die sonst nichts mehr mit Traditionen und Religion zu tun hätten. Or Chadasch fängt einen Teil dieser Leute auf, und das ist sehr wichtig.

Ich bin Präsident des Tempelvorstandes im Stadttempel in der Seitenstättengasse, ich bin Vizepräsident von Chewra Kadisha, ich bin Vizepräsident von Keren Hajesod, und ich bin Kassierer im Elternheim. Außerdem bin ich verantwortlich für das Morgenminjen und das ist leider sehr schwer: zu einem Minjen gehören zehn Leuten, und ich muss vier Leute bezahlen, damit sie kommen. Die Kultusgemeinde gibt mir kein Geld und ich muss sehen, wo ich das Geld auftreiben kann. Es ist traurig, dass überhaupt kein Minjen da ist, aber so ist das Leben. Ich bin also sehr stark mit der Kultusgemeinde beschäftigt. Das mache ich nicht erst seit ich in Pension gegangen bin, sondern schon sehr lange. Ich würde mich gern etwas zurückziehen, aber man lässt mich nicht.

Mein Großvater war sehr orthodox und in der Betstube, in der mein Großvater betete waren alle sehr orthodox, und ich hatte ein gutes Verhältnis zu ihnen. Aber jetzt, muss ich ehrlich sagen, kommen viele Orthodoxe nach Wien, und sie gehen mir auf die Nerven. Ich weiß nicht, woher sie kommen, vielleicht aus Israel oder aus Amerika. Im 2. Bezirk begegnet man ihnen, sie gehen mit Stramlach und mit weißen Socken. Besonders die mit den weißen Socken mag ich nicht, weil sie den Staat Israel nicht anerkennen. Einmal traf ich einen am Samstag - als Tempelvorstand bin ich jeden Samstagmorgen im Tempel - ich kannte ihn nicht und sagte: 'Gut Schabbes!' und was man noch so sagt. Da fragte er mich: 'Wo beten Sie?' Ich antwortete: ,Hier, im Stadttempel.' Er entsetzt: 'Hier beten Sie?' Ich: ,Ja, hier!' Er: 'Da können Sie ja gleich in die Stephanskirche gehen!'

Zum 60. Hochzeitstag im Jahre 2001 ließ ich in Jerusalem eine Torah schreiben, speziell für mich und meine Frau. In dem Spital Shaarej Zedek, in dem mein Onkel Alexander als Buchhalter 60 Jahre arbeitete, gab es einen sehr guten Direktor, der diese Arbeit überwachte. In Wien gab es dann eine große Feier, die am Hohen Markt begann. Wir gingen mit Musik und Tanz durch die Judengasse in die Seitenstättengasse zum Tempel. Und jetzt steht unsere Torah im Tempel und auf der Torah steht: 'Diese Torahrolle wurde zum 60. Hochzeitstag für Max und Fritzi Uri geschrieben, getraut am 7. Dezember 1941.'

Glossar

[1] Kibbutz [Pl.: Kibbutzim]: landwirtschaftliche Kollektivsiedlung in Palästina, bzw. Israel, die auf genossenschaftlichem Eigentum und gemeinschaftlicher Arbeit beruht.

[2] Haschomer Hatzair [hebr.: 'Der junge Wächter']: Erste Zionistische Jugendorganisation, entstand 1916 in Wien durch den Zusammenschluss von zwei jüdischen Jugendverbänden. Hauptziel war die Auswanderung nach Palästina und die Gründung von Kibbutzim. Aus den in Palästina aktiven Gruppen entstand 1936 die Sozialistische Liga, die sich 1948 mit der Achdut Haawoda zur Mapam [Vereinigte Arbeiterpartei] zusammenschloss.

[3] Kaiserjäger: Elitetruppe des k.u.k. Heeres. Im 1.Weltkrieg 1914/15 Einsatz in Galizien, dann an der Front gegen Italien.

[4] Deutschmeister: Volkstümlicher Name für das ehemalige k.u.k. Wiener Hausregiment, das Infanterieregiment 'Hoch- und Deutschmeister'.

[5] Hora ist der verbreiteste Volkstanz der Juden in Israel; stammt vom rumänischen Hora ab.

[6] Aleph Beth: Das Hebräische Alphabet [ABC].

[7] Hakoah Wien ist ein 1909 gegründeter jüdischer Sportverein. Der Name ist hebräisch und bedeutet 'Kraft'. Bekannt wurde vor allem die Fußballmannschaft [gewann 1925 die österreichischer Meisterschaft]; der Verein brachte auch Ringer, Schwimmer und Wasserballer hervor, die internationale und olympische Titel für Österreich errangen. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 an das Deutsche Reich wurden die Spielstätten beschlagnahmt und der Verein 1941 verboten.

[8] k.u.k. Armee: Die Abkürzung k.u.k steht für 'kaiserlich und königlich' und ist die allgemein übliche Bezeichnung der Armee Österreich-Ungarns, die ein Konglomerat aus verschiedenen Nationen, Waffengattungen und Interessen war.

[9] Pogromnacht: Pogrom in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938. Aufgrund der zahllosen zertrümmerten Fensterscheiben ging diese Nacht als "Kristallnacht" in die Geschichte ein. Die propagandistische Presse jener Zeit bezeichnete den Pogrom als "Antwort" auf das Attentat des 17jährigen Herschel Grynszpans auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November in Paris. Im Laufe des "Kristallnacht" wurden bei angeblich "spontanen" Kundgebungen 91 Juden ermordet und fast alle Synagogen sowie über 7000 jüdische Geschäfte im Deutschen Reich zerstört und geplündert, Juden in ihren Wohnungen überfallen, gedemütigt, verhaftet oder ermordet.

[10] Kindertransport: Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs rief die britische Regierung eine Rettungsaktion ins Leben, um Kinder vor dem Nazi- Terror zu bewahren. Zehntausend größtenteils jüdische Kinder aus deutsch besetzten Gebieten wurden nach Großbritannien gebracht und von britischen Pflegeeltern aufgenommen.

[11] Kielce: polnische Stadt rund 100 km nordöstlich von Krakow. Im Februar 1941 wurden 1004 Wiener Juden in das Ghetto von Kielce deportiert. Ende 1941 lebten ca. 27.000 Juden im Ghetto. Zwischen dem 20. und 24. August 1942 wurde das Ghetto liquidiert. Von den 1.004 deportierten Wiener Juden überlebten 18. 'Pogrom von Kielce': Im Juli 1946 attackierte lokaler Mob jüdische Holocaust-Überlebende. Das Ergebnis waren 42 Tote und Dutzende Verletzte.

[12] Reichsfluchtsteuer: eine 1931 von der Weimarer Republik erlassene Steuer mit dem Zweck, die Kapitalflucht einzudämmen. Ab 1933 wurde die Reichsfluchtsteuer zur 'Menschenfluchtsteuer', die sich in erster Linie gegen Juden richtete und ein Teil der Ausplünderungs- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten war.

[13] Gurs: französische Ortschaft am Rande der Pyrenäen, rund 75 Kilometer von der spanischen Grenze entfernt. Während der deutschen Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg wurde in Gurs ein Internierungslager für deutsche Staatsbürger, Bürger anderer Staaten und Juden eingerichtet. Im Lager waren bis zu 30.000 Menschen interniert. 1942 und 1943 wurden aus Gurs 6.000 Menschen in Vernichtungslager in Polen deportiert.

[14] Affidavit: Im anglo-amerikanischen Recht eine schriftliche eidesstattliche Erklärung zur Untermauerung einer Tatsachenbehauptung. Die Einwanderungsbehörden der USA verlangen die Beibringung von Affidavits, durch die sich Verwandte oder Bekannte verpflichten, notfalls für den Unterhalt des Immigranten aufzukommen.

[15] Hagana [hebr. 'Verteidigung]: 1920 gegründete zionistische Militärorganisation in Palästina während des britischen Mandats [1920- 1948], die Juden vor arabischen Überfällen schützen sollte. Die Hagana unterstand der Histadrut [Gewerkschaft]. Sie wurde so zum Vorläufer der israelischen Armee, in der sie nach der Staatsgründung aufging.

[16] 'displaced persons': Als 'displaced persons' galten Menschen, die in Folge des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat geflohen, verschleppt oder vertrieben worden waren, z. B. Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, Konzentrationslagerhäftlinge und Osteuropäer, die vor der sowjetischen Armee geflüchtet waren.

[17] Free Austrian Movement [Freie Österreichische Bewegung]: Erste repräsentative politische Vertretung der Exil-Österreicher in Großbritannien; im November 1941 gegründet. Als Dachorganisation von 37 Vereinigungen wirkte das von Kommunisten dominierte Movement bis Kriegsende als politische Gesamtvertretung. Wichtigste Aufgabe war die Organisierung des militärischen und zivilen Einsatzes der österreichischen Flüchtlinge gegen Nazi-Deutschland.

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Max Uri
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
März
Jahr des Interviews:
2004
Wien, Austria

HAUPTPERSON

Max Uri
Geburtsjahr:
1921
Geburtsort:
Wien
Todesjahr:
2009
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Geschäftsmann, Einzelhändler

AUDIO - INTERVIEW

Weitere Informationen

Ebenfalls interviewt von:
Buchtitel "Arisiert" von I. Etzersdorfer
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