Ludwig Grossmann

Wien, Österreich

Ludwig Grossmann
Österreich
Wien
Interviewer: Tanja Eckstein
Datum des Interviews: Januar 2003 

Ludwig Grossmann lebt mit seiner Frau Fanny in einer Altbauwohnung am Rande des Praters.

Als durch und durch politischer Mensch, besitzt er ein Archiv mit Zeitungsausschnitten über viele politischen Themen, die er seit den 1950er-Jahren sammelt, um sein Wissen zu vertiefen und anderen zu helfen, ihr Wissen zu vervollständigen.

Einen wichtigen Platz in Ludwig Grossmanns Leben nimmt der Schriftsteller Jura Soyfer [1] ein.

Ludwig Grossmann stirbt im August 2006 in Wien.

 

 

 

 

 

  • Meine Familiengeschichte

Über meine Familie väterlicherseits weiß ich nur sehr wenig. Mein Vater hatte natürlich zu seinen Eltern Kontakt, ich weiß auch, dass er Stiefgeschwister hatte. Ein Stiefbruder, der Schnitzer hieß, lebte in Dortmund.

Ich habe aber diesen Teil der Familie nie kennen gelernt. Mein Vater wurde am 15. Oktober 1879 als Jacob Bleicher recte Grossmann in Galizien, in dem Ort Zurawno [heute Ukraine], geboren. Der Name seiner Mutter war Bleicher.

Seine Eltern haben nur jüdisch geheiratet, deshalb bekam er zuerst den Familiennamen seiner Mutter. Der Staat erkannte damals die jüdischen Hochzeiten nicht an. Irgendwann ist mein Vater nach Budapest gegangen und hat dort gelebt. Er hat perfekt ungarisch gesprochen.

Der Großvater mütterlicherseits hieß Juda Simon Vorschirm. Ich glaube, er wurde 1857 in Tarnow [heute Ukraine], im damaligen Galizien, geboren.

Meine Großeltern lebten getrennt, wir hatten keine Verbindung zum Großvater, obwohl er in Wien nur ein paar Gassen von uns entfernt wohnte. Die Großmutter Zipora Vorschirm, die 1855 geboren wurde, lebte bei uns.

Die Großeltern hatten zwei Kinder: meine Mutter Erna und ihren Bruder Jacob. Meine Mutter wurde am 28. Mai 1885 in Tarnow geboren. Als sie zwei Monate alt war, übersiedelte die Familie nach Wien.

Sie hatte eine Ausbildung als Schneiderin und wohnte damals in der Adambergergasse, im 2. Bezirk. Das ist in der Nähe der Unteren Augartenstraße. Meine Mutter war, wie meine Großmutter, eine religiöse Frau.

Mein Onkel hieß Jacob Vorschirm. Er wurde am 21. Dezember 1880 in Tarnow geboren. Er wohnte im 3. Bezirk in Wien, und wir haben ihn öfters gesehen.

Er war verheiratet mit Tante Karoline, die am 9. Juni 1880 geboren wurde. Sie hatten einen Sohn Herbert, der am 11. November 1908 geboren wurde. Ich weiß, dass mein Onkel Jacob Kontakt zu seinem Vater hatte.

Tante Karoline schrieb ihrem Cousin Jacob Grossmann in Budapest, dass ihr Mann Jacob Vorschirm eine Schwester im richtigen Heiratsalter hätte. Ihrer Meinung nach war es an der Zeit zu heiraten.

Das sagten sie meiner Mutter: wenn eine Frau ein bestimmtes Alter erreicht hat, wird es schwierig, einen Mann zu finden. Sie haben über meinen Vater Auskunft eingeholt - was er arbeitet, wie viel er verdient und ob er einen guten Ruf hat. Dann ist mein Vater nach Wien gekommen, und 1912 haben meine Eltern im Tempel in der Leopoldsgasse, im 2. Bezirk, geheiratet.

Onkel Jacob wurde mit seiner Frau Karoline am 27. Mai 1942 nach Maly Trostinec [2] [heute Weißrussland] deportiert und ermordet. Ihr Sohn Herbert Vorschirm emigrierte nach Amerika.

Am 19. Oktober 1913 wurde meine Schwester Jeanette geboren. Ein Jahr später ist mein Vater in den Krieg eingerückt. Sein Regiment, das Infanterieregiment Nummer 9, war wahrscheinlich in Galizien stationiert.

Zu Weihnachten 1914 war er aber schon mit einem Oberschenkelschuss in Wien, im Rudolfsspital. Danach hat er einige Zeit lang einen Gehstock benützten müssen, mit einem Knauf, der aussah wie ein Hase.

Den Knauf hatte er aufgehoben; ich habe ihn gesehen. Die Wunde ist verheilt, und er kehrte zu seinem Regiment zurück. Dann war er eine Zeit lang in Italien und danach wurde er nach Polen versetzt.

Meine Mutter war als Krankenschwester verpflichtet. Sie trug auch eine Uniform. Ich weiß, dass nach Kriegsende meine Mutter, mein Vater und meine Schwester in der Ukraine waren.

Ende 1918 wollten sie nach Wien zurück. Ihr Zug wurde aber von Banditen ausgeraubt. Sie haben dann zu Fuß die Berge überquert und dabei abwechselnd meine Schwester getragen.

 

  • Meine Kindheit

Ich wurde am 20. März 1919 in Wien geboren. Da wohnten meine Eltern in der Raimundgasse, im 2. Bezirk. Mein Bruder Herbert wurde am 3. Mai 1920 in Wien geboren.

Meine Großmutter Zipora wohnte bis zu ihrem Tod mit uns zusammen in der Raimundgasse. Sie war eine kleine, liebe und gescheite Frau, die immer ein weißes Kopftuch trug. Sie führte den Haushalt und hatte das Sagen.

Meine Mutter war ziemlich unbeholfen und sehr froh darüber, dass sie ihre Mutter hatte, die ihr bei allem raten konnte - bei jeder Krankheit oder wenn irgendetwas sie beunruhigte.

Die Großmutter hatte eben viel mehr Erfahrung als meine Mutter, und meine Mutter respektierte sie sehr. Mein Bruder und ich sind an der Großmutter gehangen wie die Wasserkannen. Wir waren wirklich verzogene Fratzen.

Meine Schwester Jeanette war ihr ganzes Glück. Sie musste immer das Schönste und das Beste haben. Von dem Wenigen, was die Großmutter hatte, gab sie noch das Letzte für unsere Familie.

Die Großmutter ging zu den hohen Feiertagen in den Tempel. Wir haben sie immer in ihrem Zimmer besucht, und wenn wir es am Jom Kippur [jüdische Versöhnungstag; wichtigste Feiertag der Juden] vor Hunger nicht mehr ausgehalten haben, rochen wir am Etrog [3] und an den Gewürznelken, die sie in ihrem Zimmer hatte. Dann fiel uns das Fasten leichter.

Meine Großmutter war eine Anhängerin des Skoler Rebben [Rebbe jiddisch: Rabbiner]. Sie war ständig mit ihm in Verbindung. Der Rebbe hat in der Großen Pfarrgasse [2. Bezirk] gewohnt, auch ich habe ihn gekannt.

Was er gesagt hat, das war heilig für die Großmutter. Ich erinnere mich, dass er mehrere Kinder hatte, und dass er knapp vor 1938 in ein großes, schönes altes Haus in der Heinestrasse [2. Bezirk] zog.

Die Großmutter besaß eine Sparbüchse für Spenden für einen jüdischen Verein. Später hatte sie die blaue Büchse von der 'Keren Kajemet' [4]. Vom 'Keren Kajemet' hatte sie wahrscheinlich auch die Erde aus Palästina, die war in einem Sackerl.

Das Sackerl mit der Erde lag bei ihrer Totenwäsche, weil es geheißen hat: Du sollst begraben werden in der Erde von Palästina. Ich wusste schon als Kind, dass dieses Sackerl mit der Erde existiert.

Das haben wir ihr, als sie gestorben war, auch mitgegeben. Meine Großmutter starb am im Februar 1931 in Wien an Krebs. Mein Großvater, den ich nicht kannte, starb 1932 in Wien.

Wir hatten nicht viel Geld, wir haben Kinderbeihilfe bekommen. Später haben wir ein Kabinett [kleines Zimmer] unserer Wohnung vermietet. Es war schwer damals, aber irgendwie sind wir zurechtgekommen.

Mein Vater hat in der Werdertorgasse, im 1. Bezirk, als Vertreter für Textilwaren gearbeitet. Ich kann mich daran erinnern, dass die Firma ein Auto hatte und mein Vater es ankurbeln musste, wie das bei den damaligen Autos notwendig war.

Als mein Bruder und ich klein waren, gingen wir in einen jüdischen Kindergarten vis-a-vis unserer Wohnung. Er war an der Ecke Malzgasse, zwischen der Polizeidirektion Leopoldstadt [2. Bezirk] und der Raimundgasse.

Wir sind nicht gerne in den Kindergarten gegangen. Vor dem Kindergarten ist immer eine Frau gesessen, die Zuckerln verkaufte. Damit konnte man weinende Kinder beruhigen. Kapperln [Kopfbedeckung] haben wir keine getragen; es war nicht so streng.

Aber es war ein rein jüdischer Kindergarten. Er stand unter dem Tutorium der Kultusgemeinde. Im Kindergarten haben wir gesungen: 'Wir fahren nach Jerusalem und wer fährt mit? Du, liebe Schwester...' Daran kann ich mich erinnern.

In der Malzgasse gab es auch eine Betstube. Mein Vater ist in diese Betstube gegangen - nicht, weil er so gläubig war, sondern weil es irgendwie dazu gehörte. Zu Simchat Torah [5] haben sie die Torahrollen herumgetragen. Als kleiner Bub war ich oft mit meinem Vater in der Betstube; aber je älter ich wurde, desto seltener ging ich mit.

Ich habe die Volksschule in der Leopoldsgasse besucht. Das war eine Schule, in der es noch Gasbeleuchtung gab. Es war aber keine jüdische Schule. Wir hatten einen jungen Lehrer, der im Krieg gewesen war und uns von den Schrecken des 1. Weltkriegs erzählte - behutsam, damit wir Kinder es ertragen können.

Ich war immer sehr schlimm. Ich konnte nicht ruhig sitzen und einmal sagte der Lehrer: 'Schlimme Kinder brauchen wir nicht.' Er hat mich zum Oberlehrer geführt. Der hat auch gesagt: 'Schlimme Kinder brauchen wir nicht.'

Also habe ich meine Sachen zusammengepackt und bin nach Hause gegangen. Kein Mensch hat mich aufgehalten. Dann haben sie aber doch Angst bekommen, denn es hätte ja was passieren können. Der Schuldiener ist am nächsten Tag zu uns nach Haus gekommen, weil ich nicht in der Schule war.

Da wir ziemlich viele jüdische Kinder in der Klasse waren, hatten wir Religionsunterricht in der Schulklasse.

Wir Kinder waren Zionisten. Die Mutter und die Großmutter hatten nichts dagegen, aber auch nichts dafür. Meine Schwester war beim Haschomer Hatzair [6]. Auch ihr späterer Bräutigam Paul Herzberg und viele Freunde, die älter waren als mein Bruder und ich.

Am 1. Mai demonstrierten wir mit dem Vater auf der Ringstraße; da haben wir geschrieen: 'Techie Eretz Israel Haovedet [es lebe das arbeitende Israel]!' Für den Schomer [kurz für Haschomer Hatzair] sind wir dann auch mit der blauen Büchse vom Keren Kajemet sammeln gegangen.

Im Jahre 1929 waren wir mit dem Schomer in der Steiermark, auf der Lachnitzhöhe. Einmal waren wir auch in Kärnten, in Velden. Antisemitismus war damals etwas Selbstverständliches, aber da haben wir keinen Antisemitismus gespürt.

Wir wurden im Schomer auf die Alijah [7] vorbereitet. Wir hatten Schulungen, wurden über die politische Situation der jüdischen Gruppen in Deutschland informiert, und wir haben für die Prüfungen geübt, die wir ablegen mussten, um verschiedene Tüchtigkeitsabzeichen zu erhalten.

Zuerst hatten wir braune Hemden, wie die Pfadfinder. Wir haben sie ja auch beim Pfadfinder-Versand gekauft. Die Knoten waren auch von den Pfadfindern. Später hatten wir blaue Hemden.

Im Sommerlager hatten wir verschiedene Tätigkeiten. Es gab einen 'Jom Ivrit' [Tag der hebräischen Sprache], und es gab eine Fahnenwache. Wir waren sozialistisch eingestellt. Für den bedeutenden Dichter Bialik [8] hielten wir 1934 eine Ehrenwache am Südbahnhof.

Er lebte in Palästina und starb 1934 in Wien. Seine Leiche wurde nach Palästina überführt. An Theodor Herzls Todestag waren wir an seinem Grab auf dem Döblinger Friedhof. 1948 wurden seine Gebeine nach Jerusalem überführt.

Wir haben uns nie über gläubige Juden lustig gemacht. Wir wussten: das sind unsere Leute. Auch wenn wir nicht in den Tempel gegangen sind, haben wir die Leute respektiert, die es taten.

Für meine Bar Mitzwah [9] wurde ich in einem Kurs von der Kultusgemeinde vorbereitet. Ich glaube, es war in der Kultusgemeinde in der Seitenstettengasse. Die Teffilin [10] und den Tallit [11] haben wir von der Kultusgemeinde bekommen. Bei der Abreise nach England hat die Mutter sie mir eingepackt, aber ich habe sie wieder herausgenommen.

Bei meiner Bar Mitzwah habe ich nicht aus der Thora vorgelesen; das musste man nicht. Vorgelesen haben nur die braven Schüler oder die, die es unbedingt wollten. Ich habe das gemacht, was gefordert wurde.

Meine Familie war da, aber es gab nachher keine Feier. Die meisten Familien haben aber gefeiert. In der Zeitung hat man dann geschrieben: 'Wir gratulieren dem..., wünschen ihm alles Gute, Mazel Tov!'

1933, beziehungsweise 1934, beendeten mein Bruder und ich die Schule. Ich habe dann eine Lehre als Elektriker gemacht.

Meine Schwester war für uns immer die Gescheite, die gewusst hat, was man machen muss.

Alle jüdischen Familien, die es sich leisten konnten, haben ihren Kindern das Studium finanziert. Meine Schwester ging bis zur Untermittelstufe in der Hammer-Purgstall-Gasse in ein humanistisches Gymnasium. Weil meine Familie arm war, musste sie einen Beruf erlernen. Sie hat eine Schneiderlehre bei Michelbeuern gemacht.

In der Taborstraße [2. Bezirk] wohnte eine Professorin [Lehrerin an einem Gymnasium], die eine zionistische Mädchengruppe leitete. Sie war sehr geachtet und respektiert; die Mädchen haben sie vergöttert. Sie hat sie zionistisch stark beeinflusst.

Mit ihrem zukünftigen Bräutigam war meine Schwester schon befreundet, als sie erst 14 Jahre alt war. Sie waren im Sommer auf der Moschava [hebr: Sommerlager] in der Kindergruppe und als junge Leute waren sie bei der sozialistischen Jugend im Kaltschacher Lager in Kärnten. Meine Schwester ist sogar mit einer Freundin, der Elke Wassermann, per Autostopp nach Italien gefahren.

In England hat sie den Herzberg geheiratet. 1940 hat sie den Namen Hendon angenommen. Sie bekam einen Sohn Ronald. Nach dem Krieg hat ihr Mann sie aber verlassen und sie hat ihren Sohn allein sehr gut erzogen und sich schwer geplagt. Sie war in England Fürsorgerin und Leiterin eines Ambulatoriums und hat auch als Hebamme gearbeitet.

Mein Vater war bis 1933 in Deutschland und hat bei seinem Stiefbruder gearbeitet. Manchmal ist er nach Hause gekommen. Einmal hat meine Schwester ihn besucht. Nach Hitlers Machtantritt ist er nach Wien zurückgekommen.

Sein Stiefbruder ist über Holland nach Palästina emigriert. In Wien war mein Vater arbeitslos. Da er lange in Deutschland gelebt hatte, wusste er, was passieren kann.

Ich war vorbestraft, weil ich im kommunistischen Jugendverband aktiv mitgearbeitet hatte. Wir Jugendlichen hatten aber nicht nur politisch gearbeitet, wir verbrachten auch unsere Freizeit miteinander.

Zum Beispiel haben wir Radtouren zum Neusiedlersee im Burgenland gemacht. 1938 wurden alle politischen Gefangenen amnestiert, aber die Unterlagen wurden nicht vernichtet.

 

  • Während des Krieges

Am 12. März marschierten deutsche Truppen nach Österreich ein. Ende Mai 1938 wurden mein Bruder und ich verhaftet. Zuerst hielt man uns in der Karajangasse [20. Bezirk] fest.

Von dort wurden wir am 2. Juni ins KZ Dachau [Deutschland] deportiert und am 23. September ins KZ Buchenwald [Deutschland], um in Dachau Platz für andere Juden zu schaffen. Mein Bruder und ich mussten im KZ Buchenwald aus der Quarantänestation die Toten heraustragen.

Mein Vater wurde im Herbst 1938 nach Buchenwald [KZ Buchenwald] deportiert. Nachdem er aus dem kleinen Lager ins große Lager gekommen war [Anm: Das Hauptlager im KZ Buchenwald war in 'kleines Lager' und 'großes Lager' gegliedert], wurde das Leben etwas leichter für ihn.

Er hat irgendwelchen Kapos gesagt, dass seine Kinder auch da sind. Die Kapos haben uns dann erlaubt, in der Quarantänestation mit ihm zu sprechen.

In Buchenwald war ich in einer Baracke mit Jura Soyfer zusammen, wir saßen am selben Tisch. Jura Soyfer war sieben Jahre älter als ich, der Altersunterschied hat dort eine große Rolle gespielt. Er war mit seinem Freund Max Hoffenberg Tag und Nacht beisammen.

Die beiden haben alles miteinander geteilt. Jura Soyfer war mit Doktor Hugo Ebner am 13. März 1938 beim Versuch, über die Berge in die Schweiz zu fliehen, verhaftet worden. Max Hoffenberg, Hugo Ebner und Jura Soyfer kannten sich von den sozialistischen Mittelschülern.

Die Österreicher hätten ihn durchgelassen, aber sie haben seinen Rucksack durchsucht, und da fanden sie Konservendosen. Dadurch wussten sie, dass er flüchten wollte.

Alle drei wurden erst nach Dachau [KZ Dachau] und dann mit uns nach Buchenwald [KZ Buchenwald] gebracht worden. Hoffenberg und Ebner haben den Krieg überlebt.

Jura Soyfer war auch Leichenträger wie mein Bruder und ich, dabei hat er sich dann angesteckt. Er sollte entlassen werden, aber es gab eine Typhus- Epidemie. Wir waren alle in Quarantäne. Man fürchtete, der Typhus könnte sich ausbreiten und hat alle Entlassungen gestoppt. Jura Soyfer ist an Typhus gestorben.

Meine Mutter hat wahrscheinlich bei der Kultusgemeinde für uns interveniert. Eine Zeit lang war es so, dass man freigelassen wurde, wenn man sich verpflichtet hat, zu emigrieren. Am 20. oder 28. April wurden mein Bruder und ich entlassen. Wir haben unterschreiben müssen, dass wir so schnell wie möglich aus Österreich weggehen.

Mein Vater wurde im August 1939 entlassen. Er hätte dann emigrieren können, aber wegen unserer Mutter ist er in Wien geblieben. Als mein Vater entlassen wurde, war mein Bruder schon weg. Er ist gleich nach seiner Entlassung im Mai 1939 nach England zu unserer Schwester gefahren.

Sie war schon 1938 als 'Domestic Servant' [Hausangestellte] nach England emigriert und hatte während des Krieges außerhalb Londons Deutsch unterrichtet. Ihren späteren Mann hat sie aus Österreich herausgeholt.

Ich habe Wien erst am 15. August 1939 verlassen - mit einer Aktentasche. Ich bin knapp vor Kriegsbeginn geflüchtet, da konnte ich nichts mehr mitnehmen. Meinen Vater habe ich in Wien noch getroffen.

Meine Eltern waren zu dieser Zeit immer noch der Meinung, dass sie 'nichts Böses' getan hätten, und ihnen deswegen auch nichts Schlimmes passieren könne. Sie wollten nur, dass ihre Kinder aus Österreich weg gehen.

Am 26. Oktober 1939 wurde mein Vater mit dem zweiten Transport nach Nisko [12] deportiert. Im dem Transport waren 672 Menschen. Von ihnen sind elf oder siebzehn offiziell zurückgekommen.

Die meisten sind über die Grenze nach Russland getrieben worden. Aber mein Vater hatte meine Mutter in Wien, darum wollte er nach Wien zurück. Er war von Oktober 1939 bis April 1940 in Nisko. Aus dem Melderegister weiß ich, wann er sich wieder in Wien angemeldet hat.

Im Februar 1941 wurden meine Eltern dann nach Opole [13] in Polen deportiert und ermordet.

Ich hatte in Wien den Beruf eines Elektrikers gelernt und habe dann in England als Elektriker in einer Uniformfabrik gearbeitet. Nachdem die Deutschen im Juli 1940 Paris besetzt hatten, wurde ich interniert.

Mein Bruder wurde noch drei Tage vor mir von den Engländern festgenommen und auf einem Schiff nach Australien geschickt und dort interniert. Es gab zwei solcher Transporte.

Der Transport mit dem Schiff 'Andorra Star' nach Kanada wurde torpediert. Die meisten Flüchtlinge sind ertrunken. Das zweite Schiff, auf dem mein Bruder war, ist wochenlang rund um Afrika nach Australien gefahren.

Ich wurde in England auf der 'Isle of Man' interniert. Die 'Isle of Man'" befindet sich zwischen Irland und England. Die deutschen Bomberwellen sind über uns hinweggeflogen. Von Irland sind sie gekommen - das war ja neutral - haben ihre Bomben geworfen und sind wieder über das neutrale Meer weggeflogen.

Von Juli 1940 bis Februar 1941 war ich interniert. Ich wurde entlassen, weil ich einen Arbeitsplatz in einer kriegswichtigen Industrie bekam. Aber ich wäre auch entlassen worden, wenn ich mich zum Pioniercorps gemeldet hätte.

Ich habe dann sogar die Genehmigung erhalten, in der neutralen Zone zu arbeiten - das war eine Zone, die eigentlich für Ausländer verboten war.

Meine spätere Frau Fanny Landesmann war mir schon in Wien aufgefallen, aber sie hatte mich damals nicht beachtet. Sie hatte nur Augen für einen anderen Burschen. Der konnte wunderbar singen und Gitarre spielen. Fanny wurde 1920 in Wien geboren, und ich habe sie in London, bei 'Young Austria'[14] wieder getroffen.

Im 'Young Austria' trafen sich junge Leute aus Österreich. Es gab dort viele Juden, aber auch nichtjüdische Emigranten, die über die Tschechoslowakei, Frankreich, Spanien und andere Länder geflüchtet waren.

Wir haben durchs Radio, von den Engländern oder von Leuten, die nach und nach ankamen erfahren, was in der Welt geschieht. Zu den jungen Leuten, die in den Club kamen, war man sehr freundlich: wann bist du gekommen? Woher bist du gekommen? Was sind deine Pläne? Kann man dir behilflich sein?'

Vom Young Austria wurden wir aufgefordert in England zu bleiben so lange es notwendig ist, danach aber wieder nach Österreich zurückzukehren. Aber es gab auch Leute, die darauf warteten, nach Amerika oder nach Palästina gehen zu können.

Es waren so viele allein stehende Jugendliche da, die Schwierigkeiten und Sorgen hatten: Unterkunft, Arbeit, kulturelle Dinge - es tat einem das Herz weh. Wir haben uns gegenseitig geholfen. Man konnte dort essen.

Leute, die keine Arbeit hatten und auf eine Arbeit warteten, konnten dort schlafen oder haben etwas vermittelt bekommen. Aber es war immer nur vorübergehend, es war ja kein Hotel.'Young Austria' war für uns so ein bisschen unser zu Hause.

Wir hatten eine Bibliothek, es gab Zeitungen, Veranstaltungen und Vorträge. Es gab auch eine Theatergruppe. Der österreichische Schauspieler Otto Tausig hat da gespielt. In den 'Schlimmen Buben in der Schule' [15] ist er mit Begeisterung aufgetreten.

Wir haben geglaubt, wenn der Krieg zu Ende ist, werden in Österreich Lehrer gebraucht werden, Künstler, Wissenschafter und Erzieher, denn wie wollen sie die Lehrer, die für Hitler eingetreten sind, dazu kriegen, Kinder zur Demokratie zu erziehen?

Wir haben geglaubt, alle warten auf uns. Es war aber nicht alles so, wie wir geglaubt haben. Aber wir hatten auch Heimweh, obwohl es keine Verwandten mehr gab.

Meine Frau und ich haben geheiratet. Am 21. Februar 1942 kam unsere Tochter Mariane Ruth auf die Welt.

 

  • Nach dem Krieg

1946 sind wir nach Österreich zurückgekehrt. Wir brauchten Arbeit und ein Quartier.

Mein Bruder kam noch vor uns mit der britischen Armee nach Wien. Er war 1942 von Australien nach London zurückgekommen. Dann wurde er auch auf der 'Isle of Man' interniert.

Danach kam er nach Manchester und trat in die britische Armee ein. 1943 heiratete mein Bruder Hertha Gelb, und ihr Sohn Heinz wurde geboren.

In Wien wohnten wir zuerst bei einer Hausbesorgerin, die die Mutter von einem unserer Genossen war, der 1945 umgekommen ist. Sie wohnte in der Rembrandtstraße [2. Bezirk] und nahm uns auf. Wir haben zusammen gelebt und sogar zusammen gekocht.

Nach unserer Rückkehr meldeten wir uns bei der jüdischen Gemeinde und bekamen dann CARE-Pakete [16].

In London hatte man uns versprochen, wir würden nach unserer Rückkehr Unterstützung erhalten. Die Gemeinde Wien hat dann auch wirklich eine Fürsorgerin geschickt und die hat gefragt: 'Warum kann Ihr Bruder das nicht zahlen?'

Aber wir hatten ein paar Sachen aus England mitgebracht: ein Kinderbett, ein altes Fahrrad und Lebensmittel. Das war nicht schlecht fürs Erste.

Meine Frau ist dann einmal in ihre alte Wohnung gegangen und mein Bruder und ich sind in unserer Wohnung gegangen. Wir wollten nur sehen, was dort los ist. Die Frau, die in unserer Wohnung wohnte, hat zu uns gesagt:

'Wir wurden selber ausgebombt, hatten nichts mehr, und die Wohnung war frei. Außerdem war vor uns ein anderer in der Wohnung. Was wollen Sie von uns?' Und die Leute im Haus haben zu mir gesagt: 'Was wollen Sie? Die alte Frau, was kann die dafür? Lassen Sie sie in Ruhe.'

In der Wohnung meiner Frau befanden sich noch die Möbel ihrer Mutter. Die hat sie aber dann mit einem Rechtsanwalt zurückgefordert.

Der Nazi, der ihre Mutter aus der Wohnung geworfen hatte, hatte 100 Reichsmark für die Möbel gezahlt, und meine Frau hat dann der Nachmieterin 100 Schillinge gezahlt und einen Teil der Möbel genommen. Im Februar 1947 bekamen wir eine Wohnung.

Ich habe sofort angefangen als Elektriker zu arbeiten. Das war die gleiche Arbeit, die ich verrichtet hatte, bevor ich von Wien weg bin. Auch in England hatte ich nach ganz kurzer Zeit wieder Arbeit. Mein Bruder machte nach dem Krieg seine Gesellenprüfung als Installateur. Er war politisch sehr aktiv. Er starb 1993 in Wien.

Meine Schwester weigerte sich, nach Österreich zurückzukehren. Sie hatte sich in England akklimatisiert und fühlte sich dort gut. Wir haben sie alle paar Jahre in London besucht. Sie hat uns immer wieder vorgeworfen, nach Wien zurückgegangen zu sein, ohne ihr etwas darüber gesagt zu haben.

Ich bin in der Lagergemeinschaft Buchenwald und wir treffen uns regelmäßig.

Meine Frau und ich sind Mitglieder der jüdischen Gemeinde und in den letzten Jahren gehen wir zu Veranstaltungen und zu Kundgebungen. Früher haben wir das Jüdische ganz auf die Seite geschoben - da war nur die Partei für uns wichtig.

Auch nach dem Krieg haben wir Antisemitismus erlebt, aber wir haben das nicht sehen und nicht hören wollen. In unserer Gegenwart hat niemand etwas Antisemitisches gesagt, aber unter der Oberfläche war das immer wieder da. Wenn jemand einen jüdischen Witz erzählt hat, dann hat er vorher gesagt: 'Entschuldige, ich erzähle jetzt einen jüdischen Witz.'

 

  • Glossar

[1] Soyfer, Jura [1912-1939]: Einer der bedeutendsten politischen Schriftstellern Österreichs in den 1930er Jahren. Soyfer publizierte in mehreren Zeitschriften und verfasste insgesamt fünf Stücke. Er starb im KZ Buchenwald.

[2] Maly Trostinec: Konzentrationslager in der Nähe von Minsk. In Maly Trostinec wurden Zehntausende Juden aus Weißrussland und anderen europäischen Ländern umgebracht. Von 9.000 Juden aus Österreich, die zwischen Mai und Oktober 1942 nach Maly Trostinec gebracht wurden, haben 17 überlebt.

[3] Etrog: gelbgrüne Zitrusfrucht, gehört zu den vier Arten [arba minim], die im Feststrauß für das Laubhüttenfest zusammengebunden werden: dem Etrog, dem Lulaw, dem Zweig einer Dattelpalme, dem Hadas, einem Myrthenzweig und der Araba, dem Zweig einer Bachweide. Diese vier Sorten werden als repräsentativ für die Gesamternte betrachtet und für das Volk Israel.

[4] Keren Kajemet [Keren Kayemet]: Der Jüdische Nationalfonds (JNF) wurde 1901 gegründet, um Land für jüdische Landwirtschaftssiedlungen zu erwerben und Erschließungs-, Urbarmachungs- und Aufforstungsprojekte in Palästina durchzuführen.

[5] Simchat Torah: hebr. Torah-Freude. An diesem Tag geht der jährliche Torah-Lesezyklus zu Ende und beginnt sofort wieder. An Simchat Torah findet eine Prozession statt und man tanzt mit den Torahrollen.

[6] Haschomer Hatzair: Erste Zionistische Jugendorganisation, entstand 1916 in Wien durch den Zusammenschluss von zwei jüdischen Jugendverbänden. Hauptziel war die Auswanderung nach Palästina und die Gründung von Kibbutzim. Aus den in Palästina aktiven Gruppen entstand 1936 die Sozialistische Liga, die sich 1948 mit der Achdut Haawoda zur Mapam [Vereinigte Arbeiterpartei] zusammenschloss.

[7] Aliya [Alija]: hebr: Aufstieg. Bezeichnung für die Einwanderung nach Israel, bzw. Palästina.

[8] Bialik, Chaim Nachman [1873-1934]: jüdischer Dichter, Autor und Journalist, der auf Hebräisch schrieb; einer der einflussreichsten hebräischen Dichter; gilt in Israel als Nationaldichter.

[9] Bar Mitzwah [od. Bar Mizwa; aramäisch: Sohn des Gebots]: die Bezeichnung einerseits für den religionsmündigen jüdischen Jugendlichen, andererseits für den Tag, an dem er diese Religionsmündigkeit erwirbt, und die oft damit verbundene Feier. Bei diesem Ritus wird der Junge in die Gemeinde aufgenommen.

[10] Tefillin: lederne 'Gebetskapseln', die im jüdischen Gebet an der Stirn und am linken Arm getragen werden und Texte aus der Torah enthalten.

[11] Tallit: ritueller 'Gebetsmantel', wird von erwachsenen Juden (ab 13) beim Beten getragen.

[12] Nisko: Ort im Karpatenvorland. Im Rahmen der 'Umsiedlung nach dem Osten' gelangten Ende 1939 zwei Transporte mit 1.500 Wiener Juden nach Nisko.

Nur 200 Männer gelangten in das Lager, die Mehrheit wurde über die deutsch-sowjetische Demarkationslinie gejagt. Nach dem Abbruch der Aktion wurden im April 1940 198 Männer nach Wien zurückgeschickt - viele von ihnen wurden mit späteren Transporten neuerlich deportiert.

[13] Opole [Polen, deutsch Oppeln]: Stadt in Oberschlesien. Im Februar 1941 gelangten zwei Deportationstransporte mit Juden aus Wien in das Ghetto Opole.

Im Frühjahr 1942 begann die Liquidation des Ghettos. Von den 2.003 Wiener Juden sind 28 Überlebende bekannt.

[14] Young Austria: 1939 gegründete, kommunistisch geführte Jugendorganisation österreichischer Flüchtlinge in Großbritannien, hatte 1300 Mitglieder.

[15] Schlimmen Buben in der Schule: Theaterstück von Johann Nestroy

[16] CARE [Cooperative for American Remittances to Europe]: Nach dem Zweiten Weltkrieg von 22 US-amerikanischen Wohlfahrtsverbänden gegründete private Hilfsorganisation zur Koordinierung von Hilfsaktionen für Europa.

Zwischen 1946 und 1960 erreichten fast zehn Millionen CARE-Pakete mit Lebensmitteln, Kleidung oder Werkzeugen Deutschland und andere europäische Staaten.

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Ludwig Grossmann
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
Jänner
Jahr des Interviews:
2003
Wien, Austria

HAUPTPERSON

Ludwig Grossmann
Geburtsjahr:
1919
Jahrzehnt der Geburt:
1910
Geburtsort:
Wien
Geburtsland:
Österreich-Ungarn 1918-1938
Todesjahr:
2006
Todesort:
Wien
Sterbeort (Land):
Österreich
Gestorben:
after WW II
Beruf
Vor dem 2. Weltkrieg:
Elektriker
nach dem 2. Weltkrieg:
Handarbeiter

AUDIO - INTERVIEW

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