Kurt Rosenkranz

Wien, Österreich

Prof. Kurt Rosenkranz
Wien
Österreich
Datum des Interviews: Juli 2003
Interviewer: Tanja Eckstein

Prof. Kurt Rosenkranz empfängt mich in seiner Wohnung im 20. Bezirk in Wien. Er ist ein großer, gut aussehender Mann mit weißem Haar. Wir beginnen sofort mit dem Interview, und ich bemerke, dass er es gewöhnt ist, Geschichten zu erzählen. Er erzählt sehr lebendig, er lacht, aber er ist auch aufgewühlt; ich sehe manchmal Tränen in seinen Augen. Ich bin sehr dankbar, dass ich ihn interviewen darf.

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Während des Krieges
Nach dem Krieg
Glossar

Meine Familiengeschichte

Mein Großvater väterlicherseits hieß Dov Rosenkranz. Er lebte mit seiner Familie in Polen, in der Stadt Radom. Ich glaube, er wurde auch in Radom geboren. Wann er geboren wurde, weiß ich nicht. Er war ein schöner, mittelgroßer Mann, Tempelvorsteher und sehr geachtet. Im orthodoxen Judentum war es und ist es höchste Mitzwa, die höchste Pflicht, ein Leben lang zu lernen, und mein Großvater war sein Leben lang ein Lernender. Wie mir mein Vater erzählte, wurde er in späteren Jahren Besitzer von drei Häusern.

Meine Großmutter, ich weiß nicht einmal ihren Namen, war Mutter von sieben Kindern. Sie war eine kränkelnde Frau, die nicht nur die Mutter von sieben Kindern war, die sie aufzog, sie war auch diejenige, die das Geld für die Familie verdiente. Womit sie das Geld verdiente, weiß ich allerdings nicht.

Radom war eine große Stadt, in der viele Juden lebten. Meine Großeltern, Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen lebten dort und sprachen jiddisch und polnisch. Sie besuchten nur jüdische, keine öffentlichen Schulen. Sie lernten jüdische Religion und Hebräisch und so sollten sie ihr Leben verbringen: nie aufhören zu lernen. Die Geschwister meines Vaters waren alle sehr fromm und lebten ein orthodoxes jüdische Leben.

Trotz der drei Häuser, die sie besaßen, gab es während der Woche wenig zu essen. Aber am Schabbat gab es viel zu essen, da wurde wirklich gefeiert, weil das ein ganz strenges orthodoxes Haus war. Mein Vater erzählte mir, zu Pessach [Fest, das an den Auszug der Juden aus Ägypten erinnert], war immer das ‚große Fressen’ angesagt. Da wurde sehr viel gegessen und da gab es auch Kwass. Kwass war so eine Art Krautwasser, hergestellt aus Roggenbrot, Hefe, Zucker und Rosinen. Das hat sehr gut geschmeckt. Mein Vater sagte, davon konnte man frei nehmen.

Die sieben Kinder der Großeltern waren: Simcha, mein Vater Michael, Feigerle, Meier, Joel, Simon und Awraham. Mein Vater und seine Brüder wurden, da ihre Eltern sehr religiös waren, auch sehr orthodox erzogen und gingen alle in den Cheder [religiöse Schule].

Der älteste Bruder meines Vaters war Simcha Rosenkranz. Er wurde um 1890 geboren. Er war ein Rabbiner, der aber, soviel mir bekannt ist, keine Zulassung hatte, als Rabbiner zu arbeiten. Ich weiß nur, dass er ständig die heiligen Schriften studierte. Simcha war verheiratet und hatte zwei Kinder: die Tochter Malka, die ungefähr 1920 geboren wurde und den Sohn Pesjach, der ungefähr 1923 geboren wurde. Simcha, seine Frau, Malka, beide Kinder und die Großeltern wurden, wie ich nach dem Krieg erfuhr, von den Deutschen in Radom erschossen.

Der Zweitälteste war mein Vater und danach kam Feigerle, die einzige Tochter der sieben Kinder meiner Großeltern. Sie wurde um 1900 geboren und war mit Sucha, einem unmöglichen Menschen verheiratet - so erzählten das meine Eltern. Warum er unmöglich war, weiß ich aber nicht. Sie hatten zwei Töchter. Von der einen Tochter weiß ich den Namen nicht mehr, sie muss um 1930 geboren worden sein. Feigerle und ihr Mann und diese Tochter wurden erschossen, als die Deutschen nach Radom kamen. Bronja, die andere Tochter, wurde 1933 geboren und überlebte das KZ Auschwitz. Nach dem Krieg ging sie nach Kanada, nach Calgary und heiratete einen Auschwitz Überlebenden.

Meier war ein guter Fußballer, er war ein Tormann und weil ich schon seit meiner frühesten Kindheit ein Kicker war, mein Idol. Er besaß ein Motorrad, und ich durfte mit ihm auf dem Motorrad zu einem Match fahren, als ich das einzige Mal in Radom zu Besuch war. Ich konnte mich schlecht mit ihm verständigen, aber uns verbanden die Familienbande. Er starb noch vor der Shoah an Tuberkulose - wann genau, weiß ich nicht.

Joel war nicht verheiratet. Mir wurde erzählt, er sei ein sehr tüchtiger Geschäftsmann gewesen. Was für ein Geschäftsmann er war, weiß ich nicht. Jemand hat mir erzählt, die SS hätte ihn laufen lassen wollen, aber er hätte gesagt, er gehe dorthin, wo seine Familie hingehe, und auch er wurde erschossen.

Nachdem mein Vater 1914 Radom verlassen und einige Zeit in Wien gelebt hatte, schrieb er seinem Bruder Simon, er soll auch nach Wien kommen. In Wien eröffnete Onkel Simon dann eine kleine Schuhfabrik. Ich glaube, Simon heiratete erst in Wien seine Frau Rosa. Sie bekamen eine Tochter, die Edith. Edith wurde Neujahr 1937/38 geboren. Für das erste Baby eines neuen Jahres gab es immer eine Anerkennung der Stadt Wien. Aber weil Edith ein jüdisches Kind war, wurde sie auf Platz zwei gesetzt. Es gab damals schon einen gewaltigen Antisemitismus.

Simon, Rosa und Edith überlebten mit uns gemeinsam den Krieg in Russland. Simon und Rosa flüchteten mit der einjährigen Edith nach Riga und waren mit uns in den Internierungslagern in Nowosibirsk und in Karaganda [Kasachstan]. Diese vielen Jahre kümmerten mein Bruder und ich uns um unsere Cousine. 1947 kamen sie nach Wien zurück, und Onkel Simon eröffnete mit einem Kompagnon einen Lebensmittelladen. Dann ging die Familie gemeinsam nach Kanada. Edith, die ein bildhübsches Mädchen war, heiratete einen reichen jüdischen Kanadier. Das soll eine sehr pompöse Hochzeit gewesen sein. Die Ehe ging nicht gut und wurde geschieden. Edith ging nach Paris, wo sie einen Franzosen kennen lernte. Sie verliebten sich ineinander und wollten heiraten. Er war kein Jude, war aber bereit, zum Judentum überzutreten und fuhr nach Montreal, um sich beschneiden zu lassen. In dieser Zeit hatte Edith in Paris einen tödlichen Autounfall. Sie wurde in Paris begraben. Mein Onkel und meine Tante ließen sie nach einigen Jahren nach Kanada überführen. Der Sarg wurde in Kanada geöffnet, und sie mussten ihre Tochter identifizieren. Nach vielen Jahren in Kanada übersiedelten Rosa und Simon nach Israel. Ihre Lebensmittelgeschäfte in Kanada verkauften sie und kauften in Israel eine Villa. Ihre Tochter ließen sie wieder exhumieren und nach Israel überführen. In Israel mussten sie ihre Tochter noch einmal identifizieren. Von dem Moment an, war mein Onkel ein kranker Mensch. Onkel Simon und Tante Rosa starben in Israel.

Der jüngste Onkel war Awraham. Er war musisch sehr begabt, aber immer ein bisschen kränklich. Er überlebte das KZ Auschwitz, ging nach dem Krieg nach Deutschland - warum weiß ich nicht - und eröffnete in Stuttgart mit einem Kompagnon ein Lebensmittelgeschäft. Irgendwann in den 1970er-Jahren zog er nach Wien, nahm einen anderen Namen an - warum weiß ich auch nicht - und eröffnete eine Schuhfabrikation. Er war ein sehr fähiger und guter Geschäftsmann. Er heiratete in Wien Tina, eine rumänische Jüdin. Ende der 1980er-Jahre verkaufte er alles und zog mit seiner Frau zur Familie nach Kanada zu Bronja, der Tochter meiner Tante Feigerle, zum Onkel Simon und der Tante Rosa. Leider wurde er auch dort nicht glücklich. Er starb vor ungefähr zehn Jahren; seine Frau lebt heute noch in Toronto.

Mein Vater Michael Rosenkranz wurde am 26. August 1897 in Radom geboren. Er war ein Hallodri. Bis er 17 Jahre alt war, lebte er mit seiner Familie in Radom. Dann ging er, nur mit Tallit [Gebetsmantel, Gebetsschal] und Tefillin [Gebetsriemen] im Gepäck, nach Wien. Das war 1914, der Beginn des 1. Weltkrieges, und er wollte nicht zum Militär. Er rauchte und tanzte gern, und er schaute gern die Mädchen an. In Wien lernte er in der Fabrik ‚Eterna’ Zuschneiderei für Schuhe und wurde ein hervorragender Fachmann.

Mein Großvater mütterlicherseits hieß Salomon Leib Kesten. Er wurde in Galizien, in der Stadt Kolomea [heute Ukraine], geboren. Er war ein sehr frommer Jude, sehr orthodox und sprach jiddisch. Mit meinen Großeltern mütterlicherseits lebten wir zeitweise in ihrer kleinen Wohnung in Wien zusammen. Mein Großvater war ein kränklicher Mann. Ich erinnere mich, dass er in der Küche saß und Rizinus Öl einnahm, weil er mit seinem Darm Probleme hatte. Ich glaube, sein Beruf war Ratenverkäufer. Er fuhr in die Provinz und verkaufte den Bauern Textilien, die sie in Raten bezahlen konnten. Er hatte kein Geschäft und kein Lager. Ich glaube, er hatte die Textilien in Kommission, aber ich weiß es nicht genau.

Meine Großmutter hieß Rifka. Wo und wann sie geboren wurde, weiß ich nicht [geb. 7.August 1875 Quelle: DÖW Datenbank].

Meine Großeltern lebten in der Rauscherstraße Nummer 6, im 20. Bezirk. Sie hatten dort eine kleine Bassena – Wohnung [Der Wasserhahn befand sich am Gang, außerhalb der Wohnung].

Die Großeltern hatten nur zwei Kinder. Mein Onkel Teddy war jünger als meiner Mutter. Er wurde in Kolomea geboren, wann weiß ich nicht. Er lebte in Wien, war unverheiratet und arbeitete als Verkäufer in einem Geschäft.

Meine Mutter hieß Mircia Rosenkranz und war eine geborene Kesten. Sie wurde am 28. November 1899 in Kolomea geboren. Sie hatte ein schreckliches Schicksal. Sie war ein bildschönes Mädchen, und es passierte folgendes Malheur: Als sie 15 Jahre alt war, spielte sie mit Freundinnen um eine schwere Holzbank herum Fangen. Die Holzbank fiel um und meiner Mutter auf den Fuß. Zweimal wurde sie in Galizien operiert. Die polnischen Ärzte sagten danach, sie könnten nichts mehr machen, sie müsse nach Wien. In Wien amputierte man ihr den Fuß – sie war gerade 16 Jahre alt.

Durch dieses traurige Ereignis kam die Familie nach Wien. Meine Mutter musste ein Leben lang eine Prothese tragen. Trotzdem, vielleicht auch deshalb, weil sie leider ein Krüppel war, hat sie enorm reüssiert. Sie besuchte eine Handelsakademie und wurde eine gut ausgebildete Sekretärin bei der großen Versicherung ‚Phönix’. Trotzdem litt sie immer unter ihrer Behinderung.

Meine Kindheit

Meine Eltern lernten sich in Wien kennen. Wo sie sich genau kennen lernten, weiß ich nicht. Sie heirateten im Jahre 1923, wann und wo weiß ich nicht. Mein Bruder Herbert wurde am 7. Juni 1924 in Wien geboren. Drei Jahre später, am 2. August 1927, wurde ich in Wien geboren.

Wir wohnten im 20. Bezirk, da lebten viele orthodoxe Juden. Mein Bruder und ich gingen in einen jüdischen Kindergarten, der war in der Rauscherstraße, neben dem Augarten. Heute ist dort ein Altersheim, aber kein jüdisches. An die Kindergartenzeit kann ich mich nicht mehr erinnern.

Meine Mutter war eine sehr fromme Frau. Wir waren koscher [nach jüdischen Speisevorschriften rituell; rein], es war selbstverständlich, dass alle Feiertage gefeiert wurden, und mein Vater ging jeden Schabbat in den Kaschltempel in der Kaschlgasse, im 20. Bezirk. Er trug die Kippa [Kappe; für Männer erforderliche Kopfbedeckung] aber nur an den Feiertagen. Meine Mutter trug keinen Scheitl [orthodoxe Jüdinnen verbergen ihr Haar unter einer Perücke] und kein Kopftuch.

Mein Vater eröffnete in der Kleeblattgasse, im 1. Bezirk, eine kleine Schuhfabrikation. Ich glaube, er beschäftigte zwölf Arbeiter. Während der Wirtschaftskrise [1929 -1937] musste er aber seine kleine Schuhfabrik liquidieren. Lange Zeit lebten wir deshalb mit den Großeltern zusammen in ihrer Wohnung, insbesondere ab 1934.

Meine Mutter war äußerst musikalisch. Sie hatte eine wunderschöne, aber leise Stimme. Auch mein Bruder sang immer und singt heute noch in Israel. Bis zu meinem vierten Lebensjahr war ich ein krächzendes Kind. Das erzählte mir meine Mutter. Doch dann wurden mir die Mandeln genommen, und ich bekam eine gottvolle Alt-Stimme. Man sagt, wenn man in der Kindheit eine Alt - Stimme hat, dann wird man, wenn man erwachsen ist, ein Tenor. Ich wurde ein Bariton! Und so singe ich seit meinem neunten Lebensjahr und seit vierzig Jahren im Wiener Tempel; das ist eine meiner Leidenschaften.

Meine Eltern gründeten zusammen mit Freunden den russisch-polnisch jüdischen Verein in Wien, denn ihnen, und vielen russischen und polnischen Juden, ist bis 1938 die Integration in die jüdische Kultusgemeinde in Wien nicht gelungen. Meine Mutter wurde die Schriftführerin und die Kassiererin des Vereins. Der Verein war sehr sozial: Man half einander, war mit seinesgleichen zusammen, hatte einen gesellschaftlichen Kreis und fühlte sich gut. Einmal im Monat gab es eine Matinee im Hotel ‚Stefanie’ auf der Taborstraße. Man bezahlte Eintritt, es gab ein kleines Buffet und es wurde getanzt. Mein Vater war ein leidenschaftlicher Tänzer. Meine Mutter tanzte nie, und dadurch tanzte er mit anderen Frauen. Im Hotel gab und gibt es, glaube ich, einen Ballsaal. Weil ich so musikalisch war, eine sehr gute Stimme hatte und alle jiddischen Lieder von meiner Mutter und meiner Großmutter als Kind gehört und dadurch gelernt hatte, trat ich bei jeder Matinee auf und sang jiddische Lieder. Dafür bekam ich immer 50 Groschen. Hemmungen hatte ich keine. Es war für mich ganz selbstverständlich, ich sang sogar solo, ohne Klavierbegleitung.

Im Jahre 1933, ich war knapp sechs Jahre alt, waren meine Eltern zum ersten und zum letzten Mal mit meinem Bruder und mir in Radom, bei der Familie väterlicherseits, auf Besuch.
Die Großeltern und die ganze Familie, die mich vergötterten, sprachen nur jiddisch und polnisch. Ich konnte mich mit diesen Leuten fast nicht unterhalten, denn ich sprach deutsch und vor allem wienerisch. Ich kann mich gut erinnern: der Großvater wollte mir etwas Gutes tun und fragte: ‚Was willst du essen?’ Wir gingen gemeinsam in den Keller, Kühlschränke gab es dort natürlich nicht, und ich durfte mir etwas aussuchen. Ich suchte mir Joghurt aus und sagte: ‚Joghurt möchte ich essen’. Der Großvater trug den Joghurt für mich nach oben - er war ein älterer Mann - und wie er mir den Joghurt gab, sagte ich: ‚Ich will keinen Joghurt.’
‚Also was willst du dann?’ ‚Ich will eine Peitsche.’ Daraufhin bastelte der alte Mann für mich eine Peitsche, nur damit er etwas Gutes für mich tun konnte. Ich besitze ein Foto von diesem Besuch.

Die Familie wohnte zusammen in einem Haus. Nur der Onkel Simche und die Tante Feigele wohnten in anderen Häusern, denn sie hatten eigene Familien. Wir waren vier Wochen in Radom; wie schon erzählt, wurden die meisten Mitglieder der Familie meines Vaters ermordet, und ich sah sie nie wieder.

Essen interessierte mich nicht. Woher ich meine Kraft nahm, weiß ich nicht. Ich war ein schrecklich mageres, schwerst unterernährtes Kind, weil ich nichts essen wollte. Ich wollte nur Mehlspeisen und Fleisch, sonst aß ich nichts. Aber ich war ein Lausbub - ein gewaltiger Lausbub! 

Unsere Eltern hatten uns anerzogen, beim Essen weder zu schmatzen noch zu schlürfen. Wenn es mir zum Beispiel an einem Sonntag nicht schmeckte, begann ich zu schmatzen und zu schlürfen. Mein Vater schlug mich nie, er schaute mich nur  an. Ich nahm’s zur Kenntnis, und nach paar Sekunden schlürfte ich wieder. ‚Noch einmal und du gehst vom Tisch.’ Na sicher schlürfte ich noch einmal. ’Marsch vom Tisch!’ Meine gottselige Mutter war verzweifelt! ‚Mechul’ - sie nannte meinen Vater immer Mechul – ‚schau ihn dir an, wie er ausschaut. Er wird doch nebbich krank werden.’ ‚Wenn du willst mit Schweinen bei Tisch sitzen, steh ich auf.’, sagte mein Vater. Mein Vater war vor dem Krieg ein äußerst liebevoller, aber auch jähzorniger Mensch. Deshalb gab meine Mutter ihm immer nach, aber durch den Krieg veränderte er sich.

Meine Mutter arbeitete zeitweise mit meinem Vater zusammen in der Schuhfabrik. Während dieser Zeit mussten meine Großeltern auf uns aufpassen. Einmal bat meine Mutter den Großvater: ‚Geh mit dem Kurt zur Kontrolle zum Zahnarzt’. Ich weiß noch genau, ich hatte große Angst vor dem Zahnarzt und wollte nicht hingehen. Ich führte meinen Großvater einen Nachmittag in Wien herum, bis der Zahnarzt geschlossen hatte.

Ich wollte zwar nicht essen, aber ich war ein Schleckermäulchen, wie man so sagt. Damals bekam man für einen Groschen in einer Konditorei eine verstaubte Gummischlange. In der Rauschersstraße war ein Geschäft - wir waren ja alles Lausbuben - und wenn einer zwei Groschen hatte, dann sind wir zu sechst in das Geschäft hinein. Der Besitzer war ein älterer Mann. ‚Oj’ schrie er‚ jetzt kommt die Verbrecherbande!’ Einer von uns sagte: ‚Wir haben Geld’ und zeigte seine zwei oder drei Groschen; wir anderen haben in der Zwischenzeit gestohlen. Zu meinem Großvater sagte ich: ’Opapa, ich werde heute etwas kaufen, ich hab Geld, komm mit mir.’ Allein traute ich mich nämlich nicht in das Geschäft. Der Konditor hieß Völkl, das Geschäft war klein und verstaubt wie die Gummischlangen. ‚Nein, ich geh nicht, weil du wirst nicht kaufen,’ sagte mein Großvater immer. Er sprach immer jiddisch mit mir, und als ich etwas älter war, verstand ich jiddisch. ‚Opapa, ich geb dir mein Ehrenwort, ich werde kaufen.’ Wir gingen hinein, ich suchte und suchte, und wie immer, es gefiel mir nichts, und ich kaufte nichts. Abends, wenn meine Mutter nach Hause kam, sagte mein Großvater: ’Was dein Sohn mir heute wieder angetan hat!’ Aber immer wieder fiel der alte Mann auf mich rein.

Meine Großeltern hatten in der Zeit, in der wir bei ihnen lebten, einen blauen Wellensittich, der hieß Putzi. Er flog frei in der Wohnung herum, es war ja nur eine Zimmer-Küche-Kabinett Wohnung. Es gab kein Vorzimmer und sogar das Klo war am Gang. Meine Großmutter stand häufig mit den anderen Frauen aus dem Haus an der Bassena [Öffentliche Wasserstelle in einem alten Mietshaus] und unterhielt sich. Der Putzi saß dabei immer auf ihrer Schulter. Und wenn meine Großmutter seiner Meinung nach zu lange quatschte, kroch er nach vorn und steckte seinen Kopf in ihren Mund hinein. So konnte sie nicht mehr weitersprechen und ging zurück in ihre Wohnung.

Meine Mutter machte mit uns Kindern im Sommer zwei Monate Urlaub. Weil sie streng koscher war, war das immer eine gewaltige Prozedur. Da wurde sogar ein Lastwagen gemietet, weil auch Freundinnen und Freunde mitfuhren und das koschere Geschirr mitgenommen wurde. Wir waren zum Beispiel sehr oft in Sauerbrunn, in Vöslau und im Klammtal. Ich erinnere mich auch, dass wir auf einem Bauernhof waren. Jeden Freitagnachmittag kam mein Vater heraus und brachte das koschere Fleisch aus Wien mit. Mit ihm kamen auch Freunde, die Männer der Freundinnen meiner Mutter. Sonntag am Abend fuhren die Männer wieder nach Wien zurück, weil sie sich einen Urlaub nicht leisten konnten.

Wir machten sonntags auch sehr oft Ausflüge. Ich erinnere mich zum Beispiel an Ausflüge zum ‚Häuserl am Rohr’ auf den Kobenzl. Wir hatten kein Dienstmädchen, meine Mutter hat alles allein gemacht. Aber da sie am Schabbat nichts für die Ausflüge vorbereiten durfte, stand sie sonntags sehr früh auf und bereitete das Essen, zum Beispiel Schnitzerln und vieles mehr, zu. Mein Vater, mein Bruder und ich marschierten in der Früh los. Vom 20. Bezirk bis zum Kobenzl gingen wir zu Fuß. Meine Mutter kam dann mit dem Essen mit den Verkehrsmitteln hinterher. Am Kobenzl trafen wir uns mit Freunden, aßen, sangen, spielten Fußball und am späten Nachmittag gingen wir wieder zu Fuß zurück. Auch meine Mutter kam dann mit uns. Das war weit, aber wunderschön.

Die ersten zwei Klassen ging ich in die Greiseneckergasse in die Volksschule. In meine Klasse gingen viele jüdische Kinder, weil im 20. Bezirk viele Juden wohnten. Nach zwei Jahren wurde meine gesamte Klasse in die Wasnergasse, die direkt am Augarten entlang läuft, umgeschult. Warum das geschah, weiß ich nicht. Zu dieser Zeit kamen Wasserbomben auf. Man nahm Zeitungspapier, das wurde irgendwie raffiniert gefaltet und mit Wasser gefüllt. Aber ich weiß nicht mehr genau, wie das gemacht wurde. Unser Direktor trug immer einen Rundzylinder. In der Pause sagte einer von die Buben: ‚Kurt, da geht einer mit nem Halbsteifen’, das war ein Zylinder. Und ich schaute hinunter und ließ die Wasserbombe fallen. Zwei Minuten später stand der Direktor in der Klasse: ‚Wer war das?’ Wenn mich jemand verraten hätte, wäre ich von der Schule geflogen.

Ich spielte sehr viel Fußball in der Gasse, denn es war verboten in Parks zu spielen. Es war aber auch verboten, auf der Gasse zu spielen, nur auf Fußballplätzen durfte man spielen, aber das kostete Geld. Weil wir kein Geld hatten, machten wir uns aus Fetzen und Schnüren Bälle. Als Balljunge auf einem Tennisplatz in der Oberen Donaustraße - ich lief ein bis zwei Stunden den Tennisbällen nach - bekam ich abgespielte Tennisbälle geschenkt. Die waren sehr wertvoll für uns. Trotz des Verbots spielten wir auf dem Sachsenplatz in der Wallensteinstrasse. In der Bäuerlegasse gab es einen einarmigen Kohlenhändler. Manchmal flog der schwer erarbeitete Tennisball über seinen Zaun. Daraufhin ging ein Junge hinein und sagte: ‚Bitte, können Sie uns den Ball zurückgeben?’ Aber der Kohlenhändler tobte jedes Mal: ‚ Ihr Lausbuben ihr’, zerschnitt mit einem Messer den Ball und warf ihn über den Zaun zurück. Wir übten aber Rache und haben ihn durch die Holzlöcher im Zaun angepischt. Damals trug man kurze Hosen und lange Strümpfe, lange Hosen hat’s nicht gegeben. Wenn ich vom Ballspielen nach Haus kam, war mein magerer Körper ganz zerschunden und dann sagte meine Großmutter: ‚Kimm ma her mein Kinderle.’ Ich erinnere mich, sie war nicht groß, aber sie war warm und sie umfing mich. Ich legte meinen Kopf zwischen ihren Busen und da war eine Wärme, die ich nie vergessen werde. Meine Großmutter war der Inbegriff einer frommen, orthodoxen jüdischen Großmutter; immer liebevoll, immer zärtlich. Wahrscheinlich ist dadurch für mich die jiddische Sprache eine Herzenssprache; sie erinnert mich immer an meine Großmutter.

Damals gab es in Wien die berittene Polizei. Die Pferde waren so abgerichtet, dass sie auch seitlich gingen. Wenn wir die Polizei zu spät sahen, sperrten sie die Strasse ab, ritten auf uns zu und fingen uns ein. Dann gingen wir im Gänsemarsch [alle hintereinander], ein Polizist vorn einer rückwärts, auf die Wachstube in die Wallensteinstraße. Wenn wir ins Revier kamen wurde ich jedes Mal mit: ‚Jö, der Rosenkranz ist wieder da,’ empfangen. Dann wurden unsere Namen aufgeschrieben, und wir konnten wieder gehen. Zu dieser Zeit war ich acht Jahre alt. Am nächsten Tag hieß es in der Schule: ‚Rosenkranz und die anderen zum Direktor.’ ‚Ihr hab’s auf der Straße Fußball gespielt! Zur Strafe hundertmal: Ich soll auf der Straße nicht Fußball spielen aufschreiben!’ Das waren damals die Strafen.

Nach der vierten Klasse, im Jahre 1937, machte ich die Aufnahmeprüfung für das Chajes Gymnasium. Das war das jüdische Gymnasium. Mein Bruder ging schon auf das Chajes Gymnasium. Der Notendurchschnitt musste Einskomma irgendwas sein, aber ich hatte keine guten Noten. Ich wurde nicht aufgenommen und ging dadurch in die Adalbert-Stifter-Straße aufs Gymnasium.

Die jüdischen Feste, zum Beispiel Pessach [Fest, das an den Auszug der Juden aus Ägypten erinnert], wurden fast immer bei den Großeltern gefeiert. Da waren meine Großeltern, der Onkel Teddy, der Bruder meiner Mutter und wir vier. Auch die Freunde meines Onkels und die Freunde meines Vaters kamen. Nach dem Essen wurde schnell gebetet, und dann wurde es sehr lebendig; alle unterhielten sich. Ab meinem neunten Lebensjahr durfte ich aufbleiben. Mein Bruder und ich waren die einzigen Kinder; das war a Hetz [Anm.: es machte Spaß].

Meine Eltern gingen oft in jiddische Theater. Es gab vor dem Krieg zwei jiddische Theater in der Praterstraße. Meine Mutter liebte das jiddische Theater - die jiddische Klassik ist ja auch gewaltig!

Mein Bruder war sehr fromm, und er liebte mich abgöttisch. Wir hatten einen Melamed [Lehrer für die unteren Klassen], einen Privatlehrer. Den hab ich nicht gemocht, ich habe auch nicht vertragen, eingesperrt zu sein. Das sahen meine Eltern bald ein. Sie fanden in der Klanggasse, im 2. Bezirk, einen Cheder. Dort schrieben sie mich ein. So zogen mein Freund, der Sigi Bruckner und ich jeden Tag von der Rauscherstraße durch den Augarten in die Klanggasse. Wir mussten uns immer prügeln, denn in der Klanggasse waren Banden. Juden und Nichtjuden prügelten sich, das war an der Tagesordnung. Wir wurden oft verdroschen, aber wir schlugen zurück,

Im Cheder machte ich ständig Blödheiten. Die Lehrer waren ja auch alle keine Pädagogen. Wir mussten mit dem Körper nach vorn schaukeln und sprechen: ‚we omar ha Shem [sprach Gott]’, das hat mir absolut nicht gefallen. Eines Tages, wahrscheinlich hatte ich etwas längere Koteletten, kam der Lehrer und hat mich an meinen Koteletten hochgezogen. Das hat mir sehr wehgetan. ‚Chaim’, mein jüdischer Name ist Chaim, ‚far wus lernst de nischt [warum lernst du nicht]? Und ich antwortete: ‚Wos is [Wienerisch: Was willst du von mir]?’ damit war das Lernen für mich vorbei; ich ging nicht mehr in den Cheder. Am Ende des Monats ging meine Mutter in den Cheder um das Schulgeld zu bezahlen und fragte den Lehrer: ‚Sagen Sie, wie macht sich der Kurt?’ Da hat er ihr geantwortet: ‚Der Chaim wäre nicht schlecht, aber er ist nicht da.’ Am Abend kam ich nach Hause, meine Mutter war wütend und sagte, dass ich wieder gehen müsse. Sie kam auf die Idee, dass der Lehrer jeden Tag in ein kleines Notizbücherl durch seine Unterschrift bestätigen sollte, dass ich anwesend war. Nun, was hab ich gemacht? Ich bin zwei-dreimal gegangen und habe dann meinen Bruder, der ein wunderbarer Zeichner war, erpresst: ‚Wenn du die Unterschrift des Lehrer nicht fälschst, lieb ich dich nicht mehr.’ Er fälschte sie jeden Tag für mich, weil er mich abgöttisch liebte. Also, was blieb ihm übrig? Am Ende des zweiten Monats wollte meine Mutter bezahlen und erfuhr, dass ich wieder nicht anwesend war; also ließen sie mich in Ruhe.

Ich hatte eine schöne Kindheit. Es war das Elternhaus intakt und es waren die Großeltern da, die eine wichtige Rolle in meinem Leben spielten.

Antisemitismus erlebte ich erst, als Hitler einmarschierte. Ich hatte mich aber auch, außer auf der Straße, nur in jüdischen Kreisen bewegt. In der Schule hatte ich, weder von Schülern noch von Lehrern, Antisemitismus gespürt.

Während des Krieges

Ich ging in die erste Klasse der Mittelschule. Wir waren eine Bubenklasse und einige Tage vor dem Einmarsch der Deutschen, im März 1938, spielte ich noch mit meinen nichtjüdischen Kollegen auf der Gasse Fußball. Ich war auch in der Schulauswahl der Fußballmannschaft. Das war am Montag. Freitag am Abend ist Hitler einmarschiert. Wir waren bei den Großeltern, es war Schabbat. Auf einmal hörten wir im Radio: Gott schütze Österreich! Das waren die letzten Worte Schuschniggs [1] und ich erinnere mich, meine Mutter weinte bitterlich, weil sie ahnte, was kommen würde.

Mich tangierte das überhaupt nicht. Aber Samstag in der Früh begannen schon die Plünderungen in Wien. Ich wurde Augenzeuge, da wir bis Ende September 1938 in Wien waren. In der Rauscherstraße 4, wir lebten auf der Nummer 6, gab es einen Greissler [kleines Lebensmittelgeschäft]. Durch die große Arbeitslosigkeit gab es den sogenannten ‚Aufschreibjuden’. Die Leute kamen zum Greissler, kauften zum Beispiel fünf Deka [Ein Deka gleich zehn Gramm] Butter, fünf Deka Öl, eine Zigarette. Das kann man sich gar nicht mehr vorstellen. Der Greissler hatte ein Buch, in das alles aufgeschrieben wurde. Am Ende der Woche kam man, damals wurde wöchentlich Arbeitslosengeld oder Löhne ausgezahlt, und bezahlte. Dieser Mann hatte die Erlaubnis, wenn er auch ein orthodoxer Jude in meiner Erinnerung war, sein Geschäft, das am Samstag geschlossen war, am Sonntag bis 10 Uhr zu öffnen. Samstag nach dem Einmarsch wurde der Mann gezwungen, sein Geschäft zu öffnen. Leute stellten ihn auf eine Leiter und hängten ihm ein Schild um den Hals, darauf stand:
‚Ich bin ein Saujude’, und dann plünderten sie sein Geschäft und bewarfen ihn mit Tomaten und rohen Eiern. Das habe ich mit meinen Augen gesehen. Und ich sah Juden, die gezwungen wurden, Gehsteige abzureiben.

Am Montag, in der Früh, kam ich in die Schule. Meine Eltern wollten mich nicht gehen lassen, ich ging aber trotzdem, weil ich dachte, was kann mir schon passieren?

Unser Klassenvorstand kam in SA-Uniform in die Klasse, grüßte mit ‚Heil Hitler’ und sein erster Satz war: ‚Juden raustreten!’ Wir mussten uns auf die letzten Bankreihen der Klasse setzten. Wir waren eine große Klasse. In Klassen, die nicht so stark belegt waren wie wir, blieb zwischen den Judenbänken und den nichtjüdischen Bänken eine Bankreihe frei.

Ich wurde selbstverständlich sofort von der Fußballauswahl eliminiert. Kein Kind wagte es mehr, mit uns jüdischen Kindern zu sprechen. Wir waren vom ersten Moment an Aussätzige. In der Schule gab es dann auf der Toilette Prügeleien; ich schlug immer zurück. Verpetzt wurde ich in der Klasse dann vor den Lehrern nicht. Die Lehrer meiner Klasse sagten zu den Kindern: ’Ihr habt nicht die Richter zu spielen, das ist nicht eure Aufgabe.’ In Wien gab es ja drei, vier Tagen nach dem Einmarsch der Deutschen, überhaupt keine jüdischen Geschäfte mehr. Die Plünderungen der Bevölkerung waren so arg, dass vom Reichshauptquartier aus Berlin ein dringendes Telegramm an den Reichsstatthalter Seyss-Inquart [2] kam, sofort mit den Plünderungen aufzuhören, denn der deutsche Staat sei ein Rechtsstaat. Dieses Telegramm liegt in Yad Vashem [3].

Alle größeren Geschäfte wurden sofort arisiert. Den Juden wurden die Schlüssel für ihre Geschäfte weggenommen, und die kleinen Geschäfte, so zum Beispiel die Schuherzeugung meines Vaters, wurden ausgeraubt und geschlossen.

Ende April 1938 wurden die ‚Judenschulen’ eröffnet, und wir jüdischen Kinder durften in keine öffentliche Schule mehr gehen. Meine Schule war im 9. Bezirk, in der Währinger Straße. Da musste ich jeden Tag zu Fuß in die Schule gehen. Es gab damals Pferdewagen, die transportierten Bierfässer und hießen Fasslwagen. Wenn der Kutscher nicht hinschaute, sprangen wir auf den Wagen auf. Die Lehrkörper in den ‚Judenschulen’ waren SA und SS Leute in Zivil, da gab’s auch Schläge von den Lehrern. Der einzige Lehrer, der Jude war, war der Religionslehrer.

Mein Bruder ging in die dritte Klasse ins Chajes Gymnasium, das wurde nicht gleich geschlossen.

Wir trauten uns kaum aus dem Haus, weil die HJ [4], die durch die Straßen zog, nicht nur plünderte, sondern auch Juden verprügelte. Meine Eltern suchten Möglichkeiten für uns, um irgendwie wegzukommen. Eines Tages kam meine Mutter nach Hause, mein Vater traute sich fast nicht mehr auf die Straße, weil die Männer von der Straße weggefangen, eingesperrt und dann ins KZ deportiert wurden. Wenn man großes Glück hatte, kam man nach einigen Tagen oder Wochen wieder nach Hause, hatte aber Schreckliches erlebt. Meine Mutter kam also nach Hause und sagte, es gäbe eine Möglichkeit nach Riga auszuwandern. Das hatte sie durch Gespräche auf der Straße mit anderen Juden erfahren. Wir nahmen einen Atlas und suchten Riga.

Mein Vater war ein überzeugter Sozialist. Als ich klein war, saß ich jedes Jahr, am Vorabend des 1. Mai, beim sozialistischen Fackelmarsch, auf seinen Schultern. Er marschierte mit mir auf gewaltigen Demonstrationen. Ich glaube, 1933 oder 1934 wollte mein Vater sogar nach Birobidschan [5] auswandern. Birobidschan war die Judenrepublik, die vom Stalin [Anm.: Josef Stalin 1879 - 1953, geb. als Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, Führer und Diktator der Sowjetunion und der KPdSU von 1928-1953] gegründet wurde.

Da es in Wien weder eine lettische Botschaft noch ein lettisches Konsulat gab, schrieb meine Mutter sofort an die lettische Botschaft in Berlin. Wir bekamen postwendend den Bescheid: Jawohl, Sie können von uns Touristenvisa haben, müssen diese aber in Berlin abholen.

Im Herbst 1938 packten wir nur das Wichtigste zusammen. Wir mussten wie Touristen aussehen, das schrieb uns auch die Botschaft, damit wir an der Grenze keine Probleme bekämen. Das ‚J’ für Jude war noch nicht in den Pass gestempelt, aber damals einen Pass zu bekommen, war etwas ganz Schwieriges. Nächtelang musste man sich anstellen, aber meine Eltern schafften es. Woher sie das Geld nahmen, weiß ich nicht.

Dann ging meine Mutter zum Oberrabbiner von Wien und stellte folgende Frage: ‚Wenn ich Erew Jom Kippur [Jom Kippur: Jüdischer Versöhnungstag, wichtigster Feiertag der Juden; Erew Jom Kippur: Vorabend des Jom Kippur] aufs Schiff gehe, darf ich das?’ Das muss man sich einmal vorstellen! In dieser Situation wollte sich meine Mutter an religiöse Gesetze halten. Der Oberrabbiner antwortete glücklicherweise: ‚Das ist pikuach nefesch [Anm. hebr.: Lebensgefahr], du musst gehen!

Wir verabschiedeten uns von den Großeltern. Es wäre gefährlich für sie gewesen, uns zum Bahnhof zu begleiten. Mein Großvater starb in Wien 1942 eines natürlichen Todes. Meine Großmutter Rifka, die ich so liebte, starb 1943 im KZ [Rifka Kesten wurde am 20. Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert und im KZ Treblinka ermordet. Quelle: DÖW Datenbank].

Nachdem wir mit dem Zug in Berlin angekommen waren, gingen wir durch die Straßen. Hitler war in Deutschland fünf Jahre an der Macht, und wir sahen jüdische Geschäfte auf Hauptstraßen. Das war sehr merkwürdig. Wir gingen hinein und fragten:
‚Was macht ihr da?’
‚Uns passiert nichts, wir sind Deutsche! Es steht zwar an der Tür das Schild „Kauft nicht beim Juden“, aber die Leute kaufen trotzdem.’

Wir hatten einige Stunden Aufenthalt, holten unsere Visa von der Botschaft und fuhren dann mit einem Taxi zum Bahnhof, um in den Zug nach Stettin zu steigen. In Stettin fuhren wir zum Hafen. Dort wurden wir genauestens von SA Leuten kontrolliert. Ihre letzten Worte, bevor wir auf’ s Schiff gingen, waren: ‚Saujuden lasst euch hier ja nicht mehr blicken. Wenn ja, könnt ihr euch nicht vorstellen, was euch blühen wird.’

In Stettin regnete es und wie das Schiff auslief, kam die Sonne durch. Wir waren elf Emigranten und Jubel brach aus. Meine Eltern standen die ganze Zeit vorher unter fürchterlichem psychischem Druck. Nun gingen wir in den Speisesaal, wurden bedient und atmeten auf.

Fünf Tage waren wir auf dem Schiff. Wir lernten eine Familie Hübner kennen, die zwei Kinder hatten; einen Bub und ein Mädel. Die Kinder waren ein bisschen älter als wir, aber mit denen spielten wir gleich am ersten Tag. Während des Spiels hörten wir auf der Schiffsbrücke: ‚Na heute wird eine lustige Nacht.’ Es war Erew Jom Kippur [der Abend vor Jom Kippur], alle Juden sind Essen gegangen. Die Atmosphäre war unbeschreiblich schön, aber meine Mutter hat geweint, weil ihre Eltern und andere Verwandte zurückbleiben mussten.

Plötzlich kamen hohe Wellen und das Schiff begann zu schaukeln. Wir gingen in unsere Kabine und beteten, aber das Schiff hatte schon begonnen zu schlingern. Das war dann eine Überfahrt, nebbich! So eine Schiffsreise! Aber mir und meiner Mutter ist es blendend gegangen. Ich hab trotz Jom Kippur gegessen und war ganz allein im Speisesaal. Ich wurde bedient, und es war wunderbar!

Nach fünf Tagen kamen wir in Riga an und wurden von der jüdischen Kultusgemeinde Riga empfangen. Man brachte uns in ein wunderschönes Hotel, und wir wurden betreut. Von 1938 bis Kriegsbeginn 1941, war das Verhältnis zur jüdischen Gemeinde in Riga ein ganz Außergewöhnliches. In Riga lebten 65 000 Juden, man bemühte sich um uns, nicht nur um unsere Familie, um alle Bekannten. Es dauerte nur kurze Zeit und wir bekamen eine Wohnung zugewiesen. Keine eigene, aber zwei Zimmer bei einer jüdischen Familie. Ich ging dann mit dem Buben der Familie gemeinsam in die jüdische Schule - er lebt heute in Israel

Nach einer Woche kamen mit dem gleichen Schiff, der ‚Regina’ 79 jüdischen Emigranten in Riga an. Darunter waren vier Verwandte, der Onkel Simon mit der Tante Rosa und der einjährigen Edith und mein Onkel Teddy, der Bruder meiner Mutter.

In dieser Woche, während wir schon in Riga waren mit unseren deutschen Pässen, wurde von der Schweiz gefordert, in jüdische Pässe das ‚J’ einzustempeln. Die Leute auf dem Schiff kamen schon mit dem ’J’ im Pass in Riga an. Dadurch wurden sie vom Schiff nicht heruntergelassen und mussten wieder zurück nach Stettin. Der deutsche Kapitän des Schiffes sagte der deutschen Botschaft in Lettland, dass er auf dem Schiff lauter Juden hätte. Er werde nicht ohne seine Passagiere auslaufen und wenn man ihn dazu zwänge, dann würde er in internationale Gewässer fahren und ließe alle und sich selbst auch verhungern. Er war erfolgreich. Er bekam vom deutschen Reichshauptquartier in Berlin für alle 79 Emigranten eine Bestätigung, dass sie sich drei Monate frei im ‚Deutschen Reich’ bewegen dürften - ohne angerührt zu werden. Und so haben meine Verwandten das Novemberpogrom [6] am 10. November 1938 in Freiheit überlebt.

Nachdem das Schiff nach Stettin zurück geschickt worden war, hatte mein Vater ein Telegramm an seinen Vater, meinen Großvater Dov Rosenkranz geschickt und ihn um Hilfe gebeten. Mein Großvater fuhr daraufhin zum Lubawitscher Rabbiner Schneerson, der in Polen lebte und der später über Riga nach Amerika emigrierte. Mein Großvater bat ihn, den Präsidenten der jüdischen Gemeinde Rigas, der gerade zu Besuch beim Rabbiner war, sprechen zu dürfen. Es gelang ihm, dass es eine Zusammenkunft zwischen diesen drei Leuten gab. Dubin, der Präsident der jüdischen Gemeinde Rigas, versprach, unsere Verwandten zu retten. Und so geschah es, alle kamen verspätet, aber gesund in Riga an. Daher nehme ich an, dass mein Großvater, sonst wäre er von Schneerson nicht empfangen worden, ein Lubawitscher war, ein Chassid [7].

Ich ging in die Schule. Ich wollte in eine normale Schule gehen, meine Eltern bestanden aber darauf, da es in Riga so eine starke jüdische Gemeinde gab, dass ich in eine jüdische Schule gehe. Dort lernte ich Jiddisch richtig sprechen, lesen und schreiben, denn die Unterrichtssprache war Jiddisch. Es war mir ja nicht fremd, schon wegen meiner Großeltern.

Mein Bruder war bereits fast 14 Jahre alt und somit zu alt für die Schule. Er lernte bei einem Fotografen Fotos retouchieren.

In der Schule war Lettisch die zweite Hauptsprache, aber ich habe nie ein Wort Lettisch gelernt. Das ist eine Hunnensprache, und irgendwie bin ich auch ohne diese Sprache durchgekommen.

Für mich begann eine wunderbare Zeit. Ich konnte wieder Fußball spielen und hatte Freunde Es war eine fromme Schule, aber nicht orthodox. Wir beteten jeden Morgen, das war nichts Fremdes für mich. Für mich waren es aber nur Lippenbekenntnisse. Bis zum Einmarsch der Russen sang ich in Riga im Tempelchor. Ich war etwas über elf Jahre alt, also ein Alt-Sänger und wurde binnen ganz kurzer Zeit der Solist. Wir waren 25 Kinder, drei Tenöre, zwei Bassisten. Man kann sich das gar nicht vorstellen, es war wunderschön! Ich war sehr beliebt, weil ich ein Lustiger war und gottlob, bis zum heutigen Tag, ein Lustiger bin. Mein Vater arbeitete nicht offiziell, denn es war den Erwachsenen verboten zu arbeiten. Aber die Juden halfen ihm. Man lebte frei, man konnte sich frei bewegen, auch wenn der Lette ein großer Antisemit war und ist.

Dann unterschrieben Stalin und Hitler den ‚Hitler-Stalin-Pakt’ [8], das war 1939. Die Russen besetzten Riga. Wir gingen auf den Bahnhof und erlebten, wie Rotarmisten von der finnischen Front aus Viehwaggons stiegen. Da kamen Menschen aus Viehwaggons, das war furchtbar! Sie setzen sich auf den Bahnhof und rauchten. Sie nahmen aus dem einen Schaft der schrecklich aussehenden Stiefel einen Löffel, aus dem anderen ein Stückerl Zeitungspapier und auf der Sohle hatten sie Tabak. Daraus machten sie sich Zigaretten. Wir standen daneben und schauten zu, es war unvorstellbar für uns.

Die Schulen wurden gemischt, die Klassen wurden gemischt. Mädchen und Buben gingen nun zusammen in ein Klasse. Ich hatte sofort eine Freundin. Sara Birnow war ein bildschönes Mädchen mit langen Zöpfen und schwarzen Augen. Auf dem Weg zur Schule haben wir uns immer geküsst. Mein Vater bekam eine Arbeitsbewilligung und wurde Vizedirektor einer Schuhfabrik, weil er ja ein großer Fachmann war. Eines Tages kam unsere Lehrerin, denn wir hatten nun auch Lehrerinnen, mit einem Fragebogen für die Kinder, die Pioniere werden wollten.

Meine Eltern waren klug genug und bewilligten mir gleich zu Beginn, dass ich Pionier werden durfte. Sie wussten wahrscheinlich, dass ich sonst ein Aussätziger geworden wäre. Und genau so war es: Die Kinder, die nicht wie ich sofort in die Pionierorganisation eintraten, wurden wirklich von den anderen Schülern wie Aussätzige behandelt. Wir waren eine große Klasse. Die Pioniere wurden in Ringe, ein Ring bestand aus zehn bis zwölf Kindern, vier Ringe waren ein Otreat, eingeteilt.

In der Pionierorganisation wurde ich sehr schnell Ringführer, dass heißt, ich wurde Gruppenführer. Im Laufe meiner Karriere wurde ich Otread, der Leiter über drei oder vier Ringe. Man kann sich kaum vorstellen, wie bedeutend ich mich fühlte. Die Offiziere grüßten mich auf der Straße, ich war wer! Unsere Sitzungen fanden im ehemaligen Präsidentenpalast statt, ins Theater und Kino durften wir umsonst, auch mit der Straßenbahn fahren war umsonst. Zu Hause lief ich immer mit dem roten Halstuch herum.

In der Schule wurde noch immer die jiddische Sprache gelehrt, wir lernten Chumasch [die fünf Bücher Moses], aber gebetet wurde nicht mehr. Den Chor gab es nicht mehr, und ich hätte sowieso nicht mehr mitgemacht, weil das gegen meine Überzeugung war. Die russische Sprache kam als neues Unterrichtsfach dazu. Lettische Juden wuchsen mindestens viersprachig auf - mit der deutschen, jiddischen, lettischen und russischen Sprache. Sie sind aber fast alle ermordet worden.

In diese Zeit fiel der Moment meiner Bar Mitzwa, ich sollte in den Kreis der religionsmündigen jüdischen Jugendlichen aufgenommen werden. Ich war aber doch ein verkappter Kommunist! Ich war doch ein Pionierführer! Meine Eltern hatten, weil ich so ein überzeugter Pionier war, sogar Angst vor mir. Sie hatten den Kontakt zu ihrem Kind komplett verloren. Ich aß zu Hause, war am Schabbat zu Hause, aber ich ging nicht in den Tempel. Ich lebte in einer anderen Welt.

Mein Bruder, der bei einem Fotografen als Retoucheur arbeitete, wurde das Sprachrohr meiner Eltern. Er überredete mich dazu, Bar Mitzwa zu werden. Eine Bedingung allerdings hatte ich: Ich werde Bar Mitzwa mit Tallit, dem Gebetsmantel und mit allem, was dazu gehört, aber auch mit meinem roten Halstuch. Es kostete mich schon eine große Überwindung Bar Mitzwa zu werden. Ich konnte meine Freunde nicht einladen, denn sie waren alle junge Kommunisten, die von Religion nichts wissen wollten. Die Zeremonie fand in einem kleinen Bethaus statt.

Für mich war die Pionierzeit, sehr zum Leidwesen meiner Eltern, wunderbar - etwas ganz Kollosales. Meine Eltern waren klug genug, mich zu nichts zu zwingen. Sie wollten auch nicht, dass ich Konflikte bekomme. Ich hatte wirklich fantastische, gescheite Eltern - insbesondere meine Mutter. Meine Mutter war eine außergewöhnliche Frau!

Meinen Eltern wurde von der russischen Behörde nahegelegt, ihre deutschen Pässe, wir mussten zum Beispiel das ‚J’ in den Pass in Riga einstempeln lassen, in russische Pässe, die aber nur in einem gewissen Umkreis galten, umzutauschen. War man außerhalb, konnte man verhaftet werden. Und so haben sehr viele Freunde, unter anderem auch die Familie Hübner, die mit uns auf dem Schiff nach Riga war, solche Pässe genommen. Sie haben es aber nicht mehr geschafft zu entkommen und wurden von den Deutschen erschossen.

Es war auch keine Möglichkeit für meine Eltern, die Großeltern, die Eltern meiner Mutter, herüberzubringen, denn Lettland war ein antisemitisches Land - wir hatten nur großes Glück!

Mein Onkel Teddy, der Bruder meiner Mutter, war inzwischen weiter nach Amerika emigriert. Er arbeitete in Amerika als Kürschner und gründete eine Familie.

Dann kam der 22. Juni 1941 - Kriegsausbruch. Gegen vier Uhr früh klopfte es an unsere Tür. Draußen stand ein Milizionär, ein Rotarmist. Er sagte, wir sollen zusammenpacken und in fünf Minuten fertig sein. Das kam für uns vollkommen überraschend. Ich zeigte dem Rotarmisten meinen Odreadausweis. Er schaute ihn sich an, warf ihn auf den Boden und trat mit dem Fuß darauf. Von diesem Moment an war der Kommunismus für mich gestorben! Einen Tag vorher war ich noch eine bedeutende Persönlichkeit, und plötzlich bekam ich einen Fußtritt. Aber dadurch, dass ich eben ein so hohes Viech in der Organisation war, erlaubte man uns, etwas länger zu packen. Da wir Besitzer deutscher Pässe, also deutsche Staatsbürger waren und dadurch als eventuelle Spione galten, wurden wir verhaftet. Es war völlig uninteressant, dass wir emigrierte Juden waren. Wir wurden zwei Tage im französischen Lyzeum in Riga interniert, erlebten dort drei Bombenangriffe der Deutschen und wurden dann nach einigen Tagen, unter schwerster Bewachung, zu einem Bahnhof gebracht und in Güterwaggons verfrachtet. In den Güterwaggons waren Pritschen, und es gab Brot und Wasser.

So fuhren wir bis hinter den Ural nach Sibirien, bis Nowosibirsk. Im Zug war ein fürchterliches Klo ohne Wasserspülung, und wir konnten uns kaum waschen. Auf den Bahnstationen durften wir aber, natürlich nur unter strengster Bewachung, aussteigen und bekamen zu essen. Insgesamt waren wir zwei Monate unterwegs. Der Zug wurde zweimal aus der Luft beschossen.

In Nowosibirsk stiegen wir aus und wurden, wie Schwerverbrecher, wieder unter strengster Bewachung, sogar mit Hunden, zu Fuß in ein verhältnismäßig kleines Internierungslager gebracht. Dort wurden Männer und Frauen separiert. Mein Vater, mein Bruder und ich kamen in eine Riesenbaracke. Es gab eine Küche, und es ging uns verhältnismäßig gut.
Es gab auch eine kleine Kantine, in der man sogar Sekt und Kaviar kaufen konnte. Wir glaubten, so geht es weiter. Die Frauen zogen sich dreimal am Tag um und liefen geschminkt umher.

Niemand durfte arbeiten, die Lebensbedingungen wurden schlechter, es wuchs die Aggressivität. Die Leute gingen nach einiger Zeit derartig gehässig und aggressiv aufeinander los und schlugen sich wegen Nichtigkeiten. Warum man nicht arbeiten durfte, weiß ich nicht. Vielleicht, um die Moral der Menschen zu brechen, vielleicht gab es keine Arbeit. Damals lernte ich, was es für einen Menschen bedeutet, arbeiten zu dürfen. Die hygienischen Verhältnisse wurden schlechter, wir kämpften mit Flöhen und Läusen.

Nach einem Jahr wurden wir wieder wie Schwerverbrecher, unter unglaublicher Bewachung, in Viehwaggons nach Karaganda in Kasachstan gebracht. Dort befand sich die, nach dem Donez – Becken zweitgrößte, Kohlenbasis der Sowjetunion. Wir hatten im Waggon eine Küche, und wir hatten genug zu Essen, aber wenn der Zug anhielt und wir die Tür öffneten, standen zwei Rotarmisten mit Hund und mit schussbereitem Gewehr vor uns.

Nach einem langen Fußmarsch, wir mussten unser Gepäck tragen, übernachteten wir im Freien in einem Lager mit Stacheldraht herum. Am nächsten Tag marschierten wir vierzig Kilometer durch die Steppe. Nur meine Mutter hatte, durch ihre Behinderung, die Möglichkeit, auf einem Lastwagen zu fahren. Sie sprach polnisch, deshalb auch ganz gut russisch und konnte sich verständigen. Wir brauchten nicht viel tragen, weil meine Mutter unser Gepäck auf den Lastwagen nahm. Es war sehr warm. Am Abend kamen wir an und befanden uns in einem Kriegsgefangenenlager. Es war das Zentrallager für deutsche Kriegsgefangene. Das war im Jahr 1942.

Männer und Frauen wurden wieder getrennt. Wir bekamen eine leere Baracke. Das war wohl eine der fürchterlichsten Nächte, die wir erlebten, denn dort hatten die Wanzen auf uns gewartet. Wanzen können jahrelang ohne Nahrung leben. Sie ließen sich wie mit Fallschirmen hinunter und wollten uns auffressen. Die deutschen Gefangenen waren zum Glück getrennt von uns. Wir hatten absolut kein Interesse, mit ihnen in Kontakt zu kommen.

Nach einem halben Jahr bekamen wir fünfhundert Meter vis-à-vis vom Kriegsgefangenenlager unser eigenes Lager und mussten in der Landwirtschaft arbeiten. Wir erhielten täglich vierhundert Gramm Brot und dreimal täglich Krautsuppe ohne Fett. Die Krautsuppe war nur aus den äußeren Blättern des Krauts gemacht, das gute Kraut wurde verkauft für ein bisserl Tabak. Viele tauschten ihr Brot gegen Tabak und starben elendig.

Wir waren fünfzehn oder sechzehn Burschen im Lager. Es gab auch Mädchen, aber die waren arrogant und sprachen nicht mit uns. Ich wurde Hirte und dadurch ging es mir besser.
Wir Hirten waren ohne Bewachung. Weder wir noch die Tiere hatten genug zu essen. Wir mussten Schweine, Schafe und Kühe bei Wind und Wetter, bei Schnee und Eis bewachen. Aber wir bekamen warme Kleidung, wattierte Jacken und Ohrenschützer, sonst hätten wir das nicht durchstehen können. Wir hatten dort Temperaturunterschiede von vierzig Grad Hitze bis zu vierzig Grad Kälte. Es war eine trockene Hitze und eine trockene Kälte in der Steppe.
Im Winter gab es auch Schneestürme. Da war ein vollkommen klarer blauer Himmel. Auf einmal sahen wir in der Ferne eine ganz kleine weiße Wolke. Eine halbe Stunde später war ein Schneesturm da, dass wir die Hand vor den Augen nicht mehr sahen. Die Baracken hatten wir größtenteils selbst gebaut, mit Stroh und Lehm. Die Ziegel wurden an der Luft gebrannt, wie die Israeliten in Ägypten ihre Häuser gebaut hatten. Diese Häuser waren binnen einer Stunde überhaupt nicht mehr zu sehen.

Geheizt wurde mit Schlacke. Karaganda war zwar das zweitgrößte Kohlebecken, aber Kohle bekamen wir nicht. In unserer Nähe war ein Kupferbergwerk, und eine Brigade von uns musste ausgebrannte Schlacke sieben. Die weniger verbrannte Kohle bekamen wir zum Heizen.

Mein Vater war, als wir in unser neues Lager übersiedelten, ein Todeskandidat. Er hatte Ruhr und Typhus. Er lag in der Krankenabteilung, und wir durften ihn nicht besuchen. Eines Tages glaubte ich, Gott zu hören. Er sagte: ‚Du musst sofort zu deinem Vater’. Ich kämpfte mich zu meinem Vater durch. Er war schon zum Sterben bereit. Er hatte sich aufgegeben, weil er so allein war und keinen Kontakt zur Familie hatte. Ich warf mich auf ihn und schüttelte ihn:
‚Papa, Papa!’ Er öffnete die Augen, sah mich an und mobilisierte seine wenigen Kräfte. Dadurch rettete ich ihm das Leben.

Dann kam das Jahr 1944. Immer mehr Leute starben, obwohl wir mehr zu essen hatten, als die Russen. Die Internierten arbeiteten auf den Feldern, und man hat ein bisserl stehlen können.
Eines Tages kam eine russische Ärztin. In Russland war das so: Wenn man eine Körpertemperatur von 37,1 hatte, konnte man in den Krankenstand gehen. Wenn man aber ohne Temperatur schwer krank war, konnte man verrecken. Diese Ärztin schrieb erst einmal das ganze Lager krank. Der Kommandant tobte. Aber plötzlich gab es Milch, Zucker und Eier für die Kinder und ein viel besseres Essen für alle. Da begann das Leben wieder.

Ich arbeitete, hatte eine Freundin, die Edith Hirsch, und Ende 1944 kam uns die Idee, die Russen um die Genehmigung zu bitten, eine Schule bauen zu dürfen. Die Bewilligung bekamen wir, und wir bauten eine Schule. Wir hatten das Glück, dass es in unserem Lager ehemalige republikanische Spanier, Polen, Rumänen und Menschen vieler anderer Nationen gab. Es gab auch deutsche Universitätsprofessoren, die an persischen Universitäten unterrichtet hatten. Es waren noch ungefähr 1 400 Menschen im Lager.

Von den Russen bekamen wir je einen Bleistift und ein Heft für ein ganzes Jahr. Und so schrieben wir auf glattgehobelten Holzbrettern, denn wir hatten auch eine Tischlerei. Der Kommandant hatte den Befehl gegeben, uns Holzbretter abzuhobeln. Wir waren dermaßen hungrig nach Lernen - das ist unvorstellbar!

Deutsch wurde unsere Unterrichtssprache, Russisch unsere Fremdsprache. Weder wir noch unsere Professoren besaßen Bücher. Ich begann mit der sechsten Mittelschulklasse. Am Ende des Jahres legten wir vor einer russischen Kommission eine russische Prüfung ab. Kein Einziger versagte.

Wir hatten mehrere Fußballmannschaften, jüdische, polnische und spanische. Unser Deutsch-und Geschichtsprofessor Mildenberg war der Schiedsrichter.

Es gab eine Kleiderkammer, und so bekamen wir wenigstens das Wichtigste an Kleidung. Für die Erwachsenen waren die Zustände im Lager sehr schwer zu ertragen, uns Jugendliche hat das alles nicht gestört.

Nachdem wir eine herrliche Gurkenernte hatten, wurde eine Grube ausgehoben, und die Gurken wurden hineingelegt. Dann wurde die Grube zugedeckt, und im Winter konnte man sie teilweise wieder herausnehmen und essen. Wir tauschten und verkauften dann die Gurken. Wir bekamen sogar Tanzunterricht für Gurken. Fritzl Stern gab uns den Tanzunterricht. Er pfiff Melodien, und wir tanzten mit Stühlen. Wir haben wirklich Tanzen gelernt.

Nach dem Krieg

Nach Ende des Krieges, im Jahr 1945, hofften wir, freigelassen zu werden. Uns wurde gesagt, wir sollten noch die Ernte einbringen und dann dürfen wir nach Hause fahren. Die Ernte war drinnen, wir sind nicht nach Hause gefahren. Ich begann mit der siebenten Klasse.

Wir hatten auch schon eine Theatergruppe im Lager, das Kulturleben hatte begonnen. Mit uns zusammen waren ein Wiener Symphoniker und noch ein Musiker. Die haben, wahrscheinlich von den Russen, eine Geige und eine Gitarre bekommen und uns fast alle Beethoven Symphonien mit der Geige vorgespielt.

1946 kam ein kasachischer Minister ins Lager. Am nächsten Tag wurde der Befehl erteilt, dass die jüngeren Männer im Kohlebergwerk von Karaganda arbeiten müssten. Dort starben massenhaft Leute, weil die Kohle unter den primitivsten Verhältnissen abgebaut wurde. Da war Tischa B’Aw, ein Trauertag. Leute vom NKWD [Russischer Geheimdienst] kamen ins Lager, und die Menschen, die sich weigerten, darunter war auch mein Bruder, wurden einfach hinausgetragen. Mein Bruder war 1946 schon 22 Jahre alt. Frauen nahmen sie auch für die Büros mit.

Drei Frauen, Alma Picker, Bella Adler und meine Mutter, traten in den Hungerstreik. Daraufhin schlossen sich fast alle anderen Frauen an. Der Kommandant wurde verrückt. Schon am ersten Tag versprach er, die Männer würden nicht ins Kohlenbergwerk einfahren. Nach dem dritten Tag versprach er, er werde Moskau verständigen.

Jahrelang wurde uns von der Kommandantur bewilligt, Eingaben nach Moskau zu schreiben. Die gingen nie nach Moskau, die landeten im Papierkorb. Am nächsten Tag landete eine kleine Maschine mit dem Generalmajor aller dieser Lager in unserer Umgebung. Er versprach, dass unsere Leute in ein, zwei Tagen zurückkämen und dass wir noch dieses Jahr repatriiert werden würden. Das alles passierte dann wirklich: ein, zwei Tage später kamen alle Männer und Frauen zurück. Zuerst wurde die deutsche Truppe repatriiert und Ende Dezember, inmitten eines Schneesturms, wurden wir mit Lastwagen abgeholt.

Die Reise dauerte, wenn ich mich nicht irre, 64 Tage. Wir fuhren wieder in Viehwaggons, aber wir waren frei. Wir hatten russische Bewacher, diesmal zu unserem Schutz. In der Ukraine war eine derartige Missernte, dass die Leute in Massen verhungerten. Wir hatten zu essen, wir hatten sogar eine Küche im Waggon. Aber wir brauchten sie nicht, denn wir hatten uns eingedeckt mit Esswaren. Im Lager hatte ich mich mit einem russischen Unteroffizier befreundet. Er hieß Wolodja und war Bewacher unseres Lagers. Die Deutschen hatten seine ganze Familie ermordet. Er fuhr mit uns bis nach Wien. Im März 1947 kamen wir in Wien am Matzleinsdorfer Frachtenbahnhof an. Theodor Körner, der damalige Bürgermeister Wiens und der Präsident der Kultusgemeinde [Anm.: David Brill] empfingen uns am Bahnhof.

Wien sah schrecklich aus! Wir bekamen jeder, ich glaub wir waren vierhundert Österreicher, fünfzig Schillinge und ein Packerl ‚Dreier’, das waren Zigaretten ohne Filter. Wir wurden mit Autobussen in das ehemalige Rothschild Spital gebracht. Dort wurden wir untersucht, entlaust und danach aufgeteilt. Wir kamen in die Meldemann Straße, ins Obdachlosenasyl für Männer [Anm.: Adolf Hitler lebte von 19010-1913 im damaligen Männerwohnheim in der Meldemannstrasse].

Die erste Nacht in einem eigenen Bett! Es war zwar nur klein, aber ein eigenes Bett. Das hatten wir sechs Jahre nicht. Die ersten Tage suchten wir im 20. Bezirk unsere Familie und fanden niemanden. Wir sahen fürchterlich aus, meine Schuhe hatte ich zum Beispiel mit einem Draht umwickelt, damit sie nicht auseinander fielen. Wenn die Leute meinen Vater sahen sagten sie: ‚Jö, der Herr Rosenkranz!’ Mich haben sie ja nicht erkannt, ich war ja ein Kind, als wir flüchten mussten, aber meinen Vater und meine Mutter haben sie erkannt. Alle behaupteten, einen Juden gerettet zu haben. Die Wut ist in mir hochgekommen!

Wir bekamen Unterstützung von der israelitischen Kultusgemeinde und dem Joint, einer amerikanischen Hilfsorganisation. Ich ging nie mehr in unsere Wohnung, obwohl die Rauscherstraße in unmittelbarer Nähe meiner Wohnung ist.

Im Obdachlosenheim in der Meldemann Straße wohnten wir acht Monate. Dann bekamen wir eine Wohnung in der Taborstraße 24 A zugewiesen. Das war eine herrschaftliche Wohnung mit viereinhalb Zimmern und zwei Dienerzimmern. Hier wohnten wir zuerst mit zwei Familien: meinem Onkel Simon, seiner Frau Rosa mit der Tochter Edith und dem Ehepaar Stern. Mein Vater begann wieder mit einer kleinen Schuherzeugungsfabrik, er hatte bald wieder zwanzig bis dreißig Arbeiter. Mein Bruder bestand seine Matura, begann sofort zu studieren und promovierte in Philosophie. Auch ich begann zu studieren; nämlich die Frauen.

Meine Mutter bat mich sehr, dass letztes Jahr, das mir zur Matura fehlte, extern nachzuholen. Aber ich war völlig aus der Bahn geworfen. Ich war nach dem Krieg ein Zerrissener - ich war hungrig nach Leben! Ich bin ja den Russen unendlich dankbar, dass sie mein Leben und das Leben meiner Eltern und meines Bruders retteten. Aber sie hatten mir auch die Freude an der Arbeit genommen. Wenn man als Jugendlicher etwas unter Zwang machen muss, dann wird einem die Lust und Freude an der Arbeit genommen.

Ich hatte viele Komplexe, obwohl ich gut aussah und ein guter Tänzer war. Die erste Zeit traf ich mich immer mit den anderen jüdischen Burschen aus dem Lager, weil ich ja sonst niemanden kannte. Ich ging zum jüdischen Sportverein Hakoah, so langsam stellte sich das gesellschaftliche Leben ein, und ich hatte Freundinnen. Meine Eltern waren äußerst kluge Eltern, und ich gab meiner Mutter mein Wort: ‚Mama, ich werde nie eine Nichtjüdin heiraten.’

Zuerst begann ich in der jüdischen Berufsschule ‚Ort’ als Automechanikerlehrling. Ein Jahr hielt ich das aus. Weil ich eine sehr schöne Stimme hatte, begann ich zwischendurch mit einem privaten Gesangstudium. Meine Gesangslehrerin sagte aber: ‚Hör zu Kurt, das was du da machst unter den Autos, das wird deiner Stimme schaden. Außerdem musst du dein Leben ein bisschen verändern, und du musst aufhören zu rauchen.’ Ich rauchte sehr viele Zigaretten, das hatte ich im Lager gelernt. 

Was die Gesangslehrerin sagte, gefiel mir nicht, und ich hörte auf, Gesangsstunden zu nehmen. Eigentlich wollte ich Chasan, also Kantor, werden, weil ich eine starke Beziehung durch meine Tradition dazu habe. Nach dem Krieg gab es einen Kantor in Wien, der später auch im Tempel mein Kantor war; er hieß Gutmann. 1955 hatte er zu Rosch Haschana [Jüdisches Neujahr] und Jom Kippur ein Engagement in Mailand. Er stellte einen Chor dafür zusammen, und dazu gehörten mein Bruder und ich, der Sigi Bugai und der Engelberg. Insgesamt waren wir acht Männer. Wir probten in der Czerningasse, im 2. Bezirk, in einem Bethaus. Das Bethaus gibt es nicht mehr, das Haus wurde weggerissen. Die Kultusgemeinde baute vor einigen Jahren einen ganzen Komplex dorthin. In diesem Bethaus heiratete mein Bruder Anfang der 1950er-Jahre.

Wir probten immer sonntags in diesem Bethaus. Eines Sonntags kam ich hinein und sah dort um einen Tisch vielleicht zwölf Buben; kleine Kinder, fünf Jahr, sechs Jahr alt. Und die lernten, so wie ich im Cheder lernen sollte. Der Lehrer, der Melamed, hatte einen Kantschik [Peitsche]. Ich kam herein und der Melamed - das waren Kinderlach [jiddisch: kleine Kinder] - schlug auf einen hin. Ich ging auf den Melamed los - er war so ein Kleiner mit halbhohen Wasserhosen - hab den Kantschik zerrissen und zerbrochen, und wenn mich die anderen nicht festgehalten hätten, ich glaube, ich hätte ihn umgebracht.

Meine Eltern machten sich wahrscheinlich große Sorgen um meine Zukunft. Das Einzige, was mich interessierte waren Frauen und Vergnügen, auch mit wenig Geld. Mein Vater sagte:
‚Also Kurt, etwas musst du doch lernen ’, denn mit der Lehre als Automechaniker hatte ich auch aufgehört. Mit zunehmendem Alter sah ich aber schon ein, dass ich etwas lernen muss und begann Schuhmacherei zu lernen. Ich beendete die Lehre mit einem Meisterbrief.
Danach arbeitete ich bei meinem Vater, war auch Vertreter der Schuhfabrik meines Vaters und machte mich später mit Schuhservicen selbständig.

Meine Mutter wollte, dass ich endlich heirate. Sie und ihre Freundinnen holten ein Mädchen aus Paris, um ein Shidach [verkuppeln] zu machen. Ich kam zu der Verabredung zu spät, und weil mir das Mädchen nicht gefiel, sagte ich zu ihr: ‚Es tut mir leid, ich muss nur auf die Toilette’, und dann bin ich weggelaufen. Eines Tages hatte meine Mutter auch wieder durch eine Freundin ein Mädchen für mich gefunden. Dieses Mädchen wurde eine große Liebe. Sie war Malerin und ihre Familie hatte die Shoah in Südamerika überlebt. Als die Eltern mich kennen lernten war ich ihnen sympathisch, aber sie wollten keinen Schwiegersohn, der von polnischen Eltern abstammt. Daran scheiterte unsere Liebe.

Mein Bruder lebte zu dieser Zeit schon in Israel. Er hatte in Wien eine bulgarische Jüdin kennen gelernt. Sie hatte den Krieg in Bulgarien versteckt von ihrem bulgarischen, nicht jüdischen Ehemann, der Arzt war, überlebt. Sie hieß Rika Levy und wurde Erika genannt. Während eines Bombenangriffs der Deutschen gab es einen Einschlag im Keller, in dem sie versteckt war. Sie erblindete dabei auf einem Auge. Wien war auf Augenoperationen spezialisiert, und sie durfte nach Wien reisen. Zu dieser Zeit war sie schwanger. Die Operation gelang, sie ließ sich scheiden, bekam ihre Tochter Judith und lernte meinen Bruder kennen.

Der Vater dieser Erika, meiner Schwägerin, war der beste Freund von Georgi Dimitroff [9]. In Bulgarien überlebten 48 000 Juden den Holocaust. Durch die Arbeit des Vaters von Erika sind 25 000 [Anm.: Ungefähr 40 000 Juden verließen 1948 Bulgarien, weil sie von der kommunistischen Regierung schikaniert wurden und emigrierten nach Israel.] Juden mit ihrem Hab und Gut nach dem Krieg nach Israel ausgewandert.

Mein Bruder und seine Frau übersiedelten nach Israel und lebten in einem Moschaf [jüdische Genossenschaftssiedlung], in dem bulgarische Juden lebten. Er kam in eine andere Kultur. Die bulgarischen Juden haben mit Judentum, so wie der Herbert es kannte, also mit dem ashkenasischen [Anm.: deutsche und osteuropäische Juden im Gegensatz zu den sephardischen, den aus Spanien abstammenden Juden] Judentum, nichts gemein. Meine Schwägerin war ein Leben lang keine gläubige Jüdin, aber mein Bruder ging zweimal täglich beten. Er ist ein streng orthodoxer Jude. Sie bekamen eine Tochter, die Orna.

Mein Bruder war ein schwerst enttäuschter Mensch, er wurde enttäuscht von der Erika, und er wurde enttäuscht, weil er kein Universitätsprofessor für Geschichte und Deutsch an der Universität in Jerusalem wurde. Er war dann als Archivar in Yad Vashem [Gedenkstätte des Holocaust in Jerusalem] für Österreich zuständig. Mein Bruder ist heute ein schwerkranker Mann.

Orna, die ihren Vater abgöttisch liebt, bekam einen geistig behinderten Buben. Drei Monate nach der Geburt bekam sie Multiple Sklerose. Der Bub ist heute 19 Jahre alt. Das erinnert mich an die Geschichte von Hiob: Hiob war ein frommer Jude, der von Gott geprüft wurde, und er hat immer wieder an Gott geglaubt. So ist mein Bruder! Mein Bruder hat solche Schläge im Leben eingesteckt, ein anderer wäre schon lange zu Grunde gegangen. Aber die Religion und der Glaube haben ihn stark gemacht. Meine Eltern flogen jedes Jahr nach Israel. Zu Wien hatte mein Bruder, der auch uns besuchen kam, eine Hassliebe. Er war immer Zionist und er liebt dieses Israel.

Ich war zwar bei der Hakoah, aber ich war kein Sportler. Fußball hab ich versucht hier in Wien einmal zu spielen, aber das war ganz was anderes als im Lager. Da habe ich es gelassen. Samstag war dann immer Oneg Schabbat [wörtl. Übersetzung: Freude an den Samstagstreffen], und ich ging auch eines Abends dort hin. Das Treffen war im Kaffee ‚Lord’, neben dem Gartenbaukino. Es war Tanz, und dort lernte ich meine Frau Erika kennen. Ein oder zwei Wochen später war der jüdische Hochschülerball. Meine Eltern kamen auch mit, mein Bruder war schon in Israel. Mein Vater gewann auf diesem Ball die Israel-Reise, und ich traf die Erika wieder. Wir tanzten die ganze Nacht. Weil ihre Schuhe durchgetanzt waren, fuhr ich sie mit meinem Auto nach Hause. Es lag Schnee, und ich trug sie zum Haustor. Wir verliebten uns ineinander. Ich lernte ihre Eltern kennen - ich war reif für die Ehe!

Erika wurde am14. Februar 1927 in Wien als Erika Franziska Sophie Roth geboren. Ihre Eltern hießen Alfred und Hedwig Roth, geborene Trebitsch. Sie war ein Einzelkind und hatte mit ihren Eltern und den Großeltern den Holocaust in Monaco, Frankreich, Belgien und der Schweiz überlebt. 1948 verließ sie Frankreich, ging nach Israel und lernte dort ihren ersten Mann Benjamin kennen. Sie heirateten in Israel und bekamen am 8. Juli 1951 ihren Sohn Awraham Karl. Die Ehe ging auseinander. Wegen großer gesundheitlicher Probleme verließ Erika Israel und kam nach Wien, wohin ihre Eltern zurückgegangen waren. Karli war der Liebling aller, er war ein Sonnenschein. Er war zwei Jahre alt, als er in mein Leben trat. Erst jetzt wieder sagte er: ‚Aba, du bist mein Aba [hebr. Aba = Papa].’ Er ist mein Kind, er ist absolut mein Kind!

Wir heirateten 1956 in Wien, im Tempel in der Seitenstettengasse. Wir waren das erste Ehepaar nach dem Krieg - so sagte der Oberrabbiner von Wien, der Vater des jetzigen Oberrabbiners Eisenberg - deren beide Elternpaare unter der Chuppa standen. Mein Vater unterschrieb im Matrikelbuch die Daten unserer Hochzeit, und beide Väter unterschrieben die Ketubbah [Ehevertrag].

Meine Eltern bewohnten inzwischen die große Wohnung in der Taborstraße allein. Unsere Hochzeitsparty fand in dieser Wohnung statt. Die Wohnung wurde umgeräumt: In einem Zimmer war Musik, im zweiten und dritten Zimmer waren Besucher, dort wurde getanzt. Es waren ungefähr hundert Gäste, das war sehr viel zur damaligen Zeit. Meine Mutter kochte mit ihren Freundinnen schon viele Tage vorher. Es gab Suppen, gesulzene Karpfen, Rindfleisch, Hühner und vieles mehr. Es wurde sogar der Schnaps selbst gemacht. Mein Vater servierte.
Ungefähr um halb vier in der Früh sagte mein Vater: ‚Kurt, ich kann nicht mehr!’ Wir fuhren dann noch mit unseren Autos in die Stadt ins ‚Kaffee Arabia’ und feierten bis in die frühen Morgenstunden. Am übernächsten Tag fuhren Erika und ich auf drei Tage ins Hotel Panhans auf den Semmering. In Wien zogen wir zu meinen Eltern, und sie waren fantastische Großeltern für Awi [Karli].

Meine Mutter wurde Präsidentin des jüdischen Krankenvereines Biku-cholim. Sie baute diesen Verein auf. Im Tempel hängt eine ‚Parochet’ [Torahvorhang], ein Vorhang, den wir, mein Vater und ich, im Andenken an meine Mutter spendeten. Meine Mutter war eine wirkliche Persönlichkeit. Damals gab es keine Subventionen. Sie ging zu Hochzeiten, Bar Mitzwot [Anm.: Mehrzahl von Bar Mitzwah] und anderen Festlichkeiten, ohne eingeladen zu sein und sammelte Geld für die Kranken. Keiner wagte es, meine Mutter scheel anzusehen.

Jede Woche gingen Mitglieder des Vereins, das war ein Frauenverein, Kranke besuchen. Mein Vater arbeitete die ganze Woche, aber am Sonntag ging auch er in die Seegasse ins jüdische Altersheim und besuchte die Alten und Kranken.

Meine Frau Erika fand dann eine Wohnung für uns. Zwei leere Zimmer bei einer alten Dame, einer Malerin. Es war gut für uns, allein zu sein. Und es war immer lustig. Wir hatten immer viel Spaß. Wir hatten wenig Geld, denn ich war der einzige Verdiener, aber das war nicht schlimm.

Meine Frau wurde schwanger. Es war eine schwere Schwangerschaft. Sie war krank und es bestand die Gefahr, ein behindertes Kind zu bekommen, da ihr Rhesusfaktor negativ ist. Aber nach neun Monaten, am 14. Juli 1959, wurde völlig gesund, unsere Tochter Lydia Charlotte Rosenkranz, verheiratete Fischman, geboren.

Erika blieb zehn Jahre zu Hause, weil wir der Ansicht waren, es sei wichtig für die Kinder, dass die Mutter für sie da ist. Wir hatten immer ein Auto, und einmal im Jahr fuhren wir auf Urlaub mit den Kindern nach Italien. Ich weiß nicht, wie wir das gemacht haben.

Wir haben großes Glück, wir haben zwei fantastische Kinder, ich bin ein stolzer Vater. Wir feierten mit unseren Kindern alle Feiertage. Nicht so religiös, wie meine Eltern es gemacht hatten, insbesondere solang meine Mutter noch lebte. Da gingen wir jeden Schabbat Mittag zu meinen Eltern.

So lange wir leben, werden wir Pessach feiern, denn für mich ist Pessach der höchste jüdische Feiertag. Nicht Rosch Haschana und nicht Jom Kippur. Pessach bedeutet für mich auch: Jude werden. Wir zogen als Israeliten aus Ägypten aus, in der Wüste wurden wir Juden. Es steht zwar ‚der Auszug der Juden aus Ägypten’, das ist aber falsch übersetzt. Wir sind ausgewandert als ‚an Gott Gläubige’, nicht als Juden. Juden sind wir erst geworden, als wir die zehn Gebote bekamen.

Wir gaben unseren Kindern alles mit, was man einem bewussten Juden mitgeben sollte: Religion, Zionismus und jüdisches Bewusstsein.

Als Awi maturierte und Lydia in die Mittelschule kam, suchte Erika eine Arbeit.
Bei Freunden lernten wir eine ältere Dame kennen, die eine Trafik besaß und sie verkaufen wollte. Das war genau das, was wir wollten. Meine Eltern und die Schwiegereltern unterstützten uns mit ihrem ersparten Geld. Wir konnten die Trafik anzahlen und dann Monat für Monat abbezahlen. Die Trafik gehörte meiner Frau, und wir machten aus der Trafik ein gutgehendes Geschäft. Nach drei Jahren konnten wir eine Angestellte aufnehmen.

In der Zwischenzeit, ich kann mich nicht mehr an die Jahre erinnern, war ich in der Kultusgemeinde politisch tätig und vernachlässigte meine zwei Schuhservice. Meine Frau und ich beschlossen, mit 60 Jahren in Pension zu gehen. Ich verkaufte meine Schuhservice sogar schon etwas früher. Sie gingen nicht sehr gut, weil ich mich zuwenig um sie gekümmert hatte. Einige Zeit nachdem wir in Pension gegangen waren, wusste ich eigentlich nicht, was ich mit mir anfangen sollte.

Ich bin ein überzeugter Sozialist und ein Zionist und stehe zu Israel. Ich war ungefähr zehn Jahre Kultusrat, sang im Chor und war immer sehr gläubig. Ich glaube an Gott ein Leben lang, bis zum heutigen Tag, aber ich war nie fromm. An das ‚auserwählt sein von Gott’, daran glaube ich. Ich habe natürlich auch viel Orthodoxie mitbekommen, die ich seit eh und je ablehnte. Ich glaube an die zehn Gebote, und ich halte mich an die zehn Gebote. Ich glaube deshalb an die zehn Gebote, weil sie wirklich von Gott kommen.

Meine Mutter starb am 22. Februar 1972 in Wien. Mein Vater arbeitete bis zu seinem 78. Lebensjahr. Kurz vor seinem Tod hatte er den Wunsch, noch einmal meinen Bruder in Jerusalem zu besuchen. Der Arzt wollte es ihm mit der Begründung verbieten, er könne in Israel sterben. Mein Vater flog nach Israel und bei diesem letzten Besuch traf er auf einer Buchpräsentation in Jerusalem den berühmten Bürgermeister Teddy Kollek [Anm.: Teddy Kolleg wurde 1911 in Wien geboren und war von 1965 - 1993 Bürgermeister Jerusalems]. Mein Vater starb in meinen Armen am 20. Mai 1979 in Wien.

Unser Sohn studierte in Wien Psychologie und lebte viele Jahre in der Schweiz. Er hat vier Kinder: Rafi, Ruth, Esther und Rachel. Er lebt in Wien, arbeitet bei der Firma Novartis und hat mit einem Kompagnon eine eigene Firma, in der er Computerkurse auf einem sehr hohen Level gibt. Unsere Tochter studierte Logopädie und arbeitet als diplomierte Logopädin. Sie ist mit Gad Fischman verheiratet. Sie haben zwei Kinder: Dan und Doron.

Eines Tages sagte der damalige Präsident der Kultusgemeinde Paul Gross zu mir: ‚Kurt, da kommt eine Delegation aus Deutschland, erzähl ihnen ein bisschen was im Tempel.’ Ich antwortete: ‚Ich bin doch a Schuster!’ Aber da ist ja Tradition in mir, und da ist ja viel Wissen in mir. Also übernahm ich diese Aufgabe. Ich habe mich immer nach dem Krieg gefragt: Wieso hast du überlebt? So viele Familienmitglieder sind umgekommen. Und während ich vor dem Altar im Tempel steh und erzähle, unten saßen die Nichtjuden, kam es wie ein Blitz von Gott. Er sprach: ‚Kurt, dafür hab ich dich überleben lassen.’

Mir wird noch immer kalt, wenn ich daran denke. Ich dürfte mich verfärbt haben, weil die Leute zu mir kamen: ‚Was ist mit Ihnen Herr Rosenkranz.’ Ich hielt meine Rede und ging tief erschüttert nach Hause und sagte zu Erika, meiner Frau: ‚Erika, heut hat Gott zu mir gesprochen.’ ‚Blödsinn’ sagte sie. Aber ich habe ihr alles erzählt, auch, dass ich der Überzeugung sei, dass Gott mich am Leben ließ, weil es meine Aufgabe sei, das Judentum den Nichtjuden zu offenbaren und zu erzählen. Und das war der Beginn der Gründung meines Instituts. Es ist wunderbar für einen älteren Menschen noch gebraucht zu werden; das ist eine Gottesgnade.

Meine Frau und ich entwarfen ein Konzept für eine Art Volkshochschule - das war 1987. Es dauerte zwei Jahre, bis mein Traum verwirklicht war. Ich hatte viele Hochs und viele Tiefs. Erika ist fantastisch! Bei allen meinen Projekten hat sie voll hinter mir gestanden, und noch immer steht sie hinter mir. Am 15. September 1989 eröffnete ich mein ‚drittes Kind’, das ‚Jüdische Institut für Erwachsenenbildung’.

Dieses Institut ist das einzige Institut der Welt, das in erster Linie für Nichtjuden da ist. Wenn ein Jude etwas über seine Religion, über seine Kultur wissen möchte, weiß er, an wen er sich wenden kann - die Nichtjuden kommen zu uns. Darauf bin ich mächtig stolz. Der Anfang war sehr schwer, aber vor einigen Jahren bekam ich für unsere Arbeit den Renner Preis [Anm.: Dr.-Karl-Renner-Preis], das ist die höchste Kulturauszeichnung Österreichs, die es überhaupt gibt. Ich bekam einen Professorentitel, ich bekam, sowohl von der Bundesregierung als auch vom Staat - verliehen vom Bundespräsidenten - die Auszeichnung für Kunst und Kultur Erster Klasse. Ich bin felsenfest überzeugt, jeder Mensch braucht etwas Ehre, und ich bekam sehr viel Ehre.

Vor zwölf Jahren gründete ich in Wien die Woche des jüdischen Films. Diese Woche waren immer zwei Wochen, aber man nennt sie die ‚Jüdische Filmwoche’. Dieses Jahr wird es aus finanziellen Gründen zum erstenmal keine ‚Jüdische Filmwoche’ geben.

Ich habe auch vor neun Jahren, und darauf bin ich auch mächtig stolz, eine Woche des jiddischen Theaters in Wien installiert. Dieses Jahr kommt wieder das jiddische Theater Tel Aviv mit einem Stück von Ephraim Kishon nach Wien. Ich hoffe, auch Kishon wird anwesend sein. Ich hatte das jiddische Theater aus Montreal, aus Warschau und aus Bukarest in Wien. Meine Großeltern sprachen jiddisch, und in Riga ging ich in die jiddische Schule. Die jiddische Sprache mit ihrer eigenen Kultur ist für mich eine Herzenssprache.

Ich eröffne in der Volkshalle des Wiener Rathauses am 7. September eine riesige Ausstellung: ‚Visa for life’, das heißt, Visa fürs Leben. Diese Ausstellung über Diplomaten in der Hitlerzeit, die über ¼ Millionen Juden durch Visa Erteilung, gegen den Willen ihrer Regierungen, das Leben retteten, wurde 1998 in San Francisco zusammengestellt. Prominentester Diplomat ist der Schwede Raoul Wallenberg [10]. Ich bin mächtig stolz, denn wir zeigen das erste Mal: es gab Menschen, die erkannten, was Ungeheuerliches geschieht. Ich hoffe zeigen zu können, es gab auch solche Menschen, nicht nur Bestien.

Mein nächstes Projekt ist ein Theaterstück für Jugendliche. Eine Freundin aus Montreal, in Kanada, hat mir dieses Konzept geschickt. Es ist ein Stück über 16-18jährige junge Menschen im Warschauer Ghetto. Sie unterhalten sich, sie erzählen über ihr Leben, und sie singen jiddische Lieder. Das Stück heißt ‚Keine Rosinen und keine Mandeln’. Es gibt ein jiddisches Lied ‚Rosinkas’, das sind Rosinen. Das Ende von diesem Stück ist, sie gehen auf die Rampe und werden deportiert. Das will ich hier unbedingt umsetzen. Ich glaube, gerade in dieser Zeit, wo der Antisemitismus in Österreich ein ganz offener ist, müssen solche Stücke gezeigt werden. Gerade weil ich Wien liebe und gern hier lebe.

 

 

 

Glossar

[1] Schuschnigg, Kurt [1897-1977]: Österreichischer Politiker, folgte dem 1934 von Nazis ermordeten Dollfuß im Amt des Bundeskanzlers [bis 11.3.1938]. Schuschnigg setzte die autoritäre Staatsführung von Dollfuß fort, festigte die Bindung an das Italien Mussolinis und propagierte Österreich als zweiten deutschen Staat;. Am 11.3.1938 trat er unter dem Druck
Nazideutschlands zurück und war bis 1945 inhaftiert. 1948 wanderte Schuschnigg in die USA aus.

 

[2] Seyss-Inquart, Kurt [1892-1946]: Österreichischer nationalsozialistischer Politiker, wurde auf Drängen Hitlers 16.2.1938 österreichischer Innenminister im Kabinett Schuschnigg. Nach dessen Rücktritt war Seyß-Inquart vom 11. März bis 13. März 1938 der letzte Regierungschef Österreichs vor dem Anschluss Danach war er Reichsstatthalter der ‚Ostmark’ und ab 1940,Reichskommissar für die besetzten Niederlande'. Seyss-Inquart wurde in Nürnberg zum Tode verurteilt und hingerichtet.

 
[3] Yad Vashem: Nationale Gedenkstätte in Jerusalem zur Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung von Juden durch Nationalsozialisten.

 

 [4] Die Hitlerjugend [HJ] wurde 1926 auf dem 2. Reichsparteitag der NSDAP als nationalsozialistische Jugendbewegung gegründet. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wandelte sich die HJ durch das Verbot sämtlicher konkurrierender Jugendverbände von einer Parteijugend zur Staatsjugend. Ab 1939 war die Mitgliedschaft Pflicht.

 
[5] Birobidschan: Hauptstadt des [gleichnamigen] Jüdischen Autonomen Gebietes in Sibirien, Russland, das 1934 auf Beschluss des Zentralexekutivkomitees ausgerufen wurde. Während der Sowjet-Zeit wurde eine Propagandazeitschrift herausgegeben, die sich ‚Nailebn’ [Neuleben] nannte und neue Siedler anlocken sollte. Juden waren jedoch immer nur eine Minderheit in Birobidschan. Aufgrund der Abwanderung von Juden nach Israel und Europa leben nur noch sehr wenige Juden dort.
 

[6] Novemberpogrom [Kristallnacht]: das [von Goebbels organisierte] spontane deutschlandweite Pogrom in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938. Im Laufe der ,Kristallnacht’ wurden 91 Juden ermordet, fast alle Synagogen sowie über 7000 jüdische Geschäfte im Deutschen Reich zerstört und geplündert, Juden in ihren Wohnungen überfallen, gedemütigt, verhaftet, verschleppt  und ermordet.
 

[7] Chassidismus: Der Chassidismus im osteuropäischen Judentum entstand als Reaktion auf die Pogrome unter Führung des Kosaken Chmelnizki im Jahre 1648, als in Osteuropa über 700 jüdische Gemeinden vernichtet wurden. Neben dem Wert des Studiums der Tora und der mündlichen Überlieferung [Talmud, Kommentare] betont der Chassidismus das persönliche und gemeinschaftliche religiöse Erlebnis. Begründer des Chassidismus ist Israel ben Elieser [1698-1760], genannt Baal Schem Tow.

 
[8] Hitler-Stalin-Pakt: der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, der am 23. August 1939 in Moskau von dem deutschen Außenminister von Ribbentrop und dem sowjetischen Außenminister Molotow unterzeichnet wurde. In einem geheimen Zusatzprotokoll legten die Länder die Aufteilung Nordost- und Südeuropas fest, sofern es zu einer territorialen Umgestaltung kommen sollte. Im Zentrum stand die Teilung Polens.
 

[9] Dimitroff , Georgi [1882-1949]: Bulgarischer kommunistischer Politiker, wurde im Reichstagsbrandprozess [1933] angeklagt, jedoch freigesprochen. 1935 bis 1943 war er Generalsekretär der Komintern in Moskau. 1946 wurde er zum bulgarischen Ministerpräsident gewählt und blieb dies bis zu seinem Tode.

 

[10]Wallenberg, Raoul [1912-?]: 1944 schickte die schwedische Regierung Wallenberg nach Budapest, um Maßnahmen zur Rettung der dortigen Juden anzustreben. Wallenberg verteilte Schutzpässe und organisierte die Unterbringung seiner Schützlinge in über 30 Schutzhäusern.
Zusammen mit anderen Diplomaten gelang es Wallenberg, Zehntausende Juden zu
retten. Wallenberg wurde 1945 von den Sowjets gefangengenommen und nach Moskau
verschleppt. Dort verliert sich seine Spur. Laut Angaben der Sowjetunion ist
Wallenberg 1947 in einem Moskauer Gefängnis gestorben.

 

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Kurt Rosenkranz
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
Juli
Jahr des Interviews:
2003
Wien, Österreich

HAUPTPERSON

Kurt Rosenkranz
Geburtsjahr:
1927
Geburtsort:
Wien
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Geschäftsmann, Einzelhändler

AUDIO - INTERVIEW

Weitere Informationen

Ebenfalls interviewt von:
Shoah Foundation
Interviewdatum:
1997
glqxz9283 sfy39587stf02 mnesdcuix8
glqxz9283 sfy39587stf03 mnesdcuix8