Hillel Kempler

Hillel Kempler und seine Schwester MiriamTel Aviv, Israel

2010
Name des Interviewers: Tanja Eckstein

Hillel Kempler ist der Lieblingsonkel meiner Freundin Ilana. Ilana kommt aus Israel und lebt seit langer Zeit mit ihrer Familie in Wien. Bevor ich Hillel interviewe, erzählt sie mir viel über ihren Onkel. Endlich ist es soweit! Der Taxifahrer, mit dem ich das erste Mal zu Hillel fahre, ruft ihn während unserer Fahrt viermal mit meinem Handy an, um das Haus zu finden. Hillel steht bereits am Gartentor, als ich endlich eintreffe. Wir mögen uns vom ersten Moment an. Seit seinem siebenten Lebensjahr lebt Hillel im heutigen Israel, und sein Deutsch besteht aus vielen erfundenen, aber verständlichen, wunderschönen noch nie gehörten Wörtern. Er erzählt chronologisch, beinahe literarisch, seine Geschichte, um mir die Arbeit zu erleichtern. Seine Frau Ester sitzt immer die vielen Stunden dabei. Sie spricht Jiddisch und kann dadurch unserem Gespräch folgen. Ester ist Künstlerin - ihre Bilder, die sie aus Fasern von Zeitungen und Zeitschriften kreiert, hängen überall im Haus und sind wunderschön. Hillel, der mir nach einer Stunde das Du anbietet, ist sehr stolz auf Ester. Hillels Geschichte ist ein Teil der Geschichte Israels.   

Hillel Kempler starb im April 2014.

Meine Kindheit
Machtergreifung
Flucht nach Palästina
Tel Aviv
Nach dem Krieg
Nachkriegsgeschehnisse
Glossar

Meine Kindheit

Wir waren fünf Geschwister, ich war der Jüngste. Meine Schwester Fanny wurde 1914 und meine Schwester Gusti wurde 1917 in Wischnitza [heute Ukraine] geboren, wo mein Vater Nathan David Kempler und meine Mutter Liebe Kempler bis 1918 gelebt haben. Wischnitza gehörte zu Galizien, das Teil der Österreichisch - Ungarischen Monarchie war. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zerfall der Monarchie, sah mein Vater in Wischnitza  keine Zukunft für die Familie, und meine Eltern übersiedelten nach Berlin. Mein Bruder Isi ist 1919, meine Schwester Miriam 1923, und ich bin am 26. Oktober 1925 in Berlin geboren.

Mein Vater ist in Lemberg [heute Ukraine] geboren. Seine Familie habe ich nie gesehen. Mit 14 Jahren wurde er Lehrling in einer Konditorei und 1906 bekam er seine Urkunde als Geselle der Lebkuchenbäckerei. Danach hat er seinen Meister gemacht. Im Ersten Weltkrieg wurde mein Vater Soldat beim österreichischen Militär und war in Albanien stationiert. Manchmal hat er uns erzählt, wie schrecklich der Krieg war. Er wurde krank, bekam Malaria und konnte dadurch nicht mehr kämpfen. Er hat dann für die Offiziere gekocht.

Ich glaube, die Familie meines Vaters ist im Zweiten Weltkrieg umgekommen, aber ich weiß nicht, wer dazu gehörte. Ich weiß nicht einmal die Namen meiner Großeltern. Im Jahre 2000 passierte etwas Interessantes. Das hatte mit dem Berliner Jüdischen Museum zu tun. Ich war ein Jahr vor der Eröffnung des Museums mit meiner Frau Ester in Berlin zu Besuch. Jemand erzählte mir, dass es Führungen durch das noch nicht eröffnete Museum gibt. Das Gebäude war schon fertig, aber es war noch leer. Mich hat das interessiert, und wir sind zu einer Führung gegangen. Ich habe dann zu dem Mann, der durchs Museum geführt hat, gesagt, dass ich in Berlin geboren bin. Das hat ihn sehr interessiert, wir sind dann in Verbindung geblieben, und ich habe dem Museum einige meiner Familienfotos und Dokumente übergeben.
Zur Eröffnung des Museum wurden meine Frau und ich von der Stadt Berlin eingeladen. Das war sehr aufregend für mich, fast 70 Jahre nach der Flucht meiner Familie aus Berlin nach Palästina, war ich Gast bei der Eröffnung des Jüdischen Museums in Berlin. Menschen aus aller Welt waren dabei. Und in einem der Räume hängt auch ein Foto meiner Familie.
Einige Jahre später hat ein Ehepaar aus Texas das Museum besucht. Sie haben sich sehr für das Foto meiner Familie interessiert und sind ins Büro gegangen, um nachzufragen, von wem das Foto stammt. Der Mann aus Texas hieß auch Kempler. Die Leute im Büro haben ihm keine Informationen gegeben, aber sie haben uns seine Adresse geschickt und uns geschrieben, wenn wir wollen, können wir mit denen in Kontakt treten, aber sie dürften keine Informationen heraus geben. Meine Tochter Diza, die sich sehr für die Genealogie unserer Familie interessiert, hat das sofort in die Hand genommen. Sie hat nach Texas geschrieben und auch am Telefon mit dem Herrn Kempler gesprochen. Es ist bewiesen: ja, das ist meine Familie. Sie haben uns Bilder geschickt, und da haben wir gesehen, dieser Herr Kempler ist meinem Vater sehr ähnlich. Und seither, immer zu Rosch Haschana [1], schicken wir Wünsche an sie. Das ist geblieben. Vielleicht werden wir uns noch einmal begegnen.

Meine Mutter hieß mit Mädchennamen Ettinger. Diese Familie lebte in Wischnitza, wo auch meine Schwestern Fanny und Gusti geboren wurden. Ich glaube, meine Eltern haben in Wischnitza geheiratet. Wie und wo sie sich kennengelernt haben, weiß ich nicht. Aber sie kommen beide aus sehr religiösen Familien, und damals gab es Schadchen [Anm.: Heiratsvermittler], die die Ehepartner im Auftrag der Familie vermittelt haben.

Gleich nach dem Ersten Weltkrieg sind meine Eltern mit meinen Schwestern Fanny und Gusti nach Deutschland ausgewandert, denn die Lage nach dem Krieg war in Wischnitza und der ganzen Gegend dort sehr schwer. Mein Vater war ein sehr ambitionierter Mensch. Er wollte es zu etwas bringen im Leben. Er hat sich vorgestellt oder gehört, das weiß ich nicht, dass es in Deutschland mehr Chancen gibt beruflich weiterzukommen.

In Berlin hat er die koschere Konditorei ‚Krakauer Cafe und Konditorei’ in der Grenadierstrasse [heute Almstadtstraße] 20 eröffnet. In der Konditorei meines Vaters gab es eigene Backwaren, auch außer Haus wurden sie geliefert, man konnte frühstücken und zu Abend essen. Ich besitze eine Fotografie der Konditorei, da steht das alles drauf.
Die Grenadierstrasse war eine jüdische Strasse im berühmten Berliner Scheunenviertel. Das Scheunenviertel befand sich zwischen dem Hackeschen Markt und dem heutigen Rosa-Luxemburg-Platz. Der Rosa-Luxemburg-Platz hieß in der Zeit, in der ich dort gelebt habe, Bülowplatz. Im Scheunenviertel wohnten damals viele sehr religiöse Juden mit Pejes [2] und Kaftanen, modernere Juden wie mein Vater und seine Freunde, Arbeiter und Geschäftsleute. Zuerst hat mein Vater die Konditorei gemietet, dann hat er sie gekauft. Es war eine berühmte Konditorei, sie hatte einen guten Namen. In der Konditorei gab es Kaffee und verschiedene Kuchen: Käsekuchen, Apfelkuchen, Strudel und so ne Sachen, und es gab sogar Eiscreme und Bier. Die Konditorei war ziemlich klein. Man ging von der Strasse drei oder vier Stufen hinunter, denn sie lag im Halbkeller. Es gab zwei Räume mit Tischen für die Gäste, daneben waren noch zwei Räume, in einem war auch die Backstube mit den Maschinen. Mein Vater hatte einen Gehilfen, aber auch meine Mutter hat manchmal, wenn viele Gäste da waren, mitgearbeitet. Woran ich mich auch noch erinnere, ist, dass mein Vater, nachdem er Erfolg mit der Konditorei hatte, ich weiß nicht genau, in welchem Jahr es war, aber das muss ungefähr 1931 gewesen sein, gegenüber unserer Konditorei ein großes Cafe gemietet hat. Das Cafe existierte aber nicht lange, es ist nicht gegangen. Es war scheinbar zu groß für ihn. Ich weiß, dass es da war, und dann wieder weg war.

In unserer Konditorei traf sich regelmäßig eine kommunistische Gruppe. Das waren ungefähr zehn bis fünfzehn Leute. Sie haben viel Zeit in der Konditorei verbracht. Ich weiß, dass es jüdische und nichtjüdische Kommunisten waren. Sie haben Informationen ausgetauscht und Spiele gespielt, an Domino kann ich mich gut erinnern. Auch ich habe sehr gern Domino gespielt. Oft haben sie mich gerufen: komm Hillel, spiel mit uns! Und ich war immer sehr stolz, dass ich mit ihnen spielen durfte. Sie haben Bier und Kaffee getrunken und viel Käsekuchen gegessen. Der Käsekuchen meines Vaters war nämlich ganz berühmt. Sie haben immer alles bezahlt. Mein Vater war ein frommer Jude, er hat nichts von Politik verstanden, denn Politik hat ihn überhaupt nicht interessiert. Für ihn war es gut, dass die Kommunisten zu ihm gekommen sind, weil sie viel konsumiert haben. Das war sein Interesse. Unsere Strasse war sehr jüdisch, aber mit den Kommunisten haben wir gut zusammen gelebt. Natürlich wusste ich damals nicht, was ein Kommunist ist.

Im Scheunenviertel gab es viele koschere Geschäfte und sehr viele Synagogen. Diese Synagogen waren keine Extragebäude. Man hat damals nur ein oder zwei Zimmer gemietet und dort eine Synagoge eröffnet. Ich war in vielen so kleinen Stiblach  [Betstuben] oder Stibel. Stiblach heißt auf Jiddisch Zimmer. An diese vielen Stiblach kann ich mich noch gut erinnern.

Meine Eltern waren religiös. Mein Vater hat jeden Tag am Morgen die Tefillin [3] gelegt, und am Freitagabend und am Samstag ist er in sein Stibel gegangen. Seine ganzen Freunde waren im  Stibel, und sein gesellschaftliches Leben war um das Stibel herum. Mein Vater trug einen Bart, aber er war ein moderner Orthodoxer. Anhand der Kleidung hat man ihm nicht angesehen, dass er sehr fromm war, und als die Nazis 1933 an die Macht kamen, hat er seinen Bart sofort abrasiert.

Natürlich waren wir koscher [4] und durften an Schwein nicht einmal denken. Mein Bruder Isi, er war sechs Jahre älter als ich, hat mich eines Tages an die Hand genommen und gesagt: komm Hillel, wir gehen Würstchen kaufen. Auf den Strassen standen kleine Wagen, die Würstchen verkauften. Natürlich waren diese Würstchen aus Schweinefleisch. Isi hat mich zu so einem Wagen genommen, ist dann so rumgeschlichen um den Wagen, damit niemand uns sieht. Dann hat er sich an eine Ecke des Wagens gestellt und uns beiden ein paar Würstchen gekauft. Wir sind mit den Würstchen schnell in die nächste Strasse gelaufen und haben sie in einem Hauseingang gegessen. Isi hat mich dann beschworen: Hillel, du darfst das Niemanden erzählen. Und ich habe jahrelang Angst gehabt, es wird jemand wissen und weitererzählen, dass ich Schweinewürstchen gegessen habe. Aber das war so ein starker Reiz, das Verbotene! Isi wollte das unbedingt mal probieren. Wir dachten noch, wer weiß, was uns nach dem Verzehr der Würstchen passieren wird.

Meine Eltern haben eine Mischung aus Deutsch und Jiddisch gesprochen, aber sicher war das mehr Jiddisch als Deutsch. Manchmal sind sie auch in ein jiddisches Theater gegangen, davon gab es viele in Berlin. Meine Schwestern, nehme ich an, haben Hochdeutsch gesprochen, weil sie in Berlin in das jüdische Gymnasium gegangen sind. Ich habe immer mit vielen Kindern auf der Strasse gespielt. Alle Kinder waren damals auf der Strasse, und man hat mir, als ich nach Israel gekommen bin, gesagt: ich kenn deine Sprache, du kommst aus Berlin. Ich hatte ein bisschen den Berliner Slang von den Kindern auf der Strasse angenommen.

Unsere Wohnung war auch in der Grenadierstrasse, genau gegenüber der Konditorei meines Vaters. Die Wohnung hatte sechs Zimmer. Sie war im zweiten Stock. Es gab einen Salon, das war ein großer Raum. In dem Salon stand ein langer Tisch für zwölf Leute, der sehr teuer gewesen war. Ich kann mich ganz genau erinnern. Und es gab eine große Kommode und eine Standuhr, die einmal in der Woche aufgezogen werden musste. Das durfte nur mein Vater, niemand sonst. Meine Eltern waren sehr stolz auf alles, was sie sich geschaffen hatten. Mein Vater machte meiner Mutter oft Geschenke, einmal hat er ihr sogar einen Persianermantel gekauft. Das war natürlich etwas ganz Besonderes. 1933 hat sie den Persianermantel mit unseren Umzugskisten nach Palästina geschickt, aber hier konnte sie ihn natürlich nicht mehr gebrauchen.

Wir hatten zwei Hausmädchen, die sich um uns Kinder gekümmert haben. Eine hieß Herta. Sie war ein junges Mädchen.

Bevor ich in die Volksschule gekommen bin, bin ich nachmittags in ein Stibel gegangen. Da waren ein Rabbi und noch ein paar Kinder, und wir haben Religion und Hebräisch lesen gelernt. Als mein Bruder Isi klein war, war er sicher auch in so einem Stibel. Später sind wir in eine ganz normale Volksschule eingeschult worden.

Meine Mutter war eine schöne Frau, und sie war eine liebevolle Mama. Als kleines Kind war ich einmal sehr krank, ich hatte so merkwürdige blaue Flecken an den Beinen und musste ein paar Monate in ein Genesungsheim in der Nähe von Hamburg. Was das für eine Krankheit war, weiß ich nicht. Durch die Krankheit wurde ich sehr verwöhnt. Aber da ich der Jüngste war, wurde ich auch von meinen Geschwistern sehr verwöhnt. Meine Schwestern haben sich viel um mich gekümmert, wir waren alle sehr nah zueinander.

Am Freitag, am Schabbat, haben wir immer an dem großen Tisch im Salon gegessen. Wir waren alle so stolz, denn nur am Schabbat und an den hohen Feiertagen haben wir an dem großen Tisch gesessen. Während der Woche ist jeder zu einer anderen Stunde nach Hause gekommen, und wir haben nicht zusammen gegessen.

Wir hatten oft Gäste, Freunde meines Vaters und zwei Schwestern meiner Mutter, die mit ihren Familien auch in Berlin lebten. Meine Mutter hatte viele Geschwister, es waren zehn Kinder in dieser Familie. Die meisten lebten in Polen und ein Bruder in der Tschechoslowakei. Über diesen Onkel weiß ich nichts, nur, dass er dort lebte. Meine Tante Loni in Berlin war verheiratet mit Michael Stricks. Seinen Beruf weiß ich nicht mehr. Sie hatten drei Kinder: Harry war zwei Jahre jünger als ich, Edith, in Israel Ester und Herta, in Israel Chaya. Allen ist die Flucht nach Palästina gelungen. Ester starb in den 1990ern an Parkinson, und Chaya lebt heute noch in Tel Aviv. Meine Tante Lene war Witwe. Sie wohnte auch in der Grenadierstrasse. Tante Lene hatte auch drei Kinder, die Tochter hieß Loni, sie ist in den 1980ern in Ramat Gan gestorben, und die zwei Burschen waren Adolf und Jossel. Die drei Kinder haben es auch nach Palästina geschafft, nur Tante Lene ist in Berlin geblieben und wurde ermordet [Helene Eitinger, geb. Ettinger, geb. 24.8.86 in Wisnicz, 1.3.1943 nach Auschwitz, aus: Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, Edition Hentrich, Berlin, 1995].

Vor Pessach [5] wurde die ganze Wohnung sauber gemacht, gekocht, und das Pessachgeschirr wurde heraus geholt. Das Geschirr, das wir das ganze Jahr benutzt haben, wurde weggestellt. Der Sederabend [6] war ein ganz besonderer Abend. Auf unserem großen Tisch im Salon lag eine große weiße Tischdecke mit religiösen Zeichen. Auf dem Tisch stand ein Teller mit fünf Abteilungen, das war die Sederschüssel. Darauf waren verschiedene Sachen zum Essen, die alle symbolischen Charakter haben. Drei Mazzot [7] befanden sich in einem Kissen mit drei Etagen. Eine Mazza hat mein Vater rausgenommen, durchgebrochen, und eine Hälfte davon hat er versteckt. Das war der Afikoman [8]. Wir Kinder mussten den Afikoman suchen und finden. Mein Vater durfte das Essen nicht beenden, bis er nicht den Afikoman zurück bekommen hatte. Wer das Stück Mazza gefunden hatte, durfte am Ende des Essens an diesem Abend, das waren ein paar Stunden, von meinem Vater etwas verlangen. Das konnte ein Buch sein oder ein Spiel. Dann haben er, meine Mutter und meine Schwestern, den Afikoman rund gebissen, ein Loch wurde in die Mitte gemacht, und oben in einem der Zimmer war ein Nagel, an den der Afikoman angehängt wurde. Dort blieb er bis zum nächsten Pessach.
Mein Vater trug am Sederabend einen Mantel aus Satin. Den Mantel musste er über den Kopf anziehen. Die Ärmelaufschläge waren bestickt mit Silberfäden, und auf dem Kopf trug mein Vater eine flache Mütze, die auch mit Silberfäden bestickt war. Wie ein König ist er gesessen. Er durfte nicht auf einem Stuhl sitzen, es wurden für ihn zwei Fauteuils zusammengestellt, und er ist so halb gesessen und halb gelegen. Das war die Tradition: wenn er der König ist, sollte er auch wie der König sitzen. Heute, wenn wir zu Hause die Haggadah [9] lesen, springen wir immer schnell weiter, denn wir wollen essen. Aber mein Vater hat die ganze Haggadah gelesen, und das hat einige Stunden gedauert. Wir haben unseren Vater geliebt, und wir hatten Respekt vor ihm.

Meine  Mutter las oft in der jiddischen Frauenbibel - Ze'enah und Re'enah heißt diese Bibel. Das ist eine ganz bekannte Bibel für jüdische Frauen [schon im Mittelalter wurden in Polen zahlreiche Editionen der jiddischen Frauenbibel „Ze'enah und Re'enah" gedruckt]. Diese Bibel war in jiddischer Sprache geschrieben. Sie hat uns oft, auch als wir schon in Tel Aviv waren, am Schabbat die Geschichten aus der Bibel erzählt. Ich weiß nicht, wo das Buch geblieben ist. Ich würde es sehr gern besitzen, aber es ist verschwunden.

Es war Tradition, dass in einem jüdischen Haus ein Teil der Wand eines Zimmers, nicht groß, einen Meter vielleicht, nicht gestrichen wurde. Das sollte an die Geschichte der Juden erinnern. Bei uns in Berlin war das auch, nicht im Salon, aber in einem der oberen Zimmer.

Wir waren eine richtige Berliner Familie, wir haben uns viel amüsiert. Wir sind oft herum gefahren, samstags waren wir immer unterwegs. Auch mein Vater war dabei, denn die Konditorei war samstags geschlossen. Wir waren zum Beispiel am Wannsee und im Grunewald. Wir gingen zum Alexanderplatz, der ja ganz in unserer Nähe war. Auf dem Alexanderplatz gab es immer Märkte und häufig auch Zirkusse. Ich  kann mich auch noch an einen Zeppelin aus New York erinnern, der in Berlin gelandet ist. Auch da waren wir dabei, die ganze Stadt war dort. Das Kino Babylon befand sich in der Nähe der Grenadierstraße, am Rosa-Luxemburg-Platz, gegenüber der Berliner Volksbühne [Anm.: bekanntes Berliner Theater]. Im Babylon war ich oft, das habe ich gut gekannt. Ich habe da mit meinem Bruder Isi oder meiner Schwester Gusti komische Filme gesehen, das waren noch Stummfilme, Bilder ohne Sprache, und auf dem Platz vor der Volksbühne [Anm.: bekanntes Berliner Theater] bin ich im Winter mit anderen Kindern auf dem Eis geschliddert. Wir hatten auch gute Beziehungen zu Nichtjuden. Das war ganz normal, das war egal, ob Jude oder Nichtjude. Man hat sich akzeptiert. Ich hab ‚Jude’ niemals in Verbindung mit etwas Negativem von den Bewohnern in unserer Strasse gehört. In der Schule vielleicht, ich war aber nur ein halbes Jahr dort.

Bevor ich in die Schule kam, konnte ich schon lesen. Ich habe Lesen immer geliebt. Was ich in die Hände bekam, hab ich gelesen. Und wenn ich auf der Strasse gegangen bin, habe ich an den Geschäften die Schilder gelesen. Vielleicht kam das durch meine Geschwister, die mir immer Zeitungen und Journale gegeben haben. Ich war dann in Berlin nur noch ein halbes Jahr in der Schule, und ich lese heute noch gut Deutsch, das ist schon erstaunlich.

Ich wurde 1932 in die Volksschule in der Gipsstrasse eingeschult. Natürlich bekam auch ich zur Einschulung eine Zuckertüte, wie das schon damals üblich war. Ich habe ein Foto von mir mit Matrosenanzug und Zuckertüte. Diese Zuckertüte hatten jüdische und nichtjüdische Kinder. Ich weiß nicht, wie viele Kinder in meiner Klasse jüdisch waren, das hat mich damals nicht interessiert. Meine Geschwister waren alle in verschiedenen Schulen, alle in der Gegend. Meine Frau Ester und ich haben einmal meine Schule in der Gipsstrasse besucht. Wir wollten alles anschauen. Das erste Mal hab ich die Strasse gesucht, und ich hab sie nicht gefunden. Wir waren dann noch einmal in Berlin, da hatte ich die richtige Adresse. Wir sind in die Schule gegangen, und ich habe dort nach verschiedenen Dingen gesucht, habe versucht, mich zu erinnern, aber ich hab nichts Richtiges gefunden.

An die Bar Mitzwa meines Bruders Isi kann ich mich nicht mehr erinnern. Die muss 1932 in Berlin gewesen sein.

Wenn Hitler nicht gekommen wäre, wären wir bestimmt in Berlin geblieben.

 

Machtergreifung

Ich will von dem Tag erzählen, an dem sich alles verändert hat. Nachdem Hitler die Wahlen im Januar 1933 gewonnen hatte, sind die Nazis gleich durch die Straßen gezogen und haben Fensterscheiben zerschlagen. Sie trugen braune Uniformen und Stiefel. Ich sehe das noch genau vor mir.
Unter uns wohnte die Familie Süßapfel. Eines nachts haben wir aus der Wohnung der Familie Süßapfel schrecklichen Lärm gehört. Wir sind alle davon aufgewacht. Mein Vater war zu dieser Zeit noch in der Konditorei und bereitete alles für den nächsten Tag vor. Herta, unser Hausmädchen, hat schnell unsere Wohnungstür verschlossen. Ich glaube, was ich darüber noch weiß, sind Dinge, an die ich mich erinnere und Dinge, die mir erzählt wurden. Ich kann das nicht differenzieren. Wir waren sehr aufgeregt. Herta hat gesagt, dass man die Familie unten schlägt und wir nicht hinaus gehen dürfen. Isi, mein Bruder, hat sich an unsere Wohnungstür gestellt und wollte genau hören, was da unten los ist, aber Herta hat ihn immer weggejagt. Es waren schreckliche Geräusche, und dann war es plötzlich still. Eine längere Zeit haben wir gewartet, dann hat Herta die Tür aufgeschlossen und ist runter gegangen. Als sie zurück kam hat sie uns erzählt, dass die Nazis in der Wohnung der Familie Süßapfel waren und den Mann und die zwei Söhne geschlagen haben: sie haben sie an die Wand gestellt und mit dem Kopf an die Wand geschlagen. Ich weiß nicht, was sie wollten. Herta hat uns erzählt, dass die Wand rot vom Blut war. Als die Nazis weg waren, wollte die Familie einen Arzt zu Hilfe holen, aber niemand wollte kommen. Dann haben sie einen Ambulanzwagen bestellt, der ist auch nicht gekommen. Dann ist der Vater mit seinen zwei Söhnen zu Fuß in ein Krankenhaus gegangen. Sie haben sich geschleppt, und dort hat man sie bandagiert. Danach sind sie nach Hause gekommen. Niemand wusste damals, ob die Nazis offiziell dort waren oder ob man bei der Polizei Anzeige erstatten kann. Als sie Anzeige bei der Polizei erstatten wollten, wurden sie weggejagt. Ein paar Tage später, ich weiß nicht, wer uns das erzählt hat, stand im Ereignisprotokoll der Polizei: Grenadierstrasse 36, 1 Uhr nachts, Streit zwischen Vater und zwei Söhnen, Söhne waren betrunken, die Leute wurden verwarnt, dass so etwas nicht wieder passieren darf.
Diese Nacht hat mein Leben verändert. Von Politik habe ich noch nichts verstanden, aber dass man einfach in eine Wohnung gegangen ist, die Leute geschlagen hat und das Blut in der Wohnung, das habe ich mir gemerkt.
Vorher war alles in Ordnung, und plötzlich ist so etwas Schreckliches passiert.

Die Kommunisten, die in unserer Gegend gewohnt haben, haben meinen Vater gekannt. Es gab auch Kommunisten, die sind in dieser Zeit zu den Nazis übergelaufen. Manche haben gedacht, mein Vater ist  Kommunist. Deshalb wurde mein Vater im April, kurze Zeit nach dem schrecklichen Ereignis mit der Familie Süßapfel, eines Tages, mitten in der Nacht, von den Nazis gesucht. Sie haben an die Haustür geschlagen. Frau Heinz, die Portiersfrau, hat das gehört. Sie hat gleich verstanden, was da passiert. Frau Heinz war Christin. Wir hatten eine sehr gute Beziehung zu ihr. Sie hatte immer viel Kuchen von meinem Vater geschenkt bekommen. Auch den Kommunisten hatte mein Vater oft Kuchen mitgegeben. Er wollte eine gute Beziehung, und er war ein sehr lieber Mensch.
Frau Heinz ist ganz schnell von einer Hintertür vom Hof zur Backstube meines Vaters gelaufen und hat gerufen: Herr Kempler, Herr Kempler, kommen Sie schnell! Dann hat sie meinen Vater in ihren Holzkeller geschoben und die Nazis reingelassen. Sie hat gesagt: ich weiß nicht, wo der Herr Kempler ist, seit heute Nachmittag habe ich ihn nicht mehr gesehen. Die Nazis sind in die Bäckerei gestürmt und haben geschrien: wo ist der Jude, wo ist der Kommunist! Sie haben alle Tische umgeworfen und die Maschinen und Möbel kaputt geschlagen. Frau Heinz hat daneben gestanden und hat so getan, als wüsste sie nicht, wo mein Vater ist. Dann sind die Nazis weggegangen, nachdem sie Frau Heinz zwei Ohrfeigen gegeben haben. Mein Vater ist in die ganze Nacht im Keller geblieben.

Herr Meier war Mitglied der Kommunistischen Partei in Berlin und gehörte zu der Gruppe der Kommunisten, die regelmäßig zu meinem Vater kamen. Schon seit zwei Tagen sahen wir Herrn Meier in brauner Uniform auf der Strasse. Er ging zum SA-Büro [10] und wollte mit dem Kommandanten sprechen. Er erzählte denen, dass die Kommunistische Partei ihm geholfen hatte, als es ihm und seiner Familie sehr schlecht ging. Er war arbeitslos und die Kommunisten gaben ihm Bons für Essen und für Kohlen für den Winter, und seine Kinder bekamen Kleidung und Schuhe und seine Frau einen warmen Mantel. Nur deshalb war er Mitglied der Kommunistischen Partei geworden. Jedes Mal, wenn er in dem jüdischen Kaffee gewesen war, habe er Kuchen für seine Frau und seine Kinder bekommen und manchmal sogar Karten für den Zirkus. Er wisse, dass die jüdischen Kapitalisten an der Inflation Schuld seien, aber ein Kommunist sei der Herr Kempler nicht gewesen. Die Kommunisten waren zu dieser Zeit bereits in den Untergrund gegangen. Vielleicht war der Herr Meier einer, der gar nicht übergewechselt war, sondern einer, der durch den Eintritt in die SA nur helfen wollte und gar nicht seine Gesinnung abgelegt hatte, denn er hat dann meinem Vater geholfen, erst einmal unterzutauchen. 

In der Umgebung von Berlin gab es viele Dörfer. Die Bauern sind mit Pferdewagen durch die  Strassen gefahren und haben gespaltenes Holz für die Winteröfen gegen Kartoffelschalen getauscht. Auch meine Mutter hat die Kartoffelschalen gesammelt und sie gegen Holz getauscht. Mit den Kartoffelschalen haben die Bauern ihre Schweine gefüttert. Alle Leute in unserer Strasse haben das damals so gemacht.

Herr Meiers Verwandter war so ein Bauer mit einem Bauernhof. Er kam mit seinem Pferdewagen am nächsten Tag vor die Bäckerei gefahren. Er hatte spezielle Kleidung für meinen Vater mitgebracht. Mein Vater ist auf den Wagen gestiegen, und sie haben Berlin verlassen. Mein Vater hat ihm dafür 500 RM [Anm.: Reichsmark] gegeben.
Meine Schwester Fanny war damals 19 Jahre alt. Sie ging mit meiner Mutter zum englischen Konsulat, weil Palästina zu dieser Zeit unter englischem Protektorat stand, und sie haben ein Touristenvisum für meinen Vater besorgt, damit er nach Palästina flüchten konnte. Vor dem Konsulat standen viele Frauen, wenige Männer und auch SA Leute. Zu dieser Zeit hatten die SA-Leute noch ein wenig Respekt vor Frauen. Die wenigen Männer, die sich dort angestellt hatten, haben sie beleidigt, aber nicht geschlagen. Meine Mutter musste beim englischen Konsulat viel Geld für das Touristenvisum bezahlen. Das war der Pfand dafür, dass mein Vater nach Berlin zurück kommt.
Fanny und Gusti waren durch die zionistische Jugendorganisation Tchelet Lavan [Blau-Weiß]. politisch gebildet, und haben gleich verstanden, dass mein Vater schnell Deutschland verlassen musste, weil die Nazis nicht aufhören würden, ihn zu suchen.

Mein Vater blieb solange bei dem Bauern auf dem Dorf, bis er völlig unbelästigt mit seinen Reisepapieren mit der Bahn durch die Schweiz nach Italien und von Italien mit dem Schiff nach Palästina fahren konnte. Zu dieser Zeit war das noch möglich. Die Nazis hatten für solche Personen wie meinen Vater noch keine Suchlisten, das kam erst später. Das war damals zum Glück noch primitiv.

Mein Vater war weg, meine Mutter war allein mit uns Kindern. Ich nehme an, dass es für sie furchtbar war. Aber ich habe es als Kind nicht bemerkt. In der Bäckerei war noch der Gehilfe meines Vaters. Meine Mutter hat mit dem Gehilfen besprochen, dass er und sie weiter backen. Gäste sind in die Konditorei nicht mehr reingekommen, aber die Leute sind noch ins Geschäft gekommen, haben gekauft und sind wieder gegangen. Ich nehme an, dass niemand drin sitzen wollte, weil das schon gefährlich war. Denn wenn jemand drin gesessen wäre, hätte man gleich gesagt: du bist auch ein Kommunist.
Zu dieser Zeit haben die Nazis Jagd auf Kommunisten und Juden gemacht. Wenn sie in der Straße Juden gesehen haben, haben sie sie geschlagen. In den Straßen, wo jüdische Geschäfte waren, haben sie die Fenster zerbrochen. Mein Vater hatte auch mal Schläge bekommen, aber das war, bevor sie ganz aggressiv wurden. Alles hat relativ langsam begonnen. Das hat nicht in einer Nacht angefangen - langsam, langsam!

 

Flucht nach Palästina

Meine Mutter wusste nicht, was passieren wird, sie hat aber verstanden, dass es nicht mehr gut werden wird. Sie hat gesagt, entweder unser Vater kommt zurück, und wir fahren gemeinsam irgendwohin, nach Polen vielleicht, oder mein Vater wird in Palästina bleiben und sie wird mit den Kindern zu ihm fahren. Sie ist wieder auf das englische Konsulat gegangen und hat dort gefragt, ob sie ein Visum nach Palästina haben kann. Nein, du kannst überhaupt nichts haben, weil dein Mann nach Palästina mit einem Touristenvisum gefahren ist unter der Bedingung, dass er zurück kommt, hat ihr der Beamte dort gesagt. Bis er nicht nach Berlin zurück gekommen ist, hatte meine Mutter keine Chance, ein Visum nach Palästina für uns zu bekommen. Sie hat noch mit den Beamten diskutiert, aber das hat nichts geholfen. Dann ist Fanny zum englischen Konsulat gelaufen. Auch sie konnte die Beamten dort nicht davon überzeugen, meiner Mutter ein Visum zu geben. Da hat meine Mutter beschlossen, vielleicht hat sie sich auch beraten mit Familie und Freunden, dass sie durch Europa mit der Bahn und Bussen fahren wird, und mit einer  Fähre nach Palästina würde man schon mitgeschmuggelt werden. Ich war sieben Jahre alt, Miriam war neun und mein Bruder Isi war vierzehn.

Meine Schwestern sind in Berlin geblieben. Fanny hat der Mutter versprochen, dass sie sich um Gusti kümmern wird, und die Chancen, dass sie mit der Jugendorganisation nach Palästina kommen sehr gut sind.

Meine Mutter hat alles, was sich in der Konditorei befand, verkauft und verschenkt. Ein Spediteur hat uns geholfen Pakete für Palästina zu packen. Möbel konnten wir natürlich nicht mitnehmen, aber andere wichtige Sachen. Der Spediteur hat alles genommen und nach Palästina geschickt. Viele Fotos hat meine Mutter nicht mitgenommen, deswegen habe ich auch nur wenige. Meine Schwestern wurden nach unserer Abreise durch die Jugendorganisation betreut.

Meine Mutter hatte Geld für die Reise. Ein Visum für die Tschechoslowakei zu bekommen war nicht schwer. Viele Juden aus Berlin sind regelmäßig nach Karlovy Vary [heute Tschechien] zur Kur gefahren. Auch meine Mutter war fast jedes Jahr in Karlovy Vary.

Wir fuhren mit dem Zug von Berlin nach Karlovy Vary. Koffer hatten wir nicht viele, zwei glaube ich. Einen hat meine Mutter geschleppt und einen mein Bruder Isi. Wir kamen ohne Probleme in Karlovy Vary  an. Ich habe mich auf der Fahrt amüsiert. Es hat mir gefallen, ich habe an Probleme nicht gedacht, und ich habe gewusst, dass wir zu meinem Vater fahren.

Das Hotel in Karlovy Vary, in das wir gingen, war ziemlich leer, weil die deutschen Juden nicht mehr hingefahren sind. Ungefähr zwei Tage blieben wir dort. Ich glaube, meine Mutter hatte eine Bekannte im Hotel, die uns geholfen hat. Von Karlovy Vary sind wir nach Prag gefahren. Dort hatte meine Mutter Verbindung zu einer jüdischen Organisation. Im Büro der jüdischen Gemeinde haben wir einen Mann getroffen, der uns die Altstadt von Prag mit den Synagogen gezeigt hat, auch die Altneusynagoge, und er hat uns die Geschichte vom Golem erzählt. Viele, viele Jahre später war ich noch ein paar Mal in Prag, dieser schönen Stadt. Nach ein paar Tagen hatte meine Mutter, was nicht so leicht war, ein Visum nach Budapest bekommen. Dieses Visum galt aber nur für zwei Tage. Wir sind mit der Bahn nach Budapest gefahren.
Budapest ist eine wunderschöne Stadt. Auch in Budapest war ich später noch einige Male, darum kann ich mich nicht so genau daran erinnern, was ich damals gedacht habe. Wir haben wieder in einem Hotel gewohnt, und meine Mutter hat alles erledigt. Wir wollten nach Jugoslawien fahren, und nach zwei Tagen hatte meine Mutter das Visum, was auch nicht leicht war. Wieder saßen wir im Zug, diesmal nach Belgrad.

Meine Mutter hatte schon von Berlin aus eine Verbindung zum Leiter des jüdischen Komitees in Belgrad hergestellt Er hieß Spitzer, seinen Vornamen weiß ich nicht, für mich war er Herr Spitzer. Er gehörte zum Vorstand der Firma Philipps in Belgrad und war ziemlich wohlhabend - nicht reich, aber wohlhabend. Er hat in einem großen Geschäft gearbeitet. Herr Spitzer hat jemanden zum Bahnhof geschickt und hatte für uns auch schon ein Zimmer gemietet, und das alles auf Kosten der jüdischen Gemeinde. Er hat gesagt: ihr seid hier unsere Gäste! Er hatte verstanden, wie schwierig unsere Lage war. Meine Mutter hatte noch Geld, aber sie wusste ja nicht, wie viel sie noch brauchen wird. Drei Wochen waren wir in Belgrad, weil es meiner Mutter zuerst nicht gelungen ist, trotz Hilfe von Herrn Spitzer, ein Visum durch Bulgarien zu bekommen. In dieser Zeit haben sich meine Mutter und die Frau von Herrn Spitzer sehr befreundet, das war eine schöne Verbindung. Wir waren auch immer am Freitag zum Schabbatessen zu ihnen eingeladen. Nach drei Wochen war es meiner Mutter gelungen, dass wir ein Durchreisevisum für Bulgarien bekamen.

Dann passierte etwas Schreckliches. An der Grenze nach Bulgarien haben uns die Bulgaren  nicht reingelassen, denn meine Mutter hatte einen Pass, da waren meine Schwester Miriam und ich eingetragen. Aber für meinen Bruder Isi hatte sie nichts. Isi war damals 14 Jahre alt. Er brauchte einen Pass, ohne Pass ließen sie ihn nicht ins Land. Wie ich viel später erfahren habe, hatten die Bulgaren zu dieser Zeit schreckliche Angst vor Kommunisten und kommunistischen Jugendlichen, die aus Bulgarien ein kommunistisches Land machen wollten. Und nun wussten sie nicht, ist Isi ein Komsomolze oder ist er der Sohn von Frau Kempler, wie diese das behauptete. Um einen Pass für Isi zu besorgen, hätte meine Mutter nach Polen fahren müssen. Die Beamten sagten, es tut uns leid, ihr könnt nicht ins Land, wenn der Junge keinen Pass hat. Oh Gott, das war schrecklich! Der Zug ist ohne uns losgefahren, und wir mussten wieder zurück nach Belgrad. Meine Mutter hat sofort Herrn Spitzer in Belgrad angerufen. Zum Glück, dass wir ihn hatten! Er hat uns auch dieses Mal einen Chauffeur zum Bahnhof geschickt. Das Zimmer, in dem wir gewohnt hatten, war noch frei, und wir sind wieder eingezogen. Ich nehme an, Herr Spitzer hat sich dann beraten. Nach einigen Tagen ist er gekommen und hat zu meiner Mutter gesagt: es gibt nur eine Lösung, der Junge ist vierzehn Jahre alt, mit vierzehn Jahren kann er als Lehrling hier bleiben. Das ist in ganz Europa normal, Jungs mit vierzehn Jahren gehen in eine Lehre. Ich kenne einen Tischler, er wird dort wohnen und das Tischlerhandwerk erlernen. Wenn er einen Beruf hat, kann er in Palästina in einem Kibbutz [11]arbeiten. Er wird nicht allein sein, wir werden gut auf ihn aufpassen. Nimm die zwei Kinder und lass den Jungen hier. Meine Mutter hat angefangen zu weinen, aber nach ein paar Tagen hat sie gesehen, dass es keine andere Lösung gibt. Also hat sie beschlossen, meinen Bruder in Belgrad zu lassen und mit meiner Schwester Miriam und mir weiter zu fahren. Wir haben alle schrecklich geweint.

Wir fuhren mit dem Zug nach Sofia. Bis Sofia hatten die Städte, in denen wir waren, die Atmosphäre einer europäischen Stadt. In Sofia war der Bahnhof neben einem Bauernmarkt, direkt an einer Straße. Da gab es Pferde und Esel, und die Bauern sind auf der Strasse gesessen. Alles war sehr schmutzig. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Das war eine ganz andere Welt, und mich hat das fasziniert. Ich wurde dort zum Führer der Familie. Als meine Mutter ein Taxi rufen wollte, war das nicht möglich, denn es gab dort nur Pferdedroschken. Meine Mutter konnte sich auch nicht verständigen. Da habe ich gesagt: warte, ich bring dir eine Droschke! Ich bin zu einem Droschker gegangen und hab ihn an der Hand zu unseren Koffern gezogen.
In Sofia waren wir nur kurze Zeit, denn ein Visum für die Türkei zu bekommen, war kein Problem. Unsere nächste Station war Istanbul.

Istanbul war auch schmutzig, und unser Hotel auch. Das Essen war orientalisch und uns sehr fremd. Ich hatte keine Probleme, manchmal hat es geschmeckt, manchmal war es sogar sehr delikat, und manchmal mussten wir sogar lachen, wenn wir das Essen im Hotel bekamen.
Die Straßen in Istanbul waren ganz anders, als ich sie kannte - schmal und kurvig. Und dann die Dächer der Moscheen und die Minarette, das alles hat mich fasziniert. Fasziniert haben mich in Istanbul auch die türkischen Pumphosen, die die Männer trugen. Das musste mir meine Mutter erklären, das hat mich sehr interessiert. Ich habe die schönen orientalischen Synagogen bestaunt, und da war noch was, woran ich mich genau erinnern kann: über dem Bosporus ist eine Brücke, die man ein paar Mal am Tag, zweimal, glaube ich, gehoben hat, damit die Schiffe durchfahren können. Das habe ich von weitem gesehen und wollte unbedingt da hingehen, um zu verstehen, wie das funktioniert. Da wir genug Zeit hatten, ist meine Mutter am nächsten Tag mit uns zu der Brücke gegangen. Dieses Bild werde ich immer in Erinnerung behalten. 

Ich war ein sehr aktives Kind, habe mich viel bewegt, habe viel gefragt. Meine Schwester Miriam war eher ein ängstliches Kind, hing immer an der Schürze von der Mama, wie man so sagt. Ich bin auch in Istanbul durch die Strassen gelaufen und habe zurück gefunden. Ich hatte keine Angst und habe mich auch niemals verlaufen. Die ganze Reise hat mir sehr gut gefallen. In Istanbul kannten wir Niemanden, aber ich glaube, in Belgrad oder in Sofia hatte meine Mutter die Adresse eines Mannes in Istanbul bekommen, und sie hat sich mit diesem Mann in Verbindung gesetzt. Wir mussten von Istanbul mit einem Schmuggler nach Syrien und dort mit Fischern illegal übers Meer nach Palästina. Aber erst einmal mussten wir nach Syrien. Nach einigen Tagen in dem Hotel in Istanbul kam ein Mann, der versprach, wenn es ihm möglich ist, uns zu helfen. Er werde aber jederzeit abstreiten, uns jemals begegnet zu sein. Kurze Zeit später kam ein Lastwagen mit Obstkisten, denn die Türkei hat Obst nach Syrien geliefert. Said, der Chauffeur trug Pumphosen fast bis zum Boden, und ich habe sehr gelacht. Zuerst mussten wir uns arabische Kleidung anziehen. Miriam und ich wurden zwischen die Obstkisten gesetzt,  und unsere Mutter musste neben dem Fahrer sitzen, damit es so aussah, als wären wir eine Familie – Mann, Frau und Kinder. Mehrere Tage dauerte die unbequeme Fahrt. An der syrischen Grenze hatte der Chauffeur Freunde, und alles ging problemlos - wir durften weiterfahren. Der Mann hat uns nach Haleb gebracht, einer großen Stadt im Norden von Syrien. In einer kleinen Pension hat er uns abgesetzt, und dann war er weg. Auch einer unserer Koffer war weg. 
Wir konnten uns nicht verständigen, die Leute in der Pension sprachen Arabisch und Französisch, und meine Mutter sprach Deutsch und Polnisch. Der Mann von der Pension wusste nicht, wie er mit uns reden soll, da kam ihm eine gute Idee. Er ging in die Stadt und holte einen Mann, Herrn Chakim, aus einer reichen jüdischen Familie. Dieser Mann und meine Mutter konnten miteinander sprechen, ob Deutsch oder Polnisch, weiß ich nicht mehr. Meine Mutter erzählte ihm alles, und er lud uns in sein Haus ein. Wir bekamen ein Zimmer, und seine Frau hat uns Kindern und meiner Mutter Kleidung gegeben. Wir sollten sofort die arabischen Sachen ausziehen, denn sie wollten nicht, dass die Leute bemerken, dass etwas nicht stimmt. Wenn uns jemand etwas auf Arabisch gefragt hätte, hätten wir nichts verstanden und nicht antworten können. Vielleicht wäre dann die Polizei auf uns aufmerksam geworden. Nach zwei Tagen, an mehr kann ich mich nicht erinnern, ich weiß auch nicht, wie das Haus ausgesehen hat, hat uns der Mann einen neuen Koffer voller neuer schöner Kleidung gebracht, und er hat der Mutter eine Adresse von einem jüdischen Restaurant in Beirut [Anm.: heute Libanon] gegeben. Syrien und der Libanon standen damals noch unter französischer Herrschaft. Der Restaurantbesitzer sollte uns helfen, nach Palästina zu kommen. Er hat ein paar Worte für ihn auf einen Zettel geschrieben, dann hat er uns zu einem arabischen Bus gebracht, der aussah wie ein Lastwagen. Er hat mit dem Chauffeur gesprochen, er hat alles getan, damit wir gut nach Beirut kommen. Er hat dem Busfahrer genau gesagt, wo er uns hinbringen soll in Beirut, und er hat ihm Essen und Körbe mit Obst gegeben. Während der Fahrt, wir saßen hinter dem Chauffeur, habe ich die arabischen Frauen in ihren Burkas beobachtet, so etwas hatte ich noch nie gesehen, das hat mich fasziniert.

In Beirut hat meine Mutter dem Restaurantbesitzer den Zettel gegeben, und der hat uns mit seinem Auto in ein Haus in einem Dorf gebracht. Das Haus hatte ein schweres Tor, und im Hof gab es einen Brunnen. Der Restaurantbesitzer konnte ein bisschen Jiddisch und sagte uns, dass wir dableiben sollen, er werde alles erledigen. Jeden zweiten Tag ist er gekommen, und jedes Mal hat er noch einen oder mehrere Juden gebracht. Es kam auch eine Familie aus Köln, ein Ehepaar mit zwei Kindern in unserem Alter. Mit den Kindern haben wir gespielt. Ich erinnere mich, der Mann war in Köln Oberkellner in einem großen Cafe. Er hat gut Französisch gesprochen, das hat uns später sehr geholfen.
Der Plan war, dass wir mit einem arabischen Fischerboot nach Palästina gebracht werden und die Fischer uns an Land bringen.
Zwei Wochen waren wir in dem Dorf. Das Geld meiner Mutter wurde immer weniger, denn der Restaurantbesitzer hat für die Schlepper immer mehr Geld gebraucht.

Bevor wir aus Berlin weggefahren waren und wahrscheinlich auch von unterwegs, hatte meine Mutter meinem Vater Briefe nach Palästina geschickt, aber sie wusste nicht, ob er die Briefe erhalten hatte.

Wir haben ständig gefragt, wann es losgeht, und uns wurde immer nur geantwortet: wartet, wartet, wartet. Dann waren wir ungefähr zwanzig Leute, die in dem Haus in dem kleinen Dorf gewartet haben. Mal hieß es, es geht diese Woche an irgendeinem Abend los, dann wurde es wieder verschoben, zum Beispiel wegen stürmischer See. Bis es eines Tages hieß: heute fahren wir! Es kamen zwei kleine Busse auf den Hof gefahren, unsere Koffer wurden auf den Dächern der Busse angebunden, und dann sind wir wirklich losgefahren. Wir sollten irgendwo an den Felsen vom Meer arabische Fischer treffen, die uns nach Palästina bringen sollten.

Die Busfahrer hatten Angst, dass uns die Polizei anhält und kontrolliert, und deshalb fuhren sie auf Wegen über Sand und Steine. Plötzlich sahen wir von weitem Autoscheinwerfer. Die Busfahrer wussten, dass das nur die Polizei sein konnte. Für dieses Ereignis gab es einen Plan, der nun zum Einsatz kam: wir waren eine Gruppe Touristen, die nach Ägypten fährt, und von der Strasse abgekommen ist. Es gab zwischen den Touristen und den Busfahrern Streitereien wegen der Bezahlung. Einer der Busfahrer begann, die Koffer und Pakete vom Dach des Busses runterzuwerfen. Er schrie die angeblichen Touristen an: wir fahren nicht weiter, ihr könnt hier bleiben! Die Polizisten waren inzwischen aus ihrem Auto gestiegen und wussten nicht genau, was sie davon halten sollten. Zuerst wollten sie, dass die Busse ihrem Auto nach Beirut folgen, um dort die Sachlage zu klären. Da behaupteten die Busfahrer, dass die Motoren der Busse nicht in Ordnung seien. Da die Polizisten keine Lust hatten, hinter zwei kaputten Kleinbussen herzufahren, sagten sie: nehmt die Menschen wieder zurück in die Autos, und fahrt mit ihnen nach Beirut. Dass ihr nicht genug Geld von denen bekommen habt, ist nicht unsere Sache, aber wir wollen die Pässe von allen. Morgen könnt ihr euch die Pässe in Beirut auf der Polizeistation abholen, dann hat sich alles aufgeklärt. Die Polizisten haben alle Pässe eingesammelt. Sie haben die Leute gezählt und die Anzahl der Pässe. Als sie weg waren, haben die Busfahrer gesagt: schnell, schnell, wir fahren ohne Pässe weiter! Anhand der Namen in den Pässen würde den Polizisten sofort bewusst sein, dass wir illegal nach Palästina wollten. Die Busfahrer haben schnell die Koffer wieder auf die Busse geworfen, und wir sind zum Meer gefahren. Dort wartete ein Araber, der uns mit einer Taschenlampe den Weg gezeigt hat. Und dann waren wir am Meer. Arabische Fischer haben uns durchs Wasser auf  das Schiff getragen. Miriam und ich wurden zusammen von einem Araber getragen, er hat uns unter seine Arme geklemmt, Miriam rechts, mich links. Aber auch die Erwachsenen wurden auf den Rücken der arabischen Fischer geschleppt. Das musste alles sehr schnell gehen. Wir sind aufs Schiff und sofort losgefahren. Das Ziel war, uns so schnell wie möglich nach Palästina zu bringen.

Geschlafen haben wir auf Säcken im Bauch des Schiffes. Alles hat dort nach Fisch gestunken. Viele haben brechen müssen wegen der unruhigen See. Niemand durfte an Deck, um frische Luft zu schnappen. Das wäre zu gefährlich gewesen, denn wir durften nicht gesehen werden. Als wir uns Haifa näherten, sahen die Fischer Suchscheinwerfer, die das Meer nach illegalen Schiffen absuchten. Sie sind wieder zurück aufs Meer gefahren. In der nächsten Nacht befand sich das Schiff südlich von Haifa, und die Fischer haben noch mehr Suchscheinwerfer gesehen. Dadurch wussten sie genau, wo der Hafen von Haifa ist. Wir mussten noch einige Tage warten. Zu essen hatten wir Pitot [Einz. Pita (Gebäck)] und Oliven. Ich mochte die Oliven nicht, die waren so ölig, also hab ich nur die Pitot gegessen. Daran kann ich mich erinnern.

Nachher hat man uns erzählt, dass die Engländer wirklich uns gesucht haben, weil sie wussten, dass wir kommen, denn wir waren nicht in Beirut, um unsere Pässe zu holen. Die Franzosen haben das sofort verstanden und den Engländern mitgeteilt, dass wir unterwegs nach Palästina sind. In der vierten Nacht waren ihre Suchtätigkeiten geringer, und unser Schiff fuhr nahe zum Strand. Wir wurden mit einem kleinen Boot an den Strand gebracht. Das ist Palästina, der Rest ist es euer Problem! Sie sind weg, und auch ein paar Koffer waren wieder weg. #01:03:27-2#

Es war September. Wir standen am Strand, unsere Kleidung war nass. Unsere Haut begann zu jucken. Wir haben uns ausgezogen, die Kleidung auf Sträucher gelegt, damit sie ein bisschen trocknet. Es begann dunkel zu werden. Ich war sehr durstig, wollte trinken, aber es gab kein Wasser. Wir Kinder haben angefangen zu weinen. Aber niemand konnte helfen. Am nächsten Morgen haben die Erwachsenen beraten, was man tun kann. Sie haben beschlossen, dass wir in Richtung Süden gehen, weil die Araber gesagt hatten, wo Haifa liegt, und wir wussten, dass Tel Aviv südlich von Haifa liegt. Wie weit es nach Tel Aviv ist, wussten wir nicht. Es gab am Meer einen Weg für Pferde und Esel, den sind wir  entlang gegangen. Zuerst haben wir keinen Menschen getroffen, dann sahen wir Araberinnen und Araber. Sie trugen Gefäße. Wir wussten, dass in den Gefäßen Wasser ist, aber wir waren uns sicher, dass sie uns kein Wasser geben würden, weil sie zur Arbeit gingen, und das Wasser für den ganzen Tag reichen musste. Wir wollten mit ihnen sprechen, wir kannten aber nur das Wort Maim, das heißt auf Arabisch Wasser. #01:06:45-0#
Sie haben verstanden, und ein oder zwei haben uns Kindern ein bisschen Wasser gegeben. Ich weiß nicht, ob die Erwachsenen getrunken haben, aber wir Kinder haben getrunken. Dann sind die Araber weitergegangen. Wir haben uns langsam vorwärts geschleppt, wir waren müde und traurig. Es war ganz schrecklich! Wir sind gegangen, bis wir auf einem Platz einen Baum gesehen haben. Das war der erste Baum, den wir sahen - endlich etwas Schatten. Und da haben die Erwachsenen beschlossen, dass wir unter diesem Baum sitzen bleiben und warten, bis jemand vorbei kommt, denn wir konnten alle nicht mehr gehen.  #01:07:44-3#

Nach einiger Zeit kam ein großes schwarzes Taxi aus der Richtung von Haifa. Wir haben gewunken. Wir dachten, das Taxi, wenn es in Richtung Tel Aviv fährt, kann ein oder zwei von uns mitnehmen. Aber das Taxi hielt nicht an. Nach einer Stunde sahen wir wieder das Taxi, aber es fuhr in die andere Richtung. Wir haben nicht die Hand gehoben, denn es war ja nicht unsere Richtung, und es ist an uns vorbeigefahren. Dann kam das Auto aber zurück und blieb unter dem Baum stehen. Unser Glück war, dass der Vater der zwei anderen Kinder, der Kellner aus Köln, Französisch konnte. Der Fahrer des Autos hat sofort verstanden, dass wir illegale Einwanderer sind und uns, zuerst die Frauen mit den Kindern, dann die Männer nach Atlit gefahren. Atlit war damals ein kleines jüdisches Fischerdorf mit wenigen Häuschen. Er hat zu uns gesagt: hier sind Juden. Die Familien in den Häusern haben, als sie uns sahen, auch gleich verstanden, was passiert ist. Sie haben uns auf die Häuser verteilt, und jeder in seiner Familie hat gleich angefangen zu erzählen. Sie haben Jiddisch gesprochen, und so haben wir uns verständigen können. Wahrscheinlich waren das russische Juden, die schon längere Zeit in Palästina lebten. Sie haben uns Essen gebracht, und wir haben geduscht, und schon war es etwas leichter. Wir haben ihnen auch erzählt, dass wir mit Scheinwerfern gesucht wurden, und sie sagten: die suchen euch, und die wollen euch! Und wenn sie euch finden, wer weiß, was passiert! Es ist gefährlich hier zu bleiben, aber ihr wollt ja sowieso in den Süden. Heute ist Schabbat, heute gibt es keine Bahn mehr, aber morgen Früh gibt es eine Bahn. Ihr verteilt euch in verschiedene Abteile, damit ihr nicht auffallt. Einer aus unserer Familie wird mit euch im Zug fahren, wenn etwas passiert, wird er euch helfen. Zum Glück ist nichts passiert. So sind wir mit der Bahn nach Tel Aviv gekommen.

Wir standen in Tel Aviv und kannten niemanden. Man muss wissen, dass Tel Aviv zu dieser Zeit eine kleine Stadt war. Es gab viel Sand, aber es war andererseits auch europäisch. Die Häuser waren klein und hatten rote Dächer. Hier und da gab es schon zweistöckige Häuser, aber es waren wenige. Und es gab sehr wenige gepflasterte Straßen, zwei, drei Hauptstraßen, sonst war überall Sand. Zum Beispiel die Ben Yehuda Straße existierte gerade mal ein paar hundert Meter, vielleicht sogar weniger. Der Bahnhof war in der Allenbystrasse, und damit die Leute nicht im Sand steckenbleiben, gab es rechts und links einen Gehsteig aus Holzbrettern. Das war Tel Aviv 1933, man ist im Sand stecken geblieben.
Es gab sehr wenige Autos auf den Straßen, es gab Kamele und Pferdedroschken. Die Pferdedroschken hatten zwei große und zwei kleine Räder. Hauptsächlich fuhren Araber mit den Pferde- und Kamelwagen.

Meine Mutter hatte sich Geld und einen Zettel mit der Adresse einer jüdischen Familie in Tel Aviv an den Körper gebunden. Wir haben eine Droschke genommen, sie hat dem Kutscher die Adresse gegeben, aber als wir durch die Nachlat Benjamin [Anm.: Strasse] fuhren, rief auf einmal eine Frau ‚Frau Kempler, Frau Kempler, Willkommen, Willkommen in Erez Israel!’ Das war Frau Rabinovich aus Berlin. Ihr Gesicht hat gestrahlt. Frau Rabinovich lebte bereits einige Jahre mit ihrem Mann in Palästina.
Zu dieser Zeit sind nicht viele Droschken gefahren, und wenn eine Droschke durch die Straße fuhr, haben alle geschaut, wer das ist. Eine Droschke war eine Attraktion. Außerdem hatten die Droschken immer Glocken, alle haben gehört, dass eine Droschke fährt. Und darum hat Frau Rabinovich die Mutter gesehen. Wir sind von der Droschke runter, sie haben sich geküsst, sie hat uns in ihre Wohnung mitgenommen und für uns gekocht.
Am nächsten Tag haben sie sich beraten, auch mit ihrem Mann, der schon sehr integriert in der Gesellschaft war, wie sie meinen Vater finden können. Wir wollten natürlich so schnell wie möglich zu meinem Vater. Meine Mutter hatte zwar eine Adresse, aber die Adresse stimmte nicht mehr. Herr Rabinovich war sofort dorthin gegangen, aber mein Vater wohnte nicht mehr da. Niemand wusste, wo mein Vater war. Damals hat man als Konditor nicht an einem Platz gearbeitet, sondern einen Tag hier, einen Tag dort, denn niemand hat damals Kuchen gesucht. Bäckereien gab es, aber keine Konditoreien. So hat mein Vater jeden Tag in einer anderen Bäckerei gearbeitet. Er hatte eine Adresse, aber kaum jemand wusste davon.

 

Tel Aviv

Ich möchte ein bisschen über Tel Aviv in dieser Zeit erzählen: damals musste niemand die Türen verschließen, denn es gab keine Kriminalität. Auf den Straßen standen immer Menschengruppen zusammen, die über alles diskutierten. Nachts konnte man auf einigen Strassen, zum Beispiel auf der Allenby, Tanzende sehen. Da tanzten Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern Hora und solche Tänze. Es war eine wunderbare Atmosphäre, alle waren zufrieden, obwohl das Leben nicht leicht war. Es gab nicht viel Essen. Brot, Eier, Milch, Käse und Gemüse brachten die Araber mit Kamelen oder Eseln nach Tel Aviv. Die Araber haben auf ganz niedrigem Niveau gelebt. Sie hatten noch weniger als die Juden. Die Beziehung zwischen den Arabern und den Juden war damals normal. Tel Aviv war eine einzige Baustelle, in der ganzen Stadt wurde gebaut. Die jüdischen Bauarbeiter haben gut verdient. Sie haben zusammen mit den Arabern gearbeitet, und sie haben über Häuserbau viel gelernt von den Arabern.

Büros und Banken gab es einige, aber Geschäfte sind erst entstanden, als die Juden 1933 ins Land kamen, weil bis 1933 nur ziemlich arme Juden gekommen waren oder Idealisten. Sie hatten nicht viel Geld mitgebracht, da konnte die Gesellschaft nicht reicher werden. Aber die  Tänze und die Lieder hatten sie mitgebracht. Nach 1933 sind viele bürgerliche Juden mit Schlips und besseren Berufen aus Deutschland gekommen. Sie mussten sich anpassen, und das war sicher sehr schwer für diese Leute. Aber sie haben Geschäfte eröffnet - Lebensmittel, Kleidung, Schuhe - die einfachen Sachen. Auch viele Polen sind damals ins Land gekommen, weil sie Angst davor hatten, was sich noch entwickeln kann. Von den Polen sind zwei Gruppen gekommen: eine große Gruppe, die Chaluzim und eine kleine Gruppe, der Mittelstand. Die Leute aus dem Mittelstand hatten schon in Polen kleine Geschäfte. Sie hatten etwas Geld und haben auch in Palästina kleine Geschäfte eröffnet.
Die ganze Atmosphäre war leicht. Ich glaube, die Atmosphäre war so gut, dass sie stärker war, als die Sorgen, die man sich gemacht hat. Wir hatten ja erlebt, was in Deutschland passiert ist, aber vielleicht haben sich die Erwachsenen Sorgen gemacht. Ich als Kind jedenfalls habe das nicht bemerkt.
#00:01:54-0#
Herr Rabinovich hat weiter meinen Vater gesucht. Er kannte sich gut aus in Tel Aviv, und die Suche war für ihn leichter, als sie es für meine Mutter gewesen wäre. Wenige Tage später fand er eine Bäckerei im Süden von Tel Aviv, das war schon halb arabische Gegend, und dort sagte man ihm, wo mein Vater wohnt. Das war einige Tage, nachdem wir in Tel Aviv angekommen waren. Er kam und sagte: ich hab ihn gefunden! Meine Mutter wollte gleich zu meinem Vater, aber Herr Rabinovich sagte: es ist besser, ihr geht morgen zu ihm. 
Am nächsten Morgen sind wir hingegangen, und wenn Tel Aviv arm war, dort war es noch viel, viel ärmer. Da gab es nur Sand und Pardessin [Anm.: Orangenhaine].
Wir hatten eine Adresse. Da war so ein kleines Haus, aber mein Vater hat nicht im Haus gewohnt, sondern auf dem Hof in einer Baracke. Wir sind rein, und wir haben ihn gesehen. Er hat geschlafen. Er hatte in der Nacht gearbeitet, und wir sind am Tag gekommen. Und meine Mutter hat ihn angeschaut, ich weiß nicht, was sie gefühlt und gedacht hat. Sie hatte ihn monatelang nicht gesehen. Zuhause kannten wir meinen Vater in einer schönen Wohnung, und dort lag er auf einem Eisenbett und schlief. Gut, wir haben gewartet, bis er sich ein bisschen umgedreht hat, die Augen geöffnet hat, und dann war das für ihn eine riesengroße Überraschung. Wir haben uns geküsst und sind zusammen gesessen, und meine Eltern haben sich erzählt, was inzwischen passiert war. Mein Vater war in keiner guten Lage: er hatte kein Geld mehr. Sie haben angefangen zu diskutieren: was machen wir weiter? In Tel Aviv gab es ein paar Plätze für Neueinwanderer. Das waren Holzbaracken und die zionistische Organisation hat allen Neueinwanderern in diesen Lagern ein Bett gegeben. Das waren keine Zimmer, das waren große Säle, und sie haben Betten an Neuankömmlinge verteilt, dass man schlafen kann. Diese Leute waren in einer viel besseren Lage als mein Vater in seinem Zimmer. Vielleicht hatte er nicht gewusst, wie er da hinkommt. Ich weiß nicht, warum er da in diesem Loch gelebt hat, aber so war das.

Wir wussten nicht, wie es weiter geht. Mein Vater ist dann in diesen Büro gegangen und hat gefragt: kann ich meine Familie hier unterbringen?  3:52-0#
Sie konnten uns alle unterbringen, aber nicht zusammen. Im Lager waren Zimmer für Männer und Zimmer für Frauen. Für ein Paar gab es kein Zimmer. Die Kinder wurden in einem Dorf in der Gegend von Tel Aviv untergebracht, bis die Eltern etwas gefunden hatten. Es war schwer, aber wir mussten das so machen. Der Vater hat einen Platz bekommen, die Mutter hat einen Platz bekommen, und jeden Morgen haben sie sich getroffen. Durch Herrn Rabinovich hat mein Vater Informationen über Arbeitsmöglichkeiten erhalten, denn für meinen Vater begann durch unser Eintreffen in Tel Aviv eine neue Situation. Bisher hatte er sich nur um sich selbst gekümmert, jetzt, wo wir ihn gefunden hatten, musste er sich um die Familie kümmern. Darüber hatte er noch nicht konkret nachgedacht.

Mein Vater hat dann beschlossen, dass wir ein Restaurant eröffnen - keine Konditorei, sondern ein Restaurant. Ein Restaurant hat ja auch mit Essen zu tun. Wieder half ihm Herr Rabinovich. Er suchte mit meinen Eltern einen Platz für das Restaurant. Sie fanden ein einstöckiges Haus im Süden von Tel Aviv, in Shrunat Shapira. Das liegt dort, wo die alte Busstation war. Shrunat Shapira war noch im Bau, und auch da half Herr Rabinovich, dass mein Vater einen Kredit bei der Bank bekam. Das Gebäude war noch im Bau, da begann mein Vater bereits Stühle, Tische und Geräte für die Küche einzuräumen, und er begann zu kochen. Der untere Stock bestand aus fünf Zimmern und einer geschlossenen Terrasse. Das war unsere Wohnung, und da sollte auch das Restaurant rein. Zwei Zimmer waren für die Gäste, ein Zimmer war die Küche und in eineinhalb Zimmern haben wir gewohnt. Im ersten Stock wohnten andere Leute.

Viele Bauern oder Bewohner von Dörfern haben in dieser Zeit freiwillig Kinder von Neueinwanderern zu sich nach Hause genommen, damit sich die Eltern eingewöhnen können. Miriam und ich kamen zusammen in den Moschaw [12] Nes Ziona zur Familie Feller. Familie Feller war sehr, sehr nett zu uns. Sie kamen ursprünglich aus Russland, aber sie waren schon viele Jahre in Palästina. Sie hatten einen großen Pardess und Wein und sind ökonomisch sehr gut dagestanden. Einer ihrer Söhne ging in ein Gymnasium in Tel Aviv. Nicht jeder konnte ins Gymnasium gehen. Die meisten Kinder in dieser Zeit sind sechs, sieben Jahre in die Schule gegangen und haben dann angefangen zu arbeiten. Der Sohn der Fellers ist jeden Tag nach Tel Aviv gefahren. Daran sieht man, dass sie ziemlich reich waren.
Die Familie hat  Hebräisch und Jiddisch gesprochen, aber wir konnten noch kein Hebräisch, und das Jiddisch, das sie sprachen, war ein russisches Jiddisch. Das haben wir nicht verstanden. Dadurch war es mit der Verständigung sehr schwer.
Wir waren den ganzen Tag auf dem Hof. Da gab es Hühner, die sind frei im Hof rumgelaufen,  und die Frau hat sie mit Brot gefüttert und mit solchen Sachen. Auf dem Hof waren auch Esel. Ich wollte immer auf einen Esel rauf und bin immer runtergefallen. Was uns auch sehr interessiert hat, war der runde Ofen, in dem sie ihr Brot gebacken haben. Das war kein europäischer Ofen, die Araber haben auch solche Öfen, die aussehen wie ein Iglu. Drinnen war ein Feuer, und auf dem Ding hat man kein Brot gebacken, sondern Fladen. Das war das Brot. Manchmal haben sie auch Brot reingeworfen, aber das war dann ziemlich dick. Diese Öfen hatten damals alle Bauern dort auf den Höfen. Das hatten sie von den Arabern gelernt. Miriam und mich hat sehr interessiert, wie diese Öfen arbeiten, wie das funktioniert.23:24-0#
Es gab auch verschiedene Instrumente, um Gemüse zu schneiden. Jedenfalls gab es viel für uns zu sehen.
Dann wollten die Fellers, dass wir in eine Schule gehen. Gut, wir sind ein, zwei Tage in die Schule gegangen. Wir sind dort gesessen und haben nichts verstanden. Und die Kinder haben uns ‚Jeckes, Jeckes’ [Anm.: umgangssprachliche Bezeichnung der jiddischen Sprache für die deutschsprachigen jüdischen Einwanderer der 1930er-Jahre in Palästina und ihre Nachkommen in der heutigen Bevölkerung Israels] hinterher gerufen. Kinder sind immer roh. ‚Jeckes, Jeckes, Jeckes’, da wollten wir nicht mehr hingehen.
Trotzdem die ganze Familie lieb zu uns war, war es sehr schwer für Miriam und mich. Wir waren dort über einen Monat. Dann haben Miriam und ich beschlossen, wir fahren nach Tel Aviv und suchen unsere Eltern. Aber wir haben gewusst, dass wir Geld brauchen. Wir wussten, dass wir mit dem Autobus gekommen waren, und die Fahrt war lang, dreimal so lang wie heute, weil es noch keine Straßen gab. Wir haben verstanden, dass wir nicht den ganzen Weg gehen können. Wir wussten auch, wie wir Geld kriegen können. Wir sind in ein Geschäft gegangen, daran kann ich mich noch genau erinnern, und haben den Verkäufer gefragt, ob er uns Geld geben kann für den Bus nach Tel Aviv, wir wollen zu unseren Eltern fahren. Die Bewohner der Gegend wussten alle, da sind zwei Kinder aus Deutschland, die sind untergebracht bei der Familie Feller. Damals wussten alle Alles. Wenn irgendwo etwas passierte, wussten es alle. Alle haben uns also gekannt, wir sind ja auch im Dorf herum spaziert. Der Verkäufer hat sofort verstanden, was da passiert. Er hat gesagt: nein, ich kann euch kein Geld geben, aber bleibt ruhig ein Weilchen hier. Dann hat er uns Bonbons gegeben. Wir haben verstanden, dass wir kein Geld von ihm kriegen, da haben wir uns gesagt: gut, dann gehen wir wie die Araber.
Auf der Hauptstraße durch das Dorf gingen Juden und Araber. Und wir hatten gesehen, die Araber gehen mit einem Stock auf dem Rücken, und an dem Stock hing ein kleiner Sack mit ihren Sachen und ein Wasserkrug. 
Da haben Miriam und ich uns beraten und beschlossen, wir machen dasselbe. Auf dem Hof, wo wir gelebt haben, waren viele Wasserkrüge, und einen Stock haben wir von einem Strauch abgebrochen. In der Gegend des Hauses gab es einen kleinen Berg, und auf dem Berg war ein Garten. Eines Tages nach dem Mittagessen, während dieser Zeit waren nie Leute dort, haben wir einen Wasserkrug raufgetragen und dort versteckt. Auch einen Stock haben wir raufgetragen, und nun waren wir vorbereitet.  #00:27:33-3#
Am nächsten Tag sind wir ganz früh aufgestanden und in Richtung Tel Aviv losgegangen. Wir sind nicht weit gekommen. Es war die Zeit der Weinlese. Da waren viele Wagen, die die Trauben in die Weinkellereien gebracht haben. Wir sind gegangen, uns hat das nicht interessiert. Aber ein Bauer, der auf einem Wagen gesessen ist, hat uns angehalten. Er hat sofort verstanden, was da passiert. Das war ganz klar: zwei Kinder gehen mit einem Stock, an dem Wasser und Proviant hängt. Wo geht ihr hin, hat er uns gefragt? Wir haben gesagt, wir gehen ein bisschen spazieren. Er wusste, das stimmt nicht, aber er hatte seinen Wagen voller Trauben. Er hat die Trauben in seinem Keller abgeladen und ist uns dann gefolgt. Er hat noch einmal gefragt: ihr geht spazieren? Ja, ja, wir gehen spazieren, haben wir gesagt. Wisst ihr was, ich nehme euch auf meinem Wagen mit und bringe euch zu euerm Haus. Es wird bequemer sein für euch, und ihr müsst nicht hier in der Sonne spazieren. Wir wollten natürlich nicht auf den Wagen, weil wir wussten, dass es wieder zurück geht. Er hat uns auf den Wagen gehoben und uns zu unserem Haus gebracht. Wir haben geweint, es hat nichts geholfen. Von dem Tag an haben sie mehr aufgepasst auf uns. Vielleicht zwei Wochen später sind unsere Eltern gekommen und haben uns erzählt, dass sie eine Wohnung haben und unser Restaurant bald eröffnet wird. Es würde nicht mehr lange dauern, bis wir wieder zusammen sind. Wir haben uns sehr gefreut, und nicht lange danach sind unsere Eltern gekommen und haben uns abgeholt. Von den Bauern bekamen wir noch neue Kleidung, dann sind wir mit unseren Eltern nach Tel Aviv gefahren.

Miriam und ich waren glücklich, wieder mit unseren Eltern zusammen zu sein. In Tel Aviv sind wir in das neu gebaute Haus gezogen. Die Eltern hatten Tische und Stühle, erste Sachen für die Küche und Eisenbetten und Matratzen gekauft. Die Matratzen waren nicht so, wie man sie heute hat, das waren nur Säcke mit Stroh gefüllt, die klopfte man etwas gerade. Da es weder Gas noch Elektrik gab, kochte man mit Petroleum. Das Petroleum hat immer sehr gestunken, aber nie hat sich jemand darüber beschwert. Meine Eltern haben deutsche Küche gekocht. Unsere Gäste waren die Arbeiter, die die Häuser dort gebaut haben. Es waren ungefähr zwanzig Gäste über den Tag verteilt. Diejenigen, die in unserer Nähe gewohnt haben, sind auch zum Abendbrot gekommen. Meine Mutter hat die Teller immer bis zum Rand gefüllt, und alle waren meinen Eltern dankbar. Sie haben sich sehr wohl gefühlt, sie haben sehr gut gegessen, und für sehr viel Essen nicht viel bezahlt. Aber mein Vater hat immer zu meiner Mutter gesagt: Liebe, wenn du die Teller so voll machst, werden wir pleite gehen.
Die Arbeiter haben verdient, aber sie konnten sich nicht viel leisten. Und wenn einmal einer arbeitslos war, und das ist sehr oft passiert, hatte er kein Geld mehr, um zu zahlen, und dann musste er anschreiben lassen. In allen Lebensmittelgeschäften konnten die Leute anschreiben lassen. Jedes Geschäft hatte ein Buch, und da wurde eingeschrieben, was der Kunde dem Geschäft schuldig war. Unsere Eltern hatten ein ganzes Buch vollgeschrieben, aber viele konnten nie zahlen. Damals gab es in Israel noch einen anderen Weg der Bezahlung.
Es gab Piaster und Pfund. Hundert Piaster waren ein Pfund. Aber da viele Sachen billiger als ein Piaster waren, hat sich jedes Geschäft sein eigenes Geld gedruckt oder geschrieben: ein halber Piaster, ein viertel Piaster, und so hat man in jedem Lebensmittelgeschäft mit dem Geld, das das Geschäft hergestellt hat, bezahlt - wenn man bezahlen konnte. Es gab sogar halbe Piaster aus Metall. Ich besitze so einen halben Metall Piaster noch. Dieses Geld war von der Regierung nicht anerkannt. Entweder man hat im jeweiligen Geschäft einen Piaster gegen das kleinere Geld getauscht, oder, wenn man gar kein Geld hatte, hat man anschreiben lassen.
Nach zwei Jahren sind wir Pleite gegangen.

Das Viertel, in dem wir gewohnt haben und unser Restaurant war, hat steuerlich zu Jaffa gehört. Jaffa war eine arabische Stadt, und Tel Aviv war eine jüdische Stadt. Die Engländer hatten keine Schulen für Juden, für Araber gab es Schulen. Sie haben zu den Juden gesagt: kümmert euch selbst um eure Schulen. Die Kinder aus Tel Aviv konnten unentgeltlich in die Schulen gehen. Das hat die Stadt durch Steuern und Geld, das aus Europa gekommen ist, finanziert. Weil wir nicht in Tel Aviv gewohnt haben, sondern steuerlich zu Jaffa gehörten, mussten meine Eltern in Tel Aviv für uns Schulgeld bezahlen. Und das war nicht wenig!
Bis alles bürokratische erledigt war, hat es ein paar Wochen gedauert. Dann konnten Miriam und ich endlich wieder in die Schule gehen.

In Tel Aviv hatte man ein paar Schulgebäude gebaut. Aber es waren nicht genug Schulen, weil viele Menschen aus der ganzen Welt nach Palästina emigrierten. So wurden Wohnhäuser von der Stadt als Schulen gemietet. Die ersten zwei Jahre war ich in der Bialik-Schule [13], die sich zwischen der Berech Salame und Rechow Lewinski in einem Wohnhaus befand. Es gab keinen Hof, also sind wir in den Pausen auf der Straße herumspaziert. Da es nicht genug Klassen gab, haben sie noch ein Haus gemietet. So waren die Schulen damals. Miriam und ich haben sehr schnell Hebräisch gelernt. Ungefähr zwanzig Kinder waren immer zusammen in einer Klasse. Zwei Jahre bin ich in diese Schule gegangen.
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Hebräisch war die Unterrichtssprache. Die Lehrer kamen aus allen Ländern. Wir hatten Unterricht in Hebräisch, Rechnen, Schreiben, Lesen und  Biologie. Biologie war ein sehr wichtiges Fach. Später haben wir angefangen Englisch zu lernen, aber wir hatten keinen Religionsunterricht. Nachdem mein Vater mitbekommen hatte, dass wir nichts Religiöses dort lernen, hat er gesagt, er will, dass ich in eine Schule gehe, in der man auch Religion lernt. Er hat die Schule Beit Sefer Tachkemoni in der Lilienblum Street gefunden, und ich hab dort viel Religion gelernt. Ich war acht Jahre in der Schule, davon habe ich sechs Jahre lang viel Religion gelernt. Aber der Unterricht war modern, nicht so wie im Cheder.

Die Kinder, mit denen ich in einer Schule war, waren aus den verschiedensten europäischen  Ländern. Es gab auch Kinder aus Deutschland. Ich habe aber in der Schule mit den Kindern niemals deutsch gesprochen. Ich wusste, woher diese Kinder kamen, aber wir haben immer hebräisch miteinander gesprochen. 

Meine Eltern haben niemals Hebräisch gelernt. Sie haben einige Wörter auf  Hebräisch gekonnt, aber unterhalten haben sie sich jiddisch. In unserer Gegend waren viele, die jiddisch gesprochen haben. Das heißt, die Umgangssprache war Jiddisch. Die Mehrheit der Einwohner dort kamen aus Polen und aus Russland. Und die aus Deutschland gekommen sind, haben es schnell geschafft, Jiddisch zu lernen, weil sich Deutsch und Jiddisch sehr ähnlich sind. Jiddische Literatur wurde aus dem Ausland gebracht, das war also auch kein Problem. #00:50:44-7#
Die allgemeine Atmosphäre damals haben die Chaluzim [14] bestimmt. Es gab so einen Spruch: Jehudi daber ewrit [Jude sprich Hebräisch]! Das Ziel der Chaluzim war, dass alle Juden im Land Hebräisch sprechen. Ich kann mich erinnern, wenn Leute auf der Strasse untereinander Jiddisch sprachen, sind die Chaluzim zu ihnen gegangen und haben gesagt: ‚Lerne Hebräisch!’ Jiddisch war für sie keine reiche Sprache, aber Jiddisch ist stark geblieben, weil viele Leute kein Hebräisch lernen konnten. Die Kinder haben alle schnell Hebräisch gelernt und gesprochen. Sie sind sehr schnell richtige Israelis geworden. Aber auch heute noch gibt es Kreise, in denen Jiddisch untereinander gesprochen wird, weil es die Muttersprache ist. #00:52:40-8#

Mir ging es sehr gut. Auf den Straßen waren immer viele Kinder, und ich hatte viele Freunde.00:52:49-1#
Es gab zwei Sachen, die sich ökonomisch sehr negativ auf die ganze Gegend ausgewirkt haben. Das war erstens der arabische Aufstand [Anm.: April 1936 bis 1939] und zweitens der Krieg in Abessinien [Anm.: 1937].
Die Araber wollten, dass die Juden verschwinden. Damals hatten die Araber noch keine schwere Munition, aber Hackmesser, Schwerter und Stöcke, und damit sind sie auf die Juden losgegangen. Wo sie einen Juden gesehen haben, haben sie ihn getötet. Das war eine sehr schwere Zeit. Man musste damals alles bewachen: die Kibbutzim und die Städte. Unser Haus war ziemlich nahe einem Zaun von einem arabischen Pardess. In dem Viertel, in dem wir gewohnt haben waren meistens Steinhäuser, aber neben uns war auch ein Viertel, da wohnten Juden, die kein Geld für eine Wohnung hatten, in Holzbaracken. Jeder konnte sich dort seine Baracke hinstellen. Jede Nacht sind die Araber aus dem Pardess gekommen und haben Flaschen mit Petroleum angezündet und auf die Holzbaracken geworfen. Wochenlang haben sie das gemacht, und es ist ihnen gelungen, Holzbaracken anzuzünden. Damals hat sich sehr schnell die Hagganah [15] organisiert, und die Chawerim [Anm.: Freunde] der Hagganah sind in den Nächten in die Pardess reingegangen und haben die Araber gefangen, bevor sie noch mehr Häuser anzünden konnten. Das hat dann auch aufgehört. Und dann haben die Mitglieder der Hagganah, die damals nur mit Stöcken bewaffnet waren, auch die Strassen bewacht.

Zu dieser Zeit, 1936, sind meine Eltern mit dem Restaurant Pleite gegangen. Wir mussten das Restaurant schließen und auch unsere Wohnung verlassen, da wir sie nicht mehr zahlen konnten. Von 1936 bis 1939 war die schwerste Zeit in Palästina. Zu dieser Zeit gab es eine große Arbeitslosigkeit und auch junge Menschen waren auf den Strassen und haben gehungert. Viele sind damals zurück gefahren nach Europa.
Wir mussten ausziehen und unsere Familie hat dann in einem Zimmer gewohnt. Da gab es kein Bad und keine Dusche, und das Klosett war im Hof. So haben wir gelebt. Aber ich hab nicht gelitten. Es war schwer damals, aber für alle war es schwer. Da hatte man kein Gefühl, dass einer reich ist und einer arm ist. Da gab es nur eine ganz kleine Schicht, der es besser ging. Aber die war wirklich sehr klein. Die Masse war arm. Auch mein Vater konnte keine Arbeit kriegen, und wir mussten ‚den Groschen umdrehen’. Mein Vater hat dann einen Lift, das war eine große Kiste, mit der Umzugsgut aus Deutschland und Österreich nach Palästina geschickt worden war, und die dann in Palästina oft als erste Unterkünfte diente, auf einen Platz gestellt und eine kleine Konditorei eröffnet. Aus dem Restaurant besaß er noch verschiedene Geräte, die er benutzen konnte. Er hat einen Tisch gebaut und begonnen, Kuchen zu backen. Den Kuchen hat er an Geschäfte verkauft, und davon haben wir gelebt.
Oft, wenn ich aus der Schule nach Hause kam, habe ich mit meinem Vater die Kuchen in die Geschäfte gebracht. Wir hatten zwei Koffer, und ich kann mich genau erinnern, wie ich mit ihm die Straßen entlangging zu den Geschäften. Aber nicht alle Geschäfte konnten kaufen, denn auch sie hatten kein Geld.

Leider besuchte uns genau zu dieser Zeit der nette Herr Spitzer aus Belgrad. Er war ohne seine Familie nach Palästina gekommen, um sich einmal umzusehen. Er bestellte uns viele Grüße von Isi und erzählte uns alles über meinen Bruder. Herr Spitzer hatte gespürt, dass Europa zu brennen begann und wollte sehen, wie man in Palästina leben kann. Er war Gast in unserem ‚Loch’, und das muss ihn wohl sehr abgeschreckt haben. Er ist zurück nach Jugoslawien gefahren. 5#
Isi, unser Bruder, kam zu Beginn des Jahres 1939 nach Palästina. Wir hatten ihn sechs Jahre nicht gesehen. Inzwischen war er ein junger Mann, aber ich habe ihn sofort erkannt. Wir haben Glück, dass er noch von dort rausgekommen ist. Da war eine Gruppe, die sich organisiert hatte, und mit dieser Gruppe ist er nach Palästina gekommen. #01:06:28-7#
Nach dem Krieg haben wir uns bemüht, etwas über die Familie Spitzer zu erfahren. Vor allem für Isi war es sehr wichtig, denn er fühlte sich der Familie sehr verbunden und war ihnen dankbar für alles, was sie für ihn getan hatten. Aber wir haben keine Spur von der Familie Spitzer gefunden.

Nun möchte ich noch etwas über meine Schwestern, die, als meine Mutter mit Isi, Miriam und mir abgereist war, in Berlin geblieben waren, erzählen: Fanny, meine älteste Schwester, ist nach unserer Abreise aus Berlin nach Frankreich auf Hachschara [16] gefahren. Sie ist, glaube ich, ein Jahr nach uns mit dieser Gruppe nach Palästina gekommen. In Frankreich hat sie geheiratet. Aber das war keine richtige Hochzeit. Die Engländer haben Zertifikate für die Einreise nach Palästina vergeben, und wenn jemand ein Zertifikat bekommen hatte, konnte er auch den Ehepartner mitnehmen. Da haben in der Gruppe alle Männer und Frauen geheiratet.                                                                                                        :09:47-6#
Fannys Mann Nathan Treuherz, in Israel Nathan Tohar, war auch ein Berliner.

Kurze Zeit haben sie bei uns gewohnt. Ich kann mich erinnern, Nathan und ich haben in der Küche unseres Restaurants geschlafen, und Fanny hat im Zimmer mit meinen Eltern geschlafen. In Tel Aviv haben sie dann auch richtig beim Rabbinat geheiratet. Dann sind sie in ein Zeltlager übersiedelt.

In Bertuvia, das ist heute ein reiches Dorf, wurden Zelte für sie aufgestellt, und sie sind dorthin, um bei den Bauern zu arbeiten. Ich habe in Bertuvia bei meiner Schwester Fanny und ihrem Mann zweimal meine Sommerferien verbracht. Dann hat die gesamte Gruppe beschlossen, sie gründen eine neue Form des Zusammenlebens, eine Mischung aus Kibbutz und Moschaw. Jeder sollte sein eigenes Haus besitzen. Am Anfang aßen sie noch in einem Speisesaal wie in einem Kibbutz,  die Maschinen gehörten, wie in einem Kibbutz, allen, jeder bekam den gleichen Lohn und die Kinder schliefen zu Hause. Das ist ihnen alles innerhalb längerer Zeit gelungen. 1938 haben sie nahe En Harod, das ist nicht weit von Emeg Israel, die Siedlung Moledet gegründet. Moledet bedeutet Heimat.

Nathan kam aus einer wohlhabenden Familie. Er war eine starke Persönlichkeit, er war schon der Madrich, der Leiter der Gruppe, auf Hachschara in Frankreich. Auch in Moledet war er in verschiedenen wichtigen Positionen.
Als sie die Siedlung errichteten, war noch der arabische Aufstand. Die Araber wollten nicht, dass Plätze besiedelt werden. Schon in der ersten Nacht wurden die Siedler überfallen. Da hat man ein System entwickelt: Choma u Migdal, das bedeutet Mauer und Turm. Bevor die Siedler begannen die Siedlung aufzubauen, wurde alles genau vorbereitet. Es wurden Teile von Holzbaracken auf einen Laster geladen. Das passierte immer in der Früh. Kibbutzniks [Anm.: Bewohner eines Kibbutz] und Mitglieder der Hagganah waren mobilisiert für diesen Tag, um die Siedler vor Angriffen zu schützen. Die Siedler kamen mit zwei Lastwagen auf denen der Turm, Holzwände für die Mauer und die in Teile zerlegten Baracken waren. Um den Platz der Siedlung zu schützen, wurden rundherum Holzwände aufgebaut. Es wurden immer zwei Holzwände parallel zueinander im Abstand von ungefähr  einem halben Meter um die gesamte Siedlung aufgestellt, die vielleicht fünfzig Meter betrug. Der  Zwischenraum zwischen den Wänden wurde mit Steinen ausgefüllt, und zwischen die Steine wurde Zement gegossen. Während die Wände von den einen Siedlern, es waren vielleicht zehn bis fünfzehn junge Leute, zusammengebaut wurden, haben die anderen die Baracken innerhalb der Wände aufgestellt und den Wachturm, der in die Mitte kam und fünf, sechs Meter, glaube ich, hoch war. Der Turm wurde immer als ganzes Teil gebracht. Das waren die Siedlungen damals, vielleicht zwei, drei Holzbaracken, der Turm und die Mauer rundherum.
Nicht nur die Araber, auch die Engländer wollten die Siedlungen verhindern, aber es gab viele solche Plätze. Abends kam die englische Polizei, aber sie konnten nichts machen: die offiziellen Gesetze in Palästina waren noch die alten türkischen Gesetze. Das heißt, die Engländer hielten sich an die türkischen Gesetze. Da gab es ein Gesetz, dass, wenn jemand ein Haus illegal baut und wenn das Haus bereits ein Dach deckt, darf man es nicht mehr abreißen. Also musste das Dach ganz schnell rauf. So hat man sehr, sehr viele Holzhäuser gebaut. Ein Steinhaus konnte man nicht so bauen, aber Holzhäuser konnte man ziemlich schnell bauen. Wenn die Engländer am Tag gehört haben, was passiert, bis sie gekommen sind, waren schon die Dächer auf den Holzhäusern, und sie  konnten nichts mehr sagen. Die Araber haben natürlich in der ersten Nacht diese Siedlungen überfallen und beschossen, aber sie konnten nicht rein, weil die Siedlungen bewacht waren. Die Siedler aber durften keine Gewehre haben, und da haben die höchste jüdische Organisation und die englische Regierung miteinander gesprochen, und die Juden haben gesagt: ihr wisst, dass die Araber die Juden überfallen und dass sehr viele Juden ermordet werden. Das wirft kein gutes Bild auf euch. Ihr müsst uns die Möglichkeit geben, dass wir uns verteidigen. Sonst wird die Welt böse auf euch schauen. Sie haben einen Kompromiss gefunden: es entstand eine Truppe, die Gafire. Das waren Hilfspolizisten, die von den Engländern ausgebildet wurden, und sie bekamen auch Gewehre mit denen sie aber nicht schießen durften. Jede Siedlung bekam ungefähr sechs Gafire, aber die waren eben beschränkt in ihren Handlungen. Auf jedem Turm gab es einen großen Scheinwerfer, der mit einem Generator betrieben wurde, und jede Nacht wurde die Umgebung abgesucht. Es gab auch Morsegeräte. Man hatte die Möglichkeit, dass die Siedlungen und Kibbutzim Lichtkontakt zueinander hatten. Das heißt, jede Nacht haben die Wächter Informationen mit Hilfe von Scheinwerfern und Morsegeräten ausgetauscht. Es gab damals Kurse, dass man die Jüngeren lehrt, wie man das macht. In den neuen Siedlungen gab es noch keine Kinder, aber in den älteren Kibbutzim, und die Älteren kannten sich aus mit der Kommunikation. Das hat gut funktioniert. 24:42-7#

In Moledet gab es in der ersten Nacht keinen Schutz, aber am zweiten Tag haben sich sechs Siedler bei den Engländern als Gafire gemeldet. Sie haben Uniformen, die Gafire hatten Uniformen mit hohen Mützen [hebr. kolpak] und Gewehre bekommen. Sie haben schnell einen Kurs absolviert, aber da sie sowieso Mitglieder der Haganah waren, wussten sie auch ohne Kurs alles. Sie haben aber so getan, als würden sie nichts wissen. Diese sechs waren dann die Polizei der Siedlung, und mein Schwager Nathan war der Korporal. Die Gafire durften in der Siedlung nicht arbeiten, denn sie wurden von den Engländern bezahlt. Die Engländer sind oft herumgefahren und haben die Gafire kontrolliert. Aber die Gafire wurden in der Siedlung als Arbeitskräfte gebraucht. Der Turm war auch tagsüber besetzt, und immer wenn derjenige, der auf dem Turm war von weitem die englische Polizei sah, hat er gepfiffen und die sechs sind schnell in ihre Zimmer gerannt.

Nathan kam aus einer Familie, die schon viele, viele Jahre in Deutschland lebte und die sich als Deutsche fühlten. Nathans Vater war im Ersten Weltkrieg bei der deutschen Armee Offizier und ist gefallen. Und Nathans Mutter war sehr stolz, dass ihr Mann für Deutschland gefallen war. So war damals in Deutschland die Atmosphäre! Nathan hatte Jura studiert und sollte als Richter arbeiten. Aber er ist Zionist geworden, und er hat sich mit seiner Mutter sehr gestritten. Sein jüngerer Bruder Zwi, er hatte Maschinenbau studiert, wurde auch Zionist und flüchtete noch 1939 nach Palästina. Die Mutter blieb in Berlin, weil sie sich als Deutsche fühlte. Meiner Schwester Gusti hat der Nathan mal ein paar Briefe seiner Mutter aus Berlin vorgelesen, die sie ihm geschrieben hatte. In allen Briefen gab es ein Thema: lass die Juden in Palästina, komm zurück, dein Land ist Deutschland. Ob und was er geantwortet hat, weiß ich nicht. Die Mutter konnte nicht mehr flüchten, sie ist umgekommen.
Nathans Bruder, auch er hieß in Israel Tohar, ist auch nach Moledet gekommen. Er war erst kurze Zeit da, da hat der Krieg begonnen. Er hat sich gleich zum englischen Militär gemeldet, und da er Maschinenbauingenieur war, haben ihn die Engländer, die solche Leute gesucht haben, nach Südafrika geschickt. Dort ist er Pilot geworden.
Zu Beginn des Befreiungskrieges, Israel hatte keinen Flughafen, nur kleine Flugzeuge und kaum Piloten, war er der Einzige, der bereits viele Stunden geflogen war und als Flieger eingesetzt werden konnte. Nach dem Befreiungskrieg wurde die EL AL gegründet, und er war einer der ersten Piloten. Ich bin sehr stolz auf ihn, denn als Eichmann aus Argentinien vom Mossad [Anm.: israelischer Auslandsnachrichtendienst (Geheimdienst)] nach Israel entführt wurde, war Zwi der Pilot des Flugzeuges. Es war das erste Flugzeug, das direkt von Argentinien bis Israel geflogen ist. Das war gefährlich wegen der Länge der Strecke. Aber er hat es geschafft!

Meine Schwester Gusti kam 1934 mit der Jugendaliah nach Palästina. Gusti kam mit der ersten Gruppe aus Berlin, die von Henrietta Szold [17] organisiert wurde. Gusti und ihre Gruppe, sie waren schon in Berlin zusammen, sind gleich nach En Harod gefahren. Von dort hat sie den Eltern geschrieben: ich bin in En Harod und fühle mich hier sehr gut, kommt mich besuchen. Von Tel Aviv nach En Harod zu fahren dauerte damals einen ganzen Tag. Heute dauert es eineinhalb Stunden. Von Tel Aviv nach Haifa gab es keinen Weg. Es gab bloß eine Möglichkeit: man musste von Tel Aviv nach Dschenin, das liegt schon in den Bergen von Palästina, dann nach Nablus, und von Nablus mit einem Auto nach Haifa, von Haifa nach Afula und von Afula nach En Harod.  Es gab auch die Möglichkeit mit der Bahn zu fahren, aber das war noch komplizierter. Unsere Mutter ist in den Kibbutz gefahren, und man kann sich vorstellen, wie es ihr gegangen ist. Sie hatte endlich ihr Kind wieder in den Armen. Sie blieb zwei Tage, und es hat ihr nicht gefallen. Sie war entsetzt, als sie das Leben dort sah. Das Essen war ihr fremd und das Leben, was die Jugendlichen da miteinander lebten, war für sie abschreckend und der Schmutz, den sie sah, war nichts für sie. Dann hat sie auch noch gehört, dass allen alles gehört und niemand etwas eigenes besitzt, nicht einmal Kleidung. Einmal in der Woche bekam man saubere Wäsche, Hemden und Hosen, und so war das Leben.
Die Gusti war ganz begeistert, aber meine Mutter hat das überhaupt nicht verstanden. Wie kann das sein, dass einer keine Wäsche, keine Kleidung hat? Und meine Mutter begann wieder über Gusti zu bestimmen und sagte zu ihr, dass sie nach Tel Aviv kommen soll. Aber Gusti wollte nichts davon hören, sie war 17 Jahre alt, und sie wollte dort bleiben bei ihren Freunden und der Arbeit und den Abenden, an denen sie zusammen saßen und sangen. Gusti blieb noch eine Zeit lang im Kibbutz, bis sie bemerkte, dass das Leben dort nicht nur schön war. Da hat sie dann auf unsere Mutter gehört, und nach ein paar Monaten kam sie zu uns nach Tel Aviv.
Die Mutter ist hingefahren und hat sie abgeholt. Sie ist nach Tel Aviv gekommen mit nichts. Sie hatte kein Kleid, sie hatte nichts. Natürlich hat sie mit uns gewohnt. Sie bekam einen Posten als Gehilfin in einem Büro. Eines Tages besuchte Gusti unsere Schwester Fanny in Bertuvia. Dort lernte sie einen Burschen kennen, der dann mein zweiter Schwager wurde. Friedel Bär, alle haben ihn Bobby gerufen, war auch aus Deutschland, aus der Stadt Leipzig. Er war ein attraktiver Mann, er war sogar einmal Boxer. Auch er kam, wie mein Schwager Nathan, aus einer wohlhabenden Familie. Sein Vater und dessen älterer Bruder hatten einen Pelzhandel betrieben. Sie hatten Pelze sogar nach Amerika exportiert. Der Vater und der Onkel sind immer nach Polen und nach Russland gefahren und haben dort Felle gekauft. Bobby  hatte einen oder zwei Brüder in Palästina und eine Schwester, aber die wollten nicht hierbleiben. Sie sind weiter nach Amerika gefahren. Es ist ihnen in Amerika gut gegangen. Ich glaube, von denen lebt auch niemand mehr.
Meine Schwester ist gleich schwanger geworden und nach Bertuvia gegangen. Nun lebten Fanny und Gusti zusammen mit ihren Männern in Bertuvia.

Als Fanny, Nathan und ihre Freunde die Siedlung Moledet aufbauen wollten, wollte Friedel lieber etwas Eigenes. Er war kapitalistisch eingestellt, er wollte etwas besitzen. Er blieb mit Gusti in Bertuvia und mietete ein Haus. Auf einem landwirtschaftlichen Hof hat er gearbeitet und gut verdient. Er hatte sehr viel Initiative und arbeitete gut und viel als Traktorfahrer. Als Friedel das Geld beisammen hatte, kaufte er sich ein eigenes Haus, zwei Kühe und Hühner und betrieb seine eigene Landwirtschaft in Shaar Chefer. Shaar Chefer befindet sich in der Nähe von Natanya. Als der Weltkrieg begann, wurden in Israel alle Männer zum englischen Militär oder in die Haganah einberufen. Die Engländer hatten zu dieser Zeit schon ein Interesse an der Haganah, nicht offiziell, aber sie haben sie nicht mehr bekämpft. Auch Friedel, meinen Schwager, hat man mobilisiert. Er blieb aber in Israel und hat das Land bewacht, denn der deutsche General Rommel ist mit seinen Truppen Israel sehr nahe gekommen. Meine Schwester war dann allein mit der vielen Arbeit, und es war sehr schwer für sie, denn sie war krank. Sie hatte so eine Art Malaria mit ständigen Fieberschüben.
Eines Tages, ich war 14 Jahre alt und besuchte die letzte Klasse, kam meine Mutter in die Schule zum Direktor. Sie bat darum, dass ich die nächste Zeit freigestellt werde, damit ich meiner Schwester bei der Arbeit helfen könne. Da ich ein sehr guter Schüler war, waren der Direktor und mein Lehrer einverstanden. So war ich die letzten drei Monate nicht mehr in der Schule, bekam aber trotzdem mein Abschlusszeugnis. Ich fuhr nach Bertuvia und half meiner Schwester in der Landwirtschaft.
Gustis Sohn Jakov wurde noch in Bertuvia geboren. Er war sehr krank, er hatte eine schwere Muskelerkrankung und starb mit 21 Jahren. Gustis Tochter Miriam wurde bereits in Shaar Chefer geboren. Miriam hatte eine schwere Nierenerkrankung. Sie starb 1996 in Shaar Chefer. Friedel starb 2005, und Gusti starb 2008.

Fanny hatte drei Töchter. Ester wurde 1939 in Moledet geboren. Sie wurde Krankenschwester und lebt heute in Kfar Jehoshua, Edna wurde 1945 geboren, sie war Kindergärtnerin in Moledet und lebt noch heute in Moledet. Daphna wurde 1950 in Moledet geboren. Sie hat in Moledet gearbeitet und lebt noch heute dort.
Fanny starb in den 1990er Jahren, Nathan bereits in den 1980ern.

Ich war Mitglied in der Jugendorganisation Noar Oved. Dort habe ich meine Frau Ester kennengelernt. Ester ist schon in Palästina geboren. Ihr Vater war Bäcker. Er hieß Elisha und war 1920, zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, mit einer zionistischen Gruppe aus Polen nach Palästina gekommen. Er war der einzige Zionist in seiner Familie. Seine Eltern waren sehr orthodox und haben ihn verstoßen. Das habe ich schon erzählt. Sein Vater hieß Schaul Tschernebroda, und die Mutter hieß Tamar. Tschernebroda ist polnisch und heißt schwarzer Bart. In Palästina hat Esters Vater den Namen Jecheskeli. angenommen. Jecheskel. ist einer der Propheten. Esters Vater hatte acht Geschwister. Seine Eltern und alle Geschwister wurden im Holocaust ermordet. Esters Mutter kam kurze Zeit nach ihm nach Palästina, der Vater war in Polen gestorben. Esters Eltern kannten sich schon in Polen und waren verheiratet. Sie hatten beschlossen, dass zuerst Esters Vater nach Palästina fährt, und Esters Mutter kam kurze Zeit nach ihm ins Land. Esters Onkel Shimon, Esters Tante Rosza und ihre Großmutter Ahuva kamen auch nach Palästina. Drei Geschwister von Esters Mutter blieben in Polen und wurden ermordet. 

Die Mitglieder [Anm.: hebr. Chawerim - Freunde] unserer Organisation sind immer zu den ganz armen Plätzen gegangen, haben die kleinen Kinder eingesammelt und mit ihnen gespielt, denn damals gab es  noch keine offiziellen Einrichtungen für kleine Kinder. Wir waren damals vierzehn Jahre alt. Ester war eine der Leiterinnen. Seit dieser Zeit sind wir immer zusammen geblieben, über sechzig Jahre. Sie hat mir gefallen, aber Vierzehnjährige sind noch zu jung. Das hat sich dann später entwickelt.

Zur Zeit des Warschauer Ghettoaufstands, das war 1944, haben wir Nachrichten über die Geschehen in Europa gehört. Eines Tages kamen Informationen aus dem Warschauer Ghetto von dem jüdischen Historiker Emanuel Ringelblum. Er war bekannt in der ganzen Welt. Er war mit seiner Frau und seinem Sohn im Warschauer Ghetto und schaffte es, Informationen über das Ghetto, er hatte im Untergrund ein Archiv aufgebaut, nach London zu schmuggeln. Aus London kamen diese Informationen nach Israel. Die jüdischen Politiker, die Offiziere der Vaad Leumi [der Jüdische Nationalrat (JNC) oder Rat der jüdischen Leute war der nationale Vorstand der jüdischen Gemeinschaft innerhalb der Zeit der britischen Mandatsmacht] und die Sochnut [Jewish Agency (zionistische Organisation, die vor 1948 die Regierungsfunktion im jüdischen Palästina ausübte)] wollten nicht zu viel Wirbel in Palästina, und deshalb wollten sie nicht, dass diese Verbrechen bekannt werden. Das waren politische Gründe. Der Führer unserer linksgerichteten Organisation war in Polen sehr befreundet mit dem Ringelblum gewesen, der mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn und anderen Untergetauchten in seinem Versteck aufgestöbert und erschossen wurde. Er hat gesagt: wir müssen Tel Aviv ein bisschen ‚aufmischen’, ‚umrühren’, es darf nicht sein, dass hier niemand weiß, was in Europa geschieht. Er hat die ganze Jugend unserer Organisation losgeschickt. Wir sind auf die Strassen und in alle Kinos und Theater gegangen, sind mitten in die Filme und Theatervorstellungen reingeplatzt. Wir haben die Filme und Vorstellungen unterbrochen, sind nach vorn gegangen und haben erzählt, was in Warschau passiert. Das war das erste Mal, dass wir verstanden haben, was mit den Juden geschieht. Das alles geschah an einem Abend. Die Reaktion war sehr stark, das hat große Wellen geschlagen. Und dann, nach und nach, langsam, langsam, haben wir immer mehr erfahren.

 

Nach dem Krieg

Nach dem Krieg gab es viele jüdische Soldaten, die während des Krieges beim englischen Militär waren und die durch Europa mit Militärfahrzeugen unterwegs gewesen sind. Und überall, wo sie Juden getroffen hatten, waren diese schwer körperlich und geistig angeschlagen. Sie haben diese Juden, sehr viele waren Überlebende der KZs in Polen, nach Deutschland in DP Lager gebracht. Es wurden von Israel aus Mapilim [illegale Transporte/illegale Schiffe] organisiert, die die Leute nach Palästina brachten. Das heißt, von diesem Standpunkt aus haben die Juden in Palästina alles gemacht, was sie konnten. Man wollte alle Juden nach Israel bringen. Man hatte Angst, was passiert war, könne noch mal passieren. Nach der Ermordung der europäischen Juden gab es für Juden keinen sicheren Platz in Europa mehr. Alle sollten nach Israel kommen. Das war der richtige Standpunkt!
Aber die Engländer, die Besatzungsmacht, war dagegen. Sie versuchten die Schiffe im Meer abzufangen. Es gab einen Kampf zwischen uns und den Engländern. Es war ein harter Kampf, aber die Engländer konnten nicht verhindern, dass diese armen Menschen in das einzige Land der Welt kamen, das ihnen Sicherheit bot.

Viele, die hergekommen sind, haben nichts erzählt über das, was sie erlebt hatten. Sie wollten ihre Familien nicht belasten. Es gibt tausende Familien, deren Eltern hier geheiratet haben und sich ein neues Leben geschaffen haben und nicht erzählt haben, was ihnen geschehen ist. Das sind private Sachen. Die Regierung und die Schulen haben alles dafür getan, dass alle in Israel wissen, was passiert war. Jedes Jahr fahren viele Schulkinder nach Auschwitz, das ist schon lange so, nicht erst die letzten Jahre. Ich selbst bin ein paar Mal mit Schülern in Auschwitz gewesen. Ich war auch mit israelischen Schülern beim ersten ‚March of the living’ [18] dabei, denn ich war damals schon der Direktor aller Berufsschulen in Tel Aviv. Wir sind in Polen durch viele Lager gefahren, und die Schüler waren sehr erschüttert. Ein Junge hat in das Besucherbuch in Auschwitz ein ganzes Blatt voll mit Schimpfwörtern geschrieben, so erschüttert war er. Eine ganze Seite voller Schimpfwörter, der arme Junge! Ich habe das gesehen und ihn gefragt: was machst du da? Hat er gesagt: ich muss das alles raus bringen.

Ich bin, als mein Schwager wieder nach Bertuvia zurückkam, nach Tel Aviv zurückgefahren. Für das Gymnasium hatten wir kein Geld, das war sehr teuer. Da haben mein Vater und ich beschlossen, dass ich in eine Berufsschule gehe. Aber es gab keine richtige Berufsschule. Ich wollte Elektromechaniker werden, und da haben wir beschlossen, dass ich Lehrling in einer Werkstatt werde. Wir haben einen Platz für mich gefunden. Es gab zwei deutsche Brüder, ich glaube, Illenberg hießen sie. Ein Bruder war Elektrotechniker oder Ingenieur. Er hatte bei AEG in Berlin gelernt. Diese Brüder haben mir mit deutscher Gründlichkeit sehr viel beigebracht und mich zu Genauigkeit erzogen. Dadurch bin ich sehr schnell sehr gut vorangekommen. Ich will mich nicht rühmen, aber ich habe auch ein Talent für die Elektrotechnik. Meistens haben wir Generatoren repariert. Das war noch während des  Weltkriegs, und es gab kein Rohmaterial. Wir haben aus alten Maschinen Teile herausmontiert, aber da war kein Kupfer, und wir brauchten sehr viel Kupferdraht. Diesen Kupferdraht durch verschiedene Kombinationen zu ersetzen, war für mich sehr lehrreich. Ich  habe gearbeitet und war außerdem aktiv in der zionistischen Partei Poalej Zion Smol, ich war immer beschäftigt! Ester und ich waren in der Partei immer zusammen, und dann haben wir uns verliebt.

Meine Mutter hat jahrelang Nudeln erzeugt. Beim Teig machen hat ihr der Vater geholfen, weil das die körperlich schwerste Arbeit dabei war. Sie hat den Teig dann auf Platten auf unseren Betten ausgerollt, mit einer Schere zerschnitten und in der Sonne im Hof auf Decken getrocknet. Sie hat sie in Tüten aus Zeitungspapier verpackt und sie in Geschäften oder an Nachbarn in der Umgebung verkauft. Das war eine Einnahmequelle für die Familie.
Meine Eltern wollten aus dem Viertel wegziehen, in dem wir wohnten. Es war nicht leicht dort für sie, aber das Geld reichte nicht für eine andere Wohnung. Isi, der 1939 nach Tel Aviv gekommen war, ging zuerst auch nach Moledet, wo meine Schwestern damals lebten. Aber als im September 1939 der Zweite Weltkrieg begann, ging er sofort zum Militär, denn er wollte unbedingt gegen die Deutschen kämpfen. Isi war den ganzen Krieg in Ägypten. Nach dem Krieg, als Isi nach Tel Aviv zurück kam, bekam er Hilfe vom Staat. Damals bekamen alle Punkte für bestimmte Lebensmittel, denn es gab zu wenig. Isi, als Befreier, hatte eine privilegierte Stellung. Er konnte offiziell mehr Lebensmittel kaufen. Mein Vater hatte zu dieser Zeit wieder einen Laden gemietet, und mein Bruder konnte ihn dadurch mit den Lebensmitteln, die er für die Backwaren brauchte, wie zum Beispiel Zucker und Mehl, versorgen. Mein Vater konnte wieder Kuchen backen und verkaufen, und das hat seinem Selbstbewusstsein sehr gut getan. Meine Eltern konnten sich dann auch eine kleine Wohnung, nicht weit von der alten Hauptbusstation in Tel Aviv, kaufen.
Nach dem Krieg war Isi Tischler, das hatte er in Belgrad gelernt, und besaß eine Tischlerei in Ramat Gan, wo er mit seiner Familie lebte. Verheiratet war er mit Desi, einer Auschwitz Überlebenden. Das war ein Schidach. Sie bekamen zwei Kinder, David wurde 1960 geboren und Shaul 1963. Sie wohnten in Ramat Gan, in der Rechov Bialik. Desi hatte das KZ nur überlebt, weil die KZ Aufseher, als sie in ihrer Baracke waren, glaubten, sie sei tot. Deshalb ließen sie sie liegen. Sie war eine griechische Jüdin aus Thessaloniki. Von Beruf war sie Krankenschwester. Es war eine schwere Beziehung, weil Desi, nach allem was sie im KZ erlebt hatte, sehr schwierig war. Immer stand die Wohnung unter Wasser, wenn man sie besuchte. Sie stand unter dem Zwang, ständig sauber machen zu müssen, aber das war noch das Wenigste. 
Isi starb Anfang der 1990er Jahre, und Desi starb 2008. David lebt heute in Gane Tikva, Shaul lebt in Ramat Gan.

Meine Schwester Miriam heiratete 1944 den polnischen Juden David Vinograd, in Israel hieß er David Anavi. Als Miriam 21 Jahre alt war, erfuhr meine Mutter, dass polnische Soldaten in Tel Aviv angekommen waren. Unter diesen Soldaten suchte meine Mutter einen Mann für meine Schwester. David gefiel ihr am besten.
David wurde 1915 in Lodz geboren. Er hatte drei Geschwister, Aron, Hadassa und Dvora. Sein Vater Elieser war Buchhalter, die Mutter Chava war Hausfrau. David lernte den Beruf des Textiltechnikers. Als die Russen 1939 aufgrund des Hitler - Stalin – Paktes, Hitler und Stalin hatten sich Polen geteilt, nach Polen kamen, war David gerade Soldat der polnischen Armee in den von der Roten Armee besetzen Gebieten. Zuerst wurde er von den Russen eingesperrt, aber bald wieder entlassen. Er flüchtete auf das Gebiet der Sowjetunion. Zuerst arbeitete er in einem Kinderdorf. In der Sowjetunion herrschte großer Hunger, aber man versuchte, wenigstens die Kinder zu schützen. Mein Schwager erfuhr dort, dass sein Vater und seine älteren Geschwister auch aus Polen in die damalige Sowjetunion geflüchtet waren. Sein Vater schaffte es, zu David ins Kinderdorf zu kommen. Die Geschwister fanden Arbeit in einem Ort, der 40 Kilometer vor dem Kinderdorf lag. Der Vater erzählte, dass die Mutter und Dvora, die jüngste Schwester, in Lodz geblieben waren. Die Mutter wollte nicht ins Ungewisse, und Dvora ließ die Mutter nicht allein. Ein deutscher Nachbar kümmerte sich um die beiden, bis sie ins KZ Auschwitz deportiert und ermordet wurden. Das erfuhr er aber erst viel später. Der Vater war sehr krank, und als die Deutschen näher kamen, flüchtete er mit David. Aber er hatte keine Kraft mehr und verabschiedete sich von seinem Sohn, um zum Dorf zurück zu gehen. David brach das Herz für immer, er hat seinen Vater nie wieder gesehen. Auch seine Geschwister Aron und Hadassa sah er nie wieder.
Er wurde Soldat der polnischen Streitkräfte in der Sowjetunion. Diese Armee kämpfte gemeinsam mit den Alliierten Streitkräften. Sie kamen bis nach Persien, dem Irak und nach Gaza. In Gaza desertierten viele jüdische Soldaten nach Palästina, auch David. Das erste Jahr war David im Kibbutz Sarid. Das war ein ganz, ganz linker Kibbutz. Da waren viele fanatische Stalinisten, die David, wenn er etwas über die Sowjetunion sagte, nicht glaubten und ihn beschimpften. Er verließ deshalb den Kibbutz, ging nach Tel Aviv und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten, meist auf dem Bau, durch. Er wurde durch die schwere Arbeit krank. Dann lernte er Miriam kennen.
Miriam bekam zwei Töchter, Chava, nach Davids Mutter benannt, wurde 1946 in Tel Aviv geboren, und Ilana wurde 1950 in Beer Sheva geboren. 1962 zogen Miriam und David mit ihrer Familie nach Kiriat Ono, und David arbeitete als Stadtverwalter. Chava lebt mit ihrer Familie im Kibbutz Dvir im Negev, und Ilana lebt mit ihrer Familie in Wien. Miriam starb 2001, und David starb 2004.

Zu unserer Hochzeit kamen Familie und Freunde. Es war eine wunderbare Atmosphäre. Wir haben getanzt, und es war sehr lustig. Mein Vater hatte natürlich, als Konditor, die Kuchen gebacken, das waren wunderschön geschmückte Torten. Eine dieser Torten war drei oder vierstöckig, das war die Haupttorte. Einige unserer Freunde haben beschlossen, diese Torte gehöre ihnen, und jemand hat während der Hochzeit die Torte weggeschnappt, und sie haben sie aufgegessen. Wir waren so stolz auf diese Torte, und sie war einfach weg. Wir hatten die Torte fotografiert, die Fotos haben wir noch immer. Jetzt sind wir 62 Jahre verheiratet. Am Abend unseres 62. Hochzeitstages hat mein Sohn uns zu einem kleinen Saal gebracht, und wir waren ganz überrascht, weil die ganze Familie und gute Freunde dort versammelt waren. Als wir kamen, fingen alle an zu klatschen. Unsere Kinder hatten das organisiert. Das war wirklich sehr schön! Aber die nächste Überraschung war, dass während der Feier mein Enkelsohn und meine Enkeltochter mit einer riesengroßen Torte kamen,  die der gestohlenen Torte unserer Hochzeit nach gestaltet war.

Nach der Hochzeit habe ich weiter gearbeitet, und ich war auch aktiv in der Haganah. Die ganze Jugend war da organisiert. Der Befreiungskrieg begann bereits 1947, in der Nacht, als die UNO beschloss, dass der Staat Palästina in zwei Staaten geteilt wird. Man sagt immer, der Krieg habe im Mai 1948 begonnen, nach der Ausrufung des Staates Israel, aber da war schon Krieg. Richtig ist, dass der Krieg in der Nacht vom 29. zum 30. November 1947 begann. Ich wurde sofort mobilisiert.
Gebrodelt hatte es immer, aber in der Nacht des Beschlusses war Krieg. Die Araber schossen auf allen Chausseen des Landes auf jüdische Autos. Auch wir hatten schon Munition, wir waren darauf vorbereitet. Das Militär brauchte nicht bloß Soldaten die schießen, sondern auch Spezialisten. Ich war Spezialist für Motoren und Generatoren. Es gab wenig Material, und wir mussten immer versuchen, etwas zusammen zu basteln. Ich hatte ganz verschiedene Motoren und Generatoren, die kaputt waren, und ich habe immer Teile von verschiedenen Maschinen zusammengestellt und aus denen einen Generator gebastelt. Die Generatoren waren sehr wichtig für vieles, zum Beispiel für Camps und für Krankenhäuser. Unser Glück war, dass das englische Militär, auch andere kleinere Militärtruppen, die hier waren während des Zweiten Weltkriegs und zwischen 1945 und 1947 abzogen und gut ausgerüstet waren, ihre Lager hierließen. Die guten Geräte haben sie mitgenommen, aber alle kaputten Geräte sind hier geblieben. Diese Maschinen zusammen zu bauen war meine Aufgabe. Meine Freunde beim Militär haben immer gelacht, sie haben gesagt, du hast eine Kuh mit einem Schaf zusammen gelegt. Ich hatte das Talent ziemlich schnell zu sehen, wie man verschiedene Maschinen zu einer Maschine zusammen bauen kann. 

Jerusalem war 1948 geteilt zwischen Juden und Arabern. Auf dem Skopus [Eigenname; hebr. Berg] steht seit 1925 die Hebräische Universität von Jerusalem, und damals befand sich auch das große
Hadassah - Krankenhaus dort. Der Berg war bis 1967 eine israelische Enklave in arabischem / jordanischem Gebiet in Ostjerusalem. Am 13. April 1948, einen Monat vor der Gründung des Staates Israel, wurde ein israelischer Versorgungskonvoi auf dem Weg zum Krankenhaus von den Arabern angegriffen. Die britische Armee griff erst nach sechs Stunden ein. Bei diesem Überfall wurden 77 jüdische Ärzte, Krankenschwestern und Patienten getötet. Daraufhin wurde das Krankenhaus nach En Kerem in Westjerusalem verlegt. Das ursprüngliche Spital auf dem Skopus wurde erst 1967 wieder eröffnet. Der Skopus war von Arabern umgeben. Als der Krieg Mitte Juli 1949 beendet war, hat die UNO sich eingemischt und beschlossen, dass die Juden auf dem Skopus bleiben sollen. Da standen Häuser der Universität, und es war schwer, sie zu bewachen. Man musste durch arabisches Gebiet, um die Leute dort zu versorgen, was nur mit UNO Fahrzeugen möglich war. Auf dem Berg befanden sich israelische Soldaten, um die jüdischen Bewohner zu bewachen. Die Araber hatten verlangt, dass keine Soldaten da oben sind. Darum nannten wir sie Polizisten, aber es waren natürlich Soldaten.
Alle zwei Wochen fuhren zwei UNO Lastwagen herauf und brachten alle Sachen hinauf, die die Leute oben zum Leben brauchten. Die Soldaten auf dem Skopus wurden regelmäßig ausgetauscht. Um die Leute besser schützen zu können wurde beschlossen, dass der Berg mit Stacheldraht umzäunt werden soll. Natürlich haben die Araber nicht erlaubt, dass man Stacheldraht auf den Skopus bringt. 

Eines Tages, ich hab damals als Lehrer in einer Berufsschule gearbeitet, kam ein Offizier, der mein Vorgesetzter beim Militär war, und sagte: Hillel, ich brauch dich sehr dringend. Du musst dir von der Schule frei nehmen. Damals war so eine idealistische Atmosphäre, und ich wollte natürlich helfen, wenn man mich braucht. An so einem Tag des Austauschs der Soldaten auf dem Skopus hat man mich hinaufgebracht. Es gab dort oben auf der Universität eine riesengroße Bibliothek, und zu dieser Bibliothek fuhren auch Personen in ziviler Kleidung.
Wir fuhren mit dem UNO Lastauto auf den Skopus. Oben angekommen, rief mich der Offizier, auch er war in Privatkleidern: komm Hillel, wir brauchen Elektrizität, du musst uns helfen. Es gab einen großen Platz mit verbrannten und kaputten Autos, kaputten Motoren und solchen Sachen. Es kamen noch ein Schlosser und ein Mechaniker herauf. Ich hab verschiedene Teile gefunden und ‚Kühe mit Schafen’ gemischt und einen Generator gebaut. Der Mechaniker hatte zwischen den kaputten Autos einen Benzinmotor gefunden, und wir haben die beiden zusammenmontiert. Es hat sich gedreht, und am Abend hatten wir Elektrizität. Die Araber und die UNO haben sich darüber gewundert. Am Abend rief mich wieder der Offizier und sagte: Hillel, was du gemacht hast, ist sehr gut. Aber wir wollen etwas Besseres. Und er sagte, dass mit mir auch ein Ingenieur von einer Stacheldraht Fabrik gekommen sei, der hätte eine ganz kleine Maschine mitgebracht, mit der konnte man Stacheldraht herstellen. Der Ingenieur hatte die Maschine in ihre Teile zerlegt und in dem Bus, in dem wir gekommen waren, war sie geschmuggelt worden. Ein Ingenieur aus Tel Aviv hatte diese Maschine erfunden. In einem Keller stand diese komische Maschine. Wie stellt man Draht her? Man zieht einen groben Draht durch eine Maschine mit einem Diamant, der das härteste Mineral ist, und da wird der Draht dünner, und das macht man sehr oft, und der Draht wird immer dünner und dünner. Daneben war noch eine ganz kleine Maschine, die aussah wie eine Nähmaschine. Durch diese kleine Maschine hat man einen Draht durchgeführt und seitlich noch zwei dünnere. Dafür brauchten wir noch einen Motor, den ich gebaut habe, und alles hat funktioniert. Es hat sich gedreht, und wir konnten sehen, wie der Stacheldraht aus der Maschine kam. Wir waren ganz begeistert! Ich war dann berühmt und habe einen wunderbaren Dankesbrief von dem Obersten des Ingenieurmilitärwesens bekommen. Ich habe mich sehr darüber gefreut! Ich hatte das nur geschafft, weil ich viel Praxis mit Generatoren hatte.

Der Krieg dauerte insgesamt eineinhalb Jahre, aber es gab auch Pausen, ein paar Monate war Krieg, dann war mehrere Wochen lang Pause, und dann begann es wieder.

Am 3. November 1949 wurde unser Sohn Jigal geboren. Zu dieser Zeit war ich noch beim Militär, aber der Krieg war schon fast zu Ende. Ich konnte zwischendurch immer nach Hause kommen. Unser Sohn war für die ganze Familie eine riesengroße Freude, und ich war sehr glücklich. Zu der Zeit hatten wir noch keine Wohnung. Bis ich vom Militär befreit wurde, haben wir ein Zimmer gemietet. Eine Küche war nicht dabei. Ein Mann und eine Frau hatten eine Dreizimmerwohnung, und ein Zimmer haben sie vermietet. Das war damals in Tel Aviv ganz normal. Dort ist unser Sohn geboren. 1950 haben wir unser Haus gekauft. Aber das war nicht so, wie es heute aussieht. Das kann man sich nicht mehr vorstellen. Das Haus hatte 30 Quadratmeter, das war ein Viertel von dem, was heute ist. Wir haben sehr viel angebaut.

Mein Sohn Jigal hat 1973 geheiratet. Sarahs Eltern kamen nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei nach Israel. Sie sind mit einem Schiff gekommen, das die Engländer zurückgeschickt haben, aber sie sind wieder gekommen. Das war zwischen 1945 und 1947. In dieser Zeit kamen viele Schiffe mit Juden ins Land. Sie sind, genauso wie wir damals, illegal ins Land gekommen, nur konnten ihnen in dieser Zeit viele Juden helfen. Wenn sie von den Schiffen kamen, wurden sie sofort an verschiedene Plätze verteilt. Sarahs Eltern kamen in einen Kibbutz. Dort sind sie geblieben, dort hat es ihnen gefallen.
Mein Sohn arbeitet als Manager für eine Organisation, die Senioren betreut. Sarah arbeitet bei der Krankenkasse. Ihre Kinder heißen Omri und Dganit. Omri ist 36 Jahre alt und Dganit ist 33 Jahre alt. Sie arbeitet als Managerin bei Tnuwa, der ältesten und größten Molkereifirma in Israel.

Als ich vom Militär befreit wurde, bin ich erst zurück zu meinem alten Arbeitsplatz. Beim Militär war ich Offizier, da war ich ein Chef, ich habe Befehle gegeben. Und als ich vom Militär entlassen worden war, habe ich mich nicht mehr gut gefühlt in der Werkstatt. Da habe ich dort ein paar Monate gearbeitet, und dann hat mir einer, den ich vom Militär kannte, angeboten, eine kleine Fabrik zu führen, in der neue Motoren gebaut wurden. Ich sollte dort die Arbeit organisieren. Nach einem halben Jahr war ich auch nicht mehr zufrieden, weil es meinem Bekannten nur darum ging, Geld zu machen. Ich war ein Fachmann, ich wollte etwas Richtiges machen, und er wollte Geld machen. Da wurde ich selbstständig. Über der Bäckerei meines Vaters war ein Raum, in dem habe ich mir eine kleine Werkstatt eingerichtet. Ich war ein guter Arbeiter, aber ein schlechter Geschäftsmann. Da wusste ich, dass ist nichts für mich. Ein Freund hat mir erzählt, dass in der technischen Berufsschule Schewach, in Tel Aviv, in der Hamasger Street eine Elektrizitätsklasse eingerichtet wird. Das war genau richtig für mein Naturell, das hat mir gefallen, und dort habe ich als Lehrer von 1952 bis 1977 gearbeitet.

Mein Vater starb 1954, da war er 67 Jahre alt. Er besaß nie wieder eine Konditorei, aber er hatte eine Bäckerei, und er hat fast bis zum Schluss als Konditor gearbeitet. Seine Bäckerei befand sich in der Nähe des alten Busbahnhofs. Das war eine große Erleichterung für ihn, er musste nicht mehr mit dem Koffer durch die Straßen gehen. Er hatte sogar Angestellte, die alles geholt und verkauft haben. Das Leben in Israel war in dieser Zeit schon etwas leichter, man konnte schon mehr kaufen.

1955 ist meine Tochter Diza geboren. Diza lebt seit 25 Jahren mit ihrem Mann Chaim zusammen. Sie sind nicht verheiratet und haben keine Kinder. Beide sind Doktoren, sie in Geophysik, er in Astrophysik. Ester sagt, er schaut in den Himmel, und sie schaut in die Erde. Beide arbeiten nicht in ihren Berufen. Sie arbeiten als Reiseführer und reisen mit Gruppen durch die ganze Welt. Außer in Australien waren sie schon überall, wo man als Israeli hinfahren kann. Zurzeit ist meine Tochter in Peru. Chaim arbeitet, wenn er nicht im Ausland ist, auch in Mizpe Ramon, einer Kleinstadt in der Negev Wüste, in einem Planetarium. Beide, meine Tochter und mein Schwiegersohn, lesen sehr gern und besitzen eine große Bibliothek. Meine Tochter interessiert sich außerdem sehr für die Familiengeschichte.

 

Nachkriegsgeschehnisse

Die Kommunistische Partei war unter den Engländern illegal, aber während der Zeit des Zweiten Weltkriegs wurde sie nicht mehr verfolgt. Wir waren in dieser Zeit begeistert von den Russen, dem russischen Militär und von den Kämpfen der Russen gegen die Deutschen. Wir kannten auch viele russische Lieder. Ab Gründung des Staates Israel war die Kommunistische Partei dann legal. Ester und ich waren zwar nicht in der Kommunistischen Partei, aber die zionistische Partei Poalej Zion Smol war eine linke Partei. Als wir im Februar 1956 durch die Rede Chruschtschows auf dem 20. Parteitag der KPdSU erfuhren, was in Russland passiert war und sahen, was in Russland noch immer passiert, haben sich die Meinung unserer Partei und unsere Meinung geändert. Woran wir geglaubt hatten war eine Lüge. Der Kommunismus war ein schöner Traum, mehr nicht.

Am 29. Oktober 1956 begann der Suezkrieg mit Ägypten.  Ich war an der Grenze zu Sinai, man brauchte mich, wie man alle brauchte, aber meine Qualitäten als Elektroingenieur haben sie nicht mehr gebraucht, da hatten wir schon Motoren und Generatoren.

Nach dem Suezkrieg mit Ägypten, wurde mir meine Arbeit als Lehrer etwas langweilig. Ich wollte immer neue Aufgaben, etwas Abwechslung. Da ergab sich die Möglichkeit, für eine sehr große Baugesellschaft nach Eilat zu gehen. Eilat war damals eine Steinwüste am Roten Meer, und man wollte dort eine Stadt bauen. Deshalb sollte eine Elektrizitätsabteilung für die Baugesellschaft aufgebaut werden. Man kam zu mir und sagte, ich sei der richtige Mann dafür. Und da haben sich die zwei Sachen getroffen. Ich weiß nicht, wer von dieser großen Gesellschaft zu dem Direktor meiner Schule kam und ihn überredet hat mich freizustellen. Jedenfalls habe ich freibekommen, denn die Arbeit in Eilat war wichtig für das ganze Land, wichtiger als meine Arbeit als Lehrer in der Schule. Ich habe mich sehr gefreut. Man hat gesagt: lass die Familie hier in Tel Aviv und arbeite dort. Da habe ich gesagt: wir gehen zusammen. Ich hab unsere Möbel auf ein Lastauto gepackt, und wir sind runter gefahren. Das war 1957. In Eilat gab es damals nur Wüste und ein paar wenige Häuser. In so einem kleinen Haus haben wir gewohnt. Wir waren am Meer mitten in der Wüste. Wir hatten dort ein wunderbares Leben, es war zurück zur Atmosphäre des Beginns.
In Eilat ist es sehr heiß. Da hat man zum Beispiel mit Draht an die Fenster in einem Rahmen eine dicke Schicht Getreide geklemmt, von oben hat man Wasser darauf gespritzt, das war die Kühlung.
Ungefähr Tausend Leute haben dort in dieser Zeit gelebt und begonnen, in der Wüste die Stadt zu bauen. Wir waren wie eine Kommune, wir haben zusammen gesessen, zusammen gegessen, die Kinder haben bei ihren Freunden geschlafen. Jeden Abend sind wir zum Meer gegangen, es war ein wunderbares Leben, sehr primitiv und sehr schön. Alle waren glücklich dort.
Nach eineinhalb Jahren sind wir nach Tel Aviv zurück gekommen, und ich bin wieder als Lehrer in meine Schule gegangen.

Adolf Eichmann wurde am 31. Mai 1962 in Israel gehenkt, seine Leiche verbrannt und seine Asche im Meer verstreut. Während des Eichmann-Prozesses war das ganze Land aufgerüttelt. Man hat lange Zeit darüber gesprochen, aber jetzt ist das weg. Israel sucht noch heute solche Nazis, aber man spricht nicht mehr über Eichmann. Ich weiß nicht, was die Schüler in den Schulen über Eichmann wissen. Seit 1951 wird in Israel am 27. Nissan mit einem Gedenktag, dem  Jom ha-Shoa, an die Opfer der Schoa gedacht. Ich hoffe, dass man da auch über Eichmann spricht.

1967 war der Sechs-Tage-Krieg. Das war ein kurzer Krieg, nur sechs Tage lang. Da war ich in Be'er Schewa. Ich war bei einer Truppe von älteren Leuten. Offiziell waren wir Soldaten, aber wir mussten nicht an vorderster Front kämpfen. Wir halfen jüngeren Soldaten, die dann kämpfen konnten. Ich war zwei, drei Monate beim Militär. Sie wollten mich nicht vom Militär entlassen, weil durch den Krieg vieles kaputt war und sie meine Kenntnisse gebraucht haben, um große Maschinen zu reparieren.

Eines Tages hat die Stadt Tel Aviv einen Direktor für alle Fachschulen gesucht. Ich war Autodiktat, hatte viele Bücher gelesen, aber ich hatte keine offizielle Ausbildung, keine Papiere. Als Direktor brauchte ich ein Zeugnis von der Universität, und ich hatte nicht einmal die Matura. Trotzdem war ich der richtige Mann für diesen Posten. Da wusste ich, wenn ich weiter kommen will, muss ich studieren. Ich begann, da war ich noch Lehrer an der Schule, am Abend zu Hause zu lernen und habe die Matura nachgemacht. Dann bin ich auf die Universität gegangen. Das konnte ich mir zum Glück einteilen. Ich bin zwischen der Arbeit in der Schule, ich hatte damals nur an ein paar Tagen in der Woche Kurse in der Schule, und der Universität immer mit meinem Auto hin- und hergefahren. Es gab auch Sommersemester, da hab ich den ganzen Sommer gelernt. Und dann habe ich den Universitätsabschluss geschafft und durfte ab 1977 die Leitung aller Fachschulen übernehmen. Das war für mich zu diesem Zeitpunkt wieder genau die richtige Arbeit. Diese Arbeit habe ich bis zu meiner Pensionierung im Jahre 1990 mit Freude gemacht.

Auch Ester hat gearbeitet. Sie war Lehrerin und gab zwanzig Jahre lang zweimal in der Woche in einem Klub Kurse für künstlerische Handarbeit und Zeichnen für Erwachsene. Die andere Zeit hat sie sich um unsere Kinder gekümmert.

Der Yom-Kippur-Krieg begann am 6. Oktober 1973. Das war ein harter Krieg. Es gab viele Tote auf beiden Seiten. Ich war bereits 48 Jahre alt und wegen Krankheit, mein Herz war nicht mehr so gesund, und Alter befreit vom Militär. Aber ich war nicht ganz befreit. Es gibt auch Zivile beim Militär. Da war man dann noch zehn Jahre. Jetzt hat sich das schon etwas geändert. Man lebt ganz normal wie ein Zivilist, aber wenn ein Befehl kommt, wird man sofort mobilisiert. Jedes Viertel hat zivile Leute, auch Frauen sind dabei, die viele Aufgaben haben. Ich war hier in der Gegend als Oberkommandeur einer Gruppe älterer ziviler Soldaten. Die Zentren sind dann in diesen Kriegszeiten immer die Schulen. Wenn irgendetwas passiert, sind wir die erste Hilfe. Wir müssen auf allen Plätzen sein, um Hilfe zu organisieren, zum Beispiel Feuerwehren oder Ambulanzen rufen. Wir mussten alles für die Zivilbevölkerung tun, damit das Militär frei ist von diesen Pflichten. Wir waren wie eine Polizei, aber im Krieg. Ein Teil von uns waren auch Chauffeure für die Kommandanten vom Militär oder Ambulanzfahrer.
Der Yom-Kippur-Krieg war auch der erste Krieg meines Sohnes. Es war nicht schön, dass mein Sohn im Krieg war, aber so ist es, man muss damit leben, und man lebt damit.

Von 1973 bis 1975 war eine sehr schwere Zeit, das war kein offizieller Krieg. Das war hauptsächlich in der Gegend des Sinai. Beide Seiten haben sich beschossen. Arabische Mörder sind in den Nächten nach Israel eingedrungen, meist in Dörfer, und haben Leute ermordet und Häuser angezündet. Dann begannen unsere Gegenkämpfe. Wir sind in arabische Lager eingedrungen und haben arabische Polizisten überfallen. Das war ein stiller Krieg, aber viele Leute sind ermordet worden.

Meine Mutter starb 1974. Sie wurde 86 Jahre alt.

1982 war der fünfte israelisch-arabische Krieg, das war der erste Libanonkrieg. Die Terroristen sind vom Libanon und aus Transjordanien über die Grenzen in den Nächten nach Israel gekommen. Ich war nicht mehr in diesem Krieg, aber mein Sohn war damals als Fallschirmjäger dabei. Auch meine Tochter war beim Militär. Sie ist Offizierin, hat eine ziemlich hohe Stufe bekommen. Als der Krieg war im Libanon, war sie bereits beim Militär, aber sie war nicht im Krieg. Sie war ein paar Jahre feiwillig beim Militär.

Den letzten Libanon Krieg hätten wir nicht führen sollen. Der hat uns nur schlecht gemacht in der Welt. Erstens haben wir ihn verloren, zweitens sind die Araber, weil sie ihn gewonnen haben, völlig in Ekstase geraten, und sie glauben dadurch, sie sind jetzt die Stärksten. Und das ist nicht gut, weil sie jetzt mehr Mut haben und sich Sachen erlauben, die sie vorher nicht gemacht haben.  

Wir Israelis hatten viele Träume. In den ersten Jahren, in denen ich hier war, waren alle radikal nicht gläubig. Damals war der Glaube an ein eigenes Land und dass alle Juden in diesem Land leben, der Traum. Fromme Juden gab zuerst sehr wenig. Als fromme Juden bezeichne ich die Juden mit den schwarzen Anzügen, die immer darum kämpfen, dass man alle Gesetze von Gott einhält. Aber langsam werden es immer mehr. Zum Beispiel: Die meisten dieser frommen Juden lebten vor dem Krieg in Polen. Sie waren immer dagegen, dass die Jugend nach Palästina geht. Sie haben immer gesagt, wir müssen warten, bis der Messias kommt, dann fahren wir alle nach Israel. Aber solange er nicht gekommen ist, geht es nicht. Das war so schlimm in Polen, dass Familien sich getrennt haben. Wenn von einer Familie eine Tochter oder ein Sohn sagte, dass sie oder er nach Israel geht, hat man sie rausgeworfen. Der Vater von Ester, meiner Frau, war aus so einer Familie. Die waren ganz, ganz fromm, und als er weg ist, haben sie alle Kontakte abgebrochen. Und deswegen haben wir von Esters Familie nur mütterlicherseits Verwandte. Väterlicherseits gibt es überhaupt keine. Nach dem Krieg kamen aber auch immer mehr fromme Juden aus dem Osten ins Land. Einige ganz Fromme weigern sich sogar Hebräisch zu sprechen, sie sprechen nur Jiddisch miteinander - bis der Messias kommt. Das sind nicht viele, aber die machen einen großen Wirbel. Viele Leute in Israel, das sind ungefähr 80 Prozent, sagen: ich bin nicht fromm, aber ich glaube trotzdem an etwas. Und das ist gut so.

Im Durchschnitt, das sagt auch die Knesset, gibt es ungefähr zwanzig Prozent Fromme. Aber da sind alle Stufen von fromm dabei. Das bedeutet, wenn jemand am Schabbat in die Synagoge geht, oder wenigstens zu den hohen Feiertagen, und er führt kein religiöses Leben, aber er weiß, dass zu Pessach kein Brot gegessen wird, und er geht niemals in ein Restaurant, in dem es kein koscheres Fleisch gibt, das sind Halbfromme, und die zähle ich zu den Frommen.

Und dann gibt es viele, die sind nicht fromm, aber sie sagen sich, es kann nicht schaden, wenn ich am Jom-Kippur in die Synagoge gehe, oder wenn ich am Samstag nicht rauche und nur in koschere Restaurants gehe. Und die geben den Frommen die Kraft. Sie sagen, ich bin nicht so, aber ich hab nichts dagegen, dass sie sich verbreiten. Und sie werden immer mehr. Sie haben ganz fromme Schulen [Anm.: hebr. Jeschiwa, Mrz. Jeschiwot], und sie haben sehr viel Geld, denn sie bekommen das Geld vom Staat, und sie bekommen Unterstützung aus Amerika. Dadurch können sie lernen und müssen nicht arbeiten gehen. Sie tun alles dafür, dass viele Schüler aus aller Welt kommen. Sie bieten vieles unendgeldlich an, zum Beispiel Essen und Kleidung, und so locken sie die Leute an. Und weil sie viele Kinder haben, kriegen sie viel Geld und  werden immer stärker und stärker. Es gibt  vielleicht zehn Prozent Anti-Fromme. Sie kämpfen gegen diese Frommen, aber von diesen zehn Prozent geht zu wenig Kraft aus. Sie können nicht soviel verhindern. Es wurden verschiedene fromme Gesetze gemacht, zum Beispiel, wir haben keine Busse am Samstag, am Schabbat. Das haben sie durchgesetzt. Am Jom Kippur muss alles geschlossen sein. Gesetzlich! Nicht durch den Glauben, sondern durch das Gesetz muss das sein. Das ganze Leben soll koscher sein. Sie müssen ihren Stempel aufdrücken. Wir können nichts machen, wir müssen damit leben.

Die Polizei hat vor ein paar Wochen ein Buch gefunden, in dem ein paar Rabbiner geschrieben haben, wie man die Araber töten soll. Sie haben verschiedene Gesetze aus dem alten Judentum genommen und herausgelesen, dass es einen Befehl von Gott gibt, dass man die Araber töten soll. Auch arabische Kinder soll man ermorden, das wäre der Befehl von Gott. Das sind die ganz Extremen. Aber ich befürchte, sie werden mehr. Den Rabbinern soll der Prozess gemacht werden, die Polizei hat sie bestellt, aber sie wollten nicht kommen. Das habe ich heute im Radio gehört.

Die Arbeiterpartei und die Likud Partei brauchen die Religiösen zum Regieren, denn die Religiösen sind das Zünglein an der Waage. Die ganz Religiösen glauben, dass Gott uns das Land Israel gegeben hat. Wir sind mehr oder weniger die Hälfte - die Rechten mit den Frommen und die Linken mit der restlichen Bevölkerung, die etwas mehr intellektuell ist. Die Intellektuellen haben ziemliche Angst, dass die Rechten immer stärker werden.

Ich will nicht, dass die Frommen in die Politik gehen. Ich bin dafür, dass sie leben wie sie wollen, aber sie sollen die anderen in Ruhe lassen und nicht über sie bestimmen. So wie ich denke, denken ungefähr 80 Prozent. Marx und Lenin sprachen in ihren Schriften davon, dass Religion Opium für das Volk ist. Den Leuten, die aus östlichen Ländern kommen, kann man noch Märchen erzählen, die glauben noch an alles Mögliche. Auch sie geben den Frommen ihre Stimmen und dadurch die Macht. Ich fürchte mich davor, dass der Staat Israel immer frommer wird. Ich habe auch Angst, dass die Frommen, wenn wir jetzt mit den Arabern leben wollen, das Problem auf israelischer Seite sein werden. Aber was kann man machen, die leben in ihrer Welt.

Ich glaube, Sharon hätte vielleicht nur einen Teil vom Gazastreifen zurückgeben sollen. Wir sind ganz rausgegangen, und wir haben nichts dafür bekommen. So wie es gelaufen ist, ist es nicht gut. Zum Beispiel die Golanhöhen: dass wir einen Teil zurückgeben, ist ganz klar. Es gibt verschiedene Pläne. Ein Plan wäre: Juden, die wollen, sollen dort bleiben und mit den Arabern zusammen leben. Ich glaube, das ist realistisch. Ich glaube, wenn da Frieden ist, aber richtiger Frieden, können sie zusammen leben. Wenn so ein Frieden ist, dann können sich die Länder entwickeln. Aber die Hauptsache ist, wir müssen hier bleiben, die Zentrale muss hier in Israel sein. Das bedeutet, dass Jerusalem unsere ungeteilte Hauptstadt bleibt, denn wir haben so viele historische Plätze in Jerusalem. Auch die Araber haben dort historische Plätze, auch sie sollen dort sein können. Aber damit sind sie nicht einverstanden. Das ist das Problem. Ich glaube, sie wären einverstanden, denn vor dem Libanon Krieg waren wir uns schon in vielen Punkten einig. Zum Beispiel, neben Jerusalem ist ein großes arabisches Dorf, und in diesem Dorf haben sie ein riesiges Gebäude direkt an die Grenze von Jerusalem gebaut. Das Gebäude sollte ein Regierungssitz für die Araber sein. Man hat auch schon ein Industriezentrum für Araber und Juden gebaut. Dort können sie zusammen arbeiten und investieren Die arabischen Industriellen wollen auch, dass sich die Industrie entwickelt, und sie wissen, dass das gemeinsam mit den Juden mehr Erfolg hat. Eine Zeit lang haben wir ziemlich gut miteinander gelebt, das Problem ist, dass auf der ganzen Welt die Radikalen unter den Religiösen immer radikaler und stärker werden. Wenn es dem Iran gelingt, das durchzuführen, was der Ahmadinedschad [19] will, das wird eine Katastrophe sein. Wer siegt, weiß ich nicht, aber da gibt es nur zwei Möglichkeiten: der Frieden oder die Atombombe.
Der Frieden muss unbedingt kommen, ich glaube fest daran. Wie lange soll denn das noch dauern?

 

Glossar

[1] Rosch Haschana [heb.: Kopf des Jahres]: das jüdische Neujahrsfest. Rosch Haschanah fällt nach dem jüdischen Kalender auf den 1. Tischri, der nach dem gregorianischen Kalender auf Ende September oder in die erste Hälfte des Oktober fällt.

[2] Pejes od. Peies [hebr: Peot]: die jiddische Bezeichnung für die von frommen Juden getragenen Schläfenlocken. Das Tragen des Bartes und der Schläfenlocken geht auf das biblische Verbot zurück, das Gesicht mit scharfen und schneidenden Gegenständen zu berühren.

[3] Tefillin: lederne ‚Gebetskapseln‘, die im jüdischen Gebet an der Stirn und am linken Arm getragen werden und Texte aus der Torah enthalten.

[4] Koscher [hebr.: rein, tauglich]: den jüdischen Speisegesetzen entsprechend.

[5] Pessach: das Pessachfest gehört zu den zentralen Festen des Judentums. Es erinnert an den Auszug aus Ägypten, also die Befreiung der Israeliten aus der dortigen Sklaverei, mit der sie nach dem Tanach als eigenes, von Gott erwähltes Volk in die Geschichte eintraten. Die Nacherzählung [Haggada] verbindet jede neue Generation der Juden mit ihrer Ursprungsgeschichte.

[6] Seder [hebr.: Ordnung]: wird als Kurzbezeichnung für den Sederabend verwendet. Der Sederabend ist der Auftakt des Pessach-Festes. An ihm wird im Kreis der Familie [oder der Gemeinde] des Auszugs aus Ägypten gedacht.

[7] Matze [hebr. מצה‎, matzá; dt. Matze; Plural hebr. מצות‎, matzót; dt. Matzen - auch jiddisch מצה‎, mátze; dt. Matze; Plural jiddisch מצות‎, mátzes; dt. Matzen], auch ungesäuertes Brot genannt, ist ein dünner Brotfladen, der während des Pessachfestes gegessen wird. Matze wird aus Wasser und einer der fünf Getreidearten Weizen, Roggen, Gerste, Hafer oder Dinkel ohne Triebmittel gefertigt.

[8] Afikoman [auch Afikomon, aus aramäisch Afiko und Kamen = vor uns herausziehen] ist ein bestimmter Teil der am Sederabend von Juden gegessenen Mazza. Er wird während des Mahls beiseite geschafft bzw. versteckt, um als Nachspeise nach dem eigentlichen Mahl vor dem Dankgebet für die Speisen gegessen zu werden.

[9] Hagadah od. Haggadah od. Haggada [hebr: ‚Verkündung/Erzählung‘]:Büchlein, das am Sederabend beim Festmahl mit der Familie gemeinsam gelesen und gesungen wird. Das Buch beschreibt das Exil in Ägypten und den Auszug in die Freiheit.

[10] SA: die ‚Sturmabteilung’ war die paramilitärische Kampforganisation der NSDAP während der Weimarer Republik. Sie spielte als Ordnertruppe eine entscheidende Rolle beim Aufstieg der Nationalsozialisten. Nach der NS-Machtübernahme wurde die SA von Hermann Göring, dem Reichskommissar für das preußische Innenministerium und damit Dienstherr der preußischen Polizei, kurzzeitig auch als staatliche Hilfspolizei eingesetzt. Nach dem Sommer 1934, als SS-Einheiten die SA-Führungsspitze ermordet hatten [siehe Röhm-Putsch], verlor sie in der weiteren Zeit des Nationalsozialismus sehr stark an Bedeutung. Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches 1945 wurde sie wie NSDAP und SS mit dem Kontrollratsgesetz Nr. 2 verboten und aufgelöst.

[11] Kibbutz [Pl.: Kibbutzim]: landwirtschaftliche Kollektivsiedlung in Palästina, bzw. Israel, die auf genossenschaftlichem Eigentum und gemeinschaftlicher Arbeit beruht.

[12] Moschaw [hebräisch: Singular: מושב moschaw, Plural: מושבים moschawim] ist eine genossenschaftlich organisierte ländliche Siedlungsform in Israel bezeichnet. Nicht zu verwechseln mit der Moschawa und mit mehr Privateigentum als der Kibbuz, ist der Moschaw die jüngste und häufigste Form israelischer Dörfer. Heute bestehen etwa 400 solcher Siedlungen.

[13] Bialik, Chaim Nachman [1873-1934]: jüdischer Dichter, Autor und Journalist, der auf Hebräisch schrieb; einer der einflussreichsten hebräischen Dichter; gilt in Israel als Nationaldichter.

[14] Als ‚He Chaluz’ [hebräisch für Der Pionier] wurde ein 1917 gegründeter zionistischer Weltverband bezeichnet, der sich zum Ziel setzte, die jüdische Einwanderung nach Palästina [Alija] und deren Vorbereitung [Hachschara] zu organisieren.

[15] Haganah [hebr. 'Verteidigung]: 1920 gegründete zionistische Militärorganisation in Palästina während des britischen Mandats [1920-1948], die Juden vor arabischen Überfällen schützen sollte. Die Hagana unterstand der Histadrut [Gewerkschaft]. Sie wurde so zum Vorläufer der israelischen Armee, in der sie nach der Staatsgründung aufging.

[16] Hachschara (hebr. für Vorbereitung, Tauglichmachung) bezeichnete die gezielte und organisierte Vorbereitung von Juden auf die Einwanderung, die Besiedelung Palästinas. Im Regelfall fanden Hachscharakurse auf landwirtschaftlichen Gütern statt.

[17] Henrietta Szold [21. Dezember 1860 in Baltimore - 13. Februar 1945 in Jerusalem] war eine bedeutende Aktivistin des frühen Zionismus. Sie war Erzieherin, Autorin, Sozialarbeiterin und 1912 Gründerin der amerikanischen zionistischen Frauenorganisation Hadassah, der größten zionistischen Organisation der Welt. Sie leitete die Kinder- und Jugend-Alijah in Palästina.

[18] March of the Living ist eine Internationale Initiative, die am Jom Haschoa, dem Holocaust-Gedenktag, jüdische Jugendliche aus aller Welt zu einem Marsch von Auschwitz nach Birkenau bringt, dem größten Konzentrationslagerkomplex, der im zweiten Weltkrieg gebaut wurde. Im Anschluss daran fahren die Jugendlichen nach Israel, um dort am Jom Hasikaron, dem Gedenktag für die gefallenen israelischen Soldaten, und am Jom Ha’azmaut, dem Israelischen Unabhängigkeitstag, teilzunehmen.

[19] Ahmadinedschad, Mahmud ist ein ultrakonservativer iranischer Politiker und seit dem 3. August 2005 der sechste Präsident der Islamischen Republik Iran. Zu den Hauptmerkmalen von Ahmadinedschads internationalem Auftreten gehören seit Beginn seiner Präsidentschaft im Jahr 2005 aggressive anti-israelische Äußerungen, die den Aufruf zum Kampf gegen Israel, das Absprechen des Existenzrechts Israels, Vernichtungsvorhersagen, antisemitische Verschwörungstheorien sowie Holocaustleugnungen umfassen

Land: 
Stadt: 
Tel Aviv

Interview details

Interviewte(r): Hillel Kempler
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
August
Jahr des Interviews:
2010
Tel Aviv, Israel

HAUPTPERSON

Hillel Kempler
Geburtsjahr:
1925
Geburtsort:
Berlin
Geburtsland:
Deutschland
Todesjahr:
2014
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Lehrer/Direktor

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