Heinz Klein

Wien, Österreich

Heinz Klein
Wien
Österreich
Datum des Interviews: Mai 2002
Name des Interviewers: Tanja Eckstein

Heinz Klein ist der Onkel meines Freundes Raphael Kahan. Raphael ist mein erster und sein Onkel mein zweiter Interviewpartner. Ich besuche die Familie Klein in ihrer Wohnung im 3. Bezirk. Leider geht es Frau Klein gesundheitlich nicht sehr gut, so dass sie ein Interview ablehnt, was ich sehr bedaure. Sehr wichtig sind Herrn Klein die letzten Sätze: eine Hommage an seine Frau Desi.

Heinz Klein ist im Frühling 2015 gestorben.

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Während des Krieges
Nach dem Krieg
Glossar

Meine Familiengeschichte

Mein Name ist Heinz Leo Klein. Ich wurde am 25. Mai 1917 in Wien geboren. Über meine Urgroßeltern väterlicherseits weiß ich nur, dass sie aus Ungarn stammten. Ich weiß aber nicht aus welchem Ort. Ich kenne auch ihre Namen nicht. Mein Großvater Josef Klein wurde in Budapest geboren. Alle, die ihn noch aus Ungarn kannten, nannten ihn Joschko. Die Großmutter hieß Bertha, war eine geborene Fischer und kam aus dem Burgenland, aber aus welchem Ort, weiß ich nicht.

Mein Großvater war in Ungarn Lehrer und kam irgendwann nach Wien. Da muss er noch sehr jung gewesen sein, denn mein Vater und alle seine Geschwister wurden in Wien geboren. Er arbeitete bei der großen Versicherungsanstalt Janus. Die ist dann Pleite gegangen. In Budapest lebten Brüder und Stiefbrüder meines Großvaters. Diese Verwandten habe ich nie kennen gelernt. Es war eine große Familie, sie waren alle sehr gläubig, und es wurde mir erzählt, dass sie eine eigene Synagoge hatten.

Die Urgroßeltern mütterlicherseits kannte ich auch nicht, und den Großvater hat es zu meiner Zeit nicht mehr gegeben. Die Großmutter hieß Miriam Hilfreich und wurde 1868 geboren. Ich kann mich an sie erinnern. Zwei Brüder meiner Großmutter, ihr Name war Schlein, lebten in Magdeburg [Deutschland] und in Berlin [Deutschland] und besaßen dort große Kaufhäuser. Sie waren einmal in Österreich, und ich habe sie als Kind kennen gelernt. Ich habe nur die Verwandten kennen gelernt, die nach Österreich zu Besuch gekommen sind. Ich weiß, dass die deutschen Verwandten nicht gläubig waren.

Mein Vater, Alfred Klein, wurde in Wien am 14. Mai 1893 geboren. Er hatte zwei Brüder und zwei Schwestern. Mein Vater war der kleinste von den drei Brüdern, die anderen waren viel größer, so um die 1,90 Meter. Die Brüder hießen Max und Rudolf, die Schwestern Ernestine und Irma. Max, Rudolf, und Ernestine wanderten schon 1926/27 nach Südamerika aus. Seine Schwester Irma blieb in Wien.

Mein Vater war Zahntechniker und hatte einen Posten in der Schweiz, und als der 1. Weltkrieg ausgebrochen war, ist er zurückgekommen und hat sich zum Militär gemeldet. Am 20. September 1915 heiratete er meine Mutter Elsa Hilfreich. Meine Eltern hatten sich schon lange gekannt, sie dürften befreundet gewesen sein. Meine Mutter hatte zwei Schwestern. Eine Schwester hieß Jenny, sie war mit Leo Treuer verheiratet und starb vor dem 2. Weltkrieg. Sie hatten eine Tochter Olga, die 1913 geboren wurde. Die andere Schwester hieß Gretl, verheiratete Scheffer. Sie emigrierte nach Südamerika und starb dort.

Meine Kindheit

Im Jahr 1917 bin ich in Wien zur Welt gekommen. So um 1920 sind meine Eltern von Wien nach Graz übersiedelt. Das war aus finanziellen Gründen, mein Vater hat in Graz einen Posten bekommen und sich dann selbständig gemacht. Mein Bruder Otto wurde 1920 geboren.

Meine Mutter war Kindergärtnerin von Beruf, hat aber ihren Beruf nach der Heirat mit meinem Vater nicht mehr ausgeübt. Sie war Hausfrau, wir waren ja drei große Mannsbilder! Mit meinem Vater, meinem Bruder und mir hat sie genug zu tun gehabt. Wir hatten aber auch immer ein Dienstmädchen, meistens hat das Dienstmädchen bei und gewohnt. Ich bin in eine jüdische Volksschule, mein Bruder Otto ist in eine öffentliche Volksschule gegangen.

Als wir Kinder waren, waren wir jedes Jahr auf 'Sommerfrische'. Da sind wir in den Ferien hinaus gefahren, 10 bis 15 km von Graz entfernt. Meine Eltern hatten ein Häuschen gemietet, und wir sind mit der Mutter draußen geblieben. Der Vater ist jeden Tag in der Früh zur Arbeit gegangen, und am Abend ist er zurückgekommen. Am Samstag musste er nicht arbeiten. Die Mutter hat jeden Tag gekocht, und wir haben Verwandte aus Wien eingeladen. Auch Kusinen von mir sind auf Urlaub gekommen zu uns, eine oder zwei Wochen. Meine Eltern sind nie ins Ausland gefahren. Mein Vater ist erstmals im Jahre 1937 mit einem Freund ein paar Tage nach Jugoslawien gefahren.

Als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war, bin ich in den jüdischen Jugendbund Tchelet Lavan gegangen, und seitdem habe ich keinen Urlaub mehr mit den Eltern gemacht. Da war die Zeit mit Machane [hebr. Ferienfreizeitcamp] verplant, da war ich mit den Wienern und den Schweizern zusammen.

Mein Vater war ein fescher Mann. Er ist sehr gern ins Kaffeehaus gegangen, die Mutter hat sich mehr um die Kinder gekümmert. Mein Vater war ein großer Pascha, ein ganz großer Pascha, aber die Mutter hat das Geld verwaltet. In Wirklichkeit hat er nur den Pascha gespielt. Meine Mutter war eine kleine zarte Frau, aber was sie gesagt hat, das ist dann auch geschehen. Sie hat gerne gesungen und war Mitglied im jüdischen Chor.

Ich hatte eine starke Verbindung zu meiner Mutter, mehr als zu meinem Vater, obwohl ich vor und nach dem Krieg bei meinem Vater angestellt war und viel Zeit mit ihm verbracht habe. Trotzdem hatte ich zu meiner Mutter ein viel innigeres Verhältnis. Meine Mutter war eine sehr kluge Frau, immer, wenn es uns wirtschaftlich besser ging, sind wir in eine größere Wohnung übersiedelt. So sind wir in Graz mindestens fünfmal umgezogen. Es hat ihr nichts ausgemacht, sie war klein, aber stark. Wir haben auch in einer Villa am Rucherlberg in Graz gewohnt, aber unsere letzte Wohnung war mitten in Graz.

Großvater und Großmutter Klein wohnten in Wien, im 9. Bezirk, in der Hahngasse. Der Großvater, er trug einen Kaiser Franz Josef Bart, saß jeden Tag um 5 Uhr nachmittags im Cafe Bauernfeld und spielte Karten, und die Großmutter saß mit Frauen dort und hat gestrickt. Das Cafe Bauernfeld war im 9. Bezirk, das gibt es heute nicht mehr. Es war genau gegenüber der heutigen französischen Schule. Das war das Leben meiner Großeltern, als ich sie kannte - jeden Tag waren sie im Cafehaus.

Mein Großvater war ein angesehener Bürger der jüdischen Gemeinde. Samstags ist er immer in den Müllnertempel gegangen, er war auch im Tempelvorstand. Jüdische Feste haben wir bei meinen Großeltern erlebt. Beim Großvater wurde gut gekocht, und die jüdischen Feiertage wurden eingehalten. Die Enkelkinder kamen oft zu Besuch. Er hat immer geschimpft, wenn wir einen Wirbel gemacht haben, wir sind auch nie ruhig gewesen. Wir haben nur darauf gewartet, dass es etwas Gutes zu Essen gibt. Oft waren von meiner Tante Irma die drei Buben Walter, Herbert und Kurt da, meine Lieblingskusine Olga Treuer, mein Bruder und ich.

Ich habe bei meinem Vater lernen und arbeiten können und war auf einem Lehrinstitut für Dentisten. Vor dem Krieg hat es befugte Zahntechniker gegeben. Als der Hitler gekommen ist, ist die deutsche Ordnung eingeführt worden. Man musste Prüfungen machen und mindestens ein Jahr in die Schule gehen, dann hat man die staatliche Prüfung gemacht. Nach dem Krieg bin ich dann in die Dentistenschule in Österreich gegangen, habe meine Schule beendet und die Prüfungen abgelegt.

Meine Eltern waren nicht gläubig, aber jüdisch bewusst. Besonders nach dem Jahre 1934, nach dem Aufkommen des Nationalsozialismus. Das hat sie sicher mehr zum Judentum gebracht. Ab dieser Zeit waren sie hauptsächlich in jüdischer Gesellschaft. Mein Vater war in Graz Kultusrat, ich war im jüdischen Jugendbund, mein jüngerer Bruder war auch im jüdischen Jugendbund Tchelet-Lavan. Wir hatten nur jüdische Freunde und waren im jüdischen Jugendbund sehr stark verankert. Alle Freunde, die wir heute haben, sind aus dieser Zeit.

 

Während des Krieges

Die Ordination meines Vaters, in der ich stets beschäftigt war, wurde im Mai 1938 arisiert. So verlor mein Vater seine Existenz und ich meinen Arbeitsplatz. Am 10. November 1938 wurde ich verhaftet und ins KZ Dachau [Deutschland] deportiert. Nach ungefähr sechs Monaten wurde ich entlassen und bin sofort mit einem illegalen Transport von Wien nach Palästina geflüchtet.

Meine Eltern wurden aus ihrer Grazer Wohnung vertrieben, sie mussten nach Wien übersiedeln. Mein Vater war dann in Wien in der Kultusgemeinde tätig und für die jüdische Auswanderung zuständig. Er hatte das Provinzreferat unter sich und hat einen illegalen Transport zusammengestellt von cirka 240- 250 Grazer Juden. Die sind nach Palästina geflohen und auch angekommen. Nachdem mein Vater gesehen hat, dass es auch für ihn und meine Mutter gefährlich wird, sind sie auch auf einem illegalen Transport nach Palästina gegangen. Das muss 1940 gewesen sein. Sie konnten nur Kleinigkeiten mitnahmen. Vieles ist dann auch noch durch die folgenden Umzüge verlorengegangen.

Meine Großeltern wurden von ihren zwei Söhnen 1938 nach Südamerika geholt, nach Brasilien, und dadurch wurden sie gerettet. Sie sind in Brasilien geblieben und dort gestorben. Irma war die einzige der Geschwister meines Vaters, die sich mit ihrer Familie nicht retten konnte. Sie war zwei Jahre älter als mein Vater und war verheiratet mit Siegmund Simoni. Gemeinsam mit ihren den Zwillinge Herbert und Kurt wurden sie nach Maly Trostinec bei Minsk [heute Weißrussland] deportiert und ermordet. Die Gräber waren schon vorbereitet, sie hatten überhaupt keine Chance. Die Eltern und die Zwillinge, so hat man mir erzählt, haben mit der Ausreise gewartet. Sie wollten zu einem Bruder meiner Tante nach Brasilien. Aber es war schwer, für Brasilien eine Einreise zu kriegen, und so kamen sie nicht mehr raus. Sie hätten versuchen können, illegal nach Palästina zu kommen. Aber sie haben immer gewartet, um nach Brasilien zu können. Dann war es zu spät. Walter Simoni, der älteste der drei Söhne, hat überlebt. Er ist uns mehr als ein Cousin, mehr als ein Bruder. Er steht mir ganz nahe. Walter ist von Österreich nach Belgien geflüchtet, ich glaube, er war sechs oder sieben Jahre älter als seine Zwillingsbrüder. Er hat bei einem Bauern gearbeitet, dann haben ihn die Deutschen erwischt. Er hat drei Jahre Auschwitz, den Todesmarsch und alles Schreckliche überlebt, aber die Nachricht, dass er niemand mehr hat, keinen Vater, keine Mutter, keine Brüder, das war ärger, als die drei Jahre Auschwitz. Nach Kriegsende hat man ja gesucht und gehofft. Walter lebt in Israel.

Meine Lieblingskusine Olga Treuer ist leider in Wien geblieben und auch umgekommen Sie wurde ins Ghetto Theresienstadt [heute Tschechien] deportiert und von dort ins KZ Auschwitz [Polen], wo sie ermordet wurde. Auch meine Großmutter Miriam Hilfreich konnte nicht gerettet werden. Sie wurde auch nach Theresienstadt deportiert und ist dort gestorben.

Mein Bruder war sechzehn Jahre alt, als der Hitler gekommen ist. Er hat gar nichts studieren können. In der Emigration ist er Musiker geworden. Er hat Saxophon, Klarinette, Klavier, und Ziehharmonika spielen können. Er hat nicht studiert, er war ein Naturtalent. Er hat dann in Palästina in einer Kapelle gespielt, und da mein Vater keine Arbeit hatte, die Familie erhalten.

Meine Frau Desi wurde am 29.Juli 1925 in Wien geboren und war eine geborene Blumenfeld. Die Familie meiner Frau waren Zionisten. Ihr Vater ist schon 1936 nach Palästina gegangen und meine Schwiegermutter, meine Frau und ihre Schwester Laura, die Lola genannt wurde, sind 1938 durch Hitler vertrieben worden, aber sie wären mit einem Zertifikat ihres Vaters wahrscheinlich auch so nach Palästina ausgewandert. Viele Verwandte meiner Frau sind schon 1934/1935 in Israel gewesen. Wir haben 1944 geheiratet.

Wir haben uns in Palästina in einem Kreis bewegt, wo alle gesagt haben, sie möchten nach dem Krieg wieder nach Österreich zurück. Es hat auch eine Geschichte von einem Mädchen gegeben, die Hedi Urach hieß. Diese Hedi Urach war eine Nazigegnerin, und sie ist hier in Österreich von den Nazis ermordet worden. Ich habe mir vielleicht eingebildet, dass es viele Hedi Urachs gegeben hat. Es war nicht der Fall, aber ich wollte es mir einreden.

Als wir in Palästina gelebt haben, haben die Frauen oft mehr verdient als die Männer. Meine Frau hatte einen herrlichen Posten. Zumindest haben alle jungen Frauen in diesen schweren Zeiten gearbeitet. Hier in Österreich jedoch waren die Frauen für die Küche und Kinder zuständig. In Wien hat es keinen Mann gegeben, der mit einem Kinderwagen gegangen ist. Heute trifft man am Samstagnachmittag im Prater viele junge Väter mit ihren Kindern, alles ist ganz anders. Lange Zeit sind die Männer nach Hause gekommen und haben ihre Frauen unterdrückt. Sie haben sie angeschrieen, auch in guten Familien, nicht nur in proletarischen Familien.

Nach dem Krieg

Im Jahr 1947 sind wir nach Österreich, nach Graz, gefahren. Meine Lebensgeschichte hätte darauf hingewiesen, dass ich in Palästina - damals hat es ja Israel noch nicht gegeben - geblieben wäre, aber es waren auch wirtschaftliche Umstände, dass ich zurück wollte. Mein Vater wollte zurück, meine Mutter wollte auch zurück. Meine Mutter ist aber, zwei Monate bevor wir nach Österreich zurückkehrten, gestorben. Mein Bruder ist etwas später auch nach Graz zurückgekehrt, hat als Musiker gearbeitet und war dann Professor an der Lehrerbildungsanstalt bis er in Pension gegangen ist.

Wir haben dann in Graz fast nur jüdische Freunde gehabt, oder Juden die mit Nichtjuden verheiratet waren. Schulkameraden habe ich überhaupt keine mehr getroffen. Die Freunde, die ich vor dem Krieg hatte, hat es nach dem Krieg nicht mehr gegeben. In unsere letzte Wohnung in Graz, die arisiert wurde, ist nach dem Krieg ein Partisan eingezogen. Wir haben die Wohnung nicht zurückverlangt. Er hat uns, meiner Frau und mir aber angeboten, dass wir bei ihm wohnen können, bis wir eine eigene Wohnung gefunden haben. Er hat uns ein Zimmer zur Verfügung gestellt, und wir sind ausgezogen, als wir eine eigene Wohnung bekommen haben. Aus dieser Bekanntschaft ist eine wunderbare Freundschaft entstanden, die das ganze Leben gehalten hat. Dieser Mann ist der spätere Bundesrat Alfred Gerstl. Er hatte immer viel für Sport übrig und später für seine Söhne ein Fitnesscenter gebaut. In diesem Fitnesscenter hat auch der Arnold Schwarzenegger, der damals noch nicht bekannt war, trainiert. Schwarzenegger hat also in meinem Zimmer trainiert!

Wir haben zwei Kinder. Evelyn wurde 1949 und Walter wurde 1956 in Graz geboren. Natürlich war immer selbstverständlich, dass sie Juden sind. Sie haben ja auch viele Verwandte in Israel gehabt. Das Judentum hat dadurch nicht aufgehört, dass wir nach Österreich gegangen sind. Wir haben nie gesagt: 'Wir sind zuerst Österreicher und dann Juden', diese Trennung haben wir nie gemacht. Mein Sohn war Bar Mitzwa [1], das war für uns eine Selbstverständlichkeit. Meine Frau hatte immer Sehnsucht nach Israel.

Als meine Tochter in Graz in die Schule gegangen ist, hat es sicher Antisemitismus in der Schule gegeben, aber hinter der Hand, keinen offenen. Sie hatte damals christliche Freundinnen und Freunde, denn in Graz hat es fast keine Juden mehr gegeben.

1967 sind wir von Graz nach Wien übersiedelt, weil wir uns selbständig gemacht haben. Meine Frau und ich wollten nicht mehr mit meinem Vater in der gleichen Ordination zusammen arbeiten.

Das Wichtigste aber war, dass ich meine Berufsausbildung hier in Österreich beendet habe und dass ich mich dann in Wien im 11. Bezirk selbständig gemacht habe. Antisemitismus habe ich kaum gespürt. Ich bin sehr in meinem Beruf aufgegangen. Ich habe einen Beruf gehabt, der mich sehr befriedigt hat. Jeder, der zu mir in die Ordination in Graz und auch in Wien gekommen ist, hat gewusst, dass ich Jude bin. Wenn er nicht hat kommen wollen, wäre er zu Hause geblieben. Nie hat jemand ein Wort darüber fallen lassen. Die Arbeit war der Hauptteil meines Lebens. Und wenn ich nach der Arbeit noch Kraft hatte, bin ich ins Theater gegangen, wir waren bei Freunden eingeladen, die wiederum alle Juden waren.

Von meiner Frau gab es eine Nichte, die im Alter meiner Tochter war. Mit dieser Nichte war meine Tochter nach der Übersiedlung nach Wien immer zusammen. Mein Sohn war in der 2. Klasse Gymnasium, als wir von Graz nach Wien übersiedelten. Er ist integriert worden in den Haschomer Hatzair [2], und da ist er bis zu seinem 18. Lebensjahr geblieben. Mein Sohn und meine Tochter haben in Wien studiert und einen akademischen Abschluss erworben. Ich bin sehr stolz darauf.

1968 oder 1969 kam eine Frau in meine Ordination und sagte zu mir: 'Ich bringe Ihnen etwas.' Ich sagte: 'Wieso bringen Sie mir etwas?' 'Ich war eine Freundin Ihrer Großmutter Miriam Hilfreich, und sie wollte mir Schmuck hinterlassen, aber mein Mann hat nicht erlaubt, dass ich den Schmuck übernehme, und ich habe den Schmuck Ihrer Großmutter zurückgegeben. Aber Ihre Großmutter hat mir ein silbernes Zigarettenetui als Geschenk hinterlassen, und das bringe ich Ihnen.' Ich weiß nicht, was das sollte, denn letzten Endes haben sie meiner Großmutter nicht geholfen mit dem Schmuck. Sie haben halt doch ein bisschen Angst gehabt - Angst vor Denunziation und einer Hausdurchsuchung, und dass sie dann den Schmuck finden könnten. In Österreich gab es viele Denunzianten! Die haben auch Nichtjuden denunziert, wenn einer englisches Radio gehört hat, konnte es passieren, dass ihn sein Nachbar sofort angezeigt hat. Man erzählt, bei der Gestapo am Morzinplatz wäre ein großer Briefkasten gewesen, der jeden Tag voll mit anonymen Anzeigen war. Sogar innerhalb der Familie hat man sich angezeigt, es war schrecklich!

Wir sind oft nach Israel gefahren. Ich finde, dass Kreisky in vielem Recht hatte. Ich bin kein Berater, aber ich denke, wenn Israel damals dem Kreisky gefolgt wäre und dem Arafat ein Stückchen Land gegeben hätte, dann wäre heute vielleicht das Desaster nicht da. Seine antisemitischen Ausrutscher habe ich natürlich damals wie heute nicht goutiert, aber in der Außenpolitik hatte er in vielen Dingen Recht. Während der Waldheim-Affäre ist der Antisemitismus viel offener aufgetreten. Das, was bei vorgehaltener Hand gesagt wurde, wurde da offen ausgesprochen. Antisemitismus hat es immer gegeben, vor dem Krieg, nach dem Krieg. Nach dem Krieg hat man wahrscheinlich hinter der Hand antijüdische Witze erzählt. In dieser Zeit hat man sich das offen nicht zu sagen gewagt.

Wir sind politische Menschen gewesen, wir haben demonstriert und kräftig diskutiert und 2000, als die FPÖ in Wien in die Regierung eingezogen ist, ging es mir bitter mit finster gemischt. Wir sind aber nicht auf gepackten Koffern gesessen. Mein Sohn und meine Schwiegertochter, die auch eine Jüdin ist, haben schon daran gedacht, nach Holland auszuwandern. Mein Sohn hat in einer großen Firma gearbeitet, die auf der ganzen Welt Niederlassungen gehabt hat, auch in Holland. Aber sie sind in Wien geblieben.

Meine Enkeltochter heißt Julie Miriam. Sie ist eine sehr bewusste Jüdin. Sie war das einzige jüdische Mädchen in der ganzen Schule. Sie stand auch in der Schule zu ihrem Judentum und sprach dort über die jüdischen Feiertage und schrieb fantastische Aufsätze. Im Sommer 2002 hat sie ihre Matura mit Auszeichnung absolviert. Sie ist im Schomer Hatzair und wir sind sehr stolz darauf.

Wir leben hier in Österreich ein jüdisches Leben. Es ist kein religiöses, sondern ein jüdisches Leben. Wir gehen in die Gemeinde, wir beteiligen uns an Diskussionen soweit es noch geht. Ich bin 85, also geht's nicht mehr immer so gut. Mein Sohn, meine Schwiegertochter, meine Enkeltochter, meine Tochter verkehren viel in jüdischen Kreisen. Sie haben aber sicherlich noch einen etwas erweiterten Kreis durch die Arbeit.

Ich würde sehr gerne nach Israel fliegen, aber im Moment ist es zu gefährlich. Wenn ich am Ende meines Lebens Rückschau halte, so muss ich sagen, es war ein schweres, aber erfülltes Leben. Ich verdanke dies meiner Frau Desi, die immer, auch in bewegten Zeiten, die Familie hochgehalten hat und stets für uns da war, so dass wir alle Schwierigkeiten des Lebens bewältigen konnten.

Glossar

[1] Bar Mitzwa [od. Bar Mizwa; aramäisch: Sohn des Gebots], ist die Bezeichnung einerseits für den religionsmündigen jüdischen Jugendlichen, andererseits für den Tag, an dem er diese Religionsmündigkeit erwirbt, und die oft damit verbundene Feier. Bei diesem Ritus wird der Junge in die Gemeinde aufgenommen.

[2] Haschomer Hatzair [hebr.: 'Der junge Wächter']: Erste Zionistische Jugendorganisation, entstand 1916 in Wien durch den Zusammenschluss von zwei jüdischen Jugendverbänden. Hauptziel war die Auswanderung nach Palästina und die Gründung von Kibbutzim. Aus den in Palästina aktiven Gruppen entstand 1936 die Sozialistische Liga, die sich 1948 mit der Achdut Haawoda zur Mapam [Vereinigte Arbeiterpartei] zusammenschloss.

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Heinz Klein
Interviewt von:
T. Eckstein
Monat des Interviews:
Mai
Jahr des Interviews:
2002
Wien, Austria

HAUPTPERSON

Heinz Klein
Geburtsjahr:
1917
Geburtsort:
Wien
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Dentist

AUDIO - INTERVIEW

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