Georg Wozasek

Linz, Österreich

Dipl. Ing. Georg Wozasek
Datum des Interviews: Mai 2008
Name des Interviewers: Tanja Eckstein

 

Es war nicht leicht, Ing. Georg Wozasek, den Präsidenten der Linzer Kultusgemeinde, zu überzeugen, mir ein Interview zu geben. Trotz Email und Anrufe meinerseits, war er zuerst nicht bereit dazu. Nachdem wir Dr. Ariel Muzicant, den Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde gebeten hatten, ein ‚gutes Wort’ für uns einzulegen, willigte Ing. Wozasek eher unwillig als willig ein. Ich fuhr nach Linz und die ersten Stunden des Interviews waren noch geprägt von dem ‚eigentlich nicht einverstanden sein’, mir ein Interview über sein Leben zu geben, aber dann fand ein spürbarer Wechsel statt, und es entstand Vertrauen und Freude an der Unterhaltung. Manchmal war es schwer für Herrn Wozasek, über bestimmte Abschnitte seines Lebens zu sprechen, aber nachdem er dem Interview zugestimmt hatte, wollte er es auch weiterführen. Ich danke ihm sehr dafür! 

Ing. Georg Wozasek ist Oktober 2016 gestorben.

 

Meine Familie väterlicherseits kam aus Amstetten, auch mein Großvater Emanuel Wozasek lebte in Amstetten. Geboren wurde er am 11. Januar 1862. Er war der Sohn von Hermann Wozasek und Rosalia, geborene Schön. Mein Großvater war ein stattlicher, sehr erfolgreicher Mann, der einen Produktenhandel - Felle und Häute - besessen hat, den er von seinem Vater, meinem Urgroßvater, geerbt hatte, der 1896 in Amstetten gestorben war.

Mein Großvater war sehr sportorientiert und Mitglied im Deutschen Turnverein. Er hat sogar das goldene Ehrenzeichen vom Turnverein bekommen. Aber ich weiß das alles nur aus Erzählungen der Familie, denn ich habe den Großvater nicht mehr kennen gelernt. Worüber noch in der Familie geredet wurde ist folgendes: Der Großvater soll einmal von einem Seiltänzer bei einer Vorführung über das Seil getragen worden sein - so geht jedenfalls die Geschichte.
Der Großvater hatte einen Bruder, der hieß Leopold. Er wurde 1858 in Kreisfurt, das liegt in Niederösterreich, geboren. Er war mit Regine, geborene Frankl, verheiratet. Ich weiß nur, dass er ein sehr netter Mann gewesen sein soll, wahrscheinlich in Wiener Neustadt gelebt hat und 1942 mit seiner Frau vom 2. Bezirk in Wien ins Ghetto nach Theresienstadt [1] deportiert wurde. Leopold ist dort gestorben. Kurz nach seinem Tod wurde seine Frau nach Polen deportiert und im Vernichtungslager Treblinka [2] ermordet.

Meine Großmutter hieß Lore Pollak. Sie wurde am 1. Mai 1871 geboren. Geheiratet haben meine Großeltern am 27. November 1892 in Graz, aber gewohnt haben sie in Amstetten, in der Rathausgasse 13. Über meine Großmutter weiß ich fast nichts, aber ich glaube, sie war eher eine bescheidene Frau. Meine Großmutter ist bereits 1916 und mein Großvater ist 1923 gestorben. Beide liegen auf dem jüdischen Friedhof in Ybbs begraben.

Meine Großeltern hatten vier Kinder: Lilli, Rudolf, Oskar und meinen Vater Hermann.

Lilli wurde 1893 geboren. Sie hat in Wien Medizin studiert und wurde Ärztin am AKH [Anm.: Allgemeines Krankenhaus der Stadt Wien]. Verheiratet war sie mit Paul Markovicz, einem Praktischen Arzt, der eine Privatordination besessen hat. Wo die Ordination war, weiß ich nicht, aber ich weiß, dass sie auf der Mariahilferstraße, nahe dem Gürtel, gewohnt haben. Kinder hatten sie keine. Ich glaube, meine Tante war eine emanzipierte Frau, weil nicht viele Frauen studiert haben, denn studieren war zu dieser Zeit noch ein Privileg der Männer. Nach ihrer Heirat hat sie aber ihren Beruf nicht mehr ausgeübt. Das war wahrscheinlich damals so üblich. Sie hatte ein gutes Leben, auch gesellschaftlich, denn zum Beispiel waren sie und ihr Mann unter anderem mit dem Arzt und sozialdemokratischen Politiker Julius Tandler [3] gut bekannt. Mein Onkel und meine Tante haben sich 1938 getrennt. Das war sicher für meine Tante sehr schwer. Sie ist nach dem Einmarsch der Deutschen allein nach Argentinien geflüchtet. Warum nach Argentinien, ob sie dort jemanden gekannt hat, weiß ich nicht. Sie blieb aber nicht in Argentinien, sie emigrierte weiter nach New York. In New York hat sie, glaube ich, als Laborantin oder auch als Medizinerin gearbeitet, aber sie hatte es allein sehr schwer. Tante Lilli hat die Musik geliebt und ist in New York oft in die Oper gegangen. Leider ist sie an Krebs erkrankt und dann relativ früh, ich glaube, an einem Herzinfarkt, in New York gestorben. Zu dieser Zeit habe ich in New York gerade zu studieren begonnen. Paul, ihr geschiedener Mann, hat sich in New Jersey eine Hühnerfarm gekauft. Was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht, denn wir hatten dann keinen Kontakt mehr.

Rudolf ist 1895 geboren und war, wie der Großvater, ein stattlicher Mann. Er war Kaufmann und nicht verheiratet. Warum mein Onkel nicht geheiratet hat, weiß ich nicht. Er hatte in Linz eine junge Frau kennen gelernt, das ist die Edith Adler, die damals 18 oder 20 Jahre alt war. Sie war eine hübsche Frau. Ihre Eltern haben in Linz mit Spirituosen gehandelt. Edith ist 1938 mit ihrem Vater, den ich gekannt habe, nach New York emigriert. Der Vater war Briefmarkensammler und hat in New York von den Briefmarken, die er dann verkauft hat, ganz gut gelebt. Onkel Rudolf war ein glühender Revisionist [4] mit einem engen Kontakt zu Jabotinsky [5]. Er hat regelmäßig Geld für Israel, damals Palästina, gespendet. Nach dem Tod des Großvaters hat Onkel Rudolf gemeinsam mit meinem Vater die Firma übernommen und weitergeführt.

Der Jüngste war der Onkel Oskar. Er ist 1901 geboren, lebte in Wien und hat, wie seine Schwester Lilli, Medizin studiert. Er war Arzt im AKH, Internist und arbeitete auch in der Forschung. 1933 erschien in der Nr. 3 der Zeitschrift ‚Virchows Archiv’ ein Artikel meines Onkels und seines Kollegen Hans Popper über den Glykogengehalt der Leichenleber. Beide haben am Pathologisch-anatomischen Institut und dem Institut für medizinische Chemie der Universität in Wien gearbeitet. Onkel Oskar war ein politischer Mensch und daher der erste der Geschwister, der Österreich nach dem Einmarsch der Deutschen verlassen hat und nach Amerika geflüchtet ist. In Chicago ist es ihm gelungen, wieder als Arzt zu arbeiten. Als ich noch in New York lebte, habe ich ihn in regelmäßigen Abständen gesehen - es gab einen konstanten Kontakt. Damals sind wir noch nicht mit dem Flugzeug geflogen, und mit dem Zug war es eine lange Reise von Chicago nach New York. Onkel Oskar kam nach dem Krieg nach Österreich auf Besuch, er war mit mir und meiner Frau auch einmal in Kitzbühl. Ende der 1960er Jahre ist er in Chicago gestorben. Siebzig Jahre nach der Vertreibung und Ermordung der jüdischen Ärzte hat die Medizinische Universität Wien im März 2008 auf ihrem Gelände ein Mahnmal enthüllt. Der März 1938 hatte für die Wiener Medizin ‚irreparable Schäden’, so sagte der Rektor der Medizinischen Universität Wolfgang Schütz, zur Folge: 65 Prozent der Wiener Ärzte - das waren 3.200 von rund 4.900 - mussten aus "rassischen" oder politischen Gründen ihren Beruf verlassen und wurden vertrieben bzw. später ermordet. Von den Professoren und Dozenten der Medizinischen Fakultät der Uni Wien mussten 54 Prozent ausscheiden. Das von Dvora Barzilei gestaltete Mahnmal zeigt ein Buch mit herausgerissenen Seiten

Mein Vater wurde nach seinem Großvater benannt und hieß Hermann Wozasek. Er wurde am 13. August 1896, im selben Jahr war sein Großvater gestorben, in Amstetten geboren. Nachdem er die Matura gemacht hatte, brach 1914 der 1. Weltkrieg aus, und mein Vater und Onkel Rudolf kämpften in der k. u. k. Armee für Österreich. Mein Vater diente beim k. u. k. Feldartillerieregiment Nummer 4 und wurde 1918 als Oberleutnant entlassen. Er erhielt die bronzene Tapferkeitsmedaille. Es gibt Zigarettenetuis, auf denen er und seine Kameraden zur Erinnerung an die gemeinsame Zeit mit ihrem Namen unterschrieben haben. Aber über diese Zeit im 1. Weltkrieg weiß ich nichts. Vielleicht war ich nicht neugierig genug oder zu jung, um danach zu fragen.

Mein Vater machte dann eine kaufmännische Ausbildung und nach dem Tod des Großvaters übernahm er gemeinsam mit seinem Bruder Rudolf die Firma - ‚Hermann Wozasek Söhne’ hieß sie dann. Es war ein großes Unternehmen, und sie gehörten sicher zu den erfolgreichsten Bürgern von Amstetten. Wie viele Angestellte sie hatten, weiß ich nicht. Für damalige Verhältnisse waren die Lagerhallen sehr groß, und in einem separaten Gebäude neben den Lagerhallen befand sich das Büro. Als Kind war ich oft dort, und als 12 oder 13Jähriger habe ich sogar ein bisschen mitgearbeitet und Rohwaren sortiert.

Meine Großeltern mütterlicherseits habe ich gut gekannt. Sie lebten in Kemmelbach, das liegt in Niederösterreich.

Mein Großvater, Kommerzialrat Gottlieb Mahler, war der Großcousin von Gustav Mahler [6], denn mein Großvater Gottlieb und Gustav Mahler hatten gemeinsame Urgroßeltern, Bernhard Mahler [1750-1812] und Ludmilla Barbara. Die Urgroßmutter war eine geborene Lustig. Die Familie meines Großvaters Mahler war sehr musikalisch, und sie haben viel miteinander musiziert.

Mein Großvater Gottlieb wurde 1867 in Groß Borowitz, tschechisch Borovnice, das liegt in Böhmen [heute Tschechien], geboren. Seine Eltern waren Bernhard Mahler [1817-1897] und Anna, geborene Hitz [1825-1891]. Anna Hitz war die zweite Frau meines Urgroßvaters Bernhard. Sie hatten zusammen zehn Kinder. Mit seiner ersten Frau Karoline, geborene Stein, hatte er vier Kinder.

Meine Großmutter Lore Mahler, geborene Schanzer, wurde am 8. Dezember 1880 in Pöchlarn, in Niederösterreich, geboren. Gottliebs erste Frau aber war Emma Ascher, die er 1896 in Wien, im Stadttempel, geheiratet hatte. Sie starb ein Jahr später nach der Geburt des Sohnes Robert. 1899 heiratete mein Großvater in Wien meine Großmutter Lore Schanzer, und meine Mutter Marie Mahler wurde 1901 in Kemmelbach geboren. 

Meine Großmutter Lore hatte zwei Brüder, den Eduard Schanzer und wie der zweite hieß, weiß ich nicht mehr. Das war der Pöchlarner Schanzer. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder. Der Sohn Franz ist nach Amerika geflüchtet, und was mit seiner Schwester passiert ist, weiß ich nicht. Eduard Schanzer und der Pöchlarner Schanzer besaßen Produktenhandel. Das waren Geschäfte mit Produkten aller Art; ein Geschäft war in Kematen, das andere in Pöchlarn. Eduard aus Kematen war mit Friederike, die 1888 geboren wurde, verheiratet. Ich war oft dort, denn es hat mir sehr gut gefallen, im Geschäft mitzuhelfen. Sie hatten einen Sohn Harry und eine Tochter Gertrude, die 1911 geboren wurde. Eduard Schanzer war ein humorvoller Mann. Ich war manchmal dabei, wenn mein Großvater Gottlieb und die zwei Brüder meiner Großmutter in Kemmelbach Karten gespielt haben. Die Bemerkungen während des Spiels waren sehr lustig. Was sie gesagt haben, weiß ich nicht mehr, aber damals habe ich mich sehr amüsiert. Harry Schanzer war ungefähr sieben Jahre älter als ich. Er istnach dem Einmarsch der Deutschen mit einem illegalen Transport nach Palästina geflüchtet. Eduard Mahler ist vor 1938 gestorben. Meine Großtante Friederike und Gertrude wurden zuerst nach Wien vertrieben, ihre letzte Wohnadresse war die Neubaugasse 25/12a, und am 28. November 1941 von Wien nach Minsk [Weißrussland] [7] deportiert, wo sie ermordet wurden. Die Pöchlarner Schanzers haben sich nach dem Einmarsch der Deutschen umgebracht.
Mein Großvater war von den vielen Geschwistern der Jüngste. Er hat mit seinen Brüdern Sigmund und Adolf einen ganzen Papierkonzern aufgebaut. 1931 erschien zum 50. Jubiläum der Firma Brüder Mahler das Büchlein ‚Über Mahler’ - Papier und Pappenfabriken 1881-1931, Der Werdegang unserer Firma.
Und in einer Zeitung erschien folgender Artikel:
‚50 Jahre Papier -und Pappenfabriken Brüder Mahler. Anlässlich des 50jährigen Bestandsjubiläums der Papier -und Pappenfabriken Brüder Mahler (1881-1931) ist eine Jubiläumsschrift erschienen, in der die Geschichte der Papier- und Pappenfabriken in Rennersdorf, Traun, Wieselburg, Ybbs und Weißenberg sowie des landtäflichen Gutes Schloss Weissenberg behandelt wird. Ursprünglich in Kemmelbach als Produktenhandel gegründet, brachte der, als Geschäftszweig betriebene Hadernhandel die Firma mit der in der Nähe befindlichen Papierverbindung in Verbindung. Damit war der Anstoß gegeben, sich mit diesem immer mehr von der Hadernerzeugung auf die maschinelle Fabrikation umstellenden Fabrikszweig zu befassen. Zunächst wurden die Maschinen in der Papiermühle in Rennersdorf verbessert, dann eine in der Nähe von Kemmelbach stillgelegte Säge erworben. Im laufe der Jahre steigerte sich mit der Modernisierung der Maschinen die Produktion, 1903 wurde die seit den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts bestehende Fabrik Doktor Franz Feurstein in Traun und kurz darauf die Papierfabrik F. C. Alkier in Wieselburg an der Erlauf erworben. In Traun wurden damals neben anderen Sorten als besondere Spezialität Packseiden- und Zigarettenpapiere erzeugt. Inzwischen waren die Werke in gute Entwicklung gekommen. Die erzeugte Produktion konnte wegen der verlässlichen Qualität leicht verkauft werden und es konnte im Jahre 1913 darangegangen werden, die Fabrikation des Werkes in Rennersdorf zu vervielfachen. Im selben Jahr wurde noch das fünfte Werk, das Halbstockwerk Hofmühle in Weißenberg an der Krems, erworben. In diesem wurden ausschließlich Hadernhalbstoffe erzeugt, ein Halbprodukt, das in der Feinpapierindustrie Verwendung findet und das an Papierfabriken in der ganzen Welt geschickt wurde. In der Jubiläumsschrift ist neben den Gründern Sigmund Mahler und Kommerzialrat Adolf Mahler auch der Nachfolger Kommerzialrat Gottlieb Mahler, Josef Mahler, Kommerzialrat Wilh. Mahler und Ing. Rob. Mahler gedacht, nicht zuletzt aller treuen Mitarbeiter, die bis zum heutigen Tag 25 Jahre oder noch länger in Diensten der Papier- und Pappenfabriken Brüder Mahler stehen.’  
Zuerst war es eine Papierfabrik, dann sind mein Großvater und seine Brüder expandiert und haben Fabriken in Ybbs, Wieselburg, Rennersdorf, Traun und Weissenberg errichtet. Schon damals waren sie überaus bekannt.
In Kemmelbach war der Handel mit den Hadern [Lumpen] angesiedelt, und von dort wurden die Fabriken beliefert. Die Lumpen wurden in großen Bottichen, in denen große Steine waren, zerkleinert. Das war im so genannten Kollergang. Danach kamen sie in einen Kocher und wurden gekocht. Dann wurden sie in einem Holländer, in dem sich eine Messerwalze befand, fibrilliert [zerfasert und gemahlen]. Danach wurden sie gebleicht, entwässert, aufgehängt und getrocknet.
Die fertigen Blätter wurden noch einmal verdünnt und im Holländer wieder fibriliert, noch mehr verdünnt und dann kamen sie auf eine Papiermaschine, wo das fertige Blatt formiert und getrocknet wurde. Das ist die Beschreibung der damaligen Papierherstellung in Kurzform. Heutzutage ist das natürlich alles modernisiert.
Im nächsten Bottich befand sich eine Walze mit Messern, und dort wurde der Brei noch mehr zerkleinert. Dann wurde das Produkt gebleicht, herausgeholt und entwässert, aufgehängt und getrocknet. Das waren dann schon richtige Papierblätter. Heutzutage ist das alles modernisiert, aber das Grundprinzip ist gleich geblieben. Die Papierfabriken brauchen Wasser zum Antrieb der Maschinen. Egal wo, alle standen deshalb an einem Fluss.
Kemmelbach war ein kleines Dorf. Am Anfang des Dorfes war ein Produktengeschäft, ich glaube, der Besitzer war Jude und hieß Ganz. Das Haus steht noch heute. In Kemmelbach gab es ein Schloss, und rechts vom Schloss stand das Haus meines Großonkels Sigmund. Links vom Schloss befand sich die Firma Brüder Mahler mit Lager und Büroräumen und der Wohnung meines Großvaters Gottlieb Mahler. Ringsherum waren Getreidefelder. Ich war oft zu Besuch bei den Großeltern. Entweder mit meiner Mutter oder allein. Der Chauffeur meines Vaters hat meine Mutter und mich zusammen oder mich allein zu den Großeltern gebracht. Meine Großeltern haben getrennt geschlafen, und wenn ich zu Besuch war, habe ich im Zimmer zusammen mit meiner Großmutter geschlafen. Es gab zwei, drei Angestellte im Haus. Die Köchin Anna hatte mich sehr gern. Was ich die ganzen Tage dort gemacht habe, wenn ich zu Besuch war, weiß ich nicht mehr genau. Aber ich weiß, dass ich sehr gern dort war, und ich mich auch nie gelangweilt habe. Ich bin zum Beispiel gern auf den Lumpenballen herumgeklettert oder mit der Großmutter schwimmen gegangen. Der Großvater hat zu dieser Zeit noch in der Firma gearbeitet. Bis 1936 war mein Großvater Gottlieb auch Präsident der Kultusgemeinde mehrerer kleiner Orte in Niederösterreich. Die Stadt St. Pölten war aber nicht dabei, denn dort gab es eine größere Gemeinde mit einer eigenen Kultusgemeinde. Mein Großvater war immer nett zu mir, er hatte mich sehr gern. Er hat immer gesagt, ich soll in die Firma eintreten, wenn ich mal groß bin. 1936 ist er im Alter von 69 Jahren in Neumarkt an der Ybbs gestorben.

Mein Großonkel Sigmund wurde 1855 geboren. Er war verheiratet mit Ida Löbl und hatte drei Kinder: Josef [geb.1886], Ernst [geb. 1887] und Paula [geb.1891].

Ernst Mahler ging vor 1918 nach Amerika und wurde einer der ganz großen Papierindustriellen. Er hat unter anderem die Firma Kimberly Clark gegründet, die das Papier für das Papiertaschentuch erfunden hat. Er hat nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich Afidavits [8] für seine Familie geschickt, und sie so alle vor dem Holocaust gerettet.

Josef Mahler [Peppo genannt], war verheiratet mit Fritzi und hatte einen Sohn Viktor, der einige Jahre älter war als ich. Er lebte in Wien und hat für das Familienunternehmen gearbeitet. 1938 wurde er ins KZ Dachau [Deutschland] deportiert und durch das Affidavit, das ihm sein Bruder geschickt hat, aus dem KZ mit der Auflage entlassen, sofort Österreich zu verlassen. Zuerst flüchtete er nach England, und dann weiter nach New York. In New York ist es ihm beruflich gut gegangen, denn sein Bruder Ernst hat ihm geholfen, indem er Kontakte hergestellt hat. So konnte er wieder im Papiergeschäft tätig sein. Er hatte zu Anfang in der 186sten Straße, Washington hights, eine Wohnung. Später wohnte er mit seiner Frau Fritzi in Larchmont, einem Vorort von New York, in einem Haus. Ich habe sie öfter dort besucht, als ich noch in New York gelebt habe. Onkel Peppo besaß eine wunderschöne Kothgasser-Glassammlung [9], die er aus Wien mitgenommen hatte. Sein Sohn Viktor war kein besonders guter Schüler. Was er in New York gearbeitet hat, weiß ich nicht. Wir hatten nur einen sehr losen Kontakt. Ich weiß aber, dass er verheiratet war und ein Kind hatte. Seine Frau, die keine Jüdin war, und sein Kind habe ich nicht gekannt.
Onkel Josef wollte nach dem Krieg mit dem Papierkonzern in Österreich nichts mehr zu tun haben und hat seine Anteile an den Papierfabriken so schnell wie möglich verkauft und dafür wieder Kothgasser-Gläser gekauft. Er besaß dann die größte Kothgasser-Gläser Sammlung weltweit. Victor, der bereits gestorben ist, hat später die Sammlung verkauft, und ich habe in Wien einen Reichsadlerhumpen von 1628 aus dieser Sammlung ersteigert. Es ist ein sehr schönes Glas.   

Paula war mit Franz Traub verheiratet und lebte vor dem Krieg in Wien. Sie war geschieden, aber 1938 war ihr geschiedener Mann bereits gestorben. Sie hatte zwei Kinder, einen Sohn Hans, später Nelson, der 1914 geboren wurde und eine Tochter Marie Luise, die 1919 geboren wurde. Ich glaube, Marie Luise war nie verheiratet. Nelson hatte immer sehr hübsche Freundinnen und war einige Male verheiratet. Er war gegen Ende seines Lebens bei der Freiwilligen Feuerwehr. In New York wurden Nelson und Marie Luise von ihrem Bruder Ernst unterstützt. Paula, Marie Luise und Nelson sind in Amerika gestorben.

Mein Großonkel Adolf Mahler war mit Fritzi Gans verheiratet. Sie hatten zwei Kinder: Wilhelm, Willi genannt, und Marietta.
Wilhelm war Kommerzialrat, hatte in Darmstadt [Deutschland] Papiertechnik studiert und hat im Familienunternehmen gearbeitet. Er war sehr verwöhnt, ging auf die Jagd und war Monarchist. Auch er wurde 1938 ins KZ Dachau deportiert und wie sein Cousin Josef durch das Affidavit nach Amerika aus dem KZ mit der Auflage entlassen, sofort das Land zu verlassen. Weder Josef noch Willi haben über ihre Erlebnisse im KZ Dachau gesprochen. Vielleicht später, aber da hatte ich nur noch wenig Kontakt mit ihnen. Willi ist es dann in Amerika beruflich nicht sehr gut gegangen, denn er hat das Handwerk nicht mehr so gut beherrscht. Er ist 1948 in Zürich [Schweiz] gestorben.

Mit Marietta war ich am engsten. Sie hatte keinen Beruf und hat zuerst in New York als Bedienerin bei einer berühmten Violinistin gearbeitet, aber ich weiß nicht mehr, wie diese Violinistin hieß. Marietta hat in New York dann den Schwager ihrer Cousine Paula Traub geheiratet, Julius Traub war sein Name, ich habe ihn Onkel Jimmy genannt. Er hatte seinen Namen Traub in Amerika in Tilbury geändert. Er war vorher in Österreich verheiratet und hatte auch ein Kind aus der ersten Ehe. Julius war eine sehr schwierige Person, ich glaube, seine erste Frau ist daran zerbrochen. Marietta und er hatten keine Kinder. Sie ist 1968 an Lungenkrebs gestorben. Julius Tilbury starb in den 1970er oder 1980er Jahren in Wien.

Mein Großonkel Sigmund ist 1923 in Wien gestorben.
Meine Mutter hatte die Körnerschule in Linz besucht. Die Körnerschule war die drittälteste höhere Schule für Mädchen in Österreich. Zum Zeitpunkt der Eröffnung der Schule, am 29. September 1889, gab es nur noch in Wien, Graz und Prag eine höhere Schule für Mädchen.
Sie und ihr Bruder Robert Mahler waren nicht nur Geschwister, sie waren auch eng befreundet miteinander. Onkel Robert war Ingenieur und arbeitete in der Papierindustrie seiner Familie. Er war mit Margarethe Katharina Guttmann aus Pressburg verheiratet und hatte zwei Kinder, Sylvia und Gerhard. Sylvia ist 1924 und Gerhard ist1928 geboren. Mein Onkel war ein sehr begeisterter Musiker. Er spielte wunderbar Violine und meine Mutter spielte Klavier. Onkel Robert war auch anderweitig musisch begabt, er hat gesungen und gemalt. In Wieselburg, wo die Familie gelebt hat, gab es jede Woche Hauskonzerte, sicherlich auch schon in der Zeit, bevor meine Mutter meinen Vater geheiratet hat. Onkel Robert war gar nicht so gern Geschäftsmann, er wäre vielleicht lieber Musiker geworden. Leider wurde seine Ehe 1931 geschieden, aber die Kinder sind nach der Scheidung bei ihm geblieben. Er hatte eine Kinderschwester für die zwei, das war die Ilse Hübner. Kurz nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich nahm sich mein Onkel in Wien das Leben. Er hatte erfahren, dass ihn am nächsten Tag die Gestapo abholen wird. Meine Tante hatte 1938 Peter Weinfeld geheiratet, mit dem sie nach dem Einmarsch der Deutschen nach Australien flüchtete. Sylvia und Gerhard wurden weiter von ihrer Kinderschwester betreut. Sie flüchteten im März 1939 mit einem Kindertransport, in dem auch ich war, nach Frankreich, von Frankreich nach Amerika und von Amerika zu ihrer Mutter nach Australien. Sylvia war, als sie in Australien ankam, 17 Jahre alt und musste arbeiten. Gerhard war erst 13 Jahre alt und durfte zur Schule gehen. Nach der Schule studierte Gerhard, der dann Gerry Watkins hieß, Wirtschaft und Handel und wurde australischer Handelsattaché. Er hat zwei Söhne. Von 1971 bis 1975 war er in Wien als ‚Counsellor of the Australian Embassy’ und zuständig für ganz Osteuropa. Seine erste Frau Marion starb in jungen Jahren an Krebs. Das war schrecklich! Seine zweite Frau Barbara ist sehr nett. Vor kurzem hat sie uns in Linz besucht. Gerry und seine Frau leben in den USA, in Los Angeles.
Sylvia hat Rudi Cherny geheiratet, der ein erfolgreicher Juwelenhändler in Melbourne ist. Auch sie haben Kinder. Ich habe unlängst jemanden von der jüdischen Gemeinde dort getroffen, und der sagte, dass die Chernys dort gut bekannt sind.

Wie und wo meine Eltern sich kennen gelernt haben, weiß ich nicht. Sie haben 1923 in Amstetten geheiratet, und ich wurde am 27. Juni 1925 in Wien, im 9. Bezirk, in der Pelikangasse 15, das war das Sanatorium Löw, geboren. Wir haben in Amstetten in dem Haus in der Wiener Straße gewohnt, das meinem Großvater gehört hatte. Es war ein schönes Haus mit einem großen Garten. Wir hatten ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, ein Speisezimmer, ein Herrenzimmer und ein Kinderzimmer. Und wir hatten ein richtiges Badezimmer mit warmem Wasser. Im Garten wuchsen viele Blumen, auch ein Gartenhaus mit einer Rosenhecke gab es. Wir hatten auch Tiere, einen Dackel und Katzen, Wellensittiche und Frösche in einem Glas, das im Zimmer stand. Einmal haben wir beobachtet, wie die Katzen mit ihren Pfoten die Frösche aus dem Glas herausgeangelt und gefressen haben. Mein Onkel Rudolf, der ja allein stehend war, hat auch in dem Haus gewohnt. Das Haus war zwar einstöckig, aber es waren zwei große Wohnungen darin. Neben uns wohnte ein Fleischauer, der ein Cousin vom Dollfuß [10] war. Der Bäckermeister Exel hat wunderbare Kipferln gemacht. Die Nachfolger vom Geschäft gibt es noch in Amstetten.

In einem Kindergarten war ich nicht. Als ich klein war hatte ich ein österreichisches Kindermädchen, aber auch meine Mutter hat sich liebevoll um mich gekümmert. Mein Kindermädchen hat gemeinsam mit mir in meinem Zimmer geschlafen. Sie hatte zur jüdischen Familie Greger, die am Hauptplatz ein Kleidergeschäft besaßen, einen guten Kontakt, und sie ist oft mit mir dorthin zu Besuch gegangen. Ein Großteil der Familie Greger ist im Holocaust ermordet worden.
Ich bin in die erste Klasse Volksschule in die Schulstrasse gekommen, die 200 Meter von unserem Haus entfernt war. Das war eine ganz normale Schule. Ab meinem sechsten Lebensjahr hatte ich, ich glaube zweimal in der Woche, zu Hause Violinenunterricht. Ich sollte täglich üben, das habe ich nicht gern getan. Immerhin wurde ich Mitglied im Amstettner Jugendorchester. Wir sind auch öffentlich aufgetreten und haben Konzerte gegeben. Das hat mir gut gefallen. Aber seit Hitler in Österreich einmarschiert war, habe ich keine Violine mehr angefasst.
Mein Vater verließ an den Wochentagen morgens, nach dem Frühstück, das Haus und ging in die Firma, kam dann zum Mittagessen nach Haus und ging nach dem Mittagessen wieder in die Firma. Beim Essen habe ich meinen Eltern erzählt, welche Noten ich in der Schule bekommen hab.

Da mein Vater gut verdient hat, haben wir einigermaßen im Luxus leben können. Unsere Wohnung war schön eingerichtet, und meine Mutter hatte zwei bis drei Angestellte im Haus, wir besaßen ein Auto, fuhren oft nach Wien und regelmäßig in den Urlaub. Zu Hause hatten wir selten Besuche, meine Mutter ist, was ihr gesellschaftliches Leben betraf, oft zu ihren Verwandten und Freunden(innen) nach Wien gefahren. Sie hatte nach ihrer Schulzeit und vor ihrer Heirat teilweise in Wien gelebt. Meine Mutter ist oft nach Wien gefahren um Kleider zu kaufen und in die Oper zu gehen. Wenn sie in Wien war, hat sich das Kindermädchen um mich gekümmert. Wenn ich mit meiner Mutter oder mit meinen Eltern zusammen in Wien war, haben wir entweder bei meiner Tante Lilli oder in der Wohnung meiner Grosseltern Mahler geschlafen, die sie in der Nähe vom Margaretenplatz besaßen. Auch in den Schulferien war ich oft in Wien bei meiner Tante Lilli. Als ich elf, zwölf Jahre alt war, bin ich öfter mit meinen Eltern und mit meiner Tante in Wien in die Oper gegangen, zum Beispiel habe ich ‚Die Zauberflöte’ und ‚Die Entführung aus dem Serail’ gesehen. Aber auch ins Kino sind wir gegangen. Meine Eltern waren sehr integriert in die Gesellschaft, sie fühlten sich selbstverständlich als echte Österreicher. Das sieht man auch an den wenigen Fotos, die ich aus dieser Zeit besitze - meine Mutter und meine Tanten haben Dirndln getragen. Engeren Kontakt mit den nichtjüdischen Nachbarn hatten wir nicht, aber wir haben uns immer freundlich gegrüßt. Befreundet waren meine Eltern aber hauptsächlich mit Juden. Einer hieß Finka. Der Mann war Lederfabrikant und hat Häute bei meinem Vater gekauft. Und meine Mutter war mit Alexander Kohn befreundet, der auch im Ledergeschäft war und dann, wie wir, nach Amerika geflüchtet ist.

In den Ferien war ich auch bei meiner Cousine Sylvia und meinen Cousin Gerhard zu Besuch, die in Wieselburg und in Wien gelebt haben und ungefähr in meinem Alter waren. Sylvie ist ein halbes Jahr älter, und Gerald ist drei Jahre jünger als ich. Und im Sommer durfte ich auch zur Fellhäuteübernahme mitfahren. Ich bin neben unserem Chauffeur Illia, der sich zum Judentum bekannte, gesessen und durfte das Auto sogar steuern. Im Betrieb durfte ich die Felle sortieren. Das habe ich sehr gern getan, es hat mich wirklich interessiert. 

Wir waren eine sehr sportliche Familie. Meine Mutter und mein Vater sind im Winter Schi gefahren, und als ich etwas älter war, sind wir an Wochenenden und Feiertagen immer in den Bergen gewesen. Im Sommer war ich mit meiner Mutter oder später mit meinen Freunden jeden Tag im Amstettener Schwimmbad, am Sonntag ist auch mein Vater mitgekommen.

Eine Synagoge gab es nicht in Amstetten. Im Alter von sechs oder sieben Jahren bin ich mit meinen Eltern zu den hohen Feiertagen [11] in die Betstube mitgegangen. Ich glaube, es waren vielleicht 20 Juden in dieser Betstube. Ich habe nicht viel mitbekommen. Ab der ersten Klasse Volksschule hatte ich zu Hause aber privaten Religionsunterricht, weil es zu wenige jüdische Kinder in Amstetten gab, um sie in der Schule unterrichten zu können. Ich erinnere mich an den Heinrich Fiala, der war zwei oder drei Jahre älter als ich, und an den Ludwig Surkin, der war viel älter als ich. Das ist jetzt in Linz genauso: es gibt nur wenige jüdische Kinder, und wir müssen extra einen Lehrer für sie nach Linz holen. Mein Lehrer war ein orthodoxer Mann, schwarz gekleidet, mit einem Bart. Er hieß Salomon Fried und war sehr nett. Ich glaube, er kam aus Scheibbs und war der Vorbeter in Amstetten. Mein Cousin Gerhard hat gesagt, dass er in Wieselburg von einem Salomon Fried unterrichtet wurde. Ich glaube, das wird derselbe gewesen sein. Ich bin sehr unwillig in die Religionsstunden gegangen, denn für mich war das eine fremde Welt. Mir hat das nicht gefallen, denn ich habe mich sehr integriert gefühlt mit den anderen Kindern in Amstetten, die ja christlich orientiert waren, und ich wäre lieber mit den anderen Kindern in den christlichen Religionsunterricht gegangen. Bei dem Lehrer Fried habe ich das Schma Jisrael [12] gelernt, ich habe gelernt, Hebräisch zu lesen, ohne zu verstehen, was ich lese, jüdische Geschichte und, bevor ich 13 Jahre alt wurde, Tefillin [13] anzulegen. Meine Bar Mitzvah [14] sollte in Amstetten stattfinden, aber dazu ist es nicht mehr gekommen, die Deutschen sind vorher einmarschiert. Ich glaube, Salomon Fried wurde im Holocaust ermordet.

Ich war ein guter Schüler, ambitioniert und bemüht, mit Vorzug durch die Schuljahre zu kommen. Das ist mit der heutigen Zeit nicht zu vergleichen. Aber auf der Realschule gab es einen Lehrer, das war der Professor Lang, der war ein ausgesprochener Antisemit, der hatte mich fühlen lassen, dass er die Juden nicht mag, denn er hat sich negativ über die Juden geäußert. Das habe ich meinen Eltern erzählt, und mein Vater ist dann zum Direktor der Schule in Waidhofen gefahren und hat darum gebeten, dass der Professor Lang damit aufhört. Daraufhin hat er zurückgesteckt, und ich bin mit guten Noten durch das Schuljahr gekommen. Mit den Kindern hatte ich keine Schwierigkeiten, da hatte ich viele Freunde. Wir sind jeden Morgen um 6 in der Früh zusammen mit dem Zug nach Waidhofen in die Schule gefahren, da waren wir eine Stunde unterwegs in der Eisenbahn, in Waidhofen sind wir ausgestiegen, und da hat es auch noch einmal eine halbe Stunde gedauert bis wir in der Schule waren. Wenn mich irgendjemand angegriffen hat, habe ich mich gewehrt. Ein Klassenkamerad hat zu mir gesagt Saujud, mit dem hab ich dann eben gerauft. Ich hab mich schon gewehrt. Aber eigentlich habe ich kaum so etwas erlebt, und die Beziehungen zu meinen Klassenkameraden haben sich durch die gemeinsame Zugfahrt vertieft. Wir spielten im Herbst Indianer, liefen den Krampussen am 5. Dezember jodelnd nach, gingen zusammen rodeln und Schi fahren und fast täglich zusammen schwimmen ins Schwimmbad

Und dann, 1938, wurde alles anders. Amstetten war eine Hochburg der Nationalsozialisten. Es gab sehr viele illegale Nazis. Unser Haus stand an der Hauptstrasse und als die Deutschen Truppen einmarschierten, habe ich gesehen, wie sie jubelnd begrüßt wurden. Einige sind in unser Haus einquartiert worden, aber das waren Soldaten, die nichts Unangenehmes getan haben. Sie haben sich korrekt verhalten. Der illegale Amstettner Parteigenosse Mitterndorfer, der der Besitzer der Apotheke am Hauptplatz war, wurde sofort zum Bürgermeister gewählt. Die NS Schergen nahmen Rache an ehemaligen vaterländischen Frontfunktionären [15]. Zum Beispiel verprügelten sie meinen Violinenlehrer.

Von einem Moment zum anderen wollte mich niemand mehr kennen. Jeder Junge ist in die HJ [16] eingetreten, und die haben gesagt ‚verkehrt nicht mit Juden’ usw., und die haben das befolgt. Es gab nicht einen meiner Freunde, der sich anders verhalten hat. Die Juden wurden von einem zum anderen Moment vollkommen ausgegrenzt. Von Seiten der Bevölkerung gab es keinen Widerstand: es gab keinen Widerstand in Amstetten, und ich möchte soweit gehen zu sagen, es gab keinen Widerstand in Österreich. Natürlich gab es einige, aber die wurden auch verprügelt und in die KZs deportiert. Aber Widerstand wie in Frankreich und in anderen Ländern, das hat es nicht gegeben. Cirka drei Tage nach dem Einmarsch der Deutschen meinten meine Eltern, dass ich wieder in die Schule in Waidhofen gehen sollte. Ich bemerkte schon im Zug, dass keiner meiner Freunde mit mir sprach - nicht am Schulweg und nicht in der Klasse. Ich war komplett ausgegrenzt. Meine Eltern nahmen mich aus der Schule, und ich bekam Privatunterricht. Ich habe die Klasse dann mit sehr guten Noten beendet.

In diesem Sommer haben der Heini Fiala und der Ludwig ein Paddelboot gebaut, das ist ihnen wirklich gelungen. Wir sind dann zusammen zur Ybbs gegangen und sind dort herum gepaddelt. Aber die Freude war nur kurzfristig. Am nächsten Tag marschierte eine HJ Truppe auf und die sangen ‚ …wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann sind wir bald befreit…’ Wir konnten nicht mehr ins Schwimmbad gehen, kein Kino besuchen, kein Gasthaus, kein Kaffeehaus. Das war furchtbar!

In diesen Sommerferien haben mich meine Eltern nach Baden bei Wien geschickt, denn da hatte eine französische Familie für jüdische Kinder ein Sommerferienheim eröffnet, und ich habe dort mit anderen jüdischen Kindern zwei, drei Wochen Ferien gehabt. Das war sehr schön, in einem großen Haus mit einem Garten. Mir hat das gut dort gefallen. Wir konnten Schwimmen gehen, denn in Baden gibt es das Schwefelbad, und das war für Juden interessanterweise erlaubt. Danach war ich dann noch in Wien. Nach den Sommerferien ging ich nicht mehr in die Schule.

Im Sommer wurde die Firma meines Vaters und seines Bruders Rudolf von einem kommissarischen Leiters, der von der Kreisleitung Amstetten eingesetzt wurde, liquidiert. Die Liegenschaften der Firma wurden verkauft, unser Vermögen durch Abgaben und Steuern geraubt.

Meine Eltern haben zuerst nicht über Flucht gesprochen, außerdem haben sie sicher versucht, mich abzuschirmen. Genau kann ich mich aber nicht erinnern. Ich kann mich noch an Fensterscheiben klirren und Gejohle in der Pogromnacht [17] am 10. November 1938 erinnern. Vis a Vis von uns war der Doktor Greger, ein Arzt, dem haben sie die Scheiben eingeworfen und am Hauptplatz, wo die Greger Eltern ein Geschäft hatten, haben sie auch die Fensterscheiben zertrümmert. Ein Angestellter unserer Firma stand mit aufgepflanztem Bajonett vor unserem Haus, denn unser Haus sollte später als Parteizentrale dienen, und wahrscheinlich wurden wir deshalb verschont. Aber mein Vater und mein Onkel Rudolf wurden verhaftet und ins Gefängnis von Amstetten gebracht.

Die größte Gefahr bestand darin, dass sie ins KZ nach Dachau deportiert werden, aber meine Mutter hat Courage gezeigt. Sie kannte ja den Mitterndorfer, der jetzt Bürgermeister in Amstetten war, und sie kannte den Kreisleiter und hat interveniert, und mein Vater und mein Onkel wurden nach einigen Wochen wieder entlassen. Mein Onkel Oskar, der Arzt im Wiener AKH war und in der Forschung gearbeitet hatte, war bereits geflüchtet. Der Produktenhandel und das Haus meines Vaters und meines Onkels wurden nach der Pogromnacht am 9. November 1938, arisiert. Innerhalb einer gewissen Frist mussten wir unser Haus und Amstetten verlassen und nach Wien ziehen. Wir haben unseren Haushalt aufgelöst, wir konnten alles mitnehmen. Viele Sachen haben wir in Container gegeben und sie deponiert. Es wurde in dieser Zeit eingepackt und nicht viel gesprochen. Aber damals habe ich politisch zu fühlen begonnen, denn ich war dreizehn Jahre alt und wollte mich frei bewegen können, wollte sportlich aktiv sein, zum Beispiel schwimmen gehen, aber für Juden war fast alles verboten..

Durch die Familie Arthur Kohn, Freunde meiner Eltern und Lederhändler in Wien, in der Hollandstraße, die eine Villa in Hietzing, in der Eitelbergergasse besaßen, konnten wir im Haus des Bruders von Frau Kohn, dem Max Guth, einem allein stehenden Herrn, der ebenfalls in der Eitelbergergasse ein Haus besaß, unterkommen. Zu dem Haus gehörte auch ein Garten. In dieser Gasse gab es vor dem 10. November 1938 eine sehr schöne Synagoge, die in der Pogromnacht zerstört worden war. Max Guth war damals 55 Jahre alt. Für mich war er ein älterer Herr, ein lieber Mann mit viel Humor. Ich hatte ihn sehr gern und habe ihn Onkel Max genannt. Als ich mit meinen Eltern und mit Onkel Max zusammen gewohnt habe, war ich 13 Jahre alt, und habe nicht richtig gewusst, was eigentlich um mich herum passiert. Ich glaub, das war selbst den Leuten, die im 2. Bezirk gelebt haben, noch nicht wirklich bewusst.

Ursprünglich kam die Familie von Onkel Max aus Nitra, in der Slowakei. Deshalb ist er später, da war ich schon in Frankreich, mit seiner Schwester, Erna Hajek und ihrem Sohn Fredi Hajek, nach Nitra geflüchtet. Aber als in der Slowakei Tiso [18] an die Macht kam und die Slowakei faschistisch wurde, haben sich die Juden in Nitra beraten, was sie machen können. Onkel Max ist dann mit seiner Familie illegal weiter nach Budapest geflüchtet. Ich glaube, dass Onkel Max 1944 bei einer Razzia festgenommen wurde und seinem Neffen Fredi ein Zeichen geben konnte, zu verschwinden. Max Guth wurde mit vielen anderen nach Auschwitz deportiert und ermordet. Fredi Hajek und seine Mutter haben überlebt. Fredi Hajek ist ein sehr wohlhabender Mann geworden und er hatte keine Kinder. Ich habe mich mit ihm, obwohl ein enormer Altersunterschied zwischen uns bestand, sehr gut verstanden. Zum Teil hat er mich beraten, als ich nach Österreich zurückgekommen bin, und später hab ich ihn beraten. Er hatte Niemanden, dem er hätte sein Vermögen hinterlassen können. Da hat er den größten Teil einer Stiftung für ein Kinderheim in Israel gegeben und mir die Verantwortung übertragen, dass ich darauf achte, dass den Kindern das Geld zu Gute kommt. Fredi Hajek ist 1989 in Wien gestorben. Dreimal war ich zu Besuch in Bnei Berak, einem Vorort von Tel Aviv, in dem sehr viele ultraorthodoxe Juden leben. Dort entstand das Kinderheim. Das erste Mal war ich 1992 in Bnei Berak, als das Gebäude der Stiftung Hajek eingeweiht wurde. Inzwischen wurde das Gebäude schon aufgestockt. Auch dieses Jahr war ich wieder dort und sehr beeindruckt, wie liebevoll die Kinder betreut werden. Mir hat Fredi Hajek das Haus in der Eitelbergergasse vererbt, in dem ich mit meinen Eltern 1938 Aufnahme bei Max Guth, seinem Onkel, gefunden hatte.

Ich lebte von Dezember 1938 bis März 1939 in dem Haus. Dann konnte ich mit einem Kindertransport [19] nach Frankreich Wien verlassen. Der Zug fuhr vom Westbahnhof nach Paris. Meine Eltern haben mich zum Bahnhof gebracht. Wie viele Kinder in dem Zug mitfuhren, weiß ich nicht. Ich glaube, es waren 130 Kinder. Mein Cousin Gerhard war elf Jahre alt und einer von den Jüngsten in diesem Transport. Ich nehme an, dass mein Onkel Rudolf, der Zionist war, geholfen hat, dass wir auf den Kindertransport, der von der Jüdischen Gemeinde organisiert war, gekommen sind. Er war auch derjenige, der sehr früh durch seine Verbindungen wusste, wie gefährlich die Situation war. Ich habe diese Reise damals eher als Abenteuer gesehen. Es war mir nicht bewusst, wie gefährlich die Lage auch für meine Eltern war.

Nachdem wir in Paris angekommen waren, fuhren wir weiter nach La Guette. Der Ort liegt ungefähr 50 Kilometer von Paris entfernt. Dort befindet sich ein Jagdschloss der Familie Rothschild [20], und dort wurden wir aufgenommen. Unsere ersten Betreuer waren Spanienkämpfer, die im Spanischen Bürgerkrieg [21] in der Internationalen Brigade gekämpft hatten. Eigentlich war das dort sehr nett. Ungefähr fünf bis sechs Kinder haben in einem Zimmer geschlafen. Ich habe damals viele Briefe an meine Eltern geschrieben. Bis zum Beginn des Krieges am 1. September 1939 habe ich aus Wien Briefe von meinen Eltern bekommen.

Mein Vater war in Wien damit beschäftigt, ein Ausreisevisum für sich und meine Mutter nach Amerika zu bekommen. Die Verhältnisse wurden immer schwieriger. Er hatte inzwischen durch eine Postkarte die Aufforderung bekommen, sich zum Polentransport zu melden. Das war im Oktober 1939, da hatte der Krieg schon begonnen. Polen hätte seinen Tod bedeutet und wahrscheinlich auch den Tod meiner Mutter, denn ich weiß nicht, ob sie die Kraft gehabt hätte, ohne meinen Vater Österreich rechtzeitig, vor ihrer Deportation, zu verlassen. Meine Eltern hatten Affidavits von einem weitläufigen Verwandten von Tante Lillis geschiedenem Ehemann Paul Markovicz bekommen, der ein erfolgreicher Stock Broker war und für meine Eltern gebürgt hat. Es war nicht einfach, alle Papiere zusammenzubekommen, die man brauchte, um Österreich verlassen zu können und sein Leben zu retten. Meine Eltern brauchten gültige Pässe, die österreichischen Pässe waren knapp nach dem ‚Anschluss’ Österreichs an Deutschland ungültig, Außerdem brauchten alle Juden, die die Einreisemöglichkeit in ein anderes Land hatten, viele Bestätigungen darüber, dass sie keine Schulden beim Staat hatten, dass sie, wenn Werte vorhanden waren, die Judenvermögensabgabe, die Reichsfluchtsteuer und die Sühneabgabe bezahlt hatten. Diese Steuern dienten dazu, die in die Emigration Flüchtenden zu zwingen, ihr gesamtes Vermögen dem Staat zu überlassen. Erst nachdem sämtliche ‚Steuerverfahren’ - besser wäre wohl Verfahren zur Ausplünderung zu sagen - abgeschlossen waren, wurde die so genannte ‚Steuerunbedenklichkeit’ erklärt. Im Falle meiner Eltern hat diese Bescheinigung der kommissarische Leiter, der unsere Firma liquidiert hatte und Dr. Rudolf Bast, Jurist, Amstettener Bürger, Mitglied der NSDAP und Kreisrechtsamtsleiter von Amstetten, relativ schnell erteilt. Sie haben meinem Vater und meinem Onkel Rudolf dadurch das Leben gerettet. So haben es meine Eltern und mein Onkel noch geschafft, am 11. November 1939 mit einem Affidavit nach Amerika zu flüchten. Sie sind mit dem Zug über Zürich nach Italien gefahren und weiter mit dem Schiff nach New York. Vom Schiff aus, bereits in Sicherheit, hat mein Vater dem kommissarischen Leiter und dem Dr. Rudolf Bast eine Karte geschrieben, auf der er sich bei beiden für die Hilfe bedankt. Diese Karte hat Dr. Rudolf Bast nach dem Krieg dafür benutzt um zu beweisen, dass er sich während des Krieges nicht schuldig gemacht hat, sogar Juden geholfen hat und daraufhin durfte er weiterhin als angesehener Bürger Amstettens normal weiterleben. Sein Sohn Dr. Gerhard Bast war SS-Sturmbannführer und Gestapo-Chef von Linz. Er überwachte die Deportation von Juden, befehligte Exekutionen, leitete Sonderkommandos im Kaukasus und in Polen,

Ich habe den Sommer 1939 in dem Jagdschloss der Familie Rothschild verbracht. Vor dem September wurde von der Leitung beschlossen, dass die älteren Kinder etwas Praktisches lernen sollten. Wir älteren Kinder wurden daraufhin in eine Schule in Haute Savoie gebracht. Wir haben dort Französisch und etwas Handwerkliches gelernt. Danach wurden wir wieder zurückgeschickt und in einem französischen Internat in Clamart, einem Vorort von Paris, untergebracht. Diese Schule war extrem spartanisch. Es war nicht sehr lustig dort. Im Nachhinein natürlich lebten wir geradezu luxuriös gegenüber den anderen, die in die Ghettos, Kz’s, und Vernichtungslager deportiert wurden. Es gab in dem Internat wenig zu essen: mit Not und Mühe eine Suppe zum Frühstück, Kaffee war eine Ausnahme, Butter war eine Ausnahme, das Essen insgesamt war sehr sparsam. Die Freunde meiner Eltern, die Familie Kohn, waren auch nach Frankreich geflüchtet und lebten in Paris. Zu denen konnte ich sonntags gehen, und sie haben sich um mich gekümmert. Ich habe noch Briefe, die ich in dieser Zeit meinen Eltern nach New York geschrieben habe:

Meine Liebsten!                                                                                    Paris, 28. Januar 1940

Ich habe euren lieben Brief erhalten und habe mich sehr darüber gefreut. Bei uns ist nicht sehr viel los. Ich bin heute wieder bei Herrn Kohn, das natürlich sehr klass ist. Wie ihr hoffentlich schon wissen werdet, habe ich eine Vorladung zum amerikanischen Konsulat in Bordeaux bekommen. Ich hoffe, dass ich jetzt bald das Visum bekomme. Ihr braucht jetzt nicht mehr so arg in Sorge zu sein um mich. Was macht Großmutti mit Onkel Rudi. Und bei euch? War vielleicht bei euch schon die Dame, die mich hier gesehen hat? Bitte schreibt mir recht oft, wenn es geht. In der Schule bei uns ist jetzt nicht viel los. Ich habe bis jetzt jede Woche’ tre bien’ bekommen. Ich komme auch sonst sehr leicht mit. Ich freue mich natürlich schon ganz unheimlich, wenn ich zu euch kommen werde. Robitscheks fahren am 10. Februar nach New York. Habt ihr schon den Brief mit meinem Bild bekommen? Diesen habe ich noch nach Deutschland über Robitscheks geschickt. Sylvia ist auch in einem neuen Heim. Es geht ihr auch sehr glänzend. Gerhard ist noch in La Guette. Er ist ein großer Schlampsack geworden. Er verliert alles. Solang ich in La Guette war, habe ich auf ihn aufgepasst, aber jetzt bitte schreibt ihm einen energischen Brief, dass er mehr auf seine Sachen Acht geben soll. Er ist jetzt schon groß genug dazu. Gestern war ich in einem Bad. Das war natürlich sehr klass. Bitte schreibt mir im nächsten Brief einen Brief an den Direktor. Ihr schreibt, dass ich jeder Zeit zu Herrn Kohn fahren kann. Womöglich auf Französisch. Ist Vati schon von seiner Reise zurück? Was macht er jetzt? Hat er die Prüfungen schon bestanden? Ich hoffe, daß ich bald Erfolg haben werde um womöglich gleich am Anfang Feber nach Bordeaux fahren zu können. Für heute mache ich Schluss. Bitte macht euch ja keine Sorgen, denn ich komme jetzt bald zu euch.
Baldiges Wiedersehen
Georg

Meine Lieben!                                                                                   10. Februar 1940

Ich bin heute wieder bei Herrn Kohn und habe euren Brief erhalten, das natürlich immer eine große Freude für mich ist. Bei mir geht die Ausreise sehr schön vorwärts. Gestern war eine Dame vom Komitee, welche diese Sachen leitet, bei uns auf Besuch und hat mit mir gesprochen. Also, ich fahre diesen Monat nach Bordeaux, wo ich das Visum erhalten werde. Dann kann ich aber noch nicht fahren. Ich bekomme dann die Schiffskarte von Herrn Kohn und dann beschafft mir das Komitee die Ausreise. Also es besteht große Möglichkeit, dass ich Anfang April oder vielleicht schon Ende März zu Euch kommen kann. Wegen der politischen Lage braucht ihr euch keine Sorgen zu machen. Paris kann fast unmöglich von den Deutschen bombardiert werden. Und wenn, so gehen wir in einen bombensicheren Keller. Ich werde natürlich mit einem französischen Schiff fahren. Man bekommt viel, viel leichter die Ausreise, und zweitens dauert es viel länger, wenn man sich die schweizer oder die italienische Einreise beschaffen muss. In welcher Klasse ich fahren muss, das ist mir ganz egal, da ich doch sowieso nicht mehr verwöhnt bin. Also macht euch keine Sorgen um mich. Ich mache alles, was ich kann. Und Herr Kohn ist mir überall behilflich. Montag geht er zum Komitee und spricht mit der Dame wegen meiner Ausreise. Es sind alle nötigen Schritte eingeleitet wie ihr seht. Jetzt von hier: Also bei uns ist nicht sehr viel los. Ich bin sechster von vierzig Kindern. Es ist besser, wenn ihr immer zu Herrn Kohn schreibt, da bei uns die Briefe geöffnet werden und womöglich nicht ausgefertigt werden. Also so ist unsere Erziehung. Jetzt haben sie dort ein bisschen Angst, erstens weil die Baronin einmal bei uns war, zweitens, weil ihr jetzt in Amerika seid und sie wissen ganz genau, dass ich jetzt in zwei bis drei Monaten wegfahre oder vielleicht sogar früher. Sie fragen mich jeden Tag. Natürlich sage ich ‚bien’ und denke mir meinen Teil. Die Kinder sind nicht besonders, meistenteils Diebe und Lügner. Ich habe ein Glück, denn ich schlafe neben einem sehr netten Burschen. Neben einem Belgier. Sylvia hat euch geschrieben und sie würde sich sehr freuen, wenn sie von euch einmal Post bekäme. Gerhard ist die Faulheit in Person. Er schreibt nicht eine Zeile, obwohl ich ihm schon vier- bis fünfmal geschrieben habe und ich bin nicht überzeugt, ob er euch antworten wird. Habt ihr von Tante Lilli Post? Ich habe jedenfalls einmal vor fünf Monaten geschrieben, habe aber noch keine Antwort erhalten. Deinen lieben Brief lieber Onkel Rudi habe ich erhalten. Ebenso Mutti und Großmutti ihren. Also vielen dank. Ich habe mich ganz unheimlich gefreut. Onkel Rudi schreibe ich nicht extra, sonst müsste ich dasselbe schreiben. Die Briefe gelten natürlich für alle. Zu Pessach kommen wir nach La Guette. Das wird sehr klass sein. Von der Baronin bekommen wir verschiedene Sachen. Einige bekommen Hosen, sehr gute. Ich bekomme einen Dictionary Wörterbuch, welches dicker und tausendmal schöner ist wie Knaur´s Lexikon. Natürlich auf Französisch. Eure Sachen werde ich mitnehmen. Jetzt möchte ich noch einiges fragen. Habt ihr meinen Schlafrock mit nach Frankreich mitgegeben, meine Unterleibchen. Habt ihr mein Reisenecessaire mitgenommen? Wenn nicht, kann man auch nichts machen. Höchstens wird ein lieber Herr PG [Anm.: Parteigenosse] eine kurze Freude haben. Das kann ich mir denken, dass die lieben Herrn PG Parteigenossen, sich nicht ins Feld trauen. Dafür müssen aber unschuldige Deutsche die Schädel sich blutig hauen lassen. Dass die Gregers draußen sind, freut mich ganz unheimlich. Sind Robitschek in New York schon angekommen? Bei uns ist der Schulunterricht gerade schlecht. Wahnsinnig viel Aufgaben, bei denen wir zwei bis drei Stunden sitzen müssen. Nicht nur wir, sondern auch die Franzosen. Es gibt wenig zu lernen in der Unterrichtsstunde. Und hier gibt es auch nur seht schlechte Sportanlagen, aber das alles ändert sich, wenn ich bald wieder mit euch vereint sein werde. Also für heute mache ich Schluss.
Viele Bussi und ein baldiges Wiedersehen Georg

Meine Liebsten!                                                                                     18. Februar 1940

Ich habe heute euern lieben Brief erhalten und habe mich sehr damit gefreut. Ich kann euch die freudige Mitteilung machen, dass ich nächste Woche nach Portville fahren werde und höchstwahrscheinlich das Visum erhalten werde. Ich fahre natürlich mit einem französischen Schiff, da man die Ausreise viel, viel leichter bekommt. Ihr braucht keine Angst haben, denn das Schiff kann unmöglich torpediert werden. Wegen der jetzigen Lage braucht ihr euch keine Sorge zu machen. Wahrscheinlich erzählt man darüber Greuelmärchen. In der Schule komme ich sehr gut mit. Ich bin diese Woche Fünfter geworden. Bei uns hat es wieder einmal geschneit und es ist hübsch kalt. Von Deli habe ich einen Brief bekommen und ich kann ihr nicht antworten. Schreibt für mich, wenn ihr Deli schreibt. Sie ist sehr verzweifelt. Ich bin schon sehr neugierig und ich freue mich schon sehr auf die Schule. Von Großmutti habe ich den Brief erhalten und danke ihr vielmals. Gerhard und Sylvia geht es ganz gut. Also, ihr braucht euch keine Sorgen zu machen. Es ist alles in Ordnung. Eins kann ich euch nur sagen: Unsere lieben Herren in Amstetten beneiden uns schon sehr. Ich glaube, sie würden sehr gern mit uns tauschen. Wenn man in Paris in den Strassen geht, die schönsten und die besten Sachen, dagegen in Wien sind wie Kartoffeln, ein Vergnügen. Leider müssen da auch Unschuldige mit büßen. Ich werde euch in den nächsten oder übernächsten Briefen alles genau berichten. Dass man zu dieser Dame geht ist ganz unnütz, weil mich das wieder Geld kostet und auch so das Visum bekommt. Schneller als schnell kann diese Sache sowieso nicht gehen. Ihr braucht keine Sorge zu haben. Also für heute mache ich Schluss.
Viele Küsse
Euer Georg

Meine Liebsten!                                                                                          Ohne Datum

Ich habe euern lieben Brief erhalten und habe mich sehr gefreut. Also bei uns ist nicht viel los. Wir haben eine teuflische Kälte hier, 17 Grad unter Null. Ich freue mich, dass es euch so gut in New York geht und ich hoffe, dass Vati bald eine Beschäftigung finden wird. Ich werde euch jetzt unsere Schule ein bisschen beschreiben. Das Haus ist eine Villa. Schaut äußerlich ganz gut aus, innerlich weniger. Die Schule ist keine Mittelschule, sonder eine Volksschule. Wir haben Unterricht Vor-und Nachmittag, aber es ist nicht das richtige. Ich habe seit dem Umbruch nie den Eindruck gehabt, was Richtiges gelernt zu haben…
Wir lernen zwar hier Französisch, aber nicht allzu viel. Ihr könnt euch denken wie ich mich freue, wenn ich dann in eine richtig anständige Schule gehen kann…
Ich hoffe, dass ich in Amerika sehr schnell englisch lernen werde. Hier geht das Leben so halbwegs, aber ich bin trotzdem schon sehr froh, wenn ich hier herauskomme. Bitte macht euch keine Sorgen. Ich hoffe, dass ich bald zu euch kommen werde. Also ich schicke euch diesmal ein Bild. Für heute schließe ich.
Viele, viele Bussis und ein sehr baldiges Wiedersehen
Euer Georg

Meine Liebsten!                                                                                   Paris, 14. April 1940

Ich habe heute euern lieben Brief erhalten und habe mich sehr damit gefreut. Ihr müsst verstehen, dass sich eine Sache nicht so schnell machen lässt und es tut mir sehr leid, dass ich das Rennen mit Lillitant verlieren werde. Aber ganz knapp. Anfang Mai geht ein amerikanisches Schiff und mit diesem werde ich fahren. Ich bin schon sehr, sehr gespannt auf USA wie ein Regenschirm. Gestern war ich Schwimmen. Das war klass. Heute bin ich wieder bei Herrn Kohn. Also seid noch die paar Wochen geduldig. Ich freue mich schon, wenn wir alle zusammen sein werden. Bitte hebt alle Marken, die ihr drüben bekommt für mich auf. Ich habe es zu einer kleinen, aber ganz schönen Markensammlung schon gebracht. Für heute schließe ich den Brief.
Viele tausend Bussis
Georg

Meine Lieben!                                                                                           Ohne Datum                                           

Heute kann ich euch die freudige Mitteilung machen, dass ich mein Visum erhalten habe und dass wir jetzt bald zusammen sein werden. Sonst gibt es nichts.
Viele Bussi
Georg

Meine Lieben!                                                                                            Ohne Datum

Ich habe jetzt leider keine Post mehr von euch aber das macht nichts, da ich zwischen 15. und 20. wegfahre. Also das ist wüst klass. Also bei uns gibt es nicht viel Neues. Gerhard und Sylvia geht es gut. Ich schreibe euch diesmal nur die paar Zeilen, weil ich sonst nichts weiß und außerdem erzähle ich euch dann alles Restliche mündlich, klass nicht wahr? Also für heute schließe ich den Brief.
Viele 100 000 Bussi.
Georg

Die Schiffskarte habe ich heute erhalten. Ich fahre mit dem Schiff Champlain im Mai 15. 16. Am Montag gehe ich zur Prefekture mit meiner Ausreise. Alles andere habe ich schon. Ich habe euern Brief erhalten und freue mich sehr, dass Vati eine Beschäftigung gefunden hat. Auch auf die Marken. Ich schließe für heute den Brief. Viele Zehntausend, Hunderttausend Bussis. 

Im Mai 1940 fuhr ich mit dem Zug nach Cherbourg, das direkt am Ärmelkanal liegt und von dort mit dem Schiff nach Amerika. Das war meine erste Schiffsreise und es hat mir gut gefallen. Ich weiß nicht mehr genau, ob ich meine Kabine mit anderen Kindern geteilt habe, aber ich weiß, ich war in einer Kabine. Das Essen auf dem Schiff war gut, viel besser als in Clamart. Das Beste aber war, ich wusste, dass meine Eltern mich im Hafen von New York am Kai erwarten.

New York war faszinierend, es war ein modernes Land mit so hohen Häusern, wie ich sie vorher noch nie gesehen hatte. Es war alles fremd, alles neu, alles anders, alles modern. Aber vor allen Dingen war ich endlich frei. Ich durfte mich überall frei bewegen.

Meine Eltern hatten in der Metropolitan Avenue Kew Gardens in Queens eine Wohnung gemietet. Ein dreiviertel Jahr später übersiedelten wir in ein schöneres Appartementhaus in der Park Lane South. Dort hatte ich dann auch mein eigenes Zimmer.

Ab Herbst 1940 ging ich in eine Highschool. Als ich in New York angekommen war, konnte ich kein Wort englisch sprechen, aber während des Sommers habe ich soviel englisch gelernt, dass ich in der Schule halbwegs gut mitgekommen bin. In meiner Klasse war ich das einzige Emigrantenkind. Die anderen Kinder haben mich aber ganz normal aufgenommen, ich kann mich an nichts Negatives erinnern. Ich habe die Mittelschule ohne Probleme absolviert, habe gute Freunde gefunden und wurde Vorzugsschüler. Es gab einen Club, der hieß Arista. Arista heißt ‚die Besten’. In diesem Club ging es aber nicht nur um Intelligenz, man musste sich auch politisch engagieren, und ich habe mich in den letzten zwei, drei Schuljahren politisch sehr engagiert, und da wurde ich hinein gewählt.

Nachdem ich 1943 die Schule abgeschlossen hatte, bin ich in die US- Armee eingetreten. Ich habe mich zu den Gebirgstruppen gemeldet. Das Basictraining fand im Süden statt, die Ausbildung in CoLoredo und Texas. Ich war in der 10. Gebirgsdivision, einer Kampftruppe, die es heute noch gibt, die jetzt noch in Afghanistan eingesetzt wird. In den Jahren 1944/1945 wurde wir in Italien, unterhalb der Poebene, eingesetzt. Fast am letzten Tag des Krieges wurde ich bei einem Flugangriff verwundet. Ich musste zwei Monate ins Spital. Danach bin ich wieder zu meiner Einheit gekommen, und wir wurden zurück nach Amerika gebracht. Es war vorgesehen, dass wir dann in Japan eingesetzt werden, aber an dem Tag, als wir gelandet sind, ist die Atombombe über Hiroshima [Japan] abgeworfen worden - der Krieg war zu Ende. Auch für mich!

Für mich war es wichtig einen Beruf zu wählen, mit dem man überall in der Welt zu Recht kommt, und ich wollte etwas lernen, dass ich für die Familienunternehmen gebrauchen kann. Allerdings wäre ein Medizinstudium auch eine gute Alternative gewesen.

Ich habe miterlebt, wie meine Familie in Amerika gelitten hat. Ich habe die Leute gesehen, die keinen Beruf hatten. Meine Eltern haben von vorn anfangen müssen, ohne eine Ausbildung, in einer Zeit, wo in Amerika eine Depression war, eine hohe Arbeitslosigkeit. Meine Großcousine Marietta, die Tochter meines Großonkels Adolf Mahler, hat als Stubenmädchen gearbeitet, und meine Mutter hatte das ‚Glück’, dass sie Arbeit als Angestellte in einer Fleischverpackungsfabrik bekommen hat. Sie hat an einem Fließband gearbeitet, wo Speck verpackt wurde, und später in einer Metallfabrik, in der automatische Maschinenteile hergestellt wurden. Sie hat dabei so viel verdient, dass wir mit den Reserven, die wir hatten, halbwegs vernünftig haben leben können. Meine Mutter hat hart gearbeitet, sie war sehr stark in dieser Zeit und hat sich nie beklagt. Mein Vater und mein Onkel Rudolf haben sich beruflich in New York sehr schwer getan. Sie hatten beide Matura, aber sie hatten für Amerika nicht die richtige Ausbildung, denn das Arbeitsleben in Österreich und Amerika war nicht vergleichbar. Sie waren beide sehr intelligente Menschen, aber in New York sind die Schlachthäuser riesengroße Unternehmen. Das hatte nichts mit dem zu tun, was sie vorher gearbeitet hatten. Mein Vater hat nach ein einiger Zeit in New York begonnen, wieder ein Rohhandel Geschäft aufzubauen. Er hat auch einen Partner gefunden, und es ist halbwegs gut gegangen. Viele meiner Verwandten haben sich sehr schwer getan, und ich wollte nicht, dass mir das jemals passiert.

Ein Studium war schon damals in Amerika sehr teuer. Die Größenordnungen waren anders: heute kostet für ein Kind eine Ausbildung auf der Universität hunderttausend Dollar. Damals waren es zehntausend Dollar. Aber wir hatten keine zehntausend Dollar. Man hat sich eine Universität wählen müssen, wo man umsonst hat studieren können. Das hat es gegeben in Amerika, aber dadurch, dass ich in der US Armee gedient hat, hab ich für jedes Jahr Dienstzeit ein Jahr Studienzeit geschenkt bekommen. Und so konnte ich an der Columbia University studiert und wurde Master of Science in Chemical Engineering, was eine sehr schöne Sache war.

Im April 1946, ich hatte gerade abgerüstet, wurde ich von einem Geschäftsfreund meines Vaters eingeladen. Dieser Geschäftsfreund hatte auch einen Rohwarenhandel, und er hat Cashmere in der Welt populär gemacht. Er hat auch gute Hüte aus Hasenfellen erzeugt. Man nimmt dafür aber nicht das Fell, sondern nur Fasern von den Fellen. Dieser Geschäftsfreund wurde mein Schwiegervater, seine Tochter Claire wurde später meine Frau. Die Familie meiner Frau lebte schon lange in Amerika. Die Mutter war rumänische Jüdin, der Vater war deutscher Jude. Meine Frau wurde am 1.März 1927 in Woodmere, New York City, N.Y. [USA], geboren. Sie hatte zwei Brüder, Ariel und George. George war ein Ziehbruder, den mein Schwiegervater aus Deutschland mitgebracht hatte. Georges Vater hatte sich umgebracht, und die Mutter war mit ihren Kindern allein und die sozialen Verhältnisse der Familie waren sehr schlecht. George ist als Bruder meiner Frau aufgewachsen. Zu seiner Mutter hatte er später nur wenig Kontakt. George hatte Kinderlähmung, die hat er im Erwachsenenalter in Belgien, dort hatte die Familie eine Niederlassung, bekommen hat. Er ist bereits gestorben.

Claire und ich haben uns befreundet. Wir haben viel miteinander Tennis gespielt. Sie war eine sehr gute Tennisspielerin, ich hatte erst in Amerika begonnen, Tennis zu spielen. Ich sei damals kein so guter Tennisspieler gewesen, hat sie später gesagt. Da hatte sie sicher Recht, aber sie hat mich trotzdem nach einem Jahr, das war 1947, geheiratet. Sie war damals 19 Jahre alt und ich war 22 Jahre alt. Wir haben in Woodmere, im Haus meiner Schwiegermutter, mit einem Rabbiner geheiratet. Im Judentum kann man heiraten, wo man will. Mein Schwiegervater war zu dieser Zeit bereits gestorben. Es waren vielleicht dreißig Gäste anwesend, unsere Familien und enge Freunde. Wir haben uns eine Wohnung 110 West, 69 Street gemietet und haben beide studiert. Wir wurden von meinen Schwiegereltern in dieser Zeit finanziell unterstützt. Ich hatte 100 Dollar Stipendium vom Staat. Das war eine Summe, von der man damals leben konnte. Es ist uns also einigermaßen gut gegangen. Zu dieser Zeit habe ich nicht daran gedacht, nach Österreich zurück zu gehen.

Nach dem Studium habe ich mich um einen Posten beworben, und ich hatte die Wahl zwischen sechs verschiedenen Arbeitstellen, die mich gern genommen hätten.

Meine Rückkehr nach Österreich ist durch die Rückstellung unseres Besitzes entstanden. Ich wollte eigentlich nicht nach Österreich, aber meine Eltern haben mich dazu animiert. Mein Vater hat gesagt, dass ich mir den Betrieb in Traun mal anschauen soll. Das war eine kluge Idee. Meine Frau war einverstanden damit, mit mir nach Österreich zu gehen, und da wir uns zu nichts verpflichtet hatten, hätten wir nach einiger Zeit wieder nach New York zurückgehen können. Wir sind 1951 ganz gemütlich durch Europa gefahren und dann in Linz angekommen.

Meine Eltern haben uns in Österreich auch noch besucht. Mein Vater ist geschäftlich öfter nach Persien geflogen, um zum Beispiel Cashmere einzukaufen und er und meine Mutter haben uns, nicht oft, aber einige Male auf diesen Reisen in Traun besucht.

Die Fabriken in Rennersburg und Wieselburg waren demontiert. Meine Frau und ich haben zuerst in einem Gebäude der Papierfabrik in Traun gelebt. Die Fabrik in Traun war eine gut gehende Fabrik, aber eine Kommanditgesellschaft, die geteilt war in zwei Gruppen. Eine Gruppe waren die Erben vom Robert Trierenberg, der mit meinem Großvater Gottlieb Mahler und dessen Brüdern gemeinsam die Fabrik gekauft hatte und der sehr früh gestorben war, und die andere Gruppe war meine Familie. Vor dem Krieg hatten sich alle gut verstanden. Dann mussten wir flüchten, und die Firma gehörte nur noch den Erben vom Robert Trierenberg. Aber dann kam ich zurück, und das hat ihnen nicht so sehr gefallen. Ich kam aus Amerika, ich hatte studiert, war Ingenieur und wollte modernisieren. Zum Beispiel konnte ich kaum mit ansehen, dass man die gekochten Lumpen noch immer händisch mit Gabeln aus den Bottichen holen musste. Das war dann alles nicht so einfach damals, denn die Erben von Robert Trierenbergs haben es mir nicht leicht gemacht. Da habe ich schon manchmal überlegt, ob es nicht besser wäre, nach Amerika zurück zu gehen. Aber ich blieb! 1957 wurde ich bereits in den Vorstand der Kultusgemeinde in Linz gewählt.

1965 wurde ich Finanz- und Baureferent. Ab 1971 haben wir in Linz gelebt, wo wir ein Haus gekauft haben. In Linz habe ich niemanden von vor dem Krieg gekannt, für mich war jeder ein unbeschriebenes Blatt. Mit dieser Situation konnte ich gut umgehen, damit hatte ich keine Schwierigkeiten. Wir hatten viele Freunde. Ich denke, man muss die Menschen nehmen wie sie sind, dann ist vieles einfacher.

Die Kultusgemeinde Linz hatte mich dann gebeten, dem Vorstand beizutreten.

Ab 1973 war ich in der Neusiedler Papierfabrik tätig und habe einen positiven Werdegang erzielt. Am Schluss wurde ich Generaldirektor der NAG Ulmereld Fabrik, die nur zwölf Kilometer von Amstetten entfernt liegt, und natürlich gab es unzählige Verbindungen zu den Unternehmungen in Amstetten. Ich hatte beruflich keine Vorurteile gegen sie, der Betrieb hatte Vorrang, aber einen privaten Kontakt wollte ich nicht. Wenn ich nach Amstetten gekommen oder durchgefahren bin, hatte ich ein ablehnendes Gefühl. Natürlich wussten die Leute in Amstetten wer ich bin, ich kannte meistens nur ihre Namen. Ich habe niemanden treffen wollen, mit dem ich in meiner Jugend zusammen war. Das habe ich abgelehnt. Einmal hat einer mir mitteilen lassen, dass er mich gern sprechen möchte. Ich habe aber gesagt, dass ich das nicht möchte.

1955 ist unsere Tochter Sylvie Wozasek geboren, 1957 unser Sohn Gerald Wozasek und 1960 unsere Tochter Heidi Gerger, geborene Wozasek.

Unsere Kinder sind alle drei in Amerika geboren. Das haben wir ganz bewusst damals so gewollt. Ich hatte die böse Erfahrung gemacht, dass wir Juden nirgends hingehen konnten, als wir verfolgt wurden, und es sehr schwer war, sein Leben zu retten, was vielen nicht gelungen ist. Das wollten wir verhindern. Auch ich besitze seit dem Krieg die amerikanische Staatsbürgerschaft, und meine Frau war sowieso in Amerika geboren. Meine Eltern und Großeltern fühlten sich Hundert Prozent als Österreicher, das wurde zerstört! Ich fühle mich sicher sehr integriert, aber ich habe den Holocaust erlebt!

Meine Kinder haben in Linz maturiert. Sie bekamen in Linz jüdischen Religionsunterricht, und ich habe nie von ihnen gehört, dass man sie als Juden diskriminiert oder beschimpft hätte. Sylvie hat Volkswirtschaft studiert, lebt in Wien, ist geschieden und hat zwei Buben, Zwillinge, Daniel und Benjamin, die 19 Jahre alt sind. Sie haben das Theresianum beendet und mit dem Studium begonnen. Mein Sohn Gerald hat Medizin studiert und wurde Chirurg und Sportmediziner. Er lebt in Wien, ist Professor im AKH und hat eine Praxis am Getreidemarkt. Er war verheiratet mit einer Frau, die zum Judentum übergetreten ist. Sie haben zwei Kinder, Philipp und Charlotte. Meine Tochter Heidi hat Handelswissenschaften studiert und ist dann nach Amerika gegangen. Sie ist eine fast professionelle Tennisspielerin und hat einen Scholarship von der Baptist University bekommen, um mit der Mannschaft Tennis zu spielen. Heidi hat im Flugzeug von Texas nach New York, sie war in Texas mit einer Tennismannschaft, ihren Mann David Gerger kennen gelernt. Seine Familie hat schon vor dem Krieg in Texas gelebt. Ich glaube, der Großvater meines Schwiegersohns war ein Rabbiner, der seine Familie aber verlassen hat. David hat Jus studiert und ist ein sehr bekannter Strafverteidiger. Meine Tochter führt einen koscheren Haushalt und feiert den Schabbat. Mein Enkel Adam wird 17 Jahre alt und meine Enkeltochter Ria ist 15. Meine Tochter kommt oft und gern nach Österreich zu Besuch.

Meine Frau Claire ist im Jahre 2000 an Krebs gestorben. Meine jetzige Lebenspartnerin Christine Lang und ihr Mann waren bereits in Traun unsere Nachbarn. Es war sehr schwer für mich, als meine Frau gestorben ist, und ich wollte nicht unbedingt allein weiterleben. So sind wir zusammengekommen, denn Christine ist auch allein gewesen. Sie ist eine sehr, sehr liebe Frau und Partnerin. Sie geht mit mir in die Synagoge und hilft dort sehr mit. Wir haben jetzt zum Beispiel für einen Toratisch ein Tuch gebraucht und sie war die treibende Kraft, dass wir eines kaufen. Sie hat auch einen sehr engen Kontakt zu den Mitgliedern der Kultusgemeinde hier in Linz, der ist sogar enger als mein Kontakt zu den Gemeindemitgliedern. Obwohl meine Lebenspartnerin Christin ist, lebe ich jetzt meinen Glauben mit ihr viel genauer, als mit meiner Frau, denn meine Frau war eine bewusste Jüdin, aber sie war nicht religiös. Christel hält mit mir die Feiertage, auch den Schabbat. Zuerst sind wir in der Synagoge und dann feiern wir zu zweit zu Haus. Wenn meine Kinder hier sind, feiern wir gemeinsam mit den Kindern.
Seit 1969 war ich Vizepräsident und seit 1980 bin ich Präsident der jüdischen Gemeinde Linz. Von der Synagoge in der Bethlehemstraße 26 war nach dem Novemberpogrom 1938 nur noch das Kellergewölbe übrig geblieben. Die Funktion der Synagoge übernahm nach dem Krieg das Gemeindehaus, das vor der ehemaligen Synagoge stand, und in dem vor dem Krieg die Wohnung des jeweiligen Gemeinderabbiners und die Büroräume waren. Aber die Gemeinde konnte zuerst nur die Räume im Keller nutzen. Nach dem Krieg war Dipl. Ing. Simon Wiesenthal [22] einige Jahre Präsident der Kultusgemeinde Linz.
Als ich 1951 nach Linz kam, gab es nur wenige Juden. Einige von ihnen hat die Theologin Mag. Verena Wagner, die Autorin des zweibändigen Werkes ‚Jüdisches Leben in Linz’, wie folgt beschrieben. Sie hat auch noch einiges Ergänzendes hinzugefügt. ‚Das ist aber keine vollständige Liste der Rückkehrer’, sagt Mag. Wagner. Ich danke ihr für diese Hilfe:

Wilhelm Schwager kam 1893 in Linz zur Welt. Er besuchte die Handelsakademie in Linz. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm er die 1882 gegründete Zuckerwarenfabrik seines Vaters Benedikt Schwager. Er heiratete 1925 Hermine Stein, die ebenfalls im Betrieb mitarbeitete. Nach mehreren Gefangennahmen nach dem März 1938, floh er mit seiner Frau im Herbst 1939 mit einem illegalen Transport über den Donauweg nach Palästina. Dort im Februar 1940 angekommen, wurde er noch bis August von den Engländern gefangen gehalten. In Palästina brachten Wilhelm und Hermine Schwager sich mühsam mit einer Lebkuchenbäckerei durch. 1948 kehrte das Ehepaar nach Österreich zurück. Die Rückstellung seines Zuckerwarengeschäftes und die Räumung des Hauses in der Bischofstraße erfolgte Ende des Jahres 1948. Im April 1949 konnte das Ehepaar den Betrieb seiner früheren Firma wieder aufnehmen. Von 1949 - Anfang 1956 und 1957 bis zu seinem Tod 1979 war Wilhelm Schwager Präsident der Linzer IKG. Er liegt am jüdischen Friedhof in Linz begraben.

Ernst Hartmanns Vater Adolf Hartmann gründete 1884, aus Böhmen kommend, in Linz ein Stoff- und Kleiderwarengeschäft. Ernst Hartmann kam 1896 zur Welt. Er besuchte die Handelsakademie in Linz. In den Dreißigerjahren übernahm er das Geschäft seines Vaters, das mittlerweile zu einer Art „Warenhaus“ (Stoffe, Kleidung, Teppiche, Schuhe, Wäsche, …) herangewachsen war. Daneben betrieb Ernst Hartmann mit anderen Kompagnons zusammen das „Phönix-Kino“. Innerhalb der IKG Linz gehörte er zu den führenden Vertretern der Zionisten-Revisionisten. Nach dem März 1938 wurde ihm die Firma entzogen, er wurde gefangen genommen, konnte aber Ende des Jahres 1938 über Prag nach Palästina fliehen.
Nach dem Krieg kehrte er bald nach Linz zurück. 1948 versuchte er, einen Teil seines Vermögens zurück zu erhalten. Er beteiligte sich an der Arbeit innerhalb der wieder eingerichteten, aber noch provisorischen IKG und übernahm den Vorsitz der provisorischen Geschäftsführung der neu zu konstituierenden IKG. Er war am Bau der neuen Synagoge in Linz beteiligt und starb 1973. Er liegt am jüdischen Friedhof in Linz begraben.

Martha Kulka kam 1903 als Martha Fürnberg und Tochter eines Lederwarenhändlers in Urfahr zur Welt. 1924 heiratete sie Ignaz Uhl, der sich aber nach 1938 von seiner jüdischen Frau scheiden ließ. Der Vater war 1931 gestorben und Martha Fürnberg floh 1938 mit ihrer Mutter nach Prag. Dort ging sie dem Beruf einer Friseurin nach und lernte ihren zweiten Mann Dr. Kulka kennen. Nach dem Einmarsch der Deutschen wurden alle drei nach Theresienstadt deportiert. Als Dr. Kulka auf einen Transport nach Auschwitz musste, ging Martha Kulka freiwillig mit ihrem Mann mit. Er wurde bald danach ermordet, während sie in Fabriken arbeiten musste. Später kam sie in das Lager Freiberg in Sachsen und im April 1945, nach einer Irrfahrt, nach Mauthausen. Nach ihrer Freilassung konnte sie sich nur noch „auf allen Vieren“, nach Linz schleppen und blieb dort dann im Rinnstein in Urfahr liegen. Von einer zufällig vorbeikommenden ehemaligen Angestellten der Firma Fürnberg wurde sie erkannt – das rettete ihr das Leben. Sie wurde liebevoll gesund gepflegt und kam wieder zu Kräften. Es dauerte noch einige Zeit bis ihr das Elternhaus wieder zurückgestellt wurde. Da nur wenige ehemalige LinzerInnen zurückgekommen waren, sah sie ihre Pflicht innerhalb der IKG mitzuarbeiten und wurde Sekretärin der IKG unter Simon Wiesenthal. Mitte der Sechzigerjahre war sie Mitglied des Kultusgemeindevorstandes. Sie starb 1987 und liegt am jüdischen Friedhof in Linz begraben.

Ernst Töpfer zählt zu den zeitweiligen Rückkehrern, von denen es auch einige in Linz gab.
Er kam 1885 als jüngster Sohn der renommiertesten Antiquitätenhändlerin von Linz, Johanna Töpfer, zur Welt. Sie besaß ein schönes Haus in der Linzer Altstadt, in dem die Familie Töpfer auch wohnte. Nach dem Tod der Mutter in den Dreißigerjahren übernahm Ernst Töpfer das Geschäft. 1938 wurde der Antiquitätenhandel, wie alle anderen jüdischen Geschäfte, „arisiert“. Es war schwer die vielen Waren in so kurzer Zeit zu verkaufen und nur mit großen Verlusten verbunden. Ernst Töpfer konnte im November 1938 nach Palästina auf einem illegalen Transport fliehen. Dort waren bereits seine beiden Töchter. Das Fortkommen in Palästina war aber so schwer, dass er mit dem ersten möglichen Transport, 1948, wieder nach Linz zurückkehrte – vor allem wegen des Hauses. 1945 erlitt das Haus zwei Bombentreffer, d.h. es war beschädigt, aber aufgrund des Alters aufbau- und renovierungswert. Da aber keine Besitzer da waren, verfiel das Haus von Monat zu Monat und wurde im Herbst 1946 rechtswidrig abgerissen.
Als nun 1948 Ernst Töpfer zurückkam und nach seinem Haus sehen wollte, stand nichts mehr, und das leere Grundstück war inzwischen noch dazu mit einem Bauverbot belegt worden.
Er hatte vor, seinen Antiquitätenhandel wieder neu aufzunehmen, aber es scheiterte an einem Lokal. Darüber hinaus konnte er den Grund in der Altstadt erst nach langer Zeit der Stadt verkaufen. Er bekam notdürftige Anstellungen bei der IKG als Friedhofsreferent und bei der Firma Spitz. Aber insgesamt blieb ihm ein Anknüpfen an die Zeit vor 1938 verwehrt, letztendlich lebte er nur noch von Notstandsunterstützungen. 1956 kehrte er nach Israel zurück und starb dort 1966.

Franz Fuchs-Robetin Die Familie von Franz Fuchs-Robetin, über ihn habe ich selbst nicht gearbeitet und nur Informationen aus zweiter Hand, stammte aus Prag und gründete 1908 in der Haunoldmühle in Obergrünburg eine Spezial- und Holzstoffpappenfrabrik. 1938 hatte die Fabrik 174 Mitarbeiter. Franz Fuchs-Robetin wurde 1918 in Prag geboren, studierte in Wien. 1938 floh er über Prag und Frankreich nach England. Von 1945 bis 1948 lebte er in Prag und kam nach dem kommunistischen Umsturz nach OÖ, wo sich nach erfolgreicher Rückstellung die Haunoldmühle wieder im Besitz der Familie Fuchs-Robetin befand. Franz Fuchs-Robetin entschloss sich in OÖ zu bleiben und den Betrieb weiter zu führen. In den Sechzigerjahren übergab er den Betrieb seinem Sohn. Auch er war in der Linzer IKG tätig. 1956/57 war er Präsident der IKG. Anfang der Sechzigerjahre ging er nach Israel, blieb aber erst Mitte der Siebzigerjahre auf Dauer dort.

Andere wie Ernestine Schütz geb. Roubitschek und Dr. Agathe Höfer überlebten in Linz, da sie durch eine Ehe mit einem Nichtjuden geschützt waren. Manche dieser in Linz gebliebenen arbeiteten nach 1945 in der IKG mit.

Zu dieser Zeit sind meine Frau und ich kaum in die Synagoge gegangen. Die Mitglieder waren viel älter als wir und meine Frau und ich hatten ganz andere Interessen. Ich habe gearbeitet, mein Beruf war mir sehr wichtig, und in meiner Freizeit haben wir uns für Kunst und Sport interessiert. Wir waren im Theater, in Konzerten und in der Oper, und wir haben Kunst gesammelt. Als wir nach Österreich kamen, besaßen wir nichts. Das erste, was uns beeindruckt hat, war, wie wir aus New York kommend in England gelandet sind, die Kirchen, die kirchliche Kunst und die Schlösser. Wir haben uns dann richtig mit Kunst beschäftigt. Es hat uns großen Spaß gemacht uns Wissen über Kunst anzueignen. Das war auch noch zu einer Zeit, wo sich die Leute noch nicht so sehr mit Kunst beschäftigt haben. Zuerst haben wir barocke Kunst gesammelt, das war am leichtesten verständlich, später haben wir uns für Renaissance und Gotik interessiert. Wir hatten einen Freund, leider lebt er nicht mehr, der war ein bedeutender Kunsthändler und von diesem Freund haben wir vieles gekauft.

An einige kann ich mich noch erinnern. Ich habe diese Leute aber nicht richtig gekannt, aber ich weiß, dass es ein jüdisches Leben in Linz nach dem Krieg gab. Es waren wenige Juden, aber sie haben Gottesdienste in einer Betstube in der Mariengasse abgehalten, das sich in einem Gebäude neben der Synagoge befand. Die Linzer Synagoge wurde 1938 zerstört und 1968 neu errichtet und wieder eröffnet. Zurzeit wird das Gemeindehaus renoviert, das mit dem Kauf 1872 den ersten gemeindeeigenen Besitz der Linzer IKG darstellt. Darauf bin ich sehr stolz. Es wird nächstes Jahr eingeweiht. Dabei unterstützen uns die Stadt Linz und das Land Oberösterreich.

Die Leute in Linz haben erzählt, dass die, die aus Mauthausen befreit worden sind, Gesindel waren. Das war kein Gesindel, das waren Skelette. Die Linzer haben sich nicht viel darum gekümmert, was geschehen war. Als ich 1980 Präsident der Linzer Kultusgemeinde wurde, habe ich mir gesagt, dass ich etwas gegen Antisemitismus und für die Aufklärung der Bevölkerung über das Judentum tun muss. Wenn heute extreme Armut entstehen würde, würden die Leute sicher wieder auf die Juden, die im Blickfeld sind, losgehen. So habe ich mich darum bemüht, die Leute aufzuklären und zwischen Christen und Juden zu vermitteln, denn mich haben immer wieder Leute gefragt: Was ist ein Jude? Ich erkläre in Vorträgen, was die jüdische Religion für die Christen bedeutet. Es gibt Gemeinsames zwischen diesen Glaubensrichtungen, aber es gibt auch krasse Unterschiede. Man muss lernen, diese Unterschiede zu tolerieren. Wir haben uns damals, vor 1938, als Österreicher gefühlt. Man hat sich freundlich gegrüßt und ganz normal als Nachbarn nebeneinander gelebt. Ich habe mich mit meinen Schulkameraden gut verstanden, wir sind zusammen Schwimmen gegangen. Meine Mutter und meine Tanten trugen Dirndln, ich kann mich erinnern, der Bäckermeister Exel hat wunderbare Kipferln gemacht, mein Vater hat durch seine Betriebe vielen Menschen Arbeit gegeben. Das war das Gefährliche, man fühlte sich so absolut integriert. Nie hätten wir uns vorstellen können, was dann passiert ist.

Hinterher hat niemand etwas gewusst, das ist, glaube ich, menschliches Verhalten. Oder sie sagen, sie haben das nicht gewollt.

Als Präsident der Kultusgemeinde habe ich viele Verpflichtungen. Ich bin verantwortlich für die jüdische Gemeinde, also für die ungefähr fünfzig Juden, die Mitglieder der Linzer Kultusgemeinde sind. Ich bin auch verantwortlich für den Glauben, dass heißt, ich muss dafür sorgen, dass am Freitag die Gottesdienste stattfinden, denn ich versuche, das religiöse Leben zu erhalten. Ich bin im Kontakt mit den Juden in Linz und den Orten, die zur Gemeinde dazu gehören. Es ist auch meine Errungenschaft, kann man so sagen, dass an jedem Feiertag ein Kiddusch [23] in der Synagoge stattfindet. Das bedeutet, es wird Wein für den Segensspruch serviert und danach eine Mahlzeit. Da sind wir dann alle zusammen. Man muss sich vorstellen, dass die Gemeinde eine Großfamilie ist. Ich muss, um für die Gemeinde etwas tun zu können, auch die Verbindung zu den Ämtern, zum Beispiel zum Bürgermeister und zum Landeshauptmann haben. Wir kümmern uns um die Kranken, damit sie eine Unterstützung bekommen, wir brauchen Geld, um den Friedhof zu renovieren. Das sind unzählige Stunden, die ich als Präsident der Kultusgemeinde für die Kultusgemeinde und ihre Mitglieder tätig bin. Oder zum Beispiel brauch einer einen Kredit, um sich ein Haus zu bauen. Dann helfen wir mit Beratung über Finanzierungsmöglichkeiten. Und ich halte unzählige Vorträge über jüdisches Leben für diejenigen unter der Bevölkerung, die es interessiert und Frau Dr. Hermann und ich führen sie auch durch die Synagoge. Freitag und Samstag bete ich in der Synagoge, aber das würde ich auch tun, wenn ich nicht der Präsident der Kultusgemeinde wäre, denn das ist mein Glaube. Ich glaube an Gott, aber ich bin kein orthodoxer Jude.

Israel bedeutet viel für mich. Israel ist das Rückrad für alle Juden, für uns alle. Da brauchen wir uns nichts vormachen. Wenn Israel zerstört werden würde, in der Geschichte ist das ja schon ein paar Mal passiert, da würde das Weltjudentum sehr leiden darunter. Was die Bedrohungen gegen Israel betrifft, das müssen die Israeli im Endeffekt entscheiden. Wir sitzen hier im Grünen - im Frieden. Ich kann sie nur unterstützen - und das mache ich.

Wenn ich meinen Lebensweg betrachte, muss ich sagen, dass ich wirklich viel aus meinem Leben gemacht habe, trotz enormer Hindernisse. Ich habe es nie bereut, dass ich nach Österreich zurückgekommen bin.

Auszeichnungen, die  Dipl.-Ing. George WOZASEK erhielt:

Das "GROSSE EHRENZEICHEN FÜR VERDIENSTE UM DIE REPUBLIK ÖSTERREICH

• Das Silberne Ehrenzeichen des Landes Oberösterreich
• Die Humanitätsmedaille der Stadt Linz
• Das Golde Ehrenzeichen des Verbandes der Österreichischen Kultusgemeinden
• Die Papstmedaille anlässlich des Papstbesuches 1988
• Das Landessportehrenzeichen des OÖ Tennisverbandes
• Die Ehrenmitgliedschaft des Union Linzer Tennisvereines
Das Golde Ehrenzeichen der Republik Österreich

Glossar

[1] Ghetto Theresienstadt [Terezin]: Ende des 18. Jahrhunderts gegründete Garnisonsstadt in der heutigen Tschechischen Republik, die während der Zeit des Nationalsozialismus zum Ghetto umfunktioniert wurde. In Theresienstadt waren 140.000 Juden interniert, die meisten aus dem Protektorat Böhmen und Mähren, aber auch aus Mittel- und Westeuropa. Nur etwa 19,000 der Menschen, die in Theresienstadt waren, überlebten.

[2] Treblinka [Vernichtungslager]: Das Lager befand sich östlich von Warschau war das zuletzt errichtete und größte nationalsozialistische Vernichtungslager im besetzten Polen. Von Juli 1942 bis August 1943 beträgt die niedrig geschätzte Gesamtzahl der Opfer in Treblinka deutlich über 1 Millionen Menschen aus ganz Europa.

[3] Tandler, Julius [1869 – 1936]: erlangte als Wiener Stadtrat für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen (ab 1920) große Bedeutung. Er engagierte sich besonders im Kampf gegen die als ‚Wiener Krankheit‘ bezeichnete Tuberkulose und arbeitete am Ausbau der Gesundheitsfürsorge. Mit seinem‚geschlossenen System der Fürsorge‘ verwirklichte er das humanitäre Prinzip der Fürsorge.

[4] Reviosionist: Der Revisionismus war die Bewegung gegen einen verkleinernden und verzichtenden Zionismus, welcher die Judenfrage nicht lösen konnte, welcher weder für den jüdischen Menschen noch für das jüdische Volk Hilfe in der materiellen und seelischen Not bedeutete. Er forderte die Umgestaltung des ungeteilten Palästina [Palästinas zu beiden Seiten des Jordans] in ein sich selbst verwaltendes Gemeinwesen mit jüdischer Majorität, in einen Judenstaat.

[5] Jabotinsky, Vladimir, jüd Zeev, wurde 1880 in Odessa geboren und starb 1940 in den USA. Er war Gründer der jüdischen Legion im 1. Weltkrieg, Leiter der zionistischen ‚Betar’ [Trumpeldor-Bund]; Literat, Dichter, charismatischer Rhetoriker.

[6] Mahler, Gustav [1860 - 1911] war der Sohn einer jüdischen Familie und österreichischer Komponist im Übergang von der Spätromantik zur Moderne. Er war zudem einer der berühmtesten Dirigenten seiner Zeit und als Operndirektor ein bedeutender Reformer des Musiktheaters.

[7] Maly Trostinec: Konzentrationslager in der Nähe von Minsk. In Maly Trostinec wurden Zehntausende Juden aus Weißrussland und anderen europäischen Ländern umgebracht. Von 9.000 Juden aus Österreich, die zwischen Mai und Oktober 1942 nach Maly Trostinec gebracht wurden, überlebten 17.

[8] Affidavit: Im anglo-amerikanischen Recht eine schriftliche eidesstattliche Erklärung zur Untermauerung einer Tatsachenbehauptung. Die Einwanderungsbehörden der USA verlangen die Beibringung von Affidavits, durch die sich Verwandte oder Bekannte verpflichten, notfalls für den Unterhalt des Immigranten aufzukommen.

[9] Kothgasser, Anton [ Wien, 1769  -. Wien, 1851] Glasmaler des Biedermeier. 1784-1840 für die Wiener Porzellanmanufaktur als Dessinmaler tätig. Beschäftigte sich ab 1812/13 nach dem Vorbild G. S. Mohns auch mit Tafel- und Hohlglasmalerei, bediente sich jedoch einer reicheren Koloristik als Mohn. Charakteristisch für seine späteren Arbeiten sind die mit einem dicken Fußwulst versehenen Ranftbecher und die opake Emailmalerei. Motive seiner Gläser sindvor allem Stadtveduten und Landschaften, Blumen, Embleme und Allegorien, aber auch Jagd- und Tierstücke sowie Porträts.

[10] Dollfuß, Engelbert [1892-1934]: Österreichischer Christlich-Sozialer Politiker, 1932-1934 Bundeskanzler, schaltete im März 1933 das Parlament aus. 1933 verbot er die NSDAP, die Kommunistische Partei und den Republikanischen Schutzbund, 1934 – nach den Februarkämpfen – auch die Sozialdemokratische Partei. Er regierte mit Notverordnungen und führte Standrecht und die Todesstrafe ein. 1934 schuf er den autoritären Ständestaat, der sich auf die Kirche, die Heimwehr und die Bauern stützte. Am 25. Juli 1934 wurde Dollfuß während eines nationalsozialistischen Putschversuches ermordet.

[11 [Die] Hohen Feiertage: Rosch Haschana [Neujahrsfest] und Jom Kippur [Versöhnungstag]

[12] Das Schma Israel ist das älteste Bekenntnis und beinhaltet das Bekenntnis zur Einheit und Einzigkeit Gottes sowie mehrere zentrale Gebote des Judentums:

[13] Tefillin: lederne ‚Gebetskapseln‘, die im jüdischen Gebet an der Stirn und am linken Arm getragen werden und Texte aus der Torah enthalten.

[14] Bar Mitzwa: [od. Bar Mizwa; aramäisch: Sohn des Gebots], ist die Bezeichnung einerseits für den religionsmündigen jüdischen Jugendlichen, andererseits für den Tag, an dem er diese Religionsmündigkeit erwirbt, und die oft damit verbundene Feier. Bei diesem Ritus wird der Junge in die Gemeinde aufgenommen.

[15] Vaterländische Front, am 20. 5. 1933 von Bundeskanzler E. Dollfuß geschaffene "überparteiliche" politische Organisation zur Zusammenfassung aller "regierungstreuen" Kräfte Österreichs.

[16] HJ [Hitlerjugend], die: Die HJ wurde 1926 auf dem 2. Reichsparteitag der NSDAP als nationalsozialistische Jugendbewegung gegründet. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wandelte sich die HJ durch das Verbot sämtlicher konkurrierender Jugendverbände von einer Parteijugend zur Staatsjugend. Ab 1939 war die Mitgliedschaft Pflicht.

[17] Pogromnacht: Pogrom in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938. Aufgrund der zahllosen zertrümmerten Fensterscheiben ging diese Nacht als „Kristallnacht“ in die Geschichte ein. Die propagandistische Presse jener Zeit bezeichnete den Pogrom als „Antwort” auf das Attentat des 17jährigen Herschel Grynszpans auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November in Paris. Im Laufe des „Kristallnacht“ wurden bei angeblich „spontanen” Kundgebungen 91 Juden ermordet und fast alle Synagogen sowie über 7000 jüdische Geschäfte im Deutschen Reich zerstört und geplündert, Juden in ihren Wohnungen überfallen, gedemütigt, verhaftet oder ermordet.

[18] Tiso, Jozef (1887-1947): katholischer Priester und Politiker der klerikal-nationalistischen Slowakischen Volkspartei. Ab 1938 Vorsitzender der Partei und Ministerpräsident der vorerst autonomen Slowakei. Mit der Entstehung der unabhängigen [von Deutschland abhängigen] Slowakei 1939 wurde er zu deren Ministerpräsident und Präsident. Tiso wurde 1947 zum Tode verurteilt und hingerichtet.

[19] Kindertransport: Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs rief die britische Regierung eine Rettungsaktion ins Leben, um Kinder vor dem Nazi-Terror zu bewahren. Zehntausend größtenteils jüdische Kinder aus deutsch besetzten Gebieten wurden nach Großbritannien gebracht und von britischen Pflegeeltern aufgenommen. Es gab 1939 auch einen Kindertransport nach Frankreich.

[20] Rothschilds: Die Rothschilds waren im 19. Jahrhundert eine Bankiersfamilie jüdischer Herkunft mit Stammsitz in Frankfurt am Main. Sie zählten im 19. Jahrhundert zu den einflussreichsten Bankiers und wichtigsten Finanziers der europäischen Staaten.

[21] Spanischer Bürgerkrieg [1936 bis 1939]: Der Spanische Bürgerkrieg zwischen der republikanischen Regierung Spaniens und den Putschisten unter General Francisco Franco ausgetragen. Er endete mit dem Sieg der Anhänger Francos und dessen bis 1975 währender Diktatur. Franco wurde von Anfang an durch das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien unterstützt, die Republikaner, vor allem aber die kommunistische Partei, von der Sowjetunion. Zahlreiche Freiwillige aus der ganzen Welt kamen nach Spanien, um in den ‚Internationalen Brigaden‘ für die Republik zu kämpfen.

[22] Wiesenthal, Simon: [Galizien, 1908 -Wien, 2005; begraben in Israel], war Architekt, Publizist und Schriftsteller. Als Überlebender des Holocaust gründete er das Dokumentationszentrum Jüdische Historische Dokumentation in Linz und später das Dokumentationsarchiv des Bundes jüdischer Verfolgter des Naziregimes in Wien. Nach seiner Befreiung aus dem KZ Mauthausen im Mai 1945 machte Simon Wiesenthal die Suche nach Gerechtigkeit für Millionen unschuldig Ermordeter zu seiner Lebensaufgabe. Er verstand sich nicht als der „Nazi-Jäger“, als der er im Laufe der Zeit sowohl anerkennend von Anhängern als auch ablehnend von Kritikern bezeichnet wurde. Wiesenthal wollte jene zur Verantwortung ziehen, die an der geplanten ‚Endlösung der Judenfrage’ mitgewirkt hatten.

[23] Kiddusch: von hebr. ‚kadosch‘, heilig. Der Begriff findet in verschiedenen Zusammenhängen Verwendung. Als Kiddusch wird u.a. der Segensspruch über einen Becher Wein bezeichnet, der am Schabbat und anderen Festtagen gesagt wird. An jedem Schabbat und Feiertag muss man den Kiddusch am Ort und zur Zeit der Mahlzeit machen. Das bedeutet, dass man am selben Ort und gleich nach dem Kiddusch Brot oder Kuchen essen muss.

 

Stadt: 
Linz

Interview details

Interviewte(r): Georg Wozasek
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Jahr des Interviews:
2008
Linz, Austria

HAUPTPERSON

Georg Wozasek
Geburtsjahr:
1925
Geburtsort:
Wien
Geburtsland:
Österreich
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Geschäftsmann, Einzelhändler

AUDIO - INTERVIEW

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