Erwin Weiss

Wien, Österreich

Professor Erwin Weiss
Wien
Österreich
Interviewer: Tanja Eckstein
Datum des Interviews: Februar 2003

Ich lernte Professor Erwin Weiss auf einer privaten Feier kennen. Wenig später rief er mich an und stellte sich für ein Interview zur Verfügung. Er empfing mich in seiner großen, sehr gemütlichen Wohnung im 18. Bezirk. Professor Weiß ist ein brillanter Philosoph, es fiel ihm aber schwer, sich an Namen und Daten zu erinnern. Sein Leben war die Musik und er besaß die Gabe, sein Wissen als Lehrer an junge Menschen, die er achtete, respektierte und für die er jederzeit da war, weiterzugeben.
Erwin Weiss starb am 13. September 2004.

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Flucht nach Paris
Meine Zeit in England
Rückkehr nach Wien
Glossar

Meine Familiengeschichte

Mein Vater hieß Josef Weiss und wurde am 8. September 1870 in Vodice, in Mähren, geboren. Von 1914 bis 1918 war er als Soldat in der k. u. k. Armee und bekam sogar eine Auszeichnung, weil er ein scheuendes Pferd aufgehalten hatte. Weder seine Eltern noch seine Geschwister haben in Wien gelebt. Allerdings hatte mein Vater eine Verwandte, die Betty hieß. Sie war eine sehr hübsche Frau, die oft nach Jugoslawien, nach Italien und nach Albanien gefahren ist. Man hat in der Familie immer erzählt, sie hätte ein Verhältnis mit dem albanischen König Ahmed Zogu gehabt.

Meine Großeltern mütterlicherseits hießen Steiner, die Großmutter Barbara Steiner, sie war eine geborene Türk. Vom Großvater weiß ich den Vornamen nicht. Sie kamen aus Mähren, aber meine Mutter wurde schon in Wien geboren. Ich habe die Großeltern gekannt, sie wohnten im 6. Bezirk in Wien, in der Stumpergasse, ich glaube auf der Nummer 27.
Wovon die Großeltern lebten, das ist mir ein großes Rätsel. Mein Großvater war ein stattlicher Mann mit einem breiten Schnurrbart. Er war ein sehr humorvoller Mensch und hatte immer gute Laune. Die Großmutter dagegen sorgte sich ständig um alle Familienmitglieder, sie war eine richtige jiddische Mamme. Meine Großeltern waren eher traditionelle Juden, sie hielten nur die großen Feiertage: Rosch Haschana [1] und Jom Kippur [2]. Die Großmutter starb Ende der 1920er-Jahre. Der Großvater war sehr traurig über den Tod der Großmutter, saß nur noch in seinem Sessel und schaute ihr Foto an. Dann starb auch er.

Meine Mutter Gisela Steiner wurde am 27. November 1878 geboren. Sie hatte zwei Schwestern, Anna und Bertha und einen Bruder Adolf.
Tante Anna besaß im 4.Bezirk, in der Belvederegasse, ein Geschäft mit Stempeln. Ich vermute, sie hat die Großeltern finanziell unterstützt. Tante Bertha war eine große Frau und ich weiß, dass sie selten mit uns zusammen war, weil sie andere Kreise bevorzugte.
Onkel Adolf war oft krank. Er wohnte auch in der Stumpergasse und bekam oft Kuren verschrieben. Ich weiß, dass er nach einer Methode behandelt wurde, die hieß Wagner-Jauregg Methode [3]. Er hatte zwei Töchter, Mimi und Wally. Mimi war nach dem Krieg in Österreich mit einem Polizeibeamten verheiratet, und Wally lebt in Heilbronn.

Meine Mutter hatte auch einen Cousin, der war ein fescher Mann und sah aus wie Puccini. In der Retrospektive ist das für mich irgendwie in die Musik eingegangen. Er war Ingenieur und hatte 1918 für Jugoslawien optiert und lebte dort. Das war immer ein Ereignis, wenn er mit seinem Sohn zu uns nach Wien kam. Nach dem Krieg haben wir nie wieder von dieser Familie gehört.

Meine Kindheit

Geheiratet haben meine Eltern in Wien, im Jahre 1898.

Ich hatte sechs Geschwister: Hermine, Rudolf, Alfred, Heinrich, Karl und Irma.

Hermine war die Älteste. Sie wurde 1899 in Wien geboren. Sie war vor dem Holocaust Bankbeamtin in der Credianstalt in Wien. Geheiratet hat sie nie. 1938 emigrierte sie nach England, arbeitete in London in einem großen Warenhaus und starb 1999, nach ihrem 100 Geburtstag.

Irma wurde am 7. Mai 1914 geboren. Sie besuchte in Wien die Handelsschule und arbeitete nach ihrer Flucht aus Wien in London in einem Reisebüro. Meine beiden Schwestern waren 1938 von einem Ehepaar in Puley, in England,  gerettet worden, die für sie ein Permit [4] besorgten. So ist ihnen die Flucht aus Österreich gelungen. Irma arbeitete dann einige Zeit als  Babysitterin und Hermine als Köchin.

Meine Brüder Rudolf und Heinrich waren vor dem Holocaust noch nicht verheiratet. Rudolf wurde am 14. Januar 1902 in Wien geboren. Er hat, wie mein Vater, im Kaffeehausgewerbe gearbeitet. Er ist mein bedauernswerter Bruder. Er wurde am 20. Oktober 1939 von Wien gemeinsam mit meinem Bruder Heinrich, der 1907 geboren wurde und Friseur war, nach Nisko [5] verschleppt. Da gab es einen Transport von Wien, und sie wurden an die Grenze zwischen Polen und Russland gebracht. Die SS hat sie nach Russland gejagt und ihnen nachgeschossen. Und so waren beide in Russland. 
Heinrich wurde 1946, nach Ende des Krieges, nochmals von den Russen verhaftet. Er war in den 20 Jahren, die er in Russland verbringen musste, zehn Jahre in Lagern und Gefängnissen. Er sollte gestehen, dass er ein Spion sei. Mein Bruder Karl war vor dem Krieg in der sozialdemokratischen Arbeiterjugend und ein guter Freund vom Bruno Kreisky [6], auch ich kannte Bruno Kreisky. Mit dessen Hilfe kam Heinrich schwer krank 1960 zurück nach Wien.
Heinrich kam mit seiner Frau und seiner Tochter Irina, die in Russland geboren war. Meine russische Schwägerin lebt in Wien, Irina ist mit einem Wiener verheiratet und lebt in Deutschland. Heinrich starb 1967 in Wien. Mein armer Bruder Rudolf ist in Russland zu Grunde gegangen, der Rudolf, hat mein Bruder Heinrich gesagt, ist verhungert.

Alfred Weiss wurde 1905 geboren. Alfred war von Beruf Mechaniker. Er war mein musikalisches Vorbild. Er war ein Wagner-Narr und besuchte sehr oft die Oper. Zuerst ging er allerdings in Operetten. Er war mit einer Frau namens Therese verheiratet. Sie hatten das Glück, kurz vor Ausbruch des Krieges, im August 1939, in Alton in England als Butlerehepaar arbeiten zu dürfen. Während des Krieges arbeitete Alfred in einem kriegswichtigen Betrieb in Aldershot, wofür er nach dem Krieg von der englischen Regierung eine Auszeichnung bekam, auf die er sehr stolz war. Alfred starb in England 1997, seine Frau 1994.

Karl Weiss wurde 1909 geboren und war Buchsetzer. Er lernte als Kind Geige spielen, und wir musizierten oft zusammen.

Ich wurde am 6. Oktober 1912 in Wien geboren. Ich bin der letzte von den sieben Geschwistern, der noch lebt. Mein Vater hat ein Kaffeehaus besessen. Das Kaffeehaus hieß Cafe Josef Weiss. Und wie das dann zu Grunde gegangen ist, zum Teil schon während des 1. Weltkrieges und in den Zwischenkriegsjahren, wurde er Zahlkellner im Prater. Mein Bruder Rudolf trat in die Fußstapfen meines Vaters und wurde auch Kellner. Mein Vater und mein Bruder waren aber oft arbeitslos. Ich weiß, meine Mutter hatte für neun Personen fünf Schilling Kostgeld am Tag - das war sehr wenig. Meine Mutter war eine absolute Freidenkerin, sie war sehr engagiert in der sozialdemokratischen Partei, und hat als Fürsorgerin seinerzeit schon Pakete für neugeborene Babys ausgetragen. Diese Pakete enthielten die Erstausstattung für Neugeborene und waren ein Geschenk der Stadt Wien an junge Mütter. Auch in mir ist schon in meiner Jugend eine freie Gesinnung gewachsen, auch ich bin ein Freidenker, wie meine Mutter - da kann man nichts machen.
Unsere Familie hat im 10. Bezirk gewohnt, zuerst in der Hardtmuthgasse, dann in der Troststraße 117. Während ihres letzten Lebensabschnittes, hatte meine Mutter für die Hausarbeit eine Hilfe. Da haben wir im 10. Bezirk gewohnt, in der Gartenstadt, im George-Washington Hof, der 1927 mit einer Feier eröffnet worden war.

Wir hatten ein gemütliches Familienleben, alle haben wir musiziert und gesungen. Ich bin ausgestattet mit einem absoluten Gehör [Fähigkeit, die Höhe einzelner Töne genau zu bestimmen].

Mein erstes Instrument war eine Geige. Das zweite Instrument, dass ich erlernt habe, war das Klavier. Karl hat Geige gespielt. Meine anderen Geschwister haben auch alle auf dem Klavier herum geklimpert. Unserer Wohnung gegenüber hat ein Finanzbeamter gewohnt, der wurde mein erster Klavierlehrer. Ich bin immer zu ihm Klavier üben gegangen, das war herrlich. Er war ein guter Lehrer, obwohl er Finanzbeamter war, darauf kommt es nämlich nicht an.

Meine Eltern sind sehr stolz auf mich gewesen. Mein Vater ist aus ganz einfachen Verhältnissen gekommen, aber er wollte, dass ich ‚Am Meer’ von Schubert spielen kann. Und im nachhinein denke ich mir, er hatte einen guten Geschmack. Bestimmt war er musikalisch, aber er war nicht aktiv. Meine Mutter war auch sehr musikalisch, auch sie war nicht aktiv.

Meine Schwester Irma und ich waren als Kinder viel zusammen. Wir haben gemeinsam das Kasperltheater besucht und viel miteinander gelacht. Auch sie hatte mit dem Klavierspiel begonnen. 1945, als ich aus England nach Wien zurückgekehrt war, habe ich ihr ein Pianino geschenkt, aber sie hat leider nie darauf gespielt. Im Alter von zehn Jahren hatte Irma Hüftprobleme bekommen und wurde von dem berühmten Orthopäden Professor Adolf Lorenz, dem Vater von Konrad Lorenz, operiert. Er ist zu Weltruhm gelangt durch die Erfolge seiner unblutigen Behandlungsmethode der angeborenen Hüftgelenksverrenkung. Leider ist meine Schwester dadurch nicht geheilt worden. Mehrere Male wurde die Behandlung durchgeführt - leider ergebnislos. Sie hatte immer starke Schmerzen und hat die letzten Jahre im Rollstuhl gesessen. Als ich sie das letzte Mal im vergangenen Jahr in London besuchte, ich bin jedes Jahr sechsmal nach London gefahren, wurde im Radio die Oper Fidelio übertragen. Meine Schwester, die immer von sich behauptet hatte unmusikalisch zu sein, konnte die gesamte Oper mitsingen. Sie ist Ende 2002 in London gestorben.

Als Kind war ich auch in der Synagoge, denn ich hatte einmal in der Woche jüdischen Religionsunterricht. Ich musste zum Religionsunterricht in die Schule in der Uhlandgasse gehen. Aber den Unterricht habe ich oft versäumt, weil ich lieber zu den Großeltern in den 6. Bezirk gefahren bin - das sind meine Jugendsünden.

Mein Vater bekannte sich mehr zur jüdischen Religion als meine Mutter, aber durch seinen Beruf hatte er es schwer, denn er musste, wenn er Arbeit hatte, freitags und samstags arbeiten.
Mit jüdischen Augen und mit jüdischem Gefühl gesehen war es kein Wunder, dass wir keine fromme Familie waren. In der damaligen Zeit, wo es so viele Juden gab, haben viele Juden assimiliert gelebt. Jüdisch zu sein war ja keine Ausnahme, es war einfach normal, Jude zu sein.

Ich habe die Volksschule in der Knöllgasse, im 10. Bezirk, besucht. Das war eine ganz normale Schule. Später, weil ich unbedingt Klavier spielen wollte, bin ich ins Konservatorium gegangen, aber nicht in das Konservatorium der Stadt Wien, das hat es ja noch nicht gegeben. Dann habe ich eine zeitlang am ‚Neuen Wiener Konservatorium’ gelernt, das Konservatorium war im Musikverein untergebracht. Da hatte ich meine erste gute Klavierlehrerin, das war 1928. Die Hedda Balon war eine sehr energische und hervorragende Pianistin, die hat mich eigentlich zurecht gerichtet als Pianist. Danach bin ich an die Staatsakademie gegangen.

Als ich älter wurde, hat sich die wirtschaftliche Situation meiner Familie verbessert. Ich habe, was heute unwahrscheinlich klingt, mit sechzehn, siebzehn Jahren schon Klavierunterricht gegeben. Ich habe damals so viel gearbeitet, dass ich als Achtzehnjähriger schon 250 Schilling im Monat hatte. Das war viel mehr als ein Beamter verdiente. Mein Bruder Rudolf hatte keine Arbeit, und ich kann mich erinnern, dass er zu mir gekommen ist und mich gebeten hat, ihm  50 oder 100 Schilling zu borgen. Das war ein Gefühl, das ich tief in meinem Innern nie vergessen habe: ich war viel jünger als er, und er musste zu mir betteln kommen, ich habe das damals schon als sehr schmerzlich empfunden.

Mein Vater hatte einen Cousin, der hieß Pfeffer, dem hat das Café Giselahof in der Bösendorferstraße gehört. Und eines Tages sagte mein Vater zu mir:
‚Erwin, mein Cousin hat Geburtstag, geh hin und spiel ihm was vor.’ Als mein Vater gesagt hat: ‚Geh ihm gratulieren’,  hab ich das verabscheut. Das ist meine Natur. Widerwillig bin ich gegangen. Ich habe auf dem Klavier im Café gespielt und bin dann schnell weggegangen. Ich war ein Purist, ich habe das nicht ausgehalten, und zu dem Cousin meines Vaters habe ich gesagt: ‚Ich habe Kopfweh, ich muss weg.’
Ich habe früher vor vielen Leuten im Arbeiterheim Favoriten gespielt, und wenn die Leute plötzlich anfingen zu reden, habe ich aufgehört zu spielen. Ich konnte nicht anders! In dem Moment, wenn ich aufhörte zu spielen, war es ruhig. Dann spielte ich weiter und habe wieder aufgehört, wenn die geredet haben. Ich habe mich zum Publikum gedreht und gesagt: ‚Wenn Sie nicht interessiert sind an unseren Vorträgen, mia können a ham gehen [Wir können auch nach Hause gehen]. Das ist spontan, da kann ich mich nicht zurückhalten.
Mein ganzes Leben habe ich gearbeitet und Geld verdient, mit Ausnahme der Emigrationszeit in England, in der ich nicht arbeiten durfte.

Flucht nach Paris

1938 bin ich mit meinem Bruder Karl und mit unseren Freunden Hugo Preis und Gertrud Heber in die Schweiz geflüchtet. Zuerst sind wir nach Salzburg gefahren, dann nach Innsbruck, und an der Schweizer Grenze bekamen wir Hilfe durch die sozialdemokratische Partei, deren Mitglied ich war. Ein sozialdemokratischer Funktionär aus der Schweiz ist nach Österreich gekommen, ich glaube das war in Dornbirn, und hat uns gefälschte Schweizer Grenzübertrittsscheine auf unsere richtigen Namen für die Grenze gebracht. Wir haben uns dann getrennt, aber mein Bruder und ich sind zusammen geblieben. Alles hat geklappt, aber wir durften nicht in der Schweiz bleiben. Die Schweizer Polizisten haben uns erklärt, wo wir in der nächsten Nacht die Grenze illegal nach Frankreich passieren konnten. Nachdem wir in der Schweiz wieder mit unseren Freunden zusammen gewesen waren, haben wir uns wieder getrennt und in Paris verabredet. Wir haben es nach Paris geschafft und in Paris habe ich sogar für einige Zeit Klavierunterricht gegeben. Ich war 1936 im ‚Roten Falken – Lager’ in Paris und hatte dadurch einige Freunde und konnte sogar ein wenig französisch sprechen. Meine  Freunde in Paris haben uns geholfen. Nachdem die sozialdemokratische Partei 1934 in Österreich verboten war, wurde eine illegale sozialdemokratische Arbeiterzeitung zuerst in Brünn und dann in Paris gedruckt, bei der ich mithelfen durfte.

Meine Zeit in England

Ich hatte in Wien durch eine Quäkerin, sie war eine sehr reiche Amerikanerin, die den Sozialisten half, Permits zu bekommen, ein Permit beantragt. Sie hatte im Wienerwald ein Haus gemietet, dass sie uns damals zur Verfügung stellte. Nach acht Monaten in Paris, im Februar 1939, durfte ich nach England einreisen. Karl musste ich in Frankreich zurücklassen. Er wurde interniert, durfte später aber ins französische Militär eintreten. Nachdem er in Dünkirchen gekämpft hatte, ist er ins unbesetzte Frankreich gekommen. Er hat ein Affidavid [7] nach Amerika bekommen und ist von Marseille nach Portugal gefahren und weiter mit dem Schiff nach Amerika. In Amerika ist er amerikanischer Soldat geworden und nach dem Krieg hat er in Brooklin ein kleines Geschäft mit Lebensmitteln eröffnet. Später hat er mit zwei Kollegen eine Buchdruckerei gegründet, die sehr gut ging. Karl war schon in Wien verheiratet, seine Frau war keine Jüdin. Sie hat die ganze Zeit des Holocaust in Wien verbracht und ist 1946 zu meinem Bruder in die USA gefahren.  Karl starb 1997 in New York.

Mein Vater ist in Theresienstadt gestorben und meine Mutter wurde vergast. Sie ist von Theresienstadt in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert worden. Das weiß ich, weil eine Dame aus Theresienstadt mir aus der Schweiz geschrieben hatte. Es hatte aus Theresienstadt einen Rot – Kreuz - Zug in die Schweiz [Am 5. 2. 1945 fuhren 1 200 Menschen aus dem Ghetto Theresienstadt in die Freiheit in die Schweiz] gegeben. Meine Mutter hatte sich nicht gemeldet, weil sie misstrauisch war und Angst hatte, dass der Zug in Richtung Vernichtungslager geht. Diese Dame hatte sich gemeldet, und der Zug war wirklich in die Schweiz gefahren. Sie hat mir nach London geschrieben, meine Adresse hatte sie von meiner Mutter, die ja noch gewusst hatte, dass meine Schwestern und ich in London waren.

In England habe ich Isi Geiger kennen gelernt. Er war in Wien Salonkapellmeister und machte Unterhaltungsmusik. Er hat in einem Restaurant in London gespielt. Ich hatte in England eine Bruchoperation und wurde von der Kriegsarbeit freigestellt. Da habe ich eine Zeitlang mit Isi Geiger Unterhaltungsmusik gespielt, aber ich habe das nicht ausgehalten.
Dieser Isi Geiger hat dauernd diese monarchistischen Märsche gespielt. Ich war ein Sozialist, ich wollte das nicht hören. Ich habe da die ärgsten Schwierigkeiten gemacht: ‚I spü des net [Ich spiele das nicht]!’. Es hat mir auch wirklich weh getan. Isi Geiger hatte einen bekannten Sohn mit dem er zerstritten war, weil er keine Jüdin geheiratet hatte.
Ich habe das aufgegeben und bin zurück gegangen in eine Fabrik der Flugzeugindustrie. Bevor ich so etwas spielte, ging ich lieber in die Fabrik arbeiten.

Bei Young Austria [8] bin ich Chorleiter geworden, hatte dann aber einen Konflikt mit den Leuten vom Young Austria, weil ich kein Kommunist war. Young Austria ist eine kommunistische Jugendorganisation gewesen, und sie hetzten gegen die sozialdemokratische Emigration, auch gegen den Oskar Pollack [Österreichischer Journalist und Sozialdemokrat]. Der Oskar Pollack hatte in England ein Buch geschrieben ‚Europe is calling’. In dem Buch stand unter anderem:
‚Einen siegreichen Churchill kann man absetzten, einen siegreichen Roosevelt kann man absetzten, aber einen siegreichen Stalin kann man nicht absetzten.’ Das war Hochverrat für die Kommunisten. Die haben das derart ausgebeutet, dass ich wieder einmal die Konsequenzen zog. Ich habe einen Brief geschrieben:
‚Ich kann nicht mehr aufs Podium mit euch, weil ich dadurch den Eindruck vermittele, dass ich mit eurer Politik einverstanden bin.’ Ich habe das extra schriftlich gemacht. Im Young Austria hatte ich sehr große Erfolge, diese Kulturarbeit hatte ja mit Politik nichts zu tun. Nach dem Krieg hat man mich nicht nach Amerika gelassen, weil der amerikanische Konsul in Wien behauptet hat, dass der Verdacht bestehe, ich sei Kommunist. Dabei war ich das Gegenteil von denen. Ich habe lange gebraucht, bis ich die Leute aufgeklärt hatte, dass ich kein Kommunist sei, das war damals die McCarthy [9] Zeit.

Rückkehr nach Wien

Ich kam 1945 Jahr nach Wien zurück.

Meine Frau Gertrud Weiss, geborene Falk, hatte ich in England bei Young Austria kennen gelernt, sie war Chorsängerin. Meine Frau war Jahrgang 1918 und stammte aus Wien. Sie kam aus eher ärmlichen Verhältnissen. Die Eltern hatten eine Druckerei, ich glaube im 9. Bezirk. Die Druckerei war absolut desolat, sie haben nichts verdient, sie hatten vor dem Krieg ein Mindesteinkommen. 1947 haben wir geheiratet und 1951 wurde unsere Tochter Elisabeth geboren.

Tradition, was ist das? Ich habe nichts gegen irgend jemanden, der religiös ist. Aber man soll mir eine Religion zeigen, wo geschrieben steht, du kannst den anderen töten. Und ein Teil der Krise, der Weltkrise, ist sicher zurückzuführen auf den Fanatismus der Religionen. Ich respektiere, wenn sich einer nach der Bibel benimmt, so lebt, wie es die Bibel vorschreibt, das erkenne ich an. In der katholischen Kirche spielt die Angst eine große Rolle, weil:
‚Der liebe Gott sieht alles.’ Diese Religion vermittelt Angst, aber der Mensch hat sowieso Angst. Das ist ein Geburtsakt, das ist sozusagen mitgegeben. Ich bin Evolutionist, ein Darwinist, ich kann da keinen Widerspruch sehen. Ich lese jetzt von Arthur Koestler [10]: Der Mensch ist ein Irrgänger der Evolution - es ist ja auch ein Irrsinn was der Mensch anrichtet. Die Physik fasziniert mich, ich denke, die ganze Welt ist Physik.

Mein Bruder Heinrich kam 1960 als menschliche Ruine aus Russland nach Österreich. Er hat furchtbar ausgeschaut. Zuerst musste er operiert werden, weil er einen Bruch hatte. Er ging auf die Babenbergerstraße, dort war das Invalidenamt, er war arbeitsunfähig. Damals wurde ihm dort gesagt, seine Herzbeschwerden hätte er nicht durch die Emigration, durch die Lager in der Sowjetunion, die hätte er schon früher gehabt - so waren die Beamten. Ich hatte diese Beamten 1945 erlebt, als ich mit meinem Bezugsschein aufs Magistratsamt kam. Mit einem gewissen Sadismus sind die da gestanden:
‚Herr Weiss haben Sie das bitte und das bitte und das bitte, und das brauchen sie auch noch.’ Ich hatte alles dabei und ich habe zu ihnen gesagt:
‚Sie werden lachen, das habe ich auch.’ Der Triumph war auf meiner Seite: ich habe alles was sie wollten auf den Tisch legen können.

180 000 Juden gab es in Wien. Ich habe gewusst, dass der Antisemitismus tief sitzt, dass man oft gewählt wird für eine Funktion, und dass es dann Schwierigkeiten gibt, wenn sie drauf kommen, dass man jüdisch ist. Ich glaube, dass ich Direktor des Konservatoriums der Stadt Wien wurde, hatte auch damit zu tun, weil ich bestimmte Leute kannte. Ich bin sehr gerührt, aber ich halte mich zurück gerührt zu sein, wenn mir jemand sagt: ‚Bei dir habe ich mehr als Klavier spielen gelernt.’ Es gibt dutzende Briefe, die könnten einer eine Kopie vom anderen sein: ‚Deine Hilfe werde ich nie vergessen,’ oder: ‚Du hast aus mir das gemacht, was ich bin.’ Das ist eine Belohnung, die von der Steuer nicht angerechnet wird.

Meine Tochter hat in Wien und an der Michigan Universität in den USA Musik studiert.
Sie ist eine herrliche Geigerin und eine herrliche Sängerin. Ich hatte sie in die USA geschickt, weil sie es wollte. Ich war dann in den USA auf Besuch, weil ich die ‚Manchester School of Music’ besuchen wollte. In Österreich hatte ich die Jazz Abteilung am Wiener Konservatorium gegründet und wollte mir Anregungen holen. Ich habe natürlich dort meine Tochter besucht. Meine Tochter hat einen Tag vor ihrer Rückreise nach Wien ihren zukünftigen Mann, einen jungen Juden, kennen gelernt.

Meine Frau starb 1972, im 54. Lebensjahr, an Krebs. Zu dieser Zeit ist meine Tochter in die USA zurück gegangen, um dort eine große Kariere zu machen. In den USA hat sie ihren Freund geheiratet. Alles lief eine Zeit lang sehr gut. Sie hat bestimmt sechs Jahre jeden Sommer mit amerikanischen Studenten, zum Teil kamen auch Wiener Studenten dazu, eine Sommerschule in Frankreich geleitet. Aber sie hatte in den USA nicht nur Glück. Sie hatte in New York den Auftrag bekommen, alle Sonaten für Violine und Klavier von Rubinstein aufzunehmen. Das war eine wundervolle Aufgabe und dafür hatte sie einen ganzen Sommer gearbeitet. Dann stellte sich heraus, der Auftraggeber will das doch nicht. Als nächstes bezahlte sie eine Agentin, um sich vermitteln zu lassen, aber die arbeitete nicht gut. Ich bin überzeugt davon, dass meine Tochter in Wien eine große Karriere gemacht hätte. Sie hatte hier in Wien einmal eine herrliche Kritik bekommen: ‚Das Einzige, was ihr fehlt, ist eine gute Geige.’ Also hat die Familie zusammengelegt und für sie eine Spitzengeige gekauft. Diese Geige besitzt sie noch immer. Sie hat eine ausgezeichnete Technik. Ich habe von Isaac Stern [amerikanischer Star-Violinist] die Biographie gelesen, da schildert er genau, wie schwer dieser Beruf ist. Meine eigene Tochter ist eine Virtuosin, und es ist manches Mal ein Hemmnis, nicht immer, manches Mal ist es auch ein Push, aber manches Mal ist es ein Hindernis, weil sie als meine Tochter nicht zum Zuge kam, weil der Vater schon so bekannt war. Sie lebt seit so langer Zeit dort und wird sicher nicht mehr nach Wien zurückkehren.

Ich war vier Mal mit dem Chor in Israel, habe in Tel Aviv im ‚Mann Auditorium’ dirigiert. Da haben wir gesungen - ein kleiner Chor aus Österreich. Ich war wirklich aufgeregt, weil es so eine schlechte Besetzung war, und ich habe mich so geplagt bei der Probe, aber dann war es ein großer Erfolg. Ich kann mich auch erinnern, dass wir in Haifa gesungen haben und es war wunderbar. Wir sind dort auf die Bühne gekommen, und das Klavier war kaputt, da hat das Pedal gefehlt. Ich habe gesagt, wenn das Pedal fehlt, dann muss es irgendwo herumliegen, und ich habe es auch wirklich gefunden.

Eine Lehrerin des Konservatoriums hat zu mir gesagt: ‚Wissen Sie, Sie sind der einzige Direktor dieser Anstalt gewesen, der alle Lehrer gekannt hat.’ Das waren ja über 300 Lehrer. Vom Kreisky habe ich auch noch Briefe. Zu meinem 75. und 80. Geburtstag hat er an mich geschrieben: ‚Du bist eine Ausnahme, du hast so viel für uns getan.’

Glossar

[1] Rosch Haschana [heb.: Kopf des Jahres]: das jüdische Neujahrsfest. Rosch Haschanah fällt nach dem jüdischen Kalender auf den 1. Tischri, der nach dem gregorianischen Kalender auf Ende September oder in die erste Hälfte des Oktober fällt.

[2] Jom Kippur: der jüdische Versöhnungstag, der wichtigste Festtag im Judentum. Im Mittelpunkt stehen Reue und Versöhnung. Essen, Trinken, Baden, Körperpflege, das Tragen von Leder und sexuelle Beziehungen sind an diesem Tag verboten.

[3] Wagner-Jauregg, Julius [1857 – 1940], Psychiater, Begründer der Fiebertherapie, Nobelpreisträger für Medizin 1927. Ab 1889 Universitätsprofessor für Psychiatrie in Graz, 1893 - 1928 in Wien, Vorstand der I., ab 1902 auch der II. Wiener Psychiatrischen Klinik, die 1905 zur "Klinik für Psychiatrie und Neuropathologie Am Steinhof" vereinigt wurden. Wagner-Jauregg erkannte bei Patienten mit bis dahin unheilbaren geistigen Erkrankungen eine vorübergehende Besserung des Zustands nach fiebrigen Krankheiten. Die Erforschung dieses Zusammenhangs wurde zu seiner Lebensaufgabe.

[4] Permit [engl.: Erlaubnis]: Visum, Einreisegenehmigung

[5] Nisko: Ort im Karpatenvorland. Im Rahmen der ‚Umsiedlung nach dem Osten‘ gelangten Ende 1939 zwei Transporte mit 1.500 Wiener Juden nach Nisko. Nur 200 Männer gelangten in das Lager, die Mehrheit wurde über die deutsch-sowjetische Demarkationslinie gejagt. Nach dem Abbruch der Aktion wurden im April 1940 198 Männer nach Wien zurückgeschickt – viele von ihnen wurden mit späteren Transporten neuerlich deportiert.

[6] Kreisky, Bruno [1911-1990]: Österreichischer sozialdemokratischer Politiker, Bundeskanzler der Republik Österreich von 1970-1983. Stammt aus einer jüdischen Familie, wurde zu einem der bekanntesten und bedeutendsten Politiker Österreichs und der Sozialdemokratie. Unter Kreiskys Kanzlerschaft wurden das Sozial- und das Rechtssystem sowie das Hochschulwesen grundlegend reformiert. Außenpolitisch geschätzt; startete er einige Initiativen im Nahostkonflikt. Kreisky versuchte zwischen Israel und den arabischen Staaten zu vermitteln, wurde aber von vielen Juden und Israelis als ‚Verräter‘ betrachtet, weil er die zionistische Lösung für  das ‚jüdische Problem‘ ablehnte, freundliche Beziehungen zu arabischen Staatsführern unterhielt und Österreich 1980 diplomatische Beziehungen mit der PLO aufnahm.

[7] Affidavit: Im anglo-amerikanischen Recht eine schriftliche eidesstattliche Erklärung zur Untermauerung einer Tatsachenbehauptung. Die Einwanderungsbehörden der USA verlangen die Beibringung von Affidavits, durch die sich Verwandte oder Bekannte verpflichten, notfalls für den Unterhalt des Immigranten aufzukommen.

[8] Young Austria: 1939 gegründete, kommunistisch geführte Jugendorganisation österreichischer Flüchtlinge in Großbritannien, hatte 1300 Mitglieder.

[9] McCarthy, Joseph Raymond  [1908 - 1957]: US-amerikanischer republikanischer Politiker. 1947-1954 republikanischer Senator von Wisconsin. 1950 Vorsitzender im Senatsausschuss für ‚unamerikanische Umtriebe‘. Senator McCarthy inszeniert eine landesweite Hexenjagd gegen vermeintliche Kommunisten, klagt Unschuldige in Schauprozessen an und zerstört ganze Existenzen.

[10] Koestler, Arthur [1926 – 1983] Schriftsteller; nach dem Studium der Naturwissenschaften in Wien ging er als begeisterter Zionist nach Palästina. Später wurde er Korrespondent mehrerer führender europäischer Zeitungen. Wurde Mitglied der KPD und bereiste 1932/33 die Sowjetunion. In Paris organisierte er die kommunistische Exilpresse. Als Berichterstatter nahm er auf republikanischer Seite am Spanischen Bürgerkrieg teil, wurde gefangen genommen, zum Tode verurteilt. Die Stalinschen Schauprozesse veranlassten ihn 1938 zum Bruch mit dem Kommunismus. Nach dem Krieg wurde er 1949 britischer Staatsbürger, er ließ sich als freier Schriftsteller in London nieder. Werke: 'Die Gladiatoren' , 'Sonnenfinsternis' 'Pfeil ins Blaue' 'Die Geheimschrift' 'Das Gespenst in der Maschine' . Koestler, an Leukämie und der Parkinsonschen Krankheit leidend, nahm sich 1983 in London das Leben.

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Erwin Weiss
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
Februar
Jahr des Interviews:
2003
Wien, Austria

HAUPTPERSON

Erwin Weiss
Geburtsjahr:
1912
Geburtsort:
Wien
Todesjahr:
2004
Todesort:
Wien
Gestorben:
after WW II
Beruf
Vor dem 2. Weltkrieg:
Musiker
nach dem 2. Weltkrieg:
Komponist/Musikpädagoge

AUDIO - INTERVIEW

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