Emilia Ratz

Wien, Österreich

Emilia Ratz
Österreich
Wien
Datum des Interviews: Juli 2004
Name des Interviewers: Tanja Eckstein

Frau Emilia Ratz, von ihren Freunden Mila genannt, beeindruckt mich nach kurzer Zeit durch ihre außergewöhnliche Geschichte und durch ihren Humor, der die Tragik des Erlebten manchmal im ersten Moment nicht so tragisch erscheinen lässt. Sie ist eine sehr starke Persönlichkeit, ich bin fast überzeugt davon, dass sie bereits mit einer großen Portion Selbstbewusstsein, Zivilcourage und Zielstrebigkeit das Licht der Welt erblickte. Ihr großes Interesse gehört der Politik, Kunst und Kultur. Es fühlen sich auch viel jüngere Menschen von ihrer Persönlichkeit angezogen, denn ihr Freundeskreis besteht aus jung und alt.

Frau Ratz ist September 2015 gestorben.

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Meine Jugend
Während des Krieges
Flucht nach Lemberg
Flucht nach Stalingrad
Nach dem Krieg
Wien

Meine Familiengeschichte

Die gesamte Familie meines Vaters wohnte in Warschau zusammen in einem Haus, das meinem Großvater gehörte. Die Großeltern wohnten im Vorderhaus, die anderen zur Familie gehörenden Familien wohnten im Seitengebäude des Hinterhauses und hatten je eine Zweizimmerwohnung ohne Bad. Die Badewanne in unserer Wohnung war in der Küche. Tagsüber fungierte sie als Tisch, indem wir eine Tischplatte darüber legten. Wir hatten fließendes Wasser und Strom, aber keinen Garten und auch keine Haustiere. Wir lebten sehr bescheiden.

Das Vorderhaus hatte drei oder vier Stockwerke mit ungefähr 15 Wohnungen, in denen jüdische Familien lebten, nur der Hausmeister war nicht jüdisch. Im Hinterhof gab es einen rechten und einen linken Seitenflügel.

Der Großvater besaß eine Seifenfabrik, welche sich im Keller des Hinterhauses befand. Die Fabrik bestand aus drei Räumen: dem Büro, dem Packtischraum und dem Kesselraum. In einem großen Kessel wurde die Seife hergestellt, in einer Maschine gestanzt und danach geformt. Übrigens hat mein Vater dann auch Zahnpasta produziert, die er nach mir Milodont nannte. Ich denke im Kessel war Kokosfett, Duftwasser und Lauge. Es gab maximal vier Arbeiter, wahrscheinlich waren sie jüdisch. Der Vater hatte kein eigenes Geschäft, er verkaufte an Geschäfte und Privatpersonen; vor christlichen Feiertagen auch an Stände am Markt. An jüdischen Feiertagen wurde nicht gearbeitet.

Die Wohnung des Großvaters war groß, sie hatte 3-4 Zimmer aber ich erinnere mich nicht mehr genau. Was mir noch gegenwärtig ist, ist der Geruch der Wohnung, es war eine Mischung aus Samt und Gewürzen.

Ich kannte den Großvater Endler, aber als ich ein Kind war, waren die Beziehungen zwischen Enkeln und Großeltern anders als heute. Ich kann mich nicht erinnern - ich war aber auch noch im Vorschulalter - jemals direkt mit meinem Großvater gesprochen zu haben. Der Großvater war eine angesehene und respektierte Autorität.

Die gesamte Familie versammelte sich hauptsächlich zu den hohen Feiertagen zum Essen bei ihm. Immer wenn ich den Großvater sah, trug er einen schwarzen Anzug. Er hatte auch immer ein Käppi [Kippa] am Kopf. Er ist groß und dicklich in meiner Erinnerung. Er sprach die Gebete und leitete das Essen. Ich erinnere mich an einen großen Tisch, an dem alle Familienmitglieder aßen, selbstverständlich gab es auch eine Köchin; an anderes Dienstpersonal kann ich mich nicht erinnern. Die Kinder mussten sich gut benehmen, und die Eltern konzentrierten sich darauf, dass ihre Kinder sich gut präsentierten. Nach dem Essen küsste man ihm die Hand, um sich bei ihm zu bedanken.

Für Schabbat [1] hat meine Mutter Challot [2] gebacken und Kerzen gezündet. Vater, der ein starker Raucher war, hat am Schabbat nicht geraucht. Ich kann mich auch erinnern, dass es zu Chanukka [3] Kartoffelpuffer und zu Purim [4] Hamantaschen [Anm.: traditionelle Süßigkeit zu Purim] gab. Zu Yom Kippur [5] habe ich nicht gefastet, und zum Ausfasten gab es viel zu Essen. Zu Sukkot wurden im Hof Hütten gebaut und dort wurde gegessen. Es gab eine chassidische Familie [6] im Haus, die tanzte an allen Feiertagen.

An eine Großmutter Endler kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Entweder sprach sie nur jiddisch oder sie war sehr kontaktarm, vielleicht war sie aber auch schon tot, ich weiß es nicht. Ich kenne sie nur vom Porträt. Leider kann ich das nicht korrigieren, es gibt niemanden, den ich fragen könnte.

In unserer Wohnung hingen zwei Porträts, eines von der Großmutter und eines vom Großvater. Mehr weiß ich nicht, ich kann mich auch nicht erinnern, dass man über sie gesprochen hat.

Mein Vater war der Älteste von fünf Geschwistern. Sein Name war Israel Endler. Die Geschwister meines Vaters hießen Ignatz, der in Südamerika lebte, Adolf, Helena und eine Schwester, deren Namen ich nicht weiß und die in einer Anstalt lebte.

Die Beziehung zwischen meinem Vater und seinem jüngeren Bruder Adolf war nicht besonders vorbildlich. Sie stritten manchmal, aber damals wurden die Kinder in solche Sachen nicht einbezogen. Onkel Adolf war Büroangestellter einer Firma oder sogar eines Kartells. Er war materiell ziemlich gut gestellt. Ich glaube, sie stritten deshalb, weil mein Vater die Seifenfabrik des Großvaters geerbt hatte. Angeblich, und darüber sprach man, hatte mein Vater dem Onkel Adolf seine gute Stelle im Büro verschafft. Dank meinem Vater lebte Onkel Adolf sehr gut, während mein Vater sich mit seiner Fabrik ziemlich plagen musste.

Die Frau vom Onkel Adolf hieß Tante Felicia. Tante Felicia hatte einen Sohn Mieczyslaw, der 1921 geboren wurde, also genauso alt war wie ich. Er war ein typisches Einzelkind; verwöhnt und in guten materiellen Verhältnissen. Er stieß mich einmal vom Rad, und ich verletzte mir mein Knie. Die ganzen Ferien war ich krank wegen des Knies, und ich habe ihm das bis jetzt nicht verziehen. Vielleicht ist das übertrieben, aber er war auch sonst ganz anders als ich.

Onkel Adolf starb 1938 nach einer Blinddarmoperation, Tante Felicia überlebte das Warschauer Ghetto [7] nicht, Mieczyslav gelang die Flucht aus dem Ghetto. Er beschaffte sich ‚arische Papiere’ und kam mit der Organisation Todt [8] nach Südrussland, wo es ihm gelang, sich 1943 der polnischen Exilarmee anzuschließen. Er marschierte mit der Polnischen Armee [siehe Anders-Armee] [9] 1945 nach Polen ein, wurde dann Journalist und arbeitete bei einer Zeitung. Anfang der 1950er-Jahre fuhr er im Auftrag seiner Zeitung nach Schweden und kam nicht mehr zurück nach Polen. Später folgte ihm seine Familie. Er ist geschieden, seine Söhne leben in Schweden, und er lebt zwischen Deutschland und Schweden.

Onkel Ignatz war das schwarze Schaf der Familie. Er verließ die Familie in jungen Jahren und wanderte nach Südamerika aus. Ich sah ihn nur ein einziges Mal, das war im Jahre 1939. Ich kann mich erinnern, dass er mit einem Schiff kam und einen Überseekoffer dabei hatte. Er brachte meinem Vater zwölf Hemden mit weichen Kragen mit - heute tragen alle Männer solche Hemden. Mein Vater aber trug sein ganzes Leben lang nur Hemden mit steifen Kragen. Er bedankte sich bei seinem Bruder, aber als Onkel Ignatz wieder abgefahren war, sagte er: ‚Na Mila, jetzt kannst du dir 12 Blusen machen, so etwas werde ich nicht tragen.’ Aus einem Hemd machte ich mir eine Bluse, die den sogar den Krieg überlebte.

Onkel Ignatz war für mich die Personinfizierung des ‚reich sein’ - so einen Koffer zum Beispiel, zwölf Hemden auf einmal! Gut, mein Vater hatte wahrscheinlich auch viele Hemden, aber wenn man auf eine Reise geht, zwölf Hemden als Geschenk mitnehmen? Und so einen Überseekoffer hatte ich noch niemals gesehen. Das alles war für mich ziemlich exotisch. Ob er wirklich reich war, weiß ich nicht. Er war sehr sympathisch, und ich erinnere mich bis jetzt an den Ring, den er mir geschenkt hat. Das war mein erster Ring, ich war damals 17 Jahre alt. Der Ring war aus Gold und mein Name war eingraviert. Onkel Ignatz verunglückte tödlich bei einem Flugzeugabsturz. Wann das war, weiß ich nicht.

Tante Helena war Hausfrau. Ihr Mann hatte ein Textilgeschäft im jüdischen Viertel, im Herzen Warschaus. Das Geschäft war in der Nalewki Strasse, einer sehr langen und berühmten Straße, in der es viele jüdische Geschäfte gab. Diese Straße kommt in allen Büchern über jüdisches Leben in Warschau vor dem Holocaust vor.

Die Familie meiner Tante war finanziell auch nicht schlecht gestellt. Sie hatten eine Tochter, die hieß Friederike und war zwei, drei Jahre älter als ich. Mit Friederike verstand ich mich auch nicht besonders, denn erstens war sie dumm, zweitens lernte sie sehr schlecht und drittens waren wir auf demselben Gymnasium. Wenn ich die Klasse verlassen musste, weil ich den Unterricht gestört hatte, musste ich durch ihre Klasse, und sie petzte das meiner Mutter: ‚Die Mila ist schon wieder aus der Schulstunde geflogen!’ Ich war aber eine gute Schülerin! Und ich hatte sehr gute Zensuren auf meinem Maturazeugnis. Friederike wurde von ihren Eltern ausschließlich als Kandidatin zum ‚guten Heiraten’ erzogen. Sie verbrachte die meiste Zeit vor dem Spiegel, ich aber war in einer ganz anderen Phase: Ich versuchte auch, mit allerdings beschränkten Mitteln, mich gut anzuziehen, war aber immer sehr beleidigt, wenn man nur mein Äußeres sah. Ich wollte immer, dass man unbedingt gleich meinen Intellekt durchleuchtet. Die Friederike ließ das alles kalt, lieber war sie auf der Suche nach einer ‚guten Partie’. Sie heiratete auch wirklich einen Anwalt, der älter war als sie. Ich gefiel damals einem Studenten vom vierten Jahr. Das heißt, er war vier oder fünf Jahre älter als ich. Da dachte ich, der ist verrückt, das ist ein alter Mann, was will der von mir! Und als Friederike 1938 den Anwalt Stützer heiratete, dachte ich auch so ähnlich. Ich war nicht die Einzige, die so dachte. Aus meiner Klasse, es waren alles jüdische Jugendliche, wollten höchstens 25-30 Prozent nach der Matura heiraten. Die anderen wollten weiter studieren.

In Polen war das so: Wenn man Akademiker war, auch als Jude, kam man, glaube ich, zwangsläufig in so eine Unteroffizierschule. Man nahm den Mann von Friederike also 1939 in die Armee, und er kam entweder in den Kriegsgeschehnissen um oder in einem Lager in Russland. Aber sein jüngerer Bruder überlebte. Friederike starb im Warschauer Ghetto. Als ich nach dem Krieg eine Freundin in London besuchte, sagte sie mir, sie sei mit einem Stützer befreundet, und er wäre der Bruder des Mannes meiner Cousine Friederike.

Mein Vater hatte noch eine Schwester, deren Namen ich nicht weiß. Sie sei verrückt geworden, sagte man in der Familie, aber genau weiß ich es nicht. In der Zeit des Ersten Weltkrieges sprengten die Russen in Warschau eine Brücke. Angeblich war sie in der Nähe, und seitdem sprach sie nicht mehr und lebte in einer Anstalt. Damals sperrte man solche Leute hinter Gitter. Solange ich denken konnte, war sie in dieser Anstalt. Ich war mit meinem Vater unzählige Male in dort in der Nähe von Warschau, Tworki heißt die Anstalt, und sie existiert noch heute. Ich habe diese Schwester nie gesehen, denn Kinder ließ man nicht in die Anstalt hinein. Ich fragte auch meinen Vater nicht über die Tante aus, ich akzeptierte einfach, dass es so war.

Diese Schwester meines Vaters hatte eine Tochter Rosa, die auch in einer Wohnung im Haus wohnte. Ich ging sie gern besuchen, sie unterrichtete mich sogar eine kurze Zeit in französischer Sprache. Für die Familie hatte sie einen Makel, weil sie von ihrem nichtjüdischen Freund, der schon etwas älter war, ein Kind hatte. Damals war es noch ein Baby. Es wurde von der Familie nicht gern gesehen, dass ich sie besuchte, aber für mich war sie interessant. Wahrscheinlich hatte sie eine etwas andere Einstellung, als damals üblich, Kindern gegenüber. Sie achtete vielleicht meine Ansichten und sprach mit mir über Dinge, über die meine Eltern mit mir nicht gesprochen hätten. Rosa und ihr Kind kamen im Holocaust ums Leben.

Als der Großvater gestorben war, das war vielleicht Ende der 1920er-Jahre, zerfiel die Gemeinsamkeit, jede Familie feierte die Feste in ihrer eigenen Wohnung. An Familienfeiern kann ich mich später nicht erinnern.

Die Großeltern mütterlicherseits hießen Katz. Auch diese Großmutter kannte ich nicht. Ich war als Kind niemals in dem Ort Narewka, in dem die Großeltern lebten und meine Mutter und ihre Geschwister geboren wurden. Aber den Großvater kannte ich, denn jedes Jahr, bis zu seinem Tod, besuchte er uns für einige Tage in Warschau. Auch zu diesem Großvater hatte ich keinen näheren Kontakt. Als ich in die Volksschule ging, starb er. Man teilte wahrscheinlich meinen Vater telefonisch mit, dass er gestorben sei, und mein Vater verheimlichte das erst einmal vor meiner Mutter - es fiel ihm so schwer, ihr den Tod ihres Vaters mitzuteilen. Als ich an diesem Tag aus der Schule kam, klopfte ich wie immer an unsere Wohnungstür und hörte in der Wohnung meine Mutter schrecklich weinen. Auf der Stiege vor unserer Wohnungstür stand immer eine Kiste für Kohlen, und ich setzte mich auf diese Kiste und fürchtete mich davor, die Wohnung zu betreten, denn niemals vorher hatte ich meine Mutter so schrecklich weinend erlebt. Ich war damals vielleicht sieben Jahre alt, denn meine Schwester war noch sehr klein.

In Narewka war ich im Jahre 1969 das erste Mal, da hatte mein Mann bereits die Bewilligung durch die polnischen Behörden bekommen, mit unseren Kindern nach Österreich zu übersiedeln. Ich bat ihn, mit mir in diesen Ort zu fahren, weil ich wusste, dass ich ohne ihn Narewka nie sehen würde. 1888 hatte Narewka ungefähr 860 Einwohner, davon waren 780 Juden. 1908 führte man über die Ortschaft die Eisenbahnlinie Hajnowka–Wolkowysk. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Städtchen nicht zerstört. In der Zwischenkriegszeit gab es in dem Ort kleine Industriebetriebe, eine Terpentinfabrik und die Glashütte von Hackiel und eine Windmühle. Natürlich war das jüdische Leben nach dem Zweiten Weltkrieg ausgelöscht, sicher lebte nicht einmal ein Jude mehr in Narewka. Es gab keine Synagoge, kein jüdischer Friedhof zeugte von der Existenz jüdischen Lebens vor dem Holocaust.

Meine Mutter hieß Marija und wurde 1896 in Narewka geboren. Sie absolvierte das Gymnasium, sprach Deutsch, Russisch und Polnisch. Während des Ersten Weltkrieges hat sie in der Post gearbeitet. Nachdem sie verheiratet war und Kinder bekommen hatte, hat sie ab und an in der Seifenfabrik meines Vaters ausgeholfen, aber meistens war sie zu Hause.

Meine Mutter hatte zwei ältere Schwestern und viele Brüder, von denen ich nur einen kannte. Eine Schwester hieß Bertha. Sie war verheiratet mit einem Mann, der eine Weinhandlung in Grodno [heute: Weißrussland] besaß. Sie hatten keine Kinder. Die andere Schwester hieß Sonja und war nicht verheiratet.

Der Bruder meiner Mutter, den ich kannte, hieß Joel Katz. Er war Kaufmann, besaß einen Holzhandel in Bialystok, war verheiratet und hatte einen Sohn, der Josef hieß. Manchmal besuchten die Geschwister meiner Mutter uns, aber dass meine Eltern zu ihnen gefahren wären, daran kann ich mich nicht erinnern. Meine Mutter war sicher froh, dass sie in so einer großen Stadt wie Warschau leben durfte.

Alle Geschwister meiner Mutter und ihre Familien wurden im Holocaust ermordet.

Mein Vater Israel Endler wurde 1890 in Warschau geboren; seine Muttersprache war Polnisch. Er hatte eine kaufmännische Ausbildung und war Seifenfabrikant. Er war als Geschäftsmann viel unterwegs. Die Firma war klein, und er versuchte, seine Ware zu verkaufen, indem er von Ort zu Ort reiste.

Meine Kindheit

Ich weiß, dass mein Vater meine Mutter kennen lernte, als er geschäftlich unterwegs war. Ich kann mir vorstellen, dass meine Mutter bei ihrem Bruder Joel war, als sie sich kennen lernten, weil ich glaube, dass mein Vater seine Ware nicht in so einem kleinen Städtchen wie Narewka es war, versuchte zu verkaufen, sondern eher in größeren Städten wie Bialystok. Aber ich weiß es nicht genau. Sie lernten sich gleich nach dem Ersten Weltkrieg - ich wurde 1921 geboren - kennen. Wahrscheinlich heirateten sie 1919 oder 1920, denn ich wurde am 9. Dezember 1921 in Warschau geboren. Meine Schwester Halina war fünf Jahre jünger als ich und wurde 1926 in Warschau geboren.

Als Kind hatte ich eine Kinderfrau, die sogar Deutsch sprach. Später waren es hauptsächlich Bauernmädchen, die meiner Mutter in der Wohnung halfen. Sie mussten sehr bescheidene Verhältnisse hinnehmen, denn sie schliefen auf einem Klappbett in der Küche, weil unsere Wohnung ja nur aus einem Wohnzimmer, Schlafzimmer, der Küche und einem kleinen Vorraum bestand. Außerdem war die Wohnung ziemlich dunkel, weil sie im ersten Stock lag. Wahrscheinlich schlief ich als Kind im Schlafzimmer meiner Eltern, aber später habe ich im Wohnzimmer auf einem Sofa geschlafen und meine Schwester im Schlafzimmer meiner Eltern.

Meine Hausaufgaben musste ich am Esstisch erledigen. Wir hatten in unserem Wohnzimmer ein ziemlich breites Fensterbrett. Wenn es warm war, machte ich die Aufgaben auf dem Fensterbrett. Uns gegenüber wohnte eine sehr fromme Familie. An Wochentagen war alles in Ordnung, aber wenn ich am Samstag meine Aufgaben für die Schule am Fensterbrett erledigte, sagte mein Vater: ‚Warum musst du diese Leute von Gegenüber ärgern?’

Unsere Urlaube verbrachten wir mit der Mutter in der Nähe von Vilnius, das ist jetzt Litauen. Als wir kleine Kinder waren, fuhr sie mit uns für zwei Monate, aber später, als wir in die Schule gingen, konnten wir nur mehr kürzere Urlaube machen.

Sie fuhr mit uns manchmal in die Landschaft, in der sie geboren wurde. Oft fuhren wir aber auch nur in die Nähe von Warschau in kleine Ortschaften oder wir mieteten einen Bauern mit einem Wagen und man fuhr auf Sommerfrische. Ungefähr eine Stunde von Warschau, man nannte es die ‚Linie’, befanden sich verschiedene kleine Orte. Die letzten Orte waren etwas vornehmer als die ersten Orte der ‚Linie’. Wir nahmen uns eine Wohnung, und der Vater kam Freitag in der Früh oder vor dem Schabbat mit der Bahn und fuhr Samstagabend oder Sonntag in der Früh zurück. Wenn wir auf längere Zeit weg fuhren, nahmen wir unser eigenes Geschirr und unser Bettzeug mit. Im Urlaub kochte Mutter für uns, manchmal half ein Bauernmädchen. Wir spielten, im Urlaub spielte auch meine Mutter mit uns, und es gab Seen in dieser Gegend. So konnten wir auch im Wasser baden. Wenn meine Mutter keine Hausarbeit verrichtete oder mit uns spielte, las sie Bücher und Zeitungen.

Ich ging zwei Jahre in die private Volksschule. Ich war nicht so wahnsinnig fleißig, aber ich musste meine Aufgaben machen, das war meine Pflicht. In dieser Zeit ging es meinen Eltern wahrscheinlich finanziell nicht so schlecht, sonst hätten sie sich die Privatschule nicht leisten können. Dann nahmen sie mich von dieser Schule, und ich musste vier Jahre auf eine kostenlose öffentliche Schule gehen. Erst das Gymnasium war wieder eine Privatschule. Ich hätte auch auf ein öffentliches Gymnasium gehen können, aber in Warschau war es für jüdische Kinder wegen des Antisemitismus nicht so leicht, aufs Gymnasium zu kommen.

Religionsunterricht hatten wir in der Schule. Man musste eine gute Note haben, denn eine schlechte Note in Religion, egal in welcher, auch der jüdischen, war für die Behörden ein Zeichen dafür, dass man einer kommunistischen Organisation angehörte. Aber man hatte als Jude auch noch andere, zusätzliche Schwierigkeiten, um auf eine höhere Schule zu kommen.

Meine Jugend

Auf meinem Gymnasium waren hauptsächlich jüdische Lehrer, die ziemlich schwer in öffentlichen Schulen untergekommen wären und sehr engagiert waren. Ich nehme an, meine Eltern gaben mich sicher sehr bewusst auf diese Schule, denn mit dem starken polnischen Antisemitismus wurde ich auf dieser Schule überhaupt nicht konfrontiert. In der Schule waren alle assimilierten jüdischen Kinder – es war ja keine jüdische Schule. Wir Kinder standen bewusst zu unserem Judentum und waren bewusste Bürger Polens, und Polen war unsere Heimat. Wir hatten damals sogar im polnischen Parlament jüdische Abgeordnete. Mitte der 1930er-Jahre, nach Hitlers Machtantritt, war es damit vorbei. Josef Pilsudski [10] war ein Diktator, aber er war jüdisch freundlich.

Ich hatte einen Cousin, ich weiß nicht genau, von wessen Seite er stammte, er ging in Breslau in die Schule. Der war 1938 als polnischer Jude aus Deutschland ausgewiesen worden. Einmal war er zum Mittagessen bei uns. Er hatte sehr rechte politische Ansichten, aber er erzählte genau über die ‚Judengesetze’ in Deutschland. Ich begann mich um 1935, im Alter von 14 Jahren, bereits für Politik zu interessieren. Damals begann bereits der polnische Faschismus. Ich lernte linke Studenten kennen und bekam eine linke Einstellung. Ich sagte zu meiner Mutter, ich war damals nicht einmal 16 und mein Cousin war mir zuwider: ‚Wenn dieser Henry, so hieß der Cousin, noch einmal von dir zum Mittag eingeladen wird, sag mir Bescheid, ich werde nicht zu Hause sein.’

Ich sah wirklich genug jüdisch aus, aber nie passierte es, dass ich auf der Straße beschimpft wurde, niemals erlebte ich so etwas! Einer Gymnastiklehrerin, sie war keine Jüdin, wurde nachgesagt, sie sei antisemitisch. Zufälligerweise traf ich sie nach dem Krieg, sie zerdrückte mich fast vor Freude darüber, dass ich am Leben geblieben war. Gut, viele Christen, die sich zum Antisemitismus vor dem Holocaust bekannten, änderten ihre Meinung, als sie sahen, was das bedeutet. In Polen gab es damals einen geflügelten Satz: Weg mit den Juden, Jüdinnen mit uns! Natürlich nur deshalb, weil die jüdischen Mädchen sehr hübsch waren.

In meiner Schule gab es ein Schultheater, in dem ich Mitglied war und unter der Führung von Lehrern an Theaterstücken arbeitete. Auch die Kulissen fertigten wir selbst an. Jedes Jahr wurde über das Thema abgestimmt, das wir darstellen wollten. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Thema, das hieß: Mein Lieblingsbuch. Man wollte den Lesestoff der Kinder beeinflussen. Dargestellt wurde das Fragment eines geschichtlichen Romans oder eines Krimis, von dem Krimi wurde natürlich abgeraten.

Ich war auch in dem literarischen Kreis und konnte sehr gut schreiben. Ich war ein Kind, das sich für verschiedenste Dinge interessierte. Während der Schulzeit besuchte ich auch Kurse über Biologie und Astronomie. Ich will damit natürlich nicht sagen, dass ich bereits als Intellektuelle geboren wurde, aber ich war immer ein bisschen reifer als viele andere Kinder und sehr früh an sozialen Dingen interessiert.

Das Gymnasium kostete theoretisch ziemlich viel Geld, aber praktisch, da die Lehrer sehr engagiert waren, bezahlten die Familien der Mädchen, die aus sehr reichen Häusern kamen, fast alles, und die meisten Kinder erhielten dadurch eine ziemlich hohe Ermäßigung. Aber mein Vater sagte nach der kleinen Matura, die mit der 10. Klasse endete [die kleine Matura dauerte 10 Jahre statt 12. Sie reichte als Voraussetzung für ein Studium nicht aus]: ‚Du hast eine kleine Matura, jetzt ist genug! Du bist nicht krumm, du bist nicht schief, du bist ganz hübsch, jetzt kannst du heiraten!’ Nun, ich veranstaltete erfolgreich einen riesengroßen Skandal. Ich sagte zu meinem Vater: ‚Ich will lernen, und wenn du nicht zahlen kannst, werde ich Nachhilfestunden geben und die Schule selber bezahlen. Wenn ich weiter zu Hause wohnen kann, schaffe ich das.’ Da ich Freunde in verschiedenen Milieus hatte, sah ich deutlich den Unterschied zwischen meinem typisch kleinbürgerlichen Zuhause und anderen Lebensformen. Mein Vater war in allen Beziehungen ziemlich konservativ, und darum waren wir fast immer unterschiedlicher Ansicht. Er war ein typischer kleiner Geschäftsmann, der die Familie ernähren wollte und dem es darum ging, dass seine Töchter sich anständig und angepasst benehmen. Wenn es nach meinem Vater gegangen wäre, wäre alles so geblieben wie es immer war. Meine Schwester und ich hätten vor allem anderen gut heiraten sollen. Meine Mutter rebellierte damals im Inneren gegen meinen Vater, denn sie war eine sehr kluge Frau und hat nicht gutgeheißen, was mein Vater sagte. Aber sie traute sich nicht, öffentlich Sturm zu machen. Und doch setzte sie sich immer irgendwie durch.

Meine Schwester war damals noch ein Kind und ziemlich faul. Ich fand, dass meine Schwester die Verwöhnte war. Wenn ich Geld für etwas ‚nicht Wichtiges’ von meinem Vater haben wollte - Taschengeld gab es ja damals nicht - schickte ich sie vor, denn ihre Chancen, dass sie etwas bekommt waren größer als meine.

Mein Vater erlaubte es, dass ich später in den Schulferien in ein Schullager fuhr, das weder koscher - die Lehrer waren ja nicht fromm - noch zionistisch war. Dort lernte ich einmal einen Studenten kennen - er hatte in der Nähe gezeltet - der sich in mich verliebte und mir nachher Briefe schrieb. Ich kam überhaupt nicht auf die Idee, dass er an mir interessiert sei. Ich war noch nicht einmal 17 Jahre alt und hatte noch keine Matura und ein 20 oder 22 Jähriger war für mich ein alter Mann. Mein Vater bekam durch die Briefe mit, dass ein jüdischer Bursche aus reichem Hause an seiner Tochter interessiert sei. Ich habe zu meiner Mutter gesagt: ‚Wenn er anruft, sag ihm, das ich nicht zu Hause bin.’ Da war mein Vater völlig entsetzt, weil ich so eine gute Partie wegschmeiße. Das charakterisiert, was er von Frauenemanzipation hielt.

Meine Freunde lernte ich meist in der Schule, durchs Schultheater und Kurse kennen, die wir gemeinsam besuchten. Ins Kino oder Kaffeehaus gingen wir wegen Geldmangel nicht, bei fortschrittlichen Freundinnen trafen wir uns auch zu Hause, wenn es deren Eltern erlaubten.

Mein Vater besaß den Talmud in hebräischer Sprache und andere religiöse Bücher. Ich sah nie, dass er irgendwo saß oder auf dem Sofa lag, so wie ich es tue, und ein Buch las. Aber meine Mutter las Romane, und sie war auch viel aufgeschlossener. Ich habe da so eine Theorie: Irgendwann in der Zeit des Ersten Weltkrieges, als sie noch nicht verheiratet war, hat sie wahrscheinlich irgendwo gearbeitet. Damals waren auch die Frauen zur Arbeit zwangsverpflichtet. Bestimmt hatte sie zu dieser Zeit irgendeinen deutschen Freund. Woher konnte sie sonst die deutsche Sprache, denn in diesem Teil Polens war das eine Seltenheit. In Galizien [5] sprach man jiddisch und deutsch, aber da wo meine Mutter lebte, sprachen die Leute russisch und polnisch. Meine Mutter besaß und las auch viele Bücher in deutscher Sprache, und auch ich lese seit meiner Kindheit viele Bücher.

Wenn ich an das kulturelle Leben meiner Eltern denke und es mit meinem kulturellen Leben vergleiche, war ihres sehr arm. Sie gingen wenig ins Theater, und wenn, dann sahen sie sich Operetten oder Revuen an. Zweimal nahmen sie mich in eine Revue mit.

In unserer Gegend waren alle Juden koscher, es gab sehr viele koschere Geschäfte. Wir wohnten in einer Strasse, die sehr lang war. In einem Teil lebten die Juden - der einzige Nichtjude in unserem Haus war der Herr Stanislaw, der Hausbesorger - im anderen Teil die Christen. Unserem Haus gegenüber stand eine katholische Kirche, das einzige Gebäude, das den Feuersturm im späteren Warschauer Ghetto [siehe: Aufstand im Warschauer Ghetto] [11] überlebte.

Die große Synagoge war nicht in unmittelbarer Nähe, deshalb beteten mein Vater und meine Mutter zu den großen Feiertagen in einem Bethaus, das wenige Häuser von unserem Haus entfernt war. Mein Vater war streng gläubig und befolgte alle Regeln: Er betete täglich und am Freitagnachmittag, zu Beginn des Schabbat, rauchte er nicht mehr, und das Licht wurde nicht angezündet. Samstags wurde nicht gekocht, das Essen war komplett vorbereitet. Ich erinnere mich an ein einziges Mal, dass mein Vater die Küche betrat. Er hatte ein Messer, das für Fleisch war, beim Milchigen erwischt. Meine Mutter in ihrer Not sagte, das sei wahrscheinlich das Kindermädchen gewesen. Mein Vater steckte sofort das Messer in der Küche in einen Topf mit Erde.

Mein Eindruck ist, dass meine Mutter weit weniger religiös war, als mein Vater. Ich kann das nicht genau analysieren, aber meine Mutter benahm sich die ganze Zeit sehr tolerant mir gegenüber, sie bestrafte mich auch nie. Mein Vater erwischte mich einmal, als ich am Telefon über eine Summe Geld sprach, die ich für die Interbrigadisten im Spanischen Bürgerkrieg [12] sammelte. Er war im Nebenzimmer, und plötzlich kam er und fragte: ‚Was ist das für Geld, woher hast du so viel Geld?’ Daraufhin musste ich gestehen, und er sagte: ‚Warum mischst du dich da ein, das ist nicht deine Sache!’ Er war eindeutig konservativ, regimetreu und glaubte, wenn man alles macht, wie sie wollen, dann passiert einem nichts.

Zionistisch waren wir alle nicht. Ich hörte niemals ein Gespräch über Emigration nach Palästina oder so etwas. Vielleicht gab es diese Gespräche unter den Erwachsenen, aber vielleicht war das auch eine Frage des Geldes, wir waren Leute, die nie im Ausland waren.

 

Während des Krieges

Der Krieg brach am 1. September 1939 [13] aus. Meine Freundin und ich fuhren Ende August mit der Straßenbahn zur Technischen Universität, um unsere Papiere für das Studium einzureichen. Ich wollte Chemie studieren, es war mein Wunsch, einmal als Chemikerin zu arbeiten. Im Zentrum der Stadt hörte ich, dass kleine Buben laut schreiend die ‚Extraausgabe’ einer Zeitung verteilten. Ich sagte zu meiner Freundin, dass ich aussteige, weil ich sehen muss, was in der Zeitung steht. Der Krieg lag bereits in der Luft! Als ich über die Mobilmachung der Männer in der Zeitung las, sagte ich zu meiner Freundin: ‚Ich gebe meine Papiere nicht her, der Krieg ist so gut wie sicher.’ Sechs Tage später waren die Deutschen vor Warschau. Die Männer und die jungen Leute versuchten zu fliehen. Auch ich wollte weg, weil ich ahnte, dass es schlimm werden würde.

Ich war hundertprozentig davon überzeugt, dass man fliehen muss. Die polnische Regierung sagte: ‚Wir sind stark, wir werden kämpfen und wir werden siegen!’ Und in meinem kleinen Gehirn - damals glaubte ich allerdings, ich sei wahnsinnig erwachsen und weiß schon alles - wusste ich in dieser Zeit, dass der Kampf gegen die Deutschen verloren war. Warschau fiel nach drei Wochen in die Hände der Deutschen.

Mein Vater - das war eine Katastrophe - wollte mich nicht gehen lassen. ‚Du verlässt die Familie?’ sagte er, und ich blieb. Ich war die einzige Person Lebensmittel besorgte - meine Schwester war 12 Jahre alt, meine Mutter dicklich und keine Anstrengungen gewöhnt, mein Vater war wahrscheinlich Herz- und Nierenkrank und schwitzte immer- und sich nach Wasser anstellte, denn es gab keines mehr.

Als die Deutschen in Warschau einmarschierten stand ich mit den Händen zu Fäusten geballt auf der Strasse. Sie marschierten ein wie die Helden: schwarz gekleidet, mit Panzern und mit überheblichen Gesichtern. Ich lief nach Hause und kämpfte mit meinen Eltern, ich wollte, dass wir zusammen fliehen. Mein Vater sagte: ‚Was willst du, du bist ein Kind, du verstehst nichts, das ist alles übertrieben.’ Und meine Mutter sagte: ‚Weißt du, die Deutschen sind doch ein zivilisiertes Volk, denk an Goethe und Schiller!’ Ich musste einsehen, dass es aussichtslos ist. Zwei Jahre vor dem Krieg war die wirtschaftliche Lage besser geworden: meine Eltern hatten Möbel und solche Sachen gekauft, und daran klammerten sie sich. Dann kämpfte ich um meine Schwester. Da bekam mein Vater wirklich einen Wutanfall. ‚Was bildest du dir ein, du bist nicht erwachsen!’ Daraufhin zog ich zu meiner Freundin Halina Altmann. Sie hatte sehr fortschrittliche Eltern, die Mutter war damals sogar für ihre politische Überzeugung im Gefängnis, oder schon entlassen, ich weiß das nicht mehr so genau. Sie waren alle links und beschlossen zu flüchten. Halina floh nach Lemberg [heute Lviv, Ukraine] und studierte an der Universität. Ihre Eltern und ihr jüngerer Bruder flohen nach Lutzk, einem kleinen Ort, der unter russischer Herrschaft war und heute in der Ukraine liegt. Der Vater war gerade auf einer Dienstreise in Kiew, als die Deutschen in Lutzk einmarschierten und die Mutter und den Bruder von Halina ermordeten. Halina und ihr Vater überlebten den Holocaust.

Flucht nach Lemberg

Ich terrorisierte von außen meine Eltern und sagte, ich käme nur dann zurück, wenn sie wenigstens mich gehen ließen. Ich war noch nicht volljährig, aber es fehlten nur ein paar Monate.
Bereits kurze Zeit nach dem Einmarsch der Deutschen nach Warschau sah ich, wie man auf einem Markt einem Juden den Bart abschnitt. Ich sagte zu meinen Eltern: ‚Ich weiß, ich habe hier keine Chance. Ihr habt auch keine Chance, aber ich kann euch nicht zwingen mitzukommen.’ Mein Vater blieb stur, es kam für ihn nicht in Frage, mich gehen zu lassen, und in dem Moment sagte meine Mutter zu meinem Vater, sie brachte wahrscheinlich ihren ganzen Mut auf: ‚Weißt du was, ich kann für Mila die Verantwortung nicht übernehmen, ich weiß nicht, was passieren wird.’ Daraufhin stimmte mein Vater zu. Seine Bedingung war, ich dürfe nicht mit allen ‚Verrückten’ gehen, er besorgte ein Taxi für mich. Mit dem Taxi sollte ich zum Bruder meiner Mutter, Onkel Joel, nach Bialystok fahren, und der werde sich schon um mich kümmern. Mein Vater steckte noch 100 Zloty in meine Schuhe, was überhaupt keinen Sinn hatte, denn mit dem Geld konnte ich überhaupt nichts mehr anfangen.

Ich besitze kein einziges Foto von meinen Eltern und meiner Schwester, denn mein Vater kontrollierte noch meinen Rucksack, und er fand ein Kuvert mit Fotos, das ich eingesteckt hatte. Er nahm alle Fotos aus dem Kuvert, nur Fotos von mir ließ er drinnen und sagte: ‚Wenn du dich gefährden willst, bitte, aber du wirst nicht die ganze Familie gefährden.’ Darum besitze ich kein einziges Familienfoto.

Mit mir fuhr eine Frau mit einem Baby, ihr Mann war schon auf der russischen Seite. Aber wir wussten nicht, dass am 17. Oktober 1939 die Teilung Polens durch den Hitler-Stalin-Pakt [14] in deutsches und russisches Gebiet stattgefunden hatte. Das Taxi kam gerade mal ganze 20 Kilometer. Dann konfiszierten es die Deutschen. In diesem Durcheinander sagte die Frau mit dem Baby zu mir, sie gehe wieder zurück. Ich bat sie, zu meinen Eltern zu gehen und ihnen zu erzählen, sie habe mich aus den Augen verloren. Ich schloss mich daraufhin absolut fremden Leuten an, und wir gingen zu Fuß weiter. Ich glaube, es waren ungefähr 300 Kilometer bis nach Bialystok [heute Weißrussland]. Das war ein bisschen ein Schafgefühl - alle gehen, ich gehe auch. Manchmal nahm uns irgendein Bauer mit seinem Fuhrwerk mit, Autos fuhren kaum, denn erstens gab es nur wenige Autos, und diese wenigen Autos hatten die Deutschen requiriert.

Wie viele Tage wir unterwegs waren, weiß ich nicht. Halb verhungert und halb verdurstet bekamen wir manchmal etwas Milch von Bauern. Geld spielte überhaupt keine Rolle mehr. Aber wenn man ein Stück Seife hatte, und ich hatte ein paar Stück Seife - das hatte mein Vater richtig erkannt - konnte man sie gegen Lebensmittel eintauschen.

Wir kamen an die Demarkationslinie und bei meiner Gesinnung damals glaubte ich, dass die Sowjets an der Grenze stehen und auf mich warten. Zufällig war gerade kein deutscher Posten da, und wir liefen schnurstracks auf die sowjetische Seite. Der russische Grenzsoldat nahm den Karabiner, hielt ihn auf uns und sagte: ‚Stoi! Zurück!’

Dreimal versuchten wir herüber zu kommen, dreimal übergaben uns die Russen zum Glück nicht den Deutschen, das war so ein neutraler Streifen. Dann beschlossen wir - ich war die Jüngste - wir gehen ins Dorf und versuchen, einen Bauern zu finden, der uns über die grüne Grenze fährt. Der Bauer, den wir fanden, gehörte zu einer deutschen Minderheit, die sehr arm war. Er fuhr uns ein Stück mit seinem Boot. ‚Zur Sicherheit’, wie er sagte, nahm uns dieser Bauer allen Schmuck, auch meine Uhr und meinen Ring, den mir mein Onkel Ignatz aus Südamerika geschenkt hatte, ab. Diese Flucht missglückte, aber wir schafften es dann doch, illegal die Grenze zu passieren. Ich verkühlte mich, es war Oktober und die Nächte waren schon kalt. Mit 17 Jahren denkt man nicht so viel an Krankheiten, denn ich hatte einen Mantel, den ich aber vergessen hatte anzuziehen. Als ich in Bialystok bei meinen Verwandten ankam, öffnete die Frau von Onkel Joel die Tür, schaute mich an und wollte mich nicht hereinlassen, weil sie mich nicht erkannte - in so einem schrecklichen Zustand war ich. Sie hat geglaubt, vor ihr steht eine Bettlerin.

Am nächsten Tag hatte ich Fieber, aber als ich ein bisschen zu mir kam, übernahm mein Onkel Joel, im Namen meines Vaters, die Führung. Er sagte, dass seine liebe Schwester Marija immer so wahnsinnig tolerant ist und das sei nicht gut für die Kinder, und jetzt werde er mir zeigen, was Ordnung sei. ‚Du bleibst hier, arbeiten kommt überhaupt nicht in Frage, wir werden schon einen Partner für dich finden.’ Als ich dann gesund war, habe ich gesagt: ‚Weißt du was, ich bin ein Mensch, und du bist auch nicht mein Vater, und außerdem bin ich fast volljährig!’ Und er sagte: ‚Du bist ein Kind!’ Ich wollte mit ihm keinen großen Streit, also ging ich den nächsten Tag ins Zentrum der Stadt und fand eine Flüchtlingsorganisation. Ich hatte kein gültiges Geld, und meine Schuhe waren zum wegschmeißen. Von der Flüchtlingsorganisation erhielt ich kostenlos ein Ticket nach Lemberg, ging zu meinem Onkel und sagte: ‚Morgen fahre ich nach Lemberg!’ Selbstverständlich gab es wieder einen ähnlichen Skandal wie zu Hause. Aber ich ließ mich nicht abhalten, ich wollte studieren und in Bialystok gab es keine Möglichkeit dazu. Der Onkel sagte: ‚Du kennst doch dort keinen Menschen!’ Ich sagte: ‚Aber ich gehe doch nicht in die Wüste!’

Als ich am Abend in Lemberg aus dem Zug stieg, stand ich auf dem Bahnhof wie eine arme Waise. Ich war niemals vorher in dieser Stadt. Ich wusste, dass Lemberg ein kulturelles Zentrum ist, mehr aber auch nicht. Eine Frau sprach mich an und sagte zu mir:
‚Mädchen du bist sicher ein Flüchtling!’
‚Ja!’
‚Hast du jemandem, wo du schlafen kannst?’
‚Nein!’
‚Du kannst bei mir schlafen. Ich habe leider nur eine sehr kleine Wohnung, aber ich lege dir eine Matratze in die Badewanne, und dort kannst du schlafen.’
Ich sagte: ‚Wissen Sie, ich will auf die Uni!’ Meine Wohltäterin war eine Lehrerin. Ich sagte: ‚Ich habe überhaupt kein Geld, aber auf der Uni habe ich vermutlich sehr viele Freunde.’ Ich kannte ja aus Warschau viele junge Leute, auch ältere Studenten.

Am nächsten Tag schrieb ich meinem Onkel: ‚Bin angekommen!’

Und wirklich, ich hatte auf der Uni viele Bekannte. Ich war die Jüngste von allen, und alle fühlten sich verpflichtet, mir zu helfen. Es war Anfang November und die Prüfungen waren schon vorbei. Aber es gab ein Studentenkomitee, denn es war ein außergewöhnlicher Jahrgang. Es waren viele Leute, die niemals die Uni hätten betreten dürfen, Juden und Kommunisten. Und sie hatten erkämpft, dass wir eine außerordentliche Prüfung ablegen durften, um zu studieren.

Mit dem Wohnen allerdings war es kompliziert. Im Studentenheim herrschte ein so genannter ‚Kommandant’, das war ein älterer Student. Zu meinem Unglück besaß ich einen Mantel, den mir meine Mutter zur Matura hatte anfertigen lassen. Dieser Mantel hatte einen Persianerkragen. Der ‚Kommandant’ des Studentenheimes beschloss, wer einen Mantel mit einem Persianerkragen trägt, ist reich. Ich hatte überhaupt kein Geld und konnte mir keine Wohnung leisten. So lebte ich zwei Monate illegal, da wo ich schlief, eine Nacht hier, eine Nacht dort, gab man mir auch etwas zu essen. Ich musste viel lernen und die Prüfungen schnell absolvieren. Im Juni hatte ich maturiert, jetzt musste ich Mathematik-, Chemie-, und Physikprüfungen ablegen. Alle meine Freunde lernten mit mir, damit ich die Prüfungen gut bestehe, und ich schaffte es. Mein Traum erfüllte sich, ich konnte mit dem Chemiestudium beginnen.

Durch einen Trick bekam ich nach zwei Monaten doch einen Platz im Studentenheim. Nach den Prüfungen bekam ich auch ein Stipendium, aber von diesem Stipendium konnte man nicht leben und nicht sterben. Ich arbeitete neben dem Studium - Böden waschen und Pullover für ein Geschäft stricken. Eine Geschäftsfrau hatte Wolle versteckt, und ich strickte für das Geschäft die Pullover, was verboten war. Übrigens hasse ich stricken. Meine dritte Arbeit war die verwegenste, weil ich überhaupt kein Talent zum freien Zeichnen habe. Ich zeichnete für die englische Fakultät Tafeln zum Veranschaulichen der Vokabeln für den Sprachunterricht. Körper brachte ich irgendwie aufs Papier, aber die Köpfe zeichnete ein Freund, der Architektur studierte, der kam jeden Abend, um mir zu helfen.

Besonders auf den Universitäten gab es einen schrecklichen Antisemitismus. Polnische Nationalisten setzten durch, dass Juden und Nichtjuden getrennt in den Klassen sitzen mussten - Bank-Ghetto nannten wir das - und sie zettelten ständig Schlägereien an.

Zwei Jahre erlebte ich diesen ganzen realen Sozialismus. Schon in Warschau hatte ich ‚Das Kommunistische Manifest’ gelesen und glaubte, dass das sowjetische Russland ein Paradies ist. Das Materielle war sowieso ausgeblendet, wer dachte schon an so etwas! Einmal sah ich einen sowjetischen historischen Film über die Zarenzeit gegen den Imperialismus, wo unter anderem auch auf polnische Fahnen mit Füßen getrampelt wurde. Ich war entsetzt darüber - ich war doch eine polnische Patriotin.
Manchmal ging ich zu den älteren Studenten, um sie auf bestimmte Dinge, die meiner Meinung nach politisch nicht korrekt waren, aufmerksam zu machen. Aber immer hatten sie irgendeine Ausrede: Ja, das sind Fehler, aber das Prinzip ist richtig!

Meinen späteren Mann, Martin Ratz, lernte ich in Lemberg auf der Universität kennen. Auch er musste die Aufnahmeprüfung für die Universität später machen, denn er war als feindlicher Ausländer - für die Österreicher war er Pole und für die Polen war Österreicher - von den Polen in Lemberg nach dem Einmarsch der Deutschen eingesperrt worden und 1939 von den Russen, als sie Lemberg besetzten, entlassen worden.

Es gab damals in Lemberg einen Laden in der Uni, da konnte man Zeichenpapier, Tusche und solche Sachen bekommen. Ich traf ständig einen ziemlich feschen jungen Mann im Dekanat, wo man Bons für das Studienmaterial bekam - das war der Martin, der mein Freund wurde.

Mein Mann, Martin Ratz, wurde am 14. April 1921 in Wien geboren. Sein Vater hieß Alexander, seine Mutter Sophie, sie kamen aus Brody in Galizien nach Wien. Wann das war, weiß ich nicht. Martins Schwester Hedwig Charlotte wurde 1924 in Wien geboren. Der Vater war wahrscheinlich Kaufmann. Er arbeitete in Wien in einer Firma, ich weiß, es war eine Firma, die Bleistifte und solche Sachen verkaufte. Die Familie übersiedelte im Jahre 1926 nach Krakau. Ich vermute, der Vater hatte in Krakau Verwandte, und er hatte dort bessere Verdienstmöglichkeiten. Leider starb er im Jahre 1931 oder 1932 an einem Herzinfarkt.

Sophie Ratz widmete sich ihren Kindern und blieb in Krakau. Wovon sie lebte, weiß ich nicht, vielleicht vom Besitz oder Verwandte unterstützten sie. Als mein Mann im Gymnasium war - aber das ist alles meine Vermutung - beschloss sie, ihn nach Wien zu ihrer Schwester zu schicken, damit er eine bessere Matura machen kann, als er in Krakau gekonnt hätte. 1936 fuhr Martin nach Wien zu seiner Tante, die in der Rechten Wienzeile wohnte. 1938, ein Jahr vor der Matura, wurde er als polnischer Jude aus Österreich ausgewiesen.

Am 23. Juni 1941 hätte ich eine wahnsinnig schwierige Prüfung in Mechanik haben sollen. Ich war im vierten Semester, und in der Früh, es war Sonntag, der 22. Juni, kam um sechs Uhr eine Kollegin, ich kannte sie noch aus der Schule, und sagte: ‚Es ist Krieg!’ Wir haben geglaubt, sie ist verrückt, und in dem Moment krachte es. Nach ein paar Minuten verstanden wir, dass das keine Übungen waren. Am nächsten Tag sollten wir fliehen, aber dann hieß es, die Deutschen seien abgewehrt worden. Der Direktor der Uni versammelte uns alle, man solle keine Panik machen, es sind Prüfungen, man solle ordentlich zu den Prüfungen gehen. Martin war ein Jecke [deutscher Jude, steht für besonders ordentlich und gesetzestreu], er hielt sich an die Anweisungen und ging, ich glaube es war der 28. Juni, brav zur Prüfung.

Ich meldete mich mit zwei Freundinnen freiwillig zur Armee, wir wollten gegen Hitler kämpfen, aber man wollte uns nicht nehmen, weil wir keine Ausbildung hatten. Da erzählten wir, wir hätten in der Schule so ein Fach gehabt, da wäre man als Kriegsvorbereitung zur Krankenschwester ausgebildet worden. Daraufhin wurden wir als Hilfskrankenschwestern aufgenommen. Im Gebäude der Uni war ein Lazarett eingerichtet, aber es gab noch keine Verletzten.

Martin hatte einen Onkel und eine Tante, die eine Tochter hatten, in Lemberg. Zu denen ging er nach der Prüfung, um gut zu Essen. Er saß also an dem Tag, als die Deutschen Lemberg überfielen, bei seiner Tante und aß. Sie hatte ihm eine Eierspeise gemacht, plötzlich kam der Onkel und sagte: ‚Was machst du hier?’ Stolz sagte Martin: ‚Ich habe meine Prüfung bestanden!’
‚Du bist verrückt, die ganze Stadt flieht. Geh sofort ins Heim, hole deine Sachen und verschwinde!’ Die Familie in Lemberg überlebte den Holocaust nicht.

Ich wiederum fühlte mich mobilisiert. Meine Freundin und ich arbeiteten sehr fleißig: Wir schleppten Betten und Matratzen, dann schickte man mich in ein Krankenhaus Medikamente holen. Ich ging durch die Stadt, die evakuiert wurde und sah nichts. Ich war so mit meiner Mission beschäftigt, dass ich nicht sah, was um mich herum geschah. Stolz brachte ich die Medikamente, und am Abend dieses Tages, die Stadt war ruhig, man hörte von weitem Artillerie, sagte ich zu meinen zwei Freundinnen: ‚Wisst ihr was, ich fühle mich wie in Warschau, bevor man Warschau aufgegeben hat.’ Mit uns war ein Mädchen, die als Heldin im Kampf um Warschau am Ende des Krieges fiel. Sie war zwei Jahre älter als ich, und sie war päpstlicher als der Papst. Sie beschimpfte mich, dass ich eine Defätistin sei, wie könne ich so etwas sagen. Ich sagte: ‚Weißt du was? Wir sind alle erwachsen und nicht miteinander verwachsen, ich gehe, ich fliehe!’

Wir gingen in den ersten Stock, in die Verwaltung, kein Mensch war da, kein Direktor - niemand! Man hatte uns einfach vergessen. Ich war nicht von Warschau zu Fuß den ganzen Weg gegangen, hatte meine Familie zurückgelassen, um hier in die Hände der Deutschen zu fallen. Wir gingen in das Studentenheim, es war fast leer. Es fielen schon Bomben, und es wurde bereits vom Dach einer Kaserne, die sich gegenüber der Universität befand, geschossen. Wahrscheinlich waren das ukrainische Nationalisten, aber wir wussten das nicht. Die ganze Macht in der kurzen Zeit, bevor die Deutschen Lemberg eroberten, lag in den Händen der ukrainischen Nationalisten. Ich werde bis zu meinem Tode meine Angst vor meinen ukrainischen Studienkollegen nicht vergessen. Vielleicht ist das eine Sünde, aber ich muss sagen, dieser ukrainische Nationalismus war schrecklich. Aber viele waren begeistert davon, hatte dieser Nationalismus der Ukraine doch zur Freiheit verholfen. In Lemberg lebte eine große ukrainische Minderheit, sie arbeiteten von Anfang an mit den Deutschen zusammen und waren schreckliche Antisemiten. Einer von dieser Gruppe kam zu mir, klopfte mir auf die Schulter und sagte: ‚Na Mila, mit den Deutschen wird das gut werden, endlich bekommen wir eine Ordnung!’ Ich war entsetzt, als ich das hörte und antwortete: ‚Das werden wir ja sehen.’ Ich sagte zu den anderen: ‚Ich gehe sofort! Und ich gehe nicht durch die Tür, sondern durchs Fenster, unsere ukrainischen Kollegen könnten uns umbringen.’

Man kam gut durchs Fenster auf eine Wiese. Kaum einer unserer kleinen Gruppe Mädchen kannte sich in Lemberg aus. Zwei Mädchen waren aus Warschau, eine war aus irgendeinem Städtchen, dort wo die damalige Grenze mit der Ukraine ist, aber keine war aus Lemberg. Wir gingen zu Fuß mit schon flüchtenden russischen Truppen. Es war Nacht, und ich hatte keine Ahnung, wo Martin geblieben war. Bereits am nächsten Tag war Lemberg von den Deutschen besetzt.

Flucht nach Stalingrad

Wir gingen die ganze Nacht. In der Früh kamen wir in ein Städtchen, das heißt Przemyslany [heute: Ukraine]. In diesem Ort wollten wir uns ausruhen. Ich klopfte an das erste Häuschen. Das war ein Schuster, und es waren wahnsinnig arme Leute. Das war eine Armut, die ich nicht kannte. Wir benahmen uns fast wie Okkupanten - wir brauchten Platz, um zu schlafen. Nach ein paar Stunden gingen wir in die Stadt und sahen einen Bus, um den wahnsinnig viele sowjetischen Parteiangestellte mit Sack und Pack standen. Wir hatten jeder einen Rucksack, und im Rucksack war fast nichts. Man kam nur in den Bus hinein, wenn man auf einer Liste stand. Der Bus sollte nach Kiew fahren. Auf normale Weise hatten wir überhaupt keine Chance mitzufahren. Aber wir waren jung und stark, und Gewalt rettete uns. Wir haben die anderen gestoßen und uns vorgedrängelt, um in den Bus zu kommen. Während der Fahrt hörten wir keine Bomben, es war Ruhe. Als wir in eine Stadt kurz vor Tarnopol [heute: Ukraine] kamen, war ein schrecklicher Bombenangriff. Vom Wald schoss man pausenlos auf die russischen Truppen, das waren die Ukrainer.

Als es wieder ruhig wurde, fuhren wir nach Tarnopol. Dort machte der Bus eine Pause. In dem Moment beschloss ich, in Tarnopol zu bleiben und auf Martin zu warten, denn mein Herz sagte mir, nur dort könne ich ihn noch treffen, denn Tarnopol war die letzte polnische Stadt vor der ehemaligen polnischen Grenze.

In der Nacht wurde ziemlich stark gebombt, aber wir schliefen im Rathaus auf dem Boden. In der Früh überlegten wir, was wir tun können. Wir hatten schon wenig Kraft, und dann traf ich meinen Mann, der einige Stunden später nachgekommen war. Martin trug seinen Herbstmantel aus Wien und um den Hals eine lange blaue Männerunterhose, die unten an den Hosenbeinen zugebunden war. In den Hosenbeinen befand sich Zucker, den er neben zerbombten Militärfahrzeugen gefunden hatte. Von diesem Moment an blieben mein Mann und ich zusammen.

Auf einem Güterzug flüchteten wir in Richtung Osten. Wir wussten nicht, wo wir uns befinden, wo der Zug stehen bleibt. Wir wussten einfach nichts, es war ein totales Chaos. Wir wollten nur weg von den Deutschen! Wir beschlossen, nach Kiew zu fahren. Da hörten wir Kiew sei schon eingekreist, Odessa sei schon eingekreist. Wir wollten aber unbedingt in eine große Stadt an eine Universität, um weiter zu studieren. Ich glaube, wir bestiegen zehn verschiedene Züge. Wir kamen in Dnepropetrowsk, einer ziemlich großen Stadt an und dachten, hier bleiben wir. Und in der Nacht wurde die Stadt das erste Mal bombardiert. Wir beschlossen, da wir kein Geld hatten, in irgendeiner Kolchose zu arbeiten. Der Ort hieß Kotelnikowo [heute: Russland], später tobten dort ziemlich harte Kämpfe.

Ich verdarb mir da meinen Magen mit einer fetten Schafsuppe, ich hatte niemals im Leben Schaffleisch gegessen. Alle glaubten, ich hätte Typhus, aber Martin beschloss, mich zu retten und mit mir in ein Spital zu fahren - in dem Ort gab es nämlich keinen Arzt. Wir fuhren mit einem Fuhrwerk zu einem Arzt, und als wir beim Arzt ankamen, war ich eigentlich schon gesund - ausgehungert, aber gesund. Da mein Mann eine gute Erziehung hatte, musste immer alles ordentlich zugehen, und so verkaufte er seine Uhr, das einzig Wertvolle, was er noch besaß. Auf dem Markt hätte er wahrscheinlich das Zehnfache bekommen, aber er ging in ein staatliches Geschäft, verkaufte die Uhr, und für das Geld kaufte er Fahrkarten für den Zug nach Stalingrad. Wir waren dann die Einzigen in der ganzen Sowjetunion, die mit Fahrkarten in einen Zug stiegen. Als ich das später Freunden erzählte, erzielte ich immer große Lacherfolge.

Mein Mann hatte eine kleine Verletzung am Bein durch Feldarbeiten mit einer Sense. Das wurde so schlimm, dass er in Stalingrad ins Spital musste. Durch eine falsche Diagnose wurde er unter Quarantäne gestellt. Ich blieb in einem Flüchtlingslager, wo man theoretisch aber nur 24 Stunden bleiben durfte.

Stalingrad war eine Industriestadt, und ich sah Annoncen einer Universität. Ich erkundigte mich, aber es gab keine chemische Fakultät. Wir hatten keine andere Möglichkeit: Wir mussten studieren oder arbeiten. In unserem Alter gab es niemanden, der nicht gearbeitet hat, denn der wäre zur Zwangsarbeit geschickt worden. Darum mussten wir die Fakultät wechseln. Ich vereinbarte, wenn mein Martin aus dem Spital kommt, machen wir die Prüfungen, bekommen ein Zimmer im Studentenheim und studieren Maschinenbau, und die Sache hat sich.

Geld hatten wir keines, Stipendium auch nicht. Zuerst lernte ich für die Prüfungen, und er arbeitete. Er war immer begeistert von Autos und arbeitete in einer Schlosserei. In dieser Zeit legte ich zwei Prüfungen in russischer Sprache ab, das war eine Qual.

Meine Mutter sprach sehr gut russisch. Mit ihrer Schwester und mit ihrem Bruder korrespondierte sie immer in russischer Sprache und mit ihrer Freundin sprach sie nur russisch. Einmal, ich erinnere mich genau, das ist ein charakteristisches Ereignis für die Vorkriegsverhältnisse in Polen, kam sie nach einem Treffen mit ihrer Freundin ganz verweint nach Hause. Antisemitismus in Polen war das eine, das andere war ein schrecklicher Russen- und Bolschewistenhass. Sie war mit ihrer Freundin im Kaffeehaus, und dann fuhren sie mit der Straßenbahn und sprachen russisch miteinander, woraufhin sie von den Mitreisenden als Bolschewiken beschimpft wurden. Mein Vater sagte: ‚Wie oft habe ich dir gesagt, in diesem Land liebt man diese Nachbarn nicht, und du sollst an öffentlichen Plätzen nicht russisch sprechen.’

Ich konnte die russischen Buchstaben damals nicht lesen, und als ich das Ukrainisch sah, auch so komische Buchstaben, beschloss ich, zwei solche Sprachen kann man nicht gleichzeitig lernen, und ich konzentrierte mich auf Russisch. [Anm. d. Red.: In der ukrainischen sowie der russischen Sprache werden kyrillische Buchstaben als Schriftzeichen verwendet] In Lemberg waren alle Vorlesungen noch in polnischer Sprache. Aber als wir nach Russland kamen, sprachen alle nur noch russisch. Es gab keine Lehrbücher, und ich schrieb immer alles mit der Hand mit, und diese Hefte gab ich dann auch den anderen zum Lernen. Daran konnte man sehr gut erkennen, wie sich meine Sprachkenntnisse entwickelten. Leider habe ich ein Heft, das ich nach dem Krieg nach Polen mitgenommen hatte, vor 30 Jahren, noch in Polen, weggeworfen. Es begann in polnischer Sprache, und mit der Zeit sieht man, wie ich die russische Sprache beherrschte und immer mehr russisch schrieb.

Mathematik war kein Problem für mich, das konnte ich, aber bei einer Prüfung musste ich einen hohen Hochofen beschreiben. Halb habe ich gesprochen und halb habe ich mit den Händen gezeigt. Das Stipendium hing davon ab, wie man die Prüfungen absolvierte. Wenn man drei ‚sehr gut’ hatte und die restlichen Fächer ein ‚gut’, bekam man ein Stipendium. Der Professor, ein alter Herr, sagte: ‚Ich sehe, dass sie es sehr gut können, aber an einigen Stellen habe ich sie doch nicht ganz verstanden.’

Das Stipendium reichte nicht zum Leben. Martin fand Arbeit in einer Baufirma. Im Oktober 1941 kamen die Deutschen gefährlich nahe und diese Firma sollte evakuiert werden. Martin sagte, er habe eine Frau, woraufhin sie das Ehezeugnis sehen wollten. Darum haben wir in der Mittagspause des 21. Oktobers 1941 geheiratet. Unsere Hochzeitskleidung bestand aus alten geflickten Sachen. Richtige Schuhe hatte ich auch nicht, aber das war unwichtig. Schlimmer war, dass ich aus Versehen unterschrieb, dass ich den Namen meines zukünftigen Mannes annehmen wolle. Ich hätte meinen behalten dürfen, denn die Dokumente, die ich mir in Lemberg erkämpft hatte, lauteten auf meinen Mädchennamen. Auf die Miliz gehen und den Pass wechseln, wäre eventuell als Ausländer gefährlich gewesen. Die Lage verbesserte sich, die Evakuierung fand nicht statt, und ich schob mein Heiratsdokument in eine Schublade

In Stalingrad erlebten wir den schrecklichsten Winter und die schrecklichste Hungerszeit des ganzen Krieges. Ich erinnere mich, am 9. Dezember habe ich Geburtstag, da bekam ich von meinen Kollegen zehn Kartoffeln geschenkt. Ein großes Problem waren immer die Schuhe. Ich lief praktisch den ganzen Krieg in Überschuhen herum. Aus Stoffabfällen fertigte ich Socken und eine Kappe für mich an.

Politisch waren wir ziemlich blind, aber wir waren auch vom Rest der Welt abgeschieden - es gab kein Radio, es gab nur einen Lautsprecher über den die offiziellen Nachrichten kamen. Wir wussten nichts über Europa, absolut nichts! Um eine Zeitung kämpfte man, um sich Zigaretten mit der Hand zu drehen und Machorka [sehr starker Tabak] rauchen zu können. Beide waren wir damals Raucher. Wir waren immer damit beschäftigt, Geld zu verdienen, um nicht zu verhungern und um studieren zu können. Für Männer war es leichter, eine Arbeit zu finden, denn sie sind körperlich im Vorteil. Wenn jemand erfuhr, dass zwei Waggons Salz gekommen waren, die ausgeladen werden mussten, da konnte ich nicht gehen, ich konnte keinen Sack Salz schleppen.

Wir hatten zwei Professoren und den Dekan, die sich unserer annahmen. Alles war chaotisch, aber die Solidarität zwischen den Menschen war sehr groß. Man bekam 300 Gramm Brot täglich, kein Fett, Öl war vergleichbar mit Maschinenöl. Zwei Mädchen, die auf der Abenduniversität studierten, arbeiteten in einer Brotfabrik und brachten uns manchmal etwas mit. Der Dekan hatte bemerkt, dass mein Mann zerrissene Schuhe anhatte und ließ ihm diskret ein paar Schuhe zukommen, die waren auch alt, aber nicht zerrissen.

Der Druck von oben, schnell mit dem Studium fertig zu werden, war sehr groß, weil am Anfang des Krieges viele junge Leute - Intelligenzler - in den Kriegsgeschehen ihr Leben verloren hatten, denn sie hatten keine Ahnung vom Kämpfen. Wenn so einer in die erste Schlacht kam, war er erledigt. Und dann stellte sich heraus, es gab keine Leute in den Betrieben. Darum sollten wir uns mit dem Studium beeilen.

Alle Studentenheime waren besetzt mit evakuierter Bevölkerung. Die Deutschen kamen ganz nah an Stalingrad heran, aber sie wollten wahrscheinlich die Stadt auf einmal einnehmen und begannen, Bomben abzuwerfen. Es gab keine Brücke, und die Wolga ist bei Stalingrad ziemlich breit. Eine einzige Straßenbahn ging nach Süden in Richtung Kaspisches Meer. Die Stadt zu versorgen war sehr problematisch.

Nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 wurde am 7. September die Wolgadeutsche Republik [15] per Dekret aufgelöst und die gesamte Wolgadeutsche Bevölkerung, aus Angst vor Kollaboration mit den Deutschen, binnen weniger Tage nach Kasachstan und Sibirien deportiert. Auch aus Lemberg wurden im Winter des Jahres 1940 ‚unsichere Elemente’ nach Sibirien geschickt. Diese ‚unsicheren Elemente’, waren aber auch Flüchtlinge wie ich einer war. Das ging auch alles ganz schnell. Soldaten kamen, verhafteten die Leute, und sie wurden in Viehwaggons nach Sibirien transportiert. Die meisten starben unter den schrecklichen Lebensbedingungen, die sie dort erwarteten.

Wir wurden auf Schnellkurse geschickt, zum Beispiel Traktoristenkurse, um in der Wolgadeutschen Republik die Saat einzubringen. Wir kamen in ein Land, da standen bemalte Häuser, alles war anders als im übrigen Russland, ein Stückchen Deutschland in der Sowjetunion. Ein ganzes Land war nun ohne Menschen, das war sehr gespenstisch. In den leeren Häusern hingen Sprüche wie: ‚Morgenstund hat Gold im Mund’ und so etwas.

Wir waren ziemlich miese Fachleute. Der Martin war gut, weil er ein Autonarr war und seit seiner Kindheit Auto fahren konnte. Die Traktoren waren in einem schrecklichen Zustand, weil die guten Traktoren für die Armee gebraucht wurden. Die Steuer waren so desolat, dass gerade fahren kaum möglich war. Einige Wochen arbeiteten wir dort, aber nicht sehr erfolgreich. Für unsere Arbeit bekamen wir irgendeine Saat, aber der kaufmännische Sinn war bei uns beiden sehr schlecht entwickelt. Statt das Korn zu verkaufen, versuchten wir mit einem Stuhlbein das Korn zu zermahlen. Der Hunger war so groß, dass wir alles aßen.

Im Juni 1942 wurden alle Studenten in Stalingrad mobilisiert, und wir mussten eine Verteidigungslinie gegen die deutschen Truppen bauen. Die Verpflegung war in dieser Zeit ganz gut. Eines Tages, in der Früh, fielen die Bomben. Das war noch nicht die Schlacht um Stalingrad, aber das waren die ersten Kämpfe. Zwei Mädchen in meiner Gruppe waren noch ganz jung, sie weinten, denn sie hatten niemals den Krieg gesehen.

Die einzige Eisenbahnlinie, die nach Süden führte, war schrecklich bombardiert, aber im Zentrum der Stadt war ein Hafen. Die einzige Möglichkeit aus Stalingrad zu fliehen, war mit kleinen Schiffen auf die andere Seite der Wolga zu kommen. Wir glaubten allerdings zuerst in unserer Naivität, wir waren ja doch erst 21 Jahre alt, wir könnten uns ein Floss bauen.

Dschimbek liegt in Nord-Kasachstan, in der Steppe, 200 Kilometer von Stalingrad entfernt und wurde unser Ziel, das wir erreichten. In Nord Kasachstan gab es Siedlungen im Abstand von ungefähr 50 Kilometern. Wir ernährten uns hauptsächlich von geklautem Obst. Unsere Füße waren verletzt, denn die Schuhe waren komplett abgetragen. Stalin hatte angeblich den Befehl gegeben, dass die Lastkraftwagen, die von der Front leer zurückkommen, Flüchtlinge mitnehmen sollten, aber sie taten es oder taten es nicht. Ich besaß eine Flasche Wodka, mit der setzte ich mich auf die Strasse. Das wirkte stärker als Stalins Anordnung.

Dschimbek war schon eine orientalische Stadt, Knotenpunkt zwischen Norden und Süden. Dort traf ich - das wahre Leben ist interessanter als ein Film - eine Freundin. Ich wollte weiter in den Norden, weil ich glaubte, die Hitze im Süden würde uns zu schaffen machen. Auf diese Weise kamen wir nach Swerdlowsk [heute Jekaterinburg], zogen Erkundigungen über die Uni ein und erfuhren, dass dort ein Professor lehrt, der mit uns in Stalingrad war. Er bemühte sich dann sehr um uns, und die erste Zeit nahm er uns sogar bei sich auf. In Swerdlowsk gab es eine Fakultät für Chemie, aber wir hatten so viele Prüfungen in Maschinenbau bereits abgelegt, dass wir dabei blieben. Das war Herbst 1942.

Unser Praxissemester absolvierten wir in einer Motorradfabrik in dem kleinen Städtchen Irbit. Wir arbeiteten wie die Arbeiter zwölf Stunden täglich. In diesem Städtchen gab es keine richtigen Strassen, nur Wege, wie in der ärmsten Gegend in Ostpolen. Sechs Wochen waren wir auf Familien verteilt, und zu Essen hatten wir sehr wenig - eigentlich hungerten wir. Dann kamen wir zurück nach Swerdlowsk, legten brav unsere Prüfungen ab, und im nächsten Sommer bekamen wir schon das Thema der Diplomarbeiten. Wir sollten schnell fertig werden, um in der Praxis eingesetzt zu werden. Meine Diplompraxis absolvierte ich in einem evakuierten Werk für Flugzeugapparaturen. Mit der Arbeit war ich sehr zufrieden. Selbstverständlich wurden wir ausgenutzt, aber wir lernten auch viel.

Mein Mann versuchte die ganze Zeit irgendwie Geld dazu zu verdienen. Ich hatte ein verletztes Bein, es heilte nicht, weil es keine Vitamine gab. Wir waren praktisch mit dem Studium fertig und mussten nur noch unsere Diplomprüfungen machen. Aber schnell arbeiten zu gehen, war nicht besonders reizvoll. Die Studenten hatten zwar sehr wenig Geld und wenig zu Essen, aber wir hatten Zeit und mussten nicht zwölf Stunden arbeiten. Ich bummelte ein wenig. Irgendjemand verpetzte mich wahrscheinlich, und dann musste ich ins Sekretariat der Uni. Aber da Emanzipation noch nicht wirklich großgeschrieben war, argumentierte ich so: ‚Ich bin dann Ingenieur und mein Mann ist noch ein Student, wie sieht denn das aus?’ Ich handelte sechs Wochen raus, und mein Mann und ich schlossen am selben Tag unser Studium mit dem Diplom ab.

Ich hatte beschlossen, zum Diplom richtige Schuhe zu tragen. Martin und ich aßen weniger Brot, um es für meine Schuhe auf dem Markt zu verkaufen. Weder er noch ich waren gute Verkäufer, und Martin hat das auf mich abgeschoben. Ich ging mit diesen zwei Laiben Brot auf den Markt. Ich nehme an, alle Spekulanten hatten die Miliz bestochen, jedenfalls wurde ich sofort geschnappt. Zu meinem Glück schnappte man auch die Ehefrau eines Bonzen, die aber sofort wieder entlassen wurde und die so nett war, meinen Mann zu benachrichtigen. Irgendwie schaffte es mein Mann, mich den Fängen der Justiz zu entreißen, aber das Brot war weg und Schuhe hatte ich auch keine. Ein polnischer Schuster fertigte mir dann unbrauchbare Schuhe an, die ich nur einmal tragen konnte und auf Raten bezahlte.

Nachdem ich mein Diplom bestanden hatte, wurde ich auf einer Strasse in Swerdlowsk das erste Mal in meinem Leben als Jüdin beschimpft. Daraufhin gab ich dem jungen Mann eine Ohrfeige. Ich war 23 Jahre alt, und die Menge der Leute, die zwar nicht wusste, worum es sich handelte, hatte ich auf meiner Seite.

Mit dem Diplom in der Tasche wurde man Arbeitsstellen [siehe: Verpflichtender Arbeitsauftrag in der UdSSR] [16] zugeteilt. Das war 1944, es war schon Anfang der Offensive und Moskau oder Leningrad kamen nicht in Frage, weil diese Städte noch evakuiert waren. In Dschelabis, einer Industriestadt im Süden des Ural, war ein berühmtes Rohrwalzwerk in das wir, zu unserem Entsetzen, eingeteilt wurden. Aber wir nutzten das Durcheinander und gingen in das Werk in Swerdlowsk, in dem wir für das Diplom gearbeitet hatten. Die Betriebe waren selbstverständlich interessiert an Kräften. Wir arbeiteten wieder zwölf Stunden täglich, und ich glaube, auch jeden zweiten Sonntag. Das Essen war kärglich: Brot, schlechtes Öl, Tee aus getrockneten Karotten. Am Markt konnte man vieles kaufen, aber dafür reichte unser Geld nicht. Das Werk, in dem wir arbeiteten, war auch evakuiert, wir lebten in schrecklichen Baracken. In Swerdlowsk konnten im Winter minus 30 Grad sein, und wir hatten kein fließendes Wasser und einen russischen Ofen [17] zum Heizen und zum Kochen. Ich hatte so etwas vorher niemals im Leben gesehen. Einmal bekam ich in einem Dorfladen zufällig warme Unterhosen in der Farbe rot. Die begleiteten mich sogar nach Polen [nach dem Krieg]. Etwas Besseres besaß ich nicht, und meine Schwägerin, die mehrere Lager in Polen überlebt hatte, kugelte sich am Boden vor Lachen, als sie meine roten Unterhosen sah.

Ich war Technologin einer Abteilung, in der Maschinenteile erzeugt wurden - mein Mann war in einer anderen Abteilung. Und dann erfuhr unser Direktor, dass am Bahnhof - damals bekam Russland schon Hilfe aus Amerika - zwei amerikanische Gießautomaten standen und kein Mensch wusste, für wen die waren. Wahrscheinlich hatte er Beziehungen und schnappte sich diese Maschinen. Im Werk war eine Gießerei, aber es gab keinen Menschen, der Englisch konnte. Mein Mann meldete sich und übersetzte die Gebrauchsanweisung. Seitdem war er stellvertretender Abteilungsleiter in seiner Abteilung.

Im Jahre 1943, glaube ich, entstand eine polnische Organisation und eine polnische Armee. Ich wollte mich für diese Armee bewerben, aber man nahm die Studenten der älteren Semester nicht. Ich bat meinen Professor von der Uni, der schon mein Lehrer in der Schule in Warschau gewesen war und der mich sehr gern hatte, um Hilfe. Aber das Gegenteil geschah. Obwohl er sehr links war, beschimpfte er mich schrecklich und sagte, solche Soldaten wie mich brauche man nicht. Sicher wollte er mein Leben retten. Außer der polnischen Armee entstand auch die ‚Polnisch-Sowjetische- Gesellschaft’, deren Zentrale in Moskau war. In dieser Gesellschaft arbeitete ich in Russland als Sozialarbeiterin mit.

Nach dem Krieg

Der Krieg war zu Ende, und wir arbeiteten in Swerdlowsk. 1946 erfuhren wir, dass es ein Abkommen für ehemalige polnische Bürger gibt, nach Polen zurück zu kehren. Da ich im sechsten Monat schwanger war und in der Polnisch-Sowjetischen Gesellschaft’ mitgearbeitet hatte, waren wir, gemeinsam mit polnischen Bauern, die nach Sibirien verschleppt worden waren und in Polen gebraucht wurden, um sich rechtzeitig um die Saat zu kümmern, die Ersten, die zurück fuhren. In Viehwaggons - einige hatten Kübel an Stelle von Toiletten aufgestellt - wurden wir zurück nach Polen transportiert. Das war im April 1946. Unser Ziel war Warschau. Nach Ende des Krieges, im Mai 1945, hatten wir begonnen, unsere Verwandten zu suchen. Wir hatten keine Ahnung, was in Europa passiert war. Ich hatte keine Antwort auf meine Briefe bekommen.

Die letzten Briefe meines Vaters erhielt ich 1941 aus dem Warschauer Ghetto. Selbstverständlich waren die Briefe zensuriert. Auch ich konnte über nichts Besonderes schreiben. Ich schrieb über Prüfungen, die ich abgelegt hatte und über solche Sachen. Ich konnte doch nicht schreiben, dass ich schlecht esse! In Lemberg war es auch noch nicht so schrecklich.

Meine Mutter war keine emanzipierte Frau, die gesagt hätte: ‚Gut, ich gehe!’ Mein Vater kränkelte schon, als ich noch da war. Wenn mich die Ärzte fragen, welche Krankheiten waren in der Familie, kann ich das nicht beantworten - meine Eltern waren erst 45 Jahre alt, als ich sie das letzte Mal sah.

Eine ältere Studienkollegin, eine Jüdin, hatte sich so genannte ‚arische Papiere’ besorgt, war im Widerstand tätig und lebte in Warschau. Sie hatte 1941 in einer Zeitung eine Annonce meines Vaters gelesen, in der er mich suchte. Sie war so mutig und ging zu ihm ins Ghetto. Sie erzählte ihm, dass er beruhigt sein könne, sie wisse genau, dass ich, als die Deutschen Lemberg besetzten, bereits geflohen war. Mein Vater war entsetzt und sagte: ‚Ja, das ist der Einfluss der Bolschewiki.’ Er hatte noch immer nichts begriffen! Wahrscheinlich hatte mein Vater mit seinen Vorräten an Seife, die wertvoll wie Gold waren in dieser Zeit, nicht so schlecht in diesen Verhältnissen gelebt. Unsere Wohnung lag im Warschauer Ghetto. Weit schlimmer war es, wenn die Leute in eine andere Wohnung mussten - er wohnte in seiner Wohnung. Später kamen andere Leute dazu.

Mein Mann bekam aus dem Rathaus in Krakau einen Brief, dass Frau Hedwig Charlotte Ratz in Krakau wohne. Zuerst glaubten wir an einen Irrtum, weil die Adresse nicht die Adresse der Familie vor dem Krieg war. Auf den Brief meines Mannes an seine Schwester nach Krakau kam keine Antwort. Er schrieb noch einen Brief, es kam wieder keine Antwort.

An der russisch, polnischen Grenze konfiszierte der russische Zoll den einzigen Besitz den wir hatten, nämlich unsere Bücher. Es waren fast ausschließlich Fachbücher, die wir uns gekauft hatten, als wir als Ingenieure arbeiteten. ‚Bücher, wo ist die Erlaubnis?’ sagte der russische Zollbeamte. Mein Mann musste auf seinem Rücken die zwei Kisten aus dem Zug schleppen, die wurden requiriert.

Da der Zug ziemlich lange an der Grenze stand, Russland und Polen hatten andere Schienenweiten, und irgendetwas musste umgestellt werden, fragte mein Mann, ob er in Krakau anrufen dürfe. Im Telefonbuch fand er den Eintrag: Ratz, Hedwig Charlotte. Was sollte ich da machen, ich konnte doch nicht sagen, wir fahren jetzt nach Warschau, ich hatte doch wahrscheinlich auch niemanden mehr in Warschau.

Die Schwester meines Mannes war in mehreren KZs, zuerst glaube ich in dem KZ in Plaszow, das war in der Nähe von Krakau. Sie wurde gemeinsam mit der Mutter abgeholt, die Mutter kam gleich in Plaszow um. Das war das Lager, wo Amon Goeth [18] Lagerkommandant war und Oscar Schindlers [19] Juden rettete. Eine Cousine meines Mannes wurde von Oscar Schindler gerettet, und am Ende des Films ‚Schindlers Liste’ [20] von Spielberg sieht man diese Cousine. Sie und ein Freund meines Mannes, der auch durch Schindler den Holocaust überlebte, kümmerten sich sehr aktiv nach dem Krieg um ihn.

Hedy, so wurde die Schwester meines Mannes genannt, lebte mit ihrem zukünftigen Ehemann Heinrich Reissler, ein Überlebender des Holocaust, der aus einer sehr orthodoxen Familie kam, zusammen mit anderen überlebenden Freunden in einer Zweizimmerwohnung. 1946 gingen Hedy und Heinrich gemeinsam nach Palästina. Wir hätten Hedy gern bei uns behalten, denn sie war ein typisches Kriegskind - sie hatte die Schule nicht fertig machen können, und wir glaubten, wir müssten sie noch in vielen Dingen unterstützen. Hedy war zwar aus Krakau, konnte aber ihr Leben in der Zeit nicht wirklich genießen, weil sie noch ein Kind war. Sie hat diese Welt, die für meine Entwicklung so wichtig war, praktisch nicht erlebt. Sie war ein typisches Beispiel dafür, wie man durch den Krieg, besonders den überlebenden jüdischen Kindern, das Leben ruiniert hat.

Die Tante, bei der mein Mann in Wien während seiner Gymnasialzeit gelebt hatte, konnte noch rechzeitig aus Wien nach Palästina flüchten, und Hedy hatte wenigstens eine Verwandte dort.

Sie kamen bis Zypern, Heinrich meldete sich zur Haganah [21], kämpfte, und Hedy war auf Zypern interniert. Nachdem sie in Palästina angekommen waren, wurde Heinrich Lokführer in Haifa auf der einzigen Bahn, die es in Israel gibt. Auch Hedy arbeitete irgendetwas. 1957 wurde ihre Tochter Zofie geboren. Es war eine schwierige Schwangerschaft, Hedy musste während der gesamten Schwangerschaft liegen, wahrscheinlich durch die vielen Jahre, die sie in den KZs eingesperrt war.

Zofie hat zwei wunderbare Kinder, der Sohn heißt Lior und die Tochter Shiri. Lior und ich schreiben uns manchmal Emails, er in seinem guten, ich in meinem miserablen Englisch. Zofie ist geschieden und arbeitet als Krankenschwester. Hedy starb im Jahre 2000. Heinrich lebt in Haifa, ist aber sehr krank.

Wir wohnten gemeinsam mit Hedy in ihrer Wohnung. Ich glaube, das Haus gehörte der Mutter. Hedy verkaufte es nach dem Krieg für Groschen, erkämpfte sich aber eine Zweizimmerwohnung. Und in dieser Wohnung lebten dann an die zehn Leute. Mein Mann hatte sehr viele Bekannte in Krakau. Die ersten, die die Wohnung verließen, waren Hedy und Heinrich, als sie 1946 nach Palästina gingen.

Mein Mann begann mit einer Arbeit in einer Emaillefabrik. Unser Sohn Alexander wurde am 11. Juni 1946 in Krakau geboren. Ich hatte nach der Geburt meines Sohnes gesundheitliche Probleme, und mein Sohn auch. Die Versorgung war so kurz nach dem Krieg noch sehr schlecht.

1947 fuhr ich nach Warschau. Alle hatten mir davon abgeraten, aber ich fuhr. Meine Strasse hatte im Zentrum des Warschauer Ghettos gelegen, dort war eine totale Wüste. Siebzehn Jahre hatte ich in dieser Strasse gelebt, und ich hätte mich fast verirrt. Das Einzige, was mich rettete, war die Kirche gegenüber unserem nicht mehr existierenden Haus. Sie war erhalten geblieben, an ihr konnte ich mich orientieren. Überall lag Schutt, denn bei dem Aufstand im Ghetto 1943 wurden alle Häuser mit Flammenwerfern zerstört. Die Häuser, die später dort gebaut wurden, erbaute man auf dem Schutt. Und selbstverständlich gab es keine Dokumente mehr.

Als mein Sohn ein Jahr alt war, begann ich in einer Konservendosenfabrik als Chefingenieur zu arbeiten. Ich war eine 25jährige junge Frau und die restliche Belegschaft waren Männer. Der Anfang war ziemlich hart, alle Meister waren älter als ich, und es hat ihnen nicht besonders gepasst, dass eine junge Frau ihre Vorgesetzte sein sollte. Als ich mit der Arbeit begann, sagte der Direktor der Fabrik sehr höflich zu mir: ‚Sie sind eine junge fesche Frau, wozu wollen Sie sich mit diesem ganzen...’ er verwendete ein ziemlich grobes Wort, ‚abplagen?’ Ungefähr nach sechs Wochen lud ich alle meine Kollegen in eine Kneipe - so eine Kneipe würde ich heute nicht mehr betreten - auf ein Bier und Wodka ein. Danach war ich anerkannt! Keine drei Doktorate hätten vermocht, was das Bier und der Wodka erreichten.

Diese Fabrik war vor dem Krieg in jüdischen Besitz. Die Familie hatte in Brasilien überlebt: Ich lief nicht mit einem Plakat herum, auf dem stand: ‚Ich bin Jüdin’, aber mein Name ist jüdisch und Polen spüren es - sie sind große Antisemiten - wenn sie einen Juden vor sich haben. Pausenlos erzählten sie mir, wie sie den jüdischen Besitzern der Fabrik geholfen hatten, Gold einrollen, um es nach Brasilien zu schicken. Mir ging das entsetzlich auf die Nerven. Wenn sie mir gesagt hätten, dass sie sie geschlagen hätten, wäre es mir angenehmer gewesen. Dieses Anbiedern nervte mich. Aber schikaniert als Jüdin wurde ich überhaupt nicht. Ich glaube, in dieser Zeit hatte man in Polen zu den Juden Vertrauen, weil sie nicht mit den Deutschen kollaboriert hatten.

Das Pogrom in Kielce [22] sahen mein Mann und ich als so genannten ‚Ausrutscher’. Wir glaubten, das wären noch ‚Gestrige’, die das getan hatten. Krakau war ein kulturelles Zentrum, eine ehemalige Hauptstadt Polens. Dort lebte viel Intelligenz, auf jeden Fall kann ich nicht sagen, es hätte eine Pogromstimmung gegeben.

Allerdings gab es einen Druck von oben, man solle sich ‚Einpolen’, wie ich das nenne, man sollte polnische Familiennamen annehmen. Darüber gab man 1947 oder 1948 Dokumente heraus. Man rief uns auf die Miliz und sagte, wir sollen den Namen Ratz in Raczynski oder Rakowski oder so etwas verändern. Da sagte mein Mann: ‚Das Einzige, was mir von meiner Familie geblieben ist, ist mein Name, und den verändern wir nicht!’ Die meisten Juden in Polen änderten aber ihre jüdischen Familiennamen. Einmal rief mich ein Mann geschäftlich aus Poznan an. Nach dem geschäftlichen Teil des Gesprächs begann er mir jüdische Witze zu erzählen. Die Witze waren nicht schlecht, und ich lachte auch, aber dann sagte ich zu ihm: ‚Wissen Sie, ich bin nicht sicher, dass man einem Menschen, dessen Vater Israel hieß, so eine Menge solcher Witze in so kurzer Zeit erzählen sollte.’ Er war komplett schockiert und sagte: ‚Es tut mir leid, aber wenn Sie Rakoschka, Ratschenski oder so etwas geheißen hätten, hätte ich vielleicht vermutet, dass sie Jüdin sind, aber wenn Sie Ratz heißen?’

Als ich schon in Warschau arbeitete, traf ich einen etwas älteren Studienkollegen, und ich wusste, dass er seinen Familiennamen geändert hatte. Wir waren auf zwei verschiedenen Verhandlungsseiten, und er wusste, dass ich ihn kenne. Er gab mir die Hand und nannte seinen neuen polnischen Familiennamen. Ich hielt das nicht aus, gab ihm auch die Hand und sagte: ‚Noch immer ‚Ratz’!

Mein Mann wurde 1949 nach Warschau in eine PKW Fabrik versetzt. Als Leiter einer polnischen Gruppe Ingenieure schickte man ihn für ein halbes Jahr nach Italien zu ‚FIAT’, zur Schulung. Dann übersiedelten auch mein Sohn Alexander und ich nach Warschau. Am 19. Mai 1952 wurde meine Tochter Margarete in Warschau geboren. Ich bekam Arbeit in der ‚Staatlichen Plankommission’ als Referentin. Eigentlich wäre ich lieber in ein Werk gegangen, aber man sagte, in der ‚Staatlichen Plankommission’ brauche man gute Leute. Dort arbeitete ich dann auch bis zu meinem Rauswurf 1968.

Nach dem Sechstagekrieg [23] 1967 in Israel, begann sich in Polen eine antisemitische Atmosphäre breit zu machen. Es wurde noch nichts offen ausgesprochen, aber es war zu spüren. Einige Wenige trauten sich sogar auf Versammlungen herumzuschreien, aber offen sagen, dass die Juden aus Polen verschwinden sollen, traute sich niemand.

Mein Chef rief mich eines Tages zu sich, er hatte mich immer sehr geschätzt und sagte zu mir, ich könne nicht mehr auf meiner Stelle arbeiten, weil mein Mann eine Schwester in Israel habe, und sie deswegen kein Vertrauen mir gegenüber mehr haben könnten. Ich bekäme aber eine gleichwertige Stelle angeboten. Ich bekam keine Stelle und ging dann zum oberen Chef, weil ich glaubte, der sei ein intelligenter Mann und politisch am rechten Ort. Aber er war ein wahnsinniger Angsthase. Ich bekam dann einen Posten in einer Bank als technischer Berater. Es gab - ich kann das aber nicht belegen, weil ich auch dort zwar viel weniger verdiente als in meiner vorherigen Arbeitsstelle, aber für dortige Verhältnisse immer noch gut - wahrscheinlich eine Instruktion, dass die aus ihren Ämtern geworfenen Juden natürlich auch finanziell spüren sollten, dass sie in Polen nicht erwünscht waren. Mein Mann hatte seine Arbeitsstelle behalten, aber schon 1956, während der ersten antisemitischen Welle in Polen, wollte mein Mann Polen verlassen. Viele Leute gingen damals, aber dann wurde es etwas lockerer. Nun mussten wir im Alter von 50 Jahren einsehen, dass wir uns geirrt hatten.

Wien

Den polnischen Juden wurden von den Behörden nur Dokumente nach Israel ausgestellt. Wir wollten nicht nach Israel und wussten, da wir beide die ausländische Presse lasen, dass in Wien niemand auf einen 50-jährigen Ingenieur wartet. Aber mein Mann wählte Wien, weil Deutsch seine Muttersprache war, und er sagte, dass das Komplizierteste an einer Übersiedlung in ein anderes Land die Sprachbarriere sei, womit er zweifelsohne Recht hatte.

Wir erkundigten uns in der österreichischen Botschaft in Warschau über die Staatsbürgerschaft meines Mannes. Und damals sagte man ihm, wenn er sich in Österreich einfinde, bekäme er automatisch die österreichische Staatsbürgerschaft.

Als mein Mann dann nach Wien kam, stellte sich heraus, dass es einen Stichtag gegeben hatte, an dem er sich hätte melden müssen, aber zu der Zeit war er noch in Polen. Man sagte ihm dann im Rathaus, und das wurde eingehalten, dass er nach genau drei Jahren die österreichische Staatsbürgerschaft zurückbekäme. Und so war es, die ganze Familie bekam nach genau drei Jahren die österreichische Staatsbürgerschaft. Ich war damals schon in Wien, und es war sehr wichtig für uns.

Mein Mann durfte 1969 aus Polen emigrieren, aber nur mit unseren Kindern und ohne mich, weil ich als ‚Geheimnisträgerin’ nicht aus Polen heraus gelassen wurde. Meinem Sohn, er war 23 Jahre alt, fehlte ein Examen zum Diplom an der Technischen Universität, und meine Tochter, sie war 17 Jahre alt, war ein Jahr vor der Matura. Sie wollte überhaupt nicht aus Warschau weg. Sie wollte bei mir bleiben und war außerdem das erste Mal verliebt. Ich musste ein Papier unterschreiben, dass ich zustimme, dass mein Mann auf ständig emigriert.

Nach zwei Wochen in Wien fand mein Mann eine Stelle als Ingenieur bei einer Firma, die dann aber nach einem Jahr in Konkurs ging. Er war ein halbes Jahr arbeitslos und fand dann bei der deutschen Firma Festo eine Stelle. Die Firma stellte ursprünglich Holzbearbeitungsgeräte und Pneumatik her, später Pneumatik und Steuerungen für Maschinen. Dort war er für den russischen und auch DDR-Markt zuständig. Er fuhr zu Messen, verdiente gut und man schätzte ihn sehr. Als er schwerkrank wurde, verhielten sie sich ihm gegenüber sehr anständig.

Für meine Tochter war es in Wien nicht leicht. Sie war in der Pubertät, ihre Mama fehlte, sie hatte Sprachprobleme und dadurch natürlich Probleme in der Schule. Von Beruf ist sie Dolmetscherin für die Sprachen Polnisch und Russisch. Manchmal kann ich bei technischen Übersetzungen helfen, denn sie steht mit der Technik auf Kriegsfuss. Sie ist geschieden und hat zwei Töchter, Barbara und Julia und einen Sohn Nikolaus. Sie ist nicht religiös, auch ihre Kinder wurden nicht religiös erzogen.

Mein Sohn blieb nicht in Wien, er übersiedelte zwei Wochen nach der Ankunft in Wien nach Schweden. Er ist Diplomingenieur und hat den akademischen Abschluss eines ‚Bachelor of Business Administration’. Er lebt in Göteborg, ist verheiratet mit Tola, deren Vater jüdisch war, und starb, als sie noch ein kleines Kind war. Sie haben drei Söhne, Martin, Jakob und Benjamin. Mein Sohn nahm sich vor einiger Zeit ein Jahr von seiner Firma frei und arbeitete für eine schwedische Firma in Danzig. Er lebt jetzt aber schon wieder in Göteborg.

Mein ältester Enkel Martin wurde Jude. Er ließ sich im Alter von 17 Jahren beschneiden. Seine Mutter ging auf alle seine Wünsche ein, sie feierten auch die religiösen Feste zu Hause. Er studierte auch ein halbes Jahr an der Wirtschaftsuniversität in Wien, und es war die Zeit, in der Pessach [24] gefeiert wird. Er wünschte sich, dass wir einen Sederabend [25] gemeinsam abhalten. Das war eine Katastrophe, keiner von uns konnte das, aber er sagte, er mache das alles. Im letzten Moment hatte er etwas in der Universität zu tun und verspätete sich. Ich hatte eine Haggadah [26] für Kinder, zweisprachig, und ich war der Hauptrebbe. Ob er jetzt noch religiöse Feste feiert, weiß ich nicht, er ist sehr beschäftigt mit dem Aufbau seiner Firma. Martin lebt in Stockholm. Er arbeitete gleich nach dem Diplom in einer schwedischen Firma, die verkauft Know-how auch an Sprachschulen. Jakob studierte Medizin und hat im Mai seinen Doktor gemacht. Benjamin, der Jüngste, maturierte in diesem Frühjahr und möchte Jus studieren.

Nach vielen Absagen auf meine Anträge auf Familienzusammenführung, bekam ich nach zweieinhalb Jahren die Erlaubnis, das war bereits 1972, nach Wien zu übersiedeln. Ich war nach den zweieinhalb Jahren krank und erschöpft. Ich wusste schon nicht genau, ob ich lebendig aus Polen heraus komme.

Mein Mann hatte mir bereits am Telefon gesagt, ich solle meine Maschinenschreibkenntnisse und meine deutsche Sprache auffrischen, Russisch konnte ich noch. Ich wurde Übersetzerin und arbeitete freiberuflich zu Hause.

Es war schwer im Alter von 50 Jahren neue Freundschaften zu schließen. Zeit hatten wir nicht sehr viel, weil wir uns eine neue Existenz aufbauen mussten. In Polen hatten wir einen großen Freundeskreis, Freunde, vor deren Tür man jederzeit stehen konnte und willkommen war. Ich habe solche Freunde in Paris, in London, in New York, Gott weiß wo, auch in Israel, aber jetzt schon weniger, denn es sind schon viele gestorben.

Zuerst wohnten wir in einer Wohnung, in der ein Ofen war mit dem ich nicht zurecht kam. Einmal hätte ich beinahe die ganze Wohnung angezündet. Dann fanden wir eine Genossenschaftswohnung, in die ich mich sofort verliebte. Eine Wohnung, in der ich mich wohl fühle ist für mich sehr wichtig.

Mein Mann starb 1989 in Wien an Krebs. Er liegt auf dem Zentralfriedhof in der jüdischen Abteilung begraben.

Die Leute wundern sich, dass ich kein Wort jiddisch verstehe. Einige Wörter verstehe ich schon, aber ich habe die Sprache niemals aktiv benützt. In Polen gibt es keine Juden mehr, aber ein herrliches jiddisches Theater in Warschau mit fantastischen Schauspielern, die aber nicht jüdisch sind. Durch die deutsche Sprache, die ich kann, verstehe ich aber fast alles.

Weil es keine Juden gibt, ist jüdische Kultur eine Mode geworden. Zum Beispiel in Krakau: Meine Tochter schenkte mir eine Reise nach Krakau, weil ich mir diese Reise gewünscht hatte. Ich war nicht in dem Haus, in dem ich bis 1949 gewohnt hatte, aber ich wusste von meinem Sohn, der auch dort war, dass die Hausbesorgerin noch die gleiche ist. Das jüdische Viertel mit der Synagoge ist sehr schön restauriert. Jedes Jahr findet in Krakau ein Festival der Klezmer Musik statt. Leider ist es im Juli und im Juli fahre ich immer nach Schweden zur Familie meines Sohnes, denn im August ist es schon ziemlich herbstlich dort.

Ich war nie religiös, auch in Polen waren unsere Freunde eher assimilierten Juden. Wir verleugneten nie, dass wir Juden sind, aber wir übten die Religion nicht aus. Manchmal war ich in Wien im Tempel, wenn ich zu einer Bar Mitzwa [27] eingeladen war oder zu einem Konzert, aber gebetet habe ich nie.

Als ich das erste Mal in Israel war, bewunderte ich wirklich alles, was ich sah. Das Politische interessierte mich nicht vordergründig. Hedy und ihre Familie waren da, und mein Mann hatte wahnsinnig viele Bekannte. Wir sahen sehr viel, ich war in Eilat, das damals noch gebaut wurde. Ich hatte einen Studienkollegen, der war Bauunternehmer und hatte ein Flugzeug, und er flog uns für einen Tag nach Eilat. Das Land begeisterte mich, es gab selbstverständlich auch viele Diskussionen, und manche versuchten uns für eine Übersiedlung nach Israel zu gewinnen. Aber ich kann die Sprache nicht, und da ich ein Kulturmensch bin, bin ich noch stärker abhängig von der Sprache. Dort wäre ich praktisch eine Analphabetin. Es gab interessante Menschen, zum Beispiel Freunde aus meiner Kindheit, mit denen ich Kontakt hatte, einen Regisseur, einen Musiker.

Im Jahre 1998 war ich das dritte Mal in Israel. Meine Freunde, es werden immer weniger, bleiben dort, sie haben auch keine Wahl mehr. Sie sind enttäuscht von der Politik der Regierung. Einige haben Kinder in Amerika. Eine Studienkollegin hat einen Sohn in Israel, der ist Chemiker und einen in Amerika, der ist Professor der Ökonomie. Der Sohn in Israel sagt: ‚Ich bin hier geboren, meine Tochter ist hier geboren, das ist mein Land.’ Viele sagen das, aber zufrieden mit dieser Politik und mit der ganzen Geschichte sind sie nicht.

Heute lebe ich in Wien, habe Freundinnen, die meisten sind jüdisch, aber antireligiös. Ich gehe viel ins Theater, in Ausstellungen, in Konzerte und auch wandern. Meine Tochter lebt in Wien genauso wie meine zwei Enkeltöchter. Meinen Sohn in Schweden besuche ich jeden Sommer. Da bleibe ich meist vier Wochen.

 

 

 

Glossar

[1] Schabbat [hebr.: Ruhepause]: der siebente Wochentag, der von Gott geheiligt ist, erinnert an das Ruhen Gottes am siebenten Tag der Schöpfungswoche. Am Schabbat ist jegliche Arbeit verboten. Er soll dem Gottesfürchtigen dazu dienen, Zeit mit Gott zu verbringen.
Der Schabbat beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend.

 

[2] Challa, Mrz. Challot oder Barches: Schabbatzopf aus Hefeteig

[3] Chanukka [hebr.: Weihe]: Das achttägige Chanukkafest erinnert an die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem im Jahr 164 v. Chr. nach dem erfolgreichen Makkabäeraufstand gegen hellenisierte Juden und mazedonische Syrer. Die Makkabäer siegten und führten den jüdischen Tempeldienst wieder ein.

 

[4] Purim: Freudenfest, das an die Errettung des jüdischen Volkes aus drohender Gefahr in der persischen Diaspora erinnert. Nach der Überlieferung versuchte Haman, der höchste Regierungsbeamte des persischen Königs, die gesamten Juden im Perserreich auszurotten. Der [jüdischen] Königin Ester gelang es jedoch, den König von den unlauteren Absichten Hamans zu überzeugen und so die Juden zu retten.

[5] Jom Kippur: der jüdische Versöhnungstag, der wichtigste Festtag im Judentum.
Im Mittelpunkt stehen Reue und Versöhnung. Essen, Trinken, Baden, Körperpflege, das Tragen von Leder und sexuelle Beziehungen sind an diesem Tag verboten.

 

[6] Chassid [hebr: ‚der Fromme‘; Pl. Chassidim]: Anhänger des Chassidismus, einer mystisch-religiösen jüdischen Bewegung, die im 18. Jahrhundert in Polen entstand.
Neben dem Torastudium rücken im Chassidismus das persönliche oder gemeinschaftliche religiöse Erleben - in Gebet, Liedern und Tänzen - und die ekstatische Begeisterung ins Zentrum.

[7] Warschauer Ghetto: Das Warschauer Ghetto wurde im 2. Weltkrieg von den Nationalsozialisten für die europäischen Juden errichtet und war das bei weitem größte Ghetto seiner Art. Es entstand Mitte 1940 im Stadtzentrum Warschaus. Im Laufe der Monate wuchs die Einwohnerzahl des Ghettos auf 445 000 Personen. Viele Menschen starben als Folge von Hunger, Krankheit, Deportationen, Verfolgung und Hinrichtung. Das Warschauer Ghetto wurde im Sommer 1942 im Rahmen der ‚Endlösung der Judenfrage’ schrittweise aufgelöst. Die überlebenden Ghettobewohner wurden in Vernichtungslager geschickt und ermordet. Das Ghetto wurde dem Boden gleichgemacht.

 

[8] Organisation Todt: im Mai 1938 gegründet; die Mitglieder der nach ihrem Führer Fritz Todt benannten Organisation wurden für den Bau militärischer Anlagen eingesetzt. Die bekannteste davon war der so genannte Westwall entlang der deutsch-französischen Grenze.

[9] Anders-Armee [Polnische Armee in der UdSSR]: Die Einheit umfasste polnische Bürger, die in die Sowjetunion deportiert wurden, Soldaten, die zwischen 1939 und 1941 inhaftiert wurden und Zivilisten, die im Jahr 1941 amnestiert wurden [etwa 1,5 bis 1,6 Millionen Menschen, samt einer Anwerbungsbasis von 100.000 bis 150.000].

 

[10] Pilsudski, Jozef [1867-1935]: Polnischer Aktivist im Kampf um Unabhängigkeit, Politiker, Staatsmann, Marschall. Im Zusammenhang mit der polnischen Unabhängigkeit vertrat er die pro-österreichische Strömung, welche der Meinung war, dass der polnische Staat mit der Unterstützung von Österreich-Ungarn wieder errichtet wird.

[11] Aufstand im Warschauer Ghetto: Am 19. April 1943 begannen die Deutschen mit der dritten Deportations-Kampagne, um die letzten Einwohner des Ghettos zu deportieren. Ein bewaffneter Widerstand brach im Ghetto aus. Ungefähr 13.000 Juden starben bei dem Aufstand, ca. 50.000 wurden ins Vernichtungslager Treblinka deportiert. Es gelang nur ungefähr Einhundert der Widerstandskämpfer über die Kanalisation aus dem Ghetto zu flüchten.

 

[12] Spanischer Bürgerkrieg [1936 bis 1939]: Der Spanische Bürgerkrieg zwischen der republikanischen Regierung Spaniens und den Putschisten unter General Francisco Franco ausgetragen. Er endete mit dem Sieg der Anhänger Francos und dessen bis 1975 währender Diktatur. Franco wurde von Anfang an durch das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien unterstützt, die Republikaner, vor allem aber die kommunistische Partei, von der Sowjetunion. Zahlreiche Freiwillige aus der ganzen Welt kamen nach Spanien, um in den ‚Internationalen Brigaden‘ für die Republik zu kämpfen.

[13] Beginn des Zweite. Weltkriegs: Am 1. September 1939 begann mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen der Zweite Weltkrieg.

 

[14] Hitler-Stalin Pakt: Im August 1939 wurde plötzlich ein Abschluss des Sowjet-Deutschen Vertrages der Freundschaft und des Nicht-Angriffes verkündet. Der Pakt beinhaltete eine geheime Klausel, welche die Teilung Polens und sowjetische sowie deutsche Einflussbereiche in Osteuropa vorsah.

[15] Wolgadeutsche Republik: Die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen bestand vom Oktober 1918 bis August 1941. 1939 waren etwa zwei Drittel der 605 000 Deutsche bzw. Wolgadeutsche. Die Hauptstadt der Republik war Engels. Die Republik wurde nach der Zwangsaussiedlung der deutschen Bevölkerung nach Sibirien und Kasachstan aufgelöst.

 

[16] Verpflichtender Arbeitsauftrag in der UdSSR: Absolventen höherer bildender Institutionen mussten einen zweijährigen verpflichtenden Arbeitsauftrag durchführen, welcher von der Institution vergeben wurde, wo sie ihre Ausbildung abschlossen. Nach Abschluss dieses Arbeitsauftrages durften junge Menschen jede beliebige Anstellung in jeder Stadt und jeder Organisation annehmen.

[17] Russischer Ofen: Großer Steinofen mit Holz geschürt. Diese wurden normalerweise in der Ecke einer Küche gebaut und dienten dazu, das Haus zu heizen und das Essen zu kochen. Der Ofen hatte eine Bank, welche im Winter als bequemes Bett für Kinder und Erwachsene diente.

 

[18] Goeth, Amon [1908-1946]: Der Wiener Amon Göth erwarb sich den Ruf eines Musteroffiziers der SS und führte Ende 1942 die endgültige Liquidierung des Krakauer Ghettos durch, bei der Zehntausende Juden in die Vernichtungslager deportiert wurden. Bei einem Gerichtsverfahren vor dem höchsten polnischen Gericht in Krakau im Jahr 1946, wurde er schuldig gesprochen, für den Tod von Zehntausenden von Menschen verantwortlich zu sein und im selben Jahr gehängt.

[19] Schindler, Oskar [1908-1974]: Der in Zwittau im Sudetenland geborene Kaufmann Oskar Schindler kam Ende 1939 ins polnische Krakau und übernahm dort zwei jüdische Betriebe zur Fabrikation von Emaillewaren. Er beschäftigte überwiegend jüdische Arbeiter, die er damit vor der Deportation bewahrte. Schindler nutzte dabei seine guten Beziehungen zu Freunden in hohen Regierungsämtern. Er erkämpfte so die Einrichtung einer Zweigstelle des Lagers Plaszow auf seinem Firmengelände. Nach dem Krieg wurde ihm von der israelischen Regierung 1962 gestattet einen Baum mit seinem Namen im Garten der Gerechten von Yad Vashem zu pflanzen.

 

[20] Schindlers Liste: Steven Spielbergs Spielfilm aus dem Jahr 1992 über die Taten von Oskar Schindler, der während des 2. Weltkriegs mehr als 1.200 polnische Juden rettete. Der Film wurde bei der Verleihung der „Golden Globes“ für den besten Film, den besten Regisseur und das beste Drehbuch ausgezeichnet.

[21] Hagana [hebr. 'Verteidigung]: 1920 gegründete zionistische Militärorganisation in Palästina während des britischen Mandats [1920-1948], die Juden vor arabischen Überfällen schützen sollte. Die Hagana unterstand der Histadrut [Gewerkschaft]. Sie wurde so zum Vorläufer der israelischen Armee, in der sie nach der Staatsgründung aufging.

 

[22] Kielce Pogrom: Die angebliche Entführung eines polnischen Jungen am 4. Juli 1946 führte zu einem Pogrom im Zuge dessen 42 Personen getötet und 40 verletzt wurden. Dieses Pogrom regte auch andere anti-jüdische Vorkommnisse in der Umgebung von Kielce an. Diese Ereignisse verursachten Massenemigrationen von Juden nach Israel und in andere Länder.

[23] Sechstagekrieg: Dauerte vom 5. Juni bis zum 10. Juni 1967. Die Kriegsgegner waren Israel und die arabischen Nachbarstaaten Ägypten, Jordanien und Syrien. Israel eroberte den Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel, die Golanhöhen und das Westjordanland.

[24] Pessach: Feiertag am 1. Frühlingsvollmond, zur Erinnerung an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, auch als Fest der ungesäuerten Brote [Mazza] bezeichnet.

[25] Seder [hebr.: Ordnung]: wird als Kurzbezeichnung für den Sederabend verwendet. Der Sederabend ist der Auftakt des Pessach-Festes. An ihm wird im Kreis der Familie (oder der Gemeinde) des Auszugs aus Ägypten gedacht.

 

[26] Hagadah od.Haggadah od. Haggada [hebr: ‚Verkündung/Erzählung‘]:Büchlein, das am Sederabend beim Festmahl mit der Familie gemeinsam gelesen und gesungen wird. Das Buch beschreibt das Exil in Ägypten und den Auszug in die Freiheit.

[27] Bar Mitzwa: [od. Bar Mizwa; aramäisch: Sohn des Gebots], ist die Bezeichnung einerseits für den religionsmündigen jüdischen Jugendlichen, andererseits für den Tag, an dem er diese Religionsmündigkeit erwirbt, und die oft damit verbundene Feier. Bei diesem Ritus wird der Junge in die Gemeinde aufgenommen.
 

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Emilia Ratz
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
June
Jahr des Interviews:
2004
Vienna, Austria

HAUPTPERSON

Emilia Ratz
Geburtsjahr:
1921
Geburtsort:
Warsaw
Geburtsland:
Polen
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Civil servant
Familiennamen
  • Vorheriger Familienname: 
    Endler
    Jahr der Namensänderung: 
    1941
    Grund der Namensänderung: 
    Marriage

AUDIO - INTERVIEW

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