Bruno Bittmann

Wien, Österreich

Bruno Bittmann
Wien
Österreich
Datum des Interviews: Juni 2004 Name des Interviewers: Tanja Eckstein

Bruno Bittmann empfing mich in seiner Altbauwohnung im 8. Bezirk. Er ist trotz seines Alters noch immer beruflich tätig und näher am Leben als viele Jüngere. Die Wohnung, trotz penibler Ordnung sehr gemütlich, ist voller Bücher, die Regale reichen bis unter die Decke. Herr Bittmann ist ein guter Gastgeber und erzählt mir mit viel Humor sein Leben. Es macht Spaß ihn zu interviewen und ich tauche ein in die Welt der Familie Bittmann in den 1920er-und 1930er- Jahren in Czernowitz.

 

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Während des Krieges
Nach dem Krieg
Glossar

 

Meine Familiengeschichte

Fast jährlich fuhr meine Mutter im Personenzug mit mir und meiner Schwester von Czernowitz [heute Ukraine] nach Stanislau [heute Ukraine] zu den Großeltern. Die Reise dauerte ungefähr vier Stunden. Mein Vater war sehr oft geschäftlich unterwegs, und meine Mutter nutzte diese Zeit, um die Großeltern zu besuchen. Die Großeltern väterlicherseits und mütterlicherseits lebten in Stanislau, das etwa 80 Kilometer von Czernowitz entfernt liegt. Was mich an Stanislau faszinierte waren die modernen Strassen, sie glänzten im schwarzen Asphalt, und es gab Fiaker mit denen wir immer vom Bahnhof zu den Großeltern fuhren.

Die Großeltern väterlicherseits waren orthodox. Der Großvater hieß Izchak Eisig Bittmann und ich kann mich noch gut an ihn erinnern. Er trug einen großen weißen Bart. Mein Kontakt zum Großvater war nicht sehr eng, denn er war ein eher schweigsamer Mensch. Ich weiß, er hatte viele Geschwister, ich kenne aber nur ihre Namen: Brauna, Joseph, Jakob, Moische, Naphtula und Hermann. Die Namen der Geschwister meines Großvaters kenne ich deshalb, weil in Amerika ein Cousin des Großvaters gestorben ist und ein Anwalt wegen der Erbschaftsangelegenheiten einen Stammbaum erstellen ließ.

Die Großeltern wohnten in einem Haus und betrieben eine Landwirtschaft. Die Toilette der Großeltern war auf dem Hof, und in die Tür der Toilette war ein Loch in Form eines Herzchens geschnitten, daran kann ich mich gut erinnern. Das Haus war sehr geräumig und es standen Leder Fauteuil im Wohnzimmer. In der Küche stand ein riesengroßer alter Herd mit glänzenden Kupfer und Messingteilen auf dem meine Großmutter, die immer einen Scheitl [1] trug, auch Bücklinge räucherte. Das Unangenehme dort war, dass ich am Nachmittag immer schlafen musste, denn durch die Landwirtschaft gab es viele Fliegen, die sehr lästig waren. Es war eine Plage für mich, jeden Mittag zu schlafen, wenn die Fliegen um mich herum schwirrten. Komischerweise kann ich mich nicht erinnern, ob die Großeltern außer Hühnern noch andere Tiere hatten, aber ich denke schon. Ich weiß, dass es ihnen finanziell ganz gut ging.

Über die Geschwister meines Vaters weiß ich sehr wenig. Ich glaube, seine Brüder waren alle jünger als er. Onkel Moses, das erzählten meine Eltern, war Hobbyschauspieler. Er lebte mit seiner Frau in Lemberg. Sie hatten keine Kinder und wurden 1941, nach dem Einmarsch der Deutschen in Lemberg, ermordet. Onkel Israel lebte in Stanislau und war nicht verheiratet. Onkel Hersch steckte mir, wenn ich zu Besuch in Stanislau war, heimlich Zigaretten zu. An die Tante Hyka kann ich mich überhaupt nicht erinnern und an die Tante Bluma nur sehr schwach. Alle wurden nach dem Einmarsch der Deutschen 1941 ermordet. Der Großvater starb 1938, die Großmutter Frieda wurde nach dem Einmarsch der Deutschen ermordet.

Mein Vater, Joachim Bittmann, sein jüdischer Name war Chaim, wurde am 8. Mai 1893 in Maidan, im Bezirk Warschau, geboren. Nach der Schule bekam er eine kaufmännische Ausbildung, war während des 1. Weltkrieges Zugführer in der k. u. k. Armee, und ich besitze ein Dokument von 1931, das er als Importeur und Exporteur für Getreide zugelassen ist.

Die Familie mütterlicherseits hieß Baumgarten. Sie waren auch fromm, aber nicht orthodox. Man sah es ihnen nicht an, der Großvater trug keine fromme Kleidung. Er war zweimal verheiratet. Seine erste Frau, starb im Jahre 1915, als meine Mutter zwölf Jahre alt war. Sie hatte noch einen Bruder Jusiu und eine Schwester Frania. Ich weiß weder den Namen der Mutter meiner Mutter noch den Namen der zweiten Frau meines Großvaters, die dann meine Großmutter wurde. Die Großeltern besaßen ein schlechtgehendes Papiergeschäft in Stanislau, das hörte ich meine Mutter oft sagen.

Der Großvater hatte mich sehr gern, er hielt mich immer auf den Knien. Auch die Großmutter war sehr lieb zu mir. Alles war immer wunderbar, wenn wir sie in Stanislau besuchten, bis mein Onkel Jusiu kam. Da gab es jedes Mal einen Riesenkrach, weil er sich mit der Stiefmutter nicht verstand. Meine Mutter schlichtete dann immer den Streit. Onkel Jusiu war Goldschmied und hatte eine Goldschmiedewerkstatt. Er war mit Tante Toni befreundet, und sie heirateten kurz vor Beginn des Krieges. Onkel Jusiu war ein schöner Mann, und er besaß ein Motorrad. Bevor er seine ebenfalls schöne Freundin Toni heiratete, wohnte er bei den Großeltern in deren nicht sehr großen Wohnung. Nach der Hochzeit zog er mit seiner Frau in eine eigene Wohnung. Bei den Großeltern in der Wohnung gab es ein Zimmer mit Balkon, in diesem Zimmer war seine Goldschmiedewerkstatt.

Tante Frania, die Schwester meiner Mutter, war mit Itzchak Wohl verheiratet. Sie gingen bereits 1932 als Zionisten nach Palästina und lebten in Kiriat Motzkin. Itzchak war Diplom Ingenieur und wurde leitender Beamter im Elektrizitätswerk in Haifa. Sie starben in den 1980er-Jahren in Haifa. Der Sohn, der auch Itzchak heißt, hatte eine Bauschlosserei und lebt heute als Pensionist in Haifa.

Meine Mutter hieß Mina Baumgarten und wurde am 23. Juli 1903 in Stanislau geboren. Sie besuchte in Stanislau die Schule und beendete die Matura mit Auszeichnung. Trotzdem sie aus einer weit weniger frommen Familie kam als mein Vater, war sie wesentlich orthodoxer als er.

Meine Kindheit

Meine Schwester Antonia wurde am 25. Juni 1924 in Czernowitz geboren. Ich bin vier Jahre jünger als meine Schwester und wurde am 23. August 1928 in Czernowitz geboren.

Unsere Wohnung, eine Dreizimmerwohnung mit Kabinett, einer Toilette und einem Badezimmer, lag nahe dem Zentrum, in der Franzensgasse. In dem Kabinett wohnte das Dienstmädchen. Als Kinder hatten meine Schwester und ich kein sehr gutes Verhältnis zueinander, wir prügelten uns sogar, aber jetzt vertragen wir uns ausgezeichnet. Der Grund unserer Streitereien war, dass sie immer log und zwar, wie gedruckt! Das ärgerte mich furchtbar, ich hasse Lügen. Jeden Blödsinn hat sie gelogen, und das machte mich fuchsteufelswild. Zum Beispiel bekam sie eines Tages vom Vater eine Füllfeder geliehen. Sie kam von der Schule nach Hause und behauptete, sie hätte die Füllfeder verloren. Ich wusste, sie hat die Füllfeder nicht verloren und will sie nur nicht zurückgeben. So etwas ärgerte mich schrecklich!

Religionsunterricht bekamen wir zu Hause von Privatlehrern. Ich hatte einen Lehrer, der mit mir hebräisch lernte, mich die jüdische Geschichte lehrte, und ich lernte von ihm beten. Aber ich nahm das alles nicht sehr ernst. Mein Vater und meine Mutter beteten jeden Tag. Nicht, dass mein Vater jeden Tag in die Synagoge gegangen wäre, aber am Samstag ging er in die Synagoge und nahm mich oft mit. Das war im Großen Tempel in Czernowitz, einem wunderschönen Gebäude mit aus Holz geschnitzten Wänden. Später wurde der Tempel von den Deutschen niedergebrannt.

Meine Eltern hatten viel mit mir vor. Mit vier Jahren bekam ich bereits eine Klavierlehrerin. Zusätzlich zum Klavierunterricht übte eine Dame jeden Tag zwei Stunden mit mir Klavier spielen. Der Erfolg ließ nicht auf sich warten, und mit sechs Jahren gab ich mein erstes öffentliches Klavierkonzert. Am 17. September 1939 annektierten die Russen die Bukowina, wir lebten nun unter russischer Herrschaft. Die Russen brauchten anscheinend mein Klavier und nahmen es mir weg. Daraufhin schickten mich meine Eltern ins Konservatorium, und ich lernte Bratsche spielen. Nach dem Krieg, 1944, kamen die Russen wieder und besetzten wieder Czernowitz. Diesmal brauchten sie meine Bratsche und nahmen sie mir weg. Das war dann das Ende meiner Musikkarriere. Auch heute besitze ich noch ein fast absolutes musikalisches Gehör. Mit mir ein Konzert besuchen ist nicht unbedingt nur angenehm, denn ich finde jeden kleinsten Fehler heraus, das kann ich bis zum heutigen Tag.

Aber noch einmal zurück: Ich besuchte vier Jahre die hebräische Schule in Czernowitz. Da mussten wir noch mit den Händen nach hinten sitzen, das war nicht locker so wie heute.

Czernowitz, auch 'Klein Wien des Ostens' genannt, war eine moderne Stadt und hatte 150 000 Einwohner. Ich erinnere mich an die Sommer - Straßenbahn mit offenen Waggons und die Winter - Straßenbahn mit geschlossenen Waggons. Fast die Hälfte der Einwohner in Czernowitz waren Juden. Die meisten von ihnen fühlten sich der deutschen Kultur zugehörig. Es gab eine Universität, Theater, Kinos, Kaffeehäuser, und Czernowitz war eine Literaturstadt. Dort lebten viele Schriftsteller und Künstler: Karl Emil Franzos [2], der erste , der zu internationalem Ruhm gelangte, Rose Ausländer [3], Moses Rosenkranz, Paul Celan [4], Selma Meerbaum-Eisinger [5], Gregor von Rezzori [6], Elieser Steinbarg [7], Itzig Manger [8] und der berühmte Tenor Joseph Schmidt [9] und viele andere, die sich in der Czernowitzer Atmosphäre wohl fühlten. Mit Paul Celan, dem weltbekannten Lyriker, damals hieß er noch Paul Antschel, und seinen Eltern war meine Familie eng befreundet. In seiner Biografie erwähnt er meine Mutter, weil sie ihm einmal geholfen hatte. Er besuchte sogar meine Eltern nach dem Krieg in Wien.

Meine Eltern hatten oft Gäste, und auch sie waren oft zu Freunden eingeladen. Meine Schwester und ich wurden immer mitgenommen. Als meine Schwester älter war, ging sie aber schon ihre eigenen Wege.

Es war ein intensives jüdisches Leben auf einem hohen Niveau. Was ich meiner Mutter nie vergessen werde ist, dass sie mich zur Toleranz anderen Menschen und anderen Religionen gegenüber erzogen hat. Unser Hausmädchen war Christin. Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, ging meine Mutter mit mir in die katholische Kirche, zeigte mir alles, dann ging sie mit mir in die evangelische Kirche, zeigte mir dort alles und dann waren wir Gäste bei einer christlichen Hochzeit. Danach sagte sie: 'Bruno, respektiere immer andere Religionen, denn wenn du das nicht kannst, kannst du auch deine eigene Religion nicht respektieren.' Nach dem Krieg, als sie ihre ganze Familie verloren hatte, sagte sie zu mir: 'Bruno, du sollst nicht vergessen, aber hassen darfst du nicht, Hass erzeugt immer wieder Hass!' Noch ein Beispiel, das charakteristisch für meine Mutter war: Ich wollte immer Schinken essen, und so erstaunlich es klingt, meine Mutter hat mir Schinken gekauft. So eine gescheite Frau war sie, sie tat nie etwas mit Gewalt. Wenn sie etwas durchsetzen wollte, wusste sie genau, wie sie mich nehmen musste.

Mein Vater ging arbeiten, er war sehr viel unterwegs. Er besaß mit einem Kompagnon zusammen eine Import - Export Getreidefirma und war geschäftlich auch im Ausland, zum Beispiel weiß ich, dass er in Wien und in Hamburg war. Meine Mutter war zu Haus, erzog die Kinder und kümmerte sich um den Haushalt - das Hausmädchen kochte und putze die Wohnung. Natürlich führte meine Mutter einen koscheren Haushalt [10], wir feierten jeden Schabbat [11] und Freitag zündete meine Mutter die Kerzen. Sie trug keinen Scheitl, aber jeden Tag in der Früh betete meine Mutter. Die großen Feiertage feierten meine Eltern immer nur mit uns Kindern zusammen. Die weitere Familie war zu weit weg. Meine Mutter hatte eine besondere Linie zu Gott, sprach mit ihm, und er half ihr. Das bewies sie mir viele Male. Einmal hatte mein Vater einen Blinddarmdurchbruch. Das wurde im Spital nicht rechtzeitig erkannt, und er bekam eine Darmlähmung, an der man sterben kann. Meine Mutter und ich waren im Spital, und ich hatte große Angst um meinen Vater, denn der Arzt kam zu uns und sagte, dass mein Vater sterben müsse, wenn sich die Darmlähmung in ein bis zwei Stunden nicht lege. Ich war entsetzt über das Verhalten meiner Mutter, denn sie stand, sichtbar teilnahmslos, am Fenster und schaute hinaus. Mein Vater wurde wieder gesund und nach ungefähr sechs Monaten fragte ich meine Mutter wegen ihres für mich unverständlichen Verhaltens im Krankenhaus und sie sagte: 'Ich habe mit Gott gesprochen.' Sie hatte einen fast übermenschlichen Glauben, und der machte sie sehr stark. Zionismus war nur ein Schlagwort für uns. Wir hatten die Sammelbüchse für Keren Kajemed [12] zu Hause, aber mehr war da nicht.

Bis 1939 hatte ich eine ganz normale Jugend. Dann kamen die Russen, und ich musste nun in die russische Schule gehen. Nach sechs Monaten konnte ich russisch. Wir durften keine Radios mehr besitzen, es gab für die Bevölkerung Lautsprecher. Zwei Drähte gingen über die Dächer für die Lautsprecher, und so hörten wir die offiziellen Mitteilungen. Da ich immer gern bastelte, versuchte ich ein Radio zusammenzubauen mit dem Erfolg, dass der russische Geheimdienst in die Schule und zu meinen Eltern kam. Zum Glück passierte uns nichts. Man konnte nächtelang nicht schlafen und hörte, wie die Menschen abtransportiert wurden - die Russen begannen sofort, zu deportieren. Sie hatten Listen mit Namen und Adressen der Reichen bis Mittelreichen, und diese 'Kapitalisten' wurden sofort nach Sibirien deportiert. Immer gegen 2 Uhr in der Nacht kamen zwei Lastwagen, dann mussten die Verhafteten die Koffer packen, und dann waren sie weg. Mein Vater wusste, dass auch er auf dieser Liste steht, aber bis die Russen zu uns kamen war der Krieg bereits ausgebrochen - und dann kamen die Deutschen. So ist das Schicksal! Wir hatten keine Chance aus Czernowitz zu fliehen, alles ging viel zu schnell. Meine Eltern, und das rettete unser Leben, waren polnische Staatsbürger und besaßen einen dunkelblauer Pass.

Während des Krieges

Am 5. Juli 1941 besetzten die deutschen Truppen Czernowitz. Meine Bar Mitzwa war in dieser schrecklichen Zeit. Sie fand im Tempel statt, es gab eine kurze Ansprache, ich musste mein Gebet sagen, dann war die Sache erledigt. Alle Juden aus Czernowitz mussten ins Ghetto. Das Ghetto waren praktisch ein paar Straßen in Czernowitz, die abgeriegelt wurden. Wir hatten Glück, weil meine Mutter war eine sehr philanthropische Person war. Auf der Seite, wo das Ghetto eingerichtet wurde, lebte eine Dame mit drei oder vier Kindern, deren Mann gestorben war. Sie besaß ein kleines Lebensmittelgeschäft. Um ihr in ihrer schlechten finanziellen Situation behilflich zu sein, ging meine Mutter immer den weiten Weg mit mir, um dort einzukaufen. Die Wohnung dieser Frau lag nun direkt im entstandenen Ghetto, und wir durften bei ihr wohnen. Acht oder neun Leute waren wir in einer kleinen Kellerwohnung, aber anderen ging es schlechter.

Während des Krieges, als die Deutschen da waren, übernahm zuerst Chile und dann die Schweiz den Schutz der polnischen Staatsbürger, wir standen plötzlich unter ihrer Obhut. Wir bekamen einen Zettel mit einem großen Stempel der chilenischen Botschaft, durften das Ghetto verlassen und wieder nach Hause gehen. Der Zettel wurde dann an unserer Tür befestigt. Die Deutschen hielten sich wirklich daran, denn nach außen hin wollten sie immer das freundliche Gesicht zeigen. Dieser Zettel an der Wohnungstür rettete unser Leben. Dadurch wurden wir nicht, wie die meisten Juden aus der Bukowina, nach Transnistrien [13] deportiert. Viele verloren in Transnistrien unter den unmenschlichen Bedingungen ihr Leben.

Wir durften nur zu bestimmten Zeiten auf die Strasse, und eine Begebenheit habe ich bis zum heutigen Tag nicht vergessen. Wir mussten einen gelben Stern tragen und die Buben, ich war nicht das einzige Kind, dass so lebte, befestigten den gelben Stern an einer Schnur und zogen ihn herauf oder herunter, wie es gerade passte. Auf diese Art und Weise konnten wir auch mal ins Kino gehen. Einmal kam plötzlich ein schwarzer Opel Kapitän und blieb direkt neben mir stehen. In dem Moment ließ ich den Stern herunter, weil ich wusste, ich muss Farbe bekennen, denn sie sehen sowieso, dass ich jüdisch bin. Es stieg ein Offizier in schwarzer SS Uniform mit dem Totenkopf aus dem Auto und sagte zu mir: 'Einsteigen!' Ich stieg hinten ein und dachte, jetzt müsste ich mich von meiner Familie für immer verabschieden. Sicherheitshalber behielt ich die Hand am Türgriff, damit ich vielleicht doch hinausspringen kann. Der SS Offizier fragte mich nach einer Adresse, die in der Mitte der Stadt lag. Ich dachte, dass sei nur eine Ausrede. Ich zeigte ihm den Weg, die fuhren genauso, wie ich es ihnen sagte. Es waren drei SS Leute, der Chauffeur und zwei Offiziere. Sie blieben bei der Adresse stehen, der Offizier stieg vorn aus, öffnete mir, dem Juden, die Tür, zog noch die Hand nach hinten, und ich dachte, jetzt nimmt er die Pistole und wird mich erschießen. Aber nein, er zog nur sein Portmonee raus und wollte mir ein Trinkgeld geben. Daraufhin habe ich gesagt: 'Nein danke, ich nehme nichts!' Er salutierte, setzte sich ins Auto, und die fuhren weg. Ich stand da und dachte, ich hätte geträumt. Es waren nicht alles Schweine! Da lernte ich, man muss unterscheiden, es gibt so´ ne und solche.

Wie das mit dem Einkaufen funktionierte, weiß ich nicht. Aber ich handelte mit Seife und mit Schirmen, die mir Leute gaben und die ich verkaufte. Zu welchen Konditionen, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich reparierte auch Feuerzeuge und Füllfederhalter. Das konnte ich, weil ich in der Volksschulzeit nach der Schule oft auf meine Mutter warten musste, die mich abholte, und ich wartete immer auf einem kleinen Platz, auf dem unter anderem ein Mann stand, der Feuerzeuge und Füllfederhalter reparierte und dem ich immer ganz genau zuschaute.

Auch Freunde hatte ich in dieser Zeit. Mit einem Freund ging ich schon gemeinsam in die Volksschule, der hieß Adolf Hitler. Im Jahre 1951 traf ich ihn als Stuart auf dem Schiff, mit dem ich nach Israel fuhr und ich sagte zu ihm: 'Hitler, wie geht es dir?' 'Pscht, Pscht', sagte er erschreckt. Später änderte er seinen Namen.

Ich erinnere mich, zu Pessach [14], wenn man koscheren Wein trinken und Mazzot [15] essen muss, besorgte mein Vater von irgendwoher handgemachte Mazze. Den Wein hat mein Vater aus Rosinen selbst hergestellt. Es wurde viel improvisiert, als wir unter der Herrschaft der Deutschen in Czernowitz lebten, aber wir hungerten nicht. Meistens kochte meine Mutter dunkle Graupen.

Ich war kein Leser. Meiner Mutter gefiel das natürlich nicht, und sie brachte mir einmal von dem bekannten deutschen Schriftsteller Erich Kästner das Buch 'Emil und die Detektive' mit. Das las ich, ich wurde aber trotzdem keine begeisterte Leseratte. Ich beschäftigte mich mit meiner Briefmarkensammlung, und bastelte mir einen Filmvorführapparat aus einem Karton meines 'Mensch ärger dich nicht' Spiels. Zwei Taschenlampen, Vergrößerungsgläser, die Kurbel des Fleischwolfs meiner Mutter, eine Stange mit Zahnrad und die Birne einer Stehlampe, schon war mein Filmvorführapparat fertig. Einen Film hatte ich irgendwann einmal gefunden und nun gab ich Filmvorführungen. Meine Vorstellungen kosteten fünf Lei Eintritt, aber als einmal die Birne kaputt ging, gab ich den Besuchern immerhin ihr Eintrittsgeld zurück. Manchmal vermietete ich mein Zimmer auch an Pokerspieler, die ihren Eltern Geld geklaut hatten und für das Geld Karten spielten. Das konnten sie natürlich nicht mit dem geklauten Geld bei sich zu Hause machen. Ich kann bis heute keine Karten sehen, das hat mich so angewidert!

Was meine Schwester in dieser Zeit machte, weiß ich nicht. Sie hatte einen Freund, schon in der Zeit, als noch die Russen da waren. Er hieß Emanuel Surkis und war auch aus Czernowitz. Er war etwas älter als sie, sie kannten sich von der Schule. Er hatte irgendetwas Technisches studiert, aber genau weiß ich nicht, welche Richtung.

So überlebten wir den Krieg, wir lebten in Armut, wir lebten in Angst, denn Angst hatten wir die ganzen Jahre hindurch, aber wir blieben am Leben. Am Ende des Krieges erfuhren wir erst über die Ausmaße des Holocaust. Wie meine Verwandten ermordet wurden, wissen wir nicht. Man nahm an, denn einige erzählten das, dass man sie aus den Häusern geholt hatte, barfuss im Schnee laufen ließ, und wer zusammenbrach, wurde erschossen.

1944 waren die Russen da, sie hatten die Deutschen vertrieben. Mein Vater wurde Hauptbuchhalter in einem Mühlenkonzern. Da hatten wir immer Mehl, und meine Mutter konnte Brot backen. Meine Schwester arbeitete in dieser Zeit bei der Feuerwehr. Man musste alles an Arbeit annehmen, da hatte man keine Wahl, denn sonst wurde man, das konnte sehr schnell gehen, von den Russen verhaftet. Ich war 16 Jahre alt und ging wieder in die Schule. An einem Sonntag sollten wir von der Schule aus in einem kleinen Nachbarort Häuser vermessen. Ich sagte zum Politoffizier, jede Schule hatte einen Politoffizier, dass ich nicht mitgehe, weil ich lernen müsse. Als ich die Schule verlassen habe, ist er mir noch nachgelaufen, daran kann ich mich genau erinnern. Zu Hause erzählte ich die Geschichte meinen Eltern: 'Bruno, was hast du gemacht,' sagten meine Eltern entsetzt. Am nächsten Tag war Lehrerkonferenz und es wurde beschlossen, dass ich aus allen Schulen Russlands eliminiert werde, und ich musste sofort einen Job finden. In einem Kino der Stadt spielte das 'Jüdische staatliche Nationaltheater' aus Kiew. Das Theater war aus Kiew nach Czernowitz übersiedelt, weil in Kiew das Theater zerstört worden war. In dem Kino begann ich als Elektriker zu arbeiten. Schon als Kind war das mein Hobby. Ich bastelte und mein Vater musste immer den Stecker in die Steckdose stecken, damit ich mir die Ohren zuhalten konnte, wenn es knallte. Der ehemalige Besitzer des Kinos war ein Bekannter der Familie. Er war im Kino der Hauptelektriker, und ich wurde sein Gehilfe. Ich kannte in dieser Zeit alle Vorstellungen auswendig. Ich musste immer bei den Proben dabei sein, und dadurch lernte ich jiddisch. Auch heute verstehe ich jiddisch, aber sprechen kann ich es nicht mehr, aber damals sprach ich nur noch in Prosa. Ich verbrachte auch die Nächte dort. Die Gefahr, wenn man am Abend nach Hause gegangen wäre, auf der Straße von den Soldaten erwischt zu werden war groß, und nach Donbass zu den Kohlengruben wollte ich nicht deportiert werden, denn von da kam man nie mehr zurück. Mein Vater sagte immer, die Besatzung der Deutschen und die Besatzung der Russen sei das Gleiche, nur mit anderen Vorzeichen.

Unter Stalin durfte man nichts sagen. Meine Mutter hatte immer Angst, weil ich so ein Revoluzzer war. Bevor ich die Arbeit als Elektriker im Theater bekam, meldete ich mich bei der Miliz. Man konnte schießen, man bekam ein Gewehr - das gefiel mir. Eines Tages musste ich jemanden, der verhaftet wurde, abholen. Ich kannte ihn und habe beschlossen, das nicht zu tun. Ich habe zu meiner Mutter gesagt, dass ich nicht mehr bei der Miliz arbeiten will. Sie bekam einen furchtbaren Schreck: 'Bist du verrückt, du kommst da nicht mehr heraus, man wird dich verhaften!' Das war mir aber egal, ich wollte das nicht machen. Ich ging zu meinem Vorgesetzten und habe ihm gesagt, dass ich das nicht mache. Er hat schrecklich getobt und mir gedroht, aber ich habe gesagt: 'Von mir aus sperr mich ein, ich verhafte niemanden,' habe meinen Ausweis und meine Pistole auf den Tisch gelegt und bin gegangen. Nichts ist passiert!

Nach dem Krieg

Wir lebten 1 ½ Jahre unter der russischen Besatzung in Czernowitz, bis zum 9.Mai 1945. Wieder rettete uns die polnische Staatsbürgerschaft meiner Eltern. Wir machten uns ganz offiziell, Polen war durch die Staatsbürgerschaft unsere Heimat, auf den Weg 'nach Hause' allerdings war Wien unser Ziel. Zuerst fuhren wir nach Dorohoi [Rumänien], dort blieben wir einen Monat. Dann lebten wir ein Jahr in Burzau, einer kleinen Stadt in Rumänien, dann fuhren wir nach Bukarest.

Meine Schwester und ihr Freund machten sich gemeinsam auf den Weg nach Palästina. Das Schiff wurde von den Engländern gekapert, und sie wurden in einem Lager in Zypern interniert. Dort wurde ihre Tochter Shula geboren. Ich weiß nicht mehr wie lange sie dort bleiben mussten, bis sie dann endlich nach Palästina hereingelassen wurde.

In Rumänien war inzwischen der Kommunismus ausgebrochen, da habe ich zu meiner Familie gesagt, dass ich flüchten werde. Aber an der rumänisch- ungarischen Grenze haben sie mich erwischt. Von der Grenze bis nach Klausenburg, wo ein Militärgefängnis war, musste ich zu Fuß gehen - auch die Soldaten gingen zu Fuß - das waren immerhin 125 Kilometer. Ich wurde zu drei Monaten verurteilt, und da hatte ich noch Glück, denn wäre ich volljährig gewesen, hätten sie mich zu zwölf Jahren verurteilt.

Das war psychologisch interessant: Als ich in das Gefängnis hereinkam, die Tore schlossen sich, hätte ich am liebsten Selbstmord begangen. Dann aber kommt man in die Maschinerie: es werden die Haare geschoren, man bekommt eine Uniform, und die Fingerabdrücke werden genommen. Es waren sechzig Mann in einer Zelle, dreißig oben, dreißig unten. Und plötzlich entstand eine Art Freundschaft unter den Gefangenen, dass ich nicht mehr weggehen wollte. Es gab harte Zeiten am Tag, aber am Abend befand ich mich in einer großen Familie.

Wir mussten schwer arbeiten, zum Teil als Holzfäller. Das Essen war Wasser mit ein wenig Gemüse zum Mittag. Ich wurde Gefängniselektriker und marschierte jeden Tag mit einem Soldaten mit aufgestelltem Bajonett durch die Stadt, um in den Wohnungen von Offizieren die Elektrik zu reparieren. Glücklicherweise, an Vortag des Tages, an dem mein Vater mich besuchte, suchte der Chauffeur des Militärrichters beim Morgenappell einen Elektriker für das Auto des Militärrichters. Bevor ich ins Gefängnis ging, hatte meine Mutter mir goldene Münzen in meine Hosen genäht und Dollarnoten in Zigaretten versteckt. Niemand hatte etwas bemerkt. Ich wollte die Dollar und die Münzen aber loswerden und meinem Vater geben. Ich hatte keine Ahnung von Autorelektrik, meldete mich aber trotzdem, damit ich hinauskomme. Am Auto des Militärrichters putzte ich ein wenig herum, traf dann meinen Vater und übergab ihm die Goldmünzen und die Dollarnoten. Beim Abendappell fragte mich der Chauffeur des Militärrichters: 'Ist das Auto in Ordnung?' 'Ja, bestens', habe ich zu ihm gesagt. Am nächsten Tag war Morgenappell. Ich wurde herausgeholt, und der brüllte mich an, weil man das Auto zwei Stunden mit Pferden in die Stadt hatte ziehen müssen und der Autoelektriker sich an den Kopf gefasst hatte, als er meine Arbeit begutachtete. So war das! Ich nahm das alles mit Humor.

Dann bekam ich Scharlach. Man ließ mich nicht aus dem Gefängnis heraus, obwohl die drei Monate vorbei waren. Aber mein Vater kannte einen, der bestach den Gefängnisarzt. Der gab mir eine Tetanusspritze gegen Scharlach, damit ich niemanden anstecke im Zug. Daraufhin bekam ich eine Tetanusvergiftung, aber ich war wieder in Bukarest.

Der Kinobesitzer aus Czernowitz, bei dem ich gearbeitet hatte, war inzwischen auch in Bukarest und besaß auch ein Kino in Bukarest. Ich begann bei ihm als Filmvorführer und als 'Mädchen für alles' zu arbeiten. Außerdem besuchte ich die Landwirtschaftsschule 'Kultura' und machte dort eine Ausbildung zum Automechaniker und Traktoristen. Dem Kinobesitzer gelang die Flucht nach Amerika. In Los Angeles wurde er Generaldirektor einer Damenunterwäschefirma und ich besuchte ihn sogar einmal in den USA.

Bukarest vor dem Krieg wurde 'Klein Paris' genannt und das Nachkriegsbukarest war auch noch sehr schön und sehr lebendig. Heute beginnt es wieder schön zu werden. Ich war vor einem Monat geschäftlich in Bukarest. Es hat sich seit dem Zusammenbruch des Sozialismus schon völlig geändert, es wird bestimmt wieder einmal so werden wie es vor dem Krieg war.

Dann durften meine Eltern und ich offiziell ausreisen, weil die Eltern durch ihre polnischen Pässe ein Recht darauf hatten, nach Polen zu fahren. Wir fuhren nach Wien, und der Anfang war ziemlich schwer. Zuerst einmal wohnten wir in der Lackierergasse im 9.Bezirk, dann in einer Seitengasse der Währinger Straße, und dann im 8. Bezirk, in der Albertgasse. Mein Vater bekam Arbeit als Kaufmann und fühlte sich bald sehr wohl. Er gründete eine Holzfirma, dann ein Juweliergeschäft. Und dann verdiente er sein Geld mit dem Vertrauen, dass er sich als guter Geschäftsmann bei seiner Bank aufgebaut hatte. Er arbeitete für Leute, die Geld in andere Länder überweisen wollten, was in dieser Zeit noch nicht Standart war und dadurch meinen Vater beanspruchten, der das für sie organisierte.

Ich arbeitete in Wien für die sozialistisch zionistische Jugendbewegung Gordonia, die die Tochterorganisation der israelischen Arbeiterpartei Mapai war. Bereits in Bukarest war ich für dieser Organisation tätig, in Wien wurde ich einer der leitenden Leute. 1950 übersiedelte ich mit einem Freund nach Israel. In Haifa wurde ich von Bewohnern meines künftigen Kibbutz [16] empfangen, der in der Nähe von Gaza liegt. Ich konnte hinüber schauen nach Gaza, dass damals zu Ägypten gehörte. Im Kibbutz arbeitete ich als Traktorist und Kombeinist, und ich lernte meine erste Frau, Noomi Amir, eine jemenitische Jüdin kennen. Ich verliebte mich bis über beide Ohren in sie. Sie hat eine sehr liebe Mutter, zu der ich auch jetzt noch Kontakt habe und sieben Geschwister: Schlomo, Abraham, Josef, Rifka, Rachel, Schoschana und - an den letzten Namen kann ich mich nicht mehr erinnern. Im Kibbuz wohnten auch Soldaten und Soldatinnen von der Grenze und Naomi absolvierte gerade ihre Armeezeit. Da es ein Grenzkibbutz war, plädierte ich dafür, dass wir zum Militär gehen sollten. Wer in einem Grenzkibbutz lebte, brauchte nicht zum Militär. Meine Kollegen wollten auch zum Militär, aber der Kibbutz war nicht damit einverstanden. Es gelang mir, mich durchzusetzen, und wir gingen zur medizinischen Untersuchung für die Armee, und wen nahm man nicht zum Militär? Mich! Nach der medizinischen Untersuchung stand in meinem Dokument: Untauglich für das Militär! Angeblich hätte ich was mit dem Herzen. Das war Blödsinn, denn ich habe nichts mit dem Herzen, aber der Idiot, ein Dummkopf war dieser Arzt, nahm mich nicht. Ich fuhr allein zurück in meinen Kibbuz, und das sah sehr blöd aus: Der Kämpfer kommt zurück! Es war mir auch sehr unangenehm, denn man wurde oft kontrolliert, und ich musste immer dieses Dokument herzeigen - daraufhin verließ ich den Kibbutz.

Ich fuhr nach Tel Aviv zu meiner Schwester und ihrem Mann. Heute wohnt meine Schwester in Omer bei Ber Sheva, einer sehr kleinen Stadt. Ich habe bei ihr gewohnt und als Traktorist in Rechowot arbeitete. Rechowot ist eine Stadt außerhalb von Tel Aviv, und ich musste sehr früh aufstehen und den ganzen Tag arbeiten.

1950 haben Noomi und ich in Tel Aviv geheiratet. Noomi war aus sehr frommen Hause, aber sie wollte nicht religiös leben und nicht einmal die Kerzen am Freitag zünden. Es war immer sehr festlich, wenn meine Mutter die Kerzen zündete, deshalb bat ich meine Frau darum, aber leider umsonst. Mein Schwager wollte mit mir zusammen eine Radiowerkstatt eröffnen. Da wir beide kein Geld hatten, fragten wir den Inhaber des Hauses, in dem ich inzwischen mit meiner Frau wohnte, ob wir in einem anderen Haus, das auch ihm gehörte, eine Werkstatt unter den Stiegen einrichten dürften. Als es schon fast so weit war, sagte meine Frau eines Tages, dass ein weitläufiger Verwandter von ihr, der in der Stadtverwaltung in Tel Aviv arbeitete, sie aufgesucht habe, um ihr zu sagen, dass in dem Haus, in dem wir die Werkstätte eröffnen wollten ein Bezirksrichter wohnt, der sich an unseren städtischen Richter gewandt hatte, weil er den Lärm fürchtete und damit gedroht habe, das Geschäft zu zerstören, wenn es entsteht. Ich ging mit meinem Schwager am Abend zu dem Richter und bat ihn, unser Geschäft nicht zu zerstören. Er nahm seinen 10jährigen Sohn, legte die Hand auf dessen Kopf und schwor, dass er es nicht tun werde. Das war gelogen, unser Geschäft wurde zerstört. Daraufhin beschloss ich, in diesem Land nicht zu leben. Ich verließ Israel und fuhr mit meiner Frau nach Wien. Das war im Jahre 1953.

Als wir in Wien ankamen halfen uns zuerst meine Eltern. Ich begann Schwachstromtechnik zu studieren und arbeitete nebenher für die Jewish Agency [17]. Zu dieser Zeit kamen wegen einer antisemitischen Welle in Polen jeden Tag fünfhundert jüdische Flüchtlinge nach Wien, die nach Israel oder woandershin emigrieren wollten. Ich musste sie am Bahnhof abholen, verköstigen und dann zum Flughafen oder zur Bahn bringen. Und ich habe in der israelischen Botschaft als Nachtwächter gearbeitet, dass waren meine Jobs. Und zu gleicher Zeit studierte ich.

Als ich mit dem Studium fertig war, wollte ich komischerweise zurück nach Israel. Aber ich wollte auf meinem Gebiet arbeiten, und es gelang mir, vierzig Generalvertretungen der großen elektronischen Firmen Deutschlands zu bekommen, die letzte war die Firma 'Zuse'. Konrad Zuse war der Erfinder der Computer. Er baute den ersten programmgesteuerten Rechner der Welt. Er ist bekannt in der ganzen Literatur. Der Firma Zuse begegnete ich in Wien auf einer Messe und bewarb mich als Generalvertreter. Ich bekam die Vertretung und musste viel lernen. Ich ging nach Bad Herzfeld [Deutschland], dort war die Firma ansässig. Während des Lernens ließ mich Herr Zuse zu sich rufen, die Firma bestand aus ungefähr 150 Mitarbeitern, und bot mir an, die Exportabteilung aufzubauen. Er hat mir ein Gehalt angeboten, dass ich nicht ablehnen konnte, so gut war es. Das war 1959. Die Vertretungen übertrug ich einem anderen und blieb bei Zuse als Export - und Produktforschungsleiter. Vom kaufmännischen hatte ich keine Ahnung und ging durch die harte Schule des Schwagers von Herrn Zuse, der ein 'Hamburger Kaufmann' war - 'Hamburger Kaufmann', das ist ein Titel. Er formte mich zum Kaufmann. Alles, was ich dann wurde, verdanke ich ihm.

Meine Frau hatte sich geweigert mit mir nach Bad Herzfeld zu kommen. Sie blieb in Wien, aber die Ehe war bereits kaputt, als wir aus Israel nach Wien kamen. Unsere Tochter Nava wurde 1960 in Tel Aviv geboren, die Ehe wurde geschieden.

Als ich bei Zuse aufgenommen wurde im Export, ich wollte damals noch nach Israel zurück, sprach ich mit Zuse darüber, dass es nicht schlecht wäre, wenn er eine Fabrik in Israel hätte. Das leuchtete ihm ein. Es war das Jahr 1961 und zwar der Tag, an dem Eichmann [18] geschnappt wurde. Zuse war kein Nazi und wurde deswegen auch mit allen Ehren eingeladen. Israel gefiel ihm sofort, und er holte seine Führung - die Techniker und alle wichtigen Leute - nach Israel, damit sie sich alles ansehen. Am letzten Tag der Verhandlungen, sagte ihm der Generalsekretär des israelischen Ministeriums, er wird ihm nur die Genehmigung geben, wenn er 50 Prozent Partner wird. Damit war die Sache erledigt. Der Mann vom Ministerium wurde dann mit einer anderen Sache geschnappt und saß 15 Jahre im Gefängnis - da hatte ich eine große Freude.

Meine zweite Frau, Gudrun Heinemann, lernte ich in Kassel kennen. Bad Herzfeld liegt 80 km von Kassel entfernt, und an den Wochenenden waren meine Arbeitskollegen und ich oft in Kassel und in der Umgebung. Ich lernte sie beim Tanzen kennen. Meine zweite Frau war keine Jüdin. Sie wollte anfänglich zum Judentum übertreten, hat es dann aber nicht getan.

Im Jahre 1967 schaute ich, das war meine Aufgabe, was es an Neuigkeiten auf dem Markt gibt, dass man mit in die Anlagen, die Zuse baute, hinein nehmen konnte. Das hieß Produktforschung. Ich fand einen neuen Computer in Amerika und Zuse sagte, das wäre interessant. Ich fuhr nach Amerika und bekam die Lizenz, auch der Preis war akzeptabel. Aber Zuses Entwickler - aus lauter Stolz - sagten, sie erfinden das selber. Auf dieser Sitzung habe ich gesagt: 'Meine Herren, jetzt werdet ihr Pleite machen!' Im Jahre 1969 wurde die Firma Zuse von Siemens übernommen. Zuerst waren andere Übernahmen, aber die letzte war Siemens. Siemens bot mir einen Job an und nach langen Überlegungen nahm ich ihn an und wurde der Direktor des Datenverarbeitungsvertriebs für den Osten; Sitz in Wien. Bei Siemens fühlte ich mich sehr schlecht, Administration war nichts für mich.

Von 1970 bis 1974 arbeitete ich in Berlin bei IBM. Von 1970 bis 1974 lebten wir in Berlin, 1972 wurde unsere Tochter Tamara in Berlin geboren. Bei IBM leitete ich die gesamten Tätigkeiten der Firma in der DDR. Ich kam 1974 zurück nach Wien, kaufte ein Reihenhaus, damit unsere Tochter, weil sie ja noch klein war, einen Garten hat und arbeitete von Wien aus weiter für IBM. Ich war dort bis 1990, achtzehn Jahre insgesamt. Und danach arbeitete ich noch sechs Jahre für IBM außerhalb der Firma. Dann gründete ich eine eigene Firma, das war 1991. 1997 bat mich die Firma 'Lucent Technologies', Berater für Rumänien und Bulgarien zu sein. Das war meine Arbeit bis zum Jahre 2000. Kurze Zeit später, auch im Jahre 2000, bekam ich einen Antrag vom drittgrößten russischen Erdölkonzern TNK, Treuhand Finanz. Da verwaltete ich viel Geld. Dann mussten die wegen der Europäischen Union nach Zypern und ich stand, 75jährig, von Juli 2003 bis April 2004 ohne Job und suchte intensiv nach einem neuen Job, den ich im April fand, in einer Firma für Hydrokultur. Sechzehn Mitarbeiter hat die Firma, und wir sind ganz groß im Import und Export von Schnittblumen, Textilblumen und Rosen - und das weltweit.

Die ganzen Jahre hielt ich die Hohen Feiertage [19], fuhr zum Beispiel, als ich in Bad Herzfeld lebte zum Jom Kippur [20] nach Frankfurt, um in einer Synagoge beten zu können. Meine Eltern starben 1984, zuerst meine Mutter, drei Wochen später mein Vater. Sie liebten sich vom ersten bis zum letzten Tag und konnten nicht ohne den anderen leben. 1 ½ Jahre vor ihrem Tod waren sie nach Israel zu meiner Schwester gezogen. Da sie sich in dem kleinen Ort Omer nicht wohl fühlten, kamen sie nach einem halben Jahr wieder zurück nach Wien und verbrachten ihr letztes Jahr im jüdischen Altersheim, dem Maimonides Zentrum.

Nach dem Tod eines nahen Verwandten muss man ein Jahr Kaddisch [21] in der Synagoge sagen, jeden Tag in der Früh und am Abend. Das habe ich getan, und seitdem gehe ich jeden Morgen in den Tempel. Früh um fünf Uhr läutet der Wecker, schon bin ich auf. Um 7 Uhr bin ich im Tempel beim Beten, dann sitze ich noch eine Stunde im Kaffeehaus und dann geht die Arbeit los.

Ich mag keine Politiker, das sind lauter Lügner, Betrüger und Karrieristen, mit denen will ich nicht in einem Boot sitzen. Ich will frei sein, und ich sag denen meine Meinung. Ich vertrete nie eine Partei. Wenn ich etwas sage, ist das wie die 'Heilige Schrift', von der man weiß, es ist so. Das hat einmal die Zeitschrift 'Trend' in einem Artikel über mich geschrieben. Ich bin kein Verschönerer, ich sage oft sehr hart meine Meinung und niemand kann mir etwas entgegnen.

Ich fahre regelmäßig nach Israel, besuche meine Schwester in Omer, und meine ältere Tochter Nava in Hod HaSharon bei Herzlia. Sie hat in Israel Arabistik studiert und arbeitet als Lehrerin, ist verheiratet und hat zwei Kinder: Eden und Kati. Jetzt fahre ich wieder mit meiner jüngeren Tochter Tamara zusammen nach Israel. Sie lebt in Wien, hat die Wirtschaftsuniversität besucht und arbeitet in einer Bank. Israel ist für die Juden in der Welt das wichtigste Land. Es ist die einzige Lösung, damit ein Jude, wenn etwas passiert, weiß, dass er dorthin gehen kann. Das ist unser Land! Andererseits ist es aber auch ein ganz normales Land, was viele Nichtjuden nicht wissen, denn sie glauben, der Jude muss etwas Besonderes sein. Der Jude ist ein Mensch mit positivem und negativen Eigenschaften - wie andere auch. Leider ist Israel von lauter Diktaturen und keinen Demokratien umgeben, und das will die Welt nicht sehen. Israel ist ein demokratisches Land und diesen Diktaturen ein Dorn im Auge, das ist ganz normal. Aber wie Israelis manchmal die Araber behandeln, ist sicher nicht meine Linie.

Als ich in Deutschland war, hatten die Leute mir als Jude gegenüber oft Schuldgefühle. Das war mir nicht recht, aber in Österreich existiert ein latenter Antisemitismus. Der ist fast nie offen, sondern hinten herum. Dieser Antisemitismus geht immer mehr durch sämtliche Kreise. Er war einmal unten, aber es geht wieder hinauf: so spür ich es. Jetzt zum Beispiel versteckt durch die Kritik an Israel und Amerika. Unlängst hörte ich als Argument gegen Amerika, die Amerikaner hätten ja Dresden völlig zerstört und es hätte sehr viele Tote gegeben. Daraufhin sagte ich: 'Und was ist mit Rotterdam, das haben die Deutschen zerstört!' Oder wenn man mir sagt: 'Ich kann das schon nicht mehr hören, immer dieser Holocaust, immer das Gleiche!' Dann sage ich: 'Uns Juden wirft man seit 2000 Jahren vor, dass wir einen Menschen ermordet haben. Mag sein, das stimmt, ich weiß es nicht. Aber nehmen wir an, es stimmt. Und ich darf nicht fünfzig Jahre später an meine Verwandten und Bekannten denken, wenn sechs Millionen ermordet wurden?' So ist die Sache, so ist der Fall!

 

Glossar

[1] Scheitl [Scheitel]: Die von orthodox-jüdischen Frauen getragene Perücke.

[2] Franzos, Karl Emil [1848 - 1904], Schriftsteller und Publizist. Er verfasste Reisebeschreibungen über die östlichen Kronländer, sowie Novellen und Romane über das Leben der ostgalizischen Juden und der ruthenischen Bauern. Sein wichtigstes Werk, der Entwicklungsroman 'Der Pojaz' erschien postum 1905.

[3] Ausländer, Rose [geb. als Scherzer, Rosalie, 1901 - 1988]: Warum ich schreibe? fragte die deutsch-jüdische Dichterin in einem ihrer autobiographischen Aufzeichnungen und gibt zur Antwort: 'Vielleicht weil ich in Czernowitz zur Welt kam, weil die Welt in Czernowitz zu mir kam. Jene besondere Landschaft, die besonderen Menschen, Märchen und Mythen lagen in der Luft, man atmete sie ein.

[4] Celan, Paul [geb. als Paul Ancel, 1920 in Czernowitz, damals Rumänien - 1970 in Paris] eigentlich Paul Ancel, gilt als hervorragender Vertreter der deutschsprachigen Lyrik der Nachriegszeit. Um den 20. April 1970 herum nahm sich Paul Celan in Paris das Leben.

[5] Meerbaum-Eisinger, Sielma 1924 in Czernowitz/Bukowina geboren und starb 1942 im deutschen Arbeitslager Michailowska, westl. des Bug Selma. Sie gehört nicht wie ihr berühmter Onkel Paul Celan zu den von den Nazis verfolgten Dichtern, deren Werke auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Sie war erst 15 Jahre alt und schon eine Dichterin. Als Dichterin konnte sie nicht, wie es vielen Autoren über 1945 hinaus erging, vergessen werden - Selma Meerbaum-Eisinger wurde erst gar nicht bekannt.

[6] Rezzori, Gregor von, wurde 1914 in Czernowitz studierte an der Montanuniversität in Leoben Architektur und Medizin an der Universität Wien. Nach dem Krieg Redakteur und ab 1946 freier Mitarbeiter beim NWDR Hamburg. Lebt seit 1960 in der Toskana. Wirkt als Schauspieler in zahlreichen Filmen mit. Bis 1984 staatenlos, seither Österreicher. Gregor von Rezzori stirbt am 23. April 1998 in seinem Haus in der Toskana / Italien.

[7] Elieser Steinbarg: Elieser Steinbarg 1880-1932 war einer der bedeutendsten jiddisch schreibender Dichter und Fabelerzähler.

[8] Itzig Manger wurde 1901 als Sohn eines Schneiders in Czernowitz geboren. Mit 27 Jahren wanderte er nach Polen aus und lebte bis 1939 in Warschau. Flucht nach Paris und London bis 1951, dann emigrierte er in die USA. Er war einer der größten jiddischen Dichter und starb 1969 in New York.

[9] Joseph Schmidt wurde 1904 in Davideny, nahe Czernowitz, geboren. Trotz einer Körpergrosse von 1,60 m wurde aus Joseph Schmidt in den 1930er-Jahren eine der schillerndsten Gesangsgrößen seiner Zeit. Nach der Annexion Österreichs 1938 floh er erst nach Brüssel und dann nach Südfrankreich. Fast mittellos lässt er sich in Lyon nieder. Sein Versuch nach Kuba zu emigrieren, scheitert. Schließlich passiert er 1942 illegal die Grenze zur Schweiz, da ihm die Einreise verweigert wurde. Im Internierungslager Girenbad stirbt er 38jährig durch unmenschliche Behandlung 1942 an Herzversagen.

[10] Koscher [hebr.: rein, tauglich]: den jüdischen Speisegesetzen entsprechend.

[11] Schabbat [hebr.: Ruhepause]: der siebente Wochentag, der von Gott geheiligt ist, erinnert an das Ruhen Gottes am siebenten Tag der Schöpfungswoche. Am Schabbat ist jegliche Arbeit verboten. Er soll dem Gottesfürchtigen dazu dienen, Zeit mit Gott zu verbringen. Der Schabbat beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend.

[12] Keren Kajemet [Keren Kayemet]: Der Jüdische Nationalfonds (JNF) wurde 1901 gegründet, um Land für jüdische Landwirtschaftssiedlungen zu erwerben und Erschließungs-, Urbarmachungs- und Aufforstungsprojekte in Palästina durchzuführen

[13] Transnistrien: Östlich des Dnestr gelegene Teil Moldawiens. Transnistrien wird hauptsächlich von Russen und Ukrainern bewohnt. Von 1941 bis 1944 wurde das Gebiet als Transnistria bezeichnet und an Rumänien, das sich am Krieg gegen die Sowjetunion beteiligte, angeschlossen. Viele rumänische Juden wurden nach Transnistria deportiert und dort ihrem Schicksal überlassen. Die Überlebenden kehrten 1945 nach Rumänien zurück.

[14] Pessach: Jüdisches Fest, erinnert an den Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten, welcher die 200 Jahre währende Knechtschaft beendete. Jegliche gesäuerte Speise [Chamez] ist verboten, und so wird ungesäuertes Brot (Mazza) verzehrt.

[15] Mazza [Mrz.: Mazzot] ungesäuertes Brot.

[16] Kibbutz [Pl.: Kibbutzim]: landwirtschaftliche Kollektivsiedlung in Palästina, bzw. Israel, die auf genossenschaftlichem Eigentum und gemeinschaftlicher Arbeit beruht.

[17] Jewish Agency: Jewish Agency for Israel - 1929 gegründete Vertretung jüdischer Interessen zur Zeit des britischen Mandats über Palästina. Die Jewish Agency handelte als offizielle Repräsentanz des jüdischen Volkes. Nach der Gründung des Staates Israel wurde der Vorsitzende der Jewish Agency, David Ben Gurion, der erste Ministerpräsident. Viele Aufgaben der Agency wurden vom Staat übernommen. Sie blieb aber verantwortlich für Einwanderung.

[18] Eichmann, Adolf: Kriegsverbrecher, entzog sich durch Flucht dem 'Nürnberger Kriegsverbrecherprozess' und wird 1960 in Argentinien vom israelischen aufgespürt und nach Israel entführt. Im April bis Dezember 1961 findet der Eichmann - Prozess in Israel statt. Er bekennt sich nicht schuldig im Sinne der Anklage und beruft sich auf Befehle von Vorgesetzten. Eichmann wird in erster und zweiter Instanz zum Tode verurteilt.

[19] [Die] Hohen Feiertage: Rosch Haschana [Neujahrsfest] und Jom Kippur [Versöhnungstag]

[20] Jom Kippur: der jüdische Versöhnungstag, der wichtigste Festtag im Judentum.

[21] Kaddisch [hebr.: kadosch = heilig]: Jüdisches Gebet zur Lobpreisung Gottes. Das Kaddisch wird auch zum Totengedenken gesprochen.

 

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Bruno Bittmann
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
Juli
Jahr des Interviews:
2004
Wien, Austria

HAUPTPERSON

Bruno Bittmann
Geburtsjahr:
1928
Geburtsort:
Czernowitz
Geburtsland:
Rumänien

AUDIO - INTERVIEW

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