Alice Granierer

Wien, Österreich

Alice Granierer 
Wien 
Österreich 
Name des Interviewers: Arthur Schnarch 
Datum des Interviews: Februar 2002 

 

Alice Granierer ist eine schlanke und sehr quirlige 73-jährige Frau.

Sie empfängt mich mit ihrem Mann in ihrer Innenstadtwohnung sehr herzlich und bietet mir auch bald darauf in ihrer unprätentiösen Art das Du-Wort an.

Sie erzählt sehr flüssig und schmückt alles mit vielen kleinen Anekdoten aus und hat sichtlich Spaß dabei.

 

 

 

 

 

  • Meine Familiengeschichte

Von all meinen Großeltern habe ich nur die Mutter meiner Mutter kennen gelernt. Sie hieß Marie Ribner und ist 1867 in Budapest geboren. Sie ist zusammen mit meinem Großvater Jakob Beck nach Wien gekommen. Sie hat zwölf Kinder zur Welt gebracht, neun sind geblieben, drei sind gestorben.

Die Großmutter hat nicht weit von uns, in der Beuerlegasse 8, im 20. Wiener Gemeindebezirk gewohnt, und wir haben sie oft besucht - meine Mutter hat sehr an ihrer Mutter gehangen.

Mein seliger Großvater Jakob Beck stammte aus Polen. Er war reisender Vertreter und ist in ganz Österreich herumgekommen.

1928 war er geschäftlich in Knittelfeld unterwegs und wurde von einem Automobil überfahren, und er ist gestorben. Da die Omama nicht genug Geld hatte, um ihn nach Wien überführen zu lassen, ist er in Knittelfeld begraben worden.

In Knittelfeld gibt es einen kleinen jüdischen Friedhof mit neun Gräbern. Nach dem Krieg ist meine Mutter natürlich gefahren, ihren Vater am Friedhof zu besuchen, und ich bin mitgefahren. Da hatte sich ein Bauer diesen Friedhof gekauft.

Als wir zum Friedhof hineinwollten, mussten wir beim Bauern läuten, damit er uns hereinlässt. Einige Zeit ist es sehr gut gegangen. Aber der Bauer hatte zwei so große Hunde, die gebellt haben, wenn er uns das Tor geöffnet hat, da habe ich mich immer gefürchtet.

Eines Tages mussten wir nicht mehr beim Bauern klingeln, sondern von der Grazer Kultusgemeinde die Schlüssel holen, um auf den Friedhof zu kommen. Der Bauer war dann nicht mehr freundlich. Er hat gesagt: 'Ich weiß nicht, wozu Sie herkommen. Wissen Sie überhaupt, wer dort liegt?' Ich habe gesagt: 'Was heißt, wer da liegt? Mein Großvater liegt da.

Sie sehen den Namen auf dem Grab.' Dann sagte er: 'Im 38er Jahr sind Leute gekommen, haben jedes Grab aufgeschaufelt, weil ma ja gwusst ham, dass die Juden Gold und wertvolle Sachen versteckt ham in die Gräber, die ham aba nix gefunden.

Ham ma alles wieder zam gemacht. Wer seitdem dort wirklich liegt, weiß ich nicht.' Ich habe gesagt: 'Mir erzählen Sie keine Geschichten. Für mich ist im Grab mein Großvater. Ob jetzt andere Gebeine da liegen oder er - das ist mir egal.' Zwei Jahre später hat der Bauer den Grund verkauft, dort war dann eine Hundezuchtanstalt.

Aber nach ein paar Jahren hat die jüdische Gemeinde Graz die Steine von der Mauer in die Mitte verlegt. Angeblich sind sie - wir waren nicht mehr dort - jetzt wieder zurück zur Mauer mit neuen weißen Grabsteinen.

Väterlicherseits ist mir nur die Großmutter bekannt, meine Tanten haben zwar von ihrem Vater erzählt, aber ich weiß nicht einmal mehr den Namen.

Aus der Geburtsurkunde meines Vaters, Abraham Silberberg, der jüdischen Gemeinde Krakau geht hervor, dass er der Sohn der Pesel Silberberg ist und diese wiederum die Tochter von Naftali und Braindl Silberberg war. Mehr weiß ich leider nicht.

Mein Vater Abraham Silberberg wurde am 22. Mai 1892 in Krakau geboren und ist am 12. Juli 1968 in Wien gestorben. Zwei Schwestern meines Vaters habe ich kennen gelernt.

Tante Surele war vier Jahre älter als mein Vater und mit Hermann Neiger verheiratet. Sie hatten fünf Kinder, haben sich vor dem Holocaust zuerst in einem Kloster versteckt und danach als Christen bei Bauern gelebt und gearbeitet, sie hatte den Kindern das 'Vater Unser' beigebracht.

So haben sie überlebt. Nach dem Krieg waren sie in München [Deutschland] und dann sind sie nach New York [USA] gegangen.

Die Tante Feigele wurde 1885 geboren und hat nach dem Krieg in Stockholm [Schweden] gelebt. Ich habe sie erst nach dem Krieg kennen gelernt. Da haben wir uns in Wien getroffen. Während des Krieges war sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Auschwitz.

Ihr Mann und ihre Tochter sind umgekommen. Nach dem Krieg hat sie den Bruder ihres Mannes getroffen und hat ihn geheiratet. Sie hat mit ihm in Stockholm gelebt. Kinder hatten sie keine mehr.

Mein Vater ist in den frühen 1920er-Jahren nach Wien gekommen und hat Zeit seines Lebens als Vertreter für Büroartikel gearbeitet. Er war Reisender und ist oft in die Schweiz und nach Deutschland gefahren und hat dort Blaupapier, Bleistifte und solche Sachen en gros verkauft. Er hat die Aufträge akquiriert und hat meist dann auch die Ware geliefert.

Meine Mama Berta, geborene Beck, wurde am 10. November 1904 in Wien geboren. Meine Eltern haben Mitte der 1920er-Jahre geheiratet. Meine Mama hat dem Vater bei seinen Geschäften geholfen und uns Kinder versorgt. Nachdem sie aus einer sehr kinderreichen Familie kam, hatten wir viele Onkel und Tanten.

Onkel Willi war mit einer Christin, die übergetreten war, der Tante Maria, verheiratet. Während des Krieges waren sie in Palästina, und er hat sie von vorn und von hinten bedient. Nachher sind sie wieder nach Wien zurückgekommen und haben am Gürtel gewohnt. Er hat mit Baumwollstoffen gehandelt und war der Einzige in der Familie, der es zu etwas gebracht hat.

Onkel Xandl, also eigentlich Alexander Beck, hat es auch nach Palästina geschafft. Er hat in Haifa eine Arbeit gehabt, und als wir auch dort waren, hat er uns eines Tages einen Esel geschickt. Und er schrieb noch einen Brief: 'Liebe Berta, damit die fünf Kinder eine Freude haben, habe ich bei den Arabern einen Esel gekauft.

Den schicke ich Euch.' Wir hatten nicht genug Platz zum schlafen, wir sind zu zweit in einem Bett gelegen, und der Esel war draußen auf der Terrasse angebunden. Onkel Xandl war leider allein in Palästina, da sein Sohn Fritz sich mit der Jugend-Alijah [1] nach England gerettet hatte und seine Frau und seine Tochter Edith nach Auschwitz deportiert worden sind.

Seine Frau ist nicht mehr zurückgekehrt, aber Edith hat überlebt und ist heute in New York. Fritz lebt heute in Los Angeles [USA]. Onkel Xandl ist nach dem Krieg nach Wien zurückgekehrt und 1976 gestorben.

Dann gab es noch Onkel Bela Beck, der mit der Mitzi verheiratet war. Die beiden haben sich nach Palästina gerettet, wo ihr Sohn Arie geboren ist. Sie hatten noch eine Tochter Gerti, die in Wien bei einer christlichen Schwester ihrer Mutter den Krieg überlebt hat.

Das ging, da die Mitzi übergetreten war. Gerti und Arie leben heute in Wien. Bela und seine Frau Mitzi, Xandl und Willi und seine Frau Maria, sind 1938 nach Brünn [heute Tschechien] geflüchtet und von dort mit einem illegalen Schiff nach Palästina gekommen.

Die Tante Resi war mit Jakob Berkovic verheiratet. Mit Onkel Jakob hatte sie eine Tochter Anni, und aus erster Ehe mit einem Földes hatte sie noch einen Sohn namens Jacki. Sie sind auch über Brünn mit dem Schiff nach Palästina gekommen.

Einige Tage bevor das Schiff weggegangen ist, hat dort die Kultusgemeinde gesagt: 'Nehmt doch nicht die Kinder mit. Es kommt jetzt ein legaler Kindertransport. Und warum wollt ihr die Kinder mitnehmen auf ein illegales Schiff, wenn die Kinder bequem und gut fahren können.'

Aber der Hitler ist inzwischen einmarschiert. Die Kinder sind nicht mehr nach Palästina gekommen. Jacki und Anni sind mit meiner Großmutter Marie Beck nach Theresienstadt [heute: Tschechien] deportiert worden.

Anni ist mit der Großmutter weiter nach Maly Trostinec [heute: Weißrussland] überführt und dort erschossen worden. Jacki hat überlebt und mir die ganze Geschichte erzählt. Resi und Jakob sind nach dem Krieg nach Wien zurückgekehrt - Resi starb in den 1970er-Jahren in Wien.

Die Tante Rosa war mit Osias Gross-Sonntag verheiratet, sie hatten drei Kinder: Hermann, Sidi und Erni. Sidi konnte sich nach Palästina und Ernie nach England retten. Osias und Hermann wurden schon 1938 ins KZ Buchenwald [Deutschland] deportiert. Tante Rosa hat dann die Aschenurnen zugestellt bekommen. Sie wurde dann ins KZ Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Es gab da noch eine Schwester meiner Mutter, die hieß Anna und ist noch vor meiner Geburt an Typhus gestorben. Und ein Bruder Hermann ist 1933 nach Palästina ausgewandert und dort bei einem arabischen Anschlag umgekommen.

 

  • Meine Kindheit

Mein Name ist Alice Granierer, geborene Silberberg. Ich bin 1929 in Wien geboren. Ich war das älteste von fünf Kindern und habe die ersten sechs Jahre meines Lebens im 20. Bezirk, in der Dammstraße verbracht. Ich erinnere mich noch, es war eine wunderschöne Wohnung in einem Neubau.

Die Großmutter Marie hat ganz in der Nähe gewohnt, und es gab jede Menge Onkel und Tanten.

1932 und 1933 wurden meine Schwestern Ruth und Inge geboren.

Im 1935er-Jahr hat mein seliger Vater gesagt, er spürt etwas kommen. Im selben Jahr sind wir alle nach Palästina ausgewandert. Mein Vater, wir drei Mädchen und meine Mutter hochschwanger mit meinem Bruder Naftali, der dann in Tel-Aviv zur Welt gekommen ist.

Da meine Mutter sehr an ihrer Mama gehangen ist und die Großmama kein Visum bekommen hatte, um nach Palästina mitzufahren und in Wien bleiben musste, hat meine Mutter sehr gelitten. Jeder Brief, der von der Großmutter gekommen ist, war für sie eine Katastrophe, und es haben sich schreckliche Szenen abgespielt.

Ich kann mich erinnern, wie sie immer geweint hat. Meine Mutter hat soviel abgenommen, bis sie fast nur noch 40 Kilo gewogen hat. Also, meine Mutter hatte nach ihrer Mutter solche Sehnsucht, weil sie ja nicht wusste, was mit ihr passieren wird, und da hat sie so geweint, dass mein Vater von Tel Aviv nach Jerusalem gefahren ist und dort aufs österreichische Konsulat gegangen ist.

Als er zurück kam hat er gesagt: 'Berta, ich war jetzt am Konsulat, wir können nach Wien zurück und ein Retourvisum kostet nur fünf Pfund mehr.' Woraufhin meine Mutter zu meinem Vater gesagt hat:

'Schade um die fünf Pfund, weil von meiner Mama werden mich keine hundert Pferde mehr wegbringen. Wir fahren zurück nach Wien.' Mein Vater hat aber nicht auf meine Mutter gehört, und hat ein Retourvisum genommen. Das hat unser Leben gerettet.

Wie sind also 1937 wieder zurück nach Wien gefahren: Mama, Papa und vier Kinder. Gewohnt haben wir bei der Omama im 20. Bezirk, in der Beuerlegasse Nummer 8. Die Schule war eine Katastrophe.

Ich war dreimal in der ersten Klasse. Ich war ein halbes Jahr in Wien in der Schule, dann war ich in Tel Aviv ein halbes Jahr in der Schule, dann bin ich nach Wien zurückgekommen, bin wieder in erste Klasse gegangen.

 

  • Während des Krieges

Mein Vater war wieder geschäftlich in Deutschland unterwegs. Meine Mama war wieder hochschwanger. Und als der Hitler einmarschiert ist, wurde mein Vater sogar in Deutschland verhaftet und war ein paar Wochen im KZ Dachau.

Aber da er noch das Retourvisum gehabt hat, hat man ihn rausgelassen. Er ist von Dachau direkt nach Triest und hat uns die Karten geschickt. Und wir sind vom Bahnhof in Wien nach Triest gefahren. Meine Tanten und die Oma standen am Bahnhof. Da habe ich die Oma das letzte Mal gesehen.

Wir waren nun zu sechst, und meine Mutter war wieder hochschwanger. In Triest sind wir in einem Flüchtlingslager gewesen und dann mit dem Schiff nach Haifa gefahren. Dort ist mein zweiter Bruder Dan zur Welt gekommen. Wir haben in Haifa gewohnt - fünf Kinder in einem kleinen Zriff [dt: Baracke].

Mein Bruder Dani ist in Haifa zur Welt gekommen, und wir haben in Maon Olim [Anm.: Zeitweise Unterkunft für Neueinwanderer] ein Zimmer gehabt und haben dort gewohnt. Wie der Papa die Mama zur Entbindung ins Spital gebracht hat, sind wir Mädchen auf drei Gastfamilien aufgeteilt worden. Nur meinen Bruder Naftali hat er nicht hergegeben.

Ich habe bei der jekkischen [Jekke: deutscher Jude] Familie Luft gewohnt. Sie hatten eine wunderschöne Villa am Carmel. In der Früh wurde meine Bettwäsche zum Lüften in den Garten gegeben, und davor stand ein kleiner Tisch.

Da habe ich Haferflocken mit Milch bekommen. Ich habe gesagt: 'Bitte, bitte, Frau Luft, ich kann Haferflocken nicht essen. Kann ich nicht ein Stück trockenes Brot haben? Kann auch mit Wasser sein, nicht einmal Milch ist notwendig.

Aber bitte keine Haferflocken!' Sie hat gesagt: 'Meine Tochter ist groß geworden mit Haferflocken, und du wirst auch Haferflocken essen, weil das gesund ist.' Mir hat gegraust davor. Also habe ich einen Löffel Haferflocken in den Mund genommen, bin aufgesprungen und hab ihn über die Tuchent ausgespuckt.

Nach zwei Tagen ist mir das nicht so gut gelungen, und es ist die Tuchent voll gewesen. Da hat die Frau Luft gesagt: 'Wenn´s so schlimm ist, dann kriegst du ein Brot.' Und ich musste die Haferflocken nicht mehr essen. Meine Schwester Inge hatte Glück. Die Frau, bei der sie war, konnte keine Kinder haben.

Die wollte sogar meine Schwester adoptieren, aber meine Eltern haben sie nicht hergegeben. Ruthi hatte Pech. Die Frau, bei der sie war, hatte eine Katze. Die Katze war ein unmögliches Viech. 'Ruthi - schon wieder hast du den Käse mir weggegessen', - das war aber die Katze.

Da ist meine Schwester zu meinem Vater gegangen und hat es ihm erzählt, und er hat sie nach Hause genommen, und sie ist nicht mehr dort geblieben.

 

  • Das Leben in Jerusalem

Na und dann ist mein Vater nach Jerusalem gefahren und hat einen Brief geschrieben: 'Berta, ich habe eine Wohnung in Jerusalem gefunden. Komm mit den Kindern nach.' Meine Mutter hat noch den Esel, den wir vom Onkel Xandl bekommen hatten, verkauft, und wir sind nach Jerusalem gefahren. Und bei der Ankunft am Bahnhof sagt mein Vater:

'Wo ist der Esel, Berta?' Das werde ich nie vergessen:

Da sagte meine Mutter zu meinem Vater:

'Du Esel, du lässt mich zurück mit fünf Kindern und verlangst, ich soll noch den Esel mitnehmen. Na, verkauft hab ich ihn.' 'Um wie viel hast du ihn verkauft?' 'Um 30 Piaster.' 'Um Gottes Willen. Das Futter hat ja mehr gekostet!'

Hebräisch war die Sprache, mit der wir Kinder aufgewachsen sind. Wir haben in der Schule hebräisch gesprochen, mit den Kindern beim Spielen und den Nachbarn. Meine Mutter hat es nie gelernt, der Vater hat es ganz gut gesprochen. Wir waren schon so weg vom Deutsch, dass der Papa uns manchmal für die Mama übersetzen musste: Papa wie sagt man? Sag´s der Mama.

Mein Vater hat auch in Palästina Büroartikel verkauft, und die Mutter hat ihm dabei geholfen. Zu manchen Firmen ist gleich meine Mutter gegangen, weil sie dort bessere Abschlüsse gemacht hat.

In Jerusalem haben wir in einer Zweizimmerwohnung gewohnt, da war alles sehr klein. Man ist Stiegen runtergegangen, und ein schmales Fenster war oben, da haben wir gesehen, wie die Leute vorbeigehen. Die Wohnung war in Beth Israel in der Nähe der 'ungarischen Häuser', nicht weit vom orthodoxen Viertel Mea Schearim.

Jeden Samstag hat der Papa uns in der Früh genommen, und wir sind zu Fuß durch den Shuk [Markt] zum Kotel [Klagemauer] gegangen. Wir waren nicht fromm, aber Fasten zu Jom Kippur [2] und ein koscherer [3] Pessach [4] waren Pflicht.

Und dann, wie ich elf, zwölf Jahre alt war, ist meine Mutter mit meinem Vater nach Haifa oder nach Tel Aviv verkaufen gefahren, und ich bin von der Schule zu Hause geblieben und hab vier kleine Kinder betreut. Ich hab alleine kochen müssen.

Und in Israel kochen war nicht: Da-dreht-man-den- Herd-auf, sondern wir hatten einen Primus, so einen kleinen mit Gas betriebenen Kocher. Der ist oben gestanden, und ich bin auf einem Stockerl gestanden und habe gekocht. Was habe ich kochen können mit elf Jahren: Mohnnudeln, einmal Nussnudeln, einmal eine Suppe und Salat.

Ich hab die Kinder zur Schule geschickt, und ich habe für sie gekocht. Meine Mutter hatte gesagt: 'Lizzi, du gehst zu dem Rivlin,' das war der Mann von dem Makolet [Lebensmittelgeschäft], 'der schreibt auf. Wenn ich Donnerstag zurückkomme, bezahle ich das.' So war das. Sie ist sonntags weggefahren, und ich bin zum Rivlin einkaufen gegangen.

Als erstes hab´ ich Nudeln an dem Tag gekocht. Und hab´ die Nudeln mit kaltem Wasser aufgestellt. Das war natürlich verkehrt. Die Nudeln sind geworden wie ein Brei. Ich hab´ nix gehabt, was ich den Kindern geben hätte können, wenn sie von der Schule kommen. Ich hab´ geweint und war unglücklich.

Ich bin zu dem zum Geschäft gegangen: 'Was soll ich machen? Das ist ja Mehl geworden. Du hast mir schlechte Nudeln verkauft.' Der Rivlin hat gesagt: 'Kinderl, wie hast du´s denn aufgestellt?' 'Na, mit kaltem Wasser und Salz.

So hat die Mama das gesagt: In Salzwasser kochen!' Aber in kochendes Wasser musst du sie ´reingeben. Da, nimm diese Nudeln und schmeiß´ das andere weg.' Und so hab ich´s gemacht.

Und mit dem Primus habe ich zum Beispiel folgendes erlebt: Es war Pessach, und die Mama war weg. Die Küche war kohlschwarz von dem Primus. Und ich wollte der Mama eine Freude machen und hab Kalk gemischt, um die Küche auszumalen.

Ich hab Kalk genommen, hab ihn aufgelöst, hab mich auf den Sessel gestellt, hab gepinselt, hab blutig offene Hände gehabt. Der Kalk hat sich in meine Hände reingefressen. Aber die Küche war weiß. Die war so schön sauber, das kann man sich nicht vorstellen.

Wir haben in einer Sackgasse gewohnt, und die Kinder haben immer draußen gespielt, während ich die Wäsche mit der Hand gewaschen habe und gekocht habe. Auf einmal ist mein kleiner Bruder hereingekommen und hatte alle fünf Finger auf der Wange.

Ich sagte: 'Tuli, wer hat dich geschlagen?' 'Der Adon Guzig.' 'Wie kommt er dazu, dich zu schlagen? 'Ich hab mit Schmulik, seinem Sohn, gestritten. Und der Schmulik ist zu ihm weinen gegangen. Da hat er mir eine gegeben. Ich habe meinen Bruder an der Hand geschnappt und bin zum Guzig gerannt.

Herr Guzig war Tischler und vielleicht zwei Meter groß, und riesen Muskeln hat er gehabt, und ich war so klein. Und der beugt sich herunter zu mir. 'Herr Guzig, schämen Sie sich nicht? Meine Eltern sind nicht auf eine Luxusreise gefahren, sie sind arbeiten gefahren, damit wir zu essen haben.

Und Sie schlagen meinen kleinen Bruder. Schämen Sie sich!' Er ist aufgestanden, ist weggegangen und hat nichts gesagt. Ich bin nach Hause gegangen. Das hat mich so fertig gemacht, dass ich auf den Stiegen gesessen bin und geweint habe.

Meine Schwester Inge, die jüngste, ist ein kleines Klaftale [Anm.: großes Mundwerk] gewesen. Sie ist nach Hause gekommen: 'Lizzi, was ist los? Hast du von den Eltern eine schlechte Nachricht?' 'Nein.' Ich habe ihr dann erzählt, was passiert war.

Da sagte sie: 'Was hast du gemacht? Nur gesagt hast du's ihm? Tuli, komm!' Und sie hat ihn geschnappt und ist gegangen. Und Herr Guzig hat sich auch zu ihr heruntergebückt - sie war noch kleiner als ich. Sie sagte:

'Herr Guzig, meinem Bruder haben Sie eine Ohrfeige gegeben? Da haben Sie eine zurück!' Und schmiert ihm eine. Er hat ihr eine zurückgeschmiert, und sie hat gesagt: 'Das tut nicht weh. Aber was ich Ihnen gegeben hab, wird Ihnen keiner wegnehmen.'

Es war nicht leicht, aber trotz allem muss ich sagen, wenn Erev Schabbat [5] gekommen ist, wir haben doch nicht viel Geld gehabt, hat meine Mama eingekauft, damit wir Fleisch und Fisch haben.

Da hat man die kleinen Fischele gekauft und hat sie faschiert und hat gefillte Fisch davon gemacht. Dann hat sie fünf Hühnerflügerl gekauft, damit jedes Kind ein Flügerl hat. Der Papa hat ein Pulkerle [Hühnerbein] bekommen. Und so haben wir jeden Freitagabend gefeiert.

Und beim Essen, wir haben ja keine sieben Sesseln gehabt, saßen immer zwei Kinder auf einer Seemannskiste, mit denen wir eingewandert waren, und die Mama hat Kerzen gezündet.

Trotz allem hatten wir eine schöne, warme Kindheit. Unsere Eltern haben uns gegeben, was sie konnten, mehr haben sie nicht gehabt.

Ich war in einer frommen Schule, der Misrachi [6] - Schule Beth-Sefer- Spitzer, für die man Schulgeld bezahlen musste. Wenn man keines gehabt hat, wurde man aber davon befreit.

Meine Schwestern und ich sind in diese Schule gegangen, und da haben wir auch Mittagessen bekommen. Wir haben dort auch kochen gelernt. Jede Woche war eine andere Klasse zum Kochen dran. Seit ich dort in der Schule war, esse ich keinen Pudding mehr, denn wir haben fast jeden Tag Pudding als Nachtisch gekocht - und jeden Tag war er angebrannt.

Unsere Lehrerin hat immer gesagt: 'Tausende und Tausende von Menschen verhungern im Krieg, und ihr wollt das nicht essen. Es steht keiner vom Tisch auf, bis die Teller nicht leer sind.' Alle sind schon weg gewesen, und ich bin mit meinem Pudding noch gesessen. Hab immer ein Löfferl in eine andere leere Schüssel gerührt.

Mit 14 Jahren habe ich die Schule unterbrochen, damit ich helfen kann, Geld zu verdienen. Ich wurde Verkäuferin in einem großen Warenhaus in Jerusalem und hab mich dort sehr gut gefühlt. Der Chef war ein Deutscher, ein Jecke, Königsfeld hat er geheißen.

Er war ein sehr, sehr, sehr netter Kerl. Zu der Zeit waren noch die Engländer in Palästina, und da gab es nicht viel zu kaufen an Stoffen und so weiter - Geld haben wir eh keins gehabt. Aber dann war eine Gelegenheit: Wir bekamen Punkte.

Jeder Mann und jede Frau konnte mit diesen Punkten für sehr wenig Geld Stoff für einen Anzug, ein Kostüm, für ein Kleid oder irgendwas kaufen. Nun hatten wir die Punkte, aber Geld hatten wir keines. Da bin ich zum Herrn Königsfeld gegangen.

Ich hab mich geschämt, ich war erst 15 Jahre alt und hab ihm gesagt: 'Herr Königsfeld, ich brauch dringend Geld. Können Sie mir einen Vorschuss geben?' 'Alica', Alica hat man mich in Israel gerufen und nicht Lizzi, 'Alicale', sagte er, 'für was brauchst du das Geld?' 'Herr Königsfeld, wir haben Punkte bekommen, und ich möchte so gerne, dass der Papa einen neuen Anzug bekommt.

Können Sie mir nicht das Geld borgen? Ziehen Sie mir es von meinen nächsten zwei Gehältern ab, so hab ich es in zwei Monaten zurückgezahlt.' Daraufhin sagte er: 'Nein, Alica, das mach ich nicht. Du bekommst das Geld, und ich zieh auf zwei Jahre verteilt ganz wenig ab.' Also, er war wirklich ein ganz besonderer Mensch, und mein Vater hat den Anzug bekommen.

In Israel wachsen die Kinder sehr frei auf. Man ruft 'Shalom', man geht in die Wohnung und gibt niemanden die Hand. In Jerusalem kannte ich eine Familie Weiß, die Zwillingsmädchen waren in meinem Alter, und mit der einen bin ich bis heute sehr befreundet.

Es gab auch einen großen Bruder. Die Familie Weiß war noch so etepetete. Die anderen Kinder, die Esther besucht haben sind reingelaufen, haben 'Shalom' gerufen und sind in ihrem Zimmer verschwunden.

Ich bin erst zur Frau Weiß, habe ihr die Hand gegeben und gesagt: 'Küss die Hand, Frau Weiß.' Für die war ich natürlich das Wunderkind, etwas ganz Besonderes! Ich war in der Familie sehr beliebt. Die Esther ist oft gekommen und hat gesagt: 'Alica, ich hab Kinokarten gekauft.' 'Bist du verrückt?

Es ist schon der 20. Ich hab kein Geld. Ich kann es mir nicht leisten.' 'Hab ich dich nach Geld gefragt? Du wirst es mir schon zurückgeben.' Sie waren immer großzügig und nett zu mir.

In Palästina waren zu dieser Zeit viele Unruhen zwischen den Engländern und jüdischen Organisationen, wie der Haganah [7]. Es gab sehr oft Curfew, Ausgehsperre. Da konnten wir oft nicht aus der Wohnung heraus.

Wenn die Engländer mit den Lastwagen gekommen sind und gerufen haben: Curfew from 2 o´clock till 5 o´clock, haben alle Geschäfte sperren müssen. Eine Stunde war Zeit, dann musste jeder nach Hause gehen, Geschäft gesperrt, keine Schule, gar nichts, da war eben Curfew, also Ausgangsverbot, und das war sehr, sehr unangenehm.

Einmal schrie einer vom Lastwagen: 'Ausgehverbot! In einer Stunde hat jeder zu Hause zu sein.' Wir hatten draußen auf dem Platz gespielt, und ein Mädel hat sich den Fuß verknackst.

Alle sind nach Hause gelaufen, aber sie konnte nebbich nicht. Und ich Meschuggene hab kein Herz gehabt, sie in der Situation allein zu lassen und hab sie zuerst nach Hause gebracht. Und wie ich nach Hause gehen wollte, ist schon ein Lastauto unten auf der Straße gestanden und hat alle, die noch auf der Gasse waren, eingesammelt und zur englischen Polizei gebracht.

Natürlich hab ich Angst gehabt. Ich habe gewusst, es besteht die Möglichkeit, dass ich ein paar Wochen im Gefängnis sitzen muss, und das kostete auch noch Geld. Aber das war ein Glückstag.

Da waren immer Leute, die bei den Fenstern gestanden sind und geschaut haben, und sie haben mir ein Zeichen gegeben, und ich bin stehen geblieben, bis die Luft rein war. Dann haben sie gerufen: 'Lauf' und ich bin gelaufen. Und so bin ich nach Hause gekommen.

Es gab verschiedene solcher Ereignisse. Zum Beispiel ist mein Vater von den Engländern verhaftet worden. Denn in der 'eleganten' Wohnung, in der wir gewohnt haben, war die Toilette im Hof.

Der Hof hat geführt zur Gasse. Da war ein langer, langer Gang; dann musste man in den Hof hinaus, und dort war die Toilette. So eine, wo man hockerln muss. Als mein Vater raus zum Klosett gegangen ist, haben ihn die Engländer geschnappt, und er hat die ganze Nacht auf der Wache verbringen müssen.

Durch die dauernden Ausgangssperren konnte mein Vater nicht zur Arbeit gehen. Wir sind oft tagelang eingesperrt gewesen und haben nicht gewusst, was wir essen sollen. Und es ist uns noch schlechter gegangen als am Anfang.

Im 1948er-Jahr, als der Staat Israel ausgerufen war, musste ich mich zum Militär melden. Ich habe gesagt, sie sollen mich nur als Reserve nehmen, denn ich arbeite bei Kolbo/Schwarz, und ich muss meinen Geschwistern und meinen Eltern helfen.

Ich komm natürlich dann, wenn sie mich brauchen, aber nicht jetzt. Das haben sie akzeptiert, und ich bin befreit worden.

 

  • Rückkehr nach Wien

Meine Mutter wollte unbedingt nach Wien zurück. Nicht nur, dass wir zuwenig zum Leben hatten, sie wollte auch ihre Mutter und Geschwister suchen. Die Reise war kostenlos, da die UNRRA [Anm.: Hilfsorganisation] das bezahlt hat.

Da habe ich gesagt: Ihr könnt fahren, aber ich bleib da. Mein Vater hat gesagt: 'Glaubst du, ich werd dich dalassen?' 'Warum nicht? Ich bin 18 Jahre, und ich will dableiben.'

Herr Weiß, der Vater meiner Freundin Esther ist zu meinen Eltern gegangen und hat gesagt: 'Herr Silberberg, schauen Sie: Ihre Tochter ist 18 Jahre alt. Es wäre doch schön, wenn mein Sohn und Ihre Tochter ein Paar werden würden. Sie kann bei uns wohnen und schlafen.

Sie wird wie unser Kind sein, und das, was sie im Geschäft verdient, kann ich ihr als Taschengeld geben. Warum wollen Sie sie nach Wien schleppen? Lassen Sie sie doch da.' Und mein Vater hat gesagt: 'Ich habe fünf Finger Herr Weiß, und wenn man mir einen wegnimmt, fehlt mir was.

Es kommt nicht in Frage, dass ich mein Kind dalasse.' Und zu mir hat er gesagt: 'Pass mal auf Lizzy, wenn du dableibst, bleiben wir alle da. Aber wenn irgendwas passiert, bist du schuld.' Und so bin ich mit zurückgekommen nach Wien.

In Wien haben wir für die ersten Monate eine Wohnung ganz weit draußen in Sievering bekommen. Das war so eine Art Flüchtlingslager für Rückkehrer, und wir sind von den Amerikanern reichlich mit Essenpaketen versorgt worden.

Dann sind wir in den 3. Bezirk, in die Hansalgasse gezogen und konnten uns dort umsonst mit Möbeln aus einem Fundus einrichten. Ich habe ein paar Monate eine vom ORT [Anm.: amerikanische Fortbildungsorganisation] angebotene Frisör- und Kosmetiklehre gemacht.

Aber ich hab das nicht lange gemacht, weil ich wieder Geld gebraucht habe, und da habe ich als Verkäuferin in dem jüdischen Wollgeschäft Bonze gearbeitet. Das Geschäft war auf der Reinprechtsdorfer Straße. Mein Vater hat wieder Schreibartikel verkauft.

Wieder in Wien waren wir natürlich Mitglieder beim Sportverein Hakoah [8]. Da gab es jede Woche Samstagabend Tanz, und meine Brüder waren beim Schwimmen und Wasserball aktiv.

Und auf Urlaub fuhr ich mit meinen Schwestern Ruth und Inge und all den anderen immer am Semmering auf die Hakoah-Hütte. Wir hatten ja kein Geld, und das war billig und sehr lustig.

Dann sind meine Geschwister nach Amerika ausgewandert. Als erstes ist meine Schwester Inge gefahren. Sie hat in Wien geheiratet und ist mit ihrem Mann nach Chicago gegangen.

Danach ist dann mein Bruder Naftali nachgefahren. Er hatte ein jüdisches Mädchen, das in Frankreich im Kloster überlebt hatte, und deren Eltern in Auschwitz umgekommen waren, kennen gelernt.

Die Edith hat in Wien bei ihrer Tante gewohnt, die sehr gegen die Verbindung war, da mein Bruder kein Geld hatte. Es gab ständig Streitereien. Mein Bruder ist nach Kanada ausgewandert, mit 20 Dollar in der Tasche. Edith war noch nicht volljährig und konnte nicht weg.

Als sie volljährig war, ist sie ihm nach Kanada nachgefahren. Sie sind dann zwei, drei Jahre in Kanada gewesen und dann nach Wien zurückgekommen. Und von Wien sind sie dann nach Amerika ausgewandert.

Meine Schwester Ruthie ist zuerst nach England gegangen. Dort hat sie geheiratet und ist von dort nach New York gefahren. Der Dani ist dann als letzter nach Kanada gegangen.

Meine Eltern wollten bei ihren Kindern sein, konnten aber nicht gleich fahren, da meine Mutter ein gesundheitliches Problem hatte und kein Visum bekommen hat. Sie sind dann später nachgefahren.

Sie konnten kein Englisch und sie sind dort nicht zurecht gekommen. Meine Mutter und mein Vater sind dann in einem jüdischen Altersheim arbeiten gegangen, haben sich sehr geplagt, haben sich nicht wohl gefühlt und sind dann nach zwei Jahren nach Wien zurückgekommen.

Sie hatten dann eine kleine Zimmer-Küche Wohnung. In Österreich hatten sie keine richtige Pension, und der Dani hat ihnen über Jahre jeden Monat Geld geschickt.

Meinen Mann Leo habe ich im 1950er-Jahr kennen gelernt. Meine Schwester Ruth hat ihn beim Mazza [9] kaufen in der Servitengasse kennen gelernt. Seine Eltern haben die Mazzes dort verkauft.

Bei uns zu Hause hat er dann meine jüngste Schwester Inge getroffen, und sie gingen für ein paar Wochen miteinander aus. Inge wollte aber immer Tanzen gehen, und Leo wäre lieber ins Theater gegangen.

Also kam es dazu, dass er Theaterkarten hatte, und Inge wollte nicht gehen, so bin ich mitgegangen. Von da an waren wir zusammen, und 1951 haben wir geheiratet.

Damals hat mein Mann noch bei einer Zeitung gearbeitet, und wir haben mit den Schwiegereltern in einer 2 1/2 Zimmerwohnung in der Müllnergasse gewohnt. Ich war erst noch im Wollgeschäft, aber 1952 wurde schon unser Sohn Herbert geboren.

Ich habe dann noch in verschiedenen Geschäften als Verkäuferin gearbeitet, bis 1961 unsere Tochter Dorit geboren wurde. Dann bin ich zu Hause geblieben. Wir hatten eine Zeit lang ein kleines Textilgeschäft in der Alserbachstrasse, wo ich auch mitgearbeitet habe. Das ist aber nach zwei Jahren nicht mehr so gut gegangen.

Der Berti war im normalen Kindergarten. Er war im Shomer Hatzair [10], hat in Wien das Gymnasium fertig gemacht, hat fertig studiert, hat den Magister gemacht. Berti hat in Wien die Lilli Kesten geheiratet und ist mit ihr nach Israel ausgewandert. Er ist dort General Manager bei Estee Lauder. Sie haben zwei Kinder: Liat und Joav.

Meine Tochter Dorit, war im jüdischen Kindergarten im 19. Bezirk, in der Ruthgasse. Sie war dann in der normalen Schule, hat auch maturiert, hat aber dann in der BAWAG gearbeitet. Sie hat Leon Rosenfeld geheiratet, und wir haben zwei Enkelkinder von ihr: Aron und Jana. Unser Schwiegersohn arbeitet in der amerikanischen Botschaft.

Ich war so eingestellt, dass ich gesagt hab: Ich möchte, ich wünsche mir, dass meine Kinder jüdische Partner heiraten. Ich habe ihnen immer Probleme gemacht, wenn sie zu eng mit christlichen Freunden zusammen waren.

Ich sag nicht, dass ich gescheit bin, aber ich hab Glück gehabt, dass es mir gelungen ist - und dass es den Kindern gelungen ist. Es hätte nicht sein müssen, aber Gott sei Dank hab ich das Glück gehabt! Darüber bin ich sehr froh.

 

  • Glossar

[1] Jugend-Alijah: jüdische Organisation, die versuchte, möglichst viele Kinder und Jugendliche in der Zeit des Nationalsozialismus aus dem Deutschen Reich vor allem nach Palästina in Sicherheit zu bringen. Es wurden etwa 21.000 Kinder und Jugendliche gerettet.

[2] Jom Kippur: der jüdische Versöhnungstag, der wichtigste Festtag im Judentum. Im Mittelpunkt stehen Reue und Versöhnung. Essen, Trinken, Baden, Körperpflege, das Tragen von Leder und sexuelle Beziehungen sind an diesem Tag verboten.

[3] Koscher [hebr.: rein, tauglich]: den jüdischen Speisegesetzen entsprechend.

[4] Pessach : Jüdisches Fest, erinnert an den Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten, welcher die 200 Jahre währende Knechtschaft beendete. Jegliche gesäuerte Speise [Chamez] ist verboten, und so wird ungesäuertes Brot (Mazza) verzehrt.

[5] Erev Schabbat: Abend vor Schabbat

[6] Misrachi : Im Jahre 1902 in Wilna gegründete Vereinigung. Als seine Hauptaufgabe betrachtet der Misrachi eine die Rolle der Religion stärkende Einflussnahme auf die mehrheitlich sekuläre zionistische Bewegung einerseits, sowie die Propagierung des Zionismus unter den gesetzestreuen Juden andererseits

[7] Hagadah od.Haggadah od. Haggada [hebr: 'Verkündung/Erzählung']:Büchlein, das am Sederabend beim Festmahl mit der Familie gemeinsam gelesen und gesungen wird. Das Buch beschreibt das Exil in Ägypten und den Auszug in die Freiheit.

[8] Hakoah [hebr.: Kraft]: 1909 in Wien gegründeter jüdischer Sportverein. Bekannt wurde vor allem die Fußballmannschaft [1925 österreichischer Meister]; der Verein brachte auch Ringer, Schwimmer und Wasserballer hervor, die internationale und olympische Titel errangen.

Nach dem Anschluss Österreichs 1938 an das Deutsche Reich wurden die Spielstätten beschlagnahmt und der Verein 1941 verboten.

[9] Mazza: Das von der Tora den Juden für das Pessachfest vorgeschriebene Fladenbrot, meist als "ungesäuertes Brot" übersetzt.

[10] Haschomer Hatzair [hebr.: 'Der junge Wächter']: Erste Zionistische Jugendorganisation, entstand 1916 in Wien durch den Zusammenschluß von zwei jüdischen Jugendverbänden.

Hauptziel war die Auswanderung nach Palästina und die Gründung von Kibutzim. Aus den in Palästina aktiven Gruppen entstand 1936 die Sozialistische Liga, die sich 1948 mit der Achdut Haawoda zur Mapam [Vereinigte Arbeiterpartei] zusammenschloss
 

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Alice Granierer
Interviewt von:
Artur Schnarch
Monat des Interviews:
Februar
Jahr des Interviews:
2002
Wien, Austria

HAUPTPERSON

Alice Granierer
Jüdischer Name:
Pessel
Geburtsjahr:
1929
Jahrzehnt der Geburt:
1920
Geburtsort:
Wien
Geburtsland:
Österreich (1918–1938)
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Verkäuferin
Familiennamen
  • Vorheriger Familienname: 
    Silberberg
    Jahr der Namensänderung: 
    1951
    Grund der Namensänderung: 
    Heirat
    Decade of changing: 
    1950

AUDIO - INTERVIEW

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