Robert Walter Rosner

Wien, Österreich

Mag. Dr. Robert Walter Rosner
Wien
Österreich
Datum des Interviews: Januar 2003
Name des Interviewers: Tanja Eckstein

Als ich Dr. Rosner telefonisch bitte, mir ein Interview über sein Leben zu geben, erklärt er sich sofort bereit dazu. Er wohnt mit seiner Frau in einem kleinen Haus im 11. Bezirk. Herr und Frau Rosner sind sehr gastfreundlich – sogar meine Hündin Lilli ist herzlich willkommen. Dr. Rosner, der an politischen Ansichten anderer Menschen sehr interessiert ist, hat volles graues Haar und wirkt durch sein sehr engagiertes, aktives Leben ungewöhnlich jung. Kurze Zeit nach dem Interview erscheint das Buch ‚Marietta Blau – Sterne der Zertrümmerung’- Biographie einer Wegbereiterin der modernen Teilchenphysik im Böhlau-Verlag, in Wien. Gemeinsam mit Brigitte Strohmaier, Dozentin am Institut für Isotopenforschung und Kernphysik der Universität Wien, ist er Herausgeber dieses Buches. Darin wird über Leben und Werk der Marietta Blau [1894-1970] berichtet, die unter den ersten Frauen war, die an der Universität Wien Physik studierten. Im Jahre 2004 erscheint im Böhlau Verlag sein Buch ‚Chemie in Österreich 1740-1914’ - Lehre - Forschung – Industrie.

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Während des Krieges
Meine Frau
Rückkehr nach Wien
Glossar

Meine Familiengeschichte

Die Familie meines Vaters stammt aus dem kleinen Dorf Kisselitze in der Bukowina [heute Ukraine]. Etwa zur Jahrhundertwende ist die Familie in das etwas größere Dorf Russ. Moldowitza gezogen, das ein Zentrum des Holzhandels war. Ich war vor einigen Jahren dort, der Ort ist noch heute ein Zentrum des Holzhandels. Mein Großvater Itzchak Rosner war Holzkaufmann. Er starb bereits im Jahre 1916. Die Familie war, soweit ich weiß, sehr religiös. Meine Großmutter Hannah Rosner, geborene Schärf, habe ich noch gekannt, sie ist 1936 in der Bukowina gestorben. Sie hat immer ein Kopftuch getragen.

Meine Großeltern hatten eine Tochter und drei Söhne, und ich glaube, sie hatten auch Zwillinge, die bei der Geburt gestorben sind. Überlebt haben drei Söhne und eine Tochter.

Meir Rosner, der älteste Bruder meines Vaters, besaß ein Gasthaus. Er starb 1913 bei der Explosion einer Sodawasseranlage, die er für das Gasthaus angeschafft hatte. Er war verheiratet und hatte fünf Kinder: Salomon, Leiser, Abraham, Pepi und Meir. Seine Witwe hat mit dem Geld, das sie von der Versicherung bekommen hat, ein Lebensmittelgeschäft aufgemacht. Während des 1. Weltkrieges ist sie von den Russen ermordet worden. Die fünf Kinder waren dadurch Waisen und lebten einige Zeit im Waisenhaus. Nach dem 1. Weltkrieg haben sich die anderen Familienmitglieder um die Kinder bemüht.
Salomon, der älteste Sohn Meirs, wollte nach Wien zu meinen Eltern, hat es aber nicht geschafft. Er wurde in Budapest von einem deutschen Huf- und Wagenschmied als Lehrling aufgenommen und heiratete später dessen Tochter. Während des Holocaust hat man ihn in das KZ Mauthausen verschleppt, er hat das KZ überlebt und ist auf dem Weg nach Hause an Typhus gestorben.
Leiser Rosner war Elektriker und ist in Czernowitz [heute Ukraine] in die Rote Armee eingetreten. Er geriet in Gefangenschaft, konnte aber nach Rumänien flüchten und hat den Krieg irgendwo versteckt überlebt. In Rumänien arbeitete er viele Jahre als Elektriker und emigrierte in den späten 1960er-Jahren nach Israel. Bis zu seinem Tod arbeitete er in Israel als Elektriker.
Abraham Rosner hat im Holzhandel gearbeitet und ist 1936 bei einem Unfall tödlich verunglückt.
Meir, der Jüngste, war Kommunist. Er hat in Rumänien wegen politischer Tätigkeiten im Gefängnis gesessen, ist dann nach Frankreich gegangen und hat in Spanien gegen Franco gekämpft. Danach hat er in der Sowjetunion eine Militärkarriere gemacht und ist nach dem Krieg Oberkommandierender einer Grenztruppe in Rumänien gewesen. Er hat sich natürlich nicht mehr Meir Rosner sondern Mihal Boico genannt. 1972 ist er an Krebs gestorben. Seine Kinder und seine Witwe sind in den 1980er-Jahren nach Paris übersiedelt.

Fanny, die Schwester meines Vaters, hat Aron Leib Wassermann, der eine Gemischtwarenhandlung in Russ.-Moldowitza besaß, geheiratet. Sie hatten fünf Kinder: Albert, Mendel, Pepi, Sarah und Hermann. Fanny hat Pepi, die Tochter Meirs zu sich genommen. Sarah ging 1936 in einen Kibbutz [1] nach Palästina. Hermann studierte erst in Brünn [heute Tschechien] und dann in Frankreich. Er und seine Frau überlebten den Holocaust in Frankreich mit falschen Papieren. Mendel heiratete seine Cousine Pepi Rosner. Der in Russ.-Moldowitza verbliebene Teil der Familie wurde 1941 nach Transniistrien deportiert. Nach der Befreiung wanderten sie nach Palästina aus.

Litman Rosner, der Bruder meines Vaters, war Holzkaufmann. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder: Nelly und Jacques, der jetzt Itzchak heißt. Während des Holocaust wurden sie nach Transniistrien deportiert, überlebten und übersiedelten nach der Befreiung nach Bukarest und Ende der 1960er-Jahre nach Israel.

Mein Vater Hermann, jüdisch Zwi Hersch, Rosner, wurde am 4. Januar 1882 in Kisselitze geboren. Mein Vater arbeitete im Holzhandel. Es wurden offenbar viele Bäume gekauft, man hat sie schlagen lassen - es waren Arbeiter angestellt, die das Holz geschlagen haben - das Holz wurde zur Säge geschafft, und dann wurde das geschnittene Holz verkauft. So hat sich der Holzhandel abgespielt. Zu dem Zweck musste mein Vater auch tief in den Wald reiten. Es gab wenig Transportmöglichkeiten, man musste sich hoch zu Ross bewegen.

Die Eltern meiner Mutter waren Samuel Goldschläger, geboren um 1860 und Esther Goldschläger, geborene Schapira. Meine Großeltern waren Cousin und Cousine. Sie haben in Radautz [Rumänien] gelebt und eine Seifen- und Kerzenfabrik mit Arbeitern und Angestellten besessen. Die Fabrik wurde schon 1848 von meinem Urgroßvater gegründet. Der Betrieb hat bis nach dem Krieg 2. Weltkrieg existiert, weil ein Onkel ihn so lange weiterführte, bis er 1949 nach Israel ausgewandert ist.

1914, zu Beginn des 1. Weltkrieges, flohen die Großeltern nach Wien, weil die Bukowina Kampfgebiet war. Nach dem Krieg gingen sie wieder zurück. Meine Großmutter Esther starb bei der Geburt eines ihrer Kinder. Nach dem Tod meiner Großmutter hatte mein Großvater vier Kinder verschiedener Altersstufen, wobei die drei ältesten Kinder Mädeln waren. Der Großvater suchte wieder eine Frau und heiratete Hannah, ein junges Mädchen aus Galizien, die nicht viel älter war als seine älteste Tochter. Da gab es anscheinend Reibereien. Rebekka, jüdisch Rifka, die jüngere Schwester meiner Mutter, ist einmal vor dem 1. Weltkrieg ausgerissen und auf kurze Zeit nach Wien gegangen. Viele Jahre später verließ sie die Bukowina, heiratete in Wien den Anwalt Moses Krässel und nannte sich Renee Krässel. Sie bekam zwei Kinder, Alfred und Ellen. Meine Tante schrieb unter dem Namen Regina Goldschläger ein Buch, das vor kurzem von einer Literaturhistorikerin als eines der frühen Bücher der feministischen Literatur vorgestellt wurde. Sie hat in Wien einen kleinen literarischen Salon geführt. 1938 emigrierte die Familie nach Peru. Später übersiedelten sie nach Amerika. In den 1980er-Jahren kehrte die Tochter Ellen nach Wien zurück, wo sie vor einigen Jahren starb.

Anna Lea Haber, geborene Goldschläger, wurde am 14. Januar 1885 geboren und heiratete den Möbelhändler Siegmund Haber. Sie blieben nach dem 1. Weltkrieg in Wien und hatten drei Kinder, Emil, Josef und Richard. Anna und Siegmund Haber wurden am 1942 nach Izbica [Polen] im Distrikt Lublin deportiert und ermordet. Die Söhne konnten sich retten: Emil nach Australien, Josef und Richard nach Palästina. Josef und Richard gingen nach dem Krieg nach Amerika.

Charlotte Streit, geborene Goldschläger, heiratete den Zionisten Shalom Streit, der Direktor einer Schule in Petah Tikva [Israel] war. Sie lebten zuerst in Wien und gingen 1930 nach Palästina. Sie haben zwei Kinder, Esther Streit und Shmuel Streit. Esther Streit ist Schriftstellerin und lebt in Petach Tikva und Shmuel Streit ist Chemiker und arbeitet an der Jerusalemer Universität.

Chaim, später Karl Goldschläger heiratete Desi. Er gründete nach der Flucht nach Wien, während des 1. Weltkriegs, in der Nähe von Wien eine Seifen - und Kerzenfabrik, die er bis 1938 führte. Die erste Ehe wurde geschieden und 1936 heiratete er Fini, eine entfernte Verwandte. Er wurde im Frühling 1938 verhaftet, ins KZ Dachau und dann ins KZ Buchenwald deportiert. Im Herbst 1938 wurde er entlassen und emigrierte nach Palästina.
Seine erste Frau konnte nach England emigrieren. Aus der ersten Ehe stammte ein Sohn Peter, der im Krieg in der englischen Armee diente und so schwer verwundet wurde, dass er ein Invalide blieb.

Meine Mutter Rachel Goldschläger wurde am 5. Mai 1886 in Radautz geboren.

Die Kinder meines Großvaters und seiner zweiten Frau Hannah waren: Max, Jakob, Ephraim, und Jenka.

Max wanderte vor dem 2. Weltkrieg nach Palästina aus.

Jakob kam bei einem Pogrom in Iasi [Rumänien] ums Leben.

Ephraim überlebte die Deportation nach Transniistrien [heute Teil von Moldawien] und emigrierte nach dem Krieg nach Palästina.

Jenka Jenkeles, geborene Goldschläger, hatte eine Tochter Niza. Sie überlebten die Deportation nach Transniistrien und emigrierten nach dem Krieg nach Palästina.

Radautz war die zweitgrößte Stadt der Bukowina, in der ungefähr 20 000 Juden lebten. Dadurch gab in Radautz ein sehr reges jüdisches Leben. Meine Eltern heirateten 1911 in der großen Synagoge. Ich hatte in den 1970er-Jahren geschäftlich in Rumänien zu tun und bin einmal in die Bukowina gefahren. Ich fuhr mit einem Autobus nach Radautz und sah dort zwei ältere Männer, die Deutsch sprachen. Ich fragte sie, ob es in der Stadt ein Hotel gibt. Sie wollten sofort wissen, wieso ich in die Stadt komme, und wie ich dann gesagt habe, dass ich der Enkel vom Samuel Goldschläger bin, da habe ich absolut Entrée gehabt - mein Großvater war noch immer eine bekannte Person im Ort.

Meine Schwester und ich vermuten, da meine Mutter aus einem gutbürgerlichen Haus, aber mein Vater eher aus kleinen Verhältnissen kam, dass die Heirat durch ein Schadchen, also einen Heiratsvermittler, zustande gekommen ist. Unsere Eltern waren ein Jahr lang verlobt, da hat es Briefe gegeben, die wir als Kinder gern gelesen haben. Leider sind diese Briefe durch den Krieg verloren gegangen.

1912 wurde meine Schwester Erna in Radautz geboren. Meine Eltern kamen 1914, mit Ausbruch des 1. Weltkriegs, nach Wien. Die Bukowina war Frontgebiet, da ist auch die Familie meiner Mutter nach Wien geflüchtet. Meine älteste Schwester, die noch in der Bukowina geboren ist, war zwei Jahre alt und auf der Flucht vor den Russen dabei. Die Flucht war nicht einfach, denn es war Winter und die normale Verbindung war schon gesperrt, da waren schon die Russen. Sie sind nach dem Süden ausgewichen, zuerst mit Pferd und Schlitten und dann über Ungarn nach Wien gekommen. Nach dem Krieg ist ein Teil der Familie wieder nach Radautz zurückgegangen.

Meine Kindheit

Meine Schwester Paula wurde 1918 in Wien geboren, ich wurde am 8. Juni 1924 in Wien geboren.

Unsere Familie waren Flüchtlinge, aber sie waren nicht arm. Meine Eltern haben sich in Wien etabliert und eine Luxuswohnung im 8. Bezirk bezogen. Mein Vater hat nach einiger Zeit in der Metallbranche gearbeitet und dann im 15. Bezirk am Gürtel eine Wirkerei und Strickerei eröffnet. Es gibt ein sehr schönes Bild, auf dem er mit seinen Arbeitern zu sehen ist. Auch meine Mutter hat im Betrieb mitgearbeitet. Zu Hause hatten wir ein Dienstmädchen und ein Kinderfräulein. Das Kinderfräulein hieß Käthe Weiss und war Jüdin. Sie wurde als Teil der Familie betrachtet. Der Betrieb ist in der Weltwirtschaftskrise 1928 zugrunde gegangen, das waren schwierige Zeiten. Mein Vater hat sich mit Handel da und dort über Wasser gehalten Das Hauspersonal musste entlassen werden. Käthe Weiss arbeitete später mit Kindern in Ungarn. Sie wurde 1944 ins KZ Auschwitz deportiert, hat überlebt und kehrte nach dem Krieg nach Wien zurück.

Unmittelbar nachdem mein Vater den Betrieb in Wien zusperren musste, ist er noch auf 1 ½ Jahre in die Bukowina gegangen und hat versucht, sich dort neu zu etablieren. Aber dadurch, dass meine älteste Schwester gerade im Matura Jahrgang war, blieb das nur eine Episode. 1929 haben wir uns alle in Brünn [heute Tschechien] getroffen, weil mein Vater in Brünn zu tun hatte. Meine Mutter kam mit uns Kindern aus Wien, und mein Vater kam aus der Bukowina.

Meine Schwester erinnert sich noch an wohlhabende Zeiten, während in meiner Erinnerung absolute Not ist, obwohl ich in den ersten vier Jahren meines Lebens mit der Familie auch Urlaube, zum Beispiel in Kärnten, erlebt habe. Wir haben von der Hand in den Mund gelebt und um in unserer Fünfzimmer Wohnung zu überleben, Untermieter beherbergt. Es ist uns schlecht gegangen, aber es war selbstverständlich, dass meine älteste Schwester trotzdem ihr Studium, das sehr teuer war, absolviert hat. Es war auch selbstverständlich, dass wir, trotz aller Not, und das war wirklich auch sehr schwierig, in das Gymnasium gegangen sind.

Das gesellschaftliche Leben unserer Familie spielte sich hauptsächlich mit den Schwestern meiner Mutter Renee und Charlotte und deren Kindern ab. Auch Chaim, der Bruder meiner Mutter, der den Namen Karl angenommen hatte, hat uns besucht. Zu den hohen Feiertagen [2] ist die Familie in den Tempel gegangen und Pessach [3] haben alle zusammen gefeiert. Den Sederabend [4] haben wir allerdings nur mit einer Schwester meiner Mutter gefeiert, die anderen Familienmitglieder müssen andere Kontakte gehabt haben.

Ich bin als elfjähriger in den 1930er-Jahren fast jeden Sommer in der Bukowina bei Großeltern, Onkeln und Tanten gewesen, und ich habe dort bei der Großmutter mütterlicherseits die Bücher gesehen, die ich auch zu Hause gehabt habe - es war offensichtlich ein Haus, in dem deutsche Literatur verbreitet war. An jüdisches Leben dort kann ich mich nicht erinnern, aber wahrscheinlich hat es das gegeben, ich kann es mir nicht anders vorstellen. Ich bin ziemlich überzeugt, dass sie koscher [5] gelebt haben. Wir waren zum Teil in Radautz bei der Großmutter mütterlicherseits, der Großvater ist ungefähr 1932 gestorben und zum Teil in dem kleinen Ort Russ.-Moldowitza, wo die väterliche Familie gelebt hat. In Russ.-Moldowitza hat es Kinder in meinem Alter gegeben, dort habe ich mich viel wohler gefühlt als in Radautz, und ich nehme an, dass es auch dort einen koscheren Haushalt gegeben hat - eigentlich habe ich kaum Zweifel, denn das hat damals zum jüdischen Leben dazugehört.

In der Volksschule in Wien hatte ich nicht nur jüdische Freunde. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der Antisemitismus selbstverständlich war, er hat zum täglichen Leben gehört. 1934 bin ich in die Mittelschule in der Albertgasse im 8. Wiener Gemeindebezirk gekommen. Das war zu Beginn der Schuschnigg [6] - Zeit, damals wurden die Klassen konfessionell getrennt. Eine Klasse war katholisch, eine Klasse jüdisch und protestantisch. Wir waren ungefähr 26 jüdische und sechs protestantische Buben. Da waren dann meine Freunde alle jüdisch.

Religionsunterricht war, und ist auch heute, Teil des regelmäßigen Unterrichtes. Da es genügend jüdische Schüler gab, war der Religionslehrer ein Mitglied des Lehrkörpers. Im Religionsunterricht haben wir Hebräisch gelernt. Mein Religionslehrer war Zionist, er hat versucht, uns auch das moderne Hebräisch beizubringen, aber er war kein guter Pädagoge. Ich kann aber trotzdem heute noch ein wenig Hebräisch. Einmal in der Woche mussten die jüdischen Kinder in den Tempel gehen. Das war bei mir der Tempel in der Neudeggergasse. Jeder Schüler erhielt eine Karte mit dem Wochenabschnitt, wodurch ersichtlich war, dass er am Jugendgottesdienst teilgenommen hatte. Mein Vater war ein zutiefst überzeugter Jude und hat sehr darauf geachtet, dass ich am Jugendgottesdienst teilnehme, aber ich habe mich vor dem Religionsunterricht gedrückt, soweit ich konnte. Zu den hohen Feiertagen bin ich in den Tempel gegangen und habe so schnell wie möglich geschaut, dass ich wieder raus komme, denn ich habe mich gelangweilt. Aber ich war nicht der einzige, der sich gelangweilt hat. Mein Vater hat von mir verlangt und erwartet, dass ich Bar Mitzwa [7] werde. In dieser Beziehung hatte mein Vater einen sehr großen Misserfolg mit mir. Er zwang mich zu religiösen Dingen, und hat es nicht verstanden, sie mir schmackhaft zu machen. Durch diesen Zwang stehe ich dem jüdischen Gottesdienst noch heute etwas ablehnend gegenüber. Ich habe für meine Bar Mitzwah dann alles auswendig gelernt. Es gab keine große Feier, nur die Eltern waren anwesend. Mein Vater hatte bei seinem Enkel, dem Sohn meiner ältesten Schwester, mehr Erfolg. Meine Schwester hatte drei Kinder, Sandra, Barbara und Henry. Sie starb bereits 1962 in Amerika an Krebs, und meine Eltern haben in ihrem Haushalt gelebt und zum Teil die Kinder aufgezogen. Mein Vater wurde in Amerika noch religiöser. Henry kann Hebräisch, und er kann die Gebete. Das hat alles mein Vater ihm beigebracht.

Von 1932 bis 1934 besaßen meine Eltern in der Lerchenfelderstrasse, in der Nähe vom Gürtel, ein Automatenbuffet. Solche Automatenbuffets waren in dieser Zeit in Wien sehr modern. In dem Lokal gab es Sandwichs, Mehlspeisen usw. aus Automaten. Man warf Geld ein, und das Essen ist dann heraus gekommen. Es gab auch einen Ausschank mit Getränken. Das Buffet war bis Mitternacht geöffnet. Meine Eltern arbeiteten gemeinsam in dem Buffet. Trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten gab es immer wieder Zeiten, wo wir Dienstmädel brauchten, und in dieser Zeit hatten wir natürlich ein Dienstmädel.

Zu meiner ältesten Schwester hatte ich keinen engen Kontakt. Sie war 12 Jahre älter als ich, und ich war der sehr kleine Bruder. Während ihres Studiums führte sie ein sehr vielseitiges gesellschaftliches Leben, war aber an Politik wenig interessiert. Trotzdem galt sie als die Große und Gescheite Meine Schwester Paula hatte es nicht leicht. Sie hat sich um mich gekümmert, und es entstand ein sehr enges Verhältnis; das ist es bis heute. Paula ging in die Schwarzwaldschule [7] und hat 1937 maturiert, sie war Mitglied in verschiedenen sozialistischen Organisationen. Von 1934 und 1938 war die Sozialdemokratische Partei verboten, sie hat dann illegal gearbeitet.

Mein Vater hat sich sehr für Politik interessiert. Er hat immer Zeitungen gelesen, meine Mutter hat sehr viele Bücher gelesen. Während meiner Kindheit war mein Vater der große Herr, der die Welt draußen kannte und meine Mutter hat sich um uns und die Hausarbeit gekümmert. Meine Mutter hat aber auch immer versucht, meinem Vater in der einen oder anderen Weise beruflich behilflich zu sein.

Während des Krieges

Freitag, den 11. März 1938, waren nachmittags Kundgebungen, und ich war in der Stadt und habe zugeschaut. Als ich nach Hause kam habe ich erfahren, dass Schuschnigg abgedankt hat, und mein Vater hat vom ersten Moment an gesagt: Wir müssen weg! Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten meiner Eltern hatten dazu geführt, dass wir im Oktober 1937 in den 2. Bezirk übersiedelt waren. Meine Eltern hatten eine Ablöse für die Wohnung im 8. Bezirk bekommen und sind im 2. Bezirk in das Haus Augartenstrasse, Ecke Förstergasse, eingezogen. Es war eine billige Wohnung, und es haben nur Juden in dem Haus gewohnt. In diesem Haus wurden 1945 neun Juden, unmittelbar bevor die Russen gekommen sind, von der SS umgebracht.
Durch das zugrunde gehen des Betriebes meiner Eltern, hatten wir Schulden. Diese Tatsache ist aber vom 8. nicht in den 2. Bezirk hinüber gekommen, und das hat uns wahrscheinlich das Leben gerettet, denn im 2. Bezirk kannte uns niemand. Am 10. November 1938 ging mein Vater mit einem Freund zusammen im 1. Bezirk in der Marc Aurel Straße auf das Palästina Amt [9]. Da kam ein Wagen mit SS, und sie wurden verhaftet. Die SS Leute wollten Juden aus irgendeinem Haus in der Marc Aurel Straße verhaften. Ich weiß nicht aus welchem Haus, aber es hat kein Haus in der Marc Aurel Strasse gegeben, das nicht voll mit Juden war. Mein Vater und sein Freund saßen schon auf dem LKW, da haben die SS Leute gesagt: Verschwindet, wir haben genug, wir brauchen euch nicht. Das war ein fürchterlicher Schock - der Freund meines Vaters hat sich in eine Straßenbahn gesetzt und ist in den Wiener Wald hinaus gefahren - mein Vater kam nach Hause.

Unsere Wohnung lag im vierten Stock. Dann kamen die SS Leute auch in unser Haus, aber bis zum vierten Stock sind sie nicht gekommen. Später wurden die Juden auch aus dem dritten und vierten Stock verhaftet. So hatten wir wieder einmal Glück!

Nach dem Einmarsch der Deutschen Truppen wurde unser Englischprofessor, der illegales Mitglied der NSDAP war, Direktor der Schule. Er soll sich aber in der Nazizeit relativ korrekt verhalten haben. Unser Lateinprofessor war Jude, ich glaube, er wurde ermordet. In die Schule durften wir kurze Zeit nach dem Einmarsch der Deutschen im März 1938 nicht mehr gehen, da war ich 14 Jahre alt und habe gesellschaftliche Kontakte gesucht. Ich habe mich sehr viel auf der Straße herumgetrieben. Die Parks waren alle für Juden gesperrt, außer der Liechtensteinpark, der hat der Familie Liechtenstein gehört, und dort konnten wir hingehen. Auch in den Prater konnte man gehen. Ich war vierzehn Jahre alt, also in der Pubertät, und mich interessierten Mädchen. Ich war auch sehr an den sozialistischen und kommunistischen Bewegungen interessiert und bin 1938 zum Haschomer Hatzair [9] gestoßen, also erst in der Nazizeit. Der Haschomer war im 2. Bezirk in der Ferdinandstrasse. Was mich interessiert hat, war die kommunistische Ideologie, und wir hatten damals im Haschomer harte Diskussionen. Die Zionisten haben gesagt: Der Antisemitismus wird auch in Russland kommen. Wir haben gesagt: Und was werdet ihr mit den Arabern machen? Im Nachhinein muss ich sagen, dass wir leider beide Recht hatten. Nach dem November 1938 sind die jüdischen Organisationen aufgelöst worden. Der Sport der Juden damals, glaube ich, war das Schwimmen. Die Hakoah [10] war immer Spitze, aber das war dann natürlich alles nicht mehr möglich. Aber in einem Raum in der Praterstraße konnte man Schnur springen, das gehört zum Boxsport. Boxen konnte man lernen, weil man dafür wenig Platz braucht, da bin ich Boxen gegangen.

Die Kultusgemeinde hat versucht, bei den noch immer funktionierenden Handwerkern Kurse zu organisieren. Ich wollte mich für einen Elektriker-oder Drogistenkurs anmelden - die Chemie hat mich immer interessiert. Ich war dann bei einem Drogistenkurs in Meidling.
Am 10. November 1938, in der Pogromnacht [11], wurde das Geschäft zerstört und dadurch war auch das vorbei. In meinen Erinnerungen war schon vor dem 10. November alles sehr schrecklich, so dass der 10. November nur noch die Spitze des Eisberges war.

Ich glaube in Deutschland wurden die Juden bis zum 10. November ziemlich in Ruhe gelassen, erst ab 10. November 1938 ging der Terror los, während es bei uns in Wien ab dem Einmarsch der Deutschen im März 1938 schrecklich wurde. Wir haben weiter gelebt und versucht, aus Österreich heraus zu kommen. Die Erste, die emigrieren konnte, war meine älteste Schwester Erna. Sie war im März 1938 knapp vor Beendigung ihres Medizinstudiums. Man hat den Juden im September 1938 noch vier Wochen gegeben, um die Prüfungen zu absolvieren, und sie hat die Prüfungen absolviert und im Oktober promoviert mit einem Zettel: NICHT FÜR DEUTSCHLAND! Ernas Freund Hans Rosenberg war Arzt. Sie haben geheiratet und durch eine Verbindung nach England, sind sie im Dezember 1938 nach Manchester emigriert. Von dort haben sie versucht, uns heraus zu bringen. Ein Kollege meines Schwagers war bereit, mich als Kind zu nehmen, und so bin ich im Mai 1939 nach Manchester gekommen. Meine Schwester Paula konnte als Dienstmädel auch nach Manchester kommen. Wir wollten unsere Eltern herausholen, aber die jüdischen Komitees haben gesagt, dass unsere Eltern bereits über 50 Jahre alt sind, und sie sich um ältere Leute nicht kümmern können.

Ich kam zu einem Universitätsdozenten, einem Physiker. Die Frage war, was er mit mir anfangen sollte. Zuerst ging ich vier Wochen in eine Fortbildungsschule für Bürolehrlinge. Da habe ich auch Englisch lernen können. Ich hatte schon in der Mittelschule in Wien ein bisschen Englischunterricht. Bereits im Sommer 1939 hatte ich keinerlei Schwierigkeiten, mich zu verständigen. In dieser Zeit hatte ich das erste Mal engen Kontakt zu meiner ältesten Schwester. Ich war 15 Jahre alt, unsere Eltern waren in Wien, und sie hat sich um mich gekümmert. Erna und ihr Mann hatten in einer billigen Untermiete in der Nähe der Universität - einer etwas verrufenen Gegend. Sie hatten den Eindruck, dass ihre Landlady in ihrer Jugend eine Prostituierte gewesen sein könnte. Als meine Schwester ihr einmal erzählte, dass sie so unglücklich sei, weil sie es nicht schafft, ihre Eltern nach England zu holen, fragte die Landlady, wie sie helfen könne. Meine Schwester hat gesagt, sie bräuchte 150 Pfund - das war ungefähr ein Jahresgehalt - um ihre Eltern aus Österreich zu retten. Die Landlady hat gesagt: ‚Soviel Geld habe ich ungefähr, ich gebe es dir.’ Sie hat unsere Eltern gerettet, die dann im August 1939 nach England kommen durften. Im Juli 1939 sind Erna und ihr Mann nach Amerika emigriert, und ich war im Sommer noch bei der Familie, die mich aufgenommen hatte.

Dann ist der Krieg gekommen und der Physiker, der mich aufgenommen hatte, hat für die Luftwaffe gearbeitet und mich nicht brauchen können. Außerdem sind meine Eltern gekommen. Meine Schwester Paula hat begonnen in einer Schneiderei zu arbeiten, und da wir sehr wenig Geld hatten, begann ich in einer Regenmantelfabrik zu arbeiten. Das war Akkordarbeit, man hat mir eine Nähmaschine zur Verfügung gestellt, aber der Unternehmer hat nicht mir das Gehalt ausgezahlt, sondern dem Mann, neben dem ich gesessen bin und dem ich zugearbeitet habe. Der hat mir dann meinen Lohn gezahlt. Ich hatte eine 48 Stunden-Woche und das Tageslicht habe ich nur am Wochenende gesehen. Dort war ich sechs Monate, dann hat mein Vater eine Arbeit gefunden.

Zu Beginn des Krieges war ich drei Monate interniert, denn alle Österreicher waren nach der Annexion Österreichs keine Österreicher mehr, sondern Deutsche und somit feindliche Ausländer. Das Internierungslager war für mich eher wie ein Jugendlager, ich habe mich dort sehr gut gefühlt. Ich war sechzehn Jahre alt, vorher hatte ich noch Hilfsarbeiten gemacht und dort haben sich die Alten um die Kinder gekümmert, und ich hatte ein schönes gemütliches Leben, das mir Spaß gemacht hat. Nach den drei Monaten habe ich in einer Holzbearbeitungsfirma Wäscheklammern hergestellt, aber der Betrieb ist durch einen Bombenangriff beschädigt worden, und ich habe als Packer gearbeitet. Dann wurde ich als Dreher umgeschult und bis Ende des Krieges habe ich für die Rüstungsindustrie gearbeitet.
In dieser ganzen Zeit war das österreichische Zentrum ‚Young Austria’ [12] das Zentrum meines Lebens. Dort habe ich den größten Teil meiner Freizeit verbracht, und dort habe ich meine Frau, Elisabeth Jellinek, kennen gelernt. Ich hatte damals eine 60-Stunden Woche. Ich habe gearbeitet, und weil die Deutschen jeden Abend Manchester bombardiert haben, fand die Maturaschule, die ich besuchte, Samstag und Sonntag statt. Ich habe die Matura gemacht, aber wie ich das alles geschafft habe, kann ich mir nicht mehr vorstellen. Ich war 18 und es hat mir eine ungeheure Befriedigung verursacht, dass ich die Matura 1942 geschafft habe - in dem Jahr nämlich, in dem ich sie gemacht hätte, wenn der Hitler nicht gekommen wäre.

Meine Frau

Meine Frau und ich haben in Manchester in einer Synagoge geheiratet und vor sechs Jahren haben wir unsere goldene Hochzeit - mit der Mischpoche aus Amerika und der restlichen Welt - ganz groß in dieser Synagoge in Manchester zusammen gefeiert.

Väterlicherseits war der ‚Stammvater’ der Familie Jellinek der Tischler und Lackierer Samuel Jellinek aus Böhmen oder Mähren. Ich glaube mich zu erinnern, dass meine Frau erzählt hat, dass 1938 ein Mann, ein Julius Jellinek hieß aufgetaucht sei, der ein Halbbruder ihres Vaters war, aber vorher keine Beziehung zu der Familie hatte. Es soll so gewesen sein, dass Samuel Jellinek nach dem Tod seiner ersten Frau mit seinen Kindern nach Wien kam und in Wien ein zweites Mal geheiratet hat. Für den ältesten Sohn Julius war in der kleinen Wohnung kein Platz, deshalb wurde er zu einem Schneider in der Brigittenau in die Lehre gegeben. Dieser Bruder ist in einer jüdischen Welt aufgewachsen und wollte mit der Familie nichts zu tun haben. Die Familie lebte in Ottakring in einer dieser typischen Bassenawohnungen, in der zwei Schwestern bis 1938 lebten. Es gab fünf Kinder aus der ersten Ehe: Adele, 1890 geboren, Rosa, 1892, Josef 1894, Laura und Alexander.
Adele wurde als Kind wegen einer rheumatischen Gelenksentzündung erfolglos operiert und konnte sich seither nur mit eine Rollstuhl fortbewegen. Sie schrieb Feuilletons und Artikel für die sozialistischen Zeitungen und einmal einen Roman mit sozialem Inhalt. Ihre Schwester Rosa hat zeitweise bei der Post gearbeitet und war hauptsächlich damit beschäftigt, ihrer Schwester zu helfen. Die beiden Schwestern wurden weitgehend von ihrem Bruder Josef erhalten. Laura war zwergenhaft und leicht verkrüppelt. Als junges Mädchen arbeitete sie als Küchengehilfin, wurde vom Gastwirt geschwängert und hatte eine Tochter Fanny. Später heiratete Laura einen Nichtjuden, den Herrn Kolb und war dadurch 1938 geschützt. Bis 1938 arbeitete sie als Klofrau im Theater an der Josefstadt. Dann verlor sie diesen Posten, aber 1945 konnte sie wieder dort arbeiten.
Das geistige Zentrum der Familie war lange Zeit der Verein ‚Settlement’, der 1901 von bürgerlichen Kreisen nach englischen Vorbildern in Ottakring gegründet wurde, um Kultur in die Proletarierviertel zu bringen. Aus der wenigen vorhandenen Korrespondenz geht hervor, dass Bücher bei allen Jellineks eine große Rolle spielten. Die Tochter Fanny heiratete den Gaskassier Rudolf Berger und hatte mit ihm zwei Töchter und einen Sohn. Alexander arbeitete vor 1934 für die Sozialdemokratische Partei Ottakring und nachher als Hilfsarbeiter. Er war mehrmals verheiratet, jedes Mal mit einer Nichtjüdin und war dadurch 1938 geschützt. Er hatte auch Kinder. Die ‚arischen’ Partner verloren während des Holocaust ihre Stellungen, da sie sich nicht von den jüdischen Partner trennten. Sowohl die Tochter von Alexander als auch die Tochter der Fanny wurden Kindergärtnerinnen, ein Aufstiegsberuf für den man keine Mittelschule benötigte. Fanny und Rudolf starben vor einigen Jahren. Sie waren bis zu ihrem Tod sehr eng mit der Sozialdemokratischen Partei verbunden. Einer der Enkelkinder war Mittelschuldirektor - dessen Karriere scheint durch die Partei sehr gefördert worden zu sein. Josef, der Vater meiner Frau, absolvierte eine Druckerlehre. Er war anscheinend politisch tätig und hatte daher während des 1. Weltkrieges Probleme in der Armee. Er war nicht an der Front. Nach dem Krieg arbeitete er kurz in einer Bank und landete dann bei der sehr angesehenen Wirtschaftszeitschrift ‚Der österreichische Volkswirt’. Die Verbindung scheint durch Kontakte im ‚Settlement’ zustande gekommen zu sein. In dieser Zeit der österreichischen Arbeiterkultur spielte Sport und Wandern eine große Rolle. Bei so einer Gelegenheit scheint er die Mutter meiner Frau kennen gelernt zu haben.

Die Mutter meiner Frau, ihr Mädchenname war Margaretha Heller, stammte aus einer Familie im 1. Bezirk, die ein großes Kaffeehaus besaß. Zu dieser Zeit war der 1. Bezirk und Ottakring durch Welten getrennt. Sie war die älteste der Geschwister und musste sich um ihre jüngeren Geschwister - Zwillingsschwestern und zwei Brüder, Hans und Ernst - kümmern. Sie scheint in Opposition zu ihrer Familie gestanden zu sein. Ihre Ehe mit Josef Jellinek, der aus der Arbeiterschaft stammte, wurde offenbar nicht geschätzt. Die Hochzeit fand im Stadttempel in der Seitenstettengasse statt. Das junge Paar erhielt von den wohlhabenden Eltern wenig Unterstützung. Dadurch waren auch die Beziehungen meiner Frau zur Großmutter etwas gespannt. Nach dem Bürgerkrieg 1934 beschlagnahmte das Dollfuß/Schuschnigg Regime den sozialdemokratischen Verlag ‚Vorwärts’. Einige Linkskatholiken versuchten dann den beschlagnahmten Verlag als legales Sprachrohr für leicht oppositionelle Auffassungen umzufunktionieren. Zu diesem Zweck wurden zum Teil auch Journalisten eingestellt, die als links galten, aber nicht zur SPÖ gehörten. So kam auch Josef Jellinek in diesen Verlag, wo er bis 1938 arbeitete. Er wurde im März 1938, drei Tage nach dem Einmarsch der Deutschen, verhaftet und kam mit einem der ersten Transporte in das KZ Dachau [Deutschland]. Er hat eine angebotene Fluchtmöglichkeit nicht genützt, da er glaubte, dass er auch weiter seine Geschwister unterstützen könne, wenn er in Wien bliebe, auch wenn er nicht mehr als Journalist arbeiten würde, sondern wieder als Setzer arbeiten müsste. Vom KZ Dachau wurde er ins KZ Buchenwald [Deutschland] deportiert und war auch mit einigen der führenden Sozialdemokraten befreundet. Als Stubenältester hatte er gewisse Einflussmöglichkeiten. Er blieb in Buchenwald bis im Sommer 1942. Dann wurde er ins KZ Oranienburg- Sachsenhausen [Deutschland] deportiert, wo er am 5. Oktober 1942 starb. Was genau dort passierte, konnten wir nicht erfahren.
Rosa und Adele Jellinek mussten nach 1938 in jüdische Massenquartiere in den 2. Bezirk ziehen. Rosa wurde auf einige Zeit zur Zwangsarbeit geschickt. Aus der erhaltenen Korrespondenz geht hervor, dass die geschützten Familienmitglieder Laura, Fanny und Alexander sich bemühten, den beiden Schwestern behilflich zu sein. Rosa wurde 1942 nach Minsk deportiert und Adele 1943 nach Theresienstadt.
Hans Heller, der Onkel meiner Frau starb noch vor dem Krieg an Tuberkulose. Die beiden Schwestern und Ernst Heller konnten mit Familien nach Australien emigrieren. Meine Schwiegermutter und deren Mutter wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert. Grete kam mit einem der letzten Transporte von Theresienstadt im Oktober 1944 nach Auschwitz. Ihre Mutter blieb in Theresienstadt und wurde als eine der wenigen im Frühjahr 1945 in die Schweiz entlassen. Nach dem Krieg übersiedelte sie zu ihren Kindern nach Australien.

 

Rückkehr nach Wien

 

Meine Eltern emigrierten 1947 in die USA zu meiner Schwester Erna. Meine Schwester Paula ging nach dem Krieg nach Wien und arbeitete als Englischlehrerin. Als sie einmal in Amerika zu Besuch war, lernte sie einen polnischen Juden kennen, der in Mexiko lebte. Sie heirateten und Anfang der 1960er-Jahre ging sie mit ihm nach Mexiko. Sie hat einen Stiefsohn Ilan.
Meine Schwester und ich sind im ständigen Kontakt miteinander und schreiben uns mehrmals pro Woche E-Mails.
Im September 1946 sind wir nach Wien zurückgekommen. Meine Frau wollte immer nach Österreich zurück, und ich bin in England durch ‚Young Austria’ zur Kommunistischen Partei gekommen und wollte mithelfen, ein neues Österreich aufbauen. Ein Großonkel meiner Frau hatte in Wien das jüdische Altersheim geleitet, das den ganzen Krieg durch existiert hatte. Das war diese komische Nazibürokratie! Der Großonkel meiner Frau hat das Altersheim auch nach dem Krieg noch geleitet. Dort haben wir die ersten Tage gewohnt. Ich wurde in St. Pölten hauptamtlicher Funktionär der FÖJ [13]. Meine Frau hat als Krankenschwester in einem Betrieb gearbeitet, das war der Winter 1946/47, der ein sehr kalter Winter war, und das Pendeln zwischen Wien und St. Pölten ist mir noch immer in Erinnerung. Im April 1947 habe ich mich doch entschlossen, nach Wien zu gehen und zu studieren. Ich habe Chemie studiert, das hat mich ja schon lange interessiert hat und habe dann in der Industrie als Chemiker gearbeitet. Meine Frau hat in Österreich in einem Büro gearbeitet, während ich studiert habe. Nachdem unsere Kinder teilweise aus dem Haus waren, machte sie Kurse und wurde Englischlehrerin an einer Hauptschule, wo sie bis zu ihrer Pensionierung gearbeitet hat. Nach meiner Pensionierung 1990 habe ich noch einmal studiert : Politikwissenschaft und Wissenschaftsgeschichte und mehrere einschlägige Arbeiten publiziert, die zum Teil auch auf Englisch und Spanisch übersetzt wurden.

Durch die Kinderbuchautorin Friedl Hofbauer, die in Wien eine Schulkollegin meiner Frau war, haben wir viele Menschen nach dem Krieg in Wien kennen gelernt, die aktive Funktionäre der KPÖ waren. Eine Elektrikerfamilie, Freunde der Friedl Hofbauer, ebenfalls Mitglieder der KPÖ, hatten von meiner Schwiegermutter Möbel, Kleider und sogar Wertsachen übernommen, die sie für meine Frau aufbewahrt hatten. Obwohl diese Familie wegen ihrer politischen Tätigkeit selbst verhaftet wurde, überlebten alle diese Dinge, und wir konnten sie übernehmen.

1948 haben wir eine Zimmer – Küche - Kabinett Wohnung im 20. Bezirk gemietet. Wir haben die Wohnung mit dem Verkauf von Kleidern meines Schwiegervaters finanziert. Während meines Studiums erhielt ich ein Stipendium vom Joint [14]. Wir haben über die Kultusgemeinde auch Päckchen vom Joint bekommen. Ein bisschen Geld haben meine Eltern geschickt und ein bisschen hat mir meine Schwester Paula gegeben, die ja auch in Wien gelebt hat. Am 6. April 1948 wurde unser Sohn Peter Georg Rosner in Wien geboren. Er studierte Volkswirtschaft und ist Professor an der Universität.

Während des Studiums war ich Mitglied der jüdischen Hochschülerschaft, und ich bin überall sehr laut als Kommunist aufgetreten. Ich war Mitglied in der KPÖ, ich war Funktionär, und ein Freund von mir und ich haben versucht, die jüdische Hochschülerschaft in eine kommunistische Organisation zu verwandeln. Kurz vor der Gründung des Staates Israel hatten wir eine nicht ganz legale Veranstaltung. Da kam aus Linz, aus der amerikanischen Zone, ein aus der Roten Armee desertierter Jude, und wir hatten eine sehr harte Diskussion. Im Nachhinein muss ich ihn bewundern, weil er sich getraut hat nach Wien, in die russische Zone, zu kommen. Die illegale zionistische Bewegung war in Wien sehr stark, und wahrscheinlich ist er gekommen, um Juden für den illegalen Transport nach Palästina zu mobilisieren. Nach dem Krieg ist die illegale Einwanderung nach Palästina in sehr starkem Maße über Wien gegangen.

Unser Sohn Hans Paul Rosner wurde am 11.August 1955 in Wien geboren. Er absolvierte die Hotel-und Gastgewerbelehre, besuchte dann aber eine Pantomimeschule in Paris. Jetzt arbeitet er in der Gastronomie, da es sehr schwer als Pantomime ist, finanziell zu existieren.

Unser Sohn Michael Thomas wurde am 29. Juli 1959 in Wien geboren. Er studierte Medizin und arbeitet als Arzt.

Meine Kinder sind in Wien aufgewachsen und ich hatte beruflich ein sehr angenehmes, interessantes Leben. Ich habe es nicht bedauert nach Österreich zurückgegangen zu sein. Nach dem Krieg haben uns die Kommunisten in St. Pölten, die während des Krieges illegal gearbeitet haben, wirklich geholfen. Es war für mich dann sehr traurig, als ich mich von der Partei gelöst habe, dass viele dieser Leute einfach nicht wegkommen konnten von ihren stalinistischen Vorstellungen. Nach dem Einmarsch der Warschauer Paktstaaten in Prag habe ich meine Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei sterben lassen. Vielleicht habe ich 1968 während der Auseinandersetzungen über den Einmarsch der Warschauer Paktstaaten in Prag Töne gehört, die ich als antisemitisch empfunden habe.

Antisemitismus habe ich persönlich in Österreich nach dem Krieg nicht erlebt, vielleicht deshalb, weil ich auf der Uni offensiv als Kommunist aufgetreten bin, und das war viel ärger, als Jude zu sein. Auch meine Kinder haben in der Schule keinen Antisemitismus erlebt.

Einer meiner Söhne ist in Schwechat in die Schule gegangen und in die katholische Welt Schwechats hereingestolpert. Dort gibt es traditionell eine sehr moderne Kirche, und wir sind auch mit der Pfarre in Verbindung. Meine Frau hat, als die Flüchtlinge aus Bosnien gekommen sind, geholfen, und wenn wir Hilfe brauchen, helfen sie uns.

Ich war zweimal in Israel, meine halbe Familie lebt ja dort. Ich habe eine kritische Einstellung zur Politik Israels, eine positiv kritische Einstellung. Israel ist hoch interessant - ein Land, das ich gerne besucht habe. Jedes Mal haben wir uns ein Auto genommen und sind von Verwandten zu Verwandten gefahren.

Wir haben auf der ganzen Welt unsere Familien, in Israel, in Amerika, in Lateinamerika und in Australien, eine typisch jüdische Familie. Ich schätze so geht es uns allen.

 

 

Glossar

[1] Kibbutz [Pl.: Kibbutzim]: landwirtschaftliche Kollektivsiedlung in Palästina, bzw. Israel, die auf genossenschaftlichem Eigentum und gemeinschaftlicher Arbeit beruht.

 

[2] [Die] Hohen Feiertage: Rosch Haschana [Neujahrsfest] und Jom Kippur [Versöhnungstag]

 

[3] Pessach : Jüdisches Fest, erinnert an den Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten, welcher die 200 Jahre währende Knechtschaft beendete. Jegliche gesäuerte Speise [Chamez] ist verboten, und so wird ungesäuertes Brot (Mazza) verzehrt.

 

[4] Seder [hebr.: Ordnung]: wird als Kurzbezeichnung für den Sederabend verwendet. Der Sederabend ist der Auftakt des Pessach-Festes. An ihm wird im Kreis der Familie (oder der Gemeinde) des Auszugs aus Ägypten gedacht.

 

[5] Koscher [hebr.: rein, tauglich]: den jüdischen Speisegesetzen entsprechend.

 

[6] Schuschnigg, Kurt [1897 – 1977]: österreichischer christlichsozialer Politiker. Er folgte 1934 dem von Nationalsozialisten ermordeten Dollfuß als Bundeskanzler. Er versuchte, Österreich zum ‚besseren deutschen Staat‘, als es das Deutsche Reich war, zu machen.
Am 9. März 1938 setzte er für den 13. März eine Volksabstimmung über den Erhalt der Eigenstaatlichkeit Österreichs an. Am 11. März 1938 trat er unter dem Druck Nazideutschlands zurück. Nach dem Anschluss wurde Schuschnigg inhaftiert und blieb bis Ende des Zweiten Weltkrieges in Haft. 1948 wanderte er in die USA aus und war bis 1967 Professor für Staatsrecht an der Universität St. Louis/Missouri.

 

[7] Bar Mitzwa: [od. Bar Mizwa; aramäisch: Sohn des Gebots], ist die Bezeichnung einerseits für den religionsmündigen jüdischen Jugendlichen, andererseits für den Tag, an dem er diese Religionsmündigkeit erwirbt, und die oft damit verbundene Feier. Bei diesem Ritus wird der Junge in die Gemeinde aufgenommen.

 

[8] Schwarzwaldschule: Von Eugenie Schwarzwald [geb. Nußbaum] gegründete reformpädagogisch ausgerichtete Schulanstalten. ,Die Schule muss versuchen, eine Künstlereigenschaft, die alle Kinder besitzen, die Vitalität, zu erwecken und zu erhalten.’ (Eugenie Schwarzwald). Schwarzwalds Reformideen bildeten die Grundlage für Otto Glöckels umfassende Schulreform nach 1918

 

[9] Haschomer Hatzair [hebr.: ‚Der junge Wächter‘]: Erste Zionistische Jugendorganisation, entstand 1916 in Wien durch den Zusammenschluss von zwei jüdischen Jugendverbänden. Hauptziel war die Auswanderung nach Palästina und die Gründung von Kibbutzim. Aus den in Palästina aktiven Gruppen entstand 1936 die Sozialistische Liga, die sich 1948 mit der Achdut Haawoda zur Mapam [Vereinigte Arbeiterpartei] zusammenschloss.

 

[10] Hakoah [hebr.: Kraft]: 1909 in Wien gegründeter jüdischer Sportverein. Bekannt wurde vor allem die Fußballmannschaft [1925 österreichischer Meister]; der Verein brachte auch Ringer, Schwimmer und Wasserballer hervor, die internationale und olympische Titel errangen. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 an das Deutsche Reich wurden die Spielstätten beschlagnahmt und der Verein 1941 verboten.

 

[11] Pogromnacht: Zynischerweise auch als Kristallnacht bezeichnete Nacht vom 9. zum 10. November 1938. Im Laufe dieser Nacht wurden 91 Juden ermordet, fast alle Synagogen sowie über 7000 jüdische Geschäfte im Deutschen Reich, wozu auch Österreich gehörte, zerstört und geplündert, Juden in ihren Wohnungen überfallen, gedemütigt, verhaftet und ermordet.

 

[12] Young Austria: 1939 gegründete, kommunistisch geführte Jugendorganisation österreichischer Flüchtlinge in Großbritannien, hatte 1300 Mitglieder.

 

[13] Freie Österreichische Jugend [FÖJ]: Die Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Österreichs. Sie wurde 1945 als überparteiliche ‚österreichische und antifaschistische‘ Vereinigung gegründet. Bis Frühling 1956 zogen sich die sozialistischen, christlichen und parteilosen Aktivisten zurück. Die FÖJ wurde, wenn auch formal unabhängig, zu einer kommunistischen Teilorganisation.

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Robert Walter Rosner
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
Jänner
Jahr des Interviews:
2003
Wien, Austria

HAUPTPERSON

Robert Walter Rosner
Geburtsjahr:
1924
Geburtsort:
Wien
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Beschäftigter in naturkundlichen und technischen Wissenschaften

AUDIO - INTERVIEW

Weitere Informationen

Ebenfalls interviewt von:
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