Lilli Tauber

Wien, Österreich

Juli 2003
Interviewer: Tanja Eckstein

 

Lilli Tauber und ihr Mann Max Tauber empfangen mich in ihrer Gemeindewohnung im 19. Bezirk in Wien. Wir haben schon miteinander telefoniert und sind sehr neugierig aufeinander. Der Kaffee duftet und der Kuchen steht auf dem Tisch. Zuerst unterhalten wir uns ein wenig, um uns kennen zu lernen. Lilli Tauber ist eine kleine, sehr lebhafte Frau mit kurzem, lockigem Haar, die gern und viel lacht und deren schweres Leben ich nie erahnt hätte. Ich mag sie sofort. Es ist sehr einfach sie zu interviewen, weil sie sich an viele Ereignisse und Namen erinnert und erzählt, als wäre alles erst gestern passiert.

 

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Während des Krieges
England
Mein Mann
Glossar

Meine Familiengeschichte

Mein Geburtsname Schischa ist ein hebräischer Name und heißt sechs. König Salomon hatte einen Schreiber, der auch Schischa hieß, nur hat sich der ‚Shisha’ geschrieben. Es gibt eine Sage, dass die jüdische Gemeinde Mattersdorf, seit 1924 Mattersburg, 1527 von sechs sefardischen Brüdern gegründet wurde. Ende des 15. Jahrhunderts mussten die Juden aus Spanien flüchten, und ungefähr seit dieser Zeit gab es Schischas in Mattersburg.

Von meinem Urgroßvater väterlicherseits weiß ich nur, dass er in Neunkirchen, ungefähr 25 Kilometer von Mattersdorf entfernt, lebte und Heinrich Schischa hieß.

Mein Großvater väterlicherseits hieß Josef Schischa und wurde in Mattersdorf geboren. Wann er geboren wurde, weiß ich nicht. Er war ein sehr religiöser Mann. Ich weiß nicht warum, aber er übersiedelte irgendwann nach Gloggnitz am Silberberg in Niederösterreich, das liegt am Semmering. Mein Großvater hatte Geschwister in Mattersdorf und in Wien. Wir sind einige Geschwister auch besuchen gefahren, aber ich erinnere mich nur, dass wir an einem Zigeunerlager [Roma-Lager] vorbeifuhren. Das hat mich wegen der Pferde und der Wagen sehr beeindruckt. An die Verwandten erinnere ich mich nicht mehr.

Meine Großmutter hieß Karoline Gerstl. Das ist die Großmutter, nach der meine Cousine und ich benannt wurden. Woher sie kam, weiß ich nicht. Die Großmutter und der Großvater hatten vier Kinder: Paula, meinen Vater Wilhelm, Helene und Adolf. Die Großmutter starb 1894 – woran sie starb, weiß ich nicht – da war mein Vater elf Jahre alt.

Der Großvater heiratete nach dem Tod seiner ersten Frau noch einmal. Die zweite Großmutter hieß Anna Günser. Sie kam aus Lackenbach im Burgenland, auch sie hatte vier Kinder mit meinem Großvater: Ludwig, Richard, Malwine und Erna.

Der Großvater zog von Gloggnitz nach Neunkirchen. Ich weiß aber nicht wann. Er besaß in Neunkirchen ein Haus und betrieb einen Kleiderhandel. [Schnittwarenhandel in Neunkirchen, Bahnstraße 14. Quelle: Gerhard Milchram: Heilige Gemeinde Neunkirchen, Mandelbaum Verlag.]

Neunkirchen hatte eine große jüdische Gemeinde. Angeblich – so wurde es mir erzählt – gab es in Neunkirchen vor vielen hundert Jahren so viele Schischas, dass ein Teil den Namen Löwy annahm.

Ich hatte also väterlicherseits acht Onkeln und Tanten. Tante Paula [Pauline] Schischa heiratete Gottfried Freudmann. Ich gehe oft mit meiner Schwiegertochter ins Cafe Teitelbaum im Jüdischen Museum. Da gibt es eine Buchhandlung, und ich glaube, dort habe ich das Buch ‚Heilige Gemeinde Neunkirchen’ eine jüdische Heimatgeschichte von Gerhard Milchram gesehen. Ich blätterte in dem Buch und auf einmal sah ich eine Hochzeitsanzeige: ‚Josef Schischa gibt die Hochzeit seiner Tochter Paula mit Dr. Gottfried Freudmann bekannt.’ Ich habe mich sehr gewundert, wie die Hochzeitsanzeige meiner Tante und meines Onkels in dieses Buch kommt. Ich rief Herrn Milchram an, traf ihn, und es stellte sich heraus, dass eine Frau Vogel in den USA, eine Nachkommin der Familie Löwy, auch ein Teil meiner Familie ist. Sie hat sehr viel geforscht und mir dann den Familienstammbaum geschickt.

Dr. Gottfried Freudmanns Vater hieß Aron Freudmann. [Quelle: Gerhard Milchram ‚Heilige Gemeinde Neunkirchen’ Mandelbaum Verlag] Gottfried Freudmann war Doktor der Philosophie, er arbeitete als Beamter in der Wiener Kultusgemeinde. Sie lebten im 9. Bezirk in Wien, in der Sechsschimmelstraße. Beide, Onkel Gottfried und Tante Paula, waren sehr fromm. Tante Paula trug einen Scheitl [1]. Gottfried war nicht nur sehr fromm, er war auch Sozialdemokrat. Wie das zusammenpasst, weiß ich nicht. Sie hatten fünf Kinder: Karoline, Walter, Erich, Selma und Armin.

Karoline Freudmann, Lilli genannt und ungefähr Jahrgang 1908, heiratete den Mathematiker Herrn Heller. Sie flüchteten 1938 in die Schweiz und überlebten dort den Krieg. Lilli war eine hundertprozentige Kommunistin. In der Schweiz überlebten sie vermutlich mit der Unterstützung von Hilfsorganisationen. Herr Heller wurde nach dem Krieg ein bekannter Mathematiker in den USA, aber Lilli wollte nicht in die USA, weil man als Kommunistin nicht in ein kapitalistisches Land geht. Also kam sie zu ihrem Bruder, dem Arzt Dr. Walter Freudmann, der auch Kommunist war, nach Wien.
Lilli hatte eine Tochter Gerti, und Gerti war mit ihrem Vater in die USA gefahren. So war Lilli in einem furchtbaren Zwiespalt. Eines Tages kam ihr Mann und nahm sie einfach mit nach Amerika. Lilli starb in Washington vor ungefähr fünf Jahren.

Dr. Walter Freudmann, Lillis Bruder, ging als Kommunist nach Spanien in den Bürgerkrieg [2], wurde in Frankreich interniert und kam zu mir zu Besuch nach England. Das war noch vor dem 1. September 1939. Von London fuhr er als Arzt mit dem Roten Kreuz nach China. Wie er von dort in die amerikanische Armee kam – er war sogar Major – weiß ich nicht. Kurz nach dem Krieg war er wieder in Österreich und arbeitete als praktischer Arzt in Wien in seiner eigenen Praxis. Er heiratete eine Christin namens Grete und sie adoptierten ein Kind, Eva. Er starb vor ungefähr zehn Jahren.

Sein Bruder Erich Freudmann, geboren 1909, war nicht verheiratet und hatte keine Kinder. Er lebte in Wien, war Kommunist und ist einmal, als er noch sehr jung war, nach Brasilien abgehauen. Was er dort wollte, weiß ich nicht. Er bekam Malaria und Tante Paula und Onkel Gottfried haben ihn irgendwie zurückgeholt. Ich kann mich erinnern, er hat uns einmal in Wiener Neustadt mit seinem Motorrad besucht. Das war schon eine Sensation. Später war er Redakteur der ‚Roten Fahne’ [Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands], kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg und als der Hitler kam, wurde er in ein KZ deportiert und man hat nie wieder von ihm gehört [Erich Freudmann, geboren am 17. Juni 1909 wurde am 31. Juli 1944 von Drancy (französisches Internierungslager) in das KZ Auschwitz deportiert und starb am 28. März 1945 im KZ Dachau. Quelle: DÖW Datenbank]

Selma Freudmann war Kinderärztin. Sie heiratete Dr. Kastan, einen sehr gutaussehenden Mann. Dr. Kastan, nur ein Elternteil, war Steuerberater. Sie lebten in Wien und hatten drei Kinder: Hansi, Eva, und Peter. Sie emigrierten 1939 nach Bolivien, nach Cochabamba, da war Peter ein Baby. Die jüngste Tochter Hilde, wurde in Cochabamba geboren. Sie lebten während des Krieges in Bolivien und durch Briefe blieben wir in Kontakt. Nach dem Krieg gingen sie nach New York und von New York zogen sie nach Palo Alto in Kalifornien. Da haben mein Mann und ich sie einmal besucht. Im Alter von 80 Jahren praktizierte Selma noch als Ärztin. Hilde und Eva leben in Palo Alto und schreiben manchmal. Hansi lebt in Los Angeles und ist sehr religiös. Peter lebt in den USA.

Armin Freudmann war so alt wie mein Bruder und oft bei uns in Wiener Neustadt auf Besuch. Armin war Ingenieur und begeisterter Kommunist. Nach dem Einmarsch der Deutschen flüchtete er zuerst nach Luxemburg und heiratete dort eine Jüdin, die er schon aus Wien kannte. Als Hitler 1940 die Beneluxstaaten überfiel, wurde er in ein KZ deportiert und überlebte bis Kriegsende in –ich glaube sieben – verschiedenen Konzentrationslagern. Seine Frau wurde ermordet. Nach dem Krieg kam er nach Wien und heiratete noch einmal eine Frau, deren Vater jüdisch war. Sie hatten drei Kinder: Friedl, Nanni und Gustl. Armin arbeitete nach 1945 für die ‚Rot - Weiss - Rot’ Radiosendung in Salzburg und danach für die SMV Mineralöl Verwaltung [die heutige OMV]. Außerdem war er ein Dichter; sein Sohn gab im Selbstverlag einen Band der Gedichte seines Vaters heraus. Er starb kurz nach seiner Pensionierung, auf die er sich so gefreut hatte, weil er noch so viel im Leben vorhatte.

Tante Paula und Onkel Gottfried wurden ermordet. [Pauline Freudmann, geborene Schischa, geboren am 26.Dezember 1880 und Gottfried Freudmann, geboren am 17. November 1875 wurden am 12. Mai 1942 von Wien nach Izbica Lubelska deportiert und ermordet. Quelle: DÖW Datenbank]

Tante Helene Schischa heiratete Adolf Weinstein. Sie waren kinderlos, lebten in Wien, aber ich weiß nicht, womit sie ihr Geld verdienten. [Helene Weinstein, geboren am 6. Juni 1886 und Adolf Weinstein, geboren am 16. Januar 1883 wurden aus Wien am 5. Oktober 1942 nach Maly Trostinec deportiert und am 9. Oktober 1942 ermordet. Quelle: DÖW Datenbank]

Onkel Adolf Schischa lebte in Wiener Neustadt. Er heiratete Selma Gerstl aus Wien. Sie hatten zwei Kinder: Herbert war genauso alt ist wie ich und Erika. Onkel Adolf war, wie mein Vater, im Kleiderhandel tätig, aber er hatte ein Ratengeschäft. Onkel Adolf und Tante Selma flohen nach dem Einmarsch der Deutschen nach Italien. Aus Italien wurden sie nach Auschwitz deportiert. [Adolf Schischa, geboren am 10. August 1888, und Selma Schischa, geboren am 3. Mai 1903, wurden am 26. August 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Quelle: DÖW Datenbank] Herbert und Erika kamen mit einem Kindertransport [3] nach England und leben auch heute noch in England.

Onkel Ludwig Schischa und Onkel Richard Schischa übernahmen, als der Großvater 1927 oder 1928 starb, das Haus und das Geschäft in Neunkirchen. Meine Mutter hatte vom Großvater, anlässlich meiner Geburt, noch einen silbernen Löffel bekommen. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof in Neunkirchen.

Onkel Ludwig war nie verheiratet, lebte in Neunkirchen bei seinen Eltern und starb vor dem Krieg, ich glaube an TBC. Er war noch sehr jung.

Onkel Richard führte das Geschäft weiter. Er lebte mit seiner Frau Helene und der Großmutter Anna zusammen. Seine Frau stammte aus der Slowakei, aus Nitra, wo ihr Vater Tierarzt war. 1938 wurden das Haus und das Geschäft arisiert. Onkel Richard und seine Frau versuchten, mit dem damals fünfjährigen Sohn Heinz, illegal nach Palästina zu fliehen. Die ersten illegalen Transporte gingen von Bratislava die Donau hinunter bis nach Bulgarien. Sie waren schon mit dem Kind auf dem Schiff, aber bevor das Schiff ablegte, hieß es auf einmal, die Kinder müssten runter; sie würden mit einem anderen Schiff hinterher kommen. Meine Tante und mein Onkel sahen ihren Sohn nie wieder. Natürlich haben sie diesen Schmerz nie verwunden.

Onkel Richard und Tante Helene kamen Ende der 1940er-Jahre nach Österreich zurück. Zuerst lebten sie in Wien – das Haus und Geschäft waren noch nicht zurückgegeben – und Onkel Richard arbeitete als Hilfsarbeiter in einer Tischlerei. Als sie das Haus zurückbekamen, gingen sie nach Neunkirchen und eröffneten wieder ihr Geschäft. Tante Helene litt unter starken Depressionen und wurde mit Elektroschocks behandelt. Ich weiß nicht, ob es damit zusammenhängt, aber einmal bekam sie nach der Behandlung furchtbare Bauschmerzen. Sie wurde mit der Rettung nach Wien ins Spital gebracht und operiert. Man stellte fest, dass sich ihr Magen ins Zwerchfell eingeklemmt hatte. Sie ist aus der Narkose nicht mehr erwacht. Das war im Jahre 1962. Nach ihrem Tod fand man die Kleidung ihres ermordeten Sohnes unter ihrer Kleidung. Onkel Richard ging nach dem Krieg nicht mehr in den Tempel, aber beim Begräbnis meines Schwiegervaters hat er Kaddisch [4] gesagt. Er starb 1977 an einem Herzinfarkt. Das ist die schreckliche Geschichte von Onkel Richard und seiner Familie.

Tante Malwine habe ich nie kennen gelernt. Sie war mit Dr. Siegbert Pincus, der aus Danzig stammte, verheiratet. Er war Professor an einem Gymnasium in Wien. Sie hatten einen Sohn, Ernst, der wurde 1924 geboren. Ernst lebt heute noch in England. Er ist nach dem Einmarsch der Deutschen mit einem Kindertransport zuerst auf eine Farm nach Irland gekommen und dann nach England. Er hatte später einen guten Posten, irgendetwas in der Ölbranche.
Tante Malwine starb 1927 und es gibt diese jüdische Sitte: Wenn die Ehefrau stirbt und sie eine jüngere, unverheiratete Schwester hat, heiratet diese den Witwer. Die jüngere Schwester war die Tante Erna, die hat den Onkel Siegbert heiraten müssen und war, glaube ich, nicht sehr glücklich dabei. Onkel Siegbert war ein schöner Mann, aber wie aus Marmor gemeißelt; er sah so kalt aus. Ich hab’ das als Kind schon so empfunden und mit meiner Tante darüber gesprochen und sie hat das bestätigt.

Tante Erna durfte als Begleiterin eines Kindertransports nach England emigrieren. In England gelang es ihr, einen Posten als Dienstmädel zu bekommen. Ihr Mann wurde ermordet [Siegbert Pincus, geboren am 15. Dezember 1890, wurde am 28.November 1941 von Wien nach Minsk deportiert und ermordet. Quelle DÖW Datenbank].

Mein Vater, Wilhelm Schischa, war der älteste Sohn. Er wurde am 11. Oktober 1883 in Gloggnitz geboren. Mein Vater war Schneidermeister. Nach der Hochzeit eröffnete er am Domplatz in Wiener Neustadt ein Herrenbekleidungsgeschäft. Im Geschäft hing die Urkunde über seine Meisterprüfung. Regelmäßig fuhr er zum Einkauf zu den Großhändlern nach Wien und kaufte Herrenbekleidung, die er im Geschäft verkaufte.

Da mein Vater schreckliche Krampfadern hatte, wurde er während des 1. Weltkrieges nicht zur k. u. k. Armee [5] eingezogen. Aber irgendetwas muss er doch mit dem Krieg zu tun gehabt haben, denn er erzählte, dass in der Nähe von Wiener Neustadt ein Kriegsgefangenenlager für Russen war. Er musste immer mit einer Kutsche irgendwohin Brot ausliefern fahren. Dadurch kam er an dem Kriegsgefangenenlager vorbei, und da die Gefangenen schrecklich hungrig waren, warf er ihnen immer ein paar Brote über die Umzäunung.

Mein Großvater mütterlicherseits hieß Eduard Friedmann. Er stammte aus einer Rabbinerfamilie aus Ungarn. Die Friedmanns waren sehr fromm. Sicher hatte der Großvater Brüder und Schwestern. Es kamen einmal zwei Frauen, Cousinen meiner Mutter zu Besuch – daran kann ich mich gut erinnern – die lebten in Steinamanger [ungarisch: Szombathley], waren sehr fromm, mit Scheitl und haben alle keine Kinder gehabt. Unter Frommen keine Kinder haben ist ja sehr ungewöhnlich.

Meine Großmutter hieß Sofie Friedmann [Sofie Friedmann, geboren am 17. September 1856 Quelle: DÖW Datenbank], geborene Daniel, und stammte aus Kobersdorf im Burgenland. Ihre Schwester Adele war mit einem Herrn Riegler verheiratet, der eine Greislerei hatte. Es wurde in der Familie oft erzählt, dass der Herr Riegler nach Edlach, dem Kurort, in dem Theodor Herzl [2] 1904 starb, geholt wurde, um Herzls Leiche zu waschen, weil er der einzige Jude in der Nähe war.

Die Tante Adele, die Schwester der Großmutter, starb in Wien in der Seegasse im jüdischen Altersheim. Ihr Sohn Julius und seine Frau Julia kamen auf dem Kladovo Transport [6] ums Leben. Sie hatten zwei Söhne, den Fredl und wie der andere hieß, weiß ich nicht mehr. Die Söhne überlebten; sie waren nicht auf dem Schiff.

Die Großeltern lebten in Prein an der Rax in Niederösterreich, das ist ein kleiner Kurort. Dort hatten sie ein schönes Haus und ein Geschäft, eine Greislerei. Wie am Land üblich, gab es in diesem Geschäft alles. Es gab Zeitungen, Tabakwaren, Lebensmittel, Taschentücher und eine Tankstelle gehörte auch dazu; also es gab alles.

Die Großeltern hatten sechs Kinder. Ein Sohn starb, ich glaube im Alter von 14 Jahren an Typhus, wie der hieß, weiß ich nicht. Es waren dann noch fünf Geschwister: Meine Mutter Johanna, Isidor, Julius, Fany und Berta. Der Großvater starb 49jährig im Jahre 1900. Als der Großvater starb, waren die Kinder noch nicht mündig und brauchten einen Vormund und der Onkel Riegler wurde der Vormund der Kinder.

Da meine Großmutter noch nicht alt war, als der Großvater starb, half sie im Geschäft mit. Als sie jünger war, trug sie einen Scheitl, später nicht mehr. Als ich fünf oder sechs Jahre alt war, war sie schon alt und lebte im Haus meines Onkels in einem Zimmer im oberen Stock. Mein Onkel Isidor war nicht mehr fromm und nicht mehr koscher und da hätte sie nichts gegessen. Deshalb fuhr er regelmäßig nach Gloggnitz oder Neunkirchen und brachte koscheres Fleisch für sie. Nachmittags zum Kaffee ging die Großmutter zum Onkel und der Tante hinunter. Es war immer viel Leben in diesem Haus, es war oft Besuch da und die Familie traf sich auch häufig. Das Haus war wunderschön. Es wurde vor einiger Zeit abgerissen. Als ich das hörte, war es furchtbar für mich. Hätte ich sehr viel Geld, dann hätte ich es, glaub’ ich, gekauft. Es war ja für mich nicht nur ein Haus.

Onkel Isidor, Isi genannt, übernahm nach dem Tod des Großvaters das Haus und das Geschäft in Prein. Er war mit Josefine verheiratet. Ihre Eltern besaßen in Wien, im 16. Bezirk, Lerchenfeldergürtel 49, ein großes Haus. Sie hatten zwei Kinder: die Erika und den Erich. Onkel Isi baute vis-à-vis des alten Hauses und Geschäftes, kurz vor dem 1.Weltkrieg, ein neues Haus.

Erika heiratete einen Pelzhändler namens Sidon aus Neunkirchen. Nach dem Einmarsch der Deutschen flüchteten sie mit den Eltern illegal nach Antwerpen und von dort weiter nach Palästina. Sie blieben in Israel und kamen nicht mehr zurück. Erika hatte drei Töchter und ist relativ jung gestorben. Erich kam im Herbst 1938 illegal nach Palästina, heiratete dort eine Berlinerin, Towa, und starb 1994 in Israel.

Onkel Julius Friedmann wurde am 15. September 1889 geboren. Er war ein begeisterter Bergsteiger, sehr naturverbunden und ein Sozialist. Er heiratete die Schwester der Josefine Katz, die Elsa hieß. Sie wohnten in ihrem Haus in Wien, Lerchenfeldergürtel 49. Vater Katz besaß ein Pfeifengeschäft. Im Jahre 1934, während der Februarkämpfe [7] wurde er halb totgeschlagen. Sie hatten einen Sohn namens Heinz. Heinz kam mit einem Kindertransport nach England. Tante Elsa emigrierte nach Frankreich, lebte im Untergrund, irgendwer denunzierte sie und sie wurde ermordet. Auch Onkel Julius wurde ermordet. [Julius Freudmann wurde am 27. Oktober 1939 nach Nisko deportiert. Quelle: DÖW Datenbank]

Tante Fany Friedmann, geboren 1882, heiratete einen Journalisten, der Bauer hieß und nicht jüdisch war. Sie hatten keine Kinder und lebten zusammen in Prag. Einmal fuhr sie zur Kur nach Marienbad. Als sie zurückkam erfuhr sie, dass ihr Mann sie mit dem Dienstmädchen betrogen hatte. Daraufhin packte sie sofort ihre Koffer und kam zurück nach Prein. Der Herr Bauer kam ihr hinterher und wollte sie dazu bewegen, zu ihm zurückzukommen, aber sie konnte ihm nicht verzeihen. Sie blieb in Prein und arbeitete im Geschäft mit.

Tante Berta Friedmann wurde 1898 in Prein geboren. Sie heiratete Roland Ohme. Sie hatten keine Kinder. Zuerst wohnten sie in der Steiermark. Eine Tochter ihrer Tante Adele Riegler hatte dort eine Tuchfabrik; Decken und solche Sachen wurden da hergestellt. Tante Bertas Mann arbeitete als Elektriker in der Fabrik. Später zogen sie nach Wien, und er arbeitete bei Siemens. Herr Ohme war kein Jude. Mehrmals wurde ihm nach dem Einmarsch der Deutschen angetragen, sich von Tante Berta scheiden zu lassen, aber er blieb an ihrer Seite. Dadurch überlebte Tante Berta den Krieg in Wien. Sie musste keinen Stern tragen, aber so eine Art Zwangsarbeit verrichten.

Meine Mutter, Johanna Schischa [geborene Friedmann], Handschi genannt, wurde am 19. Mai 1885 in Prein an der Rax geboren. Sie besuchte in Prein die Volksschule; mehr Ausbildung hatte sie nicht.

In Neunkirchen war ein Purimball. Meine Mutter kam von Prein nach Neunkirchen, und auf diesem Purimball lernten sich mein Vater und meine Mutter kennen. Wann das war, weiß ich nicht. Jedenfalls fuhr mein Vater mit einer Kutsche zu der Mutter meiner Mutter, also meiner Großmutter, und bat sie um die Hand ihrer Tochter. Das war damals ziemlich unüblich, denn meistens kamen die Ehen durch einen Schadchen [8] zustande. Meine Großmutter wird wohl einverstanden gewesen sein, denn im Jahre 1908 heirateten meine Eltern, und sie wurden sehr glücklich miteinander. Die Ehe meiner Eltern war eine ausgesprochene Liebesheirat. Scheinbar war das damals eher die Ausnahme.

Mein Bruder, Edi [Eduard] Schischa, wurde am 5. Oktober 1914 in Wiener Neustadt geboren. Er besuchte die Volksschule, danach war er noch vier Jahre auf dem Gymnasium. Ich weiß nicht genau, ob er kein so guter Schüler war oder einfach nur keine Lust mehr hatte, in die Schule zu gehen, denn jedenfalls begann er dann mit einer Schneiderlehre, die er beendete  mit der Gesellenprüfung. Danach arbeitete er mit dem Vater im Geschäft.

Meine Kindheit

Ich wurde am 13. März 1927 in Wien, im Rudolfinerhaus, im 19. Bezirk geboren. Es waren Schwierigkeiten bei der Geburt zu erwarten, denn meine Mutter war bereits 42 Jahre alt. Die Ärzte hatten, als sie mit mir schwanger war, einen Tumor vermutet. Der Tumor war wirklich da, aber ich auch. Der Tumor wurde operativ entfernt, mich hat man drinnen gelassen. Es hätte eine problematische Entbindung werden können, deshalb fuhr meine Mutter ins Spital nach Wien.

Sicher war ich für die ganze Familie, die war ja nicht gerade klein, eine sehr freudige Überraschung. Meine Onkeln und Tanten waren zum Teil schon ziemlich alt, und meine Cousins und Cousinen hätten dem Alter nach beinahe meine Eltern sein können. Ich glaube, sie haben es alle sehr genossen, und ich habe ihnen viel Freude gemacht. Auch mein Bruder, der 13 Jahre älter war als ich, liebte mich sehr.

Alle Leute nennen mich Lilli, keiner weiß, dass ich Karoline heiße. Bis ich in die Schule kam, habe ich nicht einmal selbst gewusst, dass ich Karoline heiße. Beim Anmelden in der Schule brauchte man die Geburtsurkunde und da stand plötzlich Karoline. Aber ich hieß weiter Lilli. Komischerweise gibt es noch eine Karoline in unserer Familie, die auch Lilli genannt wurde. Das war die Tochter meiner Tante Paula, der Schwester meines Vaters.
Wir wurden beide nach der verstorbenen Großmutter benannt, vielleicht wurde auch sie Lilli genannt.

In Wiener Neustadt hatten wir ein Haus mit einem Garten. Für damalige Begriffe war das alles sehr luxuriös. Meine Mutter war zu Hause, und wir hatten auch ein Dienstmädchen.

Als ich ein Baby war, waren wir angeblich einmal auf Urlaub in Katzelsdorf, einem kleinen burgenländischen Dorf. Das war eine Ausnahme. Damals war das nicht so wie heute, man machte keinen Urlaub, man fuhr auf Sommerfrische. Wir waren oft in Prein bei der Großmutter und dem Onkel Richard - Prein war ja ein Kurort. Meine Eltern konnten wegen des Geschäftes nie zusammen auf Sommerfrische fahren, entweder war meine Mama dabei oder mein Papa, denn einer der beiden musste zu Hause das Geschäft offen halten.

Die Omama Anna, also die Stiefmutter meines Vaters, lebte in Neunkirchen. Wir besuchten sie oft am Sonntag, denn Neukirchen ist nicht weit von Wiener Neustadt entfernt. Sie war ein sehr warmherziger Mensch, zog vier angenommene und vier eigene Kinder groß. Sie war immer lieb zu uns Enkelkindern und schickte uns zu jedem Purim [9] selbstgebackene Hamantaschen [10].

Wir fuhren aber auch nach Wien und besuchten Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich das Schloss Schönbrunn und den Tiergarten Schönbrunn damals gesehen habe.

Die Familie meines Vaters war sehr religiös, aber mein Vater war weniger religiös. Er hielt nicht nur das Geschäft am Samstag offen, sondern er rauchte auch am Samstag. Meine Mutter dagegen war und blieb religiös. Es gab deshalb aber nie Streit zwischen ihnen. Unser Haushalt war streng koscher [11], wir trennten das Geschirr in milchig und fleischig, besaßen Pessach – Geschirr [12] und hielten alle Feiertage; Seder [13], Jom Kippur [14] und Rosch Haschana [15] ein. An diesen großen Feiertagen wurde das Geschäft gesperrt, und wir gingen in den Tempel. Meine Eltern haben den ganzen Jom Kippur gefastet. Ob mein Bruder auch gefastet hat, weiß ich nicht. An allen Feiertagen war unsere Familie zusammen: meine Eltern, mein Bruder und ich.

Die Traditionen waren sehr wichtig für meine Mutter. Jeden Freitag am Schabbat [16] wurde der Kiddusch [17] über einen Becher Wein gesprochen, Kerzen gezündet, es gab Barches [zopfartig geflochtenes Schabbatbrot] – da war eine Serviette drüber gebreitet. Wir aßen immer kalt zu Abend, aber Freitagabend gab es als Vorspeise gesulzten Karpfen und als Hauptspeise Gans oder Huhn. Ich kann mich erinnern, wie die Gänse gestopft wurden, damit sie ordentlich fett wurden und eine große Leber bekamen. Da wir ja kein Schweinernes aßen, verwendeten wir das Gansfett auch zum Kochen.

Ich glaube, meine Eltern hatten nur jüdische Freunde. Ich habe eigentlich in meiner Kindheit keinen Nichtjuden gekannt, der mit uns verkehrt hätte.

In der Volksschule waren wir vier jüdische Mädeln in der Klasse. Auf dem Gymnasium waren wir nur noch zwei.

Der Religionsunterricht fand in einer anderen Schule statt und der Vater des Religionslehrers war ein Cousin meiner Mutter. Wie er hieß, weiß ich nicht mehr. Meine Mutter hat mich immer zum Religionsunterricht gebracht, weil der am Nachmittag stattfand. Sie hat von der Stunde, die wir hätten Unterricht haben sollen, erst einmal eine halbe Stunde mit dem Lehrer getratscht, worüber wir uns natürlich sehr gefreut haben.

Während meiner Schulzeit war ich sehr gut mit zwei jüdischen Mädeln befreundet. Sie hießen Trude Gerstl und Susi Bauer. Trude Gerstl lebt noch in Israel, Susi kam leider um. [Susanne Bauer, geboren am 14. Juli 1927, wurde am 27. April 1942 in das Ghetto Wlodowa deportiert. Quelle: DÖW Datenbank]

Nachdem mein Permit [18] nach England gekommen war, kam zehn Tage später noch ein Permit für mich. Mein Vater ist damit aufs englische Konsulat gegangen und bat darum, es auf meine Freundin Susi umschreiben zu lassen. Das haben sie aber auf der Botschaft abgelehnt, und sie wurde ermordet.

Zwei Häuser weiter gab es eine christliche Familie, die hatte zwei Töchter: Grete und Hanni Gross, mit denen war ich auch sehr gut befreundet. Ihr Vater war Polizist.

Während des Krieges

Bis zum 12. März 1938 [19] habe ich von Antisemitismus eigentlich nichts gespürt. Ich war elf Jahre alt und ging aufs Gymnasium. Andrea, die Tochter eines nicht jüdischen Arztes, holte mich jeden Morgen auf dem Weg zur Schule ab, und wir gingen den restlichen Weg gemeinsam. Damals ist man zu Fuß gegangen, es war ja nicht weit. Nach dem 12. März schaute mich Andrea von einem Tag auf den anderen nicht mehr an. Das war furchtbar für mich! Ich war noch ein Kind und konnte das nicht verstehen. Wie sich dann herausstellte hatte sie Brüder, die schon längere Zeit illegale Nazis waren.

Es veränderte sich alles. Unser Geschäft wurde arisiert, und man legte meinem Vater nahe, unser Haus zu verkaufen. Das hat er auch getan, aber wir durften noch so lange im Haus bleiben, bis er ein neues Zuhause für uns gefunden hatte.

Es gab manchmal Leute, die helfen wollten, zum Beispiel die Pfarrersköchin, die meiner Großmutter in Prein immer frisches Gemüse brachte. Aber es gab auch Leute, die vor ihr ausgespuckt haben; das waren die Kundinnen, die Schulden bei meinem Onkel im Geschäft hatten.

Es waren Sommerferien und im September hätte ich wieder in die Schule gehen müssen, aber aufs normale Gymnasium durfte ich nicht mehr. Es gab in Wiener Neustadt noch einige Zeit die jüdische Gemeinde, da wurde im Bethaus eine Schule gegründet. Das Bethaus befand sich neben der schönen, großen Synagoge in Wiener Neustadt. Als ich aufs Gymnasium ging, fand in diesem Bethaus der Religionsunterricht statt, dort konnte man im Winter heizen. Wir bekamen eine jüdische Lehrerin und aus der ganzen Umgebung von Wiener Neustadt kamen zwanzig bis dreißig jüdische Kinder. Wir lernten gemeinsam in einem Raum. Es war kein richtiger Unterricht, aber immerhin ein Schulbetrieb. Ich kann mich gut erinnern: es war am 10. November 1938 [20], einem Donnerstag. Es war so trüb draußen, als so gegen halb zehn Uhr morgens jemand hereinkam und mit der Lehrerin flüsterte. Dann sagte die Lehrerin zu uns, wir sollten nach Hause gehen, es sei irgendetwas im Gange. Meine Eltern waren ganz erstaunt, als ich so früh nach Hause kam. Gegen elf Uhr läutete es an der Haustür, und die Gestapo verhaftete meinen Vater. Sie nahmen ihn einfach mit.

In unserer Nähe wohnten noch andere jüdische Familien, die Familie Schurany und die Familie Gerstl, mit denen wir befreundet waren. Meine Mutter, die natürlich ganz verzweifelt war, sagte: ‚Komm’ wir gehen zu ihnen und fragen, was los ist.’ Sie erzählten uns, dass sie gehört hätten, dass man alle jüdischen Männer verhafte. Als wir auf dem Heimweg in die Nähe unseres Hauses kamen, sahen wir zwei Autos. Das Holztor zum Garten unseres Hauses war aufgebrochen, und wir sahen, dass auch unsere Wohnung aufgebrochen war. Die SA Leute durchwühlten die Veranda und die Zimmer.

Wir hatten damals so eine Kassa, die gibt es heute gar nicht mehr. Für die verlangten sie von meiner Mutter sofort den Schlüssel. Dann mussten wir mit ihnen gehen, und sie brachten uns in die Synagoge. Dort waren schon alle jüdischen Frauen und Kinder von Wiener Neustadt und Umgebung versammelt. Die Frauen wurden nach Geld und Schmuck durchsucht und mussten alles abgeben; es wurde ihnen einfach alles gestohlen.

Frau Gerstl, die Mutter meiner Freundin Trude, wollte nicht unterschreiben, dass sie ihr Haus hergibt, da haben sie sie geschlagen, bis sie unterschrieben hat. Ich habe das alles gesehen. Als es Nacht wurde, führten sie uns in das Bethaus. Da lag Stroh und zum Zudecken brachte man uns die Torahmäntel [21]. Wir wurden drei Tage eingesperrt. Die Synagoge hatte einen Hof mit einem Eisengitter zur Strasse, da standen Leute und schauten zu; die Wiener Neustädter amüsierten sich köstlich, als wir jüdischen Kinder im Kreis laufen mussten.

Auf einmal bekam ich Halsschmerzen und Fieber. Ein SA Mann wurde geschickt, ein junger Mann, damit wir nicht flüchten, um mit meiner Mutter und mir ins Wiener Neustädter Spital zu gehen. Als wir auf den Arzt warteten, gaben uns Klosterschwestern, die dort gearbeitet haben, heimlich zu essen. Dann kam der Arzt und schaute in meinen Hals. Am nächsten Tag, als noch drei andere Kinder Halsschmerzen und hohes Fieber bekamen, stellte sich heraus, dass es Scharlach war. Wir vier Kinder mussten ins Wiener Neustädter Spital, und die Frauen und die anderen Kinder wurden in Busse gesetzt und nach Wien gefahren. In der Taborstrasse, im 2. Bezirk, mussten sie aussteigen und durften gehen, wohin sie wollten.

Wir sind nie mehr in unser Haus zurückgekommen. Alles was drinnen war, wurde gestohlen.

Meine Mutter ging zu ihrer Schwägerin, der Tante Paula. Niemand wusste, wo mein Vater war. Es stellte sich später heraus, dass mein Vater in Wien auf der Elisabeth Promenade im Polizeigefängnis war. Dort hatten sie alle eingefangenen Juden zusammengepfercht. Er hat dann erzählt, es wäre furchtbar gewesen. Sie hätten sich nicht einmal niedersetzen können. Dann wurde selektiert, wer nach Dachau musste und wer nach Hause durfte. Mein Vater und sein Bruder, der Onkel Adolf, standen nebeneinander. Zu meinem Vater wurde gesagt, er dürfe nach Hause gehen, Onkel Adolf wurde ins KZ Dachau deportiert.

Ich war zu dieser Zeit im Spital. Die Klosterschwestern und die Ärzte waren einmalig. Sie haben dort wirklich keinen Unterschied zwischen uns und den anderen Patienten gemacht. Nach sechs Wochen holte mich mein Vater ab. Wir wohnten bei Tante Paula und Onkel Gottfried im 9. Bezirk in Wien, in der Scheuchgasse, die vorher Glasergasse hieß und sofort nach dem Krieg wieder in Glasergasse umbenannt wurde. Das war dann schon Ende Dezember 1938. Zu dieser Zeit gab es unter den Juden nur ein Thema: Wie komme ich weg? Dass man weg musste, das war klar.

Mein Bruder floh im Oktober 1938 mit einem illegalen Transport nach Palästina.

Um die Schule kümmerte sich niemand mehr. Mein Onkel Gottfried hatte Beziehungen zur Bnei Brith Loge, einer sozialen jüdischen Einrichtung. ‚Söhne des Bundes’ heißt Bnei Brith und es gibt diese Logen überall auf der Welt. In dieser Zeit haben sie geholfen, das Leben jüdischer Kinder zu retten.

Es war damals so, dass irgendwer für ein Kind garantierten musste, dass es dem englischen Staat nicht zur Last fallen würde. Die Kinder, die eine solche Garantie hatten, bekamen ein Permit und durften mit einem Kindertransport nach England; allerdings ohne ihre Eltern. Im Kindertransport waren Mädchen, Buben, aber auch Kleinkinder und fünf bis sechs Monate alte Babys - das kann man sich heute kaum vorstellen.

Es wurde nicht gesagt, dass die Eltern nachkommen, aber ich habe es immer gehofft.

Wie mutig meine Eltern waren, das begriff ich erst später, als ich selber Kinder hatte. Es muss furchtbar für sie gewesen sein, mich zum Bahnhof zu bringen. Ich war irgendwie aufgeregt; ich verstand, dass es besser war, dass ich wegfuhr. Ich war nicht böse auf sie, dass sie mich wegschickten. Der Gedanke, dass es möglich wäre, meine Eltern nie wiederzusehen, ist mir damals überhaupt nicht gekommen.

England

Jedes Kind bekam ein Schild mit einer Nummer um den Hals gehängt. Es war eine rote Tafel mit einer Nummer drauf, dieselbe Nummer hing am Koffer. So kam ich in England an. Ich sprach kein Wort englisch damals. Wir waren drei Kinder von dem ganzen Transport, die am Bahnhof in London abgesetzt wurden und in ein Hostel kamen. Dieses Hostel war von der Bnei Brith Loge. Wir hatten sogar ein Stubenmädel, eine Wienerin. Da waren hauptsächlich Kinder aus Deutschland, alle sprachen nur deutsch.

Ich war ein religiös erzogenes Kind. Unsere Heimleiterin in England war streng orthodox und hat uns gezwungen, auch orthodox zu leben. Wir durften am Samstag nicht einmal unsere Zähne putzen. Wir mussten nach jedem Essen beten - sie war fürchterlich. Da war ein Mädchen, Lotte Levy hieß sie. Sie war aus Köln, aus einer streng orthodoxen Familie. Der Vater war ein Schammes [22], aber durch diesen Zwang unserer Heimleiterin, hat sie sich vollkommen von der Religion gelöst. Lotte ging später nach New York.

Zuerst haben sich die aus Deutschland kommenden Mädchen schrecklich über meinen Wiener Dialekt lustig gemacht und waren sehr gemein zu mir. Aber dann hat sich das gegeben und die Gemeinste von allen, die Lotte Levy, wurde meine beste Freundin.

Ich kann mich noch an viele Namen der anderen Mädchen erinnern: Die Jüngste hat Rosi geheißen, sie war damals fünf Jahre alt. Sylva Avramovici war aus Chemnitz. Ihre Eltern wurden ermordet. Sie lebte bis zu ihrem Tod im Jahr 1993 in Amerika. Cilly Horvitz war aus Hamburg. Ihre Mutter war Christin, ihr Vater war Jude, er ist im Krieg umgekommen. Cilly lebt in London. Lilli Kohn aus Wien lebt heute in Brasilien. Helga Reisner war aus Drove in der Nähe von Köln, sie lebt jetzt in New York. Cilly Salomon war aus Danzig, hatte noch eine ältere Schwester namens Ruth, die auch in London war. Die Eltern und der jüngere Bruder überlebten in Shanghai. Cilly lebt heute in Israel. Rita, den Nachnamen weiß ich nicht mehr [Nachname: Wislicki], lebt in London. Anita Schillers Eltern wurden ermordet. Sie lebt in London. Ruth Wassermann war aus Berlin. Ihre Eltern retteten sich über Japan nach Panama, wo ihr Vater starb. Ruth und ihre Mutter trafen sich in Amerika wieder. Gretl Heller aus Berlin lebt in New York. Ihre Eltern konnten sich retten, sie flüchteten nach Amerika, wo der Vater während des Krieges starb. Gretl heiratete einen Österreicher und war dadurch auch schon in Wien. Einmal durch den ‚Jewish Welcome Service’, der viele Jahre vertriebene österreichische Juden aus allen Teilen der Welt einlud, noch einmal ihre Heimat zu sehen und dem jetzt vom Staat die Geldmittel dafür gestrichen wurden.

Ich liebte meine Eltern über alles, und ich liebte auch meinen Bruder Edi, die Großmütter, die vielen Tanten und Onkeln, Cousins und Cousinen. Natürlich hatte ich große Sehnsucht und hoffte auf ein baldiges Wiedersehen. Für meine Eltern war es sicher, trotz ihrer großen Ängste um mich und meinen Bruder, eine Erleichterung zu wissen, dass wir der Gefahr, die damals noch nicht wirklich zu erkennen war, entkommen waren. Auch sie versuchten, Österreich zu verlassen, was ihnen aber nicht gelang, weil sie nicht mehr genug Geld hatten.

Ich schrieb viele Briefe an meine Eltern und besitze sie alle noch. Da mein Bruder in Palästina war, wollte ich auch dorthin - sehr zum Schrecken meiner Eltern. In einem Brief, den ich am 31. August 1939 aus England an meine Eltern schrieb, steht: ‚Wenn ich auch in England bin, so ist mein einziger Wunsch, nach Israel zu kommen. Bitte, bitte, lieber Papa bemühe dich so gut du es eben kannst.’ Daraufhin schrieb mein Vater, der einen großen Schrecken bekam: ,Wie kommst du darauf, nach Palästina zu wollen, wer hat dir damit dein junges Köpfchen in Unordnung gebracht? Du schreibst doch immer, dass es dir so gut geht. Du sollst uns doch mit solchen Narreteien nicht noch mehr verzagt machen. Der liebe Edi schrieb uns doch auch, dass es für dich in London resp. England viel besser sei wie in Palästina. Ich bitte dich, äußere ja nicht in deiner Umgebung solche Sachen... Wie glücklich wären wir, wenn unser lieber Edi nicht in Palästina, sondern wo immer in der Welt wäre. Da müssten wir uns nicht immer bangen und Sorgen um ihn haben ....’

In einem anderen Brief an meine Eltern schrieb ich: ‚Meine Innigstgeliebten!...Lieber Papa, du hast recht, Gottesglaube, ist das schönste Gut, dass der Mensch haben kann, und wer den Glauben an Gott verliert, der ist verloren. Darum nur auf Gott verlassen, dann ist alles gut. Ich habe, Gott sei Dank, hier koscher. Ich bete jeden Freitag und Samstag und nach jeder Mahlzeit. Ich habe mir vorgenommen, ein frommer und guter Mensch zu sein.’

Im August begann die Schule in England, beziehungsweise eines Tages hieß es einfach, wir müssen in die Schule gehen. Es war eine ganz normale reguläre Schule. Da ist es nach Alter gegangen, und ich war das einzige Emigrantenkind in meiner Klasse und verstand kein Wort englisch. Das war furchtbar. Jeder hat mich angeschaut, als wäre ich eine Sensation. Wahrscheinlich hatte die Lehrerin den Schülern erklärt, wer ich bin, aber ich verstand eben nichts. Die Lehrerin hat sich dann sehr bemüht, mir ein bisschen Englisch beizubringen.

Nach kurzer Zeit, einer oder zwei Wochen, brach der Krieg aus. Wir Kinder wurden aufs Land, nach Cockley Cley zu einer Lady Roberts geschickt. Die Lady gehörte zum englischen Landadel. Sie war keine Jüdin. Sie war zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt und sehr nett und besorgt um uns. Sie wusste, was mit den Juden passiert und hatte genug Geld, um vielen zu helfen. Ihr gehörte das ganze Land auf dem auch Landarbeiter wohnten, die sie beschäftigte. Das war eine riesige Farm, wo Spargel angebaut wurde. Viele Leute haben für sie gearbeitet, und alle haben dort gewohnt.

Englische Kinder kamen zu den Farmersleuten, die Emigrantenkinder wurden von Lady Roberts aufgenommen.

Ich begann in dieser Zeit viel zu zeichnen und muss heute sagen, die Bilder, die ich damals zeichnete, waren besonders schön. Ich war sehr talentiert, leider bin ich nie auf die Idee gekommen, etwas aus meinem Talent zu machen.

In Cockley Cley gab es keine Schule. Deshalb gingen die Kinder nach Swaffham, in die nächstgrößere Stadt, in die Schule. Unsere Lehrer aus London kamen mit uns nach Cockley Cley, und die Lady Roberts richtete für uns eine Cottage mit zwei Räumen her, wo wir lernen konnten. Kein Lehrer konnte Deutsch, und so lernte ich schnell Englisch.

Als wir bei Lady Roberts auf dem Land waren, kam auch unsere eigene Köchin mit. Sie war streng koscher und bekam eine eigene Küche für uns. Lady Roberts sorgte dafür, dass sie stets koscheres Fleisch hatte.

Lady Roberts bekam für jedes Kind, das sie aufnahm, eine gewisse Summe. Was davon übrig blieb, bekamen wir Kinder fürs Kino.

Mr. Harry Watts war Jude, Mitglied der Bnei Brith Loge und Besitzer eines Friseurgeschäfts in London. Wir nannten ihn Onkel Harry. Er war von Anfang an für uns Emigrantenkinder da und hat sich rührend um uns gekümmert. Er nahm uns auf Ausflüge mit, einmal war ich in Brighton, das ist ein Badeort am Meer. In einem Brief an meine Eltern beschrieb ich genau, was ich gesehen hatte: wie das Meer war und wo wir einkehrten. Onkel Harry kaufte uns Kleidung, denn wir wuchsen aus unseren Sachen heraus und gab jedem von uns Taschengeld. Einmal kam er mit einem Lastauto und brachte uns allen neue Stiefel. Wir haben ihn alle geliebt.

Meine Cousine Selma Freudmann, verheiratete Kastan, war mit ihrer Familie nach Bolivien geflüchtet und ihr Bruder Armin Freudmann nach Luxemburg. Das waren neutrale Länder, und so schrieben meine Eltern nach Luxemburg und von Luxemburg oder Bolivien bekam ich dann ihre Briefe. Eines Tages hörte das auf, weil auch Luxemburg von den Deutschen okkupiert worden war. Ich bekam noch ein oder zwei Briefe durch das Rote Kreuz und dann war es auf einmal aus.

Als die Tante Fany noch in Prein war, kam ein Bauer aus der Großau und bot ihr an, sie auf seinem Hof, der sehr abgelegen lag, zu verstecken. Vielleicht hätte sie so den Krieg überleben können, aber Tante Fany wollte ihre alte Mutter, die Omama Friedmann, nicht allein lassen und das war’s. [Fany Bauer, geborene Friedmann, wurde am 20. Mai 1942 von Wien nach Maly Trostinec deportiert und am 26. Mai 1942 ermordet. Quelle: DÖW Datenbank]

Meine Großmutter Sofie Friedmann war schon eine sehr alte Frau. Sie musste Prein verlassen und zog nach Wien, Lerchenfelder Gürtel 49, zu ihrem Sohn Julius Friedmann. Dort lebte auch schon die Tante Fany. Aus diesem Haus zogen sie aus, weil die Juden alle in Sammelquartieren untergebracht wurden. Da mussten sie in die Heinrichgasse im 1. Bezirk ziehen und teilten eine Wohnung mit vielen anderen Juden. Von dort wurden sie deportiert. [Sofie Friedmann wurde am 22. Juli 1942 von der Unteren Augartenstraße 16/13 in das Ghetto Theresienstadt [23] deportiert, wo sie am 29. November 1942 starb; Julius Friedmann wurde am 27. November 1939 vom Lerchenfelder Gürtel 49 nach Nisko [24] deportiert. Quelle: DÖW Datenbank]

Meine Omama Anna Schischa lebte bis zu ihrer Deportation mit ihrem Schwiegersohn Dr. Siegbert Pincus und seiner Mutter Ida Pincus, die am 26. Februar 1941 mit meinen Eltern gemeinsam ins Ghetto Opole [25] deportiert wurde, im 1. Bezirk, in der Neutorgasse. Siegbert Pincus und die Omama wurden auch ermordet. [Anna Schischa und Siegbert Pincus wurden gemeinsam am 28. November 1941 von Wien nach Minsk deportiert und ermordet. Quelle: DÖW. Datenbank]

Offiziell erfuhr ich nie, dass meine Eltern ermordet wurden. Ich hatte immer gehofft, es war ja Krieg, sie lebten noch irgendwo.

Das erste Mal erfuhr ich 1944, dass es so etwas wie Auschwitz gab. Es war die Zeit von Rosch Haschana, da wurde im englischen Parlament darüber gesprochen. Ich dachte mir dann schon, dass meine Eltern vielleicht nicht mehr leben.

Das Leben für meine Eltern wurde immer schwerer. Als gelernter Schneider konnte mein Vater etwas Geld verdienen. Er arbeitete vom 4. September 1940 bis zum 21. Februar 1941 für die arisierte Firma ‚Damen und Herrenkleiderfabrik Richard Kassin’ im 1. Bezirk, Salztorgasse 5, die der Familie Teller gehört hatte. Am 26. Februar 1941 wurden meine Eltern deportiert. Ich weiß nicht, wo sie umgekommen sind. Ich weiß nur, dass sie von Wien nach Polen in das Ghetto in Opole deportiert wurden.

Ich besitze unzählige Briefe meiner Eltern aus dem Ghetto in Opole, die sie vor ihrer Ermordung an meine Tante Fany, Tante Berta, und meine Großmutter schrieben. Tante Berta konnte mir nach dem Krieg einen kleinen Lederkoffer mit allen Dokumenten und Briefen, die sie vor der Deportation meiner Tante Fany und der Großmutter an sich genommen hatte, übergeben. So blieben diese wertvollen Dokumente erhalten.

Ich besitze nicht nur diese Briefe, sondern auch Fotos, die mein Vater aus dem Ghetto in Opole schickte. Opole war ein Ort, der abgeriegelt wurde. Die Juden, die darin wohnten, durften nicht mehr hinaus aber stattdessen kamen viele neue Juden hinein. Es gab, wie in jedem Ort eine Post, Bäcker, Fleischer, Friseure, Wirtshäuser und auch einen Fotografen. Da aber nichts mehr von draußen hereinkam, gab es sehr bald nur noch für sehr viel Geld Lebensmittel, die hinein geschmuggelt wurden. Meine Eltern waren auf die Hilfe ihrer noch in Wien lebenden Verwandten angewiesen. Es muss meinem Vater sehr wichtig gewesen sein, das Leben im Ghetto fotografieren zu lassen. Der jüdische Fotograf fotografierte das, was mein Vater ihm sagte. Mein Vater beschriftete zum Teil die Fotos und schickte sie nach Wien.

In den Briefen an seine Verwandten bedankt er sich für die vielen Pakete, die meine Mutter und mein Vater von der Familie zum Überleben in das Ghetto geschickt bekamen: Mein Vater schrieb in einem Brief vom 1. April 1941 an die Schwestern meiner Mutter:
,Meine Lieben!
....Gestern bekamen wir das 10. Paket. Inhalt Sardinen Conserve, Mehlspeisenringel, Milch wurde beschlagnahmt. Wir danken recht herzlich für euere stete Bemühung. Wenn wir euch nicht hätten, wäre es um uns traurig bestellt. ...für gewöhnliche Pakete bezahle ich 1 Zloty für gesandte Torten 4,80 Zloty deshalb bitte keine Bäckereien zu senden. Frei ist Mehl, Brot, ein wenig Zucker, Zwieback, Zitronen, Orangen, Nudeln, Margarine und noch Kleinigkeiten. Der Spiritusbrenner wäre ein Segen, aber ein Liter Spiritus kostet 7-8 Zloty, nicht zu machen. 1 Zloty ist die Hälfte von 1 Reichsmark. Vom gesamten Mehl haben wir Krapfen und Stritzel backen lassen, eine Wohltat nach langer Zeit. Gestern hatten wir ein delikates Essen, alles von Euch, Gemüsesuppe hinein noch Fleckerl und Ferferl, war uns lieber als alles Fleisch.’
Und mein Vater drückt auch seine Angst vor der ungewissen Zukunft aus. Im September 1941, kurz vor Rosch Haschana schrieb er:
‚Nur kurze Zeit trennt uns vom Beginn eines neuen Jahres, was haben wir uns im Vorjahr erbeten, unsere heißen Wünsche, unsere Lieben wiederzusehen blieben unerfüllt, was wird uns das neue kommende Jahr bringen? Wird sich unser aller lieber Gott endlich über uns erbarmen und uns zurückführen, zusammenführen mit allen, die uns lieb und teuer sind? Wir fragen uns alle Tage wann der sonnige Auferstehungstag kommen wird oder sollen wir hier überwintern, daran wollen und dürfen wir nicht denken.’

Im Jahre 1942 war ich 15 Jahre alt und ging nach London. Dort lebte ich auch in einem Hostel der Bnei Brith Loge. Ich wollte etwas lernen und Geld verdienen, ging in einer Schneiderei in die Lehre und wurde Damenschneiderin. Ich arbeitete in London als Schneiderin, bis ich wieder nach Österreich kam.

Mein Bruder Edi nannte sich in Israel später Jeheskel. Er hatte viele gute Anzüge, Hemden und Krawatten auf seiner Flucht mitgenommen, da unser Geschäft ja ein Herrenausstatter war. Aber das Leben in Palästina war sehr schwer für ihn. Er arbeitete zuerst auf einer Orangenplantage. Ich wusste nicht, wie schwer er gearbeitet hat. Wenn die Ernte vorbei ist, müssen die Bäume betreut werden. Es muss um die Bäume herum der Boden aufgegraben werden, bis fast zu den Wurzeln. Heute macht man das natürlich maschinell, aber damals ging es händisch mit einem Gerät - und das bei den hohen Temperaturen, die in Israel ab März herrschen. Das war seine Arbeit, und er konnte sich noch glücklich schätzen, dass er sie hatte.

Einmal schickte er mir eine englische zehn Schilling Note nach London. Das war vor dem Krieg, also kurz nachdem ich nach England kam. Das war damals viel Geld und er schrieb, ich solle vorsichtig damit umgehen, weil er dafür schwer hat arbeiten müssen. Als der Krieg ausbrach arbeitete er für die englische Armee als Zivilist im Büro. Die nahmen viele Leute auf, die englisch konnten. Mein Bruder lernte auch Iwrit in Wort und Schrift. 1948, nach der Gründung des Staates Israel, als die Engländer das Land verlassen hatten, war er eine Zeit lang Kellner. In Hadera gab es die amerikanische Reifenfabrik Allianz. Mein Bruder schaffte es, dort der Bürochef zu werden. Da verdiente er gut und er wollte dann nach Österreich auf Besuch kommen. Eeines Tages, am 5. Juli 1963, bekam ich ein Telegramm mit der Nachricht, dass er an einem Herzinfarkt gestorben sei. Er war erst 48 Jahre alt, hinterließ weder Frau noch Kinder. Ich habe meinen Bruder nach seiner Emigration nie wiedergesehen. Reisen war teuer und wir hatten beide nicht genug Geld.

Es gab in England, und natürlich auch in London, eine kommunistische Organisation, die sich Young Austria [26] nannte. Young Austria wurde von österreichischen Patrioten gegründet und die sagten uns, wir müssten nach dem Krieg nach Österreich zurückgehen und ein demokratisches Land aufbauen. Ich war jung und wenn man jung ist, ist man leicht für etwas zu begeistern. Das war auch einer der Gründe, dass ich zurück nach Österreich kam. Die meisten Kinder, die nach England kamen, blieben nach dem Krieg in England oder gingen nach Amerika. Ich kam 1946 zurück nach Wien. In Österreich habe ich mich politisch aber nicht mehr betätigt.

Tante Berta hatte eine nicht jüdische Schulfreundin, die hieß Obermeier, mit der war sie immer irgendwie in Kontakt. Eines Tages schrieb ihre Freundin, sie solle sofort kommen, weil das Haus und das Geschäft leer stünden, der Ariseur geflohen sei. Tante Berta fuhr nach Prein, bekam das Haus und übernahm das Geschäft. Weil sie geschäftlich oft in Wien war, hatte sie ein Zimmer gemietet. Sie holte mich vom Bahnhof ab, als ich in Wien ankam. Wien im Oktober 1946 war schrecklich. Es gab kein Essen, es gab keinen Strom, es gab einfach nichts. Als ich sah, wie fürchterlich es in Wien war, sagte Tante Berta, die selber keine Kinder hatte: ‚Du kommst jetzt gleich mit mir nach Prein, da kannst du mir im Geschäft helfen!’ Und so war es dann. Prein war für mich eine zweite Heimat, bequem und sehr warm.

In Prein arbeitete ich bei Tante Berta im Geschäft als Verkäuferin, schrieb die Geschäftsbriefe und war das Fräulein Lilli für die Leute. Das gefiel mir sehr. Manchmal fuhr ich auch nach Wien ins Theater oder um Freunde zu treffen. Ich hatte zwar in England Schneidern gelernt, aber in England war das nicht so, dass man Lehrling war und Prüfungen machte und dann ein Papier in der Hand hatte. Das war in Wien anders, und ich durfte ohne Papiere als Schneiderin nicht arbeiten.

Der Onkel Isi [Isidor] wollte aus Palästina kommen und das Haus und Geschäft wieder übernehmen, aber er starb im Oktober 1946 in Tel Aviv. Einige Zeit nachdem Onkel Isidor in Israel gestorben war, kam seine Witwe, die Tante Josefine, nach Prein und verkaufte das Haus ihrem früheren Chauffeur, der schon als Lehrbub für sie gearbeitet hatte.

Tante Bertas Mann, Onkel Roland, machte sich in Prein als Elektriker selbständig. Die Ehe hielt nicht, sie ließen sich scheiden, blieben aber befreundet. Tante Berta heiratete einige Jahre später Wilhelm Günser, einen Juden, der während des Kriegs in Kasachstan interniert war und in Wien, in der Schottenfeldgasse 5, ein Geflügelgeschäft besaß. Sie zog zu ihm nach Wien.

Obwohl ich nach dem Krieg in Prein einmal sehr verliebt war, kam es für mich nicht in Frage, einen Nichtjuden zu heiraten. Es war aber nicht so einfach einen Juden kennen zu lernen. Tante Berta hatte Bekannte in Wien und die sagten, sie würden einen netten jungen Mann kennen. Er war schon 31 Jahre alt und hieß Max Tauber.

Mein Mann

Mein Mann wurde in Wien am 11. Juni 1920 geboren. Sein Vater hieß Moritz Tauber und seine Mutter Sofie Tauber, geborene Lerch. 1934 wanderte sein Vater aus politischen und wirtschaftlichen Gründen nach Palästina aus. 1935 folgten seine Mutter Sofie mit den Kindern Grete [geb. 14. 8.1921, verheiratete Taylor], Berta [geb. 24.10.1923, verheiratete Feder] und meinem Mann. Die Familie lebte hauptsächlich in Jerusalem. Der Vater war Schuhmacher und hatte in Wien, und später in Jerusalem, eine Werkstätte, in der er vier bis fünf Leute beschäftigte. Mein Mann erlernte in Palästina den Beruf des Schuhmachers. Er kam nach Österreich zurück, weil es ihm in Palästina nicht gefiel und er Österreich immer seine Heimat war.

Meine Tante und ich trafen ihn im Kaffeehaus Mozart, hinter der Oper. Er kam gerade aus England, weil er dort seine Schwester besucht hatte. Wir haben uns sofort blendend unterhalten. Das war zu Pfingsten 1953 und Sylvester 1953 haben wir bereits geheiratet. Wir heirateten am Standesamt in Wien. Es waren viele Leute dabei: Tante Berta, Onkel Roland, Onkel Richard, Tante Helene, die Eltern meines Mannes und viele andere. Wir hatten eine große Feier hinterher.

Am 3. Dezember 1954 wurde unser Sohn Willi [Wilhelm Tauber] geboren und zweieinhalb Jahre später, am 11. August 1957, der Heinzi [Heinz Tauber] Dann begann der ziemlich graue Alltag. Wir mussten in Wien vier Jahre auf eine Wohnung warten. Mein Mann arbeitete die ersten Jahre in Wien als Schuhoberlederzuschneider in einer Fabrik. Er hat aber sehr wenig damit verdient. Danach arbeitete er bis zu seiner Pension bei der Post.

Im Jahre 1967 waren die Kinder schon etwas größer, da wollte ich arbeiten und auch etwas Geld verdienen. Das war damals gar nicht so leicht, und es ist nicht dazu gekommen.

Im Jahre 1985 starb meine Tante Berta.

Meine Söhne Wilhelm und Heinz sind Juden. Sie wurden beschnitten, aber sie gingen nicht in den Religionsunterricht und hatten keine Bar Mitzwa [27]. Sie wurden aber als bewusste Juden erzogen. Bei uns ist es immer jüdisch zugegangen. Es ist immer sehr viel über jüdisches Leben gesprochen worden. Wir haben unseren Kindern unsere Lebensgeschichten erzählt, die jüdische Geschichte erzählt und über den Holocaust geredet. Unser Freundeskreis und die Verwandten, die überlebt hatten, waren alles Juden. Mein Schwiegervater kam aus einer orthodoxen Familie. Manchmal, zu den Feiertagen, hat er unsere Söhne in den Tempel mitgenommen.

Der Willi, unser älterer Sohn, hat sieben Jahre Gymnasium und dann die Sozialakademie gemacht. Vor etwa zehn Jahren hat er extern Prüfungen für das Diplom eines Psychotherapeuten abgelegt. Er ist Sozialarbeiter und Psychotherapeut. Er arbeitet vormittags bei der Caritas, und nachmittags bei Esra [28] als Psychotherapeut. Er ist mit einer Nichtjüdin verheiratet und hat eine Tochter aus erster Ehe.

Der Heinzi machte die HTL und besuchte danach die Sozialakademie. Am West- und Südbahnhof gibt es von der Caritas ein Büro und wenn jemand Hilfe braucht, kann er sie dort bekommen. Sehr viele Obdachlose und solche Leute suchen dort Hilfe. Da war mein Sohn einige Jahre beschäftigt. Dann arbeitete er im Möbellager von der Caritas. Bedürftige dürfen dort hinkommen und bekommen Möbel. Der Caritas-Prälat war Dr. Ungar, übrigens ein getaufter Wiener Neustädter Jude. Die haben dort dann angefangen, die Möbel zu verkaufen, statt herzuschenken, und mit dem Geld haben sie Leute eingestellt und bezahlt. Es hat sich dann ein Verein gegründet, der nennt sich ‚Arbeitsgemeinschaft für nicht Sesshafte’, und die machen Räumungen und verschiedene andere Dinge. Das Wichtigste ist, dass mein Sohn Leute beschäftigt, die im normalen Arbeitsprozess keine Arbeit mehr finden, also Langzeitarbeitslose, oder welche, die aus dem Gefängnis kommen; solchen Leuten gibt er Arbeit. Und er muss halt so viel verdienen, dass er denen den Lohn zahlen kann.

Der Vater seiner Frau Elisabeth [geb. Ranzenhofer] ist Jude. Sie arbeitet als Bewährungshelferin.

Mein Mann und ich haben öfter Busreisen gemacht: nach Spanien, Griechenland und auch durch Deutschland. Wir haben nette Leute kennen gelernt, aber auch Antisemiten. Auf diesen Reisen haben sich oft Leute angefreundet, aber wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass sie uns ignorierten, sobald wir sagten, dass wir Juden sind. Es kam oft die Frage an meinen Mann, wo und in welchem Regiment er gedient habe! Das passierte uns sogar noch im Jahre 1991.

Ich konnte mich sowieso nie mit nichtjüdischen Österreichern anfreunden, ich kann einfach, nach dem, was meiner Familie angetan wurde, kein Vertrauen mehr aufbauen. Wir hatten stets nur jüdische Freunde und waren mit unserer Familie zusammen.

Israel ist für mich sehr wichtig. Israels Bestehen bedeutet für mich den Fortbestand und das Weiterleben des jüdischen Volkes. Ich denke sehr jüdisch, für mich ist zum Beispiel auch der Sharon [28] in erster Linie ein Jude.

Wenn ich heute zurückdenke, abgesehen von meinem Mann und meinen Kindern, ich glaube, ich würde nicht mehr herkommen, denn Österreich ist nie mehr mein zu Hause geworden. Nach so langer Zeit in Österreich fühle ich mich heimatlos. Wenn ich gefragt werden würde, welches Land in mir Heimatgefühle auslöst, dann würde ich antworten: England.

Mir würde nie einfallen zu verleugnen, dass ich Jüdin bin. Als Kind in England bat ich den Herrgott, uns zu helfen. Wenn man in einer Notsituation ist, ist er die letzte Instanz, auf die man hofft.

 

Glossar

[1] Scheitl [Scheitel]: Die von orthodox-jüdischen Frauen getragene Perücke.

[2] Spanischer Bürgerkrieg [Juli 1936 bis April 1939]: Der Spanische Bürgerkrieg zwischen der republikanischen Regierung Spaniens und den Putschisten unter General Francisco Franco ausgetragen. Er endete mit dem Sieg der Anhänger Francos und dessen bis 1975 währender Diktatur. Franco wurde von Anfang an durch das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien unterstützt, die Republikaner, vor allem aber die kommunistische Partei, von der Sowjetunion. Zahlreiche Freiwillige aus der ganzen Welt kamen nach Spanien, um in den ‚Internationalen Brigaden‘ für die Republik zu kämpfen.

[3] Kindertransport: Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs rief die britische Regierung eine Rettungsaktion ins Leben, um Kinder vor dem Nazi-Terror zu bewahren. Zehntausend größtenteils jüdische Kinder aus deutsch besetzten Gebieten wurden nach Großbritannien gebracht und von britischen Pflegeeltern aufgenommen.

[4] Kaddisch  [hebr.: kadosch = heilig]: Jüdisches Gebet zur Lobpreisung Gottes. Das Kaddisch wird auch zum Totengedenken gesprochen.

[5] k.u.k.: steht für ,kaiserlich und königlich' und ist die allgemein übliche Bezeichnung für staatliche Einrichtungen der österreichisch-ungarischen Monarchie, z.B.: k.u.k. Armee; k.u.k. Zoll; k.u.k. Hoflieferant....

[6] Kladovo Transport: Kladovo ist ein serbisches Dorf an der Donau. Der ‚Kladovo-Transport‘ ist der [misslungene] Versuch, über 1000 Juden von Bratislava aus über die Donau nach Palästina zu bringen und so zu retten. Das Schiff erreichte Kladovo und die Flüchtlinge blieben dort stecken. Nur etwa 200 Jugendlichen gelang es wenige Tage vor dem Überfall auf Jugoslawien [April 1941], nach Palästina zu entkommen.

[7] Bürgerkrieg in Österreich [Februarkämpfe 1934]: Die Gegensätze zwischen den Sozialdemokraten und den Christlichsozialen bzw. der Regierung führten im Februar 1934 zum Bürgerkrieg in Österreich. Die Februarkämpfe brachen in Linz aus und breiteten sich nach Wien aus. Der unorganisierte Aufstand forderte mehr als 300 Tote und 700 Verwundete [auf beiden Seiten]. Außerdem führte er zum Verbot der Sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften sowie die Ausrufung 1934 des Ständestaats.

[8] Schadchen: jidd.: Heiratsvermittler, Brautwerber

[9] Purim: Freudenfest, das an die Errettung des jüdischen Volkes aus drohender Gefahr in der persischen Diaspora erinnert. Nach der Überlieferung versuchte Haman, der höchste Regierungsbeamte des persischen Königs, die gesamten Juden im Perserreich auszurotten. Der [jüdischen] Königin Ester gelang es jedoch, den König von den unlauteren Absichten Hamans zu überzeugen und so die Juden zu retten.

[10] Hamantaschen: Während des Purim-Fests zubereitete Süßigkeiten: dreieckige Kuchen mit Mohnfülle, die an Hamans dreieckigen Hut oder seine mit Bestechungsgeldern gefüllten Taschen erinnern sollen.

[11] koscher: [hebr.: rein, tauglich]: den jüdischen Speisegesetzen entsprechend.

[12] Pessach [hebr.: verschonen] gehört zu den höchsten jüdischen Festen. Es erinnert an den Auszug aus Ägypten, also an die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei, mit der sie als eigenes Volk in die Geschichte eintraten. Für gläubige Juden bedeutet dies auch die Erwählung des Judentums zum 'Volk Gottes'.

[13] Seder [hebr.: Ordnung]; wird in der Regel als Kurzbezeichnung für den Sederabend verwendet. Der Sederabend ist der Auftakt des Pessach-Festes. An ihm wird im Kreis der Familie [oder der Gemeinde] des Auszugs aus Ägypten gedacht.

[14] Jom Kippur: der jüdische Versöhnungstag, der wichtigste Festtag im Judentum. Im Mittelpunkt stehen Reue und Versöhnung. Essen, Trinken, Baden, Körperpflege, das Tragen von Leder und sexuelle Beziehungen sind an diesem Tag verboten.

[15] Rosch Haschana: [heb.: Kopf des Jahres]: das jüdische Neujahrsfest. Rosch Haschanah fällt nach dem jüdischen Kalender auf den 1. Tischri, der nach dem gregorianischen Kalender auf Ende September oder in die erste Hälfte des Oktobers fällt.

[16] Schabbat: [hebr.: Ruhepause]: der siebente Wochentag, der von Gott geheiligt ist, erinnert an das Ruhen Gottes am siebenten Tag der Schöpfungswoche. Am Schabbat ist jegliche Arbeit verboten. Er soll dem Gottesfürchtigen dazu dienen, Zeit mit Gott zu verbringen. Der Schabbat beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend.

[17] Kiddusch: von hebr. ‚kadosch‘, heilig. Der Begriff findet in verschiedenen Zusammenhängen Verwendung. Als Kiddusch wird u.a. der Segensspruch über einen Becher Wein bezeichnet, der am Schabbat und anderen Festtagen gesagt wird.

[18] Permit [engl.: Erlaubnis]: Visum, Einreisegenehmigung

[19] Anschluss: Der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Nach dem Rücktritt von Bundeskanzler Schuschnigg am 11. März 1938 besetzten in ganz Österreich binnen kurzem Nationalsozialisten alle wichtigen Ämter. Am 12. März marschierten deutsche Truppen in Österreich ein. Mit dem am 13. März 1938 verlautbarten ‚Verfassungsgesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich‘ war der ‚Anschluss‘ de facto vollzogen

[20] Novemberpogrom: Bezeichnung für das [von Goebbels organisierte] ‚spontane‘ deutschlandweite Pogrom der Nacht vom 9. zum 10. November 1938. Im Laufe der ,Kristallnacht’ wurden 91 Juden ermordet, fast alle Synagogen sowie über 7000 jüdische Geschäfte im Deutschen Reich zerstört und geplündert, Juden in ihren Wohnungen überfallen, gedemütigt, verhaftet und ermordet.

[21] Torahmantel: meist samtener, mit Stickereien bedeckter Tuchumhang, in dem die Torahrolle aufbewahrt wird.

[22] Schammes [hebr. Schamasch = Diener]: Synagogendiener. Er erfüllt die unterste Funktion in einer Synagoge. Daher wird der Begriff allgemein abwertend als Laufbursche gebraucht. Als Schammes wird auch für die Kerze bezeichnet, die zum Anzünden der übrigen Kerzen der Chanukkia [Chanukkaleuchter] verwendet wird.

[23] Theresienstadt [Terezin] : Ende des 18. Jahrhunderts gegründete Garnisonsstadt in der heutigen Tschechischen Republik, die während der Zeit des Nationalsozialismus zum Ghetto umfunktioniert wurde. In Theresienstadt waren 140.000 Juden interniert, die meisten aus dem Protektorat Böhmen und Mähren, aber auch aus Mittel- und Westeuropa. Nur etwa 19,000 der Menschen, die in Theresienstadt waren, überlebten.

[24] Nisko: Ort im Karpatenvorland. Im Rahmen der ‚Umsiedlung nach dem Osten‘ gelangten Ende 1939 zwei Transporte mit 1.500 Wiener Juden nach Nisko. Nur 200 Männer gelangten in das Lager, die Mehrheit wurde über die deutsch-sowjetische Demarkationslinie gejagt. Nach dem Abbruch der Aktion wurden im April 1940 198 Männer nach Wien zurückgeschickt – viele von ihnen wurden mit späteren Transporten neuerlich deportiert.

[25] Opole [deutsch Oppeln]: Stadt in Oberschlesien. Im Februar 1941 gelangten 2 Deportationstransporte mit Juden aus Wien in das  Ghetto Opole. Im Frühjahr 1942 begann die Liquidation des Ghettos. Von den 2.003 Wiener Juden sind 28 Überlebende bekannt.

[26] Young Austria: 1939 gegründete, kommunistisch geführte Jugendorganisation österreichischer Flüchtlinge in Großbritannien, hatte 1300 Mitglieder.

[27] Bar Mitzwa: [od. Bar Mizwa; aramäisch: Sohn des Gebots], ist die Bezeichnung einerseits für den religionsmündigen jüdischen Jugendlichen, andererseits für den Tag, an dem er diese Religionsmündigkeit erwirbt, und die oft damit verbundene Feier. Bei diesem Ritus wird der Junge in die Gemeinde aufgenommen.

[28] Sharon, Ariel: [geb. 1928]: israelischer Politiker und ehemaliger General; ehemaliger Vorsitzende der Likud- und Gründer der Kadima-Partei; bis Januar 2006 Ministerpräsident.

 

 

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Lilli Tauber
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
Juli
Jahr des Interviews:
2003
Vienna, Austria

HAUPTPERSON

Lilli Tauber
Geburtsjahr:
1927
Geburtsort:
Vienna
Geburtsland:
Österreich
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Retail clerk
Familiennamen
  • Vorheriger Familienname: 
    Schischa
    Jahr der Namensänderung: 
    1953
    Grund der Namensänderung: 
    Heirat

AUDIO - INTERVIEW

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