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Max Tauber

Im Februar 1934 [18] wurde sofort alles, was mit den Sozialdemokraten in Verbindung stand, unter Dollfuß [19] eliminiert. Die Sozialdemokratische Partei wurde verboten, alle Genossenschaften wurden aufgelöst, so dass mein Vater nicht nur politisch gefährdet war, sondern auch wirtschaftlich am Ende. Zum Vorstand der Schuhmachergenossenschaft wurde ein Nobelschuhmacher aus der Innenstadt - Lakovich hat er geheißen. Kurz nach dem 12. Februar hat er meinem Vater einen Brief geschrieben, dass er auf die Genossenschaft in der Florianigasse, im 8. Bezirk, kommen soll. Dort hat er zu meinem Vater gesagt: 'Herr Tauber, Sie können Ihre Funktion sofort wieder einnehmen, aber Sie müssen der Vaterländischen Front [20] beitreten.' Daraufhin hat mein Vater gesagt: 'Lieber Herr! Erstens bin ich a Jud und zweitens werde ich nicht mit dieser katholischen Partie zusammen arbeiten.' Daraufhin hat der Lakovich gesagt: 'Dann muss ich annehmen, dass Sie illegal weiter tätig sind. Herr Tauber, ich bin verpflichtet, gegen Sie Anzeige zu erstatten.' Im Mai 1934, eines Sonntags gegen sechs Uhr früh, wir lagen noch in unseren Betten, klopfte es draußen an der Tür. Es war der Bezirksoberinspektor der Kriminalpolizei vom Bezirk. Jeder hat ihn gekannt, der Rimbacher war eine markante Gestalt. Ich öffnete die Tür, er kam herein und sagte: 'Herr Tauber, bleiben Sie im Bett! Ich hab gegen Sie einen Haftbefehl, aber Sie sind ja nicht zu Haus. Ich werde im Protokoll festhalten, dass ich Sie nicht angetroffen hab. Ich mache Sie darauf aufmerksam, lassen Sie sich hier nicht mehr sehen.' Alle Leute, die sich politisch verdächtig gemacht hatten, sind in das erste österreichische Konzentrationslager nach Wöllersdorf gekommen. Das war aber nichts anderes als ein Gefängnis, es war nicht zu vergleichen mit den deutschen Konzentrationslagern.

Mein Vater ist untergetaucht. Zuerst war er bei seinem Bruder und hat versucht, irgendwie ins Ausland zu kommen. Er ist in der Nacht nach Haus gekommen und sehr zeitlich wieder gegangen, aber es kam niemand mehr. Seine Partei hatte Kontakt zur Sowjetunion, aber da war zum Glück nach Februar 1934 eine Einreisesperre. Die haben nur die ersten Schutzbündler [21], die am 12. Februar nach Bratislava geflüchtet waren, aufgenommen. Die sind dann in die Sowjetunion emigriert, es sind aber nur wenige zurückgekommen, viele wurden dort ermordet. Mein Vater ist dann aufs Palästinaamt [22] gegangen, das war eine private Organisation, und konnte Kontakt mit einem Fabrikanten, der in Jerusalem eine Schuhfabrik gegründet hatte, aufnehmen.
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Hannah Fischer

Das war die Meinung meiner Mutter und darüber hat sie bereits nach ihrer ersten Palästina-Reise berichtet. Meine Mutter war keine Zionistin, das hätte nicht zu ihrer politischen Weltanschauung gepasst, aber sie hat mit einem Staat der Juden in Palästina sympathisiert.

Nach der Eheschließung mit meinem Vater hat meine Mutter weiterhin als selbständige Journalistin gearbeitet. Sie war politisch sehr aktiv, sie war eine Kommunistin. So hat sie zum Beispiel für die Zeitung 'Die Wahrheit' - das war eine kommunistische Zeitung aus dieser Zeit - einen fast prophetischen Artikel über den Nationalsozialismus und dessen Bekämpfung geschrieben.

Nach 1933 gab sie eine hektographierte Zeitschrift mit dem Namen 'Die Rote Dreizehn' heraus. Im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes [9] gibt es zwei oder drei Nummern der Zeitung. Darin schrieb meine Mutter über politische Themen. Die Gegensätze zwischen den Sozialdemokraten und Republikanischen Schutzbund auf der einen Seite und den Christlich-Sozialen und der Heimwehr, beziehungsweise der Regierung, auf der anderen Seite, führten in den Februartagen 1934 zum Bürgerkrieg.

Der Aufstand scheiterte unter anderem deshalb, weil der von der Sozialdemokratischen Partei ausgerufene Generalstreik nicht lückenlos durchgeführt wurde. Viele Tote und Verwundete auf beiden Seiten war das Ergebnis. Einige Führer des Aufstands wurden hingerichtet.

Die Angehörigen der Verhafteten standen oft ohne Einkommen da und die Kassierer der Zeitschrift 'Die Rote Dreizehn' sammelten für die Familien der inhaftierten Roten. Es gibt zum Beispiel einen sehr interessanten Artikel über die Frau Münichreiter.

Münichreiter war einer der Führer des Aufstandes, der angeschossen worden war und schwer verletzt auf der Tragbahre zur Hinrichtung gebracht wurde. Es gibt eine Straße im 13. Bezirk, die nach ihm benannt ist. Und da gibt es einen Artikel meiner Mutter, in dem sie berichtet, wie eine der führenden Damen der Christlichen Wohlfahrt zur Frau Münichreiter kam und ihr nahe legte, zur Kirche gehen und um Hilfe bitten. Und Frau Münichreiter sagte dieser Dame ordentlich ihre Meinung. Diese Geschichte schrieb meine Mutter sehr anschaulich.

Am 12. Februar 1934 wurden wir von der Schule früher nach Hause geschickt, weil die Kämpfe begonnen hatten. Zu Hause kletterten wir auf den Nussbaum im Garten des gegenüber liegenden Grundstückes und beobachteten, wie in der Stadt gekämpft wurde.
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Paul Rona

Im 1934er-Jahr war Bürgerkrieg. Da wurde auf die Gemeindebauten [14] geschossen. Wir waren am nächste Sonntag mit den Marksteins die Gemeindebauten anschauen, und die Tante sagte, dass wir ja auch von den Roten nicht viel gehabt hätten. Wer das ‚WIR’ war, ob sie die jüdischen Kaufleute meinte, weiß ich nicht. Ich habe nach meiner Pensionierung begonnen zu studieren und meine Diplomarbeit über christlichsozialen Antisemitismus geschrieben. Dabei ist mir wieder eingefallen, was die Tante damals gesagt hatte.
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