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Kurt Brodmann

Mein Bruder kam mit einem Kindertransport [8] nach England, er war neun Jahre alt, und ich kam auf einen Transport nach Palästina. Mein Bruder hatte Glück und ist zu einem jüdischen Lord nach England gekommen.
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Gertrude Mechner

1938 wurde Ilse von ihrem Vater zuerst mit meiner Cousine Inge nach Wien und im April 1939 mit einem Kindertransport nach Rotterdam [Holland] geschickt. Das St. Jakobus Heim in Eindhoven nahm sie auf.
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Gertrude Kritzer

Mein kleiner Bruder Rudi kam mit einem Jugendtransport der Kultusgemeinde
nach Palästina. Ich glaube, es war nicht so leicht, auf so einen Transport
zu kommen.
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Hanny Hieger

Ich war 16 Jahre alt, aber für die Behörden war ich 15, damit ich noch mit dem Kindertransport der Kultusgemeinde fahren durfte. Am 20. Februar 1939 um 20.00 Uhr mußte ich mit einem Gepäckstück am Westbahnhof sein. Die Abschiedsszenen waren schrecklich. Wir älteren halfen den jüngeren Kindern. In London wurden wir in einer Kirche in der Church Hall empfangen. Ich hatte Glück, weil mein Cousin Alfred mich dort abholte, mit mir in das "Lyons Corner House", einem Treffpunkt der Emigranten ging und mich dort bewirtete. Er hatte eine Familie für mich gefunden.

Es gab viele Kinder, die kein Glück hatten und die da in den Hallen gesessen sind. Es war Februar und es war kalt und es war neblig und es war unwirtlich und ungastlich, wie es in England ist. Und die, die schon eine Adresse hatten, wo sie hin konnten, wurden abgeholt. So wurde ich von meinem Cousin Alfred abgeholt. Aber andere Kinder sind einfach dagesessen, und dann sind die Familien gekommen und haben ausgesucht. Das war wie ein Markt. Das war furchtbar. Es war ganz schlimm, mit einer Tafel um den Hals. Da hat einer gesagt: "I take that one. No no no, I take that one." Und Buben wollten sie nicht, sondern eher Mädchen. Und die, die dann übrig geblieben sind, die hat man in irgendwelche Heime gesteckt.
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Gerda Feldsberg

Im habe Wien 1939 mit dem letzten Kindertransport [5] der Kultusgemeinde nach England verlassen. Die Eltern durften die Kinder nicht bis zum Zug bringen, aber mein Vater war schon damals im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde und hat mich und meine drei jüdischen Freundinnen aus der Porzellangasse zum Bahnhof begleiten können. Meine Mutter musste zu Hause bleiben, in der Nacht war es sehr gefährlich.

Ich werde den Abschied nie vergessen: Meine Mutter konnte nicht reden. Sie hat nicht gewusst, ob sie mich je wiedersehen wird. Ich kann es heute noch nicht glauben, ich sehe noch immer, wie ihre Tränen rinnen. Meine Eltern hatten gesagt, dass sie nachkommen würden.

Aber als der Zug losgefahren und mein Vater am Bahnsteig gestanden ist, war es schrecklich. Meine Eltern hatten ein Permit [6] für England beantragt und hätten es wahrscheinlich auch bekommen, aber am 1. September 1939 begann der 2. Weltkrieg, und die Grenzen wurden geschlossen. Mein Vater war Sozialdemokrat, aber den Holocaust konnte er nicht voraussehen.

In England sollte mich ein Freund meiner Mutter vom Bahnhof abholen, aber ich musste zwei Stunden auf ihn warten. Einige Leute haben mich angesprochen und wollten mir helfen, aber ich habe ja nichts verstanden. Den ganzen Tag hatte ich nichts gegessen. Endlich kam der Bekannte meiner Mutter, ging mit mir Essen, und ich konnte auf die Toilette gehen.

Dann setzte er mich in einen Zug nach Liverpool. Im Zug von Wien nach London waren wir nur Kinder gewesen, in diesem Zug war ich aber vollkommen allein. Das waren vier schreckliche Stunden. Ich war ein achtjähriges Kind! Mitten in der Nacht kam ich in Liverpool an.

Ein sehr netter Mann holte mich vom Bahnhof ab, er sprach Jiddisch. Wir sind zu einer großen Villa gefahren. Der Mann hatte eine Frau und zwei Söhne, es war eine sehr fromme Familie. Ein Sohn war elf, der andere vierzehn Jahre alt. Aber nur der Mann sprach mit mir. Es war seine Idee gewesen, ein Kind aufzunehmen, die Frau war damit nicht einverstanden gewesen.

Ich war nach der langen Reise so müde, dass ich überhaupt nichts mehr gesehen habe. Ich weiß nur, einer der Burschen zeigte mir mein Zimmer. Ich musste Stiegen hinauf gehen, und man gab mir meinen Koffer hinein. Niemand kümmerte sich mehr um mich, ich bekam nicht einmal ein Glas Wasser.

Die Engländer sind sehr höflich; auch zum Briefträger sind sie sehr freundlich, sie sind zu jedem freundlich. Aber eine Mutter von zwei Söhnen, die einem kleinen Mädchen nach einer langen Reise nicht einmal ein Glas Wasser bringt, die ist schon sehr kaltherzig. Außer dem Gärtner, dem Chauffeur und dem Ehemann dieser Frau, der fast nie da war, hat niemand in diesem Haus mit mir gesprochen.

Ich schlief die erste Nacht sehr gut, weil ich so müde war. Am nächsten Morgen kam ein Hausmädchen in Uniform und zeigte mir das Badezimmer. Ich habe mich gewaschen und angezogen - meine Mutter hatte mir so schöne Sachen mitgegeben.

Dann aber wusste ich nicht, was ich tun sollte: hinuntergehen oder nicht. Ich bin hinuntergegangen; das Hausmädchen servierte das Frühstück; ich habe gegessen. Ich weiß nicht mehr, was ich danach gemacht habe, wahrscheinlich nichts.
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Ilse wurde mit einem Kindertransport nach Paris geschickt. Als die Deutschen nach Paris kamen, wurde sie weiter nach Amerika geschickt. Tante Mella hat Ilse sofort nach dem Krieg gesucht.
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Hannah Fischer

Es war nicht schwierig, die Notwendigkeit einer Flucht einzusehen, wenngleich wir nicht so ohne weiteres und freudig das Land verlassen haben. Ein Tropfen Wehmut und Angst war auch dabei. Angst, was die Zukunft bringt und natürlich Angst um unseren Vater. Rafael und ich fuhren Mitte September, kurz vor unserem dreizehnten Geburtstag nach London.

Unsere Mutter brachte uns zum Westbahnhof. Ich kann mich erinnern, ich habe dieses Gefühl noch ganz deutlich in mir, ich wusste schon damals ganz genau: Ich komme wieder! Wir wussten, unsere Mutter kommt in zwei, drei Wochen nach, aber wir wussten nicht, dass sie uns früher schickte, weil sie Angst hatte, dass der Krieg ausbricht und wir dann verloren wären.

Viele Kinder mussten ohne ihre Eltern mit Kindertransporten nach England fahren und haben sie nie wieder gesehen. Zum Glück waren wir noch nicht so gescheit, wie wir es jetzt sind. Meine Mutter hat noch die Wohnung aufgelöst, nahm aber keine Möbel, nur Bettwäsche und solche Sachen mit.
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Georg Wozasek

Ich lebte von Dezember 1938 bis März 1939 in dem Haus. Dann konnte ich mit einem Kindertransport [19] nach Frankreich Wien verlassen. Der Zug fuhr vom Westbahnhof nach Paris. Meine Eltern haben mich zum Bahnhof gebracht. Wie viele Kinder in dem Zug mitfuhren, weiß ich nicht. Ich glaube, es waren 130 Kinder. Mein Cousin Gerhard war elf Jahre alt und einer von den Jüngsten in diesem Transport. Ich nehme an, dass mein Onkel Rudolf, der Zionist war, geholfen hat, dass wir auf den Kindertransport, der von der Jüdischen Gemeinde organisiert war, gekommen sind. Er war auch derjenige, der sehr früh durch seine Verbindungen wusste, wie gefährlich die Situation war. Ich habe diese Reise damals eher als Abenteuer gesehen. Es war mir nicht bewusst, wie gefährlich die Lage auch für meine Eltern war.

Nachdem wir in Paris angekommen waren, fuhren wir weiter nach La Guette. Der Ort liegt ungefähr 50 Kilometer von Paris entfernt. Dort befindet sich ein Jagdschloss der Familie Rothschild [20], und dort wurden wir aufgenommen. Unsere ersten Betreuer waren Spanienkämpfer, die im Spanischen Bürgerkrieg [21] in der Internationalen Brigade gekämpft hatten. Eigentlich war das dort sehr nett. Ungefähr fünf bis sechs Kinder haben in einem Zimmer geschlafen. Ich habe damals viele Briefe an meine Eltern geschrieben.
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Sylvia und Gerhard wurden weiter von ihrer Kinderschwester betreut. Sie flüchteten im März 1939 mit einem Kindertransport, in dem auch ich war, nach Frankreich, von Frankreich nach Amerika und von Amerika zu ihrer Mutter nach Australien.
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Meine Eltern haben zuerst nicht über Flucht gesprochen, außerdem haben sie sicher versucht, mich abzuschirmen. Genau kann ich mich aber nicht erinnern. Ich kann mich noch an Fensterscheiben klirren und Gejohle in der Pogromnacht [17] am 10. November 1938 erinnern. Vis a Vis von uns war der Doktor Greger, ein Arzt, dem haben sie die Scheiben eingeworfen und am Hauptplatz, wo die Greger Eltern ein Geschäft hatten, haben sie auch die Fensterscheiben zertrümmert. Ein Angestellter unserer Firma stand mit aufgepflanztem Bajonett vor unserem Haus, denn unser Haus sollte später als Parteizentrale dienen, und wahrscheinlich wurden wir deshalb verschont. Aber mein Vater und mein Onkel Rudolf wurden verhaftet und ins Gefängnis von Amstetten gebracht.

Die größte Gefahr bestand darin, dass sie ins KZ nach Dachau deportiert werden, aber meine Mutter hat Courage gezeigt. Sie kannte ja den Mitterndorfer, der jetzt Bürgermeister in Amstetten war, und sie kannte den Kreisleiter und hat interveniert, und mein Vater und mein Onkel wurden nach einigen Wochen wieder entlassen. Mein Onkel Oskar, der Arzt im Wiener AKH war und in der Forschung gearbeitet hatte, war bereits geflüchtet. Der Produktenhandel und das Haus meines Vaters und meines Onkels wurden nach der Pogromnacht am 9. November 1938, arisiert. Innerhalb einer gewissen Frist mussten wir unser Haus und Amstetten verlassen und nach Wien ziehen. Wir haben unseren Haushalt aufgelöst, wir konnten alles mitnehmen. Viele Sachen haben wir in Container gegeben und sie deponiert. Es wurde in dieser Zeit eingepackt und nicht viel gesprochen. Aber damals habe ich politisch zu fühlen begonnen, denn ich war dreizehn Jahre alt und wollte mich frei bewegen können, wollte sportlich aktiv sein, zum Beispiel schwimmen gehen, aber für Juden war fast alles verboten..

Durch die Familie Arthur Kohn, Freunde meiner Eltern und Lederhändler in Wien, in der Hollandstraße, die eine Villa in Hietzing, in der Eitelbergergasse besaßen, konnten wir im Haus des Bruders von Frau Kohn, dem Max Guth, einem allein stehenden Herrn, der ebenfalls in der Eitelbergergasse ein Haus besaß, unterkommen. Zu dem Haus gehörte auch ein Garten. In dieser Gasse gab es vor dem 10. November 1938 eine sehr schöne Synagoge, die in der Pogromnacht zerstört worden war. Max Guth war damals 55 Jahre alt. Für mich war er ein älterer Herr, ein lieber Mann mit viel Humor. Ich hatte ihn sehr gern und habe ihn Onkel Max genannt. Als ich mit meinen Eltern und mit Onkel Max zusammen gewohnt habe, war ich 13 Jahre alt, und habe nicht richtig gewusst, was eigentlich um mich herum passiert. Ich glaub, das war selbst den Leuten, die im 2. Bezirk gelebt haben, noch nicht wirklich bewusst.

Ursprünglich kam die Familie von Onkel Max aus Nitra, in der Slowakei. Deshalb ist er später, da war ich schon in Frankreich, mit seiner Schwester, Erna Hajek und ihrem Sohn Fredi Hajek, nach Nitra geflüchtet. Aber als in der Slowakei Tiso [18] an die Macht kam und die Slowakei faschistisch wurde, haben sich die Juden in Nitra beraten, was sie machen können. Onkel Max ist dann mit seiner Familie illegal weiter nach Budapest geflüchtet. Ich glaube, dass Onkel Max 1944 bei einer Razzia festgenommen wurde und seinem Neffen Fredi ein Zeichen geben konnte, zu verschwinden. Max Guth wurde mit vielen anderen nach Auschwitz deportiert und ermordet. Fredi Hajek und seine Mutter haben überlebt. Fredi Hajek ist ein sehr wohlhabender Mann geworden und er hatte keine Kinder. Ich habe mich mit ihm, obwohl ein enormer Altersunterschied zwischen uns bestand, sehr gut verstanden. Zum Teil hat er mich beraten, als ich nach Österreich zurückgekommen bin, und später hab ich ihn beraten. Er hatte Niemanden, dem er hätte sein Vermögen hinterlassen können. Da hat er den größten Teil einer Stiftung für ein Kinderheim in Israel gegeben und mir die Verantwortung übertragen, dass ich darauf achte, dass den Kindern das Geld zu Gute kommt. Fredi Hajek ist 1989 in Wien gestorben. Dreimal war ich zu Besuch in Bnei Berak, einem Vorort von Tel Aviv, in dem sehr viele ultraorthodoxe Juden leben. Dort entstand das Kinderheim. Das erste Mal war ich 1992 in Bnei Berak, als das Gebäude der Stiftung Hajek eingeweiht wurde. Inzwischen wurde das Gebäude schon aufgestockt. Auch dieses Jahr war ich wieder dort und sehr beeindruckt, wie liebevoll die Kinder betreut werden. Mir hat Fredi Hajek das Haus in der Eitelbergergasse vererbt, in dem ich mit meinen Eltern 1938 Aufnahme bei Max Guth, seinem Onkel, gefunden hatte.

Ich lebte von Dezember 1938 bis März 1939 in dem Haus. Dann konnte ich mit einem Kindertransport [19] nach Frankreich Wien verlassen. Der Zug fuhr vom Westbahnhof nach Paris. Meine Eltern haben mich zum Bahnhof gebracht. Wie viele Kinder in dem Zug mitfuhren, weiß ich nicht. Ich glaube, es waren 130 Kinder. Mein Cousin Gerhard war elf Jahre alt und einer von den Jüngsten in diesem Transport. Ich nehme an, dass mein Onkel Rudolf, der Zionist war, geholfen hat, dass wir auf den Kindertransport, der von der Jüdischen Gemeinde organisiert war, gekommen sind. Er war auch derjenige, der sehr früh durch seine Verbindungen wusste, wie gefährlich die Situation war. Ich habe diese Reise damals eher als Abenteuer gesehen. Es war mir nicht bewusst, wie gefährlich die Lage auch für meine Eltern war.

Nachdem wir in Paris angekommen waren, fuhren wir weiter nach La Guette. Der Ort liegt ungefähr 50 Kilometer von Paris entfernt. Dort befindet sich ein Jagdschloss der Familie Rothschild [20], und dort wurden wir aufgenommen. Unsere ersten Betreuer waren Spanienkämpfer, die im Spanischen Bürgerkrieg [21] in der Internationalen Brigade gekämpft hatten. Eigentlich war das dort sehr nett. Ungefähr fünf bis sechs Kinder haben in einem Zimmer geschlafen. Ich habe damals viele Briefe an meine Eltern geschrieben. Bis zum Beginn des Krieges am 1. September 1939 habe ich aus Wien Briefe von meinen Eltern bekommen.

Mein Vater war in Wien damit beschäftigt, ein Ausreisevisum für sich und meine Mutter nach Amerika zu bekommen. Die Verhältnisse wurden immer schwieriger. Er hatte inzwischen durch eine Postkarte die Aufforderung bekommen, sich zum Polentransport zu melden. Das war im Oktober 1939, da hatte der Krieg schon begonnen. Polen hätte seinen Tod bedeutet und wahrscheinlich auch den Tod meiner Mutter, denn ich weiß nicht, ob sie die Kraft gehabt hätte, ohne meinen Vater Österreich rechtzeitig, vor ihrer Deportation, zu verlassen. Meine Eltern hatten Affidavits von einem weitläufigen Verwandten von Tante Lillis geschiedenem Ehemann Paul Markovicz bekommen, der ein erfolgreicher Stock Broker war und für meine Eltern gebürgt hat. Es war nicht einfach, alle Papiere zusammenzubekommen, die man brauchte, um Österreich verlassen zu können und sein Leben zu retten. Meine Eltern brauchten gültige Pässe, die österreichischen Pässe waren knapp nach dem ‚Anschluss’ Österreichs an Deutschland ungültig, Außerdem brauchten alle Juden, die die Einreisemöglichkeit in ein anderes Land hatten, viele Bestätigungen darüber, dass sie keine Schulden beim Staat hatten, dass sie, wenn Werte vorhanden waren, die Judenvermögensabgabe, die Reichsfluchtsteuer und die Sühneabgabe bezahlt hatten. Diese Steuern dienten dazu, die in die Emigration Flüchtenden zu zwingen, ihr gesamtes Vermögen dem Staat zu überlassen. Erst nachdem sämtliche ‚Steuerverfahren’ - besser wäre wohl Verfahren zur Ausplünderung zu sagen - abgeschlossen waren, wurde die so genannte ‚Steuerunbedenklichkeit’ erklärt. Im Falle meiner Eltern hat diese Bescheinigung der kommissarische Leiter, der unsere Firma liquidiert hatte und Dr. Rudolf Bast, Jurist, Amstettener Bürger, Mitglied der NSDAP und Kreisrechtsamtsleiter von Amstetten, relativ schnell erteilt. Sie haben meinem Vater und meinem Onkel Rudolf dadurch das Leben gerettet. So haben es meine Eltern und mein Onkel noch geschafft, am 11. November 1939 mit einem Affidavit nach Amerika zu flüchten. Sie sind mit dem Zug über Zürich nach Italien gefahren und weiter mit dem Schiff nach New York. Vom Schiff aus, bereits in Sicherheit, hat mein Vater dem kommissarischen Leiter und dem Dr. Rudolf Bast eine Karte geschrieben, auf der er sich bei beiden für die Hilfe bedankt. Diese Karte hat Dr. Rudolf Bast nach dem Krieg dafür benutzt um zu beweisen, dass er sich während des Krieges nicht schuldig gemacht hat, sogar Juden geholfen hat und daraufhin durfte er weiterhin als angesehener Bürger Amstettens normal weiterleben. Sein Sohn Dr. Gerhard Bast war SS-Sturmbannführer und Gestapo-Chef von Linz. Er überwachte die Deportation von Juden, befehligte Exekutionen, leitete Sonderkommandos im Kaukasus und in Polen,

Ich habe den Sommer 1939 in dem Jagdschloss der Familie Rothschild verbracht. Vor dem September wurde von der Leitung beschlossen, dass die älteren Kinder etwas Praktisches lernen sollten. Wir älteren Kinder wurden daraufhin in eine Schule in Haute Savoie gebracht. Wir haben dort Französisch und etwas Handwerkliches gelernt. Danach wurden wir wieder zurückgeschickt und in einem französischen Internat in Clamart, einem Vorort von Paris, untergebracht. Diese Schule war extrem spartanisch. Es war nicht sehr lustig dort. Im Nachhinein natürlich lebten wir geradezu luxuriös gegenüber den anderen, die in die Ghettos, Kz’s, und Vernichtungslager deportiert wurden. Es gab in dem Internat wenig zu essen: mit Not und Mühe eine Suppe zum Frühstück, Kaffee war eine Ausnahme, Butter war eine Ausnahme, das Essen insgesamt war sehr sparsam. Die Freunde meiner Eltern, die Familie Kohn, waren auch nach Frankreich geflüchtet und lebten in Paris. Zu denen konnte ich sonntags gehen, und sie haben sich um mich gekümmert. Ich habe noch Briefe, die ich in dieser Zeit meinen Eltern nach New York geschrieben habe:

Meine Liebsten!                                                                                    Paris, 28. Januar 1940

Ich habe euren lieben Brief erhalten und habe mich sehr darüber gefreut. Bei uns ist nicht sehr viel los. Ich bin heute wieder bei Herrn Kohn, das natürlich sehr klass ist. Wie ihr hoffentlich schon wissen werdet, habe ich eine Vorladung zum amerikanischen Konsulat in Bordeaux bekommen. Ich hoffe, dass ich jetzt bald das Visum bekomme. Ihr braucht jetzt nicht mehr so arg in Sorge zu sein um mich. Was macht Großmutti mit Onkel Rudi. Und bei euch? War vielleicht bei euch schon die Dame, die mich hier gesehen hat? Bitte schreibt mir recht oft, wenn es geht. In der Schule bei uns ist jetzt nicht viel los. Ich habe bis jetzt jede Woche’ tre bien’ bekommen. Ich komme auch sonst sehr leicht mit. Ich freue mich natürlich schon ganz unheimlich, wenn ich zu euch kommen werde. Robitscheks fahren am 10. Februar nach New York. Habt ihr schon den Brief mit meinem Bild bekommen? Diesen habe ich noch nach Deutschland über Robitscheks geschickt. Sylvia ist auch in einem neuen Heim. Es geht ihr auch sehr glänzend. Gerhard ist noch in La Guette. Er ist ein großer Schlampsack geworden. Er verliert alles. Solang ich in La Guette war, habe ich auf ihn aufgepasst, aber jetzt bitte schreibt ihm einen energischen Brief, dass er mehr auf seine Sachen Acht geben soll. Er ist jetzt schon groß genug dazu. Gestern war ich in einem Bad. Das war natürlich sehr klass. Bitte schreibt mir im nächsten Brief einen Brief an den Direktor. Ihr schreibt, dass ich jeder Zeit zu Herrn Kohn fahren kann. Womöglich auf Französisch. Ist Vati schon von seiner Reise zurück? Was macht er jetzt? Hat er die Prüfungen schon bestanden? Ich hoffe, daß ich bald Erfolg haben werde um womöglich gleich am Anfang Feber nach Bordeaux fahren zu können. Für heute mache ich Schluss. Bitte macht euch ja keine Sorgen, denn ich komme jetzt bald zu euch.
Baldiges Wiedersehen
Georg

Meine Lieben!                                                                                   10. Februar 1940

Ich bin heute wieder bei Herrn Kohn und habe euren Brief erhalten, das natürlich immer eine große Freude für mich ist. Bei mir geht die Ausreise sehr schön vorwärts. Gestern war eine Dame vom Komitee, welche diese Sachen leitet, bei uns auf Besuch und hat mit mir gesprochen. Also, ich fahre diesen Monat nach Bordeaux, wo ich das Visum erhalten werde. Dann kann ich aber noch nicht fahren. Ich bekomme dann die Schiffskarte von Herrn Kohn und dann beschafft mir das Komitee die Ausreise. Also es besteht große Möglichkeit, dass ich Anfang April oder vielleicht schon Ende März zu Euch kommen kann. Wegen der politischen Lage braucht ihr euch keine Sorgen zu machen. Paris kann fast unmöglich von den Deutschen bombardiert werden. Und wenn, so gehen wir in einen bombensicheren Keller. Ich werde natürlich mit einem französischen Schiff fahren. Man bekommt viel, viel leichter die Ausreise, und zweitens dauert es viel länger, wenn man sich die schweizer oder die italienische Einreise beschaffen muss. In welcher Klasse ich fahren muss, das ist mir ganz egal, da ich doch sowieso nicht mehr verwöhnt bin. Also macht euch keine Sorgen um mich. Ich mache alles, was ich kann. Und Herr Kohn ist mir überall behilflich. Montag geht er zum Komitee und spricht mit der Dame wegen meiner Ausreise. Es sind alle nötigen Schritte eingeleitet wie ihr seht. Jetzt von hier: Also bei uns ist nicht sehr viel los. Ich bin sechster von vierzig Kindern. Es ist besser, wenn ihr immer zu Herrn Kohn schreibt, da bei uns die Briefe geöffnet werden und womöglich nicht ausgefertigt werden. Also so ist unsere Erziehung. Jetzt haben sie dort ein bisschen Angst, erstens weil die Baronin einmal bei uns war, zweitens, weil ihr jetzt in Amerika seid und sie wissen ganz genau, dass ich jetzt in zwei bis drei Monaten wegfahre oder vielleicht sogar früher. Sie fragen mich jeden Tag. Natürlich sage ich ‚bien’ und denke mir meinen Teil. Die Kinder sind nicht besonders, meistenteils Diebe und Lügner. Ich habe ein Glück, denn ich schlafe neben einem sehr netten Burschen. Neben einem Belgier. Sylvia hat euch geschrieben und sie würde sich sehr freuen, wenn sie von euch einmal Post bekäme. Gerhard ist die Faulheit in Person. Er schreibt nicht eine Zeile, obwohl ich ihm schon vier- bis fünfmal geschrieben habe und ich bin nicht überzeugt, ob er euch antworten wird. Habt ihr von Tante Lilli Post? Ich habe jedenfalls einmal vor fünf Monaten geschrieben, habe aber noch keine Antwort erhalten. Deinen lieben Brief lieber Onkel Rudi habe ich erhalten. Ebenso Mutti und Großmutti ihren. Also vielen dank. Ich habe mich ganz unheimlich gefreut. Onkel Rudi schreibe ich nicht extra, sonst müsste ich dasselbe schreiben. Die Briefe gelten natürlich für alle. Zu Pessach kommen wir nach La Guette. Das wird sehr klass sein. Von der Baronin bekommen wir verschiedene Sachen. Einige bekommen Hosen, sehr gute. Ich bekomme einen Dictionary Wörterbuch, welches dicker und tausendmal schöner ist wie Knaur´s Lexikon. Natürlich auf Französisch. Eure Sachen werde ich mitnehmen. Jetzt möchte ich noch einiges fragen. Habt ihr meinen Schlafrock mit nach Frankreich mitgegeben, meine Unterleibchen. Habt ihr mein Reisenecessaire mitgenommen? Wenn nicht, kann man auch nichts machen. Höchstens wird ein lieber Herr PG [Anm.: Parteigenosse] eine kurze Freude haben. Das kann ich mir denken, dass die lieben Herrn PG Parteigenossen, sich nicht ins Feld trauen. Dafür müssen aber unschuldige Deutsche die Schädel sich blutig hauen lassen. Dass die Gregers draußen sind, freut mich ganz unheimlich. Sind Robitschek in New York schon angekommen? Bei uns ist der Schulunterricht gerade schlecht. Wahnsinnig viel Aufgaben, bei denen wir zwei bis drei Stunden sitzen müssen. Nicht nur wir, sondern auch die Franzosen. Es gibt wenig zu lernen in der Unterrichtsstunde. Und hier gibt es auch nur seht schlechte Sportanlagen, aber das alles ändert sich, wenn ich bald wieder mit euch vereint sein werde. Also für heute mache ich Schluss.
Viele Bussi und ein baldiges Wiedersehen Georg

Meine Liebsten!                                                                                     18. Februar 1940

Ich habe heute euern lieben Brief erhalten und habe mich sehr damit gefreut. Ich kann euch die freudige Mitteilung machen, dass ich nächste Woche nach Portville fahren werde und höchstwahrscheinlich das Visum erhalten werde. Ich fahre natürlich mit einem französischen Schiff, da man die Ausreise viel, viel leichter bekommt. Ihr braucht keine Angst haben, denn das Schiff kann unmöglich torpediert werden. Wegen der jetzigen Lage braucht ihr euch keine Sorge zu machen. Wahrscheinlich erzählt man darüber Greuelmärchen. In der Schule komme ich sehr gut mit. Ich bin diese Woche Fünfter geworden. Bei uns hat es wieder einmal geschneit und es ist hübsch kalt. Von Deli habe ich einen Brief bekommen und ich kann ihr nicht antworten. Schreibt für mich, wenn ihr Deli schreibt. Sie ist sehr verzweifelt. Ich bin schon sehr neugierig und ich freue mich schon sehr auf die Schule. Von Großmutti habe ich den Brief erhalten und danke ihr vielmals. Gerhard und Sylvia geht es ganz gut. Also, ihr braucht euch keine Sorgen zu machen. Es ist alles in Ordnung. Eins kann ich euch nur sagen: Unsere lieben Herren in Amstetten beneiden uns schon sehr. Ich glaube, sie würden sehr gern mit uns tauschen. Wenn man in Paris in den Strassen geht, die schönsten und die besten Sachen, dagegen in Wien sind wie Kartoffeln, ein Vergnügen. Leider müssen da auch Unschuldige mit büßen. Ich werde euch in den nächsten oder übernächsten Briefen alles genau berichten. Dass man zu dieser Dame geht ist ganz unnütz, weil mich das wieder Geld kostet und auch so das Visum bekommt. Schneller als schnell kann diese Sache sowieso nicht gehen. Ihr braucht keine Sorge zu haben. Also für heute mache ich Schluss.
Viele Küsse
Euer Georg

Meine Liebsten!                                                                                          Ohne Datum

Ich habe euern lieben Brief erhalten und habe mich sehr gefreut. Also bei uns ist nicht viel los. Wir haben eine teuflische Kälte hier, 17 Grad unter Null. Ich freue mich, dass es euch so gut in New York geht und ich hoffe, dass Vati bald eine Beschäftigung finden wird. Ich werde euch jetzt unsere Schule ein bisschen beschreiben. Das Haus ist eine Villa. Schaut äußerlich ganz gut aus, innerlich weniger. Die Schule ist keine Mittelschule, sonder eine Volksschule. Wir haben Unterricht Vor-und Nachmittag, aber es ist nicht das richtige. Ich habe seit dem Umbruch nie den Eindruck gehabt, was Richtiges gelernt zu haben…
Wir lernen zwar hier Französisch, aber nicht allzu viel. Ihr könnt euch denken wie ich mich freue, wenn ich dann in eine richtig anständige Schule gehen kann…
Ich hoffe, dass ich in Amerika sehr schnell englisch lernen werde. Hier geht das Leben so halbwegs, aber ich bin trotzdem schon sehr froh, wenn ich hier herauskomme. Bitte macht euch keine Sorgen. Ich hoffe, dass ich bald zu euch kommen werde. Also ich schicke euch diesmal ein Bild. Für heute schließe ich.
Viele, viele Bussis und ein sehr baldiges Wiedersehen
Euer Georg

Meine Liebsten!                                                                                   Paris, 14. April 1940

Ich habe heute euern lieben Brief erhalten und habe mich sehr damit gefreut. Ihr müsst verstehen, dass sich eine Sache nicht so schnell machen lässt und es tut mir sehr leid, dass ich das Rennen mit Lillitant verlieren werde. Aber ganz knapp. Anfang Mai geht ein amerikanisches Schiff und mit diesem werde ich fahren. Ich bin schon sehr, sehr gespannt auf USA wie ein Regenschirm. Gestern war ich Schwimmen. Das war klass. Heute bin ich wieder bei Herrn Kohn. Also seid noch die paar Wochen geduldig. Ich freue mich schon, wenn wir alle zusammen sein werden. Bitte hebt alle Marken, die ihr drüben bekommt für mich auf. Ich habe es zu einer kleinen, aber ganz schönen Markensammlung schon gebracht. Für heute schließe ich den Brief.
Viele tausend Bussis
Georg

Meine Lieben!                                                                                           Ohne Datum                                           

Heute kann ich euch die freudige Mitteilung machen, dass ich mein Visum erhalten habe und dass wir jetzt bald zusammen sein werden. Sonst gibt es nichts.
Viele Bussi
Georg

Meine Lieben!                                                                                            Ohne Datum

Ich habe jetzt leider keine Post mehr von euch aber das macht nichts, da ich zwischen 15. und 20. wegfahre. Also das ist wüst klass. Also bei uns gibt es nicht viel Neues. Gerhard und Sylvia geht es gut. Ich schreibe euch diesmal nur die paar Zeilen, weil ich sonst nichts weiß und außerdem erzähle ich euch dann alles Restliche mündlich, klass nicht wahr? Also für heute schließe ich den Brief.
Viele 100 000 Bussi.
Georg

Die Schiffskarte habe ich heute erhalten. Ich fahre mit dem Schiff Champlain im Mai 15. 16. Am Montag gehe ich zur Prefekture mit meiner Ausreise. Alles andere habe ich schon. Ich habe euern Brief erhalten und freue mich sehr, dass Vati eine Beschäftigung gefunden hat. Auch auf die Marken. Ich schließe für heute den Brief. Viele Zehntausend, Hunderttausend Bussis. 

Im Mai 1940 fuhr ich mit dem Zug nach Cherbourg, das direkt am Ärmelkanal liegt und von dort mit dem Schiff nach Amerika. Das war meine erste Schiffsreise und es hat mir gut gefallen. Ich weiß nicht mehr genau, ob ich meine Kabine mit anderen Kindern geteilt habe, aber ich weiß, ich war in einer Kabine. Das Essen auf dem Schiff war gut, viel besser als in Clamart. Das Beste aber war, ich wusste, dass meine Eltern mich im Hafen von New York am Kai erwarten.

New York war faszinierend, es war ein modernes Land mit so hohen Häusern, wie ich sie vorher noch nie gesehen hatte. Es war alles fremd, alles neu, alles anders, alles modern. Aber vor allen Dingen war ich endlich frei. Ich durfte mich überall frei bewegen.

Meine Eltern hatten in der Metropolitan Avenue Kew Gardens in Queens eine Wohnung gemietet. Ein dreiviertel Jahr später übersiedelten wir in ein schöneres Appartementhaus in der Park Lane South. Dort hatte ich dann auch mein eigenes Zimmer.

Ab Herbst 1940 ging ich in eine Highschool. Als ich in New York angekommen war, konnte ich kein Wort englisch sprechen, aber während des Sommers habe ich soviel englisch gelernt, dass ich in der Schule halbwegs gut mitgekommen bin. In meiner Klasse war ich das einzige Emigrantenkind. Die anderen Kinder haben mich aber ganz normal aufgenommen, ich kann mich an nichts Negatives erinnern. Ich habe die Mittelschule ohne Probleme absolviert, habe gute Freunde gefunden und wurde Vorzugsschüler. Es gab einen Club, der hieß Arista. Arista heißt ‚die Besten’. In diesem Club ging es aber nicht nur um Intelligenz, man musste sich auch politisch engagieren, und ich habe mich in den letzten zwei, drei Schuljahren politisch sehr engagiert, und da wurde ich hinein gewählt.
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Erna Wodak

Nach dem Essen zog ich mich wieder um und ging mit den erwachsenen Kindern der Familie des Professors zum Roten Kreuz, um dort am Abend zu arbeiten. Wir halfen den Kindern, die aus London evakuiert wurden.
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