Otto Binder

Otto Binder und seine Frau AnniWien, Österreich

Otto Binder 
Land: Wien 
Stadt: Österreich 
Datum des Interviews: Oktober, 2002 
Name des Interviewers: Tanja Eckstein 

 

 

 

 

 

  • Meine Familiengeschichte

Über die Urgroßeltern väterlicherseits weiß ich praktisch nichts, ich weiß, dass sie aus dem jetzigen Mikulov, dem damaligen Nikolsburg kamen. Nikolsburg war eine große und berühmte "Kille",also eine Judengemeinde. 

Meine Information über die Familie meines Vaters waren immer indirekt, durch meine Mutter, da mein Vater schon zugrunde gegangen ist, wie ich fünf Jahre alt war. 

Die Verbindung meiner Mutter und der Familie meines Vaters war nach dem Tod meines Vaters auf ein Minimum zusammen geschrumpft, und sie wußte nur das, was sie eben von meinem Vater gehört und in Erinnerung gehabt hat.

Es dürfte eine Familie gewesen sein, die angeblich fast an Tuberkulose ausgestorben ist. Es hat aber dann in der neu entstandenen großen Familie nie wieder einen Fall von Tuberkulose gegeben, also möglicherweise war dann eine gewisse Immunität da.

Meine Großeltern väterlicherseits waren Cousin und Cousine, was ja üblich war, und die sind offenbar als Rest dieser Familien, ich schätze Ende 1860 oder Anfang 1870 nach Wien gegangen, wie das eben der Trend der Juden der Monarchie damals war.

Mein Großvater Josef Binder wurde am 30.4.1842 in Nikolsburg geboren. Er hatte eine Schneiderlehre absolviert und war in Wien Zuschneider in der Offiziersschneiderei „Tiller“ in der Mariahilferstraße. Er starb in Wien am 5.5.1909.

Es hat im Biedermeier in Wien einen sehr bekannten Schriftsteller und Journalisten gegeben namens Daniel Spitzer. Er war der Satiriker seinerzeit, bekannt durch seine Feuilletons „Wiener Spaziergänge“. Es ist vor ein paar Jahren auch eines seiner Bücher neu herausgekommen.

Wie ich den Text auf dem Klappendeckel des Buchs gelesen hab, habe ich erfahren, dass er auch aus Nikolsburg gekommen ist. Er dürfte so vier, fünf Jahre älter gewesen sein als meine Großmutter, Regine Binder, die 1842 in Nikolsburg geboren wurde und meine Großmutter hat, nach dem Grabstein, nach den Dokumenten, einmal Spitz und einmal Spitzer geheißen. 

Sie starb am 26.2.1916 in Wien. Also, ich könnte mir vorstellen, dass dieser Daniel Spitzer aus der gleichen Familie war wie wir, weil in solchen Killes alle miteinander und durcheinander geheiratet haben und miteinander verwandt waren. (Daniel Spitzer, geb. 3.7.1838 in Wien, gest. 11.1.1893 in Meran, Sohn des Benjamin Salomon Spitzer, Fabrikant, und der Katharina geb. Koritschoner aus Nikolsburg; Wiener Stadt- und Landesbibliothek)

Mein Vater Julius Binder wurde am 1.5.1873 in Wien geboren. 

Er hatte acht Geschwister: Wilhelm, Fanny, Moritz, Isidor, Max, Gisela und Karl.

Wilhelm Binder wurde am 15.5.1871 in Wien geboren. Er war Angestellter und wurde am 10.1.1941 im KZ Gurs in Frankreich ermordet.

Fanny Rubin, geborene Binder, heiratete sehr spät Herrn Rubin, einen Lektor der Kultusgemeinde. Zusammen flohen sie nach Italien, wo er starb. Sie starb später in England in einem Armenhaus.

Moritz Binder war Geschäftsführer einer Schuhfirma in Danzig. Er war mit Gertrude verheiratet und sie hatten einen Sohn Heinz. Von Danzig gingen sie nach Plauen und kamen 1933 nach Wien. Moritz und Gertrude wurden nach Litzmannstadt deportiert und ermordet. Heinz konnte nach Amerika emigrieren.

Isidor Binder wurde am 10.10.1881 in Wien geboren. Er war taubstumm, arbeitete als Goldarbeiter. Er wurde 1941 im KZ Gurs in Frankreich ermordet.

Max Binder war ein bekannter Opernsänger. Er lebte in Basel und hatte dort ein Engagement. Als er 1915 in Nürnberg ein Gastspiel gab, wurde er eingezogen und starb in Galizien durch einen Kopfschuß.

Gisela Binder war taubstumm und wurde in Auschwitz ermordet.

Hans Binder war Angestellter und wurde in einem Nebenlager von Gurs in Frankreich ermordet.

Karl war Goldarbeiter. Er überlebte den Holocaust in Rumänien und ging nach dem Krieg nach Buenos Aires.

Die Großmutter meiner Mutter, Therese Weissenstein, geborene Gottlieb, wurde am 8.5.1855 in Brüsau, das dürfte das jetzige Breschetsch bei Zwittau (Brezova nad Svitavou) sein, geboren. Sie hat noch sehr lange nach der Übersiedlung nach Wien in der Familie gelebt, sie starb am 28.1.1935. 

Meine Mutter als die Älteste hat sie offenbar sehr gern gehabt und bis zu ihrem Tod gepflegt und so manch jüdisch-deutsche Aussprüche sind durch sie noch erhalten geblieben. 

Der Vater meiner Großmutter war Bierbrauer in Brüsau., und er soll vom Bierfass runtergefallen, also durch Unfall zu Tode gekommen sein, wodurch die Familie in ziemliches Elend geraten ist.

Mein Großvater mütterlicherseits, Ignatz Weissenstein, ist in Goltsch-Jenikau, dem jetzigen Golcuv-Jenikov in Böhmen, am 25.8.1847 geboren, das heißt, meine Familie stammt zu einem Viertel aus Böhmen und zu dreiviertel aus Mähren. 

Als mein Großvater geboren wurde, hat es im Königreich Böhmen ein Gesetz gegeben, das zur Folge hatte, dass offiziell nur der älteste Sohn jeder jüdischen Familie heiraten durfte. Mein Großvater war offenbar kein ältester Sohn, geheiratet haben die Leute doch, aber nur rituell.

Diese Art der Verheiratung haben sie „Boden-Chassene“ genannt, Chassene ist Hochzeit und der Boden ist der Dachboden, was bedeutet, sie haben am Dachboden geheiratet und offenbar nicht in der Synagoge.

Die aus nicht standesamtlichen Ehen entstandenen Kinder haben den Nachnamen der Mutter, nicht des Vaters, bekommen.

Im März 1848 ist die Revolution gekommen, und diese Hochzeiten und offenbar auch die Kinder wurden offiziell legitimiert, was zur Folge hatte, dass das Geburtsdokument meines Großvaters folgendermaßen gelautet hat: Hynek recte Ignatz, Ullmann recte Weissenstein. Hynek ist Ignatz auf tschechisch, Ullmann war der Name seiner Mutter recte Weissenstein. 

Meine Mutter hat immer wieder erzählt, dass im Jahre 1896, wie mein Großvater in der Gegend des heutigen Mexikoplatzes am damaligen Erzherzog Karl Platz, in der Vorgartenstrasse, mit der Familie gelebt hat und offenbar schon recht wohlhabend war, immer wieder aufgefordert wurde, an der damals neuen Verbauung des ganzen Viertels mitzutun, was er ablehnte mit der Begründung, er sei das Schlechteste, was es auf der Welt geben kann, er ist sowohl ein Böhm, als auch ein Jud. 

Das war das Luegersche Wien und er wollte das Wiener Heimatrecht erwerben. Es ja hat damals nicht das Staatsbürgerschaftsrecht in unserem Sinn gegeben. Und da wollte man in den Wiener Heimatschein wieder hineinschreiben, Hynek recte Ignatz, Ullmann recte Weissenstein und mein Großvater soll sich darüber fürchterlich aufgeregt haben und durchgesetzt haben, dass er nur noch Ignatz Weissenstein geheißen hat. 

Das Heimatrecht war eine grausame Angelegenheit, denn wenn jemand zum Beispiel in der zweiten, dritten Generation hilfsbedürftig geworden ist, ist er dann womöglich in irgendeinen Heimatort, in dem er zuständig war, abgeschoben worden und dann in einer völlig fremden Umgebung in einem Armenhaus zugrunde gegangen. 

Ich glaube, dass das nach dem Ende des I. Weltkriegs geändert wurde. Mein Großvater dürfte aus einer gewerblich tätigen Familie gewesen sein. Ich glaube, er hatte eine Stiefmutter, über seine Eltern hat meine Mutter nichts gewußt.

Mein Großvater hatte einen Bruder, er hieß Gustav Weissenstein und er hat am Beginn der Neubaugasse ein Ledergeschäft gehabt. Den hab auch ich gekannt. Er hatte eine Tochter, die einen Herrn Bodansky geheiratet hat. Die sind dann nach England emigriert, der Gustav Weissenstein ist vor dem Holocaust gestorben. 

Irgendwie hat sich dann heraus gestellt, dass die Frau, die er geheiratet hat, Tante Bertha, eine Cousine der Hansi Meindl war, der Frau des letzten Meindl. 

Dadurch hat sich zwischen mir und den Meindls ein Freundschaftsverhältnis angebahnt, und wir haben angefangen, die Verbindungen zu suchen, die waren aber über fünf oder sechs Ecken. 

Mein Großvater muss irgendwie mit der Landwirtschaft zu tun gehabt haben. Ich vermute, dass er ein Gutsverwalter war. Meine Mutter hat erzählt, er hat bis zu seinem Lebensende nicht verwunden, in der Stadt leben zu müssen, er wäre gerne wieder in die Landwirtschaft gegangen.

Das war seine unerfüllte Lebenssehnsucht. Aber in der Ehe war offenbar meine Großmutter stärker als er. 

Sie haben fünf Kinder gehabt, Hermine, meine Mutter, Sophie, Max, Oskar und Frieda. 

Meine Mutter, Hermine Binder, geborene Weissenstein war die Älteste und wurde am 10.10.1880 in Straschkau geboren.

Sophie Weissenstein heiratete Alfred Gottlieb, der eine Seifensiederei in Atzgersdorf besaß. Sie hatten zwei Kinder, Leopold und Elli. Leopold machte eine Lehre als Seifensieder, Elli war Lehrling in der Kleiderfirma Krupnik.

Alfred Gottlieb starb vor dem Holocaust und meine Tante Sophie und ihre Kinder flohen nach Brünn und wurden von dort deportiert und ermordet. (deportiert am 5.12.1941 von Brünn nach Theresienstadt und am 15.1.1942 nach Riga; Terezin Memorial Book)

Ihre Schwester Frieda Weissenstein war die Jüngste und wurde am 30.9.1887 geboren. Sie besuchte eine Handelsschule, wollte nicht heiraten und arbeitete während des I. Weltkrieges in der „Kriegs-Getreidezentrale“ und war seit Anfang der 20iger Jahre arbeitslos. 

Sie liebte das Theater und sie besaß ein Klavier, auf dem sie es liebte zu spielen. Sie wurde 1942 nach Maly Trostinec deportiert und ermordet. Max wanderte vor dem I. Weltkrieg nach Argentinien aus.

Oscar Weissenstein stotterte seit seinem vierten Lebensjahr. Während des I. Weltkrieges arbeitete er in Wöllersdorf in der Munitionsfabrik, nach dem Krieg als Straßenkehrer bei der Stadt Wien. Er kam uns manchmal besuchen und starb 1935 im Männerheim. 

Die Juden, die aufsteigen wollten, gingen vielfach nach Wien. Mein Großvater Weissenstein hat sich am damaligen Erzherzog Karl-Platz, der gerade im Entstehen war, wo es die großen Remisen der damals neu elektrifizierten Straßenbahnen gegeben hat, der Reihe nach eine Brandweinerei, eine Kreislerei, und ein Cafehaus gekauft. 

Er dürfte materiell sehr bald schön in die Höhe gekommen sein. Das war auch der Grund, warum man ihm angeboten hat, bei der Finanzierung und Bau solcher Häuser mitzutun, aber da haben ihn der damalige Antisemitismus verbunden mit Anti-Tschechentum daran gehindert. Meine Großmutter mütterlicherseits war eine ausgesprochene Feindin der Religion.

Wenn meine Mutter kleine Anflüge von Religiosität hatte - sie hat zu den Leuten gehört, die am Jom Kippur einen halben Tag gefastet haben - hat meine Großmutter sie mit Spott und Hohn überzogen.

Meine Eltern heirateten 1907. Die Hochzeit kam durch ein Schadchen, einen Heiratsvermittler, zustande, was damals noch so üblich war.

Meine Schwester, Heddy Binder, wurde in Wien am 31.5.1908 geboren. Sie arbeitete als Schneiderin und als Mustermacherin. 

 

  • Meine Kindheit 

Ich wurde am 2.1.1910 geboren. 

Mein Vater war Handelsangestellter und machte sich nach der Hochzeit mit meiner Mutter im Jahre 1907 selbständig.

Er eröffnete mit einem Partner eine Firma Spiegelbelegerei und Glasschleiferei. Die Firma ging durch den Partner pleite und er gründete mit einem Glasschleifer eine neue Firma. 

Mein Vater ist im I. Weltkrieg gestorben und nicht gefallen, weil er in Wirklichkeit zu Tode gehetzt wurde bei einem Marsch. Er starb als Soldat am 28.8.1915 bei Sokal in Galizien. Er war 42 Jahre alt und starb während eines 17 stündigen Eilmarsches bei großer Hitze mit einem 40 Kilo schweren Tornister am Rücken.

Der Betrieb musste in Konkurs gehen, weil auch der Kompagnon unmittelbar nachher umgekommen ist. 

Die Erziehung meiner Mutter und ihrer Schwestern war die Erziehung der Mädchen aus gutem Haus. Berufsausbildung gab es nicht, das Ideal war, auf der vierten Galerie des Burgtheaters oder auch der Galerie des „Deutschen Volkstheaters“ zu sitzen, oder in ein Konzert zu gehen. 

In der Familie meines Vaters war das kulturelle Niveau nicht so hoch zumindest bei denen, die ich dann wirklich kennengelernt hab, beim Wilhelm, beim Hans und den zwei Taubstummen. Die Taubstummen waren ja überhaupt eine andere Welt. 

Beim Max, dem Opernsänger, war das kulturelle Niveau sicher extrem hoch. Nur ist der ein paar Monate nach meinem Vater gefallen. Aber der Umstand, dass diese ganze Familie zusammengesteuert hat, um dem einen, dem talentierten Bruder, den Weg zur Ausbildung zum Opernsänger zu ermöglichen, hat ja den Kulturwillen gezeigt. 

Ich habe fast keine Erinnerung mehr an die Wohnung der Großeltern Binder in der Rembrandtgasse, aber was ich später den Möbeln nach in der Sterngasse beurteilen konnte, war es der kleinbürgerliche Stil der Zeit vor der Jahrhundertwende bei mir zu Haus waren Jugendstil Möbel. 

Die Möbel hat meine Mutter mitgenommen in die neue Wohnung auf der Alser Straße. Im Jahr 1916 waren offenbar Wohnungen zu haben, und da hat sie in einem neugebauten Haus, in dem der verstorbene Professor Kaposi ein Sanatorium einrichten wollte, im Hintertrakt eine Wohnung gemietet. Sie wollte die Wohnung, da das ja das Medizinerviertel war, an Ärzte vermieten. Eingezogen sind dann geflüchtete Ostjuden. 

In den letzten Jahren vor 1938 hat mich mit meinen zwei Onkeln Wilhelm und Hans Binder die illegale sozialistische Arbeit verbunden, da waren wir im gleichen Parteibezirk, da war ich dann, vor allem, nachdem ich eingesperrt worden war, das große Mitglied der Familie. 

Mein Großvater Weissenstein war 1912 gestorben, und der Onkel Max, der sein Geschäft dann geführt hat, hat das nicht ausgehalten und ist schon vor dem I. Weltkrieg nach Argentinien gegangen, hat dann mal den Versuch gemacht mit Familie zurückzukommen, das ist aber gleich danebengegangen. 

Die Großmutter hat immer schlechte Ratgeber gehabt, und die Frauen der Familie haben nicht den Mut gehabt, selber eine wirtschaftliche Lage oder Situation zu beurteilen. Deswegen haben sie auch fürs ganze Vermögen, das sie gehabt haben, Kriegsanleihe aufgenommen, die dann nur Papier wert war. 

Dann haben sie das Volks Café in der Schlösselgasse gekauft, da hatten sie nichts anderes als Tee mit Sacharin zu verkaufen. Das ist auch nicht gegangen, und dann ist die Großmutter mit der Tante Frieda zu uns gezogen. Unmittelbar nach 1918 haben sie gemeinsam Heimarbeit gemacht.

Um 1920 hat meine Mutter Arbeit gefunden bei der Firma „Langbein &Co“ in der Neubaugasse, die Strickwaren erzeugt hat, vor allem Kinderstrickwaren. Diese Firma wurde geleitet von drei Schwestern, eine war die Frau Spira. Das ist die Großmutter der Elisabeth T. Spira, und ihr Mann, der irgendwo in der Telegrafenverwaltung war, war dann auch in der Firma.

Eine Nichte der Schwestern war auch im Betrieb, und der Bruder war mein Pfadfinderführer. Bei dieser Firma war meine Mutter bis zum Schluss.

In Österreich hat es keine Sozialrechte für Heimarbeiter gegeben. Und wie die Deutschen gekommen sind, haben sie mit der deutschen Gesetzgebung auch die sozialen Rechte für Heimarbeiter eingeführt, die es in Deutschland schon vorher gegeben hat, so dass meine Mutter auf einmal viel besser verdient hat, so dass sie bei dem jüdische Geschäftsmann Friedmann in der Mariannengasse ihre ganzen Schulden abzahlen konnte, bevor diese Familie emigriert ist.

Ich bin schon mit fünf dreiviertel Jahren in die Schule gekommen, weil offenbar damals zu wenig Kinder da waren und sie den Einschreibtermin auf den September vorverlegt hatten. Da bin ich schon vor meinem sechsten Lebensjahr in die Schule gekommen. Das erste Jahr musste ich nur um den Häuserblock herum in die Goldschlagstrasse. 

Damals hat die ganze Gegend bis zur Märzstrasse hinauf den schönen Namen Stemmeisenviertel gehabt. Wenn ein Einbrecher irgendwo erwischt worden ist, ist er aus der Gegend gewesen. 

Auch der ganz berühmte Einbrecher Herr Breitwieser, der so eine Wienerische Art Robin Hood war, war von dort. Das war das Stemmeisenviertel und ich belustig mich immer wieder, wenn ich in die Gegend komm, wie sich die Welt verändert hat. 

Ein zweites derartiges Viertel war in der Brigittenau, die Gegend Wintergasse, nicht weit vom Gaußplatz. Es war ein ausgesprochen jüdisches Viertel, da war das jüdische Subproletariat, so was hat’s auch gegeben. 

Dann sind wir übersiedelt auf die Alser Strasse. Da wäre die Schule in der Gilgegasse zuständig gewesen, die war aber Kriegsspital, so dass ich bis in die Geblergasse in Hernals gehen musste. Das Auto war ja noch eine Seltenheit, und erst recht im Krieg.

Unglücklich war ich in der Schule sicher nicht. Ich habe eine Freund gehabt wie jeder Bub, aber es gab auch Probleme. In der Geblergasse hatte ich eine Lehrerin, die habe ich sehr verehrt. Die hat auch einen schönen großen Busen gehabt, Isabella Gerasch hat sie geheißen.

Als meine Familie draufgekommen ist, dass ich die Lehrerin so verehrt habe, bin ich ständig ihrem Hohn ausgesetzt worden. 

Aber meine Generation hat davon gelernt, dass auch Buben mit acht, neun Jahren schon auf so was schauen. Die Befreiung der Sexualität von einigen Tabus ist schon eine große Errungenschaft unsere Zeit. 

Wenn ich so zurückdenke, die Prüderie dieses Milieus, vor allem des Frauenmilieus, hat schon einiges angerichtet. Das Proletariat war da viel lockerer, die jüdische kleinbürgerliche Moral war sehr groß. 

Gegen Ende des I. Weltkrieges wurde das Spital in der Schule in der Gilgegasse geräumt, und da bin ich dann das letzte Jahr in die Gilgegasse gegangen. Die Schule existiert ja auch jetzt noch. In der Volksschule waren Kinder des armen Proletariats. 

Als der Krieg zu Ende war, sind die Buben in die Schule gekommen, „heit ist mei Vater ham komme, heit is mei Vater ham komme“, haben sie erzählt. Und dann hat’s ein paar gegeben, bei denen der Vater nicht „ham komme“ war und dazu gehörte ich. 

Das haben wir schon gespürt. Bei denen mussten die Mütter in die Fabrik oder irgendwohin arbeiten gehen. Wir hatten auch einen Lehrer, der hat Schüler mißhandelt, der hat mit dem Rohrstaberl grausam geprügelt. Mich nie, ich habe in der Volksschule immer lauter Einser gehabt, danach aber nicht mehr.

Dann gab es die Welle der ostjüdischen Flüchtlinge. Und da gab es zwei oder drei, oder vier in meiner Klasse: Silberstein, Rappaport, die sind von dort gekommen, und die waren anders als ich. 

Einmal war ich beim Silberstein in der Wohnung gewesen, das war in der Zimmermanngasse, gegenüber dem Kinderspital, und ich war schockiert. Leere, desolate Zimmer ohne Möbel, es erschienen riesige Menschen in Kaftan, Bärten, Pejes und sie diskutierten und diskutierten in einer mir völlig fremden Sprache. 

Das war für mich eine fremde Welt. In der Rückschau sind offenbar viele von den Flüchtlingen zurück gegangen sein, wie der Krieg 1918 zu Ende war und ich muss sagen, dass die Jungen aus dieser Schicht sich unglaublich schnell hier integriert und an das hiesige Judentum assimiliert haben. 

Damals setzte diese große Antisemitismuswelle ein. Ich glaub, ich war der Einzige in der Klasse, der irgendwie dazwischen stand. Ich war auch Jude, irgendwie habe ich zu denen gehört, irgendwie hab ich gar nicht zu denen gehört.

Ich bin auch mit denen in die Canisiusgasse, Ecke Nußdorferstrasse, dieses Haus war eine Schule damals, in den Religionsunterricht gegangen.

Einmal in der Woche musste ich den Weg von der Alserstrasse in die Carnisiusgasse laufen und wieder zurück. Strassenbahn ist man natürlich nicht gefahren, da hat man das Geld nicht gehabt. 

Einmal bin ich aus dem Religionsunterricht gekommen und irgendwie haben sie mich angegriffen, eine Bubenbalgerei. 

Das war im Jänner 1917. Ich bin ausgerutscht und hab mir das Bein gebrochen und sie haben mich dort liegen gelassen. Und ich habe mich dann irgendwie in die Straßenbahn hineingearbeitet und als ich irgendwie ausgestiegen war, hat mich der Herr Hönigsberg, ein Herr, der bei uns im Haus gewohnt hat, aufgeklaubt und nach Haus getragen. 

Dann waren die ostjüdischen Schüler und ich bös aufeinander, und ich glaube, ich war gar nicht bös, dass wir bös waren. Der Fuß ist damals nicht geheilt. Da war ich im Allgemeinen Krankenhaus und wie sie mir den Gips runternehmen wollten, war’s nicht geheilt, weil wir alle unterernährt waren. Und da haben sie mir als Heilmittel eine Flasche Lebertran mit nach Haus gegeben, dann ist es geheilt.

Meine Schwester Heddy ging in eine Schule in der Lazarettgasse. Sie war immer eine sehr gute Schülerin. 

Ich war der Einzige aus meiner Klasse, der in die Mittelschule gegangen ist. Die Anzahl der Schüler, die eine höhere Schule besuchen durften, war damals noch sehr gering. 

Meine Mutter hätte sich nicht getraut, mich in die Mittelschule gehen zu lassen, weil sie befürchtete, was dann auch gestimmt hat, dass es materiell nicht möglich ist, aber wir haben einen Lehrer gehabt, der aus dem Krieg zurückgekommen war, der hat Hobinka geheißen. 

Ich bereue bis heute, dass ich ihn nach dem Krieg nicht gesucht hab. Ich habe ihn dann mal im Telefonbuch gesucht, da war er als Landesinspektor i.R. eingetragen. Der Lehrer Hobinka kam zu uns nach Haus, das war unerhört, dass ein Lehrer zu den Eltern nach Haus kommt. Er hat mir immer schon imponiert, denn er ist noch in die Klasse gekommen in Uniform, in Wickelgamaschen. 

Er ist zu meiner Mutter gekommen und hat ihr zugeredet, sie soll mich in die Mittelschule gehen lassen. Und meine Mutter hat sich, sicher nicht ungern, überreden lassen. Schulgeldbefreiung musste man erreichen mit dem Armenzeugnis, dem Mittellosigkeitszeugnis, da musste ich zum Armenrat gehen. Der Armenrat ist dann später Fürsorgerat genannt worden. 

Der war im Hause Alserstrasse 10, in einer kleinen Proletarierwohnung. Denkbar freundlich, denkbar nett hat er mir einen Stempel drauf gegeben. Aber für mich als späterer Chef der Wiener Städtischen Versicherung auch die Pikanterie, dass dieses Haus Besitz der Städtischen wurde. Und der Fürsorgerat ein Angestellter der Zentralsparkasse war. So sind die Wege manchmal gegangen. 

Schulmittel waren ein Problem, ich habe sie antiquarisch irgendwo erwerben müssen, da lief ich einmal durch Wien, um für die Schule den Putzker-Atlas aufzutreiben, der noch immer in meinem Besitz ist. Der ist noch immer gut als Atlas, als historischer Atlas.

Der Lehrer Hobinka hat die damals neue Schulreform gebracht. Da hat man dann auf einmal keine Schulbänke mehr gehabt, sondern Pulte und Stühle und alles mögliche andere, was vorher unerhört war. Die „glückliche“ Schule war eine wirkliche Revolution und hat auch unsere Jugend wirklich begeistert. 

Und so bin ich in die Albertgasse gegangen, dort war ein völlig anderes Milieu. Die Lehrer waren konservativ, vielfach deutsch national, sind aus den katholischen oder nationalen schlagenden Verbindungen gekommen. 

Aber einen offenen Antisemitismus hat man nicht gespürt. Auch diese Unsitte bei Lehrern, einzelne Schüler zu favorisieren, hat eigentlich nicht darauf hingedeutet. 

In der Albertgasse, der Untermittelschule, hat es eine Klasse gegeben, die war gemischt, jüdisch katholisch, die zweite war rein katholisch, und die „C“, in die ich gegangen bin, war katholisch, protestantisch und jüdisch, zu je einem Drittel. Schon, dass man hier separat bezeichnet wurde. 

Der Turnlehrer war ein jüngerer Mann, hat einige Schmisse gehabt, der typische Körperbau des deutschen Turners. Diesen heraus gewölbten Brustkorb, und das Turnen war Geräteturnen, war Barren, Pferd, Mut Übungen, von Gymnastik keine Spur.

Wir hatten später einen Spielplatz, da ist Völkerball gespielt worden, aber sonst nichts. Ich war auch völlig auf mich allein gestellt. 

Vor allem dann in der vierten Klasse habe ich einen anderen Buben betreuen müssen, das hat mir auch die Zeit genommen. Es war schwer für mich, vor allem, in geometrisch Zeichnen, Zeichnen, Turnen hab ich immer schlechte Noten gehabt. 

In geometrisch Zeichnen hätte ich Geräte gebraucht, eine Redisfeder und Tusche, und ich habe nur immer das aller entsetzlichste und schlechteste Material gehabt. Dadurch hatte ich Tuschflecken auf den Zeichnungen gehabt und die Linien, die ausgefahren waren, weil ich das Zeug nicht gehabt hab.

Ich musste die Schule nach der vierten Klasse Gymnasium verlassen, weil meine Mutter meine finanzielle Hilfe brauchte.

Als ich zwölf Jahre alt war, hatte ich einen Freund in meiner Klasse, den Schurl Brauner. Der Vater war Bankbeamter, er kam also aus bürgerlichen Verhältnissen. Der ist dann nach Traiskirchen gekommen, das war eine Schule für Begabte. Die ist dann NAPOLA geworden und ist jetzt das Flüchtlingsheim. 

Der Schurl ist nach Traiskirchen gekommen und hat mich für die Pfadfinder geworben. Aber kaum war ich dort, ist er weg. Das hat ihm entsprochen. Ich habe ihn dann später in der Illegalität getroffen, er war Kommunist und mit einer aus Ostgalizien stammenden Kommunistin liiert. 

Sie lebt noch, und wir sind auch in Verbindung. Im April 1940 ist er mit seiner Frau nach Paris und dort hat ihn die „Rote Hilfe“ einfach rausgeworfen. Jetzt bist du uninteressant, jetzt müssen wir andere Leute unterstützen. Das waren die Kommunisten! 

Dann hat es ihn nach Dänemark verschlagen, diese Flüchtlinge sind bis auf einen alle davongekommen. Er ist in Stockholm aufgetaucht und wir waren dann den ganzen Krieg in loser Verbindung. Er starb vor einigen Jahren in Schweden.

Ich bin zu den Pfadfindern gekommen und die haben wir dann im Jahr 1926, nicht wir allein, andere Gruppen auch, zur sozialistischen Jugend gebracht. Das heißt, ich bin bei der sozialistischen Jugend gelandet. Ab 1928 wurde ich deren Obmann für die Innere Stadt. 

Es hat damals einen Hugo Winter gegeben, in der Universal Edition, der hatte einen Vetter, den Felix Wolf. Felix Wolf war Miteigentümer und Chef der Firma „Lederer & Wolf“. Die Firma „Lederer & Wolf“ war mit der Firma „Hermann Pollacks Söhne“ die führende Firma im damaligen Kaiviertel, im Fetzenviertel, das ist die Gegend Schottenring/Franz Josefs Kai, Morzinplatz, Salzgries. Da hat’s an Textilfirmen alles gegeben. 

Es war ein Gemisch von jüdisch in allen Varianten, die es gegeben hat. Von dem kleinen orthodoxen Juden, der ein sogenannter Manipulant war, der noch in Pejes und im Kaftan gegangen ist, und am Samstag zugemacht hat, bis zu jüdischen Großaristokraten, für die sich die Lederer, die Wolfs und die Pollacks gehalten haben, und die dann auch ihre Villen in der Jacquingasse neben dem Richard Strauss gebaut haben. 

Es gab Nichtjuden, die oft stark gejüdelt haben, Juden haben es vermieden zu jüdeln, um nicht mehr als Juden im Vordergrund zu stehen, aber die Nichtjuden haben sich das Jüdeln als Sport angewöhnt und konnten dann oft gar nicht mehr anders. 

Es war in sehr gemischtes Milieu, in jeder Hinsicht und es war tief gekennzeichnet durch die schwere Wirtschaftskrise. Es hat damals die Vorarlberger als Grabler, als Neukömmlinge, gegeben, bei denen sicher nie ein Jud angestellt war. Das war nicht der Nazismus, das war der christliche Antisemitismus. 

Ich war dann ab August 1924 bei „Lederer & Wolf“ in der kaufmännischen Lehre und danach angestellt. Wenn wir eine Kundschaft aus Galizien gehabt haben, dann haben wir gewusst, wir müssen einen höheren Preis verlangen, damit er uns herunter handeln kann. 

Das war bei einer österreichischen Kundschaft überhaupt nicht, aber auch bei einer ungarischen oder serbischen, kroatischen oder bulgarischen Kundschaft nicht. Da hat man den Preis genannt und der Preis wurde entweder akzeptiert oder nicht. Es hat nur eine andere Kundschaft gegeben, die in dem Fall noch krasser war, das war die Kundschaft aus Alt Rumänien. Nicht aus Neu Rumänien, nicht aus Siebenbürgen.

Siebenbürgen war Europa und ist es sicher auch heute noch. Aber wir haben für das Ausland Schweizer Franken Tarife gehabt, in drei Stufen je nach der Bonität der Kundschaft. Aber Kundschaft aus Jassy oder Braila oder Bukarest hat noch einen kräftigen Zuschlag bekommen, weil man nur gegen Wechsel verkauft hat. Und eine Kundschaft hat als gute Kundschaft gegolten, wenn der Executor das dritte mal gepfändet hat. Das war Alt Rumänien. So war es.

Und ich hab gesehen, dass diese ganze Firma „Lederer & Wolf“ zugrunde geht. Wir sind bezahlt worden, haben aber überhaupt nichts mehr zu tun gehabt. Und für einen jungen Menschen ist es schrecklich, acht Stunden herum zu stehen, und so zu tun, als ob er was täte. Wir haben die Stellagen ausgeräumt, um sie wieder einzuräumen. 1928 kündigte ich die Stellung bei „Lederer & Wolf“

Bei meiner Mutter war eine Graphikerin zur Untermiete. Sie war Jüdin und hatte das Kabinett in der Wohnung meiner Mutter als Werkstatt gemietet. 

Ihr Mann Reinhard war aus Hannover und Sozialdemokrat, und er hatte die Leitung der Niederlassung der Firma Mercedes, nicht Autos, sondern Büromaschinen, übernommen. Er machte mir das Angebot, mich mitzunehmen. Da habe ich noch geschwind Maschinen schreiben gelernt. 

Die Fabrik war in Zella-Mehlis, in Thüringen, aber es hat nicht lang gedauert, da haben sie den Reinhard rausgeschmissen und mich haben sie auch rausgeschmissen. Und da war ich das erste Mal arbeitslos. 

In der Zwischenzeit haben sie nämlich die Fabrik in Zella-Mehlis auf das umgewandelt, was sie ursprünglich war, nämlich eine Pistolenfabrik, eine Waffenfabrik. 

Ich war arbeitslos, aber da ich inzwischen ja auch Obmann der Sozialistischen Arbeiterjugend der Inneren Stadt gewesen bin, hat mich der damalige Sekretär der Organisation dann bei irgendeiner Veranstaltung im Jänner 1930 in Bad Fischau gefragt, ob ich nach Salzburg gehen will.

Und damit bin ich zur „Wiener Städtischen Versicherung“ gekommen Nach einiger Zeit war ich Jugendlichen Obmann der SAJ Salzburg. Damit hat das Salzburger Kapitel begonnen. 

Mein offizieller Dienstantritt war der 22. Jänner 1931. 

Meine Frau habe ich 1932 kennengelernt, da hatten wir ein Jugendtreffen in Schwarzach veranstaltet. Ich hab die Anni aber schon vorher gekannt, ihr Vater war Eisenbahner, der alte Pusterer, 48 Jahr war er, ist pensioniert worden, die Ehe ist auseinander gegangen, und die Frau ist mit den drei Töchtern und dem Sohn nach Salzburg übersiedelt. Ich habe sie schon von einer Jugendschule aus der Organisation gekannt. Bei dem Jugendtreffen ist dann unsere Verbindung zustande gekommen. 

Ende April 1934 wurde ich wegen Betätigung in einer verbotenen Partei (Sozialistische Jugend) zu einer Verwaltungsstrafe verurteilt. Daraufhin bin ich bei der „Städtischen“ rausgeflogen. Anni wurde auch verhaftet. Ende Herbst 1934 war ich wieder in Wien.

Im Sommer 1937 bin ich dann in die Partei übergegangen. 

Meine Frau ist mir dann nachgekommen, im Sommer haben wir mit dem Rad eine Österreich-Tour gemacht und das zweite Mal sind wir nach Italien gefahren. Das konnte man damals noch, auf leeren Straßen.

Dann kam der Einmarsch, für uns nicht ganz überraschend. Politisch habe ich mir immer gedacht, eigentlich war Österreich bereits im Juli 1935 soweit. 

Das sich das so rausgezogen hat, ist eigentlich sehr merkwürdig, denn seit Juni 1935, dem Treffen Ribbentrop-Ciano in Venedig, hat offensichtlich Mussolini die Herrschaft über Österreich, durch seine Niederlagen im Abessinienkrieg, an Hitler übertragen. 

Aber damit wurde auch die innere Demontierung fortgesetzt, die ideologische Demontierung, das ist eine besondere Art der Korrumpierung gewesen. Man korrumpiert eben Menschen durch ständigen Druck, durch ständige Drohung macht man sie mürbe, bereit zur Kapitulation. 

Im November 1937 ist es der österreichischen Polizei gelungen, sowohl bei den Nazis, als auch bei uns, große Teile des Apparats auffliegen zu lassen. Wir hatten Wien in fünf Kreise eingeteilt, ich war der Stellvertreter des Kreisleiters für die Bezirke 3, 4, 10, und 11. 

Vier Kreisleiter wurden eingesperrt und der Fünfte, er hat mit dem legalen Namen Franz Mayer geheißen, war nach dem Krieg in Wien bekannt als der ASKÖ-Mayer,er war dann der Generalsekretär der Dachorganisation der Arbeitersportverbände, hat gesehen, dass er unter Beobachtung steht. 

Ich habe als sein Stellvertreter dann einspringen müssen. Aber meine Verbindung war er. Meine Weisungen, Nachrichten sind über ihn gegangen. Dann ist Berchtesgaden gekommen.

Mit Berchtesgaden (Nach der Zusammenkunft in Berchtesgaden (Abkommen von Berchtesgaden mit Adolf Hitler) plante Bundeskanzler Dr. Schuschnigg eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Österreichs. Dies nahm Hitler zum Anlaß zur Okkupation. Der Einmarsch der deutschen Truppen verlief reibungslos, hunderttausende Menschen jubelten dem „Führer“ zu, viele, besonders jüdische Mitbürger, begingen Selbstmord) ist auch die Freilassung der eingesperrten Nazi und der Sozialisten und Kommunisten, aller politischen Gefangenen gekommen. 

Somit waren die alten Organisationsstrukturen und Leute wieder da, obwohl man der Situation nicht getraut hat. Und dann hat Schuschnigg den Versuch gemacht, durch eine Volksabstimmung die Dinge zu ändern, was aber in Wirklichkeit dazu geführt hat, dass er den Einmarsch nur forciert hat. Und es war für uns also die Frage, welche Weisung gibt die Partei, die sich als die Partei der Sozialdemokratie gefühlt hat, auch die der illegalen Gewerkschaften, der illegalen Betriebsräte.

Welche Parole gibt sie aus? Kann man den Leuten zumuten, nach diesen vier Jahren für Schuschnigg zu stimmen? Und ich habe die Weisung gehabt, am Freitag vor der geplanten Abstimmung, das war eben der Tag des Einmarsches, den Bezirken 3, 4, 10, 11 die Weisung des Zentralkomitees der Partei zu überbringen gegen den Anschluß, also für Schuschnigg zu stimmen. 

Mir ist der Wortlaut der Fragen heute nicht mehr geläufig. Wir hatten uns in einem Gasthaus zu treffen, einem alten Parteiwirtshaus. Ich bin dort hingegangen, ich bin natürlich nicht direkt hingegangen. Ich bin erst durch Gassen gegangen, und hab immer versucht zu schauen, ob einem jemand nachsteigt.

Es ist für mich in bleibender, bedrückender Erinnerung, dass die Straßen voll waren mit Menschen. Und alles hat die drei Pfeile und die rote Nelke getragen. Und das ist auch etwas, was in der Erinnerung und vor allem in der Erinnerung von Leuten, die sich als „links“ dünken, völlig weg ist. Das entspricht nicht der masochistischen üblichen Gangart. 

Die Leute waren aus irgendeinem nicht verständlichen Grund der Meinung, jetzt ist also alles wieder in Ordnung, jetzt sind wir wieder da. Wir hatten eine interne Parteiinformation, die haben wir „Fini“ genannt, die Information war in einem so langem Format, auch mit einer Schreibmaschine geschrieben, die ganz eng war, also auf den ersten Blick kenntlich. 

Und wir wußten, die Gestapo sitzt bereits am Schottenring, also in der Polizeidirektion. 

Es war uns sonnenklar, dass das Regime bereits unterwandert ist, auch in dem Apparat. Aber auf der anderen Seite, die Massen draußen in Favoriten, mit den drei Pfeilen und der Roten Nelke. Ich bin dann also ins Lokal, und statt der fünf Leute, die ich da erwartet hatte, waren ungefähr fünfzig Leute dort. 

Favoriten hat drei oder vier Bezirksleitungen in Wöllersdorf (Anhaltelager) gehabt, die da auf einmal frei waren, und einige andere Bezirke auch. Die sind alle dort gesessen und ich bin allein gekommen und hab diese Weisung zu überbringen gehabt. Nun hatten die einen Sprecher und das war der Otto Probst. 

Der Otto Probst war, während ich Obmann in Innere Stadt und Salzburg war, Jugendlichen Obmann in Favoriten. Also, wir waren alte Bekannte, alte Freunde. In der Illegalität haben wir gewußt, wir sind beide da. Otto Probst hat mir gesagt, politisch verstehen wir den Beschluß absolut, aber wir kommen jetzt alle aus den Gefängnissen aus Wöllersdorf. Wie können wir da für dieses Regime stimmen?

Da haben wir verabredet, wir treffen uns Nachmittag wieder, weil man gesehen hat, es gibt keine Polizei, gibt keine Verfolgung mehr, man kann so frei agieren. Und das haben wir am Nachmittag gemacht. Ich glaub, wir haben am Nachmittag überhaupt nichts geredet, es war der Einmarsch bereits bekannt. 

Ich bin nach Haus gegangen, bin durch die Spitalgasse gegangen, in der Richtung Alser Strasse und da macht ja die Spitalmauer so eine Rundung. Dort bin ich gestanden und konnte die Lazarettgasse nicht überqueren, weil ein Strom von Menschen die Lazarettgasse herunter gekommen ist. 

Das waren nach Kleidern und Auftreten sichtlich die Nazi, wahrscheinlich aus Hernals, Währing oder irgendwo. Und da habe ich eine Erinnerung, der ich nicht ganz traue. Mit weißen Stutzen die Frauen, mit den Röcken und mit Zöpfen. Woher die Weiber die Zöpfe damals genommen haben, hat sich Wien damals belustigt. Auf einmal haben die alle Zöpfe gehabt, blonde Zöpfe. 

In meiner Erinnerung sind sie völlig stumm gegangen. Ein regelloser Haufen, der da marschiert ist, ich hab in Erinnerung, vielleicht täusche ich mich, völlig stumm. Ich bin daneben am Trottoir gestanden, und die sind an mir vorbei. Keiner hat sich nach mir umgeschaut. 

Ich war damals sicher prononciert jüdischer als jetzt. Ich habe das dann in meine Biographie schreiben wollen, dann ist mir die Erinnerung so verdächtig vorgekommen, dass ich es unterlassen hab. Dann hat viele Jahre später meine Frau Englisch gelernt und hat sich in der britischen library und der american library Bücher ausgeliehen. 

Und eines Tages kommt sie nach Haus mit einem Buch von Muriel Gardiner, Code Name „Mary“. Und die Muriel Gardiner war die Frau vom Josef Buttinger, vom Parteivorsitzenden. Und die beschreibt, sie war nach Wien gekommen als Schülerin von Sigmund Freuds und hatte eine Wohnung in der Rummelhardtgasse. Und die ist in der gleichen Zeit, während ich auf der einen Seite gestanden bin, auf der anderen Seite gestanden und beschreibt den Zug der Menschen, aber schreibt nichts über johlen, singen, rufen – das erwähnt sie überhaupt nicht. So war also meine Erinnerung doch wahr.

Alle Aktivitäten wurden sofort eingestellt. Ich glaube, dass der Vater vom Karl Mantler die Emigration seines Sohnes nach Berlin vorbereitet hatte. Es waren nicht wenige unserer engsten Freunde, die nach Deutschland emigriert sind. Ein paar sind mit den Arbeiterzügen gegangen. Die Deutschen hatten damals qualifizierte Arbeiter rekrutiert in Massen.

Damit sind sie der Gestapo aus der Evidenz heraus gefallen. Ich habe nicht gehört, dass einer irgendwo dann verfolgt wurde oder dass sie ihn erwischt haben. Und der Mantler dürfte, glaube ich, während des ganzen Krieges Jurist bei Siemens gewesen sein. Und war damit gedeckt. 

Mit den drei anderen habe ich mich noch einmal getroffen. Da war die Zentrale Wiener Auszahlungsstelle für Arbeitslose auf der Thaliastrasse, das war früher ein Spital, das haben sie dann zu der Auszahlungsstelle aller Wiener Arbeitslosen gemacht, also ein merkwürdiges Milieu. Die Gegend war ja völlig heruntergekommen einerseits, andererseits hat sich auch ein gewisser Handel dort etabliert, dem Niveau des Konsums der Arbeitslosen entsprechend. 

Und da hatten wir die Verabredung. Wir hatten uns zu einer ganz bestimmten Zeit, in einer ganz bestimmten Sekunde beim ganz bestimmten Schalter angestellt und getroffen. Und damit hatten wir unsere gedeckten Kontakte gehabt. Und das haben wir noch nach dem Einmarsch gemacht. Ich kann mich erinnern, wir sind dann miteinander zu viert bis zum Gürtel vorgegangen. Da sind wir gestanden und haben Abschied genommen. 

 

  • Während des Krieges

Ende April 1938 wurde ich ins KZ Dachau deportiert, im September 1938 in das KZ nach Buchenwald. Das, was sich jeden Tag gleichmäßig abspielt, setzt in der Erinnerung auf der Festplatte des Gehirns keine tiefen Spuren. Man erinnert sich an das Leben in Bildern und in Episoden. Kleine Episoden, mir geht’s genauso über das KZ. 

Der Lageralltag, der in Wirklichkeit deswegen das ärgste war, weil er dauernd war, weil man im Lager nicht eine Sekunde sicher sein konnte, oder sich loslassen konnte, an den erinnere ich mich nicht mehr. Ich habe keine wirkliche Erinnerung von der Fahrt im Viehwaggon zwischen Dachau und Buchenwald. Dabei weiß ich aus der Erinnerung, wir sind einfach dort gestanden wie die Sardinen, gepreßt, ohne Toilette, ohne alles, Stunden, Stunden. 

Aber ich hab in Erinnerung, wie sie uns in Weimar am Bahnhof aus den Waggons herausgetrieben haben und wir in die Passagiere, die aus den Lokalzügen heraus gekommen sind, hinein getrieben wurden, und dass sie uns dann in diese Unterfahrung getrieben haben, die dann für verschiedene weiteren Dinge in unserem Leben und vor allem in Buchenwald sehr maßgebend und entscheidend war. Ich glaube ja nicht, dass man irgendwas vergißt, was man verliert, ist der Zugriff.

 

  • Nach dem Krieg

Die Sozialistische Internationale erreichte durch die Beschaffung von Auswanderungspapieren Ende April 1939 meine Entlassung aus dem KZ Buchenwald. Wir Überlebenden haben miteinander über all diese Dinge nicht mehr geredet. Nicht über unsere Familien, nicht über das, was wir dann, während der Kriegszeit gemacht haben.

Im Juni 1939 reiste ich in mein Emigrationsland Schweden.

Meine Frau war keine Jüdin und ist mit einem Besuchsvisum nach Schweden mir nachgekommen. Wir haben nicht heiraten können, weil durch ein Haager Übereinkommen Schweden verpflichtet war, Ehehindernisse des Heimatlandes auch für das Emigrationsland anzuerkennen. Hätte uns irgendein schwedischer Priester getraut, hätte es gegolten, denn die schwedische Kirche war ja damals Staatskirche. 

Es hat sich keiner getraut, auch wenn mancher sehr radikal getan hat. Aber es hat uns nicht gestört, denn eine Lebensgemeinschaft gab es damals schon in Schweden. Das hat den Titel gehabt, „stockholm äktenskap“, also Stockholmer Ehe. Jeder hat meine Frau angesprochen als meine Frau und ich hab von meiner Frau geredet, es war also keine Angelegenheit für uns. 

Aber wie wir dann in der Lage waren, uns eine Wohnung zu schaffen, wie wir in der Lage waren, uns ein Kind anzuschaffen, sind wir dann gemeinsam auf das Stockholmer Jugendamt gegangen, weil es in Stockholm damals schon ein Gesetz gegeben hat, wonach ein Kind aus einem Eheversprechen rechtlich in jeder Hinsicht gleichgestellt wird mit einem ehelichen Kind, also nicht nur im Bezug auf Erbschaft. 

Auch zum Beispiel, dass es auch gegen den Willen des Vaters den Familiennamen des Vaters hätte annehmen können.

Wir sind auf das Jugendamt gegangen, ich hab dort gezeigt, dass dieses bereits recht sichtbare Kind mein Kind ist, habe es dort zu Protokoll gegeben. 

Das ist wohlwollend zur Kenntnis genommen worden. Dann ist im Juni 1943 unsere Tochter Margit geboren. Man musste auf das zuständige Kirchengemeinde des Stadtteils. 

Die schwedische Kirche war damals in Wirklichkeit schon ein öffentliches Organ, und die Priester haben sich auch immer beklagt, dass sie zu ihren seelsorgerischen Pflichten überhaupt nicht kommen, weil sie nur staatsbürgerliche Pflichten haben. 

Sie haben also zum Beispiel, die Schweden nennen das auch so, Volkbuchführung geführt, das ist das, was bei uns das Matrikelamt ist. Das heißt, wir mussten zum lokalen Matrikelamt gehen.

Meine Frau musste auch auf die deutsche Botschaft gehen, weil ein Kind ist kein Mensch, wenn es nicht in irgendeinem Paß steht, und da sie noch einen deutschen Paß gehabt hat, musste sie es eintragen lassen. 

Der Beamte dort hat sie gefragt, ob sie weiß, dass sie ein Verbrechen begangen hat, weil sie mit einem Juden zusammen sei. Sie hat gesagt, sie wüßte, was sie getan hat.

Daraufhin hat er ihr die Seiten aus dem Paß gerissen. Die Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung hat sie zurückbekommen, den Paß hat er eingezogen, sechs Monate später ist meine Frau dann separat, nicht wie wir alle kollektiv, ausgebürgert worden, und dann konnten wir heiraten. 

Aber wir wußten, dass es sich so abspielen wird. Vorher ist meine Frau auf das Amt gegangen, und dort schreibt ihr der Beamte, die haben keine Zertifikate ausgestellt, sondern so einen Papierwisch, Kind der Köchin Anna Pusterer und des Drehers Otto Israel Binder. 

Und da bin ich in die Luft gegangen, da bin ich hingegangen und hab ihnen einiges erzählt. Das haben sie dann gestrichen. Am 4.November 1944 haben wir dann offiziell heiraten können und damit war dann die Geschichte erledigt

1945 wurde ich, zuerst provisorisch, dann fest bei den schwedischen Versicherungs-Genossenschaften Folksam angestellt. Meine Mutter, meine Schwester und meine Tante Frieda wurden deportiert. Meine Bemühungen, wenigstens meine Mama aus Österreich herauszubekommen, waren gescheitert. 

Im März 1947 fuhr ich im Auftrag der Folksam nach Wien, die an einem Kontakt mit der Städtischen interessiert war.

Im Oktober 1947 war ich als Mitglied der skandinavischen Jugenddelegation das zweite Mal nach dem Krieg in Wien. Ich war für die Neugründung der sozialistischen Jugendinternationale gekommen. 

Wie ich da am „Roten Jugendtag“ auf den Stufen des Rathauses gestanden bin, mit den jubelnden Blauhemd rotkrawattigen Massen, ist so ein kleiner Polizei-Offizier neben mir gestanden und wie ich da schau, war das der RobertCalta. „Was machstn Du da?“ fragte ich. „I bin jetzt der Stadthauptmann von Mariahilf“! Und der Dritte, ich glaube, er hatte Richard oder Robert Schneider geheißen, das war der letzte Obmann in Favoriten, ist nach Buchenwald gekommen und wurde umgebracht. Das waren die drei, von denen ich mich verabschiedet hatte.

Im März 1948 wurde mein Sohn Lennart geboren. 1949 wurde mir die schwedische Staatsbürgerschaft verliehen. Meine Tochter Marianne wurde 1953 geboren.

Nachdem ich im September 1949 nach Wien zurückkam, war meine erste Arbeit in der Leitung der „Sozialbau“, der Baugenossenschaft. Da war ich, bis ich Generaldirektor der „Städtischen“ geworden bin.

Ich war bei der Eröffnung des Tempels in der Seitenstettengasse nach dem Krieg.

Einmal war ich seitdem dort, das war, wie der Muzicant die Gemeinde übernommen hat. Da war ich im Seitenstetten Tempel drin

Am 10. November gehe ich wieder hin, da ist die Eröffnung des Monuments für die Holocaustopfer. 

Was mir nicht gefällt, ist diese Verflachung, die Gleichschaltung, die Gleichsetzung. Der Antisemitismus in der Monarchie, ich will ihn sicher nicht abwerten und kleiner machen, er war unzweifelhaft da, aber er hat seine eigenen Züge gehabt, die sich von dem der Nazi und der späteren Zeit sehr unterschieden haben. 

Ich halte das für eine historische Tatsache, die meiner Überzeugung nach dazu beigetragen hat, dass soundso viele österreichische Juden nicht emigriert sind, obwohl sie vielleicht hätten emigrieren können. Weil sie einfach nicht gesehen haben, was war, bis zum letzten Tag nicht, bis zum Aspangbahnhof nicht. 

Der Komiker Eisenbach gehörte zu der Truppe der „Budapester“. Sie waren in Wien eine sehr bekannte Theatertruppe. (Heinrich Eisenbach und seine „Budapester“ prägten die Wiener Unterhaltungskultur von 1889-1919. Hans Moser, Armin Berg, Karl Farkas, Fritz Grünbaum, ...wurden von ihnen beeinflußt. Geboten wurde eine einzigartige Mischung aus jüdischem Jargon). 

Gespielt haben sie vielfach im Kabel Theater, auf der Praterstrasse, dort, wo jetzt die U-Bahnstation Nestroy-Platz ist, die ist aber dann zerbombt worden.

Eine Szene, über die sich die Wiener Juden unerhört amüsiert haben war, war irgendein Stück, da wurde ein Jude angeklagt, wegen betrügerischer Krida. Und der Eisenbach spielt den Advokaten. Der Eisenbach appelliert in seinem Plädoyer für seinen Angeklagten ungefähr mit den Worten: „Ein Delikt, das Gott sei Dank unter unseren Glaubensgenossen selten vorkommt.“ 

Der jüdische Witz war immer eine Selbstkritik, war immer Selbstwitz. Die Wiener Juden waren sich bewußt, dass es Dinge wie Raufhandel, wie Mord, wie Gewaltverbrechen unter den Juden außerordentlich selten gegeben hat, aber das typisch jüdische Delikt war der Betrug und die Krida, die betrügerische Krida. 

Das ist was anderes. Leider hab ich das nur mehr bruchstückweise im Gedächtnis, aber manchmal haben meine Leute so ein Lied daher geträllert. Ich kann’s nur bruchstückweise: 

Die Musi kommt, die Musi spült,
das dicke Mammele,
der lange Lebele
mit feingelocktem Haar
marschieren mit im gleichen Tritt
der alte Silberstein
hatscht hintendrein.

Das war ein Spottlied auf die Juden, aber es war ein Spott in einer Form, zu der die Nazi nie fähig gewesen wären. Was haben die Nazi gesunden, die haben gesungen „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt“.

Für mich ist in den zwei Liedern der Unterschied zwischen diesem Antisemitismus. Der Spott, den die Juden dann selber auf sich angewendet haben, und dann diese harte Mördermentalität.

Es hat einen Anwalt gegeben, den Doktor Sperber. Der ist leider mit uns nach Dachau gekommen und dort sehr bald gestorben. Er hat sofort Furunkulose gehabt und ist gestorben. Der Doktor Sperber war berühmt, seine Anekdoten sind in Wien verbreitet worden.

Eine der Geschichten: Er verteidigt einen Henderldieb. Und das Plädoyer war das: „Hohes Gericht, Sie beantragen für meinen Klienten eine Strafverschärfung, weil er in der Nacht eingebrochen hat. Hohes Gericht, wann sollen denn meine Klienten einbrechen?“

Das war die Atmosphäre, es war genug arg. Es hat wirklich auch einen jüdischen Slum gegeben. Es hat, vor allem in der Brigittenau ein Subproletariat gegeben.

Ich glaube, dass die Wiener Bevölkerung immer ein Gemisch war. Es ist keiner von allen Vorfahren und Ahnen hier auf die Welt gekommen. Man ist aus den slawischen Ländern gekommen, man ist vom Balkan gekommen, der Adel ist total gemischt gewesen.

Der Heros meiner Familie väterlicherseits war der Vorsitzende der Angestelltengewerkschaft Karl Pick. Und ihre Religion war die Sozialdemokratie. Das Judentum bedeutete für sie Solidarität. Ich glaube nicht, dass von meinen Onkeln und Tanten jemals jemand freiwillig in den Tempel gegangen ist.

Meine Einstellung ist nicht so fern davon, schon anders, aber nicht so weit weg. Es hat die Juden gegeben, man war Jud. Das hat mit Religion weiter nichts zu tun gehabt. 

Man war vielfach, dann in meiner Generation vor allem, durchwegs vermischt. In dem sehr großen Kreis meiner gleichaltrigen Freunde und Bekannten, wir waren eine riesige Jugendgeneration, hat es nur zwei gegeben, die nicht in Mischehen waren, außer bei denen, die erst in der Emigration ihren Partner gefunden haben. 

Ich hab mir manchmal gedacht, es war für einen aufsteigenden jüdischen Proletarierbuben viel interessanter, ein Mädchen aus einem jüdisch kleinbürgerlichen Milieu zu finden und umgekehrt. Man hat viel mehr zu sagen gehabt, es war anregender, es war stimulierender, es war befruchtender.

Ich denke, was das Bewußtsein, Jude zu sein, ohne religiös zu sein, hervorgerufen hat, war ja eigentlich der Antisemitismus. Der hat einen absolut von vornherein in diese Ecke gedrängt. Schon, das man als etwas anderes behandelt wurde, auch wenn es nicht feindselig war.

Ich höre von meinen Kindern über die Enkel, dass die Kinder überhaupt kein Gefühl dafür gehabt haben, mit wem sie in die Volksschule gekommen sind, ob ein Kind Mohammedaner war oder nicht. Das beginnt, wenn die Buben in die Koranschule kommen und die Mädchen sich nicht mehr beim Turnen ausziehen. 

Da sind die Kinder auf einmal was anderes, und da fängt dann so die Segregation an. Aber es hat natürlich auch wesentlich andere Dinge gegeben, die ganze Wiener Entwicklung, die heute mit Recht als brillant und strahlend dargestellt wird. Zum Beispiel die Entwicklung in der damaligen Sozialdemokratie. 

Der Gründer Viktor Adler und die Leute, die man verehrt hat, waren Juden, Wilhelm Ellenbogen, Otto Bauer und nicht zu vergessen, Karl Marx, ein getaufter Jud. Die neue Religion war von Juden geführt. 

Und Sigmund Freud, der allerdings damals noch eher negativ beurteilt wurde, vor allem von den konservativen Juden, die die Psychoanalyse als etwas unanständiges, obszönes betrachtet haben. Aber die ganzen großen Mediziner, wieviel Juden waren dabei, zum Beispiel Landsteiner, und nicht zu vergessen, die Juden in der Literatur.

Es hat ein sehr einfacher Jude nur die Namen gekannt und gewußt, das sind große Leute. Es hat sicherlich ein intellektueller Jude es anders gesehen, es hat ein wohlhabender Jude, ein reicher Jude, es anders gesehen. Die führenden Leute in den Banken, die führenden Leute der Wirtschaft waren Juden. 

Ich bin oft ein bisserl zersprungen, wenn man beim Kreisky über den jüdischen Selbsthaß gesprochen hat, Blödsinn, ausgesprochener Blödsinn! Aber es hat so etwas gegeben bei den Juden. Ich stoß immer wieder auf Fragen im Zusammenhang mit Otto Leichter. 

Wir sind mit dem Sohn, mit Henry Leichter, aufs Engste verbunden. Käthe Leichter war die Frauenreferentin der Wiener Arbeiterkammer, der Otto Leichter war auch im Bezirk, er war zweiter Redakteur der Arbeiterzeitung. Die Redakteure der Arbeiterzeitung waren Austerlitz, waren Leichter, waren Oscar Pollak. Das waren alles Juden. 

Man hat die Qualität gekannt, aber es hat einen Effekt gegeben, dass die Juden nicht mehr Juden wollten. Sie haben den Anspruch erhoben, ihre Funktion auszuüben, anerkannt zu sein, aber sie waren sich gleichzeitig klar, dass eine mitteleuropäische Arbeiterpartei in einem Land wie Österreich keine so extrem jüdische Führung haben durfte. 

Dieser Coupé-Effekt, dass diejenigen, die drin sitzen sich akzeptieren, aber die, die einsteigen, auf jeden Fall bis zur nächsten Station angefeindet werden, den hat‘s bei Juden sehr stark gegeben. Es hat jüdische Unternehmer und Geschäftsleute gegeben, die keine Juden angestellt haben; aus Fragen der Optik.

Das war kein jüdischer Selbsthaß, das war einfach Furcht. Aber es war eine völlig falsche Einstellung, denn sie hat nichts genutzt und sie hat nur die wirtschaftliche Lage der Juden in der verschlechterten wirtschaftlichen Situation nach der Mitte der 20iger Jahre noch verstärkt.

Ich hab drei Kinder, und ich stelle immer wieder belustigt fest, dass die Kinder von ihre Eltern erben. Alle haben vor allem von mir geerbt. Aber jeder was anderes, verschiedenartig, aber vor allem die eminent humanistische, soziale, sozialistische Einstellung.

Meine Tochter Margit ist die Frau vom Heinz Fischer, und der Heinz Fischer hat auch einen jüdischen Großvater gehabt. 

Judentum bedeutet für mich nicht die tägliche Beeinflussung durch ein spezifisches jüdisches Milieu, vor allem nicht durch ein religiöses Milieu, von dem wir weit weg waren, aber ist von vornherein eine Markierung da. 

Es wäre für meine Kinder und Enkelkinder, ich habe sieben Enkelkinder, absurd, durch die Herkunft ihres Vaters beziehungsweise Großvaters, Antisemit zu werden und sich für die Frage nicht zu interessieren, ihr gegenüber gleichgültig zu sein in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft und zum Staat. 

Für meine Tochter Marianne war es von Anfang an klar, sie hat schon als Kind gewußt, dass sie Ärztin wird. Sie ist Oberärztin im Hanusch Spital, sie ist jetzt seit einiger Zeit als Stellvertreterin der Lisl Pittermann, die ja Gesundheitsstadtrat ist. Ihre Spezialität ist Hämatologie, Leukämie, Blutkrankheiten und dergleichen.

Mein Sohn Lennart ist als Anwalt für eine neue Organisation in der letzten Nummer vom Augustin erwähnt. Ich sag immer, er ist ein Anwalt der Unterdrückten und der Verfolgten. Er hat ein Studium über zwei Semester auf der Universität Linz postgradual über europäisches Recht gemacht, weil er sich auf Asylrecht spezialisiert. 

Er will noch mal auf die Universität gehen, arbeitet mit anderen zusammen und will über Asylrecht und europäisches Recht wissenschaftlich arbeiten. Vielleicht ist das der Einfluß der jüdischen Herkunft.

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Otto Binder
Wien, Österreich

HAUPTPERSON

Otto Binder
Geburtsjahr:
1910
Jahrzehnt der Geburt:
1910
Geburtsort:
Wien
Geburtsland:
Österreich-Ungarn vor 1918
Beruf
Vor dem 2. Weltkrieg:
Kaufmännischer Angestellter
nach dem 2. Weltkrieg:
Generaldirektor der “Wiener Städtischen Versicherung”
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