Ladislaus Bernath

Bernáth KárolyWien, Österreich

 

Datum des Interviews: November 2001
Name des Interviewers: Zsuzsi Szaszi

Ich heiße László Bernáth. Geboren bin ich in Kiskörös [Ungarn], am 21. Oktober 1925. In Ungarn war mein Name László Bernáth. László heißt auf Deutsch Ladislaus, das hat man eingetragen, als ich nach Österreich kam. Aber ich bin und bleibe der Laci - Laci ist nämlich ein Kosename.

Der Name Bernáth ist ein ungarischer Name, ein adeliger Name sogar, weil er mit ‚th’ geschrieben wird. Man sagt, dass ich aus einer adeligen Familie stamme. Eines Tages läutete das Telefon, und es war der Leiter des Dorotheums [1] am Apparat. Sein Name ist Bernhard. Er wohnt im 3. Bezirk, in der Reisnerstraße, wo ich meinen Laden hatte. Ich hatte bis letztes Jahr [Anm.: Jahr 2000] Läden für Kinderbekleidung. Wir haben die Kindersachen selbst hergestellt und exportiert. Bernhard wollte mit mir reden. Er besuchte uns und sagte: ‚Ich habe Ihnen ein Buch mitgebracht.’ Und in der Hand hielt er ein Buch, in dem stand, dass die Bernáths, meine Vorahnen, also meine Ur-Urgroßeltern in Siebenbürgen gelebt hatten und eine Saline, ein Salzbergwerk, besaßen, die der Kaiser Franz Josef I. einmal besucht hat. Er wohnte auch bei meinen Vorfahren und hat sie dann geadelt. Dann erzählte der Herr Bernard noch, dass es einmal zwei Brüder gab, der eine war Sabbatist [2], der andere ein Katholik. ‚Der Katholik blieb katholisch - das ist meine Familie’, sagte er ‚und Ihre Familie, die Sabbatisten, sind Juden geworden.’ Und in dem Buch steht, dass Kaiser Franz Josef [3] zu dem Sabbatisten Bernáth gekommen war, und wir uns seitdem mit ‚th’ schreiben, weil das so ein adeliger Name ist. Herr Bernhard war sich sicher, dass wir miteinander verwandt sind. Nun, ich weiß es nicht, denn ich habe meinen Urgroßvater nicht gekannt, noch nicht einmal meinen Großvater habe ich gekannt. Und diesen Bernáth habe ich erst recht nicht gekannt, den der Kaiser Franz Josef empfangen hatte. Aber angeblich stamme ich von ihm ab.

Meinen jüdischen Namen Lipe habe ich nach einem Rabbi bekommen, der einer der größten Rabbiner in Szatmár [Ungarn] war. Große Wunder hatte er vollbracht, und er starb, als ich geboren wurde. Mein Vater gab mir seinen Namen. Religiöse Juden legen die Hände auf den Kopf, wenn sie diesen Namen ‚Lipe’ hören; nur so sprechen sie den Namen aus. Denn dieser Rabbiner war sehr berühmt und sehr heilig.

Meine Bernáth Großeltern und auch deren Eltern, meine Urgroßeltern, wurden in Kiskörös geboren. Gekommen sind die Großeltern der Großeltern wie schon erzählt vor langer Zeit aus Siebenbürgen. Begraben sind meine Urgroßeltern und Großeltern auf dem Friedhof von Kiskörös. Alle sind dort begraben, bis auf meine Eltern, denn die sind nach Auschwitz [KZ Auschwitz, Polen] gekommen.

Mein Großvater väterlicherseits hieß Mór Bernáth und seine Frau Regina Weiss. Sie lebten in Kiskörös und hatten denselben Beruf wie unsere Eltern und wir. Sie handelten mit Baumaterialien, Kalk, Zement und Wein. Den Mór Bernáth habe ich nicht gekannt, aber die Großmutter. Sie war schon sehr alt, sie starb 1936, da war ich in meinem 12. Lebensjahr. An sie kann ich mich gut erinnern, sogar daran, dass sie krank war. Damals war es üblich, dem, der zuviel Blut hatte, Blutegel auf den Rücken zu legen. Da lagen die Blutegel für meine Großmutter in einem Glas, die nahm man heraus und legte sie ihr auf den Rücken, die saugten dann das Blut raus.

Die Familie meiner Mutter hieß Jungreis. Sie lebten in Lörinci [Nordungarn]. An meinen Großvater Itzchak Jungreis, den Vater von meiner Mama, kann ich mich sehr gut erinnern, aber meine Großmutter ist sehr früh gestorben. Meine Großeltern hatten Geschwister, aber die habe ich alle nicht gekannt, denn sie waren alle alt. Mein Großvater lebte ein halbes Jahr bei uns in Kiskörös und ein halbes in Lörinci. In dieser Zeit war es so, dass ein Bruder von mir bei meiner Bernáth - Großmutter schlief, denn sie hatte ein Zimmer für ihn. Da wohnten sie zusammen, damit meine Großmutter nicht so allein war. Und wenn mein Großvater aus Lörinci bei uns war, schlief mein ältester Bruder im selben Zimmer wie er, damit er nicht allein war. Es war eine gute Beziehung zwischen uns, denn wir hatten die Großeltern sehr lieb. Ich kann mich bis heute erinnern, dass wir das Mittagessen und das Abendessen jeden Tag mit meiner Großmutter zusammen einnahmen. Mein Vater hatte viele Geschwister, er war der Jüngste. Alle seine Geschwister aus Nagykáta [Ungarn], Vadkert [Ungarn] und Budapest kamen zu uns, um die Großmutter zu besuchen.

Jedes Jahr, wenn es Jahrzeit [4] war, kamen sie zu uns und hielten die Jahrzeit bei uns. Jahrzeit heißt, dass jedes Jahr am selben Tag des jüdischen Kalenders das Kaddisch [5] gehalten wird, wenn jemand gestorben ist. Jedes Jahr gedenkt man dessen, der gestorben ist. Ob es ein Großvater oder eine Großmutter, ein Bruder oder eine Schwester, ein Vater oder eine Mutter war, ist egal. Man kam in der Synagoge zusammen und sagte das Kaddisch. Als meine Großmutter Jungreis gestorben war und ihre Jahrzeit war, kamen alle Geschwister meiner Mutter, sogar die aus Israel. Ein Bruder war 1930 ausgewandert. Er ist nach Hause gekommen, nur um bei der Jahrzeit dabei zu sein. Die ganze Familie kam zusammen, das war bei der Großmutter Jungreis immer am Tag vor Purim. Die ganze Familie war zusammen, wir setzten uns und feierten: wie vorgeschrieben. Wir haben uns gewaschen, wir haben gegessen und gesungen, und wir haben Wein getrunken. Und dann gab es auch eine Jahrzeit nach meinem Großvater, dem Vater meines Vaters. Da kamen seine Brüder. Aber alle sind zu uns nach Kiskörös gekommen - aus zehn verschiedenen Orten - aus Kecel, Nógrádbercel, Eger und aus Pest. Von überall her kamen die Geschwister zusammen.

Meine Großeltern waren religiös, aber modern religiös. Mein Großvater trug einen Bart, aber keine Pejes [6]. Mein Vater hatte keinen Bart mehr. Der Vater meiner Frau trug zum Beispiel einen Ziegenbart, oder so etwas Ähnliches. Die Frauen besaßen elegante Kleider, aber die trugen sie selten. Meistens trugen sie Baumwollsachen. Dabei war unsere Familie ziemlich wohlhabend! Wir hätten uns leisten können, teure Sachen zu tragen. Zum Beispiel trug meine Tante, die in Budapest lebte, viele schöne Sachen aus Spitze, Seide und Brokat mit Stickerei und Perlen.

Meine Großeltern wurden einander vermittelt. Damals war es so, dass es Vermittlungen gab - so wählte man sich einen Ehemann oder eine Ehefrau. Aber man lernte sich kennen, und aus der einen Vermittlung wurde eine Ehe, aus der anderen keine. Auf dem Lande war es so, dass man im Standesamt heiratete, und außerdem gab es auch eine jüdische Trauung. Erst heiratete man in der Synagoge, dann auf dem Standesamt. Auch meine Frau und ich haben es so gemacht: die Trauung war im August, aber die Eheschließung war erst im September, und das haben wir dann vergessen! Man hat jemanden zu uns geschickt, dass wir endlich kommen sollen, denn der Beamte warte schon im Rathaus und wolle mit der Zeremonie beginnen. Und wir hatten es längst vergessen, denn wir hatten ja schon geheiratet.

Sowohl meine Eltern als auch meine Großeltern interessierten sich für Politik, aber sie waren in keinerlei Organisation Mitglieder. Auf dem Lande war es so, dass man sogar in der Synagoge davon redete, was im Land Thema war. So zum Beispiel als Béla Kun [7] 1919 die Macht übernahm - das war eine große Sache! Ich erinnere mich, dass gesagt wurde, man habe damals die ganze Zeit über ihn gesprochen, weil Béla Kun Jude war. Also, über Politik wurde immer gesprochen, aber soviel Ahnung wie die Leute in der Großstadt, hatten die Leute auf dem Lande nicht.

Viele Juden besaßen in Kiskörös Land und Wein. Meine Familie hatte aber nur Land, wo Mais, Kartoffeln und so etwas wuchsen. Eine Zeitlang hatten wir auch einen Weinberg gepachtet, und aus den Weintrauben machten wir Most, aber das war nicht sehr lange. Wir beschäftigten uns größtenteils mit dem Handel. Wir kannten alle Christen, denn sie kamen zu uns und verkauften ihren Wein. Meine Mama tat nichts anderes, als den Alkoholgehalt von dem Most oder dem Wein, den wir kaufen wollten, mit einem Gerät zu messen. Es ist eine Maschine mit Spiritus. Der Spiritus wurde angezündet, und oben ging ein Quecksilberstab hoch. Nach der Menge des Alkoholgehaltes wurde der Preis gezahlt.

Wir haben in Kiskörös in der Petöfi Sandor Straße 7 gelebt, in derselben Straße, wo Petöfi [8] geboren wurde. Nur drei Häuser neben uns wurde Sandor Petöfi geboren. In Kiskörös lebten, soviel ich weiß, in unserer Zeit 1 5000 Einwohner, davon waren 1 000 Juden. Die Juden lebten in der Hauptstraße und in den besseren Straßen. Es kam natürlich auch vor, dass die eine oder die andere Familie etwas außerhalb wohnte, weil sie nicht genug Geld hatte, um im Stadtinneren zu wohnen. Die Geschäfte befanden sich auf der Hauptstraße. Die Juden hatten schöne Läden. In der Mitte der Stadt stand die Synagoge und daneben noch eine kleine Synagoge. Und neben der wohnten der Rabbi und der Kantor, der alte Fogler. Wir wohnten alle um die Synagoge herum.

Unser Haus war riesengroß. Es stand rechts neben der Synagoge. In unserem Hof war später das Ghetto, denn unser Hof war ein riesengroßer Hof, in dem zehn Weinkeller waren. Da wohnten dann die Juden, die aus Fülöpszállás [Ungarn] und Dunakecele, den daneben liegenden Dörfern, ins Ghetto kamen. Man hat sie zuerst nach Kiskörös gebracht, dann nach Kecskemét und von Kecskemét ins KZ Auschwitz [Polen]. Aber das war erst später.

In Kiskörös gab es sogar Elektrizität. Zuerst gab es Gas und Petroleumlampen. Aber als ich älter wurde, gab es auch ein Elektrizitätswerk und überall Elektrizität. Auch Telefone gab es. Auch wir hatten Elektrizität und ein Telefon. Wir hatten bereits in den 1930er-Jahren ein Telefon, aber zum Beispiel die Foglers, die Familie des Kantors, hatte kein Telefon. Sie brauchten es nicht.

Jede Woche gab es einen Wochenmarkt, und zweimal im Jahr gab es einen Jahrmarkt. Der Jahrmarkt war auf dem Szarvas tér. Die Frauen kauften auf dem Wochenmarkt für die ganze Woche ein. Meine Mutter ging zusammen mit der Dienstmagd - die schleppte die Sachen - oder sie schickte einen ihrer älteren Söhne: Du sollst dieses und jenes holen. Aber es gab auch Geschäfte. Es gab eine Kreislerei, wir selbst hatten eine Baustoffhandlung, aber meiner ältesten Schwester schenkte mein Papa eine Kreislerei - das war ihre Mitgift.

Natürlich gab es in Kiskörös auch eine jüdische Gemeinde, jede Ortschaft hatte ihre eigene Gemeinde. Mein Vater war ein ‚Gabe’ in der Gemeinde, eine Art Verwalter. Jede Gemeinde hatte zwei Gaben, die in der Gemeindeleitung waren. Sie sind immer bei den Wahlen in der Gemeinde dabei, denn es gab überall auch Streit. Der eine wollte diesen Rabbi, jenen Kantor, oder den Schames [9] wählen. Es gab sogar Juden in Kiskörös, die nichts gehalten haben, die nicht so religiös waren. Aber die Religiösen kamen jeden Tag in die Synagoge, die beteten morgens und abends. Meine Großeltern und Eltern waren stets in der Synagoge, morgens und abends. Es gab auch viele, die nur samstags in die Synagoge kamen und beteten.

In Kiskörös gab es zweierlei Schulen, wo man alles lernte - von der Mathematik bis zu allem, was es gab. Es gab auch eine jüdische Schule, sie hieß Cheder [10], da lernen die Kinder Hebräisch und das Alphabet, das Alef Bet. Der Cheder war eine ausgesprochen jüdische Schule, die nur Juden besuchten. Im Cheder gab es zwei Lehrer. Ich lernte Hebräisch beten und die Brachot, den Segen, sagen. In der ersten und zweiten Klasse hatten wir eine Lehrerin, die Goldstein hieß, an die kann ich mich noch erinnern. Später, in der dritten, vierten, fünften und sechsten Klasse gab es den Lehrer Menzel. Wir Kinder haben auch Ball und Fußball gespielt, oder verschiedene Spiele mit dem Taschenmesser, daran kann ich mich erinnern.

Ich habe nur die sieben Grundschulklassen in Kiskörös besucht, dabei gab es auch eine kleine Jeschiwa [11]. Das war eine Art Vorbereitung auf die eigentliche Jeschiwa, die Hochschule des Talmuds [12], in der die Religiösen gelernt haben. Diese Jeschiwa hat der Rabbi geleitet, aber sie war keine berühmte Jeschiwa. Es gab nämlich ausgesprochen berühmte, große Jeschiwas in Ungarn. Wo ich gelernt habe, in Galánta [heute Slowakei] und Pápa [Ungarn], da waren wir 400 junge Männer, man sagt Bocher. Galánta ist heute in der Slowakei und Pápa in Transdanubien. Auch mein Vater und dessen Vater haben dort gelernt. Nur der Rabbi war immer ein anderer. In der Jeschiwa lernt man die Tora [13] und die ganze Religionslehre. Die Christen lernen über Jesus, und der lebte vor 2 000 Jahren. Und wir lernen von Zeiten vor
5 000 Jahren. Wir haben auch die vielen verschiedenen Auslegungen gelernt - das war sehr schwer.

Früher war die Hälfte von Kiskörös eine Sippschaft, weil zum Beispiel die eine Familie die Schwester oder die Cousine der anderen Familie heiratete. So sind sie alle zusammengekommen. Gottlieb, Goldberger, Jungreis - das waren alle Cousins. Mein Vater Adolf Bernáth ist in Kiskörös im Jahr 1886 geboren. Meine Mutter war eine Jungreis-Tochter, die aus Lörinci stammte. Sie wurde 1891 geboren. Ihre Tanten lebten bereits in Kiskörös, als sie dorthin heiratete, denn die Frau Goldberger war die Schwester ihrer Mutter, und auch die Frau Gottlieb war eine Schwester ihrer Mutter, und die lebten alle in Kiskörös. Und so sind die Familien zusammengekommen, und vielleicht haben die Goldbergers die Nelli, meine Mutter, mit dem Adolf Bernáth zusammengebracht. Die beiden haben sich kennen gelernt und geheiratet. Sie waren beide religiös. Sicher haben sie sich schon vorher gekannt. Aber es gab auch solche, die sich nicht gekannt haben und trotzdem geheiratet haben. Meine Eltern waren noch sehr jung als sie heirateten: meine Mutter war - glaube ich - 17 oder 18 Jahre alt. Das war so üblich bei den Religiösen. Meine Eltern heirateten in Lörinci in der Synagoge, die Eheschließung war dann in Kiskörös.

Meine Eltern waren Ungarn und sprachen ungarisch. Sie haben in dem Haus gewohnt, wo auch unsere Großeltern gewohnt hatten und wo später auch wir gewohnt haben. In dem Haus hatten wir damals zwei Dienstmädchen aus dem Nachbarsdorf. Ich war der jüngste von den Jungen. Wenn die Feiertage kamen, hat man viel gekocht und gebacken, und wir hatten viel Besuch. Es gab keinen Tag, an dem nicht ein Armer zu uns eingeladen gewesen wäre. Morgens und abends, immer war jemand zum Essen eingeladen, immer saß jemand mit am Tisch. Die Armen kamen, um zu sammeln, dann gaben wir ihnen etwas Geld, aber davon unabhängig konnten sie bei uns essen. Wenn sie zu jemandem gingen, dann gingen sie zu den Bernáths.

Die Familie wurde unterhalten, die Kinder und die Enkelkinder wurden auch ganz selbstverständlich unterstützt. Es gab welche, die geheiratet hatten, und es gab Enkelkinder. Mein Vater hatte zu wenig, um alle zu unterstützen, und jedes Jahr, wenn Jom Kippur kam oder der Tag des Fastens oder Purim [14], gab man auch den Armen etwas. Und auch wir selbst hatten nicht viel. Aber was hat mein Vater gemacht? Er schickte mich zum reichen Nachbarn mit einem Bon. Auf dem Bon stand, dass ich so und soviel Geld geborgt habe und es an dem und dem Tag zurückgeben werde. Ich ging rüber und holte das geliehene Geld ab. Er nahm es, legte es in einen Umschlag und ließ mich damit zum Kantor und zu den Rabbinern gehen, damit sie das Geld verteilen. Für so etwas hat mein Vater sich Geld geborgt.

Die Feiertage waren bei uns immer wunderschön. Das Wochenende, der Samstag heißt Schabbes [15], hat man sich vorbereitet, als wenn es ihn nur einmal im Leben gäbe. Aber es gab ihn jede Woche. Es war auch üblich, dass wir jeden Freitag [Anm.: Beginn des Schabbes nach Sonnenuntergang] nach dem Abendessen Besuch hatten. Alle aßen ein wenig Obst oder Kuchen, oder sie tranken etwas und unterhielten sich. Man sprach über allerlei: über Politik genau so, wie über diesen oder jenen Verwandten. Wer wen geheiratet hat und solche Sachen. Meine Eltern hatten auch Freunde: zum Beispiel der Vorsitzende der Glaubensgemeinde selbst, der Sándor Schwartz, der Onkel Lang und der Lehrer Menzel. Sie trafen sich in der Synagoge oder bei uns. Es ist bei auch vorgekommen, da meine Eltern modern und auch religiös waren, dass sie sich hinsetzten, um Tallon Maria zu spielen. Damals war das modern. Das ist ein Kartenspiel, man spielte es zu dritt. Aber am Freitagabend durfte man das nicht, weil man freitags und samstags nichts darf. Aber wenn der Samstag vorbei war, am Samstagabend, da durfte man wieder. Am Nachmittag wurde geschlafen, man stand auf und spielte ein bisschen.

Die großen Feste waren wiederum etwas ganz Besonderes, denn da kamen die Kantoren vom Lande zu uns. Wir hatten zwar drei Kantoren, nicht nur den alten Fogler sondern noch zwei andere, einen namens Weinberger und einen namens Frenkl. Aber die hatten keine so besonderen Stimmen. Ich kann mich noch erinnern, man ließ von Dombrád [Ungarn] einen Kantor kommen, der hatte eine wunderschöne Stimme, und er brachte auch seine beiden Söhne mit. Die haben ihn begleitet, sie sangen zu dritt, und es war sehr schön. Dafür hat die Glaubensgemeinde viel Geld gezahlt.

Zu Pessach, am Sederabend, wenn die Haggada [18] gelesen und das ‚ma nischtana’ gesagt wurde, die Kinder den Eltern die vier Fragen stellen, die diese mit traditionellen Antworten aus der Geschichte des Exodus beantworten, hatten wir nicht genug Platz für den Tisch. Es war ein so langer, großer Tisch, dass er kaum ins Zimmer hineinpasste. Alle kleinen Kinder sind dann ganz schnell eingeschlafen. Wenn alle beisammen waren, gab es auch nicht genug Betten, so mussten immer zwei in einem Bett schlafen.

Zu Purim gingen die Männer in die Synagoge, da wurde das Buch Esther [19] vorgelesen. Den Frauen wurde das Buch Esther danach zu Hause vorgelesen - mein Onkel las den Frauen das ganze Buch vor. Er brachte es nach Hause, und er konnte das Buch lesen. Genau wie ich es lesen kann, ohne Punktierung [Anm.: im Hebräischen waren die Vokale als Punktierung geschrieben].

Wir waren acht Geschwister: vier Jungen und vier Mädchen. Ich war der jüngste Junge, und ich hatte noch eine kleine Schwester. Meine beiden ältesten Schwestern haben vor dem Krieg geheiratet. Als meine älteste Schwester Márta 1936 heiratete, war der ganze Hof ein Zelt. Es war riesengroß. Das war wunderschön. Die Zymbalmisten kamen und haben gespielt: ‚Az a szép, a szép, akinek a szeme kék’, daran kann ich mich noch erinnern. ‚Szép a rózsám, nincs hibája, csak egy kicsit libegös a járása’. Das sind ungarische Volkslieder. Ich habe die Lieder damals auch gesungen.

Meine Eltern verreisten nie, nur selten fuhren sie zu Besuch zur Familie nach Vadkert oder nach Lörinci, woher meine Mutter stammte. Aber als sie schon so viele kleine Kinder hatten, konnten sie nicht mehr weg. Wir waren nie im Ausland, aber meine Tante aus Budapest, die sehr wohlhabend war, die war immer unterwegs: in Wien, am Semmering und in Berlin. Dort hatten sie auch ein Haus. Sie hatten es besser, sind viel herumgereist und in Badeorte gefahren. Zwischen Kiskörös und Vadkert gibt es einen See, der Petöfi See hieß, aber wir nannten ihn stinkenden See. Wenn es warm war und wir Lust hatten, sind wir Kinder mit unseren Badehosen dorthin gegangen und haben gebadet. Das war’s, mehr Erlebnisse hatten wir nicht.

Ich bin in Vadkert in den Cheder gegangen, der war zehn Kilometer von uns entfernt. Ich wohnte dann bei meiner Tante in Vadkert. Ein halbes Jahr lernte ich dort, und dann kam ich wieder nach Hause und ging in die Jeschiwa. Ein Jahr lernte ich in Galánta - zweimal ein halbes - die Jeschiwa wird nach Semestern berechnet. Ich war mit meinen Brüdern zusammen, von denen keiner den Krieg überlebt hat. Als die Jeschiwa in Galánta geschlossen wurde, weil es von den Ungarn oder von den Slowaken besetzt war, gingen wir nach Pápa. Dann haben wir dort gelernt.

Zur Zeit meiner Großeltern und Eltern war der Antisemitismus nicht so stark. Aber es gab ihn schon immer, es gab keine Zeit, in der es ihn nicht gegeben hat. Es gab Zeiten, in denen wir uns besser vertragen haben, wo die Christen den Juden schmeichelten. Denn die Christen haben ihre Sachen oft an die Juden verkauft - sowohl ihren Wein als auch ihr Getreide. Aber es gab auch Geschäfte, die Christen gehörten. Die Juden kauften den Christen alles ab. Später gab es schon eine Konkurrenz. Zum Beispiel beschäftigten wir uns mit Kalk und Baustoffen, und da hatte ich auch einen Konkurrenten, einen Christen, der später ein großer Pfeilkreuzler [20] wurde. Aber meine Großeltern und Eltern versuchten, wie alle Juden auf dem Lande, sich mit den Christen gut zu vertragen. Immerhin haben sie miteinander gesprochen. Aber hinter dem Rücken sagten sie ‚der Stinkjude’, ‚der Stinkgoi’ [Anm.: Goi bedeutet Nichtjude]. Aber es war nichts dabei, es war nicht ernst. Später, als die Pfeilkreuzler kamen, wurde es ernst. Da riefen die kleinen Kinder: ‚Ergerberger, Weissberger, alle Juden sind Verbrecher!’ und so was. In den 1940er-Jahren warfen die Kinder schon Steine. Ich erinnere mich daran, als ich einmal meinen Vater vom Bahnhof abholte, denn er war zweimal die Woche in Budapest, bewarfen sie ihn mit Steinen. Um mich zu schützen, nahm er mich unter seinen Mantel. Aber ich bin mit Judenbeschimpfungen aufgewachsen, die gab es schon immer. Aber schlimmere Beschimpfungen und Steine werfen oder Fenster einzuschlagen, das war später, nach 1942.

Das erste Judengesetz kam eigentlich 1940. Und das zweite erst 1942 [Anm.: Das erste Judengesetz wurde im Mai 1938 beschlossen, das zweite im Mai 1939 und das dritte 1941].
Es wurde vorgeschrieben, dass der Jude dieses und jenes nicht mehr durfte. Die verschiedensten Sachen wurden verboten. Alle hatten noch Vorräte, von denen sie leben konnten. Die jüdischen Geschäfte mussten erst geschlossen werden, als Hitler kam. Hitler kam am 19. März 1944 nach Ungarn. Da war alles vorbei. Da mussten wir den gelben Stern tragen. Zwischen März und Juni haben die Juden gerade noch irgendwie überlebt, oft versteckt in der Wohnung. Aber dann wurden sie verschleppt.

Man hat uns voneinander getrennt. Ich war 17, als man mich zum Arbeitdienst brachte. Meine Einberufung erhielt ich für den 6. Juni nach Hódmezövásárhely. Die Juden aus den Nachbardörfern hatte man alle nach Kiskörös gebracht, denn das war die Kreisstadt. Und von dort brachte man später alle nach Kecskemét ins Sammellager. Das war das Sammellager für Auschwitz, von dort brachte man die Menschen in das Vernichtungslager Auschwitz. Die Züge kamen: alle einsteigen und Schluss. Ich war zu dieser Zeit im Arbeitslager. Meine Mutter wurde von Kiskörös nach Kecskemét über Fülöpszállás deportiert. Dort hat sie die letzte Karte an mich aufgegeben. Irgendwie hat sie sie am Bahnhof in den Briefkasten werfen oder werfen lassen können. Die Karte habe ich Anfang Mai erhalten. So hat sie sich von mir verabschiedet.

Wir waren nicht lange in Hódmezövásárhely. Von dort kamen wir nach Szeged und nach Újszeged. Dort waren wir eine Zeitlang, aber auch nicht allzu lange. Wir mussten für die Soldaten Zwiebeln, Kartoffeln und Erbsen putzten. Von dort brachte man uns nach Pétfürdö. Pétfürdö ist hier in Transdanubien, nicht weit von Komárom. Wir waren bis Ende November dort. Und Ende November schleppte man uns zu Fuß zur tschechischen Grenze. Und an der tschechischen Grenze wurden wir in Wagons verfrachtet und nach Dachau [Anm.: KZ Dachau, Deutschland] gebracht. Am Tor stand geschrieben: ‚Arbeit macht frei’.

Das war eigentlich schon Ende 1944. Dachau war die Zentrale, alle kamen nach Dachau. Zwei Wochen ungefähr waren wir in Dachau, von dort kamen wir in die umliegenden Arbeitslager. Ins gnadenlose Arbeitslager, wo wir kaum etwas zu essen und zu trinken bekommen haben und zwei Sack Zement auf den Schultern schleppen mussten, bis wir nicht mehr konnten. Sind wir umgefallen, hat man uns mit Wasser übergossen, oder man hat uns geschlagen. Viele sind umgefallen und gestorben. Das war der Anfang vom Ende. Wir waren in den schrecklichsten Lagern, die es in Deutschland nur gab. Wir kamen nach Kaufering [Anm.: KZ Außenstelle von Dachau, Deutschland], wo der Flecktyphus tobte. Ich habe ihn mir auch geholt. Und dann brachte man uns Typhuskranken in die Quarantäne, damit ‚die armen Deutschen’ nicht erkranken. Wir waren isoliert, aber arbeiten mussten wir trotzdem. Wir mussten die Leichen zum Stacheldraht bringen, ihnen den Mund öffnen und die Goldzähne herausziehen und in die Kappen der SS werfen. Da wurde auch Menschenfleisch gegessen.

Mühldorf liegt nicht weit von München. In Mühldorf kamen wir erst in eine, dann in eine andere Quarantäne. Dort sind fast alle umgekommen. Nur wenige haben überlebt. Als die Amerikaner kamen, haben die Deutschen uns in die Beine geschossen, und dann warfen sie die, die noch am Leben waren, auf offene Waggons. Sie füllten die Waggons mit Öl, ließen die Waggons losfahren und zündeten sie an. Alle, die nur konnten, sprangen herunter. So haben uns die Amerikaner gefunden. Das habe ich erlebt, ich erzähle es nicht gern. Das war im Mai 1945. Ich konnte nicht nach Hause, ich hatte ja die Schusswunde. Der SS Arzt wollte mein Bein amputieren, das SS Krankenhaus war noch da, aber der Amerikaner ließ es nicht zu. So wurde mein Bein gerettet. Ich blieb bis August 1945 im Krankenhaus. Dann fuhr ich nach Kiskörös.

Wir fuhren im Güterwaggon nach Budapest. Zu Jom Kippur war ich in Bratislava. Ich stieg aus dem Zug, damit ich nicht am Jom Kippur unterwegs bin. In Budapest ging ich zur OMZSA [Anm.: Landesweite Ungarische Jüdische Aktion oder Hilfsaktion], die sich am Bethlen Platz befand. Dort hat man sich anmelden müssen. Die, die meine Daten aufgenommen hat, war eine Schwartz Tochter aus Kiskörös.

Ich dachte, ich würde jemanden wieder sehen, wenn ich nach Hause komme. Aber niemand war da. Keiner meiner Brüder, keine meiner Schwestern. Irén lebte mit ihrem Mann, der Versicherungsmakler war und ihrem Sohn Lacika in Sárvár, die anderen beiden, Emilia und Erna waren in Kiskörös geblieben. Márta, die Älteste, hatte schon zwei Kinder. Alle hatte man verschleppt, keine ist zurückgekommen. Mein ältester Bruder Miklós starb in Russland im Jahr 1942, der zweitälteste Karóly ist in Bor, Jugoslawien, im Lager umgekommen. Und all die anderen starben in Auschwitz zusammen mit meinen Eltern. Eine schreckliche Sache, man spricht nicht gern darüber, aber es ist leider so.

In Kiskörös war ich dann in dem verwüsteten Haus allein. Alles war kaputt, alles hatte man zerstört. Sogar die Fensterrahmen hatte man aus der Wand gerissen und die Kabel, und den Holzboden haben sie auch aufgerissen. Man hatte nach Verstecktem gesucht. Alles, was meine Eltern versteckt hatten – wir hatten das Silber vergraben – hatten sie gefunden. Nur ein Schmuckstück habe ich gefunden, einen Brillianten, und den hat mir nach dem Krieg ein Bekannter gestohlen. Und nur ein Nachbar sagte, dass meine Eltern zwei Koffer bei ihm hinterlassen hatten, und sie mir gegeben. Da war Bettwäsche drin, von meinen Eltern oder meinen Schwestern. Das hat mich nicht interessiert, ich habe es dem Nachbarn einfach zurückgegeben. Ich setzte mich auf den Dachboden und fing an zu heulen.

Ich hatte einen Onkel, der wohnte zehn Kilometer von Soltvadkert entfernt. Er hieß Braunfeld. Ich ging zu ihm, damit ich nicht so alleine war, und er brauchte mich auch, denn ich war ein junger Mann und konnte ihm helfen. Ich verkaufte Wein für ihn, fuhr in Güterzügen auch nach Budapest. Ob Tag oder Nacht war mir egal. Da war ich noch ein Kind, ich war noch keine 20 Jahre alt. Ende 1945 bin ich wieder einigermaßen zu mir gekommen. Danach war das Leben wieder schön. Es war sehr schön, denn ich habe meine Frau kennen gelernt.

Meine Frau Izabella Friedmann hatte ich schon als Kind gekannt. Wir wohnten nicht allzu weit voneinander entfernt. Langsam habe ich gefühlt, dass ich ein Mann bin. Sie hatte eine zwei Jahre ältere Schwester, und ihr Vater wollte zuerst, dass ich seine ältere Tochter heirate. Aber ich habe gesagt: entweder die Izabella oder keine. Erst haben wir geheiratet, und ein Jahr später hat dann auch die Schwester geheiratet. Ich war noch nicht 20 Jahre alt, als ich geheiratet habe. Das war 1946.

Ich ging zurück und baute das Haus in Kiskörös wieder auf. Es wurde schön hergerichtet. Riesengroß und wunderschön ist es geworden. Nach dem Krieg war der Baustoffhandel ein prima Geschäft. Man hat nur wissen müssen, wie man an die Ware herankommt, denn es war nicht leicht. Anfangs hat man alles nur für Wein verkauft, später nur für Gold. Ich habe den Wein für Gold verkauft, und für das Gold habe ich die Ware gekauft. Aber Ende 1948 hat man den Laden verstaatlicht, denn es hieß, wer einem Kommunisten etwas gegen Entgelt verkaufen möchte, ist sein Feind. Wie hat es geheißen? Regime feindlich oder Regime fremd. Ich war Regime feindlich in ihren Augen und bekam keine Arbeit mehr. Wir hatten zwei kleine Kinder, und es gab keinen anderen Weg: wir mussten aus Ungarn flüchten. Wir haben alles liegen und stehen lassen und fuhren nach Budapest. Wir wollten nach Israel. Einige Monate haben wir uns genommen, um alles vorzubereiten. Wir sind nach Bratislava gefahren und überquerten die Donau. Von dort hätten wir zu Fuß nach Österreich kommen sollen. Als wir zum Bus nach Petrezsarka gingen, stieg meine Frau in den ersten Bus, und sie wurde erwischt. Sofort brachte man sie nach Szombathely und sperrte sie ein. Sie hatte unsere ältere Tochter bei sich, die jetzt in Wien lebt. Man sperrte meine Frau ein, unsere Tochter kam zu meinem Schwiegervater. Nach einigen Monaten hat es meine Frau wieder versucht. Wieder wurde sie erwischt, wieder sperrte man sie in Szombathely ein. Ich hatte es geschafft und war mit meiner erst 11 Monate alten Tochter in Wien. Ich konnte meiner Frau nicht helfen. Ich fuhr nach Israel, um ihr von dort zu helfen, aber es klappte nicht. So habe ich in Wien auf sie gewartet.

Ich habe ein gutes Geschäft gemacht. Ich habe den Wurlitzer, die Musikmaschine, aus Amerika nach Österreich gebracht. Der Wurlitzer stand in allen Kaffeehäusern. Das war 1952. im Allgemeinen kaufte ich gebrauchte Wurlitzer, denn für neue hatte ich kein Geld. Die stellte ich in 82 Kaffeehäusern auf. Das Geld floss. Manchmal wurde ich sogar nachts geweckt, dass ich die Maschine leeren soll, denn sie funktionierte nicht mehr, weil sie voll war. Ich habe auf meine Frau gewartet und dachte, wir würden gemeinsam entscheiden, ob wir nach Israel gehen oder nicht. Als sie kam, sind wir geblieben.

Glossar

[1] Das Dorotheum wurde 1707 von Kaiser Josef I. gegründet und ist somit das älteste der großen Auktionshäuser der Welt.

[2] Sabbatisten: Radikale Strömung der Reformation, die sich in den 1570er-Jahren in Siebenbürgen, hauptsächlich im Szeklerland, aus der unitarischen Kirche herauslöste. Eine Gruppe von Anhängern des verfolgten Ferenc Dávid. Die Lehre der Sabbatisten steht in mehreren Punkten dem jüdischen Glauben sehr nahe. Sie betrachteten nur das Alte Testament als heiliges Buch und befolgten dessen Vorschriften (z.B. war ihr heiliger Tag nicht Sonntag, sondern Samstag; von daher kommt ihr Name). Dass sie, wie die Unitarier, in Jesus einen Menschen sahen, erwarteten sie das Kommen des Erlösers. Sie bestritten die Heiligkeit Jesu und verkündeten die umfassende Wiederherstellung des Ansehens der Gesetze Mose. Ihr bedeutendster Vertreter war Simon Péchi, Kanzler des Fürsten Gábor Bethlen, der die biblischen Psalme und jüdischen Gebete aus dem Hebräischen ins Ungarische übertrug. Ab 1595 wurden die Sabbatisten auf gesetzlicher Grundlage verfolgt. Danach löste sich die Sekte langsam auf [Quelle AM-PÁ-JúSz]

[3] Franz Josef I [1830 - 1916]: Kaiser von Österreich und Apostolischer König von Ungarn 1848 bis 1916

[4] Jahrzeit: Nach jüdischer Tradition wird eines nahen Toten an seinem Todestag der ‚Jahrzeit’, gedacht. An diesem Tag pflegt man ein ‚Seelenlicht’ [Kerze] anzuzünden, das Grab zu besuchen und besondere Gebete zu sprechen.

[5] Kaddisch [hebr: kadosch = heilig]: Jüdisches Gebet zur Lobpreisung Gottes. Das Kaddisch wird auch zum Totengedenken gesprochen.

[6] Pejes od. Peies [hebr: Peot]: die jiddische Bezeichnung für die von frommen Juden getragenen Schläfenlocken. Das Tragen des Bartes und der Schläfenlocken geht auf das biblische Verbot zurück, das Gesicht mit scharfen und schneidenden Gegenständen zu berühren.

[7] Kun, Béla [1886 bis1939], geboren als Béla Kohn: Ungarischer Politiker. Béla Kun wurde im 1. Weltkrieg in russischer Gefangenschaft Kommunist. Er kam nach dem 1. Weltkrieg, noch im Jahre 1918, nach Ungarn zurück und bildete eine Räterepublik aus Kommunisten und Sozialisten. Die Banken, Industriebetriebe und landwirtschaftliche Güter wurden verstaatlicht und die Kommunisten übernahmen bald die absolute Herrschaft - es entstand eine Diktatur mit einer Armee, die in die Slowakei einmarschierte. Béla Kuns Regierung wurde durch tschechische und rumänische Truppen am 1. August 1919 gestürzt. Er flüchtete nach Österreich, dann in die Sowjetunion und arbeitete dort weiter am Aufbau des Kommunismus. 1939 wurde er in der Sowjetunion im Rahmen der ‚stalinistischen Säuberungen’ ermordet.

[8] Petöfi, Sandor geboren als Alexander Petrovics [1823 - 1849]: Ungarischer Dichter und Volksheld

[9] Schammes [hebr. Schamasch = Diener]: Synagogendiener. Er erfüllt die unterste Funktion in einer Synagoge. Daher wird der Begriff allgemein abwertend als ‚Laufbursche‘ gebraucht.  Als Schammes wird auch für die Kerze bezeichnet, die zum Anzünden der übrigen Kerzen der Chanukkia [Chanukkaleuchter] verwendet wird.

[10] Cheder [hebr:Zimmer]: die Bezeichnung für die traditionellen Schulen, wie sie bis Beginn des 20. Jahrhunderts im osteuropäischen Schtetl üblich waren. Der Unterricht fand im Haus des Lehrers statt, der von der jüdischen Gemeinde bzw. einer Gruppe von Eltern finanziert wurde, und war in der Regel nur Jungen zugänglich. Der Unterricht fand in kleinen Gruppen mit Jungen verschiedener Altersgruppen statt.

[11] Jeschiwa [Pl. Jeschiwot], wörtlich ‚Sitzen’; Talmudhochschule. Traditionelle jüdische Institution, an der hauptsächlich der Talmud studiert, das darin enthaltene Jahrtausendalte jüdische Wissen verarbeitet und an kommende Generationen weiter vermittelt wird. Jeschiwot gab es nachweislich schon zur Zeit des Zweiten Tempels.

[12] Talmud: wörtl: Lehre; wichtigstes nachbiblisches Buch des Judentums, Gesetzeskodex.

[13] Torah [hebr: Lehre, Gesetz]: Teil des Tanach [Altes Testament]. Die Torah besteht aus den fünf Büchern Mose [Pentateuch]. Mit ‚Torah‘ wird oft die Torahrolle gemeint. Dies ist eine große Rolle aus Pergament, auf der die fünf Bücher Mose in Hebräisch von Hand aufgeschrieben sind. Torahrollen werden in der Synagoge aufbewahrt.

[14] Purim: Freudenfest, das an die Errettung des jüdischen Volkes aus drohender Gefahr in der persischen Diaspora erinnert. Nach der Überlieferung versuchte Haman, der höchste Regierungsbeamte des persischen Königs, die gesamten Juden im Perserreich auszurotten. Der [jüdischen] Königin Ester gelang es jedoch, den König von den unlauteren Absichten Hamans zu überzeugen und so die Juden zu retten.

[15] Schabbat [hebr.: Ruhepause]: der siebente Wochentag, der von Gott geheiligt ist, erinnert an das Ruhen Gottes am siebenten Tag der Schöpfungswoche. Am Schabbat ist jegliche Arbeit verboten. Er soll dem Gottesfürchtigen dazu dienen, Zeit mit Gott zu verbringen. Der Schabbat beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend.

[16] Pessach: Feiertag am 1. Frühlingsvollmond, zur Erinnerung an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, auch als Fest der ungesäuerten Brote [Mazza] bezeichnet.

[17] Seder [hebr.: Ordnung]: wird als Kurzbezeichnung für den Sederabend verwendet. Der Sederabend ist der Auftakt des Pessach-Festes. An ihm wird im Kreis der Familie (oder der Gemeinde) des Auszugs aus Ägypten gedacht.

[18] Hagadah od.Haggadah od. Haggada [hebr: ‚Verkündung/Erzählung‘]:Büchlein, das am Sederabend beim Festmahl mit der Familie gemeinsam gelesen und gesungen wird. Das Buch beschreibt das Exil in Ägypten und den Auszug in die Freiheit.

[19] Das Buch Esther: Die fünfte der fünf Schriftrollen, die in der hebräischen Bibel in der Reihenfolge angeordnet sind, in der sie an bestimmten Festen des religiösen Festkalenders gelesen werden.

[20] Pfeilkreuzler: 1937 aus der von Ferenc Szalási gegründeten 'Partei des nationalen Willens' hervorgegangene faschistische Bewegung.  Nach dem Versuch der Regierung unter Miklós Horthy, einen Separatfrieden mit den Alliierten zu schließen, übernahmen die Pfeilkreuzler im Oktober 1944 die Macht in Ungarn. Mit ihrer Hilfe wurde von den Deutschen im November 1944 die zweite Deportationswelle durchgeführt. In Terroraktionen ermordeten Pfeilkreuzler bis zur Befreiung durch die sowjetische Armee im Januar 1945 noch mehrere tausend Budapester Juden.

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Ladislaus Bernath
Interviewt von:
Zsuzsi Szaszi
Monat des Interviews:
November
Jahr des Interviews:
2001
Wien, Austria

HAUPTPERSON

Ladislaus Bernath
Jüdischer Name:
Mordechai
Geburtsjahr:
1925
Geburtsort:
Kiskörös
Beruf
Vor dem 2. Weltkrieg:
Kaufmann
nach dem 2. Weltkrieg:
Handel mit Kinderbekleidung
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