Edith Teller Brickell

Österreich

Edith Teller Brickell
Wien
Österreich
Datum des Interviews: Oktober 2002
Interviewer: Tanja Eckstein

 

Edith Teller Brickell wird mir von ihrer Freundin Lotte Rybarsky empfohlen. Schon bei unserem ersten Treffen in ihrer sehr geschmackvoll und gemütlich eingerichteten Wohnung in Wien, im 1. Bezirk, nahe dem Donaukanal, die seit 1934 im Besitz der Familie Teller ist, finden wir eine gemeinsame Sprache. Zuerst will sie wissen, wem sie ein Interview geben wird, und die erste Stunde wird sie zum Interviewer und ich zur Interviewten. Frau Brickell steht mit ihren 80 Jahren voll im Leben. Sie liest jeden Tag den Standard [Österreichische Unabhängige Tageszeitung], Bücher, verpasst nie die Nachrichten und nimmt an vielen Veranstaltungen teil. Sie hat mehrere Konzertabonnements und ist eine wunderbare Gastgeberin.

Edith Teller Brickell ist im April 2014 gestorben.

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit 
Während dem Krieg 
Nach dem Krieg 
Glossar


 

Meine Familiengeschichte

Mein Großvater väterlicherseits, Gershom Teller, lebte in der Stadt Stanislau in Galizien [heute Stanisławów in der Ukraine]. Er kaufte Obst von den Bauern der Umgebung und verkaufte es dann am Markt. Da er immer sehr früh zu den Bauern fahren musste, verkühlte er sich, bekam eine Lungenentzündung und starb 1897, so wurde es jedenfalls in der Familie erzählt.

Der Vater meiner Großmutter hieß Isidor Feuer und lebte auf einem Gut in Stanislau. Ich nehme an, dass das Gut ihm gehörte. Mehr weiß ich nicht über ihn. Über die Urgroßmutter weiß ich gar nichts.

Meine Großmutter, Eidel Teller, eine geborene Feuer, wurde 1862 in Stanislau geboren. Sie hatte zwei Schwestern: Bellina – jüdisch Blime – und Sofie sowie zwei Brüder, Elias und Tobias. Elias und Tobias wanderten Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts nach Amerika aus.

Blime Feuer war 13 Jahre jünger als meine Großmutter und heiratete Oskar Fromowicz, einen Juwelier, und lebte mit ihm in Wien. Ich glaube, er war auch Schätzmeister im Dorotheum [1]. Aber die Ehe ging auseinander. Blime starb am 5. August 1942 in Wien. Beide Schwestern, meine Großmutter Eidel – die bereits am 15. Januar 1925 in Wien gestorben war – und Blime liegen auf dem Zentralfriedhof am IV. Tor im selben Grab. Sofie heiratete einen Herrn Lessner und lebte mit ihm in Japan. Ihr Mann war im Import-Export-Business tätig.

Nach dem sehr frühen Tod meines Großvaters blieb meine Großmutter Eidel mit fünf Kindern allein zurück: mein Vater Bernhard und seine Geschwister Josefine, Willi, Lotte und Hermann.

Im Jahre 1900, als mein Vater siebzehn Jahre alt war, heiratete seine Mutter noch einmal. Der Mann hieß mit Zunamen Ochs. Ich weiß, dass die Herausgeber der New York Times auch Ochs hießen, weiß aber nicht, ob da eine Verwandtschaft existierte. Dieser Ochs hatte zwei Kinder, deren Namen ich nicht weiß. Gemeinsam mit der Großmutter hatte er eine Tochter, das war meine Tante Hella. Ich glaube, die Ehe ging auseinander, oder er starb sehr früh, genau weiß ich das nicht. Merkwürdigerweise sprach nie jemand über diesen Mann. Tante Hella erzählte mir einmal, dass seine Kinder irgendwann nach Südamerika gingen.

Ich weiß nicht genau wann und warum, aber bis 1910 war bereits die gesamte Teller-Familie von Stanislau nach Wien übersiedelt.

Onkel Willi besaß im 4. Bezirk ein Obstgeschäft. Er war mit Josefine Locker verheiratet. Sie lebten traditionell und hatten drei Kinder: Antonia, Toni genannt, Heinrich und Renee, ihr jüdischer Name war Rifka. Leider war Onkel Willi ein Spieler und deshalb das schwarze Schaf der Familie. Onkel Willi optierte nach dem 1. Weltkrieg für die polnische Staatsbürgerschaft. Deshalb gingen er und Tante Josefine 1938, nach dem Einmarsch der Deutschen, nach Polen. Sie kamen beide um. Mir wurde erzählt, dass Tante Josefine in einem Ghetto verhungerte.

Toni, die älteste der Geschwister, war zweimal verheiratet. Ihr erster Mann war der Bruder von Gerhard Bronner [2], aber der starb sehr jung und sie heiratete noch einmal. Ich weiß aber nicht, wie ihr zweiter Mann hieß. Ich weiß nur, dass sie um die Weihnachtszeit herum heiratete. Weil wir immer zu dieser Zeit am Semmering [3] waren, fuhren meine Eltern zur Hochzeit nach Wien. 1938 flüchteten sie und ihr Mann nach Belgien. Als Belgien 1940 von den Deutschen besetzt wurde, wurde sie nach Polen deportiert. Ihre Schwester Renee erzählte nach dem Krieg, Toni hätte vom Zug, der sie ins Todeslager brachte, springen können, aber sie war schwanger und wollte nicht das Leben ihres Kindes gefährden. Toni und ihr ungeborenes Kind wurden ermordet, wo und wann weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, was aus ihrem Mann wurde.

Heinrich war das zweitälteste Kind von Onkel Willi. Er war nicht verheiratet und gründete auch nie eine Familie. 1938 flüchtete er nach Palästina. Kurz nach Kriegsende kam er nach Wien zurück und verkaufte Blumen in den Nachtlokalen. Das war gar kein so schlechtes Geschäft. Er bezahlte den Besitzern der Nachtlokale eine gewisse Summe, damit nur er in diesen Lokalen Blumen verkaufen durfte. Später hatte er einen Wagen mit Fahrer. Der Wagen war hinten tiefgekühlt, damit die Blumen nicht verwelken. Zu den Feiertagen luden wir Heinrich immer ein, sonst sah ich ihn selten. Sein ganzes Leben sparte er für eine schöne Wohnung. Als es soweit war, er eine schöne Wohnung im 4. Bezirk gekauft und möbliert hatte, starb er, bevor er sie beziehen konnte. Das war vor ungefähr sechs Jahren.

Renee wurde 1923 geboren und war die jüngste. Sie floh zusammen mit ihrem Bruder Heinrich nach Palästina. Dort heiratete sie Karl Bettelheim, ein sehr netter Mann aus Pressburg. Karl Bettelheim besaß in Haifa einen Schulbuchverlag. Sie haben zwei Kinder: Avik und Ilana. Avik ist ein bekannter Journalist in Israel. Karl starb in Haifa; Renee lebt in einem Pensionistenheim in Haifa.

Tante Josefine Rosenbaum, geborene Teller, Pepi genannt, war die älteste der Schwestern meines Vaters. Sie heiratete Sandor Rosenbaum und lebte mit ihm in Budapest. Sie hatten drei Kinder: Gustav, Terese und Susanne. Ich glaube, Sandor Rosenbaum war Vertreter; er starb bereits in den dreißiger Jahren. Meine Eltern waren 1917 auf ihrer Hochzeitsreise in Budapest, und dort besuchten sie Tante Pepi und ihren Mann. Als Onkel Sandor starb, kam Tante Pepi mit ihren Kindern nach Wien.

Gustav absolvierte das Konservatorium in Wien und spielte in einer Band. Diese Band ging lange vor dem Krieg in die Türkei. Gustavs Künstlername war Kurt Dogan. Die Band avancierte zur Privatband Atatürks [4], das war vor Ausbruch des Krieges. Wegen einer Krankheit verließ Gustav die Türkei und ging noch während des 2. Weltkriegs nach Schweden. Dort heiratete er Renee, eine Französin, und sie gingen gemeinsam nach Spanien. Sie hatten zwei Söhne: Einer heißt Sandor. Wie der andere heißt, weiß ich nicht. In Spanien war Gustav bis zur Deportation meiner Eltern im Jahre 1942 das Bindeglied zwischen meinen Eltern, mir und meinen Geschwistern. Wir schickten die Briefe für meine Eltern aus New York nach Spanien, und er schickte sie nach Wien und umgekehrt. Später wurde Gustav in Madrid ein bekannter Nachtclubbesitzer.

Gustavs Schwester Terese wurde 1921 geboren. Auch sie war sehr musikalisch, spielte viele Instrumente. Ich erinnere mich, dass sie Saxophon spielte. Sie war sehr hübsch und brannte, als sie 16 oder 17 war, mit ihrer Band, die sich ‚All Girls’ nannte, nach Holland durch. In Holland lernte sie ihren Mann Chaim Navaro kennen. Ich glaube, er arbeitete bei einer Firma, die irgendetwas mit Plastik, was in dieser Zeit ganz neu war, zu tun hatte. Sie bekamen eine Tochter, Judith, die während des Holocausts von Bauern in Holland versteckt wurde. Terese und Chaim überlebten den Krieg in Holland. Sie waren versteckt und schlossen sich dem Widerstand an. Judith überlebte bei der Bauernfamilie und hing auch nach dem Krieg sehr an dieser. Nach dem Krieg gingen Terese, Chaim und Judith nach Israel. Ich weiß noch, dass sie ein zerlegtes Fertighaus aus Holland mitnahmen. Das war eine Sensation. Dort [in Israel] wurde ein Sohn geboren, aber wie er heißt und was er macht, weiß ich nicht.

Susanne ist die Jüngste: Sie wurde 1923 geboren. Sie ging in Wien in der Sperlgasse in die Schule und flüchtete zusammen mit ihrer Mutter nach London. Meine Tante Pepi konnte nähen und ernährte damit sich und ihre Tochter in London. Nach der Schulzeit bekam Susanne ein Stipendium, studierte Musik und wurde Geigerin. In England lernte Susanne ihren Mann, Martin Lovett, kennen. Er war Cellist im berühmten Amadeus Quartett [1947 in London gegründet]. Sie haben zwei Kinder: Sonja und Peter. Sonja arbeitet für die BBC, und Peter ist ein Geschäftsmann.

Tante Lotte, geborene Teller, war mit Herrn Binder verheiratet. Ich habe Herrn Binder nie gesehen, ich weiß nicht, wo er war. Sie hatten vier Kinder, Minna, Jenny, Regina und Bertl. Tante Lotte war Ratenhändlerin und verkaufte hauptsächlich Kleidung, glaube ich. Sie brachte die Kunden zu den Großhändlern, die Kunden kauften, und der Ratenhändler bekam seine Provision. So ernährte Tante Lotte die Familie.

Minna Binder war viele Jahre älter als ich. Sie heiratete einen Herrn von Alt. Herr von Alt war nicht jüdisch, und Minna überlebte an seiner Seite und durch ihn geschützt den Holocaust in Deutschland. Sie haben eine Tochter Michaela. Als Herr von Alt nach dem Krieg starb, kam Minna nach Wien, bekam ein Werfel - Stipendium [für Universitätslehrer der deutschen Sprache und der österreichischen Literatur], hielt sich zu Studienzwecken ein Jahr in Amerika auf, kehrte nach Wien zurück und war Dramaturgin am Burgtheater. Ende der 1950er oder Anfang der 1960er starb sie in Wien. Ihre Tochter lebt in Deutschland.

Jenny heiratete in Wien Bandy Gottlieb, einen sehr netten Mann. Sie hatten keine Kinder, emigrierten nach Palästina und nach dem Krieg nach Amerika. Ich traf Jenny nach dem Krieg in New York. Jennys Mann war Elektriker an der Brandeis University [1948 von jüdischen Organisationen gegründete Universität in Waltham, Massachusetts]. Ich weiß, dass sie nach Florida zogen, um ihren Lebensabend dort zu verbringen.

Regina flüchtete nach Palästina. Sie heiratete einen englischen Soldaten, der dort stationiert war. Er war kein Jude, und nach dem Krieg gingen sie nach England. Da der Kontakt abbrach, weiß ich nicht, ob sie Kinder haben und was aus ihnen wurde.

Bertl wurde 1921 geboren, er war zwei Jahre älter als ich. Er ging mit seiner Mutter nach England und heiratete nie. Was er in England arbeitete, weiß ich nicht. Tante Lotte wurde über 90 Jahre alt. Bertl pflegte seine Mutter bis zum Schluss.

Herrmann Teller heiratete Olga, die eine geborene Stern war. Sie hatten auf der Landstraßer Hauptstraße, im 3. Bezirk in Wien, ein Herrenausstattungsgeschäft. Dieses Geschäft und mein Onkel Herrmann sind bis zum heutigen Tag in Wien berühmt. Wenn die Leute den Namen Teller hören, sagen sie: ‚Ah, Teller von der Landstrasse!’ Mein Vater, der älteste der Geschwister, finanzierte seinem jüngsten Bruder das Geschäft Anfang der 1920er Jahre. Er gab ihm das Geld, damit er das Geschäft eröffnen konnte. Tante Olga half nur samstags aus, wenn im Geschäft viel zu tun war. Sie hatten zwei Kinder, Hans und Marianne, die beide jünger als ich sind. Hans wurde 1926 geboren und Marianne 1928. Alle vier überlebten den Holocaust in England. Hans, heute John, lebt in London und in Marbella und Marianne in Boston und in London. John ist das dritte Mal verheiratet, hat aber keine Kinder. Er ist von Beruf Textilingenieur, arbeitete bei Marks & Spencer und eröffnete später ein HIFI-Geschäft in London. Marianne ist mit Steven Schäfer verheiratet, der, glaube ich, aus Deutschland nach London emigriert war. Sie haben zwei Söhne, die Namen der Söhne weiß ich nicht. Marianne arbeitete zuerst in London bei Marks & Spencer als Einkäuferin. In den 1950er Jahren übersiedelte die Familie in die USA, und Marianne eröffnete ein Marktforschungsinstitut in Boston. Als Pensionistin verkaufte sie die Firma, hielt es aber ohne ihre Arbeit nicht aus und eröffnete wieder ein Marktforschungsinstitut, in dem sie noch heute, 75jährig, arbeitet.

Onkel Herrmann kam nach dem Krieg nach Wien zurück und übernahm wieder sein Geschäft auf der Landstraßer Hauptstraße. Er war ein lustiger Mensch, ich hatte ihn sehr gern, weil er so war, wie ich meinen Vater in Erinnerung hatte. Tante Olga fuhr immer zwischen Wien und London hin und her, weil ihre Kinder in London geblieben waren. Onkel Herrmann liebte sein Geschäft, stieg noch mit 90 Jahren auf die Leiter, um Ware aus den Regalen zu holen. Beide starben in Wien, Tante Olga 1969 und Onkel Hermann 1994.

Tante Hella Zitter, geborene Teller, war sehr hübsch. Sie hatte schwarze Haare und blaue Augen, und ihre Haare wurden in jungen Jahren, ich glaube, sie war erst 27 Jahre alt, bereits weiß. Sie heiratete Hans Zitter und sie hatten einen Sohn, Gerhard. Onkel Hans war Prokurist im Geschäft meines Vaters. Vor ihrer Emigration nach England besuchte Tante Hella, wie sehr viele Juden, einen der Umschulungskurse, die von der Jüdischen Gemeinde organisiert waren, um den Emigrierenden das Leben im Ausland zu erleichtern. Sie erlernte, Ledergürtel und Taschen anzufertigen und eröffnete in London ein Geschäft, in dem Onkel Hans mit ihr zusammen arbeitete. Er starb noch während des Krieges im Alter von ungefähr 40 Jahren. Gerhard bekam eine gute Position in einer großen Baumaschinenfirma, ich glaube es war von General Motors. Er heiratete und hatte mit seiner Frau zwei Kinder, starb aber bereits ungefähr im Alter von 40 Jahren. Tante Hella kam nach dem Krieg zurück nach Wien. Sie war Pensionistin und starb in den 1960er Jahren in Wien. Dass Tante Hella eigentlich nur eine Halbschwester war, das habe ich erst spät erfahren, es hatte auch keine Bedeutung.

Mein Vater hieß Bernhard – jüdisch Baruch – Teller. Er wurde am 26. Dezember 1883 in Stanislau geboren. Dort besuchte er ein evangelisches Gymnasium. Als sein Vater starb, war mein Vater 13 Jahre alt. Sein Vater kaufte für die Bar Mitzwa noch Tallit und Tefillin, war aber am Tag der Bar Mitzwa schon tot.

Ich wollte vor ein paar Jahren mit meinen Kindern nach Stanislau in der Ukraine reisen, aber leider kam es nie dazu. Ich hoffte, auf dem Friedhof das Grab meines Großvaters zu finden, damit seine Person nicht nur eine vage Vorstellung in meinem Kopf bleibt, sondern zu einer konkreten Person wird.

Nach dem Tod seines Vaters durfte mein Vater – aus finanziellen Gründen – die Schule nicht beenden. Er verließ Galizien 1900, nachdem seine Mutter Herrn Ochs geheiratet hatte, und fuhr mit der transsibirischen Bahn nach Wladiwostok und von dort mit dem Schiff nach Nagasaki. Dort lebte die Schwester seiner Mutter, seine Tante Sofie, mit ihrem Mann Herrn Lessner. Die Lessners waren kinderlos. Insgesamt blieb mein Vater zwölf Jahre in Japan. Die ersten Jahre arbeitete er mit dem Onkel, später machte er sich selbständig und eröffnete selbst ein Geschäft. Das erfuhr ich im Staatsarchiv beim Lesen des Vermögensakts meines Vaters. Da gibt es eine Erklärung meines Vaters aus dem Jahr 1938 dem Ariseur unseres Geschäftes in Wien gegenüber, und da steht, dass er sich in Japan selbständig gemacht hatte. Ich nehme an, er handelte mit Möbeln, Geschirr und anderen Wertgegenständen. Denn als er 1912 nach Wien kam, brachte er sehr viele Möbel und Geschirr mit. Das Geschirr allein – wir benützten es nie – war sehr wertvoll.

Mein Vater sprach perfekt Japanisch, Russisch und Englisch. Die Sprachen hatte er in Japan gelernt. In Galizien hatte er diese Sprachen sicher nicht gelernt, denn in seiner Familie sprach man Deutsch und Polnisch. 1910 besuchte mein Vater die Familie, die sich bereits hier angesiedelt hatte. 1912 kam er endgültig als reicher Mann nach Wien. Es wurde erzählt, die erste Zeit hätte er mit sehr hoher Stimme gesprochen, das wäre durch die vielen Jahre, die er Japanisch sprach, entstanden.

Im Gegensatz zur Familie meiner Mutter war die ganze Familie Teller assimiliert. Allein die Tatsache, dass mein Vater nach Japan ging, spricht für ihr aufgeklärtes Judentum.

Mein Großvater mütterlicherseits, Salomon Weiss, kam aus Ungarn aus dem Ort Munkacz. Er wurde 1860 geboren und starb 1924 in Wien. Mein Großvater hatte irgendetwas mit Eisen zu tun; was genau, weiß ich nicht. Meine Großmutter mütterlicherseits hieß Ida Weiss, wurde am 10. April 1860 geboren und war eine geborene Tischenkel. Meine Großeltern kamen um die Jahrhundertwende nach Wien. Sie hatten sechs Kinder: Meine Mutter Berta, Franziska, Siegmund, Max, Josef und Alfred.

Tante Franziska, Fani genannt, die älteste Schwester meiner Mutter war eine schöne Frau. Ihr jüdischer Name war Scheindl Feige, und alle Onkel und Tanten amüsierten sich über diesen Namen. Tante Fani heiratete im Jahre 1905 den Moritz Fried. Sie hatten drei Kinder: Hedy, Arthur und Lucie. Sie hatten noch ein viertes Kind, das aber ganz jung starb.

Ich war oft bei ihnen zu Besuch; sie wohnten in der Kluckygasse im 20. Bezirk. Sie hatten in der Wallensteinstrasse ein Geschäft mit Strümpfen und Unterwäsche. Man nannte das damals Wirkwaren. Die Wallensteinstrasse war eine Einzugsstrasse. Das heißt, die Leute, die mit der Franz – Josefs - Bahn aus Polen nach Wien kamen, gingen vom Franz-Josefs-Bahnhof durch die Wallensteinstraße in den 2. Bezirk. Vielleicht war die Wallensteinstraße am Anfang eine gute Geschäftsstraße. Soweit ich mich erinnere, ging das Geschäft nie sehr gut.

Der Onkel starb verhältnismäßig früh, noch bevor Hedy, die älteste Tochter, verheiratet war. Tante Fani führte dann das Geschäft allein weiter. Nach dem Tod meines Onkels half mein Vater der Familie finanziell.

Hedy war eine Schönheit, blond und blauäugig. Sie heiratete ungefähr 1935/36 in Wien den Rechtsanwalt Eduard Ringel. Sie wohnten im 1. Bezirk, in der Hohenstauffengasse. Der älteste Sohn Heinzi wurde noch in Wien geboren. Lucie und ich fuhren ihn oft und sehr gern im Kinderwagen aus. In der Emigration wurde aus Heinzi Howard. 1938 emigrierte Hedy mit ihrem Mann und Heinzi nach Amerika, nach Ohio. In Ohio hatte mein Cousin Eduard zusammen mit seinem Bruder Zsiga [Zsigmond] Ringel ein Möbelgeschäft. Zsigas Frau hieß Hilde, und sie hatten zwei Söhne, Gerhard und Erich. Hedy und Eduard bekamen in Ohio noch zwei Kinder, Leslie und Steven. Leslie heiratete und hatte einen Sohn, starb aber in jungen Jahren. Eduard bedachte seinen Enkel im Testament wie seinen Sohn. Die Frau vom Leslie und Hedy verstehen sich sehr gut. Heinzi, oder jetzt Howard, übernahm die Möbelfirma seines Vaters und seines Onkels. Er starb vor ein paar Jahren; Hedy lebt in Ohio in einem Heim und genießt die Liebe der ganzen Familie.

Arthur Fried war mit meinem großen Bruder Gustav sehr befreundet. Väterlicherseits hatte Arthur einen Verwandten, seine Tante war mit einem Herrn Wiegner verheiratet, dem eine Ledergerberei in Floridsdorf gehörte, und dort begann Arthur nach der Schulzeit zu arbeiten. Das war sein großes Glück, denn als die Nazis in der Pogromnacht [5] die Juden fingen, und teilweise ins KZ deportierten, sahen sie seine Hände und dass er ein Arbeiter war. Daraufhin ließen sie ihn laufen. Er emigrierte noch 1938 nach New York, und eigentlich ging es ihm gut dort. Er arbeitete in einer Firma, die Küchenkästen herstellten. Später machte er sich selbständig, aber so genau weiß ich das nicht mehr. Er heiratete in New York Ruth, eine amerikanische Jüdin, und sie bekamen zwei Kinder: Darlin, und wie der Sohn heißt, weiß ich nicht. Arthur ist schon lange tot, und vor nicht langer Zeit starb auch seine Frau.

Lucie wurde 1921 geboren. Sie ist meine Lieblingscousine, war die jüngste der Geschwister, und ich war mit ihr sehr befreundet. Als wir noch Kinder waren, gingen wir sonntags gern gemeinsam die Rotenturmstrasse und die Kärntner Strasse auf und ab und schauten uns die Geschäfte an. 1938 arbeitete sie schon in einem Damenmodegeschäft auf der Kärntner Strasse. Lucie lebte dann bis zu ihrer Deportation nach Theresienstadt [6], als man immer mehrere jüdische Familien in einer Wohnung zusammenpferchte, mit meinen Eltern. Da war ich schon lange weg. Lucie und die Tante Fani überlebten Theresienstadt und kamen nach dem Krieg nach New York. Ich wohnte damals in einer Zweizimmerwohnung und war schwanger. Aber es war für mich selbstverständlich, sie aufzunehmen.

Lucie hatte im Ghetto Theresienstadt einen jungen Mann kennen gelernt: Gerhard Steinhagen war mit seiner Mutter nach Theresienstadt deportiert worden. Sie mussten sich trennen, als Gerhard nach Auschwitz deportiert wurde. Nach dem Krieg fanden sie einander im DP - Lager [7] in Deggendorf [Deutschland] wieder. Beide wanderten mit ihren Müttern nach New York aus. In New York heirateten sie und bekamen zwei Kinder, und waren immer ein glückliches Paar. Der Sohn, Randy Steinhagen, ist ein sehr bekannter Chirurg und die Tochter Renee eine sehr bekannte Anwältin in den USA. Gerhard Steinhagen starb dieses Jahr in New York.

Onkel Sigmund Weiss war etwas älter als meine Mutter und mit Lola Rottenberg verheiratet. Die Rottenbergs waren aus Polen und hatten Ölfelder in Drohobic. Tante Lolas ältester Bruder wurde geadelt, war also ein ‚von Rottenberg’. Onkel Siegmund und Tante Lola hatten einen Sohn, Friedrich Maximilian, jüdisch Schlomo Meir, der nach dem verstorbenen Großvater benannt war, genau wie mein jüngerer Bruder. Onkel Siegmund besaß gemeinsam mit Onkel Max ein Wirkwaren-Geschäft in der Wallensteinstrasse. Er war ein frommer Jude. Er muss erst spät Vater geworden sein, denn sein Sohn war 1938 noch ein Kind, und er selbst war älter als meine Mutter. Zusammen mit Onkel Max flohen sie 1938 aus Wien nach Jugoslawien. Aber alle drei kamen in Jugoslawien um. Nur Onkel Max überlebte. Er erzählte uns, er hätte ihnen gesagt, dass die Deutschen kommen und sie sich verstecken müssten, aber sie hätten es nicht geglaubt. Nach dem Krieg half Onkel Max in der Hafenstadt Bari [Italien] Juden bei der illegalen Ausreise nach Palästina. Als er dann Schwierigkeiten bekam, emigrierte er nach Amerika. Er lebte zuerst beim Onkel Alfred, später hatte er eine eigene Wohnung, aber was er arbeitete, weiß ich nicht mehr. Onkel Max heiratete nie und hatte auch keine Kinder. Er starb in New York.

Onkel Josef Weiss, Joschi genannt, arbeitete in der Firma meines Vaters. Er leitete die Filiale auf der Wallensteinstrasse, Ecke Treustrasse. Er hatte viele Talente, spielte Klavier, konnte zeichnen, war sehr sportlich und besaß ein Motorrad. Er war mit der Tochter eines bekannten Antiquitätenhändlers verheiratet. Sie ließ sich aber scheiden, und er zog mit den schönsten Möbeln wieder zu meiner Großmutter. Seine späteren Freundinnen sahen alle so aus wie seine geschiedene Frau. Er wurde aus der Johannesgasse deportiert. Man hat nie gehört, was mit ihm passierte. Aber vielleicht findet man ja doch noch einmal etwas über ihn: Er hatte einen Hund, und ich hörte, dass er mit seinem Hund deportiert wurde.

Onkel Alfred Weiss war der jüngste der Geschwister meiner Mutter. Er wurde um die Jahrhundertwende in Wien geboren. Er war mit Margarete Goldberg verheiratet. Sie hatten keine Kinder. Onkel Alfred arbeitete auch in der Firma meines Vaters. Ich glaube, er hatte die Pelzkrägen unter sich, arbeitete aber auch als Vertreter. Tante Margarete arbeitete als Verkäuferin am Praterstern im Geschäft ihres Onkels Delikat, der dort einen großen Baumarkt besaß. 1938 flüchteten sie nach England und noch während des Kriegs nach Amerika. Onkel Alfred war ein frommer Jude. Er ging regelmäßig in den Tempel und hatte sehr strikte Ansichten: ‚das darf man nicht und jenes darf man nicht‘. Zuerst lebten sie in Amerika bei Verwandten mütterlicherseits. Dieser Verwandte erzählte, dass er Sodawasserflaschen ausgetragen hatte, als er nach Amerika kam. Und so begann auch Onkel Alfred Sodawasserflaschen treppauf, treppab, damals gab es noch nicht so viele Aufzüge, zu schleppen und zu verkaufen. Danach arbeitete er in einer Möbelfabrik und dann begann seine Kariere als Koch. Obwohl er das nie gelernt hat, arbeitete er im Winter in Florida und im Sommer in der Gegend um New York und dann auch auf einem der größten amerikanischen Schiffe als Koch. Tante Margarete wurde Näherin in einer Fabrik. Ein großes Problem war, dass sie nicht allein schlafen konnte, sie fürchtete sich. Als Onkel Alfred auf dem Schiff arbeitete, schlief sie bei ihren Freundinnen. Beide kamen in den frühen 1960er Jahren nach Wien zurück, wo sie bis zu ihrem Tod lebten. Onkel Alfred starb am 24. Februar 1981, und Tante Grete starb am 16. September 1996. Sie war 92 Jahre alt.

Meine Mutter hieß Berta – jüdisch Bashe Sheva - Weiss und wurde am 14. Oktober 1889 in Skole bei Strij, in Galizien, heute Ukraine, geboren. Das war ein ständiger Witz meines Vaters. Er sagte immer, meine Mutter käme aus einer so kleinen Stadt, weil diese Stadt ‚bei Strij’ heißen muss.

Meine Eltern heirateten 1917, wie und wo sie sich kennen lernten, weiß ich nicht. Mein älterer Bruder, Gustav – jüdisch Gershon – kam am 19. Juni 1919 in Baden zur Welt. Es war für die Familie schon fast eine Tragödie, dass er nicht gleich neun Monate nach der Hochzeit auf die Welt kam. Ich weiß, man schickte deshalb meine Mutter nach Franzensbad [8], um Bäder zu nehmen. Mein Bruder wurde nach dem schon gestorbenen väterlichen Großvater benannt. Es ist eine jüdische Tradition, die Kinder nach Verstorbenen zu nennen. In Baden kam er deshalb zur Welt, weil meine Eltern ihren Sommerurlaub dort verbrachten.

Meine Kindheit

Ich war das zweite Kind und kam als Edith – jüdisch Chaje Sara Beile – am 12. Mai 1923 in Wien auf die Welt. Chaje bedeutet, dass meine Eltern mir ein langes Leben wünschten; Sara war eine verstorbene Großmutter und Beile eine Tante, die 90 Jahre alt geworden war. Meine Mutter erzählte oft, die Tante Beilitschke habe ihr Essen immer unterm Bett aufgehoben.

Mein jüngerer Bruder, Friedrich Maximilian – jüdisch Schlomo Meir – wurde am 1. Februar 1925 in Wien geboren. Er wurde nach dem schon gestorbenen Vater meiner Mutter benannt.

Mein Vater besaß zwei Konfektionsgeschäfte im 20. Bezirk, eines am Wallensteinplatz im Stock und eines auf der Wallensteinstrasse. Er besaß auch ein Wohnhaus im 20. Bezirk, in der Wolfsaugasse. Wir wohnten im 20. Bezirk, Gaußplatz Nummer 5. Unsere Wohnung bestand aus einem Speisezimmer, einem Schlafzimmer, zwei Kabinetten [Kabinett: kleines Zimmer], einer Küche und einem Vorzimmer, aber wir hatten kein Badezimmer. Vor dem Haus war ein Park, und daneben war der Augarten [9]. Unten im Haus befand sich ein Friseurgeschäft; auch heute befindet sich dort ein Friseurgeschäft.

Dadurch, dass mein Vater so lange im Ausland gelebt hatte, war er ein sehr offener Mensch. Jetzt erst kommt mir zu Bewusstsein, was das für eine große Sache in der damaligen Zeit war, in Japan zu leben. Aber auch damals erzählte ich es meinen Freundinnen und war sehr stolz darauf. Meinen Vater vergötterte ich. Er war gescheit, und er war gütig. Sonntagvormittags gingen wir immer mit dem Papa spazieren, weil das Essen vorbereitet wurde und wir dabei gestört hätten. Als wir im 20. Bezirk wohnten, gingen wir auf der Rossauer Lände spazieren, und während des Spaziergangs übte mein Vater mit mir das Einmaleins. Er erklärte es mir so logisch, dass es auf einmal ganz einfach war. Er konnte vieles sehr gut erklären. Ich glaube, er wäre ein sehr guter Lehrer gewesen. Mein Vater begann mit dem Schilaufen, als er schon fünfzig Jahre alt war, und er lief gut Schi. Meine Mutter lief auch Schi, brach sich aber prompt den Knöchel, und das war das Ende ihrer Schilaufkarriere. Wir waren alle auch begeisterte Schwimmer. Mein Vater war ein sehr lustiger Mensch, die ganze Teller Familie war lustig und sehr witzig. Sie sagte manchmal zu meinem Vater: ‚Du und deine blöden Witze.’

Mein älterer Bruder Gustl war in seiner Kindheit ein schlechter Esser und ein eher schwaches Kind. Deshalb wurde er von meinen Eltern mit ‚Glaceehandschuhen’ angefasst, so dass er sogar die ersten zwei Jahre seiner Schulzeit in die Privatschule Stern, im 1. Bezirk, in der Werdertorgasse ging. Normalerweise ging man in die Volksschule ums Eck. Nach zwei Jahren war er aber schon stark und gesund und ging dann in die Volksschule in der Treustrasse, und danach besuchte er das Gymnasium im 2. Bezirk, in der Kleinen Sperlgasse, in das auch später mein jüngerer Bruder Friedl ging.

Ich vertrug mich mit Gustl nicht so gut, aber wir stritten uns kaum. Nur später, als wir älter waren und als mein Bruder schon ins Klubheim der Hakoah gehen durfte – wir schwammen alle bei der Hakoah [10]  – verhinderte er, dass ich auch mitging. Obwohl ich gern gegangen wäre, denn dort trafen sich Burschen und Mädel, aber er sagte zu meiner Mutter: ‚Nein, lass sie lieber nicht!’ Ich glaube, er wollte mich beschützen.

Ab meinem sechsten Lebensjahr hatten wir eine Gouvernante, die meinen jüngeren Bruder Friedl und mich betreute. Gustl war auch erst zehn Jahre alt, aber die Gouvernante und er mochten einander nicht. Die Gouvernante kümmerte sich den ganzen Tag um uns, ging auch mit uns Schifahren und Eislaufen.

Friedl und ich waren fast immer zusammen. Wenn meine Schule einen Ausflug machte, wurden Eltern gebeten mitzukommen, und da kam natürlich unsere Gouvernante mit, die auch den Friedl mitbrachte, so dass wir auch auf meinen Schulausflügen zusammen waren. Mit meinem jüngeren Bruder konnte ich sehr gut streiten, aber wir waren sehr eng miteinander verbunden.

Meine Mutter sahen wir wochentags nur zum Mittag- und Abendessen. Wenn mein Vater sie in der Firma brauchte, half sie, aber was sie sonst noch tat, weiß ich nicht so genau. Zum Mittagessen saßen alle um den Tisch, wir warteten bis der Papa nach Hause kam, und dann erzählten wir Kinder, was in der Schule passiert war, ganz genau und im Detail, und da konnte man auch nicht schwindeln, wenn etwas Schlechtes vorgefallen war. Ich kannte dadurch die Professoren und Schulkollegen vom Gustl sehr gut, weil er so über sie sprach, dass ich glaubte, ich wäre dabei gewesen. Und er wusste über meine Professoren und Schulkolleginnen genau Bescheid. Diese Gespräche waren für uns und für unsere Eltern sehr wichtig, damit sie alles über ihre Kinder wussten. Wir aßen immer gemeinsam mit den Eltern und der Gouvernante; das Dienstmädchen aß in der Küche.

Meine Volksschule war in der Treustrasse. In dieser Zeit war meine beste Freundin die Elfi Schmidt, eine Nichtjüdin. Nach der Volksschule ging ich in die Schwarzwaldschule [11], die eine sehr progressive Schule war. Das hatte ich meiner Mutter zu verdanken, die alles mitmachte, was modern und progressiv war. Das Beste und das Neueste war gerade gut genug für unsere Erziehung, aber sie war geradlinig und streng. Ich ging zweimal in der Woche Turnen zum Prof. Albert Lorenz [12], der als Koryphäe in der Orthopädie galt und zweimal zum rhythmischen Turnen. Zweimal in der Woche hatten wir Französisch- und zweimal Klavierunterricht. In jedem Zimmer saß ein Kind mit einem Lehrer.

Die Schwarzwaldschule war eine Schule, in die fromme Kinder eigentlich nicht gingen. Wir waren aber eine fromme Familie, wir hielten alle Feiertage, wir waren koscher, hatten vierfaches Geschirr, Geschirr für milchiges und fleischiges für normale Tage und Geschirr für milchiges und fleischiges für Pessach. Ich führe bis zum heutigen Tag ein koscheres Haus, das ist Tradition, ich könnte ganz einfach nicht anders. Trotzdem ging ich am Samstag in die Schule, hörte aber nur zu und schrieb nicht. Ich war die Einzige, die nicht schrieb, obwohl 27 von 30 Schülern jüdisch waren.

Meine beste Freundin in dieser Zeit war Michi Zuckmayer, die Tochter von Carl Zuckmayer [13]. Michi Zuckmayer war 1938 nicht in Wien, sie war in einem Pensionat in England. Heute lebt sie in New York. Eine andere Freundin war die Christl Baron. Sie wohnte am Rudolfsplatz 1. Christl hatte eine nichtjüdische Mutter und einen jüdischen Vater und wurde nicht jüdisch erzogen. Einige Tage nach dem Einmarsch der Deutschen brachte sich ihr Vater um. Christl wurde von ihrer Mutter zu einer Tante väterlicherseits nach Hamburg geschickt. In Hamburg war sie ‚die Österreicherin’ und studierte Metallurgie und Spektralanalyse. Nachdem ihre Tante und deren Tochter deportiert wurden, kam Christl zu ihrer Mutter zurück nach Wien und überlebte den Holocaust in Wien. Nach dem Krieg lernte sie in Salzburg ihren Mann kennen, der Rechtsanwalt war und in einer Kommission mitarbeitete, die Kriegsverbrecher suchten. Gemeinsam gingen sie in die USA, und Christl arbeitete gemeinsam mit ihrem Mann in ihrer Rechtsanwaltskanzlei. Heute lebt sie in Manitowoc/Wisconsin.

Nach dem Tod des Großvaters ‚erhielten’ meine Eltern selbstverständlich die Großmutter. Meine Mutter besuchte sie fast jeden Tag im 2. Bezirk in der Lilienbrunngasse 10. Auch die Geschwister meiner Mutter kümmerten sich um die Großmutter. Der älteste Bruder meiner Mutter, Onkel Siegmund, ging sie jeden Tag besuchen. Onkel Max war nicht verheiratet und wohnte bei ihr, und Onkel Joschi wohnte nach seiner Scheidung wieder bei ihr. Meiner Großmutter fehlte es an nichts, sie hatte die Kinder, die sich um sie kümmerten, und sie hatte sogar ein Dienstmädchen.

Die Wohnung meiner Großmutter bestand aus zwei Zimmern und einem Kabinett, die Toilette war am Gang. Meine Großmutter war sehr fromm. Sie trug einen Sheitl, das waren Haare, die auf einem Band angenäht waren. Sie kämmte ihre Haare nach vorn, das Band mit den Haaren befestigte sie am Kopf, und dann gab sie ihre eigenen Haare darüber. Ich schaute ihr oft und gern dabei zu.

Jeden Freitagabend verbrachten wir zu Hause und empfingen den Schabbat. Meine Mutter zündete Kerzen, mein Vater sprach das Gebet, und es gab immer als Vorspeise Pfefferkarpfen und Hühnersuppe und als Hauptspeise Huhn. Ich erinnere mich, dass meine Mutter nach dem Pfefferkarpfen immer ein Stamperl Schnaps trank.

Am Samstag sperrte mein Vater allerdings das Geschäft auf – der Verlust wäre zu groß gewesen. Jeden Samstagnachmittag und Sonntag kamen Lucie und Arthur, die Kinder von Tante Fani zu uns zu Besuch. Ich war eng mit Lucie befreundet, und mein Bruder Gustav war mit Arthur befreundet. Friedl war mit mir und Lucie zusammen. Den Samstagnachmittag verbrachten wir alle bei der Großmutter, die uns Kindern etwas unnahbar schien. In der Küche standen immer ein großer Schmalztiegel mit Gänseleberschmalz und eingelegte Gurken. Den Käse, den die Großmutter selber machte, und der oben am Kasten stand, roch man schon unten am Haustor, weil er so fürchterlich stank, aber er schmeckte sehr gut. Mein Bruder Gustav liebte es, in den Laden der Kommoden bei der Großmutter herumzukramen. Ich erinnere mich, dass sie sehr schlechte Augen und Schwierigkeiten beim Lesen hatte. Im Wohnzimmer stand eine Couch aus dunkelrotem Plüsch, die ich nicht mochte. Jahre später begriff ich, das es eine echte Jugendstilcouch war. Meine Großmutter starb im April 1943 in Theresienstadt. Ich glaube, das Haus Lilienbrunngasse 10 gibt's nicht mehr. Da ist jetzt ein kleiner Park.

Den Sederabend feierten wir immer gemeinsam mit den Geschwistern meines Vaters. Onkel Herrmann und Tante Olga und die Tante Hella waren bei uns. Vor Pessach wurde das Haus auf den Kopf gestellt, alles wurde sauber gemacht. Zum Schluss nahmen wir ein paar Brösel, das hieß Chametz und waren die Reste vom gesäuerten Brot, gaben sie auf einen Kochlöffel, legten ein kleines Leinensackerl darüber, und das wurde im Kachelofen verbrannt. Das ganze Geschirr, Töpfe und Besteck wurden weggeräumt, und das Pessach-Geschirr wurde herausgeräumt. Das hielten meine Eltern immer ein, und ich tat das jahrelang auch. Aber ich erinnere mich, dass wir einmal, als ich noch klein war, bei meiner Großmutter feierten und ich ein Glas Rosinenwein, den sie für den Sederabend immer selbst machte, trank und durch den Alkohol sehr frech zu meiner Mutter wurde. Das erschreckte mich so, dass ich seit dieser Zeit keinen Alkohol mehr anrühre.

Am Abend des Jom Kippur aßen wir immer Erbsen und Karotten, weil das des ‚Kaisers Lieblingsgericht‘ war, so hat man gesagt. Zu Jom Kippur gingen wir tagsüber immer in den Tempel, in dem meine Großmutter betete, und brachten ihr Blumen. Das war so üblich, damit man etwas Gutes zum Riechen hatte, weil man ja fastete. Ich kann mich erinnern, bei einem gewissen Gebet am Yom Kippur schluchzte meine Mutter im Tempel immer. Das war bei dem Gebet: ‚Aber Umkehr und Gebet und gute Taten – wenden ab die Härte des Schicksals [U-netane Tokef]. Es ist alles vorhergesehen, doch die Wahlfreiheit bleibt erhalten’. Ich wagte nie meine Mutter zu fragen, warum sie weinte.

Mein Vater war im Vorstand im Tempel in der Kluckygasse, im 20. Bezirk. Der Rabbiner dort war Benjamin Murmelstein [14]. Wir hörten seine Reden, und die waren so gut, dass wir auf dem Wege nach Hause und zu Hause noch darüber diskutierten. Deshalb gingen wir auch weiter in den Tempel in der Kluckygasse, als wir schon im 1. Bezirk, in der Salztorgasse, wohnten. Was später dem Rabbiner Murmelstein vorgeworfen wurde, ist etwas anderes.

Zweimal in der Woche bekamen meine Brüder und ich Religionsunterricht bei einem armen Studenten aus Polen, dessen Eltern damals nach Palästina gingen. Sie ließen ihre zwei Söhne in Wien. Der eine studierte Philosophie und Rabbinat, der andere Zahnmedizin. Der Philosophiestudent wurde meinem Vater empfohlen. Er kam zweimal in der Woche und unterrichtete uns. Meine Mutter achtete immer darauf, dass er nach dem Unterricht zum Nachtmahl blieb, weil er sehr wenig Geld hatte. Da er ein Zionist [15] war, wurden wir von ihm zionistisch erzogen. Auch unsere Eltern waren Zionisten. Mein Vater gab viel Geld für Israel und war für die Errichtung eines jüdischen Staates. Aber er war kein Feind der Engländer; da er so lange im Fernen Osten gelebt hatte, war er sehr anglophil eingestellt. Zu dieser Zeit war es aber so, dass man als Zionist gegen die Engländer war, und da gab es oft heftige Diskussionen zwischen meinem Vater und uns Kindern. Einmal bekamen wir eine Kiste mit Grapefruit aus Palästina, als Dank für die Spende meines Vaters. Es waren so viele Grapefruits, dass wir nicht wussten, wie wir die essen sollen – wir wussten nicht einmal, wie man die Grapefruit schneidet. Wir hatten noch nie eine gesehen.

Ich musste dann auch von der Schule zum Jugendgottesdienst gehen. Der war im Tempel in der Seitenstettengasse, und bis zum heutigen Tag kann ich alles auswendig. Noch heute singen sie dieselben Melodien, an die ich gewöhnt bin, und das liebe ich sehr!

Im Sommerurlaub gingen meine Eltern nur in koschere Hotels. Bis ich sechs Jahre alt war, mieteten meine Eltern jeden Sommer eine Wohnung in Baden. Sie fuhren, schon bevor ich auf der Welt war, jedes Jahr dorthin und wohnten im Helenental, zehn Jahre hintereinander. Das Haus, in dem wir den Sommer verbrachten, gehörte einem verarmten jüdischen Baron, und der vermietete es. Meine Eltern mieteten ein Auto, und wir nahmen Geschirr und sogar das Bettzeug mit hinaus. In Baden gab es einen koscheren Fleischhauer, bei dem kauften wir das Fleisch.

Zwischen meinem sechsten und zehnten Lebensjahr waren wir jeden Sommer in Italien. Die erste Hälfte verbrachten wir in Grado in dem koscheren Hotel ‚Orange’. Die zweite Hälfte des Sommers waren meine Eltern mit meinem Bruder Gustl in Bad Gastein und das Kinderfräulein, mein Bruder Friedl und ich in Boeckstein. Vielleicht war das so, weil Bad Gastein zu teuer für uns alle gewesen wäre. Mein Vater kam später und fuhr früher wieder nach Wien, weil er vom Geschäft nicht so lange abkömmlich sein konnte. Ab 1934 fuhr meine Mutter zur Kur nach Piestany [heutige Slowakei], da gab es auch ein koscheres Hotel. Wir fuhren alle mit, auch meine Großmutter. Dann verbrachten wir die Sommer noch in Trencin-Teplitz [heutige Slowakei], und auch in Bad Ischl, natürlich auch in koscheren Hotels. Es ging uns sehr gut, trotzdem wurden wir Kinder zur Bescheidenheit erzogen. Es fehlte uns nichts, aber es gab auch Grenzen: Alles durften wir nicht, und alles bekamen wir nicht.

Wie es in einer jüdischen Familie selbstverständlich ist, half mein Vater Familienmitgliedern, denen es nicht so gut ging. Ich glaube, das hat mit der Religion zu tun. Wenn es dir gut geht, soll es jemand anderem in deiner Familie nicht schlecht gehen. Dass es in der Familie nicht allen so gut ging wie uns, versuchten sie aber natürlich vor uns Kindern zu verheimlichen. Der Mann der jüngsten Schwester meines Vaters, Hans Zitter, war bei uns in der Firma Prokurist; der jüngste Bruder meiner Mutter, Alfred Weihs, war auch in der Firma angestellt. Onkel Alfred änderte seinen Namen von Weiss in Weihs, weil er ihm so besser gefiel. Josef Weiss arbeitete in der Filiale in der Wallensteinstrasse. Es waren damals sehr schlechte Zeiten. Manchmal kam es vor, dass meine Mutter meinen Vater für irgendein Familienmitglied um Geld bat. Er gab regelmäßig für jeden seiner Familie und der Familie meiner Mutter. Ein einziges Mal sprach mein Vater mit meiner Mutter Polnisch. Ich werde das nie vergessen. Er sagte: ‚Ich hab kein Geld.’

Mein Vater und meine Mutter lasen sehr viel. Ich kann mich an Bücher von Stefan Zweig [16], von Emil Ludwig, an all die Bücher, die damals eigentlich neu waren, erinnern. Mein Vater las englisch, und der Vater meiner Freundin Christl Baron hatte eine große englische Bibliothek. Ich weiß nicht, wieso. Die Familie wohnte auf der anderen Seite vom Rudolfspark, da borgte sich mein Vater oft englische Bücher aus.

Da meine Eltern niemanden nach Hause einladen konnten, weil die Wohnung zu klein war, führten sie ein typisch wienerisches Leben im Kaffeehaus. Mein Vater spielte Bridge im Prückel. Und dann gab es auch am Kai ein Kaffeehaus, wie das hieß, weiß ich nicht mehr. Sie trafen bestimmte Freunde an bestimmten Tagen in bestimmten Kaffeehäusern. Ich glaube, meine Eltern waren nur mit Juden befreundet.

Sie gingen auch gern in die Oper, und ein einziges Mal war ich mit meiner Mutter zusammen in der Oper. Wir sahen uns ‚Tosca’ von Puccini an. Ich war gerade in dem Alter, in dem meine Mutter anfing, mich in die Oper mitzunehmen, als der Hitler kam. Aber wir gingen schon als Kinder in ‚Die Puppenfee’, ein Ballett von Josef Bayer, daran kann ich mich erinnern und zu ‚Peterchens Mondfahrt’, einem Theaterstück nach einem Kinderbuch von Gerdt von Bassewitz, da saßen alle Kinder unserer Familie in einer Loge.

Meine Eltern gingen auch ins jiddische Theater auf der Praterstrasse; da spielte die großartige Molly Picon [17]. Noch bevor sie verheiratet war, ging meine Mutter oft mit ihrem ältesten Bruder ins Deutsche Volkstheater. Sie liebte das Deutsche Volkstheater.

Ich war eine ‚Bühnentürlsteherin‘ im Burgtheater. Ich hatte ein Abonnement von der Schule – die Schule war in der Nähe des Burgtheaters – und kam zur Bühnentür und sah so alle klassischen Stücke. Ich war ganz verliebt in den Aslan [Kammerschauspieler armenisch-italienischer Herkunft, von 1920 – 1958 am Wiener Burgtheater], der ein Homosexueller war. Ich wusste nicht, was das ist, ein Homosexueller. Und dann sagte meine Mutter, den Aslan hätte sie auch verehrt, als sie in meinem Alter war.

Meine Eltern suchten seit dem Moment, als ich auf die Welt gekommen war, eine größere Wohnung. Es herrschte eine schreckliche Wohnungsnot damals. 1934 verkaufte mein Vater das Haus in der Wolfsaugasse und kaufte ein Haus im 1. Bezirk in der Salztorgasse, in dem wir in die Hausherren-Wohnung, die frei war, zogen. Das war eine schöne große Wohnung. Wir übersiedelten, und die Firma meines Vaters übersiedelte auch, die war dann unten im 1. Stock im Haus in der Salztorgasse.

Als Dollfuß [18] Bundeskanzler wurde, sagte man, man werde ‚sich arrangieren‘. Da war Onkel Hans, der Prokurist im Geschäft meines Vaters, Vertreter der Vaterländischen Front [19] in der Firma. Er hatte einen grauen Anzug mit grünem Lampas [Generalstreifen] bekommen. Man konnte sich nicht vorstellen, was passieren würde, sonst wären meine Eltern auch weg. Wenn sie es nur geahnt hätten! Mein Vater war Sozialdemokrat, die meisten Juden waren Sozialdemokraten oder Kommunisten.

Gustl war nur noch ein Jahr nach der Matura in Wien. Er studierte auf der Hochschule für Welthandel, musste aber auch in Michelbeuern auf die Fachschule für Schneiderei gehen. Das war meinem Vater wegen der Firma sehr wichtig.

1938 sagte meine Mutter, wenn sie die Möglichkeit hätte, würde sie nicht nach Amerika, sondern lieber nach Kanada auswandern. Das ist schon merkwürdig, jetzt lebt mein Sohn Barrett in Kanada.

Bis mein Vater das Haus kaufte, wohnte die Familie des Hausbesorgers nur in einer Kammer. Da musste man neben dem Aufzug ein paar Stiegen hinuntergehen, und da lebten Vater, Mutter und Kind. Das muss fürchterlich gewesen sein. Als mein Vater Hausbesitzer wurde, gab er der Familie eine kleine Wohnung, die im Vorderhaus frei geworden war. Das war ein riesengroßes Zimmer mit einem Fenster. Der Hausbesorger unternahm dann 1938 nichts für uns, aber er tat auch nichts gegen uns. Er fürchtete sich vor dem eigenen Sohn, der war 14 Jahre alt und ein stolzes Mitglied der Hitlerjugend [20]. Es hatte doch Jeder vor Jedem Angst.

Während dem Krieg

Die Firma meines Vaters wurde 1938 sofort arisiert, und ich durfte nicht mehr in die Schule gehen. Am 10. November 1938 nach dem Pogrom wurden mein Vater und mein Bruder Gustl verhaftet. Meinen Vater brachte man in die Kenyongasse in eine Schule, und als er nach einer Nacht nach Hause kam, waren seine Haare schneeweiß. Gustl wurde nach Dachau deportiert. Dass meinem Vater damals nicht das Licht aufgegangen ist, das kann man heute nicht verstehen. Vielleicht deshalb nicht, weil man ihn wieder nach Hause geschickt hat. Ich denke auch, mein Vater war schon müde. Er war als junger Mann nach Japan gegangen, dann nach Wien gekommen; vielleicht wollte er nicht noch einmal weggehen und wieder von vorn beginnen. Was passierte, war zwar alles sehr bedrohlich, aber trotzdem glaube ich heute, dass meine Eltern die Gefährlichkeit der Situation, die Gefahr für das Leben, nicht erkannten. Mein Vater sagte einmal, ich kann mich genau erinnern: ‚Ich hab nie einem Menschen etwas Böses getan, man wird mir auch nichts Böses tun’. Das war seine Einstellung. Meine Mutter, glaube ich, wäre nicht ohne ihre Mutter aus Wien weggegangen. Aber meine Eltern wollten, dass ich und meine Brüder erst einmal wegfahren. Wenn alles wieder in Ordnung wäre, sollten wir zurückkommen.

Die Mutter meines Großvaters war eine geborene Trauner. Ein Teil dieser Familie Trauner emigrierte Ende des 19. Jahrhunderts nach Amerika. Ein Nachkomme dieser Familie heiratete einen Herrn Katz. Als meine Eltern 1938 um Hilfe baten, bekamen wir sofort Affidavits [21], die lebensrettenden Papiere, geschickt. Gustl wurde aufgrund dieser Papiere nach zehn Tagen aus dem KZ-Dachau entlassen.

Bis zu meiner Flucht aus Österreich besuchte ich diverse Umschulungskurse. Meine Eltern schickten mich zu einer Schneiderin, die für uns als Heimarbeiterin gearbeitet hatte. Ich lernte Zuschneiderei und Nähen. Auch die Kultusgemeinde organisierte viele Kurse, ich lernte Handschuhe nähen und Kunstblumen machen. Lauter solche Sachen musste ich lernen.

Mein jüngerer Bruder Friedl und ich emigrierten im November 1939. Ich denke oft, wie konnte ich so einfach wegfahren? Wir fuhren auf einem italienischen Schiff mit dem Namen ‚Rex’ nach Amerika und kamen an einem Donnerstag in New York an. Am Montag danach ging ich schon in die Schule. Frederick Katz war Rechtsanwalt, seine drei Schwestern waren Lehrerinnen. Ihre Mutter war eine geborene Trauner. Lilian war mit dem Zahnarzt Seymor Levy verheiratet, Klara war mit dem Mittelschulprofessor Leo Amster verheiratet, und Gus war mit Leo Swersky, einem Apotheker verheiratet. Meine Brüder und ich wurden auf diese Familien verteilt.

Gustl kam zu der Zahnarztfamilie und arbeitete in einer Konfektionsfirma, denn das hatte er ja in Michelbeuern gelernt. Dort arbeitete er, bis er zum Militär eingezogen wurde. Friedl kam zu dem Mittelschulprofessor, und ich kam zu der Rechtsanwaltsfamilie, weil diese Familie drei Töchter hatte. Die älteste Tochter war sechs Jahre jünger als ich, und ich wurde das Au-pair-Mädchen. Die Familie wohnte in einer Villa. In dem ganzen Viertel gab es nur niedrige Häuser. Die hohen Häuser kannte ich schon aus amerikanischen Filmen, und die beeindruckten mich nicht, sondern etwas ganz anderes: vor den Obst- und Gemüsegeschäften waren die Orangen und die Äpfel aufgestapelt. In Wien war das Essen damals schon knapp. Wir hungerten nicht, aber ein Apfel wurde halbiert, und zwei aßen ihn.

Der letzte Donnerstag im November ist American Thanksgiving, das Erntedankfest. Und da gingen wir in den Tempel. Thanksgiving ist dort ein Feiertag für alle, und das beeindruckte mich sehr.

Ich beherrschte die englische Sprache nicht, obwohl mein Vater darin perfekt war und das letzte Jahr vor unserer Abfahrt versucht hatte, uns Englisch beizubringen. Die wichtigste Sprache damals in der Schule in Wien war Französisch, und Latein hatte ich auch gelernt. Ich kam also in Amerika an und konnte kein Englisch. Die Familie, bei der ich wohnte, sprach nur Englisch mit mir, und das war eine Situation von ‚sink or swim’ [Englisch: jemandem seinem Schicksal überlassen’].

Ich kam in die High School, ich glaube, in der Schule lernten 14.000 Schüler – entweder 7.000 oder 14.000 – und sie schauten für mich alle gleich aus. Ich war in Wien in der 5. Klasse, und wir durften noch keinen Lippenstift tragen. In der High School hatten sie alle das gleiche Make-up, die gleichen Frisuren und die gleiche Kleidung, alle waren gleich. Und alle trugen ‚Saddle-Shoes‘ und ‚Bobby-Sox‘ [weiße Socken], auch im Winter. Ich war sehr glücklich, als ich auch diese Schuhe und Socken bekam. Leo Amster unterrichtete in der Schule, in die ich ging. Er half mir und meinem Bruder Friedl, indem er uns den Lehrern vorstellte und unsere Geschichte erzählte. Die Lehrer waren alle sehr nett zu uns, und im Jänner absolvierte ich schon die ersten Prüfungen.

Die Familie, bei der ich lebte, war religiös und führte einen koscheren Haushalt. Der Vater war Präsident der Synagoge, und die Kinder gingen in die Sunday School – das ist dort üblich. Ob katholisch, protestantisch oder jüdisch, alle machen das: Am Sonntag geht man in die Sunday School.

Das jüdische Leben in Amerika war dem ähnlich, das ich aus Wien kannte. Freitagabend wurde der Schabbat gefeiert; aber in Wien wurden die Regeln mehr beachtet als in New York. Als ich das erste Mal am Samstag, am Schabbat also, mit der U-Bahn fuhr, glaubte ich, es müsse ein großes Unglück geben. Das war für mich furchtbar, die fuhren einfach am Samstag. Man fuhr sogar mit dem Auto zum Tempel. Das gab es in Wien nicht. Jetzt mach ich das auch, aber damals? Ich hatte große Angst und war sicher, mir würde irgendetwas Schreckliches zustoßen.

Ich beendete das Schuljahr, musste aber im Sommer arbeiten – das ist dort normal. Die Familie, bei der ich war, war im Sommer nicht in New York. Die Kinder waren im Camp, und die Erwachsenen waren auch nicht da. Den ersten Sommer verbrachte ich als Au-pair-Mädchen bei einer Arztfamilie. Die hatten zwei Kinder im Camp, und das dritte war noch zu Hause. Ich beaufsichtigte das kleinere Kind und auch die Kinder im Camp. Die Eltern kamen nur an den Wochenenden.

Im Camp lernte ich meinen Mann Theodore – jüdisch Tunchen – Brickell kennen. Er wurde am 24. Oktober 1918 in New York geboren und hatte Welthandel studiert, war schon promoviert, hatte aber noch keinen fixen Job und deshalb einen Sommerjob angenommen. Er arbeitete im Büro des Camps. Als ich ihn das erste Mal sah, saß er auf einem Baum und montierte eine Antenne für ein Radio. Er gefiel mir sofort.

Die Familie meines Mannes wohnte nicht sehr weit vom Haus der Verwandten, bei denen ich wohnte. Gleich nachdem wir uns im Camp kennen gelernt hatten, gingen wir miteinander aus. Teddy begann als Prokurist zu arbeiten. Ich beendete die Schule und begann zu studieren. In Amerika muss man sich die ersten zwei Jahre nicht auf ein Fach festlegen. Ich litt furchtbar in der Familie. Sie retteten mein Leben, aber sie ersetzten nicht meine Eltern, und es ist kaum zu beschreiben, wie einsam ich war. Meine Brüder und ich hatten Nachrichten aus Wien über Spanien. Ich besitze noch viele Briefe, die so hin und her gegangen waren. Wir machten uns große Sorgen um unsere Eltern. Ich kam aus einem Haus, in dem ich sehr behütet war. Meine Eltern fehlten mir, und ich hätte sie so sehr gebraucht.

Die Frau sagte, dass ich auch alt genug sei, um arbeiten zu gehen, wenn ich schon alt genug bin, um einen Freund zu haben. So musste ich nach zwei Jahren mit dem Studium aufhören. Ich arbeitete in einem Büro und besuchte ein Abend-College. Im Sommer fuhren wieder alle weg, und obwohl ich eigentlich eine große Hilfe für die Familie war, wurde mir gesagt, sie würden das Haus nicht für mich offen halten. Ich stand sozusagen auf der Straße, und da bot meine zukünftige Schwiegermutter mir an, zu ihr zu kommen, was ich sofort tat. Im Sommer 1943, als mein Mann und ich heirateten, war er schon beim Militär.

Als ich zu meinen Schwiegereltern zog, erzählte ich ihnen nicht, aus welchen Verhältnissen ich stamme. Dass ich aus Wien kam, wussten sie, aber das war auch alles. Meine Eltern hätten bettelarm sein können, das wäre unwichtig für sie gewesen. Sie akzeptierten mich, wie ich war. Als wir heirateten, musste man dem Rabbiner 15 Dollar zahlen. Ich hatte die 15 Dollar nicht, die bezahlte mein Mann für mich.

Meine Schwiegermutter Malke Gutmann wurde in den 1890er Jahren in Galizien, in dem Ort Husatyn geboren. Mein Schwiegervater Samuel Brickell stammte aus der Bukowina, aus der Stadt Schargorod, die heute in der Ukraine liegt. Kennen gelernt hatten sich meine Schwiegereltern in New York. Um die Jahrhundertwende waren beide Familien nach New York gekommen. Die Geschwister meines Schwiegervaters waren Kürschner, die Geschwister meiner Schwiegermutter waren Schneider, das war eine riesengroße Familie, die in New York lebte. Beide mit sechs Geschwistern und mit Kindern und Enkelkindern. Ich glaube, mein Schwiegervater besuchte nie eine Schule, denn er konnte weder lesen noch schreiben. Meine Schwiegermutter aber war in Galizien in ihrem Dorf die Dorfschreiberin. Wenn eine Familie noch in Friedenszeiten oder während des 1. Weltkrieges auswanderte, fuhren zuerst die Männer, um eine Existenz aufzubauen. Erst dann folgte die Familie. Meine Schwiegermutter schrieb Briefe in Jiddisch mit hebräischen Buchstaben an die Männer, die schon ausgewandert waren, und las die Briefe der Männer den anderen Familienmitgliedern vor. Während des Krieges korrespondierte sie in englischer Sprache mit den Freunden meines Mannes, die Soldaten waren, weil sie wusste, dass sich jeder Soldat sehr über Post freut.

Mein Mann hatte einen Bruder Jack und eine Schwester Lilli. Jack war zwei Jahre älter als mein Mann, sah sehr gut aus und arbeitete in einem der größten Kinos in New York als oberster Billeteur [österr. für Platzanweiser]. Die finanzielle Situation der Menschen in dieser Zeit war sehr schlecht. Jack hatte studiert und studierte später noch auf der Kunstakademie, wo er seine zukünftige Frau Estelle kennen lernte. Doch zunächst war er Billeteur, denn das war der Job, den er fand. Wir konnten deshalb umsonst ins beste Kino gehen, das war positiv an seinem Job. Jack und Estelle bekamen einen Sohn namens Steve. Nach dem Krieg besaß Jack eine sehr gute und große Möbelfirma en gros. Der Sohn Steve heiratete eine Nichtjüdin, die aber sehr aktiv in der jüdischen Gemeinde tätig ist. Sie haben zwei Kinder. Jack starb mit 52 Jahren, und Steve übernahm die Firma seines Vaters.

Lilli war meine liebste Schwägerin. Wir verstanden einander sehr gut, sie hatte auch zu meinem Mann eine sehr enge Beziehung. Sie heiratete sehr jung und bekam drei Söhne. Der älteste war Paul, der starb sehr früh und hinterließ einen Sohn, Sam. Richard ist Arzt und lebte viele Jahre in Deutschland. Voriges Jahr ging er in die USA zurück, um seiner kranken Mutter nahe zu sein. Richard hat eine Tochter Laura. Der jüngste Sohn Allen hat zwei Kinder, einen Bub und ein Mädel. Lilli starb dieses Jahr im Frühjahr in New York.

Mein Mann hatte sehr schlechte Augen und musste eine dicke Brille tragen. Dadurch wurde er in seiner Armeezeit nur zum ‚limited service’, das heißt eingeschränkter Dienst, eingesetzt, weil er zum Beispiel im Regen nichts gesehen hätte. Er war im Büro, in der Finanzabteilung der Armee. Dann kam ein Gesetz heraus, dass alle ‚limited service’-Soldaten entlassen werden, und so wurde er bereits Ende 1943 entlassen. Meine Brüder waren in der Nähe von New York stationiert und besuchten uns oft. Wir fanden eine ganz kleine Wohnung in der Nähe meiner Schwiegereltern. Zum Essen waren wir immer zu meinen Schwiegereltern eingeladen. Auch meine Schwiegermutter führte einen koscheren Haushalt.

Nach dem Krieg

Am 27. Oktober 1946 wurde unser Sohn Barrett – jüdisch Baruch – Teller-Brickell geboren. Nach dem amerikanischen Gesetz darf der Erstgeborene den Mädchennamen der Mutter tragen, so heißt mein älterer Sohn Teller Brickell. Am 3. Oktober 1949 wurde unser Sohn Warren Seth – jüdisch Sholem – Brickell geboren.

Mein Bruder Gustl war auch beim Militär und eine Zeit lang in Kalifornien stationiert. Dort lernte er bei einem Karl-Farkas-Abend [22] seine Frau Eva Mosheim, die in New York lebte und auf Maturareise in Kalifornien war, kennen. Das war im Jahr 1941/42. Sie ist eine Hamburgerin, und ihre Familie – ihr Vater war Arzt, und sie hat noch einen jüngeren Bruder – war bereits 1934 von Deutschland nach New York emigriert. Sie heirateten nach dem Krieg in New York und haben zwei Kinder, Brandon – jüdisch Baruch – und David Mark. Brandy ist mit einer Japanerin verheiratet und hat Zwillingstöchter, und David hat einen Sohn Bernard, nach meinem Vater benannt. Er ist mit einer Puertoricanerin verheiratet. Sie sind jüdisch, und die Kinder werden jüdisch erzogen. Bernard wird Bar Mitzwa machen.

Gustl traf als amerikanischer Soldat in Deutschland im DP-Lager in Deggendorf unsere Tante Fanny und unsere Cousine Lucie, die aus Theresienstadt gekommen waren und dort Unterkunft gefunden hatten. Mein Bruder schrieb sofort über das Treffen mit unserer Tante und Cousine. Ich weiß nicht, wann wir über den Tod meiner Eltern erfahren haben [Bernhard und Berta Teller wurden am 14. September 1942 von Wien nach Maly Trostinec deportiert und am 18. September 1942 ermordet. Quelle: DÖW Datenbank]. Es gibt gewisse Sachen, die ich wahrscheinlich verdrängt habe. Meine Cousine Lucie hatte bis zu ihrer Deportation aus Wien mit meinen Eltern in unserer Wohnung gelebt und mir folgendes erzählt: Meine Eltern sollten nach Theresienstadt deportiert werden. Sie bestachen einen SS-Mann und durften in Wien bleiben. Aber später wurden sie direkt nach Polen ins Gas geschickt. So war die Geschichte.

Mein Bruder Friedl rüstete in Wien ab und arbeitete als Civilian [Zivilist] bei den Amerikanern, weil er die deutsche Sprache beherrschte. Er leitete in Wien sofort die Wiederrückstellung unseres arisierten Eigentums ein. Friedl arbeitete in Wien beim Joint [23], kam dann nach Amerika, wohnte bei uns, was mich sehr freute, und beendete an der Columbia University sein Philosophiestudium. Danach ging er nach Wien. Dort lernte er im Tempel seine Frau Edna Lichtenstein kennen. Sie war eine geborene Amerikanerin, deren Eltern schon Amerikaner waren. Sie ist aus einer ganz assimilierten Familie, aber sie lernte alles, was eine gläubige Jüdin wissen muss, und macht alles mit. Sie war Krankenschwester in der US-Armee. Sie heirateten, mussten aber zurück nach Amerika. Sie durfte nämlich nicht abrüsten, weil sie keine Kinder hatte. Sie wurde aber sofort schwanger, und dann kamen sie zurück nach Wien. Der Ariseur, der die Firma meines Vaters übernommen hatte, hatte auch die Wohnung übernommen. Er flüchtete nach Salzburg, und mein Bruder zog mit seiner Frau in unsere Wohnung in der Salztorgasse. Ihre Kinder Hanoch und Barbara wurden in Wien geboren. Mein Bruder übernahm die Firma meines Vaters, weil er der erste von uns Geschwistern in Wien war.

Mein älterer Bruder rüstete in Amerika ab und kam mit seiner Familie 1954 nach Wien. Sein Sohn David war damals noch sehr klein. In Wien wohnte er mit seiner Familie in Grinzing. Die Kinder gingen in die amerikanische Schule. Er war zu einem gewissen Grad noch fromm. Sie waren nicht koscher, aber sie aßen kein Schweinefleisch und auch fleischiges und milchiges nicht zusammen. Aber ich glaube nicht, dass er zweierlei Geschirr und zweierlei Besteck hatte.

1950 war ich das erste Mal nach dem Krieg in Wien. Ich fuhr mit meinen Kindern und mit der Schwester meines Mannes und deren Kindern. Zu dieser Zeit hatten wir die Firma meines Vaters noch nicht zurückbekommen. 1952 war ich noch einmal in Wien. 1956 fuhr ich mit meinem Mann und den Kindern auf dem israelischen Schiff ‚SS Israel’, das – ebenso wie das Schiff ‚SS Zion’ – Teil der Wiedergutmachung Deutschlands an Israel war, nach Europa, weil mein Mann sich Wien und die Firma auch einmal anschauen wollte. Der Kapitän hieß Locker und war ein Neffe von Tante Josefine.

Zuerst haben wir zu viert in einem Zimmer in einer Pension gewohnt. Dann bekamen wir durch Zufall eine kleine Wohnung in der Servitengasse, und dort blieben wir, bis wir eine sehr schöne Wohnung in Hietzing, in einer sehr guten Gegend, fanden. Das war in einer Villa, wir waren sozusagen in der Belle Etage. Unten waren zwei kleine Wohnungen, und die Frau, die in der unteren Wohnung wohnte, ist einmal die Köchin der Katharina Schratt [24] gewesen. Der Zins war sehr hoch für die damaligen Verhältnisse. Die Frau, der das Haus gehört hatte, war eine Nazi.

Meine Brüder und mein Mann arbeiteten alle zusammen in der Firma meines Vaters, ‚B. Teller‘. Jedes Mal, als ich in der ersten Zeit in Wien jemanden kennen gelernt habe, habe ich gedacht: ‚What did you do during the war?’ [‚Was hast du während des Krieges getan?’] Mir ist etwas ganz Komisches passiert, von dem man glauben sollte, es müsste umgekehrt geschehen: Ich träumte oft, dass nur meine Mutti oder mein Papa den Krieg überlebt haben, und dachte: Um Gottes Willen, was mach ich? Als mein Bruder endgültig nach Amerika ging, zogen wir in die Wohnung der Eltern in der Salztorgasse ein, und das war eine Beruhigung für mich. Auch der Traum verschwand – auf einmal war er weg. Ab dieser Zeit träumte ich, der Papa lebt noch, und die Mutti lebt noch.

Mein Bruder und seine Frau hatten verschieden Gründe, zurück nach Amerika zu gehen. Wenn man im Lande seines Ursprungs länger als fünf Jahre gelebt hat, verlor man die amerikanische Staatsbürgerschaft. Außerdem wollte er für seine Kinder eine jüdische Erziehung. Zu der Zeit gab es kaum jüdische Kinder in Wien und auch keine jüdische Schule. Mein jüngerer Bruder ist der einzige wirklich Fromme von uns allen.

Hanoch, sein Sohn, ging in New York in eine Schule, die heißt ‚Zwei Kulturen’. Dort wird jüdische und amerikanische Kultur gelehrt. Er studierte Rabbinat, ging nach Israel und heiratete eine Frau, die aus einer noch viel frömmeren Familie kommt. Diese Familie lebt seit sieben Generationen in Israel. Hanoch lebt in Israel, ist orthodox und hat mit seiner Frau achtzehn Kinder. Seine älteste Tochter Rifki ist ungefähr 23 Jahre alt und hat auch schon zwei Kinder. Das jüngste Kind von Hanoch ist ungefähr drei Jahre alt. Allerdings gibt es mehrere Zwillinge und einen Drilling. Hanoch unterrichtet in einer Jeschiwa und schreibt Bücher mit religiösen Geschichten.

Barbara lernte Peter Rosenberg, einen Wiener Juden kennen, und lebt in Wien. Sie haben zwei Söhne, Nathan und Benjamin, die beide die Zwi Perez Chajes-Schule [Jüdische Schule in Wien] besuchen.

Mein Bruder Gustl starb im Jahre 2000 in Wien. Seine Frau zog zu den Söhnen in die USA.

Ich war zweimal in Israel. Einmal zusammen mit meinem Mann und einmal nach seinem Tod. Meiner Meinung nach sind die Engländer Schuld an der jetzigen Situation in Israel. Ich wusste damals schon von der Balfour-Deklaration [25], und ich finde auch, dass das richtig war, der Jordan war die Grenze. Zisjordanien und Transjordanien, und es ist auch logisch, meiner Meinung nach. Und das wurde von den Engländern versprochen; dass sie das den Arabern auch versprochen hatten, das ist wieder etwas anderes.

Unsere Kinder gingen in Wien in die amerikanische Schule, weil ich nicht wollte, dass sie das einzige jüdische Kind in einer Klasse sind. Warren ging zuerst ins Lycee, aber es ging ihm dort nicht gut. Der Druck, der auf die Kinder ausgeübt wurde, war sehr groß, und er wechselte auch in die amerikanische Schule. Dafür spricht er perfekt Französisch.

Sie mussten sich natürlich für die Bar Mitzwa vorbereiten, und unser traditionelles Leben in der Familie war ihr jüdischer Unterricht. Ich führte einen koscheren Haushalt, und wir begingen alle Feiertage mit der Familie gemeinsam. Einen koscheren Fleischhauer gibt es im 2. Bezirk, und das ist alles, was ich brauche. Das Fleisch kaufe ich noch immer bei ihm, ich habe separates Geschirr, das andere mach ich selber, das ist nicht so kompliziert. Das ist nur kompliziert, wenn man es nicht kennt, für mich ist es ganz natürlich. Ich könnte nicht anders leben. Manchmal denk ich mir, ich bin doch allein, was macht das für einen Unterschied, aber ich kann nicht anders.

Barretts Bar Mitzwa feierten wir 1959 in Wien im Tempel in der Seitenstettengasse. Da waren meine Schwiegereltern noch dabei. Mein Schwiegervater sprach über den Kaiser Franz Josef, er nannte ihn ‚Frojim Jossef‘. 1960 starben beide innerhalb von drei Wochen in New York. Warrens Bar Mitzwa feierten wir 1962 auch in Wien im Tempel in der Seitenstettengasse. Es gab wenige jüdische Kinder zu dieser Zeit, die konnte man noch an einer Hand abzählen; kein Vergleich zu heute.

So lange meine Schwiegereltern noch lebten, fuhren wir mit dem Schiff alle zwei Jahre nach New York. Mein älterer Sohn Barrett ging nach dem Sechstagekrieg [26] in einen Kibbutz und lebte einige Zeit in Israel. Nach der Matura studierte er auf einer Universität in Ottawa [Kanada] Politikwissenschaften und Pädagogik. Er arbeitet als Lehrer. Er heiratete Grace Beverly Goldman, eine Jüdin aus New York. Sie bekamen zwei Töchter, Claire Molly, geboren am 20. April 1981 und Elionore Harriet, geb. am 16. Juli 1985, beide in Ottawa. Er und seine Familie gehören einer reformierten Synagoge an. In einem bestimmten Alter fahren die Kinder im Sommer alle nach Israel. Und da war Claire auch in Israel. Es hat ihr sehr gut gefallen. Sie lernte die Familie des Sohnes meines Bruders Friedl kennen, der in Jerusalem lebt. Sie besuchte in Kanada einen Jiddisch-Kurs, weil die Sprache sie interessiert, und sie spricht ziemlich gut Deutsch. Das hat sie in der Schule gelernt. Als die jüngere Tochter fahren sollte, waren so viele Unruhen in Israel, dass man sie nicht fahren ließ.

Zur Bat Mizwa lasen sie nicht nur die Haftara [hebr. Abschluss - ist die öffentliche Lesung aus den Prophetenbüchern an jüdischen Feiertagen und Schabbatot], sondern leiteten den ganzen Gottesdienst. Das war schon eine Leistung, das würde man nicht glauben, dass die Reformierten so etwas tun, aber ich war dabei. Ich persönlich mag das nicht so, weil ich anders aufwuchs. Ich kann mir auch nicht so gut eine Frau als Kantor, wie sie dort hatten, oder eine Frau als Rabbiner vorstellen. Aber sie sind auf ihre Art und Weise sehr religiös.

Warren verspürte nie das Bedürfnis in einen Kibbutz zu gehen. Als er klein war, sagte er immer, er hätte Angst vor Schlangen. Israel liegt in einem heißen Gebiet, und dort hatte er Angst vor Skorpionen; er wollte nicht. Aber er war in Israel, als mein Neffe heiratete. Der Rabbiner heiratete zur selben Zeit wie mein Neffe, und so erlebte er gleich zwei Hochzeiten. Er begann sein Studium in den USA, in Maine, kam aber nach einem Jahr zurück, studierte in Wien an der Wirtschaftsuniversität und arbeitet selbständig in Wien als Kaufmann. Meine nicht-jüdische Schwiegertochter Andrea, geb. Burkia, war schon oft in Israel. Sie hat eine sehr gute Freundin, die Israelin ist. Auch meine Enkeltochter Juliet, die am 19. August 1992 in Wien geboren wurde, war schon mit ihrer Mutter in Israel. Die Familie lebt in Wien, und durch mich leben sie auch ein traditionelles jüdisches Leben. Eine Zeitlang ging ich Freitagabend oder Samstag in den Tempel, aber jetzt gehe ich nur noch zu den Feiertagen in den Tempel.

Als es meinem Mann 1998 sehr schlecht ging und er im Krankenhaus lag, kam Barrett sofort aus Kanada und blieb drei Monate in Wien. Jeden Tag ging ich mit meinen Söhnen zu meinem Mann ins Krankenhaus; er lag damals schon im Koma. Nach dem Tod meines Mannes – er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Baden begraben – sprach mein Sohn Barrett in Kanada ein Jahr lang jeden Morgen und jeden Abend in einer orthodoxen Synagoge das Kaddisch für seinen Vater. Seit dieser Zeit nehmen er und seine Familie ebenfalls am Gottesdienst im orthodoxen Tempel teil.

Da meine Kinder in die amerikanische Schule gingen und mein Mann Amerikaner war und eigentlich überhaupt nicht Deutsch sprach, als wir nach Wien kamen, waren unsere Freunde Mitglieder der amerikanische Kolonie. Ich war zehn Jahre lang die erste Präsidentin der ‚American Women's Association’. Wir hatten aber auch Wiener Freunde. Das eine Ehepaar war unser Kinderarzt, von einem anderen Ehepaar arbeitete die Frau bei der amerikanischen Botschaft, aber sie sind Wiener. Ein anderes Ehepaar war in England während der Emigration.

Ich spiele Bridge. Zuerst waren es nur Amerikaner und Diplomaten, jetzt sind es nur noch Wiener. Wir sehen einander zweimal in der Woche. Meine Freundin Lotte Rybarsky hatte einen jüdischen Vater und eine vor ihrer Geburt zum Judentum übergetretene Mutter. Sie musste die Zeit des Holocausts in Wien miterleben. Es war eine schreckliche und für ihr ganzes weiteres Leben prägende Zeit. Ich lernte sie kennen, als mein Mann noch nicht lange tot war. Meine anderen Freundinnen nennen sie die ‚Kultur-Lotte’. Und nun machen wir vieles gemeinsam.

 

Glossar

[1] Dorotheum: 1707 gegründet, ist das Dorotheum das größte Auktionshaus in Mitteleuropa und im deutschsprachigen Raum und eines der führenden der Welt.

[2] Bronner, Gerhard [geb. 1922]: bekannter Komponist, Musiker und Kabarettist.

 

[3] Semmering: Romantische Paßlandschaft mit Kalkwänden, Felsen, breiten Bergrücken und weiten Tälern, etwa 100 km südlich von Wien. Vor und nach dem Zweiten Weltkrieg beliebter „Sommerfrische“-Ort der Wiener Juden.

[4] Kemal Atatürk [Mustafa Kemal, 1881-1938]: „Vater der modernen Türkei“. Im 1.Weltkrieg General, wurde Atatürk 1919 Führer einer nationalen Bewegung gegen die griechischen Besatzer und ab 1923 erster Präsident der türkischen Republik. Setzte Programm zur Modernisierung des Landes durch, unter anderem die Trennung von Staat und Religion.

 

[5] Pogromnacht: Pogrom in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938. Aufgrund der zahllosen zertrümmerten Fensterscheiben ging diese Nacht als ‚Kristallnacht’ in die Geschichte ein. Die propagandistische Presse jener Zeit bezeichnete den Pogrom als ‚Antwort’ auf das Attentat des 17jährigen Herschel Grynszpans auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November in Paris. Im Laufe des „Kristallnacht“ wurden bei angeblich ‚spontanen’ Kundgebungen 91 Juden ermordet und fast alle Synagogen sowie über 7000 jüdische Geschäfte im Deutschen Reich zerstört und geplündert, Juden in ihren Wohnungen überfallen, gedemütigt, verhaftet oder ermordet.

[6] Theresienstadt [Terezin] : Ende des 18. Jahrhunderts gegründete Garnisonsstadt in der heutigen Tschechischen Republik, die während der Zeit des Nationalsozialismus zum Ghetto umfunktioniert wurde. In Theresienstadt waren 140.000 Juden interniert, die meisten aus dem Protektorat Böhmen und Mähren, aber auch aus Mittel- und Westeuropa. Nur etwa 19,000 der Menschen, die in Theresienstadt waren, überlebten.

 

[7] DP-Lager waren Einrichtungen zur vorübergehenden Unterbringung so genannter ‚Displaced Persons‘ nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland, Österreich und Italien. Als ‚Displaced Persons‘ galten Menschen, die in Folge des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat geflohen, verschleppt oder vertrieben worden waren, z. B. Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, Konzentrationslagerhäftlinge und Osteuropäer, die vor der sowjetischen Armee geflüchtet waren.

[8] Franzensbad [Františkovy Lázně]: 1793 gegründeter Heilkurort nahe der ehemaligen Reichsstadt Eger [Cheb].

 

[9] Der Augarten ist ein 52,2 ha großer, öffentlicher Park mit der ältesten barocken Gartenanlage Wiens und befindet sich in der Leopoldstadt, dem zweiten Wiener Gemeindebezirk.
Der Augarten beherbergt verschiedene Einrichtungen wie zum Beispiel die Wiener Sängerknaben im Palais, die Porzellanmanufaktur Augarten und das Atelier Augarten.

[10] Hakoah Wien ist ein 1909 gegründeter jüdischer Sportverein und war eine Zeit lang mit rund 5000 Mitgliedern die größte Sportorganisation der Welt. Der Name ist hebräisch und bedeutet ‚Kraft‘. Bekannt wurde vor allem die Fußballmannschaft [gewann 1925 die österreichischer Meisterschaft], aber der Verein brachte auch Ringer, Schwimmer und Wasserballer hervor, die internationale und olympische Titel für Österreich errangen.
Nach dem Anschluß Österreichs 1938 an das Deutsche Reich wurden die Spielstätten beschlagnahmt und der Verein 1941 verboten.

[11] Schwarzwaldschulen: Von Eugenie Schwarzwald [geb. Nußbaum] gegründete reformpädagogisch ausgerichtete Schulanstalten. ,Die Schule muß versuchen, eine Künstlereigenschaft, die alle Kinder besitzen, die Vitalität, zu erwecken und zu erhalten.’ (Eugenie Schwarzwald: Die Lebensluft der neuen Schule 1931). Eugenie Schwarzwalds Reformideen bildeten die Grundlage für Otto Glöckels umfassende Schulreform nach 1918.

[12] Lorenz, Albert [1885-1970]: österreichischer Orthopäde und Schriftsteller; Sohn von Adolf Lorenz, Bruder von Konrad Lorenz. Albert Lorenz war Mitarbeiter und Nachfolger seines Vaters an der Wiener Universitätsklinik. Er schrieb das humorvolle biographische Werk ‚Wenn der Vater mit dem Sohne’.

[13] Zuckmayer, Carl [1896-1977]: deutscher Schriftsteller. 1939–1946 in den USA, ab 1958 in der Schweiz. Zu seinen Hauptwerken zählen ,Der fröhliche Weinberg’, ,Schinderhannes’, ,Der Hauptmann von Köpenick’, ,Herr über Leben und Tod’, ,Des Teufels General’ und ,Die Fastnachtsbeichte’.

[14] Murmelstein, Benjamin [1905- 1989]: Rabbiner und jüdischer Gelehrter, in Lemberg geboren. Wurde in der NS-Zeit als Leiter der Auswanderungsabteilung der Kultusgemeinde in Wien und 1944 als ‚Judenältester‘ von Theresienstadt eingesetzt. 1945 wurde über Murmelstein in der Tschechoslowakei die Untersuchungshaft verhängt, aber er wurde nicht angeklagt und nach 18 Monaten freigelassen. Bis zu seinem Tod 1989 lebte er als Möbelverkäufer in Rom.
Murmelstein wurde vorgeworfen, kein Mitgefühl für seine Schicksalsgenossen gezeigt zu haben. Er selbst war auch nach dem Krieg davon überzeugt, dass sein strenges Auftreten notwendig war, um der SS keine Handhabe gegen die jüdische Gemeinde zu bieten.

 

[15] Der Zionismus ist eine während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandene jüdische National-Bewegung, die sich für die Entstehung eines eigenen jüdischen Staates in Palästina einsetzte. Der Begriff wurde 1890 von dem jüdischen Wiener Journalisten Nathan Birnbaum geprägt.
Der Beginn des modernen Zionismus wird oft auf Theodor Herzls Werk ,Der Judenstaat’ [1897] festgelegt. Bis zur Schoah während des 2. Weltkriegs war der Zionismus nur eine kleine Strömung innerhalb des Judentums.

[16] Zweig, Stefan [1881-1942], Schriftsteller, wurde in Wien als Sohn des wohlhabenden jüdischen Textilunternehmers Moritz Zweig geboren. in Wien geborener, österreichischer Dichter und Schriftsteller. Zweig emigrierte 1938 nach London. Danach lebte er kurze Zeit in New York und übersiedelte 1941 nach Brasilien, wo er am 22. Februar 1942 zusammen mit seiner zweiten Frau ,aus freiem Willen und mit klaren Sinnen’ aus Schwermut über die Zerstörung seiner ,geistigen Heimat Europa’ Selbstmord beging.
Seine bekanntesten Werke: ‚Brennendes Geheimnis‘, ‚Amok‘, ‚Sternstunden der Menschheit‘, ‚Romain Rolland‘, ‚Joseph Fouché‘, ‚Maria Stuart‘, ‚Schachnovelle‘, ‚Die Welt von gestern‘.

 

[17] Picon, Molly [1898-1992]: Star des Jiddischen Theaters und Films. Picon brachte in Theater und Varietévorstellungen jiddische Kultur aus dem Shtetl in die amerikanische Kulturlandschaft und wurde zur Ikone amerikanischer Juden zweiter Generation. 1924 debütierte sie in ihrem ersten jiddischen Film, ,Mazel Tov’; 1926 tourte sie mit dem als Darstellerin in dem Musical ,Yiddle with his Fiddle’ durch Polen.

[18] Engelbert Dollfuß [1892-1934] 1931 Minister für Land- und Forstwirtschaft, 1932-1934 Bundeskanzler und Außenminister, März 1933 Ausschaltung des Parlaments. 1933 verbot Dollfuß die NSDAP, die Kommunistische Partei und den Republikanischen Schutzbund, 1934 nach den Februarkämpfen, auch die Sozialdemokratische Partei. Er regierte mit Notverordnungen und führte das Standrecht und die Todesstrafe ein. Als einzige Partei ließ er die Vaterländische Front zu. Er schuf 1934 einen autoritären Ständestaat und stützte sich auf die katholische Kirche, die Heimwehr und die Bauern. Am 25. Juli 1934 wurde Dollfuß im Zuge eines nationalsozialistischen Putschversuches ermordet.

 

[19] Vaterländische Front: Diese wurde am 20. Mai 1933 von Engelbert Dollfuß als ‚überparteiliche‘ politische Organisation aller ‚vaterlandstreuen‘ Österreicher gegründet. Ziel war die Errichtung eines ‚sozialen, christlichen, deutschen Staates Österreich auf ständischer Grundlage und starker autoritärer Führung‘.

[20] Hitler-Jugend: Die Hitler-Jugend (HJ) wurde 1926 auf dem 2. Reichsparteitag der NSDAP als nationalsozialistische Jugendbewegung gegründet. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wandelte sich die HJ durch das Verbot sämtlicher konkurrierender Jugendverbände von einer Parteijugend zur Staatsjugend. Ab 1939 war die Mitgliedschaft Pflicht.

 

[21] Affidavit: Im angloamerikanischen Recht eine schriftliche eidesstattliche Erklärung zur Untermauerung einer Tatsachenbehauptung. Die Einwanderungsbehörden der USA verlangen die Beibringung von Affidavits, durch die sich Verwandte oder Bekannte verpflichten, notfalls für den Unterhalt des Immigranten aufzukommen.

[22] Farkas, Karl [1893-1971]: österreichischer Schauspieler und Kabarettist. 1938 flüchtete Farkas vorerst nach Brünn, und dann über Paris nach New York, wo er vor anderen Exilanten auftrat. 1946 kehrte er nach Wien zurück und trat ab 1950 auch wieder im bekannten Kabaret ‚Simpl‘ auf, das er bis zu seinem Tod leitete.

 

[23] Joint: Kurzform für ‚American Joint Distribution Committee’ (Vereinigter amerikanischer Verteilungsausschuss), ein Hilfskomitee für jüdische Opfer des 1. Weltkriegs, das 1914 gegründet wurde. Seit dem 2. Weltkrieg ist Joint die internationale Zentrale aller jüdischen Wohlfahrtsverbände.

[24] Schratt, Katharina [1853-1940]: österreichische Schauspielerin. Ab 1883 enge ‚Freundschaft‘ mit Kaiser Franz Joseph I. (ab 1886 mit Einverständnis von Kaiserin Elisabeth).

[25] Balfour-Deklaration: Die Balfour-Deklaration war zunächst in Form eines Briefes abgefaßt, den der damalige britische Außenminister Arthur James Balfour im November 1917 an Lord Edmond James Rothschild, ein prominentes Mitglied der britischen Zionisten, sandte. In diesem Schreiben sicherte die britische Regierung ihre Unterstützung bei der Errichtung einer nationalen Heimstätte für die Juden in Palästina zu.
1922 wurde die Balfour-Deklaration in das Völkerbundsmandat über Palästina aufgenommen, das die Bedingungen für die vorübergehende Übernahme der Verwaltung des Landes durch Großbritannien mit Rücksicht auf seine jüdische und arabische Bevölkerung festlegte. Die Errichtung des unabhängigen Staates Israel 1948 im britischen Mandatsgebiet war eine indirekte Folge der Balfour-Deklaration

[26] Sechstagekrieg: Dauerte vom 5. Juni bis zum 10. Juni 1967. Die Kriegsgegner waren Israel und die arabischen Nachbarstaaten Ägypten, Jordanien und Syrien. Israel eroberte in diesem Krieg den Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel, die Golanhöhen und das Westjordanland. Der Krieg begann mit einem weithin als Präventivschlag anerkannten Angriff der israelischen Luftwaffe auf ägyptische Luftwaffenbasen, nachdem Ägypten zuvor die Straße von Tiran für die israelische Schifffahrt gesperrt hatte und arabische Armeen an den Grenzen Israels aufmarschiert waren.

Interview details

Interviewte(r): Edith Teller Brickell
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Monat des Interviews:
Oktober
Jahr des Interviews:
2002
, Austria

HAUPTPERSON

Edith Teller Brickell
Geburtsjahr:
1923
Geburtsort:
Wien
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Hausfrau
Familiennamen
  • Vorheriger Familienname: 
    Teller
    Jahr der Namensänderung: 
    1943
    Grund der Namensänderung: 
    Heirat

AUDIO - INTERVIEW

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