Aron Neuman

Wien, Rakousko

Neuman, Aron
Wien
Österreich
Interviewer: Tanja Eckstein
Datum des Interviews: Februar 2003

Herr Neuman ist ein kleiner, gebeugt gehender Mann von 86 Jahren. Er ist einsam und unglücklich, denn seit dem Tod seiner Frau, im Jahre 2000, lebt er allein. Herr Neuman ist überaus freundlich, spricht sehr schnell und sagt nach jedem zweiten Satz: ‘Ja, ja - so ist das‘ oder: ‚kurz und bündig‘, worauf ein Schwall von vielen Sätzen folgt. Trotz der Familie seiner angeheirateten Tochter Sonja, die in Wien lebt, spricht er oft vom Tod, den er sich herbei wünscht, obwohl er sehr glücklich mit den Enkeltöchtern ist. Sein Sohn mit Familie lebt in Australien und besucht ihn alle zwei Jahre. Durch seine Herzkrankheit darf Herr Neumann nicht mit dem Flugzeug fliegen.

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Palästina
Während des Krieges
Polen
Nach dem Krieg
Von Israel nach Wien
Glossar

Meine Familiengeschichte

Ich heiße Aron Neuman und wurde am 17. April 1917 in Wodislaw, in Polen, geboren. Meine Großeltern väterlicherseits habe ich nicht kennen gelernt, sie waren schon tot, als ich geboren wurde. Der Großvater hieß Rubin Neuman, an den Namen der Großmutter kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß, dass sie beide sehr religiös waren. Der Großvater hatte in Wodislaw einen Lederwaren Großhandel. Meine Großeltern sprachen jiddisch. Sie hatten viele Kinder, es waren vielleicht acht Geschwister. Alle Kinder wurden streng religiös erzogen. Mein Vater und seine Geschwister besuchten eine russische Schule, weil Wodislaw bis zum 1. Weltkrieg zu Russland gehörte – natürlich gingen sie auch in eine Jeschiwa [1]. Ich habe fast keinen von denen gekannt. Ich kann mich aber an Erzählungen erinnern.

Mein Vater hieß Michael Neuman. Er wurde 1878 in Wodislaw geboren. Er war Sägewerksinhaber und Landwirt.

Mein Onkel Joel Neuman war der älteste Bruder meines Vaters. Er hatte mit seiner Frau fünf Kinder: Mosche, Chaim, Josef und Schlomo - an den anderen Namen kann ich mich nicht erinnern. Onkel Joel war Zionist. Zwischen 1920 und 1922 ließ der Onkel die Maschinen seiner Textilfabrik in Warschau [Polen] zum Hafen nach Danzig [Polen] bringen und nach Palästina verschiffen. In Tel Aviv existierte aber noch kein Hafen, die Maschinen waren schwer, und sie fielen beim Ausladen ins Meer, und das Meerwasser hat die Maschinen zerstört. Dadurch hatte er alles verloren. Er kam mit seiner Frau nach Warschau zurück, war ein gebrochener Mann und erkrankte an Krebs. Mein Vater fuhr zu seinem Bruder, kam nach der Beerdigung zurück und sagte: ‚In meinen Armen ist er gestorben!’

Die Kinder vom Onkel Joel waren in Palästina geblieben. Damals war auch Ägypten unter englischer Herrschaft. Der älteste Sohn Mosche war ausgebildeter Textiltechniker und ist nach Kairo gegangen. In Kairo [Ägypten] hat er einen reichen Juden kennen gelernt, der eine gut gehende Fabrik gehabt hat und eine einzige Tochter, die noch nicht verheiratet war. Sie haben sich verliebt und geheiratet. Mosche erbte die Textilfabrik und ist in Kairo geblieben. Seine Mutter ging nach dem Tode meines Onkels Joel zu ihrem Sohn Mosche nach Kairo.

Ich weiß nicht, warum Mosche und seine Frau so früh gestorben sind. Seine Mutter und seine Geschwister haben alles geerbt, es verkauft und sich Existenzen in Palästina aufgebaut.
Josef hatte zwei Söhne, die waren Piloten beim Militär und einer war 1948 im Unabhängigkeitskrieg [2] als Flieger dabei. Er arbeitete später für EL AL [israelische Fluggesellschaft] als Flugkapitän, und als ich einmal nach Israel geflogen bin, holte mich mein Cousin Josef vom Flughafen ab und sagte: ‚Du bist mit meinem Sohn geflogen, er war der Kapitän deines Flugzeuges.’ Schlomo war der jüngste Sohn, mit dem hatte ich noch in Israel Kontakt, aber auch er ist schon gestorben.

Meir Neuman hatte ein Lederwarengeschäft in Wodislaw [Polen]. Er war verheiratet und hatte vier Kinder: Nathan, Josef, Bronja, und noch eine Tochter, deren Namen ich nicht mehr weiß. Diese Tochter war verheiratet und hatte sechs Kinder; alle wurden im Vernichtungslager Treblinka [Polen] ermordet. Bronja hatte mit ihrem Mann ein Kind. Sie wurden im KZ Auschwitz ermordet. Den Onkel Meir haben die Deutschen erschossen. Er war einmal gestürzt und hatte sich das Schlüsselbein gebrochen, dadurch konnte er sehr schlecht gehen. 1942, als die Deutschen die Stadt ‚judenrein‘ machten, hatte er sich zu dem Sammelplatz auf eine Wiese geschleppt und auf der Wiese wurden er und ein dicker Jude, der Herr Friedberg, erschossen. Seine Tochter, deren Namen ich vergessen habe, stand mit ihren Kindern dabei. Onkel Meir und Herr Friedberg wurden am Rand der Wiese begraben. Alle Mitglieder dieser Familien wurden ermordet.

Eisig Neuman hatte eine Frau und viele Kinder. Wie viele Kinder sie hatten, weiß ich nicht. Das waren alles sehr gläubige Juden, deshalb waren es auch Großfamilien. Ich glaube, Onkel Eisig war von Wodislaw nach Bendzin [Polen] gezogen und lebte dort. Aber ich kannte die Familie nicht.

Eine Schwester meines Vaters, von der ich den Namen nicht mehr weiß, hatte einen Herrn Manella geheiratet. Dieser Manella war beim russischen Militär fünf Jahre Arztgehilfe. Er arbeitete dann als Arzt in Wodislaw, war sehr begabt und half vielen Leuten. Der Onkel starb, bevor die Deutschen kamen, die Tante wurde im KZ Auschwitz ermordet.

Der Großvater mütterlicherseits hieß Alter Ptasnik. Er wurde 1853 in Dzialoszice [Polen] geboren und war Sägewerksbesitzer. Er war groß, hatte einen langen weißen Bart und ging mit einem Stock. Er lebte in Dzialoszice und war sehr religiös. Selbstverständlich trug er immer einen Hut oder ein Käppi. Da die Großmutter in den 1920er-Jahren gestorben war, lebte er allein in einer kleinen Wohnung. Ich fuhr oft mit dem Fahrrad zu ihm und brachte ihm Lebensmittel. Er hatte eine rabbinische Schule besucht und war soweit ausgebildet, dass er meine Schwester Esther verheiraten konnte, dazu hatte er die Befugnisse. Die Hochzeit fand bei den Eltern in Sendzishow [Polen] statt und war sehr feierlich. Ich kann mich erinnern, wie der Großvater kam und sie traute. Er saß dabei auf einem Sessel, der extra für ihn vorbereitet war. Es wurde Klezmer-Musik gespielt, einer hatte gedichtet und alle besungen. Auch viele Christen waren dabei.

Im Jahre 1942 wurde mein Großvater in Dzialoszice von den Deutschen zusammen mit anderen Juden - Männer, Frauen, alte Leute - zum Friedhof geführt. Dort haben sie ein Grab ausheben müssen, wurden erschossen und verscharrt.

Meine Mutter hatte mehrere Brüder und Schwestern, die ich aber nicht sehr gut kannte. Eine Schwester war mit Herrn Zuckermann verheiratet. Sie hatten ein Geschäft am Marktplatz und Onkel Zuckermann war Stadtrat im Rathaus. Er war ein sehr kluger Mensch - beliebt und bekannt im Ort. Diese Schwester meiner Mutter half dem Großvater sehr viel. Von der Familie Zuckermann überlebten zwei Brüder, Mosche und David. Sie starben später in Israel

Mein Onkel Abraham Ptasnik hatte einen weißen Bart wie der Großvater. Seine gesamte Familie, Kinder und Enkelkinder hatten sich nach dem Überfall der Deutschen bei polnischen Familien versteckt. Sie wurden verraten und alle erschossen.

Benjamin Ptasnik hatte sechs Kinder. Sein Sohn Pinchas Ptasnik überlebte das KZ in Plaszow [Polen] und ein KZ in Deutschland. Er lebt in Israel, hat zwei Töchter und ist an Alzheimer erkrankt. Alle anderen Mitglieder dieser Familie wurden ermordet.

Jacob Ptasnik ließ seine Frau und zwei Töchter in Polen zurück und floh auf die russische Seite. Dort wurde er bei einer Razzia in einer Stadt mit 9 000 Juden zusammen erschossen. Seine Frau und die zwei bildschönen Kinder waren mit mir im Arbeitslager. Die Kinder wurden im Vernichtungslager Treblinka [Polen] ermordet, seine Frau überlebte den Holocaust.

Meine Kindheit

Meine Mutter hieß Sima Neuman, sie war eine geborene Ptasnik. Sie wurde 1882 in Dzialoszice geboren.
Meine Eltern hatten sich vor dem 1. Weltkrieg durch einen Schadchen, das war ein Heiratsvermittler, kennen gelernt, der die Kinder vom Großvater Neuman und vom Großvater Ptasnik vermittelt hat. Sie sind sich begegnet und haben geheiratet. Mein Vater war in Sendzishow sehr bekannt und beliebt. Er war so klug, dass sogar Christen ihn bei Streitigkeiten manches Mal als Schiedsrichter befragten. Sendzishow war ein kleines Städtchen, in dem sich mein Vater nach dem 1.Weltkrieg zwanzig Hektar Land gekauft und eine Landwirtschaft aufgebaut hatte. Wir hatten ein großes Haus mit sechs Zimmern.

Meine Mutter war sehr religiös, betete jeden Samstag, zündete am Schabbat [3] Lichter und kochte koscher. Sie war Hausfrau und Mutter und arbeitete in der Landwirtschaft mit.
Wir waren sechs Geschwister. Ich hatte drei Brüder - Martin, Karl und Josef - und zwei Schwestern, Hanna und Esther. Ich war das jüngste Kind, 18 Jahre jünger als mein ältester Bruder Martin.

Martin wurde 1899 in Wodislaw geboren. 1921 musste er zum polnischen Militär und wurde sofort an die Front gegen die Russen geschickt. Polen führte 1921 Krieg mit den Russen. Ich war damals erst vier Jahre alt. Nachdem mein Bruder gemustert worden war, musste er sich umziehen, ihm wurde ein Karabiner umgehängt, und er wurde nach Warschau geschickt. Der Zug hielt vorher noch einmal an der Bahnstation in Sendzishow. Weil mein Bruder mich so sehr geliebt hat, lief er schnell noch einmal nach Hause. Er hat so geweint, mich an sich gedrückt und geküsst und mich ganz nass gemacht mit seinen Tränen. Dann musste er in den Krieg ziehen. Aber Gott sei Dank kam er zurück. Martins Frau hieß Mala. Sie hatten drei Kinder: Ewa, Dolek und Isidor. Diese Ehe kam nicht durch einen Schadchen zustande. Sie haben sich verliebt und geheiratet, das war eine richtige Liebesgeschichte. Die Tochter Ewa wurde 1924 geboren. Sie war neunzehn Jahre alt, als sie erschossen wurde. Als die Deutschen kamen, wurde sie mit vier anderen von einer polnischen Bauersfrau versteckt und 1943 von Polen verraten. Alle vier wurden erschossen, das Haus der Bauersfrau angezündet und zwei ihrer Söhne gehenkt. Dolek, Isidor und Martin waren mit mir im Zwangsarbeitslager. Isidor, Izio haben wir ihn genannt, ist mit seiner Mutter Mala nach Treblinka deportiert und ermordet worden. Er war dreizehn Jahre alt. Martin und sein Sohn Dolek haben das KZ Buchenwald [Deutschland] überlebt. Martin hat nach dem Krieg eine Christin geheiratet und starb 1964 in Polen an einem Herzinfarkt. Dolek heiratete auch eine Christin, hatte zwei Töchter und starb vor fünf Jahren in Kattowitz.

Mein Bruder Josef wurde 1910 geboren. Er war Inhaber zweier Sägewerke in Sendzishow und verheiratet mit Helena Sternfeld. Sie hatten eine Tochter Dunja. Helena war blond und ihre Eltern hatten ein großes Gut mit 400 Morgen Land und dreizehn Knechten. Sie waren sehr reich. Ihr ältester Bruder hatte in Paris Medizin studiert und wurde Arzt. Er lebte in Paris, verliebte sich in die Tochter des japanischen Gesandten in Paris und heiratete sie. Sie haben einen Sohn. Helenas Bruder war ein schöner, großer, blonder Mann. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Paris wurde er in der japanischen Botschaft versteckt. Von der Familie Sternfeld konnten sich alle - außer dem Vater - mit falschen Papieren retten. Den Vater haben die Deutschen verhaftet, als er einmal in der Stadt war, um etwas zu besorgen. Er wurde nach Treblinka [Polen] deportiert und ermordet.
Nach dem Einmarsch der Deutschen bekam mein Bruder Josef einen österreichischen Ariseur. Der beste Fachmann von uns war der Josef, und der Österreicher war kein Fachmann; er brauchte meinen Bruder. Das meldete dieser Österreicher der Gestapo, deshalb durfte Josef dort bleiben. Er bekam ein Zimmer und leitete das Sägewerk. Sein zweites Sägewerk wurde liquidiert, alles verkauft und das Geld an die Deutschen überwiesen. Das Sägewerk war mit einer Mühle zusammen gekoppelt. Der Leiter der Mühle, ein Pole, war der Bezirksleiter der Untergrundbewegung Armia Kraiowa [polnische nationalistische Heimatarmee]. Er riet Josef, sich falsche Papiere zu beschaffen.

Mein Bruder Karl wurde 1903 in Wodislaw geboren. Er war drei Jahre beim polnischen Militär. Gleich nach dem Militär ging er nach Oberschlesien und heiratete in Krakau [Polen] seine Frau Rina. Er bekam ein bisschen Mitgift von seiner Frau – auch er hatte Ersparnisse - und kaufte mit dem Geld einen Holzplatz in Königshütte [polnisch: Chorzów, Polen]. Das war ein großer Holzplatz mit viel, viel Holz, auch mit Edelhölzern. Es ging ihnen sehr gut. Sie bekamen zwei Söhne: Fred ist 1934 geboren und Reuven 1940, schon während des Krieges. Bei Kriegsausbruch war Karl der Reichste der Familie. Er hatte den Holzplatz sehr gut geführt und viel Geld verdient. Als der Holzplatz nach Kriegsausbruch beschlagnahmt wurde, war er meiner Meinung nach eine Viertel Million Dollar wert. Karl wurde während des Holocaust mit seiner Frau und den Söhnen in Warschau von Polen auf dem Dachboden versteckt. 1950 emigrierten alle zusammen nach Israel. Fred und Reuven maturierten sie in Israel. Reuven studierte in England Innenarchitektur und arbeitete später in der Firma des Vaters. Fred lebt in Australien. Mein Bruder Karl starb 1990 in Israel.

Meine Schwester Esther wurde 1914 geboren. Sie und Raphael Mandelmann lernten sich kennen, verliebten sich und heirateten. Sie hatten ein Söhnchen, Mietek. Das Kind wurde 1939 geboren, und meine Schwester flüchtete mit Mietek nach Warschau. Sie hatte eine Adresse bekommen und war bei einer Witwe versteckt. Solange sie Geld hatten, konnten sie bei der Witwe bleiben. Als sie kein Geld mehr hatten, die Witwe war auch sehr arm, versuchte sie, meine Schwester mit Tabletten umzubringen. Um Mietek hat sie sich gekümmert, den liebte sie. Eines Tages hatte mein Bruder Karl in seinem Versteck einen Traum: Der Großvater Alter Ptasnik, der die Schwester Esther getraut hatte, kam zu ihm und wollte ihn mit einer Krücke schlagen. Du hast deine Schwester vergessen, du kümmerst dich nicht darum, was mit deiner Schwester passiert! Am nächsten Abend nahm Karl sich eine Droschke, fuhr zu dem Versteck unserer Schwester Esther und fand sie bewusstlos auf einem Strohsack. Er brachte Esther und Mietek zur Droschke, fuhr zu den Leuten, die ihn und seine Familie versteckten, und sie nahmen auch Esther und Mietek auf. Nachdem es Esther wieder gut ging, bekam sie ein anderes Versteck. 1946 ging Esther nach Deutschland und arbeitete in einem DP Lager [4] in Wasseralfingen, weil sie in die USA emigrieren wollte. Dort lernte sie einen Juden, einen Überlebenden des Ghettos in Lodz kennen, der Koslowski hieß. Esther ging mit Mietek in die USA und wurde dort sehr gut aufgenommen. Eine jüdische Organisation schickte sie in ein kleines Städtchen. Dort bekam sie eine herrlich eingerichtete Dreizimmerwohnung mit allem drum und dran, voller Kühlschrank, alles war da, und überall standen Geschenke. Wie sie reingekommen ist in die Wohnung, hat sie angefangen zu weinen. Da haben die Leute vom Komitee sie gefragt, ob die Wohnung ihr nicht gefällt: ‚Doch’ hat sie gesagt, ‚aber zum ersten Mal nach dem Krieg habe ich eine Wohnung, ein Dach über dem Kopf.’ Sie war die erste Holocaust-Überlebende, die in dieses Städtchen kam. Sie lernte Englisch und Mietek ging in die Schule. Alle paar Tage fand sie Pakete neben der Tür von jüdischen Mitbewohnern. Nach einigen Monaten kam Herr Koslowski, er hatte sich in sie verliebt. Sie heirateten und gingen zusammen nach San Francisco, weil er dort einen Bruder hatte. Das war der größte Fehler, den sie gemacht hat. Sie hätte mit ihrem Sohn in dem Städtchen bleiben sollen. In San Francisco eröffneten sie ein koscheres Delikatessengeschäft. Sie musste schwer arbeiten, es war eine schlechte Ehe, und Esthers Sohn, den Mietek, hat er gehasst. 1970 traf ich meine Schwester mit ihrem Mann in Israel. Wir hatten uns viele Jahre nicht gesehen. Herr Koslowski starb 1972 oder 1973 an Krebs.

Zwölf meiner Familienmitglieder wurden durch die Hilfe von Polen gerettet, aber es gab auch Polen, die uns hassten. Der Mann von Esther, Raphael Mandelmann, und der Mann meiner Schwester Hanna, Nathan Neuman, wurden von Polen mit Knüppeln erschlagen. Die Schlimmsten waren die Arbeiter und die Bauern auf dem Lande. Der Pole, der das Gut meines Vaters von den Deutschen übernommen hatte, hat uns heraus geschmissen. Er hatte Angst, dass einer von uns überleben und er nach dem Krieg wieder alles verlieren würde. Die Polen waren überzeugt, dass die Deutschen den Krieg nicht gewinnen konnten. Da hat er mit seinen Söhnen meine zwei Schwager, die versteckt waren, ausspioniert und im Wald erschlagen.

Meine Schwester Hanna wurde 1906 geboren. Sie war mit unserem Cousin Nathan Neuman verheiratet. Sie hatten einen Sohn, Shmuel. Hanna wurde nach Treblinka [Polen] deportiert und ermordet und Nathan wurde von den Polen erschlagen. Shmuel war mit mir im Zwangsarbeitslager, er war dreizehn Jahre alt. Als das Lager aufgelöst wurde, musste er in Polen in einer Rüstungsfabrik arbeiten, überlebte drei KZs, bis er im Mai 1945 im Alter von sechzehn Jahren im KZ Mauthausen von den Amerikanern befreit wurde. Er ging nach Palästina und lebt in Israel.

Mein Vater betete täglich. Es gab keine Synagoge in Sendzishow. Jeden Samstag musste ich mit dem Vater zum Bethaus gehen. Das Bethaus war im Wohnzimmer eines Juden. Jeden Morgen legte er die Tefillin [5]. So lange ich zu Hause war, musste ich das auch tun, obwohl ich nicht wollte. Und ich musste bei einem Religionslehrer lernen - ein halbes Jahr, eine Stunde täglich - aber das wollte ich auch nicht. Ich bin oft weggelaufen. Jeden Freitag zum Schabbat zündete meine Mutter Lichter und meine Eltern beteten. Die ganze Familie saß dann zusammen, solange wir zusammen waren. Koscher [6] konnten wir einkaufen - ohne Probleme, denn es gab einen jüdischer Metzger, der schlachtete das Vieh. Manchmal musste ich mit dem Fahrrad geschlachtete Hühnern oder Puten holen. Wir hatten Geschirr für Milchiges und Geschirr für Fleischiges. Meine Mutter war eine sehr gute Köchin. Vater war in dieser Hinsicht sehr einfach, für ihn war alles gut; er klagte nie. Wenn Mama etwas nicht so gut gelungen war, aß er alles auf und sagte: ‚Kinder, aufessen! Mama hat das gekocht, sie ist eine gute Köchin.’ Das war eine gute Ehe, sehr gut eigentlich. Hände haltend sind sie in den Viehwaggon nach Treblinka gestiegen. Das weiß ich, weil ein Augenzeuge es mir in Israel erzählt hat.

Sendzishow war geteilt, es war ein Städtchen mit einem Bahnhof, der 1 ½ Kilometer vom Städtchen entfernt war, ganz in der Nähe wohnten wir. Die meisten Bewohner waren arm.
Vor dem Krieg lebten in dem Ort 280 lebendige jüdische Seelen und 2000 bis 2500 Polen. Alle haben sehr gut zusammen gelebt, es war für mich kein Antisemitismus zu spüren.

Die Geschwister, die vor dem 1. Weltkrieg geboren wurden - Martin, Karl und Hanna - sprachen jiddisch und russisch, denn sie gingen in eine russische Schule. Die Jüngeren - Josef, Esther und ich - waren schon unter einer polnischen Regierung geboren, wir gingen in die polnische Schule. Wir waren nur zwei Juden in der Volksschule, aber ich hatte viele polnische Freunde. Wir jüngeren Geschwister sprachen sogar zu Hause untereinander polnisch, mit den Eltern jiddisch, aber sonst polnisch. Auf dem Gymnasium habe ich später auch Deutsch gelernt.

Untereinander stritten wir uns manchmal und hauten uns sogar. Ich habe meine Schwester Esther, die Ältere, gehauen, ich war ein Räuber! Ich bin mit ziemlichen Schwierigkeiten zur Welt gekommen, im siebenten Monat bereits, und ich habe so wenig gewogen, dass sie mich nicht gleich nach acht Tagen beschneiden wollten. Aber dann untersuchte mich der Arzt, mein Onkel Manella, der der Mann einer Schwester meines Vaters war, und sagte, man kann es machen.

Ich habe immer sehr viel gelesen, bis heute noch. Weil ich so viel gelesen habe, wurde ich als Schulbibliothekar ausgewählt. Aus der Schulbibliothek habe ich ein paar hundert Bücher gelesen. Ich hatte deswegen Streitereien mit dem Vater, denn er kam um zwölf oder ein Uhr in der Nacht, um das Licht zu löschen, und ich habe noch gelesen: Schulbücher, Romane, Erzählungen, auch Bücher von Karl May. Ich habe alles buchstäblich verschlungen. In der Bibliothek standen 300 oder 350 Bücher, die habe ich alle gekannt. Ich hatte ein Zimmer für mich allein, nur gab es kein elektrisches Licht, sondern Petroleumlampen, die ich mit einem Zündholz anzünden musste. Die Küche war zwischen meinem Zimmer und dem Schlafzimmer der Eltern. Mein Vater sah trotz geschlossener Tür das Licht, löschte es und nahm mir die Lampe weg. ‚Schlafen sollst du, nicht Lesen.’ Einmal zerriss er mir ein geliehenes Buch, es war zwei Uhr nachts. Mein ältester Bruder Martin hatte zwei Zimmer und eine Küche für seine Familie dazu gebaut, vier Zimmer hatten die Eltern. Wir waren zu Hause nur noch zu dritt, die anderen Geschwister waren schon ausgezogen. Wir waren alle Zionisten und lebten mit der Vorstellung, nach Palästina zu gehen. Aber dann ging es meinen Brüdern und Schwestern sehr gut, da wollten sie nicht mehr nach Palästina.

1934 übersiedelte ich zu meinem Bruder Karl nach Königshütte. Ich ging dort aufs Gymnasium, maturierte und arbeitete nebenbei auf dem Holzplatz meines Bruders.
In Königshütte lernte ich Jungen von der zionistischen Organisation ‚Betar‘ kennen, die nahmen mich zu ihren Versammlungen mit. Ich war damals 17 Jahre alt und dort waren sehr schöne Mädels - ich bin gleich eingetreten! Der Anführer der Organisation war Jabotinsky, ein strenger Zionist. 1936 hielt er Vorträge in Krakau. Einige von unserer Gruppe, die Geld hatten, fuhren dorthin. Ich kann mich bis heute an seine Worte erinnern, die haben sich in mir tief eingegraben. Er sagte ungefähr so: Wo ich hinkomme, beklatscht man mich und nimmt mich gut auf. Aber keiner hört mir zu und tut, was ich euch rate. Ich sage euch, es haben sich in Europa zwei Walzen gebildet. Die braune hitlersche und die rote kommunistische, und es kommt zu einem Zusammenstoß zwischen diesen zwei Walzen und das Judentum wird dazwischen zerquetscht. Rettet euch, die Richtung soll Palästina sein. Nehmt, was euch sage ernst! Diese Sätze werde ich bis zu meinem letzten Atemzug nicht vergessen.

Palästina

Ich wollte weg, aber ich war noch nicht 21 Jahre alt und konnte nicht ohne Genehmigung der Eltern fahren. Ich ging zum Vater nach Sendzishow und bat ihn, er soll mir erlauben, nach Palästina zu gehen. Er antwortete: ‚Bist du verrückt geworden, du willst nach Palästina fahren? Dort wirst du Straßenbauarbeiter! Hier hast du eine Zukunft, deine Geschwister haben Holzplätze, zwei haben Sägewerke. Du wirst einen Holzplatz aufmachen, heiraten und wie deine Brüder Geld nach Hause bringen.’ Als ich 21 wurde, bezahlte ich 700 Zloty für die Fahrt nach Palästina. Das Monatsgehalt eines Facharbeiters waren damals 100 Zloty. Legal konnte man nicht nach Palästina fahren, die Engländer ließen nicht so viele Juden hinein.
Menachem Begin war seit 1939 Führer des ‚Betar‘. Ich traf ihn auf einem Vortrag in Königshütte. Er organisierte die illegale Auswanderung von jungen Juden.

Nach dem 1. August 1939 ging ich mit einem Rucksack von zu Hause weg. Auch mein Bruder wollte nicht, dass ich gehe. Aber nachdem ich den Jabotinsky gehört hatte, sagte ich zu meinem Bruder: ‚Karl, verkauf‘ jetzt den Holzplatz, jetzt kannst du eine Menge Geld dafür haben. Und dann musst du weg von hier.’ ‚Was redest Du? So ein Geschäft werde ich aufgeben? Das Geld fließt doch.’ Das sagte mein Bruder. Auch zu meinem Vater sagte ich: ‚Verkauf die Landwirtschaft und geh weg!’ Diejenigen, die Geld hatten, konnten ohne Erlaubnis nach Palästina auswandern. Der Vater antworte: ‚Was soll ich? Auf meine alten Tage werde ich irgendwo gehen?’ Keiner hat auf mich gehört, keiner wollte weggehen. Es ist allen gut gegangen. Ich habe mich von den Eltern verabschiedet. Mein Vater hat geweint und gesagt: ‚Sohn, fahr gesund und komm gesund zurück.’ Es roch schon nach Krieg!

Ungefähr 1 500 Mädels und Buben aus verschiedenen Ländern sind Menachem Begin gefolgt. Wir hatten zwei Personenzüge, in jedem Coupé saßen acht Jugendliche, und wir fuhren zur rumänischen Grenze. Polen und Rumänien hatten damals eine gemeinsame Grenze. Die rumänischen Grenzbeamten sollten bestochen werden, die haben sich bestechen lassen, aber es hat sehr lange gedauert, und es war eine große Ansammlung. Vermutlich hatte die englische Botschaft davon erfahren und interveniert. Als die zwei Züge an der Grenze ankamen, wir hatten keine Visa, blieben wir einen Tag in den Waggons, dann mussten wir raus auf eine Wiese, alle 1500 Leute. Nur Rucksäcke und Decken hatten wir. Zwei Wochen haben wir auf der Wiese auf die Weiterfahrt gewartet. Nach zwei Wochen hat uns Begin versammelt und gesagt: ‚Wir kommen nicht durch, es gibt Hindernisse, ihr müsst zurück nach Hause. Jeder von Euch bekommt 50 Zloty für die Rückfahrt, wir werden später kleine Gruppen bilden und euch wegschaffen.’

Während des Krieges

Ich kam eine Woche vor Kriegsausbruch zurück. Die Straßen waren leer, es war schon Kriegsstimmung. Mein Vater hatte gesagt: ‚Komm gesund zurück nach Hause!’ Und ich bin zurückgekommen und habe den ganzen Krieg mitgemacht!

Als die Deutschen einmarschierten, bin ich mit einem Fahrrad aus Kattowitz geflüchtet. Meine zwei Schwestern mit den Schwägerinnen und mit den Kindern waren schon in Sendzishow, nur wir vier Männer blieben noch in Kattowitz und in Königshütte. Ich war der Letzte. Als die Bahnstation bombardiert wurde, war niemand mehr da. Meine Brüder waren auch schon weg. Ich ging zum Onkel Meir und wohnte einige Tage bei ihm. Am Freitag den 1. September 1939 begann der Krieg. Am darauf folgenden Dienstag marschierten die Deutschen in Königshütte ein. Um zu meinen Eltern zu gelangen, musste ich über eine Brücke. Dort standen zwei junge deutsche Wehrmachtssoldaten und aßen Brot. Einer brach ein Stück ab und wollte es mir geben, aber ich nahm es nicht und er sagte:
‚Beim Marktplatz stehen Namen wie Friedberg, Rothmann, Rothstein auf den Schildern der Geschäfte. Was sind das, Deutsche?’
‚Nein, das sind jüdische Geschäfte.’
‚Ach so, jüdische Geschäfte. Sind Sie auch Jude?’
‚Ja, ich bin Jude.’
‚Ihr werdet jetzt was erleben, der Hitler wird es euch zeigen.’
‚Sagen Sie bitte, warum?’
‚Ihr habt den Christus gekreuzigt.’ Das war meine erste Begegnung mit den Nazis.

Meine Eltern lebten in unserem Bauernhaus, hatten fünf oder sechs Kühe, und es gab noch genug zu essen. Meine Mutter und meine Schwägerin Mala haben Brot gebacken, auch den Schabbat haben meine Eltern noch gehalten. Der Vater hat weiter gebetet, aber wir Kinder nicht mehr, keiner von uns! Bis 1942 mussten wir Juden alle möglichen Arbeiten verrichten: im Winter Schnee schaufeln, Straßen reinigen, alles Mögliche. Ich wurde zum Sekretär der jüdischen Gemeinde bestimmt. Als Sekretär musste ich alle Juden registrieren, Listen aufstellen und Lebensmittel verteilen, die die Deutschen den Juden zugeteilt hatten. Selbstverständlich war das sehr wenig, aber wir konnten noch irgendwie leben.

Die Bahnstation wurde ausgebaut. Dafür gaben die Deutschen polnischen Firmen die Aufträge. Jerzy Malinowsky, ein Ingenieur aus Warschau, war Besitzer vieler Firmen. Er rettete vielen Menschen das Leben. Er hatte einen Kompagnon, einen Deutschen, der ihm Aufträge besorgte und bekam den Auftrag, acht große Holzhäuser für die polnischen Bahnangestellten zu bauen. Täglich kamen ein, zwei Waggon Schnittholz an, die er eingekauft hatte. Sie suchten einen Holzfachmann, da habe ich mich dort gemeldet und wurde aufgenommen. Ich musste einen Holzplatz gründen, das hatte ich bei meinem Bruder gelernt.
Ich bekam zwanzig Juden für die Arbeit, dort waren schon siebzig Leute, die das Arbeitsamt vermittelt hatte. Die Waggons mussten ausgeladen, und das Holz ins Lager gebracht und fachmännisch gestapelt werden. Nach drei Wochen kam der Direktor Malinowsky - er war schon über fünfzig Jahre alt und sehr reich - gab mir die Hand und sprach mit mir über die Arbeit. Er hat sofort erkannt, dass ich ein Fachmann war.

Inzwischen waren schon viele Städte ‚judenrein‘, die Gefahr wurde immer größer. Mein Bruder Karl meldete sich bei einer anderen Firma freiwillig zur Arbeit und schickte seine Frau mit den zwei Kindern nach Warschau.

Der Vater sagte zu mir, dass ich meinem Bruder Martin, den Frauen und den Kindern helfen soll. Ich ging zum Leiter des Holzplatzes, aber er wollte keine Juden mehr beschäftigen.
Kurze Zeit später kam der Direktor Malinowsky wieder. Er war sehr zufrieden mit mir und den Arbeitern, und ich nutzte die Gelegenheit und bat ihn, meine Familie im Lager aufnehmen zu dürfen. Ich habe geglaubt, uns dadurch retten zu können. Er hat mir gestattet, 250 bis 300 Juden aufzunehmen, und wenn nötig, noch eine Baracke für die Menschen dazu zu bauen. Daraufhin habe ich meinen Vater, meinen Bruder Martin, die beiden Söhne Dolek und Isidor, meine Schwester Hanna, ihren Sohn Shmuel, die Schwägerin, drei Cousinen und Cousins und  einen anderen Neffen zu mir geholt. Alle wollten sich retten. Malinowsky ließ dann eine Baracke für die Frauen bauen.

Meine Mutter wurde von 1942 bis Anfang 1943 von einem Polen versteckt. Es begannen die Deportationen, und wenn sie zu wenige Leute für die Waggons hatten, gingen sie in die Firmen. Die SS, die Litauer und die Ukrainer umstellten unser Lager. Als wir um fünf Uhr die Arbeit beendet hatten, hörten wir: ‚Juden raus!’ Dann führten sie eine Selektion durch. ‚Was macht der alte Jude hier,‘ fragte ein SS Mann den Dolmetscher und deutete auf meinen Vater. Der antwortete: ‚Das ist ein tüchtiger Tischler.’ Mein Vater war Tischler wie ich Priester bin, aber er durfte bleiben. Meinen Neffen, den Izio, nahmen sie mit, zwei Cousins, meine Schwester Hanna, meine Schwägerin und andere Verwandte. Geblieben ist mein Vater, mein Bruder Martin mit dem Sohn Dolek und Shmuel, der Sohn meiner Schwester Hanna. Shmuel war 13 Jahre alt, den hatten sie übersehen. Er blieb am Leben und lebt noch heute in Israel. Wie sie uns einsperrten in die Baracke, als die anderen weggeführt wurden in die Waggons, hat mein Vater bitterlich geweint. Er hat den Izio sehr geliebt, das war sein liebstes Enkelkind. Dann hat er zu uns gesagt: ‚Meine Kinder, ich werde euch was sagen. Ich habe mein ganzes Leben lang gebetet und an Gott geglaubt. Heute sage ich euch, es gibt keinen Gott, der Himmel ist leer. Warum hat der Herrgott Kinder auf die Welt bringen lassen, die man jetzt umbringt? Warum?‘ Und ich sage auch heute, wie mein Vater: Der Himmel ist leer, es gibt keinen Gott!

Danach habe ich mir fürchterliche Vorwürfe gemacht, weil ich sie alle geholt hatte. Ich habe zwei Tage nichts runterschlucken können, nicht einmal Wasser. Ich habe mich nicht rasiert, bin verwahrlost. Am dritten Tag in der Früh, ich war wie betäubt, traf ich den Direktor Malinowsky. Er sagte: ‚Machen Sie sich keine Vorwürfe, Herr Neuman, Sie sind nicht Schuld, Schuld sind die deutschen Barbaren. Sie sind jung, Sie sprechen fabelhaft Polnisch, Sie sehen nicht aus wie ein Jude, Sie müssen jetzt an sich denken. Ich weiß, was hier passieren wird. Hauen Sie schnell von hier ab.’
‚Wohin soll ich abhauen Herr Direktor, in den Wald? Es kommt der Winter, ich werde doch krepieren im Wald, und einen anderen Ausweg habe ich nicht.’
‚Verschaffen Sie sich polnische Papiere. Ich komme in zwei, drei Wochen wieder. Zeigen Sie sich mir am Fenster, wenn Sie weg wollen. Ich verschaffe Ihnen am anderen Ende Polens eine Stelle, aber machen Sie schnell.’

Mein Bruder Josef hatte von dem Österreicher, der als kommissarischer Leiter seines Sägewerkes eingesetzt war, erfahren, dass er sich einen Fachmann suchen und den Juden Neuman bis zum 30. oder 31. Dezember zur Gestapo bringen soll. Seine Frau hatte er schon in Sicherheit gebracht, alle hatten polnische Papiere. Er hatte kein Geld mehr, aber auch er hatte schon polnische Papiere. Er bat mich, den Direktor auch für ihn irgendwo in Polen um Arbeit zu bitten. Er war gefährdet, er musste schnell weg. Ich bat den Direktor, wollte sogar auf meinen Platz verzichten, denn mein Bruder hatte Familie und ich nicht. Aber der Direktor besorgte meinem Bruder sofort eine Arbeit.

Polen

Mein Bruder schrieb mir aus Baligrod [Polen], dass ich kommen soll, aber ich hatte kein Geld. Ich brauchte 1 500 Zloty, da habe ich meinen Mantel für 375 Zloty verkauft. Ich hatte großes Glück: Zwei Männer kamen zu mir mit der Bitte, dass ich eine wertvolle Uhr für sie verkaufen soll, sie wollten dafür Fünftausend Zloty. Was ich mehr bekommen würde, könnte ich behalten, bei einer geringeren Summe bekäme ich zehn Prozent. Nach der Arbeit im Lager schlich ich mich hinaus. Ich fand eine Familie, die mir 6250 Zloty für die Uhr gab. Ich bekam sogar noch eine Eierspeise aus sechs Eiern, ein großes Brot und zwei frische Würste. Ich hatte nun die 1 500 Zloty und konnte mir falsche Papiere machen lassen. Eine Woche später bekam ich die gefälschte Kennkarte auf den Namen Adolf Drabinski - das war im November 1942. Mein Bruder hatte eine Kennkarte mit dem polnischen Namen Eduard Socha. Ich habe mich von meinem Bruder Martin und seinem Sohn Dolek und von Shmuel, dem Sohn meiner Schwester Hanna verabschiedet. Vier Leute meiner Familie sind noch dort geblieben. Mein Vater war schon zerbrochen, schon kein Mensch mehr. Wie ich mich vom Vater verabschiedet habe, habe ich ihm noch die Hand gegeben, ihn geküsst und umarmt. Dann gab ich ihm 300 Zloty. Mein Vater sagte: ‚Mein lieber Sohn, meine alten Augen werden dich nie mehr sehen.’ Es war furchtbar!

Die Deutschen stellten später eine Falle auf. Auf Plakaten stand geschrieben, es gäbe vier Ghettos in Polen, wo die Juden Asyl bekämen und dort gut leben könnten. Ein Ghetto lag in der Nähe, einhundert Kilometer entfernt, und viele ältere Juden wollten dahin. 150 Zloty bezahlten sie pro Person für den Transport auf einem Lastwagen. Der Vater nahm dafür die 300 Zloty, die ich ihm gelassen hatte. Nach meiner Flucht war er sehr krank geworden. Er ließ die Mama fragen, ob sie mit ihm in das Ghetto gehen wolle. Sie antwortete: ‚Wo du hingehst, gehe ich auch hin.’ Nach einer Woche oder zehn Tagen wurden sie umzingelt und in Viehwaggons verfrachtet. Ich traf später einen Bekannten, der zur Arbeit aussortiert worden war und überlebt hatte - Lefkovits hieß er. Er sah meine Eltern, wie sie Hände haltend in den Waggon reinmarschiert sind. Das war das Ende, sie wurden in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort ermordet.

Zwei Polen, die mich aus dem Lager kannten, haben mich auf meiner Flucht begleitet, um mir im Notfall zu helfen. Wir sind in Przemysl [Polen] angekommen, und am nächsten Morgen bin ich ins Büro auf die Kathedralna 3 gegangen, so wie der Direktor mir das gesagt hatte. Ich werde das nie vergessen. Die Polen haben mich noch immer begleitet und zu mir gesagt: ‚Wenn du hier nicht aufgenommen wirst, nehmen wir dich sofort mit nach Warschau. Wir haben schon einen Platz für dich vorbereitet.’ Sie hatten mich sehr gern. Im Büro saß am ersten Schreibtisch ein Mann, den ich gut kannte; es war mein Vorgesetzter aus dem Zwangsarbeitslager aus Sendzishow. Ich war selbstverständlich ohne Judenstern, ich schaute ihn an und er mich:
‚Sie wünschen?’
‚Mein Herr, mich schickt der Direktor Malinowsky.’
‚Wie heißen Sie?’ Dann zwinkerte er mir zu.
‚Adolf Drabinsky‘, sagte ich.
Ich hatte verstanden, ich brauchte keine Angst haben. Auf einmal war ich frei!

Mein Bruder war schon nicht mehr dort, den hatten sie in ein Sägewerk weiter geschickt.
Mein ehemaliger Vorgesetzter nahm mich mit zum Abendessen. Es gab gutes Essen, wir saßen wie Menschen an einem Tisch. ‚Hören Sie, ich bin religiös und ich glaube an Gott. Ich war eigentlich ein Judenhasser. Ich habe auf der Uni studiert, und auf der Uni war schon der Numerus Clausus für Juden eingeführt. Die Juden mussten links sitzen, manchmal wurden sie auch verprügelt. Ich war der Meinung, sie sollten auswandern - nach Palästina oder Madagaskar - aber sie töten, die von Gott so wie wir erschaffen wurden, dagegen bin ich.‘
Er hat uns später sehr geholfen. Zwei Tage später fuhr ich zu meinem Bruder. Es ging ihm gut. In dieser Zeit kam auch seine Frau Helene mit der Tochter Dunja zu ihm. Nach ein paar Tagen musste ich in ein anderes Sägewerk, ganz in die Nähe von Baligrod. Meinem Bruder wurde die Leitung des gesamten Büros übertragen, und er bekam viele Aufträge.

Ein Dreivierteljahr später schickte uns Malinowsky einen Brief mit einer Lohnerhöhung. Die Preise waren gestiegen, und er hat unsere Gehälter erhöht. Josef, als Leiter des Sägewerkes, bekam statt sechshundert, eintausend Zloty und ich bekam zuerst vierhundert und dann sechshundert Zloty. Das waren sehr gute Gehälter. Er bat uns um Passfotos, die wir ihm schickten, und wir bekamen von ihm ein Empfehlungsschreiben von dem Generalgouverneur Hans Frank [6]. Darin stand, dass wir für die Deutsche Wehrmacht arbeiten würden. Bei Kontrollen gab es dadurch nie Probleme

Einmal kam er uns auch besuchen. Sein Mitarbeiter war ein bulgarischer Ingenieur, der hieß Petrow Krum, der wusste alles über Malinowsky und half ihm sogar einen Juden aus dem Gefängnis in Stanislau [heute Ukraine] zu retten. Zwei Tage waren sie unsere Gäste. Er hat uns nicht vergessen, und als die Russen anrückten, hat er seinen Chauffeur geschickt, damit wir uns vor den Deutschen in Sicherheit bringen können. Leider wurde der Chauffeur von den Deutschen nicht durchgelassen, er musste zurück nach Krakau. Nach dem Krieg hat mir Malinowsky, der dann als Professor an der berühmten Universität in Krakau lehrte, die Geschichte erzählt. Ich möchte veranlassen, dass für ihn ein Baum in der ‚Allee der Gerechten‘ [7] in Jerusalem gepflanzt wird.

In Baligrod lebten ungefähr zwanzig polnische Familien, und zweitausendfünfhundert Ukrainer. Am 6. August 1944 ist eine Bande Ukrainer in dieses Städtchen eingedrungen
Die Deutschen stellten gemeinsam mit den Ukrainern eine SS Division auf, um gegen die Russen zu kämpfen. Aber als sie in die Ukraine kamen, sind viele Ukrainer desertiert und - die Deutschen waren schon fast fort - haben alle Polen umgebracht, die sie erwischt haben, auch meinen Bruder Josef und den Juden, den Malinowsky mit seinem Chauffeur aus dem Gefängnis befreit hatte. Beide wurden auf dem christlichen Friedhof in Baligrod begraben.

Ich habe mich versteckt und nach drei Tagen bin ich auf mein Fahrrad gestiegen und aus der Stadt geflohen. Mit einem Polen war ich sehr eng befreundet, Michael hieß er. Auch er war geflohen und hatte sich mit anderen im Wald versteckt. Wie er mich gesehen hat, hat er mich umarmt und geküsst und fast geweint. Ich blieb drei Monate dort in den Wäldern, in den Karpaten. Mein Freund Michael wusste nicht, dass ich Jude bin. Mit ihm hatte ich einmal ein Gespräch und da sagte er zu mir:
‚Weißt du, wenn der Krieg zu Ende ist, möchte ich eine Pistole haben und Deutsche und Juden erschießen.’
‚Deutsche gut, aber warum Juden? Was haben die Juden dir angetan? Die Juden waren keine Mörder, sie waren keine Räuber, sie waren keine Gauner. Vielleicht haben sie deine Mutter beim Einkaufen von Lebensmittel um 10 Groschen betrogen. Warum sagst du nicht die Ukrainer, die deinen Vater und Schwager erschossen haben? Warum nicht Ukrainer und Deutsche, die waren doch unsere Feinde?’
‚Eigentlich hast du Recht. Aber man sagt doch, die Juden haben Christus gekreuzigt.’
‚Das war vor 2000 Jahren, weißt du wie das wirklich war? Kann jemand das bezeugen‘, antwortete ich ihm.

In Sanok wurde ich Anfang 1945, der Krieg war noch nicht ganz zu Ende, als Sekretär der Stadt eingestellt. Die Deutschen waren schon weg, Polen und Russen kämpften zusammen.
Wir fuhren von Ort zu Ort, die Leute mussten ihre Pferde bringen, die wir dann gekauft haben. Ich habe Pferdepässe ausgestellt und alles genau registriert.

Nach dem Krieg

In der Zwischenzeit war ganz Polen befreit. Ich erfuhr, dass aus meiner Familie 129 Menschen ermordet wurden, und dass meine Schwester Esther und ihr Kind lebten und meine Hilfe brauchten. Ich nahm mir Urlaub, steckte Wodka und Tabak für die Russen und geschmolzene Butter, Wurst und etwas Geld ein und fuhr von einem Ende Polens ans andere, um sie zu suchen. Da die Bahnstrecken zerstört waren, fuhr ich mit russischen Lastautos. Es dauerte lange, bis ich meine Schwester und ihren Sohn Mietek gefunden hatte. Meine Schwester wollte unbedingt in unser Elternhaus nach Sendzishow. Ich besorgte mir einen Geleitbrief von der Kreishauptmannschaft, schrieb in Polnisch und in Russisch, dass ich unterwegs sei, und die russischen und die polnischen Einheiten mir helfen sollten. In Sendzishow angekommen, gingen wir zuerst zum Bürgermeister, den ich kannte. Dann ging ich mit einem Sekretär zu unserem Haus und stellte den Mörder meiner Schwager zur Rede: ‚Ich weiß alles, was Sie hier getan haben. Wenn Sie nicht binnen 24 Stunden verschwinden, rufe ich den KGB.’ Er verschwand sofort.

Vieles war wie früher. Meine alten Schulfreunde rieten mir aber, nicht zu bleiben, da die polnische Untergrundbewegung auch gegen die Russen aktiv war, und viele Juden waren Kommunisten. Meine Schwester blieb in unserem Elternhaus. Ich fuhr nach Sanok zurück und begann dort, in einem Büro zu arbeiten. Dann bekam ich einen Brief, dass mein Bruder Karl mit seiner Frau und den zwei Söhnen aus Warschau in Sendzishow angekommen sei. Sie hatten überlebt und wollten mich sehen. Ich gab meine Arbeit auf und fuhr wieder nach Sendzishow zurück. In der Zwischenzeit waren aber alle in die Wohnung eines Cousins nach Kattowitz übersiedelt, weil sie Angst hatten, im Haus in Sendzishow zu bleiben. Ich fuhr nach Kattowitz und habe endlich alle Überlebenden getroffen. Mein Bruder Martin mit seinem Sohn Dolek kamen aus dem KZ Buchenwald. Wir haben sie kaum erkannt, so abgemagert waren sie, nur noch Haut und Knochen.

In Kattowitz lernte ich meine erste Frau Stefanie kennen. Sie wurde am 19. Februar 1919 in Lemberg geboren und war eine Überlebende des KZ Buchenwald [Deutschland] und des KZ Ravensbrück [Deutschland]. Sie war keine Jüdin und hatte im Untergrund gegen die Faschisten gearbeitet, war in Krakau verhaftet und fürchterlich geschlagen worden. Ich half ihr, und dann blieben wir zusammen und heirateten. Ich habe ihr aber gleich gesagt, dass ich Jude und Zionist bin und nach Palästina will. Nach dem Pogrom in Kielce [8] habe ich gesagt, dass ich genug habe. Die Polen hatten ein besseres Auge als die Deutschen, die haben genau erkannt, wer Jude ist. Viele Juden sind zu dieser Zeit aus Polen geflohen.

Über Wien kamen wir nach Deutschland in ein DP – Lager [9]. Es waren Dreitausend Juden in diesem Lager, darunter viele Kinder aus Russland. Deshalb wurde eine Schule eröffnet, und ich wurde Lehrer für Jiddisch, Mathematik und Gymnastik. Dann kam ein Delegierter vom Joint [10] ,und ich wurde auf Kurse geschickt. Meine nächste Station war Esslingen am Neckar, dort hatten war ein Erholungsheim für jüdische Kinder. Es waren 120 Kinder aus verschiedenen Lagern in einem fürchterlichen Zustand, verlaust und verwahrlost. Zuerst waren wir sechs Männer und zwei Frauen, die sich um die Kinder kümmerten. Milch konnte ich beim Bauern nebenan kaufen, und der erzählte mir eine Tages folgende Geschichte:
Vor dem Krieg waren in dem vierstöckigen Haus, das der Rothschild-Stiftung gehörte, 120 jüdische Waisenkinder untergebracht. Ende 1942 hielt der Gauleiter auf dem Marktplatz eine Rede, hetzte Bewohner erfolgreich gegen die jüdischen Kinder auf, woraufhin sie zu dem Gebäude zogen, eindrangen und die Kinder vom vierten Stock aus dem Fenster warfen. Die Kinderleichen haben sie im Zentralheizungskessel verbrannt. Das sind Tatsachen! Ich habe keine Angst darüber zu sprechen, ich bürge dafür [Anm. der Interviewerin: Auf Anfrage an die Stadtverwaltung Esslingen wurde der Vorfall nicht bestätigt]. Meine Frau übernahm die Küche des Heimes. Die Kinder, davon viele Halbwaisen, waren zwischen drei Monaten und einem Jahr bei uns.

Mein Bruder Karl war mit seiner Frau und den Söhnen nach Belgien zu den Eltern seiner Frau gezogen, die den Krieg in Belgien überlebt hatten. 1950 emigrierten sie nach Israel.

1949 wurde das Erholungsheim aufgelöst. Ich wollte sofort nach Israel, aber meine Frau zögerte. Mein Bruder Martin, der in Kattowitz lebte, schrieb mir in einem Brief, er hätte eine chemische Fabrik gekauft und bräuchte meine Hilfe. Er wollte, dass ich sein Kompagnon werde und wir gemeinsam diese Fabrik leiten. Da ging ich mit meiner Frau nach Polen zurück. Kurz nach meiner Ankunft wurde die Fabrik von den kommunistischen Behörden beschlagnahmt und verstaatlicht. Ich fand Arbeit in einem verstaatlichten Schuhgeschäft und wurde als Leiter eingesetzt. Nach einem halben Jahr wurde mir die Leitung eines Pelzgeschäftes angeboten, es war das größte Pelzgeschäft in Polen. Martin eröffnete eine Putzerei und heiratete eine Christin. Sein Sohn Dolek studierte, heiratete auch eine Christin, und sie bekamen zwei Töchter.

Ich war sehr beliebt. Ich habe mich mit vielen Leuten angefreundet. Kattowitz liegt in Oberschlesien, dort war der Antisemitismus nicht so groß, wie in Zentralpolen. Man sagt, Polen und Schlesier hassen sich. In Kattowitz lebten sehr wenige Juden. In einem Privathaus war ein Bethaus eingerichtet. Juden können zu Gott überall beten, denn Gott ist überall.
Ich ging nur zu Rosch Haschana [9] und Jom Kippur [10] ins Bethaus, denn da betet man für die Seelen der Ermordeten.

1957 bekam ich durch einen Bekannten einen Reisepass und durfte meinen Bruder Karl in Israel besuchen. Karl lebte in Tel Aviv. Meine Frau konnte nicht mitfahren, das haben die polnischen Behörden nicht erlaubt. Ich blieb zwei Monate in Israel. Karl arbeitete zuerst auf dem Eisenplatz eines Cousins, der ein Sohn des Bruders meines Großvaters war. Das war der Bruder, dem in den 1920er-Jahren die Maschinen ins Meer gefallen waren. Später hat er einen eigenen Eisenplatz gegründet. Ich bin nach Polen zurück gefahren. Ich habe gut verdient, meine Frau leitete ein Café in Königshütte, das war sechs Kilometer von Kattowitz entfernt, und wir hatten eine Luxuswohnung in Königshütte.

Am 6. Januar 1959 kam unser Sohn Jacob als 6 ½ Monatskind zur Welt. Er wog ein Kilo und zweiunddreißig Gramm und musste drei Monate in den Inkubator. Ich habe ihn dank eines jüdischen Freundes, der Apotheker beim KGB war, retten können. Er besorgte mir Medikamente, die in Polen nicht zu bekommen waren.

Mein Bruder Martin starb 1964 in Kattowitz an einem Herzinfarkt.

Im Jahre 1967 war der Sechs-Tage-Krieg [11] in Israel. In Folge dessen hielt der polnische Premierminister Goumulka eine schrecklich antisemitische Rede, in der er sagte, die Juden seien die fünfte Kolonne des Zionismus. Mir war immer bewusst, dass ich Zionist bin, und ich habe einmal einen Bekannten gefragt, ob er wisse, was Zionismus ist. Ich erklärte es ihm: ‚Zionismus ist eine Bewegung der Juden, die sich einen eigenen Staat aufbauen wollen.‘ Er aber antwortete: ‚Zionismus bedeutet, arbeiten für den Kapitalismus.’ Plötzlich bekam ich Angst, meine Freunde kamen nicht mehr, und die Stimmung wurde sehr antisemitisch. Juden wurden aus ihren Stellungen entlassen, viele Juden waren in der Arbeiterpartei und wurden ausgeschlossen. Ich hatte von 1949 bis 1969, also 20 Jahre in dem Pelzgeschäft gearbeitet. Mein Direktor rief mich zu sich und sagte: ‚Neuman, für dich habe ich bei der Partei garantiert, du bleibst so lange bei uns, wie du willst, es wird dir nichts geschehen, du bist einer der besten Geschäftsführer.‘ Es waren 150 Geschäftsführer unter dieser Direktion. Ich hatte sogar ein Silberkreuz für meine Verdienste bekommen.

Von Israel nach Wien

Mein Bruder hat mir aus Israel geschrieben, dass er einen Eisenplatz eröffnet habe, und ich sein Kompagnon werden soll. Meine Schwester Esther schrieb mir aus den USA:
‚Weg von dort, weg von den Antisemiten.‘ Ich habe meiner Frau ein Ultimatum gestellt:
Entweder ich gehe nach Israel und sie kommt mit, dann ist es gut, wenn nicht, möchte ich aber unseren Sohn Jacob mitnehmen. Jacob war damals 10 Jahre alt. Er war mit polnischen Kindern aufgewachsen, wusste aber, dass ich Jude bin und er sagte: ‚Wenn der Papa ohne mich fährt, springe ich vom 6. Stock aus dem Fenster.’ Er hat mich sehr geliebt und bis heute verehrt er mich. Wir fuhren alle zusammen nach Israel. Zuerst besuchte ich einen Ulpan [Sprachkurs] in Carmiel. Das war ein besonderer Ulpan. Ich hatte in Israel eine Freundin, die kannte ich noch aus der Zeit vor dem Krieg aus Königshütte. Ihr Mann war ein höherer Beamter, der brachte mich in diesem exklusiven Ulpan unter. Ich bekam dort eine eingerichtete Drei-Zimmer-Wohnung.

Nach sechs Wochen rief meine Schwägerin an, sie hätte eine Wohnung bei Tel Aviv für uns gefunden, ich soll kommen. Die Wohnung war klein, ich hatte aber meine Möbel aus Polen mitgenommen, die Hälfte musste ich dann davon wegschmeißen. Eigentlich wollte ich lieber wieder nach Carmiel, aber mein Bruder Karl wurde krank, und man bat mich, meinem Neffen Reuven bei der Arbeit zu helfen. Araber und Juden arbeiteten zusammen auf dem Eisenplatz. Ich übernahm die Buchhaltung des Betriebes. Schon in Polen wurde ich als Pedant bezeichnet. Die Araber haben mich geschätzt, ich war pünktlich, ich war genau und jeder hat bis zum letzten Groschen sein ihm zustehendes Gehalt bekommen. Im Jahre 1973 war der Jom Kippur-Krieg [12]. Am Anfang sah es sehr schlecht für Israel aus. Die Araber kamen nicht zur Arbeit, es war aber auch nicht viel zu tun. Als ich nach Hause kam, sagte meine Frau: ‚Stell Dir vor, der Rasem, er war Araber und Vorarbeiter, ist mit seinem Auto gekommen und hat gesagt: ‚Frau Neuman, wir hören die arabischen Sender, wenn es gefährlich wird, nehme ich euch mit zu uns nach Hause.‘ So sehr hat er uns gemocht.
Leider hielt mein Bruder nicht, was er mir versprochen hatte. Ich hatte einen Freund aus Kattowitz in Wien. Er hatte am Mexikoplatz ein Geschäft aufgemacht und bot mir an, ich könne mit ihm zusammen arbeiten. Aber meinem Sohn ging es sehr gut in Israel, er hatte viele Freunde. Er war der einzige Blonde zwischen den Kindern, sie nannten ihn Gingi, das heißt Rothaariger oder Weißhaariger. Alle haben mich überredet, in Israel zu bleiben, und ich blieb. Nach acht Jahren musste ich wegen meiner Frau Israel verlassen. Sie drohte mit Selbstmord, wenn unser Sohn zur Armee eingezogen werden würde. Ihre polnische Freundin in Israel hatte auch einen Sohn, und sie fuhren gemeinsam in die Schweiz und brachten die Buben in einem jüdischen Internat unter. Meine Frau blieb bei Bekannten in Deutschland und in Österreich. Für unseren Sohn war es sehr schwer, dass die Familie getrennt lebte. Meine Frau wollte aber nicht nach Israel zurück, also flog ich nach Wien, da hatte ich einen Bekannten, der Juwelier in der Wollzeile war und ein Freund meines Bruders Martin. Der Juwelier war bereit, Jacob als Lehrling in sein Geschäft zu nehmen. Wir mieteten eine Wohnung in Wien im 2. Bezirk in der Blumauergasse und pachteten im fünften Bezirk das Kaffeehaus Pam-Pam.

Nach fünf Jahre Arbeit in dem Geschäft, beendet Jacob die Berufschule in Wien. Fred, der Sohn meines Bruders Karl, war Juwelen-Großhändler in Australien. Er kam einmal nach Wien, sah meinen Sohn und war begeistert über seine Kenntnisse. Er bot ihm eine Stelle in Australien an, und mein Sohn ging mit ihm nach Australien. Ich übernahm bei unserem Freund in dem Juwelengeschäft den Posten meines Sohnes und arbeitete dort 14 ½ Jahre.

Meine Frau starb 1981. Nach dem Tod meiner Frau habe ich eine Freundin aus Königshütte gebeten, zu mir nach Wien zu kommen. Wladislawa wurde 1931 in Königshütte geboren und sie war Ärztin. Bei ihr hatte meine erste Frau unseren Sohn entbunden. Dadurch hatten wir uns kennen gelernt. Ihr Mann war gestorben, und sie lebte mit ihrer Tochter Sonja allein. Ende 1981 trafen wir uns in Wien. Ich konnte als israelischer Staatsbürger nicht zu ihr nach Polen fahren, es gab zu dieser Zeit keine diplomatischen Beziehungen zwischen Polen und Israel. Als ich nach Israel emigrierte, hatte ich meine polnische Staatsbürgerschaft abgeben müssen, das haben die Polen verlangt, bevor sie mir das Reisedokument gegeben haben.
Ich hätte ein Visum für Polen beantragen müssen, und meistens gaben die polnischen Behörden Leuten wie mir kein Visum. Dann kam der Kriegszustand in Polen [13] und die Verbindung zwischen uns brach ab. Meine Schwester Esther aus San Francisco besuchte mich in dieser Zeit in Wien. Sie hatte durch Beharrlichkeit geholfen, die Verbindung nach Polen zu Wladislawa herzustellen. 1982 traf ich Wladislawa in Rumänien, danach kam sie mit ihrer Tochter Sonja für immer nach Wien.

Sonja war sehr fleißig, sie belegte am Goethe-Institut einem Deutsch-Intensivkurs und konnte schon nach einem halben Jahr das Gymnasium besuchen. Sie wollte wie die Mama Ärztin werden, und sie hat es geschafft. Sonja hat geheiratet, hat zwei Kinder, und ich bin ein sehr glücklicher Opa.

Ich war mit Wladislawa 18 Jahre sehr glücklich verheiratet. Sie starb in Wien im Jahre 2000. Ich hätte nie gedacht, dass ich sie überleben werde. Ich bin seit ihrem Tod allein. Mein Sohn Jacob hat zwei Kinder, aber er lebt mit seiner Familie in Australien, und da ich herzkrank bin, darf ich nicht nach Australien - weder mit dem Flugzeug noch mit dem Schiff - also kommt er alle zwei Jahre zu mir nach Wien, meine Enkelkinder bringt er alle vier Jahre mit.

Österreich ist eigentlich meine Heimat geworden. Ich habe in Österreich persönlich nie Antisemitismus erlebt. Ich benehme mich gut, und mich hat noch nie jemand angepöbelt, ich bin hier beliebt bei vielen Leuten, auch in dem Haus, in dem ich wohne.

Nach dem Tod meiner Frau war ich in Kattowitz. Ich traf einen Staatsanwalt, mit dem ich befreundet war, der hat mich bei sich aufgenommen und hat mich herumgeführt. Ich habe gesehen, wie verwahrlost es dort ist, und ich weiß, wie es einmal ausgesehen hat.

Einmal in der Woche gehe ich ins jüdische Alters-und Tagesheim, dem Maimonides-Zentrum. Dort sind viele alte Leute. Wir erzählen uns Witze, wir sprechen über Politik, über die Vergangenheit und werden dort gut betreut, haben Unterhaltung, Gesang, Tanz oder Gymnastik.

Zweimal im Jahr gehe ich in den Tempel, zu Rosch Haschana und zu Jom Kippur.
Einmal hat mich ein Bekannter zu ESRA [14] mitgenommen. Sie haben dort ein Interview mit mir gemacht und mich davon überzeugt, dass ich einen Antrag an die Claims Conference [15] stelle, weil ich einen Anspruch auf 250 Euro monatlich als Überlebender des Holocaust habe. Zuerst wollte ich diesen Antrag nicht stellen, ich brauche das Geld nicht unbedingt, und ich will nicht betteln. Im Dezember kam ein Brief aus New York, in dem sie mir mitteilten, dass mein Antrag einer von Tausende Anträgen ist und alle bearbeiten werden, ich muss Geduld haben. Aber eigentlich warte ich nur noch auf den Tod, so ist das, was kann man machen? Der Tod gehört zum Leben, und das Leben gehört zum Tod.

 

 

Glossar

[1] Jeschiwa [Talmudschule]: Der Talmud diskutiert als zentraler jüdischer Gesetzeskodex Fragen aller jüdischen Lebensbereiche. Er besteht aus der älteren Mischna und der erläuternden Gemara.

 

[2] Unabhängigkeitskrieg Israels: Rund acht Stunden nach der Verlesung der Unabhängigkeitserklärung durch David Ben-Gurion dringen in der Nacht vom 14. auf den 15. Mai 1948 um 24 Uhr die Armeen fünf arabischer Staaten [Ägypten, Syrien, Libanon, Transjordanien, Saudi-Arabien und Irak] in Palästina ein. Ihr Ziel war es, ‚das zionistische Gebilde’ innerhalb von zehn Tagen von der Landkarte zu löschen. Nach dem Ende der Kampfhandlungen im Januar 1949 hatte Israel nicht nur das nach dem UN-Teilungsplan vorgesehene Gebiet gehalten, sondern Geländegewinne erzielt, vor allem im nördlichen Negev und rund um Akkon in Galiläa. Mit den meisten arabischen Staaten wurden Waffenstillstandsabkommen geschlossen. Ein Staat ‚Palästina’ wurde auf den verbleibenden Flächen nicht gegründet, weil die arabischen Staaten den UN-Teilungsplan ablehnten und hofften, die Existenz Israels sei nicht von Dauer.

 

[3] Schabbat [hebr.: Ruhepause]: der siebente Wochentag, der von Gott geheiligt ist, erinnert an das Ruhen Gottes am siebenten Tag der Schöpfungswoche. Am Schabbat ist jegliche Arbeit verboten. Er soll dem Gottesfürchtigen dazu dienen, Zeit mit Gott zu verbringen.
Der Schabbat beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend.

 

[4] DP-Lager waren Einrichtungen zur vorübergehenden Unterbringung so genannter ‚Displaced Persons‘ nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland, Österreich und Italien. Als ‚Displaced Persons‘ galten Menschen, die in Folge des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat geflohen, verschleppt oder vertrieben worden waren, z. B. Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, Konzentrationslagerhäftlinge und Osteuropäer, die vor der sowjetischen Armee geflüchtet waren.

 

[5] Tefillin: lederne ‚Gebetskapseln‘, die im jüdischen Gebet an der Stirn und am linken Arm getragen werden und Texte aus der Torah enthalten.

 

[6] Hans Frank [1900 – 1946] wurde im Oktober 1939 zum Generalgouverneur des besetzten Polen ernannt und setzte ein brutales Ausbeutungs- und Vernichtungsprogramm durch. Frank war mitverantwortlich für den Mord an polnischen Politikern und Intellektuellen, die Gettoisierung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung im Generalgouvernement und die Verschleppung von einer Million polnischer Zwangsarbeiter zum Arbeitseinsatz in der deutschen Rüstungsindustrie. Beim Vormarsch der Roten Armee auf Krakau flüchtete er am 17./18. Januar 1945, konnte jedoch verhaftet werden. Frank wurde vom Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit für schuldig erklärt und zum Tode verurteilt. Am 16. Oktober 1946 wurde er hingerichtet.

 

[7] Allee der Gerechten: Allee in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, an der Bäume gepflanzt wurden, die an jene nicht-jüdischen Menschen erinnern soll, die während des Naziregimes Juden beistanden.

 

[8] Kielce: Polnische Stadt rund 100 km nordöstlich von Krakow. Im Februar 1941 wurden 1004 Wiener Juden in das Ghetto von Kielce deportiert. Ende 1941 lebten ca. 27.000 Juden im Ghetto. Zwischen dem 20.und 24. August 1942 wurde das Ghetto liquidiert. Von den 1.004 deportierten Wiener Juden überlebten 18. 'Pogrom von Kielce': Im Juli 1946 attackierte lokaler Mob jüdische Holocaust-Überlebende. Das Ergebnis: 42 Tote und Dutzende Verletzte.

 

[9] Rosch Haschana [heb.: Kopf des Jahres]: das jüdische Neujahrsfest. Rosch Haschanah fällt nach dem jüdischen Kalender auf den 1. Tischri, der nach dem gregorianischen Kalender auf Ende September oder in die erste Hälfte des Oktober fällt.

 

[10] Jom Kippur: der jüdische Versöhnungstag, der wichtigste Festtag im Judentum.
Im Mittelpunkt stehen Reue und Versöhnung. Essen, Trinken, Baden, Körperpflege, das Tragen von Leder und sexuelle Beziehungen sind an diesem Tag verboten.

 

[11] Sechstagekrieg: Dauerte vom 5. Juni bis zum 10. Juni 1967. Die Kriegsgegner waren Israel und die arabischen Nachbarstaaten Ägypten, Jordanien und Syrien. Israel eroberte den Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel, die Golanhöhen und das Westjordanland.

 

[12] Jom-Kippur-Krieg [1973]: der vierte israelisch-arabische Krieg; begann mit einem Überraschungsangriff Ägyptens und Syriens am Jom-Kippur auf den Sinai und die Golan-Höhen, die Israel im Sechstagekrieg erobert hatte. Zunächst rückte die ägyptische und syrische Armee vor, danach wendete sich das Kriegsglück. Nach der zweiten Kriegswoche waren die Syrier vollständig aus den Golanhöhen abgedrängt worden. Im Sinai hatten die Israelis den Suezkanal überschritten und eine ägyptische Armee abgeschnitten, bevor der Waffenstillstand in Effekt trat.

 

[13] Die Verschärfung der politischen und wirtschaftlichen Krise in Polen 1980 bis 1981 führt am 13. Dezember 1981 dazu, dass das Kriegsrecht mit Verbot von Gewerkschaften und Streiks, erlassen wird.

 

[14] ESRA: 1994 gegründet, bemüht sich das psychosoziale Zentrum ESRA um die medizinische, therapeutische und sozialarbeiterische Versorgung von Opfern der Shoah und deren Angehörigen sowie um die Beratung und Betreuung von in Wien lebenden Juden; weiters bietet ESRA Integrationshilfen für jüdische Zuwanderer.

 

[15] Claims Conference ist ein internationaler Zusammenschluss von jüdischen Organisationen und vertritt Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer des Nationalsozialismus und Holocaust-Überlebender. Die Organisation hat ihren Sitz in New York. Die Claims Conference wurde 1951 gegründet.
 

Country: 
City: 
Wien

Interview details

Interviewee: Aron Neuman
Interviewer:
Tanja Eckstein
Month of interview:
Februar
Year of interview:
2003
Wien, Austria

KEY PERSON

Aron Neuman
Year of birth:
1917
City of birth:
Wodislaw
Occupation
after WW II:
Angestellter im Einzelhandel

AUDIO - INTERVIEW

Additional Information

Also interviewed by:
Spielbergs 'Shoah foundation'
Date of interview:
1997

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