Ruth Fischer

Wien, Österreich

Ruth Fischer
Wien
Österreich
Datum des Interviews: Mai 2002
Name des Interviewers: Zsuzsi Szaszi

 

 

 

 

  • Meine Familiengeschichte

Mein Name ist Ruth Fischer, ich wurde 1929 in Deutschland, Dresden geboren. Meine Grosseltern mütterlicherseits hatten ein Warenhaus in Dresden. Ich glaube das hat mein Großvater (Mosche Langer) aufgebaut, aber nicht einmal das könnte ich beschwören.

Wenn man jung ist fragt man nicht und dann ist zu spät. Das Kaufhaus steht nicht mehr, wir wissen die Adresse, aber dort steht etwas anderes.

Es gab viele Juden in Dresden vor dem Krieg. Jetzt haben sie eine neue Synagoge gebaut, eine sehr schöne. Vorher hatten sie eine Synagoge, die ist vom selben Architekten, der auch das Burgtheater gebaut hat. Die Synagoge seinerzeit war auch vor der Semper-Oper, aber die ist natürlich zerstört worden.

Jetzt ist an der selben Stelle noch einmal ein neuer Bau aufgestellt worden, aber das ist modern. Voriges Jahr war die Eröffnung. Wir haben nur den Platz gesehen, da war eine Säule, wo drauf stand, da war
die Synagoge. Aber den Friedhof haben wir besucht und er ist erhalten geblieben.

Die Mutter meiner Mutter ist sehr sehr früh gestorben, ich weiß nicht einmal, wie sie geheißen hat. Mein Grossvater Mosche Langer ist sehr jung verwitwet gewesen, er war noch nicht einmal 50, und wie das so in jüdischen Gemeinde Sitte war, hat man einem Herrn, der da alleine geblieben ist, eine Jungfrau angetragen und der hat er dann noch einmal geheiratet. Seine zweite Frau hieß Julia.

Der Großvater war im I. Weltkrieg im Militär, der Mosche Langer, aber der Vater auch, ich habe mal ein Bild gesehen, mein Vater auch. Der Großvater (Mosche Langer) hatte ausser meiner Mutter drei Töchter. Alle drei Geschwister waren verheiratet, alle haben im selben Haus gewohnt mit ihren Familien.

Das war so Sitte. Die eine Schwester (Langer, verh Zimmering) wurde eines Tages schwer krank und da haben die zwei Schwestern ihre Kinder groß gezogen. Sie haben die drei Kinder aufgeteilt und haben sie groß gezogen, weil sie nicht im Stande war, die Kinder selber groß zu
ziehen.
Die Kinder haben Zimmering geheißen Es waren 3 Brüder, die waren alle künstlerisch begabt, Schriftsteller, und einer davon war der Jossi, der war bei meiner Mutter und ist quasi wie ein Bruder geworden, sie haben auch zusammen gewohnt. Die anderen zwei Brüder waren bei der anderen Schwester.

Dieser Josi Zimmering wurde später Vertreter vom roten Kreuz für die DDR. Er arbeitete in Genf und einmal fuhr er mit der Familie im Auto zu Weihnachten nach Dresden, da passierte ein schrecklicher Unfall. Seine Frau
starb und er lag lange im Spital und hat dann später seine Sekretärin, die Margit, geheiratet und die hat dann seine Kinder groß gezogen.

Die Tochter ist Dolmetscherin geworden und der Sohn ist Arzt. Er ist jetzt in Berlin und seine Kinder sind beide Schauspieler, also die Enkelkinder vom Josi. Esti Zimmering heißt die Tochter, wie sie sich nennt, weiß ich nicht. Heute 
hat man keine Künstlernamen mehr. Die Leute heißen Zwitschkowitz und was weiß ich, wie sie sonst noch heißen. Der Sohn heißt David, der ist auch Schauspieler. 

Der Jossi ist vor 6 oder 7 Jahren gestorben, das ist nicht so lange her, wir haben noch Kontakt zu seiner zweiten Frau, zu dieser Sekretärin. Wir rufen uns an, wir schreiben uns, sie war schon hier und wir waren schon dort. Am Friedhof in Dresden hat mir die Margit noch Gräber gezeigt von der Familie.

Die Margit ist diese angeheiratete Sekretärin, die Nichtjüdin ist, die kennt sich besser aus als ich. 

Eine Schwester meiner Mutter hieß Clara, sie ist jung gestorben mit 19 Jahren. Sie war Klaviervirtuosin, hatte aber Halsdiphtherie, das war damals eine tödliche Krankheit. Man hat sie aufschneiden müssen, damit sie Luft kriegt, aber das hat nichts geholfen. 

Lea, die andere Schwester meiner Mutter, hat dort ein Ehrengrab, da liegt sie im nichtjüdischen Teil und ihr Mann auch. Weil sie zu kommunistischen Zeiten gestorben ist, da war eben nicht wichtig, daß sie Jüdin war. Lea war eine Malerin, obwohl der Schwiegervater sehr dagegen war, weil bei den Juden ja Malerei, Bildhauerei sehr verpönt sind.

Auch in den Synagogen sieht man, in den Reform vielleicht, aber in den richtigen Synagogen gibt es keine Bilder und keine Figuren und keine Engel und nichts. Also es war ihm nicht recht, dass sie gerade das als Beruf ausgewählt hat und sie war sehr schlimm, sie ging trotzdem auf die Kunstakademie in Dresden und wurde eine sehr berühmte Malerin. Lea Grundig, sie ist heute noch bekannt, aber hauptsächlich im Osten. 

Sie hat dann einen Nichtjuden (Hans Grundig) geheiratet, einen Maler, der ist dann zwar übergetreten, aber für die Nazis galt das nicht und sie mussten sich scheiden lassen. Es gab damals diese Zwangsscheidungen. Sie ging nach Palästina, sie war auf dem berühmten Schiff, auf der Patria.

Wir waren damals schon in Haifa, und da gab es die Sochnut, die hatten diese Listen. Es kamen Flüchtlingsschiffe, und jeden Tag, bevor er zur Arbeit ging, hat mein Vater die Listen studiert, ob vielleicht ein bekannter Name drauf ist. Es haben sich viele Leute auf diese Art und Weise gefunden.

So haben wir auch die Tante gefunden. Dann hat sie eine Zeit lang bei uns in Haifa gewohnt, dann ist sie nach Tel Aviv gezogen. Haifa war eine kleinebescheidene Stadt, für Kunst gab es keinen Markt. Sie hat dann jahrelang inTel Aviv gelebt, hat aber die ganze Zeit ihren Mann gesucht, der in

Deutschland geblieben ist. Dadurch, daß der Grundig übergetreten war, warer für die Deutschen irgendwie ein Jude und trotzdem nicht, und später, wodie Lage schon schlecht wurde, als man schon nehmen musste, was noch auf zwei Beinen herumstand, weil man niemanden mehr zum kämpfen hatte, haben die Deutschen die sehr jungen Männer und Mischlinge genommen und dann hat man ihn auch noch an die Front geschleppt.

Es ist in seiner Nähe eine Bombe gefallen, da ist er fast erstickt, er war sehr sehr schwer krank, aber meine Tante hat ihn mit Hilfe des Roten Kreuzes doch finden können. Worauf hin sie hat alles stehen und liegen lassen und ist zurück gefahren nach Dresden.

Da blieben sie noch zusammen, aber sie sind seit vielen Jahren jetzt tot. Sie wurde nicht ganz 70. Sie hatten alle keine Kinder. (Lea Grundig, geb. 23.3.1906 in Dresden, gestorben 10.10.1977 auf einer Mittelmeerreise, verh. 1928 in Dresden mit dem Maler Hans Grundig, 19.2.1901 Dresden - 11.9.1958 Dresden, beide Maler, Mitglieder der KPD, Gründungsmitglieder der "Dresdner Assoziation Revolutionärer Künstler Deutschlands", beide Professur an der Dresdner Hochschule der Bildenden Künste)

Meine Mutter war die einzige, die ein Kind hatte und auch nur eins. Das war damals so, weil man wusste nicht, was der Morgen bringt, und da ein Baby
sich anzuschaffen, zu der Zeit, wo der Alterabstand zu mir gepasst hätte, 
wäre dann nicht gut gewesen. 

Als wir 1932 geflüchtet waren, sind mein Großvater und seine Frau in Dresden geblieben. Als die Nazis kamen, hat man ihn verprügelt und seinen ganzen Besitz weggenommen und in so ein Internierungslager gesteckt. Dann ist er wieder draußen gewesen, da wollte er schon weg.

Wir waren schon längst in Palästina, da ist mein Vater noch einmal nach Europa gefahren, um ihn heraus zu holen. So kam er dann auch noch nach Israel, mit seiner zweiten Frau. Sie haben eine Zeit lang in Haifa gelebt und sind dann sie 
nach Tel Aviv gezogen.

Sie haben ein Geschäft aufgemacht, Bettwäsche nähen und reparieren, davon haben sie sich dann ernährt. Sie waren natürlich nicht mehr so jung. Mein Vater starb sehr jung und mein Großvater starb sogar nach ihm. 1957, 1958. Also, als die Doris auf die Welt gekommen ist, war er nicht mehr da, vor 1958.

Seine Frau hat ein bisschen länger gelebt, die war wesentlich jünger, aber ist auch schon viele Jahre tot. Sie hatte auch keine Kinder, weil, als sie geheiratet hatten, war sie schon längstnicht mehr in dem Alter, wo sie noch hätten Kinder kriegen können.

Die Familie meines Vaters Pinchas Mahler kam ursprünglich aus Polen. Ich weiß, mein Vater ist in Dresden aufgewachsen und hat kein Wort polnisch gesprochen. Er muss schon als sehr junges Kind nach Dresden gebracht worden sein, oder vielleicht wurde er in einem Grenzgebiet geboren, das früher zu Polen und dann nach Deutschland gehörte. Ich kenne mich nicht so genau aus. 

Der Großvater väterlicherseits war schon lange tot, als ich geboren wurde, ich weiß nicht einmal, wie er geheißen hat. Die Großmutter ist, glaube ich, in Holland gestorben, ich weiß, es gibt ein Foto von ihr. Aber ich kann mich nicht an sie erinnern. Mein Vater, der hat eine Schwester Milka und die zwei Brüder Jakob und David. 

Der eine Bruder ist im Krieg verschollen, der David, von dem hat man nie mehr was gehört, samt seiner ganze Familie. Und der andere Bruder und die Schwester, die haben auch in Dresden gelebt, die hat mein Vater mitgeschleppt. Als er nach Palästina ging, hat er sie überredet mitzugehen, und die sind dann mit ihren Familien mehr oder weniger zu gleichen Zeit wie meine Eltern weg aus Dresden, nach Palästina.

Haben auch in Holland warten müssen, bis sie ihr Zertifikat bekommen haben. Sein jüngerer Bruder, der Jakob, ist als erster nach Palästina gekommen. Die Schwester war auch vor uns dort. Jakob hat am Bau gearbeitet und Milka die Schwester, sie hat nichts gearbeitet. Sie lebte in Haifa und war professionell krank, sie war immer

krank, immer der Mittelpunkt, immer musste sie verwöhnt werden und immermusste sie bedient werden. Sie hat keinen Finger in kaltes Wasser gesteckt,auch in warmes Wasser nicht. Der Sohn, der Michi, hat irgendetwas mit Buchhaltung gemacht aber ich bin mir nicht sicher.

Der hat dann geheiratetund die haben alle in der selben Wohnung gewohnt. Seine Frau war ganz schönarm dran, musste dauernd die Schwiegermutter bedienen, noch dazu wo sieberufstätig war. Die Söhne von der Milka haben keine Möglichkeit gehabt einen Beruf zu erlernen.

Der einer wollte Arzt und der andere Rechtsanwalt werden, sie mussten das tun, was sich ergeben hatte und nachdem den einen, den Emil, immer Chemie interessiert hatte, hat er sein Studium begonnen, ist aber nie fertig geworden. Der war 13 Jahre älter als ich und hat dann eine Firma eröffnet in Haifa für Duft, Essenzen, für Seifen, Parfüms, Deodorant, parfümiertes Klopapier, also Duft. Irgendwer hat mal gesagt, er ist ein Stinker.

Er hat nur mit Duft zu tun gehabt und das haben seine zwei Kinder weiter geführt. Diese zwei Kinder sind jetzt auch schon Großeltern, Zevi und Milka. Milka nach der Mutter von Emil, die professionell krank war, die hieß auch Milka, so hat man auch seine Tochter nach der Mutter benannt.

Die Kinder leben noch heute in Haifa, haben schon Enkelkinder und sind noch immer dort. 

 

  • Meine Kindheit

Ich weiss nicht genau, wie meine Eltern sich kennen gelernt haben. Jahre später hat mir jemand gesagt, durch eine Ehevermittlung. Aber ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich glaube eigentlich nicht, ich glaube, es war einmal auf einer Party, aber ich weiß es nicht. 

Sie haben so 1924 oder 25 geheiratet. Als ich geboren wurde, waren sie schon ein paar Jahre verheiratet. Sie waren nicht besonders religiös, aber sie haben in der Synagoge geheiratet in Dresden. Manchmal hat man den Seder gehalten, zu Jom Kipur gefastet, manchmal, wenn man Freitag Abend zu Hause Kerzen gezündet hat, dann ist mein Vater in die Synagoge gegangen, aber auch nur zu Rosch Haschana und Jom Kipur.

Sonst war eigentlich nicht viel. 
Und zu Simchat Thora hat er mich mitgenommen, weil das für Kinder lustig war. Da war ich noch so klein, da durfte ich bei ihm in der Herrenabteilung sein. Wir hatten Fahnen und oben war ein Apfel und in den Apfel hat man eine Kerze hineingesteckt, das war sehr aufregend. Aber ob das sehr religiös war, weiß ich nicht, für die Kinder eher lustig. Aber besonders religiös waren wir nicht.

1930 hat mein Vater hat das Gefühl gehabt, man sollte weg, aber er hat keine Ahnung gehabt, was kommen wird. In Dresden hat es ihm nicht mehr gefallen, und da hat er gesagt, wenn wir schon weggehen, dann gehen wir nach Palästina.

Viele Freunde meiner Eltern sind nach Kanada gegangen. Da musste man auf die Zertifikate warten und wir haben 1,5 Jahre warten müssen. Als wir weg mussten von Dresden, war ich 2,5. An meinem 4. Geburtstag war ich schon in Israel. Die Zeit zwischen 2,5 und knapp 4 war ich in Holland. 

Ich kann mich aus Dresden leider an nichts erinnern. Ich kann mich auch nicht an Holland erinnern. Ich nehme an, wir sind nach Holland gegangen, weil es das nächste war. Meine Eltern wollten raus aus Deutschland und haben dort Arbeit gefunden, also mein Vater, meine Mutter hat nicht gearbeitet.

Ich glaube, er arbeitete in einem Restaurant in Holland, wir wollten aber weiter fahren nach Palästina. Wir waren in Amsterdam, wir hatten ein kleines Haus mit Garten. Man musste sich bei der englischen Behörde anmelden und warten, bis man dran kommt.

Man hat nur ein gewisse Anzahl pro Monat ins Land gelassen. Ich glaube, die Araber haben damals nicht zugelassen, man musste das sehr behutsam machen und musste eben warten bis man dran kommt. 

Wenn man damals Deutschland verlassen wollte, konnte man sich noch entscheiden, man konnte noch seine Sachen packen und Möbel mitnehmen. Meine Mutter hat sehr schöne Möbel gehabt aus Kirschholz, das hat sie mir immer wieder erzählt.

Mein Onkel Jakob war ein paar Monate vor uns in Palästina und hat uns geschrieben, "Man lebt hier sehr primitiv, Du brauchst die Sachen nicht mitnehmen, das passt hier nicht hinein". Und sie hat nichts von ihren schönen Sachen mitgenommen.

Das hat sie Onkel Jakob nie verziehen. In Israel musste sie alles neu kaufen und noch dazu war in Israel alles noch recht primitiv, es war auch noch viel Ungeziefer, es waren noch nicht alle Strassen gepflastert. Über Nacht hat man die Hyänen heulen gehört, das klang wie heulende Kinder, hier und da hat man auch noch kleine Schlangen gesehen, ob sie giftig waren oder nicht, weiß ich nicht. 

Jeder musste das arbeiten, was er gerade gefunden hat. Sogar ein Arzt musste alle Prüfungen auf Englisch noch einmal machen. Mein Vater hat dann mit einem anderen Herren, den er dort kennen gelernt hat, eine Tischlerei aufgemacht. Davon haben wir dann gelebt.

Später hat er dann bei der englischen Marine gearbeitet, er war der buyer, also der Einkäufer. Also alles mögliche. Eines Tages hat er einen Eiskasten für die Frau vom Kapitän kaufen müssen, am nächsten Tag irgendetwas anderes, aber es waren immer hoch interessante Geschichten, die er erzählt hat, als er nach Hause kam. 

Er war ein großer Erzähler. 

 

  • Während des Krieges

Knapp vor Kriegsbeginn ist mein Vater noch einmal nach Deutschland gefahren, um meinen Grossvater nach Palästina zu holen. Es war Anfang 1939, und meine Mutter hat schreckliche Angst gehabt, dass er nicht mehr rauskommt, wenn er nach Europa fährt, aber er ist trotzdem gefahren und ist G'tt sei Dank wieder heil rausgekommen.

Er ist von Haifa nach Ägypten und von dort ist er geflogen über Kairo, kann ich mich erinnern. Alle waren sehr nervös, es war ja ganz knapp vor Kriegsbeginn. Ich habe alles so nebenbei mitgekriegt, als Kind nimmt man das alles nicht so.

Auch der Krieg war für uns recht lustig, wir waren in den Luftschutzkellnern, da waren alle Kinder und man konnte in der Nacht auch noch spielen, nicht nur am Tag. Die Kinder nehmen das nicht so und die Gefahr war uns irgendwie nicht 
bewusst.

Haifa war auch ziemlich sicher, weil damals die Flugzeuge nicht sehr weit fliegen konnten, weil sie nur ein begrenztes Quantum an Sprit mitnehmen konnten, sie waren nicht interessiert, Wohnhäuser zu bombardieren, also gingen sie eher auf die Raffinerien.

Haifa selbst ist nicht bombardiert worden, Tel Aviv ist schon bombardiert worden. Die großen Ölraffinerien waren das Ziel, das war für die Kriegsführung wichtig, das hat damals noch zu England gehört. Und da haben sie meist gebombt,
außerhalb der Stadt, wo die Raffinerien standen.

Die Stadt hat eigentlichnur zufällig einmal am Stadtrand eine Bombe abgekriegt. Tel Aviv liegt jaflach in den Dünen, Sand gab es dort genug und man hat Ziegelhäuser gebaut,dort war es auch viel gefährlicher, in Haifa hat man mit Zement gebaut und wenn sogar eine Bombe gefallen wäre, hätte es höchstens einen Stock erwischt, aber das restliche wäre stehen geblieben.

In Haifa haben dafür die Raffinerien gebrannt, das waren Flammen, die haben die ganze Stadt hell gehalten. Das war scheußlich. Wir waren aber glücklich in Israel, das kann ich sagen. Wir alle waren im selben Boot, alle waren bescheiden, keiner hatte mehr als der nächste, jeder musste sich anpassen und es war eigentlich eine sehr schöne Atmosphäre. 

Mit den Nachbarn war man befreundet, man hat sich seinen Kreis gefunden. Die Freunde meiner Eltern waren alle Deutschsprechende. Teils Österreicher, teils Deutsche, aber alles Deutschsprechend. Es hat sich in Haifa so eingeteilt. Da waren die Polen, die haben sich in einem Stadtteil niedergesetzt, die Ungarn oder die Russen wo anders.

Die Russen eher weniger, damals eher Ungarn. Und Deutsche auch. In unserem Haus haben eigentlich alle deutsch gesprochen. Also, mir ist gar nicht aufgefallen, für mich als Kind war das alles so selbstverständlich. Meine Mutter hat aber auch Ivrit gelernt.

Wie die Deutsche das so genau machen, sie ist zu einem Lehrer gegangen und hat das richtig schön mit der Punktierung und allem gelernt. Ganz offiziell. Mein Vater kannte die Buchstaben vom Beten, also für ihn war es nicht so schwer, nicht daß er so schrecklich viel gebetet hat, aber die Buchstaben waren ihm bekannt, und durch das tägliche Leben bei der Arbeit ist einem nichts anderes übrig geblieben. 

In Palästina hat man uns Jekkes genannt. Das ist eine Abkürzung für Jehudik Schehavana, das ist auf hebräisch ein Jude, der schwer von Begriff ist, weil sie sich über die Deutschen lustig gemacht haben. Es war ja damals alles primitiv, es war alles nicht so schön geordnet und einfach wie daheim.

Es gab keine Waschmaschine, man hat zu Hause die Wäsche ausgekocht, es gab auch keine elektrischen Eiskästen. Es existierte einfach noch nicht. Alles war einfach viel primitiver, kleiner und enger als in Europa. Aber die Deutschen haben versucht, wie in Deutschland zu leben. Sie waren genau, sie waren Pedanten, sie sind trotz großer Hitze mit Strümpfen gegangen, die Damen und die Herren mit Krawatte und man hat sie ausgelacht.

Man hat immer gesagt, sie passen sich nicht an, die sind schwer von Begriff. Da gab es ein Dorf, das war ungefähr eine Stunde mit dem Auto entfernt von Haifa, Naharia. Man hat immer gesagt, wenn man an Naharia vorbei fuhr, hörte man immer ein Geräusch und keiner wusste was es war. Und dann hat es geheißen, die Deutschen arbeiten am Bau und da geben sie sich gegenseitig die Ziegel weiter.

Man hat doch keine Maschinen gehabt, man hat alles händisch gemacht und da geben sie die Ziegel einer dem anderen und sagen "bitte schön, danke schön, bitte schön, danke schön". Das ist, was man gehört hat, wenn man an Naharia vorbeigefahren ist. Man hat sich über die Deutschen lustig gemacht. Sie waren tüchtig. Und fleißig, wie eben die Deutschen sind. 

Ich war in Israel zuerst im Kindergarten, dann war ich in der Schule. Da gab es Schulen von der Stadt und dann gab es noch von den Engländern, die Englisch High School und die Franzosen hatten dort auch ein Lycee Francais, genau wie hier in Wien. Meine Eltern haben mich eben in die strenge deutsche Schule gesteckt, die hat sehr viel gekostet.

Die hat mehr kostet, als was ein Polizist im Monat verdient hat, aber man hat auch sehr viel gelernt. Der Direktor war der berühmte Dr. Biran, ein Deutscher. Da musste man immer gerade sitzen und man hat sehr viel lernen müssen, es wurde sehr viel verlangt und es war eigentlich die teuerste Privatschule, die es überhaupt gab. 

Die Unterrichtssprache in der Schule war hebräisch, englisch hat man erst in der ersten Oberstufe angefangen. In Israel gab es damals 4 Volksschulklassen und dann 8 Oberstufenklassen. Heute ist es 6 und 6. Damals hat man mit dem Englischen begonnen in der ersten Oberstufe, also im 5. Schuljahr.

Dann haben wir Englisch gehabt und im 7. Schuljahr hat man dann noch Französisch und Arabisch gehabt. Arabisch war Pflicht, Englisch war Pflicht, Französisch konnte man wählen, da gab es Biologie oder Französisch. Da hat es sich dann aufgeteilt, da gab es verschiedenen Strömungen.

Zum Beispiel Mathematik, das war eine Richtung, für die hatte ich gar kein Interesse, Biologie hat mich auch nicht gerade gefreut, und da blieb mir das Französische übrig, was sich später als Glück erwies, weil meine Tochter nach Frankreich geheiratet hat. Zu Hause haben wir deutsch gesprochen, die Buchstaben kannte ich vom englischen.

Und als ich hier her (nach Wien) gekommen bin, habe ich mit den Kindern langsam gelernt. Schreiben kann ich noch immer nicht fehlerfrei, weil ich es nie richtig gelernt habe. Ich habe nicht gleich nach der Schule geheiratet, weil ich zum Militär musste.

Das war auch für Mädchen nicht freiwillig, so wie es heute ist. Damals war es zwei Jahre für Buben und zwei Jahre für Mädchen, aber ich musste nicht die ganzen zwei Jahre bleiben. Da war noch Krieg am Anfang, Befreiungskrieg, und als er zu Ende war, hat man drei Kategorien entlassen.

Die ersten waren die Verrückten, also die Geistesgestörten, dann Leute mit Ulcus, weil für die war es schwierig, eine Küche zu finden, für die musste man extra kochen, und die dritte Kategorie waren Schüler, und unter denen wurde ich dann entlassen. Ich hatte vor dem Militär noch angefangen die Kindergartenschule, die hatte ich nach meiner Entlassung von der Armee zu Ende gemacht. Ich hatte also nicht die ganzen zwei Jahre abgedient, aber ich musste noch Reservedienst leisten, bis unsere Tochter kam. Weil jeder Reservedienst leisten muss, ein Monat im Jahr, je nach Rang. Ich hatte  zwei Streifen, also ich musste ein Monat im Jahr. 

 

  • Nach dem Krieg

Ich habe meinen Mann Hanns Fischer in Palästina kennengelernt, nach dem Krieg. Wir haben uns sozusagen durch die Kultur kennengelernt. Es gab ein sehr berühmtes Theaterstück, und die Schüler mussten sich das anschauen. Da war ich mit meiner Schule, er mit seiner Schule und da war ein anderer aus seiner Klasse, der einen gekannt hat aus meiner Klasse, weil sie beide in einem Dorf außerhalb von Haifa gewohnt haben.

Der hat uns dann vorgestellt. Indirekt sozusagen. Seine Eltern stammen aus Wien und sind auch vor dem Krieg nach Palästinagekommen. Über Umwege natürlich. Er war in der Seemannsschule, aber bis ermit der Schule fertig war, war das Mandat zu Ende, es gab auch keineSchiffe, also, was macht man mit der Seemannsschule.

Außerdem habe ichgesagt, wenn er zur See geht, heirate ich ihn nicht. Wenn er alle paarMonate zurück kommt, das ist nicht für mich. Er konnte sofort zustimmen,weil es ja keine Schiffe gegeben hat...Wir waren sehr jung, als wir und kennengelernt haben. Ich war 15 und er war17, ich ging weiter zur Schule und wohnte bei meinen Eltern und er gingweiter zur Schule und wohnte bei seinen Eltern.

Das ist nicht so wie heute,dass man zusammen zieht oder solche Sachen. Unerhört... Ich habe dann einKindergartenseminar absolviert, habe dann in einem Kindergarten gearbeitetund 1950 haben wir dann geheiratet.Mein Vater ist sehr jung gestorben, er war 54 Jahre alt.

Er ist gestorben,als meine Tochter 6 Monate alt war. Das war 1954. Er hat einen Herzinfark gehabt. Damals hat er noch eine Firma gehabt, Dachisolierungen. Dadurch,dass die Hitze so groß ist und in Israel die Dächer flach sind und man hatte nicht so mit Ziegel gebaut, was die Hitze eventuell aufnehmen würde, war das Isolierungsmaterial sehr wichtig, da hat sich mein Vater mit einem Chemiker zusammengetan. 

Drechsler hieß er, ich kann mich noch erinnern. Da war doch diese Stadt vor Naharia, Akko, die noch aus den Kreuzritterzeiten steht, da hat man angefangen ein Industriezentrum zu bilden, da haben sie eine kleine Firma hingestellt, die dieses Isoliermaterial erzeugt hatte. 

Nachdem er gestorben ist, haben meine Schwiegereltern, die mittlerweile wieder in Wien waren und ihr Firma zurückbekommen haben, darauf bestanden, daß ihr Sohn nach Wien kommt, und nachdem meine Mutter alleine geblieben ist und ich ihr einziges Kind war, da ist sie mit mir gekommen und hat in Wien gelebt, bis sie gestorben ist. Sie hat sich aber nicht wirklich wohl gefühlt in Wien. Wir waren ja von 1932 bis 1959 in Israel.

Das ist eine lange Zeit. Ich bin auch ungern gekommen von Haus aus, weil ich in Israel zu Hause war und wir hatten unseren Kreis, unsere Freunde. Mit den Schwiegereltern habe ich mich nicht sehr gut vertragen und hier war ich ihnen mehr oder weniger ausgeliefert.

Und meine Mutter natürlich auch. Meine Mutter war sehr schweigsam und nicht extrovertiert, sie hat sehr schwer Bekannte gefunden. Die längste Zeit war sie mehr oder weniger auf mich angewiesen und das hat ihr nicht besonders gut gefallen.

Wir haben damals schon hier im 19. Bezirk gewohnt, und wenn sie in die Stadt, ins Theater oder irgend wohin gefahren ist, musste sie immer mit derStraßenbahn und dann das ganze Stück zu Fuß rauf. Sie hat die erste Zeit
hier gewohnt, da war sie nicht sehr glücklich, weil sie nur mit uns mitgehen konnte, und wenn sie allein ging, musste sie schauen, vor der Dunkelheit da zu sein, das hat sie sehr eingeschränkt, und da ist sie dannin die Stadt gezogen.

Da konnte sie die Nachmittagsvorstellungen im Theater besuchen und noch vor Dunkelheit nach Hause kommen.

Sie hat die Straßenbahnstation nicht weit von zu Hause gehabt, da ging es schon etwas besser. Aber ob sie super glücklich war, das weiß ich nicht. Sie ist immer nach Israel gefahren und da ist sie manchmal gleich ein paar Monate geblieben. Zuerst hat sie sich noch eine Wohnung gehalten, dann hat sie die Wohnung aufgegeben, aber sie ist immer länger geblieben in Israel. Sie ist dann in Wien gestorben ca. 1970. 

Ich habe zwar als Kindergärtnerin gearbeitet, als ich ein junges Mädchen war, aber nachdem ich meinen Mann (Hanns Fischer) geheiratet habe, arbeitete ich nicht mehr. Das schickt sich ja nicht. Erstens hätte man mich nicht genommen, weil mein Deutsch nicht gut genug gewesen wäre und zweitens hätte es sich nicht geschickt, dass die Schwiegertochter von einem Industriellen arbeiten geht, das hätte geheißen, er verdient nicht genug. 

Das war damals nicht so wie heute, dass jede Frau arbeiten geht, egal ob der Mann verdient oder nicht. Damals ist eine Frau arbeiten gegangen, weil sie das Geld gebraucht hatten. Im Betrieb hätte ich auch nichts tun können, weil ich vom Geschäfte überhaupt nichts verstehe.

Sie beschäftigten sich mit Metallwarenerzeugung und wie mein Schwiegervater mir das so taktvoll gesagt hat: wenn ich in die Firma eintrete, geht sie bald pleite, also nachdem ich auch keine Ambitionen auf diesem Gebiet hatte, blieb ich gerne zu Hause. 

Wir haben zwei Töchter, Dalia und Doris. Die eine ist 1953, die andere 1958 geboren noch in Israel. Heute leben sie in Strassbourg und Haifa. Als sienoch klein waren, sind wir im Sommer immer nach Israel gefahren, sind 4, 5, 6, 7 Wochen geblieben.

Mein Mann hat hier seine Arbeit abgearbeitet und hat sich dann nur zwei oder drei Wochen gegönnt, uns nachzukommen. Wir waren dort den ganzen Sommer, die Kinder waren in so einem Kinderlager und dadurch haben sie sich auch mit der Sprache vertraut gemacht. Ihre Muttersprache ist zwar deutsch, abe wir reden mit ihnen einen Misch Masch, ich habe die Kinder in Wien auch hebräisch unterrichten lassen. 

Als ich klein war, wollte meine Mutter mir deutsch beibringen in Israel, schreiben und lesen, aber bei der Mutter hat man keine Lust, man macht auch keine Aufgaben, also es hat nicht viel gebracht. Deswegen habe ich hier eine Lehrerin engagiert, weil ich gewusst habe, wenn ich meine Kinder hebräisch unterrichte, werden sie mir genauso folgen, wie ich meiner Mutter gefolgt habe... 

Als Doris, die jüngere Tochter, nach Israel ging, wollte sie auf die Uni, da sind sehr viele ausländische Studenten und die müssen ein Jahr hebräisch lernen, bevor sie die Aufnahmeprüfungen machen konnten, aber sie musste das nicht, sie konnte gleich studieren. Das zeigt, dass die Lehrerin sehr gut war.

Sie hat ein Jahr gespart. Wenn man 21 ist erscheint einem das nicht so wichtig, aber trotzdem, es war ganz angenehm. Sie hat in Israel einen medizinisch-technischen Beruf erlernt. Sie ist Orthopistin geworden. Zuerst hat sie bei diesem Emil gewohnt, bei diesem Cousin, und dann ist sie in ein Studentenheim gezogen.

Sie hat uns immer ellenlange Briefe geschrieben, bis zu 24 Seiten und da waren wir nicht so glücklich. Weil, wenn ein Kind so viel Zeit hat zu schreiben, dann zeigt das, daß sie nicht viel anderes hat außer lernen. Und da hat sie immer geschrieben, sie war da, sie war dort, und dann wurden die Briefe eigenartig, sie hat auf einmal nur noch Frauen und Kinder erwähnt.

Ich habe gemeint, das ist komisch, das gibt es doch gar nicht, plötzlich kennt sie überhaupt keine Männer mehr... Sie hat nie mehr Burschen erwähnt, es war ganz merkwürdig... Wir haben sie öfters angerufen, und als wir sie besucht hatten, haben wir gesagt, "Du, wenn Du nicht glücklich bist, Du musst nicht bleiben, geh wo anders hin, Du kannst nach Straßbourg zur Schwester gehen, Du kannst nach London fahren und kannst, wo Du willst, studieren oder machen, was Du willst, zwing Dich nicht". 

Dadurch, daß ich immer etwas pro Israel zu Hause war, zu meiner Schwiegermama unter anderem, hatten wir Angst, daß sie sich unter Druck fühlt und traut sich nicht zu sagen, "Es gefällt mir hier nicht". Sie war ziemlich einsam, der Emil und seine Frau waren zwar reizend zu ihr, aber nicht die passende Gesellschaft, und die Kinder von ihm waren auch schon älter als sie, die waren schon verheiratet zu dem Zeitpunkt.

Also hatte sie wenig Gesellschaft. Sie hat mit zwei arabischen Mädchen im Studentenheim so eine Dreierwohnungen geteilt, es war sehr nett, aber sonst war wenig Gesellschaft. Und mit den Kindern von unseren Freunden von früher haben wir sie in Kontakt gebracht, sie hat sie doch auch gekannt durch diese sommerlichen Besuche dort.

Aber die hatten auch schon ihren Kreis und die Israelis nehmen nicht gerne Fremde an, bis man sich einlebt, muss man zweiJahre durchstehen. Das erzählt jeder. Dann haben wir ihr gesagt, "Wenn es Dir nicht gefällt, brauchst Du Dich nicht schämen, ist nicht jeder manns Sache!".

"Nein, nein, ich muss es durchstehen, man kann die Flinte nicht ins Korn werfen", sagte sie . "Hör zu, wenn es Dir nicht gefällt, wir sind einverstanden, Du kannst entscheiden, wie Du willst." Und eines Tage wurden diese Briefe dann kürzer und es wurden nie mehr Männer erwähnt. Im Studentenheim war das Telefon in der Halle, weil es für die drei Mädchen dienen sollte und es hat immer schrecklich lange gedauert, bis man sie gerufen hat und es war damals noch sehr teuer.

Eines Tages hat sie gesagt, "Ihr könnt mich auch unter der Nummer erreichen". Sie hat uns eine andere Telefonnummer gegeben und ich wusste nach der Vorwahl, nach den ersten drei Zahlen, wo es in Haifa ist. Zufällig habe ich Freunde in der Gegend gehabt, die hatten die gleiche Vorwahl.

Da dachte ich mir nur, "Aha, recht interessant", habe aber nichts gesagt. Dann kam sie mal auf Urlaub hierher nach Wien und wollte für einen Bekannten einen Pullover kaufen, wir sind Pullover kaufen gegangen, sie hat weiter nichts gesagt und den hat sie dann geheiratet.

Er heißt Ejal, drei Söhne haben sie. Der große wird in September 16, der zweite ist jetzt zu Ostern 14 gewesen und der andere wird im Juli 10, aber der ist krank. Funktioniert nicht, von Geburt an, keiner weiß warum. Die Schwangerschaft war in Ordnung, die Geburt war in Ordnung und das Kind ist nicht in Ordnung und keiner weiß warum.

Er kann nicht sitzen, er kann nicht stehen, er kann nicht sprechen, er kann gar nichts. Wenn er eine trockene Hose hat und einen vollen Magen, ist er sehr gut gelaunt. Und wenn er das eben nicht hat, weint er, weil er das ja nicht sagen kann. 

Er kann nur weinen oder lachen und wer ihn kennt, weiß es. Die Bruder sind sehr nett zu ihm, sie lieben ihn heiß, verwöhnen ihn nach allen Regeln der Kunst und er geht in so ein Tagesheim. Wird in der Früh abgeholt und wird um 6 am Abend zurück gebracht, weil unsere Tochter berufstätig ist.

Zuerst wollte sie ihren Beruf aufgeben und mit dem Kind bleiben, das hat sie auch viele Monate gemacht, bis ihr ein Kollege gesagt hat: "Du bist verrückt, wenn Du nur mit dem kranken Kind eingesperrt bist, ist das weder für das Kind gut, noch für Dich."

Zuerst wollte sie nicht hören, dann hat sie sich überreden lassen, und er ist sehr gut dort aufgehoben. Um 6 in der Früh holt man ihn ab, das selbe Taxi bringt ihm am Abend zurück, und sie geht inzwischen arbeiten. Amit heißt der große Enkel, das bedeutet auf hebräisch "der Freundliche", und das passt zu ihm.

Der zweite heißt Eran, das heißt "aufgeweckt", das passt zu ihm auch und der dritte, Ronen, "der Fröhliche". Er ist eigentlich ein fröhliches Kind. Gut, er weiß ja nicht, dass er ein armer Hund ist. Er ist eigentlich immer gut gelaunt, hübsches Kind, schaut nicht irgendwie mongoloid, debil aus. 

Die anderen zwei spielen je zwei Instrumente. Sie sind beim Haifa- Jugendorchester. Beide spielen Klavier und der eine spielt das andere Zeug, diesen riesen langen Besen, Oboe, und der zweite spielt Saxophon. Und sie lernen sehr sehr brav, sind wunderbare Schüler beide. Ansonsten sehr nette Kinder, schlimm, brav, wie es eben geht. 

Die andere Tochter, die Große, die Dalia, die hat in Genf Dolmetsch studiert. Es hieß aber, für die Dolmetschschule muss man 2 Sprachen beherrschen. Da hat sie gesagt, deutsch und englisch, ging nach London und hat dort eineSchule besucht, Cambridge Proficency Certificate hat sie bekommen, dann kam sie zurück, da hieß es, sie geht jetzt nach Frankreich für französisch. Und wenn man Frankreich sagt, denkt man gleich an Paris... 

Mein Mann hat Verwandte in Paris noch zu damaliger Zeit gehabt, aber da dachten wir, wenn sie bei der Familie wohnt, wird sie nur deutsch sprechen und sie wird kein französisch lernen. Da ging sie nach Lausanne. Unsere Tochter hat bei einer Familie gewohnt, dort war ihr sehr langweilig, weil sie keine Gesellschaft hatte, da ging sie zu den jüdischen Studentenorganisation und hat dort ihren Mann kennengelernt.  

Er heißt Charles Kubin. Seine Familie stammte aus Jerusalem, noch von Zeiten der Türken. Als die Türken dort regiert hatten, haben sie zur Armee auch jüdische Männer genommen und da sind viele Juden weg, weil sie nicht zur türkischen Armee gehen wollten und sind nach Marokko gegangen.

Er ist in Marokko geboren, seine Muttersprache ist arabisch und französisch, deswegen war er in Lausanne zum Studium, er hat Jus und Wirtschaft studiert. Sie haben jetzt einen 20jährigen Sohn, er heißt Alex. Der Junge wollte auch 
Wirtschaft studieren, aber es haben sich hunderte gemeldet und er hat keinen Platz gekriegt.  

Da hat man ihm gesagt, er soll mit Jus anfangen, wenn es bis zu einem gewissen Punkt macht, kann er automatisch ins andere Studium übertreten. Inzwischen gefällt ihm Jus, und da hat er beschlossen, dabei zu bleiben. 

Meine Enkelkinder können alle deutsch, der Alex zum Beispiel hat maturiert in deutsch. Er ging in eine Schule, das war so eine Art internationale Schule, die Unterrichtssprache war französisch, aber man konnte als Zusatzsprache eine wählen: Spanisch, italienisch, deutsch oder englisch. 

Unsere Tochter hat deutsch für ihn gewählt, weil englisch hätte er später sowieso gehabt. Er hat maturiert in deutsch. Aber er wird nicht sprechen, auch wenn sie ihn totschlagen. Wenn wir uns unterhalten, muss er sich mit meinem französisch abplagen. 

Die anderen Enkelkinder in Israel haben privat Deutschunterricht bekommen. Wir reden mit ihnen hebräisch, das ist kein Problem, aber sie sind jeden Sommer uns besuchen gekommen und haben sich nicht wohl gefühlt, weil sie 
niemanden verstanden haben und da haben sie gesagt, sie wollen deutsch lernen.

Die Tochter hat dort vom Goethe-Institut eine Lehrerin genommen und hat sie privat unterrichten lassen.

Country: 
City: 
Wien

Interview details

Interviewee: Ruth Fischer
Interviewer:
Zsuzsi Szaszi
Month of interview:
Mai
Year of interview:
2002
Wien, Österreich

KEY PERSON

Ruth Fischer
Year of birth:
1929
Decade of birth:
1920
City of birth:
Dresden
Country name at time of birth:
Deutsches Reich 1919–1937
Occupation
after WW II:
Kindergärtnerin
Family names
  • Previous family name: 
    Mahler
    Year of changing: 
    1950
    Reason for changing: 
    Heirat
    Decade of changing: 
    1950
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