Imre Rosenberg

Rosenberg Imre anyai nagyanyja Gizella nevû leánya esküvõjénWien, Österreich

Imre Rosenberg
Wien
Österreich
Datum des Interviews: Mai 2003
Name des Interviewers: Tanja Eckstein

Nach telefonischer Vereinbarung empfing mich Herr Rosenberg, ein sehr sympathischer älterer Herr im Büro seiner Handelsfirma, im 1.Bezirk, in Wien. Er hatte sich für das Interview gegen den Willen seiner Frau entschieden. Kurz nach Beginn des Interviews wusste ich, warum seine Frau dagegen war. Bei jeder Frage, die Personen seiner großen jüdischen Familie oder sein Familienleben vor dem Holocaust betraf, konnte Herr Rosenberg nur sagen: ‚Es war eine wunderbare, warme Familie’, dann fehlten ihm die Worte und er weinte. Ich bot ihm mehrmals an, das Interview abzubrechen, aber er wollte weiter erzählen. An seiner Geschichte, bei der viele Informationen fehlen, erlebte ich die Grenzen der Interviewertätigkeit. Imre Rosenberg hatte einmal eine große, warme Familie...

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Während des Krieges
Nach dem Krieg
Glossar

 

 

Meine Familiengeschichte

Mein Großvater väterlicherseits hieß Abraham Jehuda Rosenberg, nach ihm wurde ich benannt. 1855 wurde er in dem Dorf Vizsoly, in Ungarn, geboren. Vizsoly liegt nicht weit von dem Ort Abaujszanto entfernt, in dem ich aufwuchs. Mein Großvater war ein Talmudgelehrter [1]. Die ganze Familie väterlicherseits waren Talmudgelehrte. Ich kannte zwei Brüder und zwei Schwestern meines Großvaters: Onkel Mordechai lebte wie wir in Abaujszanto und war Talmudgelehrter, und Onkel Schmuel lebte in Szkaros, hatte eine große Familie und war sogar ein sehr großer Talmudgelehrter. Die Schwestern meines Großvaters, Tante Jenny und Tante Jolan lebten in der ungarischen Ortschaft Vilmany, nicht weit von Vizsoly entfernt

Meine Großmutter väterlicherseits hieß Sara und war eine geborene Desberg. Sie wurde im Jahre 1861 in Abaujszanto geboren. Die Großmutter kam aus einer reichen jüdischen Familie, ihre Eltern besaßen eine Landwirtschaft. Damals suchten Eltern für ihre Töchter gute Burschen, die Bildung hatten. Ein Talmudgelehrter wurde sehr gern ins Haus genommen, und mein Großvater war ein sehr gebildeter Talmudgelehrter. Nach der Heirat kam er in das Haus meiner Großmutter, und man gab ihm eine Beschäftigung.

Meine Großeltern besaßen eine Gastwirtschaft, das war zu jener Zeit ein jüdisches Gewerbe. Die Gastwirtschaft führte meine Großmutter, der Großvater war mit Lernen beschäftigt. Er starb sehr früh, im Alter von 54 Jahren, ungefähr im Jahre 1909. Meine Großeltern hatten fünf Söhne: Moritz, Leopold, Franz, Adalbert, meinen Vater Emanuel und eine Tochter Gisela.

Onkel Moritz war Kaufmann und besaß ein Möbelgeschäft. Er war verheiratet mit Rosa Wasservogel, sie lebten in der Slowakei, in Nove Mesto nad Vahom und hatten zwei Söhne, Adolf und Imre. Tante Rosa war aus Nove Mesto Nad Vahom, und mein Onkel Moritz war zu ihr gezogen. Beide wurden im KZ Bergen Belsen [Deutschland] ermordet. Adolf überlebte in der Slowakei und nach dem Krieg ging er nach Israel, wo er starb. Imre war bei der tschechischen Regierung ein hoher Beamter und ging nach dem Krieg nach Kanada.

Onkel Leopold war mit Piroschka Kepes verheiratet und besaß ein Furniergeschäft.
Er hatte mehrere Kinder: Klara, Andor, Ladislaus und Magda. Klara und Ladislaus leben in Amerika. Andor lebt in Wien und Magda, die 1944 schon verheiratet war, wurde in Auschwitz ermordet. Auch Onkel Leopold und Tante Piroschka wurden in Auschwitz ermordet.

Onkel Franz war mit Manci verheiratet, und sie besaßen ein Schuhgeschäft. Sie hatten drei Kinder, deren Namen ich nicht mehr weiß. Tante Manci und die Kinder wurden in Auschwitz ermordet, Onkel Franz überlebte ein Arbeitslager und starb 1978 in Wien.

Mein Onkel Adalbert fiel im 1. Weltkrieg.

Tante Gisela war mit Herrn Frankl verheiratet. Sie hatten keine Kinder. Beide wurden in Auschwitz ermordet.

Mein Vater hieß Emanuel Rosenberg und wurde 1893 in Abaujszanto geboren. Er besuchte die Mittelschule und die Talmudschule. Mein Vater und zwei seiner Brüder waren Soldaten im 1. Weltkrieg. Mein Onkel Adalbert fiel im 1. Weltkrieg und mein Vater zog sich durch eine falsch behandelte Gelenksentzündung eine Herzklappenkrankheit zu, die die Ursache seines frühen Todes war. Als er im Jahre 1937 starb, war er erst 44 Jahre alt.

Meine Großmutter starb 1933 in Abaujszanto, da war sie 72 Jahre alt. In Abaujszanto gibt es einen großen jüdischen Friedhof. Alle meine Verwandten sind dort am Friedhof und deshalb habe ich den Friedhof in Ordnung bringen lassen. Es war einmal eine große jüdische Gemeinde in Abaujszanto, nun ist wenigstens der Friedhof halbwegs in Ordnung.

Mein Großvater mütterlicherseits hieß Miklos Fried. Wo er geboren wurde, weiß ich nicht.
Sicher hatte der Großvaters Geschwister, aber ich kannte sie nicht.

Meine Großmutter war eine geborene Schwarz. Sie verbrachte ihr ganzes Leben in Csenyete. Sie war sehr religiös, alle waren sehr religiös. Über Brüdern und Schwestern meiner Großmutter weiß ich nichts.

Die Familie mütterlicherseits war auch sehr religiös, das war dort jeder, aber sie waren nicht so gelehrt, wie die Familie väterlicherseits. Sie waren eher einfache Leute, aber religiös war jeder. Die Großeltern lebten in Csenyete, das ist ein kleiner Ort, zwanzig Kilometer von Abaujszanto entfernt. Dort hatten sie ein Dorfgeschäft, das war ein Geschäft, in dem man alles kaufen konnte, von Lebensmitteln bis zu Petroleum. Landwirt war mein Großvater auch, er besaß Felder, viele Schafe und Kühe. In Csenyete gab es insgesamt zwei jüdische Familien und am Schabbat [2]   gingen die Juden aus sechs Dörfern zusammen zum Beten, denn für einen Minjan [3] werden zehn Männer, die älter als 13 Jahre sein müssen, benötigt.

Als Kind verbachte ich oft die Ferien bei den Großeltern.

Meine Großeltern hatten sechs Kinder: Meine Mutter Ilona, Olga, Ella, Klara, Josef und Nikolaus. Auch Josef und Nikolaus studierten den Talmud, auch ich studierte den Talmud.

Tante Olga war mit Herrn Lang verheiratet, seinen Vornamen weiß ich nicht mehr.
Er war Besitzer einer Gastwirtschaft. Sie hatten einen Sohn Ladislaus und eine Tochter Magda. Tante Olga, ihr Mann und die Kinder wurden nach Auschwitz deportiert, die Eltern wurden ermordet, Ladislaus und Magda überlebten das KZ. Beide gingen nach dem Krieg nach Israel. Ladislaus lebt jetzt in den USA, Magda starb in Israel.

Tante Ella war mit Ludwig Adler verheiratet. Sie besaßen in Miskolc ein Bandagengeschäft. Die Ehe war kinderlos. Tante Ella und Onkel Ludwig wurden im KZ Auschwitz ermordet.

Onkel Joschka arbeitete auch im Bandagengeschäft der Tante Ella und des Onkel Ludwig. Er war nicht verheiratet und wurde im KZ Auschwitz ermordet.

Tante Klara war mit dem Rechtsanwalt Sandor Löwy verheiratet. Als Tante Klara mit ihrem Mann nach Auschwitz deportiert wurde, erwartete sie gerade ein Kind. Sie wurden im KZ Auschwitz ermordet.

Mein Onkel Nikolaus war der Jüngste und lebte noch zu Hause bei den Eltern. Auch er wurde in Auschwitz ermordet.

Meine Großeltern wurden auch im KZ Auschwitz ermordet.

Meine Mutter hieß Ilona Fried, sie war die älteste Tochter und wurde 1900 in Csenyete geboren, wo sie die Mittelschule besuchte. Meine Eltern heirateten im Jahre 1920. Durch die Heirat mit meinem Vater zog meine Mutter nach Abaujszanto. Meine Mutter war sehr religiös, sie führte einen koscheren Haushalt [den jüdischen Speisegesetzen entsprechend], wir feierten jeden Schabbat und alle jüdischen Feiertage. In Abaujszanto besaßen meine Eltern zuerst eine Gastwirtschaft und dann einen Wein-und Spirituosengroßhandel. Damals hatte man in Amerika die Prohibition aufgehoben und wir haben Wein nach Amerika exportiert.

 

Meine Kindheit

Ich, Imre, jüdisch Abraham Jehuda Rosenberg, wurde am 10. Februar 1921 in Abaujszanto geboren. Ich hatte zwei Schwestern, Eva und Judith. Eva wurde 1925 und Judith 1931 in Abaujszanto geboren. Wir hatten ein sehr gutes Elternhaus. Ich bekam von allen Seiten viel Liebe. Schon mit vier Jahren ging ich in den Cheder [4], die jüdischen Burschen gehen schon mit vier Jahren in die Schule und lernen hebräisch lesen und schreiben. Mit sechs Jahren kam ich in die Volksschule, dann ging ich bis zur Vollendung meines vierzehnten Lebensjahres in die Mittelschule. Danach besuchte ich die Talmudschule.

Ich legte jeden Morgen Tefillin [5] und betete, und das tue ich heute auch noch. Ich hatte eine wunderbare, warme Familie und war der Liebling meiner Großmutter, weil die anderen Enkelkinder in der Slowakei lebten, und ich war in Abaujszanto ihr erstes Enkelkind.
Meine Eltern und meine Großeltern lebten sehr gut miteinander. Wir wohnten direkt nebeneinander und das Geschäft meines Vaters war im Haus der Großeltern.

In Abaujszanto hatte ich sehr viele Freunde, dort lebte eine große jüdische Gemeinschaft, das waren 200 jüdische Familien. Ingesamt lebten ungefähr fünftausend Menschen in Abaujszanto, davon ungefähr siebenhundert Juden. Die Kinder waren Freunde und Feinde, man schlug sich und vertrug sich, wie es eben bei Kindern passiert. Es gab viele Schlachten, aber damals unter anderem auch schon zwischen Juden und Nichtjuden, das passierte täglich. Die nichtjüdischen Kinder sagten: ‚Ihr habt Jesus getötet’ und so etwas, und wir schlugen uns, aber das war nicht bedrohlich, wir waren eben Kinder.

Meine Mutter hatte immer eine Haushilfe, die auch für uns kochte, und die von meiner Mutter beim Kochen angeleitet wurde. Mein Vater war der Präsident der jüdischen Gemeinde, er war sehr angesehen und sehr gelehrt und von den 200 jüdischen Familien waren wir mit sehr vielen befreundet. Die meisten Geschäfte gehörten Juden: Textilgeschäfte, Schuhgeschäfte und es gab noch eine Familie, die wie wir ein Wein-und Spirituosengeschäft in Abaujszanto hatte.

Während der Jahrhundertwende kam irgendeine Bewegung ins Schulwesen. Da Abaujszanto eine katholische Ortschaft war, der Großteil der Bevölkerung war katholisch, aber es gab auch viele Protestanten und Juden, bekamen alle Gemeinden eine allgemeine Schule, darüber wurde sich geeinigt. Jedes Kind ging in die öffentliche Schule und hatte jede Woche Religionsunterricht - vielleicht zwei, drei Stunden. Aber die Juden hatten mehr Religionsunterricht. Wir hatten jeden Vormittag oder Nachmittag oder Sonntag im Cheder Unterricht.

Die zionistische Bewegung gab es schon, es wurde viel darüber gesprochen, nach Israel zu gehen. Auch meine Eltern waren für Israel. Aber bis diese Idee nahe rückte, war es schon kurz vor dem Krieg. Ich war in Abaujszanto in der zionistischen Bewegung der Misrachi, das waren die Religiösen.

Ich wollte gerade in eine andere Schule gehen, es war das Jahr 1937, da starb mein Vater. Ich war sechzehn Jahre alt und musste als Familienerhalter einspringen, weil ich der älteste Sohn war. Wir hatten ein paar Angestellte, und ich entwickelte das Geschäft weiter und schaffte es, das Geschäft mit ziemlichem Erfolg zu führen.

Damals war das Ausland sehr, sehr weit entfernt. Das war eine andere Zeit, da konnte man nicht einfach irgendwo hingehen, so wie heute. Erst einmal hatte niemand einen Pass, vielleicht hätte man einen bekommen, aber man hatte keinen, denn ins Ausland fuhr man nicht so einfach. In Abaujszanto ab 1940 begann sich die Jugend auf eine Emigration nach Palästina vorzubereiten. In der Talmudschule richtete ich eine Landwirtschaftsschule ein, und die Schüler der Talmudschule übten halbtags in der Landwirtschaft - das hatte ich organisiert.
Wir haben gesagt, dass wir nach Palästina gehen und deswegen lernten wir viel über Landwirtschaft. Mein Lehrer sagte mir ein talmudistisches Zitat: ‚Erst sollst du lernen und dann kannst du lehren.’

 

Während des Krieges

Ich hatte einen Onkel Joe in Amerika, der war unsere Hoffnung, aber gelang uns nicht und später, als sich die Situation verschlechterte, da war herauskommen aus Ungarn schon überhaupt nicht mehr möglich. Im Jahre 1940 nahm man uns den Gewerbeschein weg, also konnte ich das Geschäft nicht mehr weiterführen. Ich arbeitete aber trotzdem weiter. Als ich 1944 in Arbeitslager einrücken musste, waren meine Mutter und meine zwei Schwestern ziemlich gut versorgt. Aber diese Versorgung half nicht viel, weil die Nazis sie nach Auschwitz brachten.

Im Jahre 1944 wurden meine Mutter und meine Schwestern nach Košice  ins Lager gebracht, da kamen schon die Nachbarn, die früher noch Freunde waren, mit dem Gendarm, um zu sehen, was zu holen ist. Die Beziehung zwischen Juden und Nichtjuden hatte sich kolossal verschlechtert. Antisemitismus war immer da, aber wir litten nicht darunter.

Nach dem Einmarsch der Deutschen wurden die Juden aus Abaujszanto in der Schule zusammengetrieben. Sie hatten vorher nur ein paar Minuten, um etwas zusammenzupacken, das war schrecklich. Ich war nicht mehr dabei, weil ich schon im Arbeitslager in der Nähe von Košice war, aber meine Mutter schrieb es mir. Einen Tag wurden sie in Abaujszanto in die Schule eingesperrt, den nächsten Tag wurden sie nach Košice gebracht. Dort bekamen sie zuerst eine Unterkunft bei jüdischen Familien.

Es gelang mir, mich im Arbeitslager krank zu melden, obwohl ich nicht krank war und die Genehmigung zu bekommen, nach Košice ins Spital zu fahren. Ich fuhr mit dem Ziel, noch einmal meine Familie zu sehen. Meine Mutter hatte mir ihre Adresse geschickt, aber als ich dort ankam, waren sie nicht mehr da. Es wurde mir gesagt, man hätte sie am Vortag in die Ziegelei gebracht. In die Ziegelfabrik konnte man nicht hinein, aber ich erfuhr, dass jeden Abend jemand Brot hineinbrächte. Diesen Mann suchte ich in der Nacht auf, ich musste sehr vorsichtig sein, weil ich mit einem Marschbefehl ins Spital unterwegs war und man mich an einer gelben Schleife an der Uniform als Jude erkennen konnte. Ich hatte erfahren, wo der Mann wohnt, aber er öffnete mir die Tür nicht. Ich klopfte dann ans Fenster. Da kam ein Mädchen, also so etwas habe ich im Leben nicht gesehen, so einen Schreck in den Augen. Diese Angst in den Augen des Mädchens werde ich nie vergessen. Ich erreichte, dass ich einen Sack Brot bekam und mit dem Mann zusammen in das Sammellager gehen konnte. Im Lager traf ich meine Mutter und meine zwei Schwestern, meinen Rabbiner und die ganze jüdische Gemeinde - alle waren dort. Verzweifelt versuchte ich über den Judenrat etwas für meine Familie zu tun. Im Arbeitslager hatte ich Freunde, die aus Košice  waren und deren Väter teilweise im Judenrat waren, aber in Košice hatte ich keine Bekanntschaften, so dass ich meine Mutter und meine Schwestern nicht herausholen konnte. Ich meldete mich dann im Spital, aber die schmissen mich am nächsten Tag raus, weil ich ja nicht krank war. Ich versuchte wieder in die Ziegelei zu kommen, aber es war nicht mehr möglich, es war so hermetisch abgeriegelt, dass man nicht mehr herein konnte. Ich fuhr wieder zurück ins Arbeitslager. Uns ging es im Arbeitslager im Gegensatz zu den Verhältnissen in der Ziegelei noch ganz gut.

 

Nach dem Krieg

Nach dem Krieg ging ich zurück nach Abaujszanto und wartete auf meine Familie. Meine Schwester Eva kam zurück, sie lebt noch heute in Israel. Sie ist vier Jahre jünger als ich. Meine Mutter, meine Onkeln und Tanten, meine Cousins und Cousinen, und meine kleine Schwester Judith, die zehn Jahre jünger war als ich, blieben in Auschwitz. Als keiner kam, gingen Eva und ich nach Budapest, wo sie 1945 den Kaufmann Lajos Eichler heiratete. 1948 übersiedelten wir gemeinsam nach Wien. In Wien lernte ich meine Frau Edith, geborene Kohn, kennen. Sie ist auch eine geborene Ungarin und wurde am 13. April 1936 in Timar geboren. Sie ist Geschäftsführerin in meiner Handels Firma.

Wir bekamen zwei Kinder, unsere Tochter Judith Vivian Brachfeld, geborene Rosenberg und unseren Sohn Andreas. Unsere Tochter wurde am 12. Dezember 1956 in Wien geboren. Unser Sohn wurde 1959 geboren, er starb 1978.

Meine Tochter machte in Wien die Matura, heiratete 1975 und zog zu ihrem Ehemann Robert Brachfeld nach Brüssel. Dort studierte sie an der Universität Architektur. Sie ist religiös, lebt in Antwerpen, und ihre Kinder, drei Mädchen und drei Buben, studieren in Israel.

Ich kam mit meiner Schwester und meinem Schwager zusammen nach Wien, wir hatten sehr wenig Geld. Ich sagte zu ihnen, sie sollen nach Israel gehen, und ich bleibe noch einige Zeit hier in Wien und versuche Geld zu verdienen, dann komme ich nach. Ein bisschen Geld habe ich verdient, aber ich blieb in Wien.

Ich fahre sehr oft nach Israel zu Besuch, und ich habe ihnen immer geholfen, wenn es notwendig war. Ich habe Israel sehr gern, aber leben dort? Das Tempo in Israel stört mich nicht, aber ich bin das Leben hier schon gewohnt, obwohl ich sicher auch in Israel leben könnte. Ich war jetzt zwei Wochen dort, es war wunderschön. Ich liebe das Land und ich bin sehr gerne dort, und ich bin sehr stolz auf Israel.

Erst nach dem Krieg bekam ich Zweifel an der Religion, aber ich praktiziere sie, weil ich es gewöhnt bin, und es ist mein Lebensstil. Aber jeder glaubt, wie er will. Meine Tochter ist religiös, auch meine Enkelkinder sind religiös, viel mehr als ich. Meine Enkelsöhne lernen auf der Jeschiwa [6] in Jerusalem.

Ich bin der Meinung, ein jüdischer Mensch, der am Judentum festhält, muss ein hohes Wissen über jüdische Kultur und Philosophie haben. Ich gehe jeden Tag in der Früh in den Tempel. Ich bemühe mich um dieses Wissen, ich studiere auch ständig zu Hause, und ich unterrichte in der Synagoge jüdisches Wissen und jüdisches Denken.

Ich fühle mich in Österreich sicher, ich fühle mich in Österreich wohl! Ich bin hier seit 1948 und vielleicht sagt jemand hinter meinem Rücken etwas Schlechtes über mich, weil ich Jude bin, aber ich habe das offen nur einmal erlebt. Das war vor 40 Jahren, da kaufte einer etwas nicht von mir, weil ich Jude bin. Das sagte er mir auch. Ich persönlich spüre keinen Antisemitismus. Wir lesen die Zeitungen und wir sehen die Tendenzen, und es ist nicht die Freiheit, die man sich vorstellt, aber es ist nirgendwo anders.

 

Glossar

[1] Talmud: wörtl: Lehre; wichtigstes nachbiblisches Buch des Judentums, Gesetzeskodex.

[2] Schabbat [hebr.: Ruhepause]: Der siebente Wochentag, der von Gott geheiligt ist, erinnert an das Ruhen Gottes am siebenten Tag der Schöpfungswoche. Am Schabbat ist jegliche Arbeit verboten. Er soll dem Gottesfürchtigen dazu dienen, Zeit mit Gott zu verbringen.
Der Schabbat beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend.

[3] Minjan [hebr.: Zahl]: Ausdruck für die Anzahl von mindestens zehn erwachsenen männlichen Betern, mit der sich eine Gemeinde konstituiert. Diese Anzahl ist für einen öffentlichen Gemeindegottesdienst notwendig.

[4] Cheder [hebr:Zimmer]: die Bezeichnung für die traditionellen Schulen, wie sie bis Beginn des 20. Jahrhunderts im osteuropäischen Schtetl üblich waren. Der Unterricht fand im Haus des Lehrers statt, der von der jüdischen Gemeinde bzw. einer Gruppe von Eltern finanziert wurde, und war in der Regel nur Jungen zugänglich. Der Unterricht fand in kleinen Gruppen mit Jungen verschiedener Altersgruppen statt.

[5] Tefillin: lederne ‚Gebetskapseln‘, die im jüdischen Gebet an der Stirn und am linken Arm getragen werden und Texte aus der Torah enthalten.

[6] Jeschiwa [Pl. Jeschiwot], wörtlich ‚Sitzen’ Talmudhochschule. Traditionelle jüdische Institution, an der hauptsächlich der Talmud studiert, dass darin enthaltene Jahrtausendalte jüdisches Wissen verarbeitet und an kommende Generationen weiter vermittelt wird. Jeschiwot gab es nachweislich schon zur Zeit des Zweiten Tempels.

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Imre Rosenberg
Wien, Austria

HAUPTPERSON

Imre Rosenberg
Geburtsjahr:
1921
Geburtsort:
Abaujszanto
Beruf
Vor dem 2. Weltkrieg:
Geschäftsmann
nach dem 2. Weltkrieg:
Geschäftsmann

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