Giselle Eva Kocsiss

Wien, Österreich

Gizella Eva Kosciss
Wien
Österreich
Datum des Interviews: November 2004
Interviewer: Tanja Eckstein

Frau Kocsiss hatte über ESRA [1] um ein Interview gebeten, denn sie sucht verzweifelt Informationen über das Schicksal ihrer Wiener jüdischen Familie und hofft, auf diesem Weg eventuell Überlebende zu finden. Sie selber war während des Holocaust ein Kind und nach dem Holocaust für Jahrzehnte im kommunistischen Rumänien eingesperrt, wo es ihr nicht möglich war, viel zu recherchieren. Als ich sie das erste Mal besuchte, sah ich eine ältere Dame mit weißen Haaren sich aus einem Fenster des Hauses der von mir gesuchten Adresse lehnen, von der ich aber sicher war, dass sie es nicht sein kann, denn ihr Arm war liebevoll um einen Pitbullterrier gelegt. Ich hatte mich geirrt, sie war es! Der Hund, ein Geschenk ihres Sohnes, wurde sicherheitshalber weggesperrt, was mir, obwohl ich eine große Hundeliebhaberin bin, ganz recht war. Frau Kocsiss muss mit wenig Geld auskommen, und sie macht auf mich den Eindruck, dass es nur wenige Momente des Glücks in ihrem Leben gab und gibt.

Frau Kocsiss starb im Dezember 2005.

Meine Familiengeschichte
Meine Kindheit
Während des Krieges
Nach dem Krieg
Glossar

Meine Familiengeschichte

Meine gesamte Familie mütterlicherseits stammte aus Galizien, das ein Teil des großen Königreichs Österreich-Ungarn war. Heute gehört dieser Teil Galiziens, wo meine Familie lebte, größtenteils zur Ukraine. Mein Großvater Bernhard Brück, sein jüdischer Vorname war Berl, wurde am 6. September 1856 in Lemberg [heute Ukraine] geboren. Sein Vater war Mendel Brück aus Stanislau [heute Ukraine] und seine Mutter Bina, war eine geborene Umarla. Meine Großmutter Amalia, die am 20. Mai 1860 in Stanislau geboren wurde, soll als junge Frau wunderschön gewesen sein, auch im Alter war sie noch schön. Sie war die Tochter von  Rifke Malke und Seliger Rost.  Mein Großvater war Eisenbahnbediensteter und musste durch seinen Beruf von Ort zu Ort ziehen. Dadurch wurden alle sechs Kinder der Großeltern an verschiedenen Orten geboren.

Tante Sabina, Bina oder Binka, wie wir sie nannten, wurde am 24. Dezember 1889 in Dolina [heute Ukraine] geboren. Sie war das älteste Kind der Geschwister und auch so schön wie die Großmutter. Als junge Frau besuchte sie in Stanislau das Konservatorium. Wahrscheinlich lernte sie schon als Kind Klavier spielen, denn alle Geschwister spielten ein Instrument. Bevor sie heiratete, verdiente sie sich etwas Geld, indem sie in Stanislau Stummfilme im Kino musikalisch begleitete. Sie saß, unsichtbar für das Publikum, neben der Leinwand und spielte passende Melodien. Sie liebte die klassische Musik und spielte wunderschön. Ich durfte es viel später, als ich ein kleines Kind war, in Wien erleben. Tante Bina heiratete in Stanislau den Baron Samuel Halpern, einen Rechtsanwalt aus Striy, der am 25. Februar 1886 in Striy geboren wurde. Der Onkel Samuel war ein sehr reicher Mann, ihm gehörte halb Striy: Wälder, Felder und Häuser und der Kaiser Franz Josef adelte ihn, weil er im 1. Weltkrieg die k. u. k. Truppen großzügig mit Waren belieferte. Sie bekamen zwei Kinder. Am 14. Dezember 1914 wurde meine Cousine Selma geboren. Ich weiß nicht, ob sie bereits in Wien oder noch in Stanislau geboren wurde. Am 10. Dezember 1922 wurde in Wien mein Cousin Daniel geboren. Selma war 17 Jahre älter als ich und Daniel war neun Jahre älter als ich.

Mein Onkel Max Brück wurde am 20. Mai 1892 in Stanislau geboren. Er wurde Schriftsetzer und heiratete Esther, geborene Kittner, die am 21. Juni 1902 geboren wurde. Ich weiß, dass mein Onkel in Wien, in der Mariahilferstrasse, in der Druckerei ‚Wassermann’ als Schriftsetzer arbeitete. Er war ein sehr engagierter Sozialdemokrat. Ab 1936 wohnte der Onkel Max im 16. Bezirk, in der Haberlgasse 22 Tür 8. Vielleicht hat er erst so spät geheiratet, denn davor hatte er noch dieselbe Wohnadresse wie die Großeltern.  Am 14. Mai 1935 wurde mein Cousin Marek geboren. Mein Onkel wurde 1938 von den Nazis verhaftet, eingesperrt und aus Österreich ausgewiesen. Ich vermute, er hatte 1920 nicht für Österreich optiert und war polnischer Staatsbürger. Vier Jahre verbrachte er dann mit seiner Familie in Olmütz [Olomouc: heute Tschechien]. Wovon sie lebten, weiß ich nicht, ich weiß aber, dass am 4. Juli 1942 die Olmützer Juden nach Theresienstadt [2] deportiert wurden. Mein Onkel und seine Familie waren dabei. Von Theresienstadt wurden alle drei am 14. Juli 1942 mit dem Transport ‚AAX’ nach Maly Trostinec [3] deportiert und ermordet.

Mein Onkel Hermann Brück wurde am 13. April 1897 in Lubaczow [heute Polen], das liegt heute an der polnisch-ukrainischen Grenze, geboren. Er war mit Tante Anna, einer Nichtjüdin, verheiratet. Onkel Hermann besaß in Wien und in Allensteig einen Autofuhrhof mit mehreren Autos. Allensteig ist ein Ort in Niederösterreich.

Onkel Wilhelm Brück wurde am 19. März 1895 in Podvoloczyska, in der heutigen Ukraine, geboren. Onkel Wilhelm hatte in Wien an der Universität einige Semester Medizin studiert, man erzählte zwei oder drei Jahre. Warum er nicht sein Studium beendete, weiß ich nicht. Er trat zum Christentum über und heiratete Olga, eine  Nichtjüdin. Wann das war, weiß ich nicht. Sie hatten keine Kinder. Onkel Wilhelm arbeitete in Wien als Vertreter, aber für welche Firma, weiß ich nicht.

Es gab noch einen Bruder meiner Mutter, den ich nie kennen gelernt habe. Er hieß Josef Brück, wanderte Anfang der 1920er-Jahre nach Amerika aus und arbeitete in New York in der Kosmetik-Branche. Zwischen meiner Mutter und ihm bestand Briefkontakt vor dem Krieg, und ich weiß, er war verheiratet und hatte zwei Kinder, Frederik und Boita. Er soll sogar promoviert und Erfindungen gemacht haben. Nach dem Krieg versuchte meine Mutter ihn zu finden, leider ergebnislos.

Meine Mutter, Sara Gizella Kocsiss, geborene Brück, wurde am 18. August 1902 in Lawoczne, in Galizien, heute liegt der Ort in der Ukraine, geboren. Sie war die Jüngste der Geschwister.  Meine Mutter war gerade zwölf Jahre als die Familie 1914, nach Ausbruch des 1. Weltkrieges, aus Galizien floh. Da der Großvater bei der Bahn arbeitete, bekam er einen Waggon, und die Familie konnte den Hausrat mitnehmen. In Wien angekommen, lebten sie zuerst zusammen in der Kreuzgasse, im 18. Bezirk. Dann zogen sie, die unverheirateten Brüder Hermann und Wilhelm und meine Mutter mit den Eltern zusammen in eine große Wohnung, in der Leitermayergassse 6, Tür 4. Nachdem ich Jahrzehnte später mit meiner Mutter die Wohnung noch einmal anschauen wollte, wurde uns von den Mietern die Tür vor der Nase zugeschlagen.

Ich kannte diese Wohnung, denn ich war bis 1938 sehr oft mit meiner Mutter bei den Großeltern, Onkel, meiner Tante und ihren Kindern Selma und Daniel in Wien zu Besuch. In dieser Zeit wohnten auch wir dort. Die Familie war religiös, sie hielten die hohen Feiertage, gingen in den Tempel, und meine Mutter erzählte auch, dass mein Vater und ihre Brüder zu Hause beteten und Kerzen gezündet wurden. Meine Großmutter war sehr beliebt, alle erzählten davon, dass sie, wenn sie zum Einkaufen ging, mit vielen Leuten plauderte und oft gegrüßt wurde.

Tante Bina und Onkel Samuel hatten eine Wohnung im 9. Bezirk, in der Borschkegasse 17 Tür 18. Ich war nie dort zu Besuch, denn sie kamen immer, wenn wir in Wien waren, zu den Großeltern. Onkel Samuel arbeitete als Rechtsanwalt und Tante Bina hatte ein großes Textilgeschäft in der Wipplinger Straße Nummer 25. Wenn wir in Wien waren, besuchten wir die Tante auch in ihrem Geschäft. Ich weiß, dass auch diese Familie religiös war, denn wenn sie zu Besuch zu den Großeltern kamen, sagten sie oft, sie kämen gerade aus dem Tempel.

Meine Mutter besuchte in Wien die Bürgerschule und die Handelsschule und erlebte schon damals den Antisemitismus. Sie war sehr hübsch und es gab viele neidische Kinder, die ständig ‚Jüdin, Jüdin, Jüdin...’ hinter ihr herriefen. Meine Onkel erzählten oft, dass auch sie sehr unter dem Antisemitismus gelitten hätten.
Meine Mutter war sehr fleißig, und die Lehrer waren nett zu ihr. Ein Lehrer schrieb einmal in ihr Heft, sie wäre die beste Tänzerin der Klasse 2 e. Er war der Besitzer der Handelsschule Alina und unterrichtete die Jugendlichen auch. Aber ein Professor sagte einmal zu meiner Mutter: ‚Schade, dass du eine Jüdin bist.’ Sie antwortete: ‚Für mich ist das sehr schön, ich freue mich, dass ich Jüdin bin.’
Da meine Mutter genauso gut wie ihre Schwester Bina, Klavier spielte, nehme ich an, sie besuchte in Wien das Konservatorium. Nach dem Besuch der Handelsschule wurde sie Büroangestellte in der Staubsaugerfirma ‚Lux’ im 1. Bezirk, im Stock am Eisen.

Mein Vater hieß Dr. Josef Kocsiss. Er wurde am 5. März 1903 in Borod [heute Rumänien], das ist eine kleine Stadt in der Nähe von Oradea, geboren. Die Familie meines Vaters stammte aus der ungarischstämmigen Minderheit in Rumänien. Wo genau sich meine Eltern kennen lernten, weiß ich nicht. Mein Vater studierte an der Universität Wien Medizin und warb, ich glaube, fünf oder sechs Jahre um meine Mutter. Wie schon gesagt, sie war wunderschön, hatte natürlich viele Bewerber, und sicher war ein Problem, dass mein Vater nicht jüdisch war, denn weder seine Familie war von der Wahl begeistert, noch ihre Familie. Aber die Liebe siegte und am 3. Januar 1929, mein Vater hatte gerade die Universität erfolgreich beendet, heirateten meine Eltern in Wien. Wo sie heirateten, weiß ich nicht.

Auch Onkel Hermann und Onkel Wilhelm Brück heirateten nichtjüdische Ehefrauen. Onkel Wilhelm trat sogar zum christlichen Glauben über, aber ich weiß nicht, wann das war und ob die Großeltern noch lebten. Die Familie Brück in Wien und die Familie Kocsiss in Alesd [Rumänien], dort besaß die Familie meines Vaters Apotheken, waren nicht gerade befreundet. Die Eltern meines Vaters gehörten zum ungarischen Adel und die Eltern meiner Mutter waren Juden.

Nach der Heirat wohnten meine Eltern kurzfristig in der Leitermayergasse bei meinen Großeltern, aber mein Vater wollte zurück nach Rumänien, denn das war seine Heimat.
Er hatte einen Onkel, der war Minister, und er fuhr zu ihm nach Bukarest, als er sein Studium beendet hatte. ‚Also wohin willst du, fragte ihn der Onkel?’ Mein Vater kam aus Siebenbürgen und dort sprach man deutsch und ungarisch, und dahin wollte er zurück. In Anina-Steyerdorf sprach man nur deutsch. Dort bekam mein Vater seinen ersten Posten als Gemeindearzt. In dem Ort gab es Theater, Bergbau, eine Dampfmühle, eine Zementfabrik und eine Fabrik zur Herstellung für Slibowitz und Obstkonserven. Dort wurde ich am 17. Juli 1931 geboren. Anlässlich meiner Geburt kam die Familie aus Wien zu Besuch.

Meine Kindheit

Zweimal im Jahr fuhr meine Mutter mit mir zu ihrer Familie nach Wien. Ich fühlte mich wunderbar in Wien, ich liebte die Großeltern, bekam Geschenke, wir gingen spazieren und ich bewunderte die großen Häuser. Wir machten viele Ausflüge, zum Beispiel auf den Kobenzl. Zu Hause aßen wir zusammen, die Erwachsenen unterhielten sich, und es wurde oft musiziert. Bei den Großeltern stand ein Flügel, meine Tante Bina und meine Mutter spielten vierhändig Klavier, und der Onkel Wilhelm spielte Geige. Das war sehr schön; alle waren sehr lieb zu mir. Auch die Großeltern von Selma und Daniel kamen aus Striy zu Besuch nach Wien. Der Großvater war ein richtiger Herr, kam immer mit dem Fiaker, und sie wohnten nur in vornehmen Hotels.
 
Fünf Jahre lebten wir in Alina- Steyerdorf bis es einem Nazi Arzt [Anm.: In den 1930er-Jahren war der Aufstieg der pronazistischen ‚Eisernen Garde’ dunkle Schatten auf die Sicherheit der rumänischen Juden] einfiel, den Posten meines Vaters haben zu wollen. Viele Einwohner unterschrieben daraufhin eine Petition und schickten sie nach Bukarest mit der Bitte, meinen Vater weiter als Arzt in Anina-Steyerdorf praktizieren zu lassen - leider umsonst. Wir übersiedelten in das Dorf Birliste, das an der ungarisch-rumänischen Grenze liegt. Dort musste meine Mutter die rumänische und die ungarische Sprache lernen, denn dort sprachen die Leute kein deutsch.

Mein Vater wäre gern mit uns in die Stadt Oradea [Rumänien] gezogen. Vor dem Holocaust lebten in Oradea ungefähr 30.000 Juden, das war ein Drittel der Bevölkerung. Nach dem 1. Weltkrieg trat Ungarn Oradea an Rumänien ab. Diese Stadt wäre damals bestimmt gut für uns gewesen, aber das erlaubten die Behörden nicht.

In Birliste kam ich 1937 in die erste Klasse und verbrachte dort die ersten Schuljahre. Ich war nicht das einzige jüdische Kind in der Klasse, aber wir wurden von den anderen Kindern diskriminiert, beschimpft und ausgelacht. Ich war außerdem die schlechteste Schülerin in rumänischer und ungarischer Sprache. Die Beschimpfungen der anderen Kinder waren für mich sehr schwer zu verstehen, denn ich verstand nicht, was an mir anders sein sollte, als an den anderen Kindern. Ich fragte meine Eltern, aber sie sagten, das werde schon besser werden, und bald würde ich sowieso in eine andere Schule gehen. So vergaßen sie mich irgendwie, und ich fühlte mich sehr allein. Puppen und Teddybären waren meine engsten Vertrauten - seit meiner frühesten Kindheit war das so.

 

Während des Krieges

Es ging so weiter, wir flüchteten von einem Ort zum anderen. Der nächste Ort war Detta. Dort blieben wir wieder nur zwei Jahre, und danach zogen wir nach Csefa. Da blieben wir ungefähr zwei, drei Monate und ich besuchte gar keine Schule. Danach zogen wir nach Urvind. In Urvind blieben wir bis 1943. Ab dem Jahr 1942 mussten meine Mutter und ich den gelben Stern tragen, und es war eine sehr gefährliche Situation. Einerseits waren wir etwas geschützt durch meinen nichtjüdischen Vater, andererseits stark gefährdet. Zum Beispiel hatten meine Eltern ein Dienstmädchen, dass zur ungarischen Gendarmerie, die Ungarn hatten gemeinsam mit den Deutschen Siebenbürgen besetzt, ging und sagte: ‚Hier sind noch Juden!’ Und sie fragten:
‚Wer sind diese Juden?’ Und sie antwortete: ‚Die Frau von dem Doktor und seine Tochter.’                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            Der Gendarm kam, sprach mit meinem Vater, aber wir durften dort bleiben, geschützt durch meinen Vater. Von Urvind schickten meine Eltern Pakete an Tante Bina und Onkel Wilhelm nach Jugoslawien, in ein Lager, in der Nähe von Novy Sad.

Was meine Cousine Selma nach der Matura studierte, weiß ich nicht, aber der Daniel ging 1938 noch in die Schule. Selma verließ Wien im Jahre 1936, um zu ihren Großeltern nach Striy zu fahren.

Wie meine Tante Bina und mein Onkel Wilhelm nach Jugoslawien kamen, weiß ich nicht. Mein Großvater, meine Onkel Wilhelm und Hermann, Tante Bina und Daniel wohnten, nachdem die Wohnungen in der Leitermayergasse und Borschkegasse arisiert worden waren, zusammen im 8. Bezirk, in der Skodagasse 9. Onkel Samuel war nach Striy zu seiner Tochter gefahren. Auch von ihm hörten wir nie wieder.

Am 19. März 1939 stürzte mein Großvater, alt und krank, aus dem Fenster im dritten Stock. Mir wurde erzählt, er sei vom dritten Stock hinausgestoßen worden. Begraben ist er auf dem Zentralfriedhof im Grab meiner Großmutter, die am 29. Juli 1936 gestorben war und das alles nicht mehr miterleben musste. 

Meine Tante Bina wohnte bis zum 22. Dezember 1939 im 2. Bezirk, in der großen Schiffgasse 18, Tür 12. Daniel ist offiziell, so steht es in den Papieren, am 18. August 1939 nach Palästina abgemeldet. Er war auf einem Schiff mit vielen anderen Kindern und meine Mutter erzählte, er habe noch geschrieben, aber dann riss die Verbindung für immer ab. Das quält mich bis heute, es wird mich mein ganzes Leben nicht mehr loslassen. Wann und wo starb Daniel oder ist er noch irgendwo auf dieser Welt? Meine Tante Bina ist am 22. Dezember 1939 nach Rumänien abgemeldet. Wie kam sie nach Jugoslawien? Tante Bina und Onkel Wilhelm waren zusammen in diesem Lager bei Novy Sad, meine Eltern schickten Pakete, und mein Vater wollte sie herausholen. Er fuhr mit dem Auto, das war nicht ungefährlich, nach Jugoslawien, war sogar einige Tage eingesperrt, aber er kam zu spät. Tante Bina wurde mit den anderen Gefangenen zur Donau geführt, erschossen und in die Donau geworfen. Onkel Wilhelm konnte fliehen, er schwamm in der Donau und versteckte sich dann in einer Kirche. Das muss schon 1944 gewesen sein, denn er wurde von den Amerikanern gerettet. So erzählte man in der Familie. Seine Frau Olga hatte auf ihn in Wien gewartet. Wilhelm starb 1962 in Wien, Olga 1994.

In Urvind begegnete ich meinem Onkel Hermann, der mit seiner nichtjüdischen Frau Anna zu uns kam und sich bei uns versteckte. Tante Anna war schwanger. Nach einigen Monaten flohen sie, mit Hilfe meines Vaters nach Bukarest, und Tante Anna bekam eine Tochter mit dem Namen Maria.

Als faschistische Truppen nach Urvind kamen und die Juden deportiert wurden, verkleidete meine Mutter sich als Zigeunerin. Mein Vater schnitt mir schnell meine Zöpfe ab und zog mich als Burschen an - nun hieß ich Dimitru. Mein Vater fuhr mit uns bis zur damaligen Grenze nach Rumänien, und dann flüchteten meine Mutter und ich durch Felder in das nächste Dorf. In diesem Dorf hatte mein Vater einer Bauernfamilie Geld gegeben, damit sie uns versteckten. Ich konnte das Ganze nicht verstehen, meine Eltern redeten wenig mit mir über die schreckliche Situation. Sie erklärten nur immer, was ich gerade in dem Moment tun musste. Ich hatte große Angst vor fremden Leuten, denn ich hatte begriffen, dass es um unser Leben ging, und nur mit meinen Eltern fühlte ich mich sicher.

Mein Vater fuhr wieder zurück nach Urvind und praktizierte weiter als Arzt. Oft war auch er in Gefahr, denn die Faschisten wollten von ihm wissen, wo seine Frau und sein Kind geblieben waren. 

Tagsüber versteckten wir uns im Stall, nachts durften wir im Haus übernachten. Wir haben gefroren, wurden krank und bekamen Läuse. Als faschistische Truppen auch dort durch die Dörfer streiften und Juden suchten, flüchteten wir wieder über die Grenze nach Urvind zu meinem Vater. Dort versteckte uns ein Pfarrer. Zuerst wollte mein Vater, um uns zu retten, ein Spital für Typhuskranke eröffnen, weil er hoffte, dass die Faschisten sich so sehr vor der Krankheit fürchten, dass sie das Krankenhaus nicht betreten und uns nicht finden würden. Aber er befürchtete, man könne darauf kommen, und dann wären wir alle ermordet worden.
Beim Pfarrer im Stall  lag ich im Schweinetrog, das Futter der Tiere über mir. Meine Mutter versteckte sich auf dem Heuboden, aber da sie allergisch auf das Heu reagierte, verlor sie sogar das Bewusstsein. Wir mussten ganz still sein, und wenn die Tiere mehr gefressen hätten als sie gefressen haben, wäre ich entdeckt worden. Essen besorgte mein Vater für uns.

Vor den russischen Truppen, die uns gemeinsam mit den rumänischen Truppen befreiten, denn 1944 wurde der seit 1940 herrschende General Ion Antonescu, der eine faschistische Diktatur in Rumänien errichtet hatte, durch König Michael gestürzt, und der unterstützte die Alliierten gegen Nazideutschland. Die russischen Truppen waren wilde Kaukasen, und die rumänischen Truppen befreiten uns zwar von den Deutschen, aber sie plünderten, raubten und vergewaltigten die Frauen. So mussten wir in die Dörfer fliehen.

Dann fuhren wir nach Alesd, denn dort lebte die Familie meines Vaters. Einige Zeit praktizierte mein Vater dort als Arzt. Mein Großvater väterlicherseits hieß Bela. Er wurde ungefähr 1870 geboren. Er besaß eine Apotheke in Alesd und starb 1943. Meine Großmutter Ilona, die auch ungefähr 1870 geboren wurde, starb bereits in den 1930er-Jahren. Ich erinnere mich, dass diese Großeltern nie besonders freundlich zu uns waren. Sie ließen es uns spüren, dass wir Juden waren. Sie waren nie warmherzig zu mir, sie waren kalt und taten nur das, was getan werden musste, nie mehr. Auch meine Tanten und mein Onkel waren zurückhaltend und nie herzlich.

Nach dem Krieg

Von 1950 bis zu seiner Pensionierung arbeitete mein Vater als Arzt in Oradea. Ich ging wieder in die Schule, war aber kein normales Kind. Ich war schwer belastet, hatte meine ganze Familie verloren und das Vertrauen in die Menschen. Juden gab es in meiner Umgebung überhaupt keine, und der Antisemitismus lag immer in der Luft. Meine Mutter trug nur noch schwarze Sachen, sie trauerte und weinte sehr viel. Mein Vater war immer auf unserer Seite.

Rumänien wurde ein kommunistisches Land, und wir konnten nicht nach Wien zu meinen Onkeln Wilhelm und Hermann fahren, beide hatten den Holocaust überlebt. Meine Mutter wäre natürlich sehr gern nach Wien gefahren, aber für meinen Vater war Siebenbürgen seine Heimat, obwohl wir es nicht leicht hatten. Mein Vater gehörte der ungarischen Minderheit an, und meine Mutter und ich waren Juden. Er arbeitete als einfacher Arzt, es gab für ihn kein Weiterkommen, etwa als Oberarzt oder so etwas. Wir hatten in diesem Land keine Zukunft. Ab 1929 schrieb mein Vater ein Tagebuch, ich möchte das aus dem Ungarischen ins Deutsche übersetzen lassen.

Ich hatte nach der Matura eine Art Krankenschwesterausbildung. Das war eine Ausbildung nach russischem Vorbild. Ich arbeitete mit Kindern und mit alten Leuten, Familienkreis wurde das genannt. Ich war die Verbindung zwischen den Familien und dem Hausarzt. Ich konnte Blutdruck messen, Blut abnehmen und Injektionen geben. Auch für die Toten war ich verantwortlich. Wenn der Arzt gerufen wurde, ging ich mit.

Ich war immer allein, aber dann begann ich zu malen. Das war wunderbar für mich, denn ich konnte mich in der Kunst ausleben. Das war wie eine Therapie. Ich bekam auch Kontakt mit anderen Hobby Künstlern und hatte sogar Ausstellungen. Im Jahre 1956, ich war 24 Jahre alt, heiratete ich das erste Mal. Mein Vater sagte, ich sei alt genug, es sei an der Zeit und gut für mich.

Meinen ersten Mann, Alexander Denes, habe ich nie geliebt. Trotzdem heiratete ich ihn, denn mein Vater war überzeugt, Alexander sei ein anständiger Mensch. Er war kein Antisemit, seine Familie waren auch keine Antisemiten, aber er war trotzdem nicht angenehm, denn er sprach wenig, er las wenig, und wir passten nicht zusammen. Mein Sohn Josef wurde 1957 geboren.
Ich arbeitete, und meine Mutter passte auf das Kind auf. Dann ließ ich mich von meinem Mann scheiden und heiratete noch einmal. Dieser Mann, ich möchte seinen Namen nicht nennen, war auch ein wenig künstlerisch, aber er hatte keinen Charakter. Mit dem konnte ich auch nicht leben. Ich kann nur mit Liebe und mit Güte leben, und wenn es nicht geht, trenne ich mich. Meinen dritten Mann heiratete ich 1970. Alexander Bakos wurde 1929 in Oradea geboren und war Kaderleiter. Zehn Jahre waren wir zusammen, bis 1980. Aus dieser Ehe ging mein zweiter Sohn Attila Bakos hervor, der 1974 in Oradea geboren wurde.

Im Jahre 1978 starb mein Vater in Oradea und vier Jahre später, meine Mutter war 80 Jahre alt, sagte sie: ‚Jetzt haben wir nicht hier nichts mehr zu suchen, ich will nach Hause zu meinen Eltern.’ Sie beantragte ein Touristenvisum und flüchtete nach Wien; mit zwei Koffern mit  meinem älteren Sohn Josef und mit großer Hoffnung und Sehnsucht. Ich musste mit meinem jüngeren Sohn, der damals acht Jahre alt war, als Garantie, dass sie wieder zurückkommt, in Oradea bleiben.

Meine Mutter wurde in Wien nicht empfangen. ‚Ich bin doch nach Hause gekommen’, sagte sie.
Aber sie besaß keine österreichische Staatsbürgerschaft, sie hatte durch die Heirat mit meinen Vater ihre Staatsbürgerschaft verloren. Meine alte Mutter und mein Sohn verbrachten die erste Zeit im Flüchtlingslager Traiskirchen. Dann wurden sie nach Oberösterreich in ein Flüchtlingslager geschickt. Meine Mutter wollte so gern nach Wien. Sie schrieb an die  Kultusgemeinde und an andere Institutionen: ‚Ich bin jetzt hier, und ich will nach Wien kommen.’ Zwei Jahre lebten meine Mutter und mein Sohn im Flüchtlingslager, in dem sie oft  hörten, alle Rumänen und Juden seien Gauner. Dann wollte man meine Mutter sogar nach Rumänien zurück schicken, aber ihre alte Freundin aus Wiener Zeiten bezeugte, dass meine Mutter mit ihr zusammen in eine Schule in Wien gegangen ist.

Dank meiner Mutter durfte ich 1984 mit meinem Sohn nach Österreich ausreisen. Ich hatte mich bereits 1980 von meinem dritten Mann scheiden lassen und fuhr ins Burgenland. Niemand erkannte uns als Österreicher an. In Wien waren wir beim Rabbiner, aber so richtig helfen konnte auch er nicht. Die Kultusgemeinde gab meiner Mutter aber Geld, damit sie sich die österreichische Staatsbürgerschaft kaufen konnte. Frau Kohn-Feuermann [Kohn-Feuermann, Anne [1913 – 1994], Sozialarbeiterin] war sehr nett zu uns und half uns bei vielen Problemen. Sie war ein besonderer Mensch.

Eine ehemalige Schulkollegin von mir aus Rumänien lebt in Wien. Sie fand einen Hausbesorgerposten mit einer Wohnung für mich und meine Familie. Die Wohnung war im 4. Bezirk, und wir zogen nach Wien. So begann mein Leben in Wien. Mein Sohn half mir bei meiner Arbeit und nach zwei Jahren bekam ich eine Arbeit im 6. Bezirk, im Altersheim am Loquaiplatz, und kurze Zeit später fanden wir eine  Wohnung in der Otto-Bauer-Gasse.

Meine Mutter fand das, was sie sich die ganzen Jahre erträumt hatte, nicht in Wien. Dennoch war sie zufrieden, weil sie wenigstens zum Grab ihrer Eltern gehen konnte und auch ihre letzte Ruhestätte in Wien, ihrer Heimat, finden würde. Die letzten Jahre, sie starb 1994, verbrachte sie im jüdischen Altersheim.

Auch ich besuchte mit meinen Söhnen, beide haben die Matura und Attila studiert und betreibt einen Handy-Shop, den Tempel in der Seitenstettengasse. Ich war nicht regelmäßig im Tempel, nur so ein wenig, weil ich mich nicht aufdrängen wollte. Jeder hat da seinen Sitz und ich fühlte mich sehr fremd. Bei ESRA war ich auch, weil man mir sagte, dort könne man alles erzählen und es werde einem geholfen. ESRA hat mir auch geholfen. Aber weil ich 1938 nicht in Österreich lebte, habe ich auch keinen Anspruch auf eine Entschädigung für die Wohnungen und das Geschäft meiner Tante Bina. Ich hätte ja in Wien drei Wohnungen und das Geschäft in der Wipplinger Strasse Nummer 25. In dem Geschäft ist die Kathreinbank & CO und das Haus wurde an Radio Austria verkauft. Aber sie haben keine Dokumente. Ich besitze eine Kopie des Kaufvertrags; die haben das Haus gekauft von ‚ohne Namen’! Solche Sachen gibt es. Ich lebe nur von meiner Pension, und es ist schlimm für mich zu wissen, dass meiner Familie der gesamte Besitz gestohlen wurde.

Mein dritter Mann Alexander, er ist der Vater meines Sohnes Attila, blieb mir die ganzen Jahre treu. Er ist 75 Jahre alt, Pensionist und besuchte uns in Wien. Er will hier bei mir bleiben, und wir müssen uns jetzt um alle Formalitäten kümmern.

Seit 30 Jahren sammle ich Steine. Ich war so einsam, hatte niemanden, und da schaute mich so ein Stein an und sagte mir, dass ich nicht allein sei, denn Steine haben Seelen und sie möchten den Menschen mit Liebe helfen. Oft kenne ich sie gar nicht, sie  haben Gesichter, und sie sagen mir, wer sie sind. Ich finde Mütter mit Kindern und Persönlichkeiten wie Dante oder Abraham.
Sie sind meine Freunde, durch sie finde ich zu Gott. In der Kabbala steht, dass auch Gott die Natur bewunderte. Ich habe schon Ausstellungen mit meinen Steinen gemacht, es klingt alles vielleicht etwas verrückt, aber wenn man die Steine sieht, versteht man mich.

Es wäre sicher schön, einmal nach Israel zu reisen und das Land zu bewundern. Aber ich muss immer an den Daniel denken, der ja nach Palästina abgemeldet war, wie das damals hieß, und vielleicht nie dort ankam. Sein Schicksal ist für mich eng mit dem Land Israel verbunden.

Daniel, seine Schwester Selma und mein Onkel Dr. Samuel Halpern sind spurlos verschwunden. Ich habe lange gesucht und keine Spur gefunden. Es tut mir sehr weh, dass niemand etwas weiß. Ich weiß, dass Daniel aus Wien zum 18. August 1939 nach Palästina abgemeldet wurde und ich habe gehört, dass er zusammen mit 500 anderen jüdischen Schulkindern mit einem Schiff, dessen Ziel Palästina sein sollte, in Wien, auf dem Donaukanal, auslief. Es waren Menschen, die hier lebten, in dieser Stadt, und es gibt keine Spur mehr von ihnen. Es gibt kein Grab auf dieser Welt, auf dem ihr Name steht. Ich habe sehr viel getan, habe geforscht, habe ihre Namen in die großen Gedenkstätten des Holocaust eintragen lassen, denn sie sind immer mit mir und ich kann sie einfach nicht vergessen.

 

 

 

Glossar

[1] ESRA: 1994 gegründet, bemüht sich das psychosoziale Zentrum ESRA um die medizinische, therapeutische und sozialarbeiterische Versorgung von Opfern der Shoah und deren Angehörigen sowie um die Beratung und Betreuung von in Wien lebenden Juden; weiters bietet ESRA Integrationshilfen für jüdische Zuwanderer.

 

[2] Theresienstadt [Terezin] : Ende des 18. Jahrhunderts gegründete Garnisonsstadt in der heutigen Tschechischen Republik, die während der Zeit des Nationalsozialismus zum Ghetto umfunktioniert wurde. In Theresienstadt waren 140.000 Juden interniert, die meisten aus dem Protektorat Böhmen und Mähren, aber auch aus Mittel- und Westeuropa. Nur etwa 19,000 der Menschen, die in Theresienstadt waren, überlebten.

[3] Maly Trostinec: Konzentrationslager in der Nähe von Minsk. In Maly Trostinec wurden Zehntausende Juden aus Weißrußland und anderen europäischen Ländern umgebracht. Von 9.000 Juden aus Österreich, die zwischen Mai und Oktober 1942 nach Maly Trostinec gebracht wurden, überlebten 17.
 

Stadt: 
Wien

Interview details

Interviewte(r): Gisela Eva Kocsiss
Interviewt von:
Tanja Eckstein
Wien, Austria

HAUPTPERSON

Gisela Eva Kocsiss
Geburtsjahr:
1931
Geburtsort:
Anina-Steyerdorf
Todesjahr:
2005
Todesort:
Wien
Beruf
nach dem 2. Weltkrieg:
Fürsorgerin

AUDIO - INTERVIEW

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